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Ein stummer Musikant

Maximilian Bern: Ein stummer Musikant - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleEin stummer Musikant
authorMaximilian Bern
yearca. 1897
firstpub1880
publisherSchles. Verlags-Anstalt
addressBreslau
titleEin stummer Musikant
pages175
created20140412
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

In aller Morgenfrühe, als die ersten Sonnenstrahlen die Spitzen der hohen Pappeln rötheten, die in gleicher Entfernung von einander zu beiden Seiten der ganzen Landstraße standen, war ich schon auf. Ich öffnete das Fenster und blickte in die thaufeuchte Landschaft hinaus. Die Luft war kühl, aber würzig und von berauschendem Duft. Die üppige Blüthenfülle zahlloser Obstgärten hauchte ihren balsamischen Odem in die klarblaue Luft, aus der der silberhelle Schlag einer Kohlmeise wie leiser Glockenklang herniedertönte. Ich stürmte in's Freie, schlenderte an schlafbefangenen 52 Bauernhäusern, an dichtbepflanzten Gemüsegärten und hochschwengeligen Ziehbrunnen vorüber, dann wieder an stolzen, noch wenig bewohnten Villen und Parkanlagen, deren Fontainen noch nicht rauschten.

Beim Schweizerhause des Generals von Zedwitz blieb ich ein Weilchen stehen; hier ahnte ich das Märchen vom Glück verwirklicht. An die hohen Scheiben des Empfangssalons lehnten sich müde einige verblaßte Blumenbouquets, die gestern noch in blühender Farbenpracht geleuchtet. Die Läden der übrigen Zimmer waren geschlossen. Vor den Gemächern des jungen Ehepaares stand ein blühender Apfelbaum; die feinen rosig angehauchten Blüthenknospen, die zwischen den zartgrünen Blättern schimmerten, sahen aus, als wäre den Thautropfen gleich auch die Morgensonne an ihnen hängen geblieben. Die sanft bewegten Zweige wiegten sich mit ihren zahllosen Blüthenflocken wie weiße wallende Brautschleier vor den 53 Fenstern des jungen Paares. Zwei Edelfinken flogen von Zeit zu Zeit vom Apfelstamme auf und kehrten bald wieder dahin zurück. Das Weibchen trug eilig die Baustoffe für's lauschige Nest zusammen und holte bald ein Pferdehaar von der staubigen Landstraße, bald ein Federchen vom Hühnerhofe, bald wieder ein Moosflöckchen aus dem Walde herbei. Das Männchen war ihr beim Nestbau nur wenig behilflich, schmetterte ihr aber seine süßesten Liebesweisen vor und begleitete sie auch auf ihrem Fluge mit bestrickendem Gesang.

Im Hintergrunde des Gartens girrten Turteltauben in den Wipfeln der hohen Kiefern; einige Schwalben strichen pfeilschnell, doch in geringer Höhe über mir dahin; einige Sperlinge wateten im Staube und pickten Körner auf, sonst war es still, ganz still, nur die Lenzluft zitterte über dem träumenden Waldthale.

Ich wanderte die breite Pappelallee 54 noch weiter hinauf und bog dann auf einen schmalen Feldweg ab, der den Uebergang zu einem hochaufsteigenden Bergwalde vermittelte.

Je höher ich emporkam, desto freier und schöner wurde die Aussicht, desto lauter das Rauschen der moosbewachsenen, uralten Bäume, die nicht wie die Pflanzen tief unten im Thale nur in ihren Wipfeln vom linden Frühlingshauch gestreift, sondern dem ganzen Stamme entlang vom Winde gerüttelt wurden.

Die frischen Blätter der Birken bebten an den lang herabhängenden Reisern wie Schmetterlinge, die sich an den Ruthen verfangen und die sich nun loszureißen bemüht sind; die Kronen der Bäume glänzten grüngolden im Sonnenschein. Auf dem fahlgelben, raschelnden Streulaub, das den feuchten Waldboden über und über bedeckte und durch das sich jetzt neu emporschießende Keime 55 gewaltsam durchdrängten, zitterten dunkle Baumschatten und helle Lichtreflexe; über der ganzen Landschaft aber schwebte berauschend und erquickend der goldige Duft eines heitern, leuchtenden Frühlingsmorgens.

Ich gerieth immer tiefer in die Waldeinsamkeit. Das Gras um mich herum wurde immer höher und saftiger, das Unkraut immer großblätteriger und üppiger, das Brausen der Bäume immer mächtiger.

Als ich von einem steilen Felsvorsprung in's Dorf hinunterblickte, sah ich in der Ferne bereits einige Schornsteine rauchen. Dort, wo die ersten glänzend weißen Birkenstämme zum Berg hinanstiegen, ließ eine Schwarzdrossel ihr schwermüthig süßes Flötenlied ertönen, das weithin das erwachende Waldthal durchhallte. Ich setzte mich auf einen Stein, den Jemand auf den schönen Aussichtspunkt absichtlich gerückt zu haben 56 schien, und begann den mannigfaltigen Stimmen der Natur zu lauschen, die trotz aller Verschiedenheit in wundersamem Einklang verschmolzen. Ich hörte hinter mir einen Gießbach plätschern und über mir die Laubzweige rauschen. Aus der klaren Himmelsbläue wirbelte der Jubeltriller einer Lerche hernieder, und im unfernen dunklen Kieferndickicht zwitscherte ein Rothkehlchen sein liebliches Lied und hielt nur einen Augenblick erschrocken inne, als das langgezogene Pfeifen eines Raubvogels über dem Berggelände hörbar wurde. Auch viele stillere Laute ließen sich vernehmen. Da schwirrte eine blitzende Fliege über die Gräser hin, von dort her drang der Brummton einer kreisenden dickleibigen Hummel oder das Rascheln der Streulaubblätter, durch die ein flinker Laufkäfer huschte.

Manchmal regten sich in diesem tausendfältigen Stimmenallerlei, das so 57 harmonisch zusammenklang, noch viel geheimnisvollere Töne. Ein räthselhafter unfaßbarer Laut, ein Hauch, ein bloßer Duft schien durch die würzig frische Luft zu zittern. War es das unterirdische Wühlen kleiner Kerbthiere oder das Geflüster von Halmen, die sich aufrichteten? Dehnten sich die neuen, hellgrünen Blätter lebensfreudig in der Morgensonne, oder war es das plötzliche Aufbrechen schwellender Blüthenknospen? Wer vermag die Laute zu deuten? Ich weiß nur, daß mich die vollen Accorde, in denen der Bergwald seinen Frühlingshymnus rauschte, so seltsam, so erlösend anmutheten, daß ich mich völlig erdentrückt fühlte, während sich meine Seele weitete und mein Herz lebhafter schlug.

Der milde Lenzhauch hatte mich mit all den Menschen versöhnt, die im Thale, tief unter mir, in den fernher dämmernden Häusern sündigten und büßten; ja, er hatte sogar meine Zunge gelöst, und da 58 ich Niemand in weiter Runde sah, dem gegenüber ich meiner Stimmung hätte Ausdruck geben können, hub ich eben ein Lied für mich zu singen an, als ich aus dem Waldinnern ein eintönig schwermüthiges Klopfen vernahm. Ich verließ den Felsvorsprung und schritt dem Dickicht zu, aus dem das Hämmern noch immer zu mir herüberdrang. Ich wollte den Specht sehen, der sich in meiner nächsten Nähe so geräuschvoll vernehmen ließ, und gewahrte plötzlich zu meiner größten Verwunderung einen Mann, der mit einem dürren, dem Anscheine nach als Wanderstab benützten Ast ununterbrochen an die rotbraune Baumrinde pochte und dabei aufmerksam horchte. Als ich näher kam, erkannte ich in dem sonderbaren Fremden, der noch früher als ich den einsamen Bergweg hinangestiegen sein mußte, den stummen Musikanten.

Den breitkrämpigen Hut hatte er in's Gras geworfen; sein Haar flatterte 59 lose um die vom Morgenhauch geröteten Wangen, und seine Augen leuchteten wie die eines sorglos-glücklichen Kindes.

Was er mit dem ewigen Hämmern nur beabsichtigen mochte?

Ich versteckte mich hinter einem Baum und spähte heimlich nach ihm aus.

Durch das täuschende Klopfen herbeigelockt, kam jetzt mit schrillem Ruf in großen Bogenflügen ein Specht dahergeflogen, lugte nach dem vermeintlichen Vogel aus und schlüpfte dann ängstlich in die Höhlung eines Aststumpfes. Edgar Ján lachte herzlich; es war ihm also in der That gelungen, den scheuen Waldbewohner zu narren. Nun versuchte er einen Kuckuck durch Nachahmung seines Rufes zu einer Antwort zu veranlassen, und »Kuckuck! Kuckuck!« hallte es neckisch aus dem Gebüsch einer tiefer gelegenen Schlucht herauf, in der der wilde und schlaue Vogel sich wohl verborgen hielt.

Ueber das Antlitz des Musikanten 60 huschte wieder ein freudiges Lächeln. Ich war ganz starr vor Verwunderung. Die wirksame Art, wie Edgar Ján den Kuckuck narrte, klang nicht wie das unbeholfene Stammeln eines Stummen. Seine ganze Persönlichkeit erschien mir heute jugendlicher, frischer und heiterer. Sein Versuch, die Vögel herbeizulocken, verriet nicht nur ein reines kindliches Gemüt und echte Naturpoesie, sondern auch das Bedürfnis nach Geselligkeit. Ich übertrug unwillkürlich meine eigene Empfindung auf den Fremden und war überzeugt, daß die Frühlingsschönheit und die Morgenstimmung in dieser so tausendfältig beredten und dabei doch verträumten Waldeinsamkeit auch ihn leutseliger und zugänglicher machen mußten.

Die Bäume rauschten, der Gießbach brauste, jeder thauschimmernde Strauch schien dem andern etwas zuzuraunen, die Vögel zwitscherten, die Käfer brummten; wo das Ohr hinhorchte, hörte es girren 61 und schwirren, zirpen und surren: und mitten in diesem Tönechaos standen sich plötzlich zwei schweigende Menschen gegenüber. Edgar Ján begrüßte mich nicht, sondern sah mich eine Weile lang forschend an; dann aber, von der Klangfülle der blühenden Natur gleichsam zum Sprechen gedrängt, rief er wie verzückt: »Ein herrlicher Frühlingsmorgen!«

Ich vermochte mein Erstaunen über seinen Gefühlsausbruch nicht zu verbergen.

»Sie wundern sich,« sagte er, als wir aus dem Walddickicht auf den altanartigen Felsvorsprung hinaustraten, »daß ich meiner Stimme mächtig bin, ganz wie jeder Andere! Ich weiß, man schilt mich stumm, weil ich nicht redselig bin, weil ich seit Jahren keine Lust verspürt habe, jedem Neugierigen Rede und Antwort zu stehn.

»Ich ließ die Leute ruhig gewähren und freute mich, daß mir in der weiten Umgegend nie Jemand aus meiner 62 Heimat begegnete oder sonst irgendwer, der mich schon aus jener Zeit kennt, da mir noch das Herz in Gegenwart jedes Menschen aufzugehen pflegte.

»Glauben Sie mir, auch ich war einst gesellig und allerweltsfreundlich, aber ich habe eingesehen, daß man sich zahllose Kränkungen und Enttäuschungen erspart, wenn man jeden Leitungsfaden zwischen sich und den anderen Menschen scheinbar ganz durchschneidet. Wer den Tag völlig einsam verlebt hat, wird schwerlich verstimmt zu Bette gehen und mit gepreßtem Herzen wieder aufwachen!«

Wir hatten in der Lichtung auf dem breiten Steine Platz genommen; ein frischer Luftzug strich über die Felsplatte und wehte aus der Ferne den zerstreuten Glockenklang entlegener Kirchen zu uns herüber. Edgar Ján hatte den Kopf auf die Hand gestützt und blickte in's tiefe Waldthal hinab. Sein Gesicht umwölkte ein trübes Sinnen.

63 »Hat Sie nie ein innerer Drang zum Sprechen getrieben?« fragte ich.

»Selten!« erwiderte der ›stumme Musikant‹. – »Wenn aber doch eine solche Stimmung über mich kam, dann richtete ich, wenn ich auf dem Lande war, einige Worte an irgend einen Bauern, von dem ich annahm, daß er mir nicht so bald wieder begegnen würde, oder wenn ich mich in der Stadt aufhielt, an meine Schildkröte, meinen klugen Staar, an die kleine Enkelin meiner Wirthin oder sonst an irgend ein Wesen, das mich nicht recht verstehen konnte.«

»Sonderbar!« rief ich, »höchst sonderbar!«

»Das scheint Ihnen nur so!« entgegnete er. »Ich kenne Ihre eigenen Erfahrungen und Schicksale nicht, aber sehen Sie von der Zeit ab, in der Sie wie jeder Knabe mit allen Schulkameraden und Spielcollegen kindische 64 Freundschaft schlossen, überdenken Sie Ihr späteres Leben, und gestehen Sie mir aufrichtig, wie wenigen Menschen gegenüber Sie im Gespräch je vertrauensvoll etwas berührt haben, was Ihrem Herzen wahrhaft nahe ging!«

»Den tiefsten Ton, den Grundton der Seele,« fiel ich ihm in's Wort, »schlägt man freilich nur äußerst selten an.«

»Das ist's!« rief er mit lebhafter Handbewegung, »nur selten – äußerst selten, sagen Sie; und doch werden Sie mir zugestehen, daß Ihr Herz oft überströmte, daß Sie beständig eine Sehnsucht darnach fühlten, ganz verstanden zu werden.«

»Gewiß!« bestätigte ich.

»Und warum haben Sie, redseliger Mensch, dem mein ewiges Schweigen so sonderbar vorkommt, warum haben Sie nur äußerst selten den Grundton Ihrer Seele angeschlagen?«

65 »Weil ich die Ueberzeugung erlangt habe,« sagte ich zu meiner Vertheidigung, »daß alle Menschen im Verkehr zwar unser ganzes Interesse beanspruchen, dafür aber, im Grunde genommen, uns gar keines entgegenbringen.«

»Ganz richtig!« rief Edgar Ján mit bitterem Lächeln. »Nun frage ich Sie aber, was hat das Sprechen eigentlich für einen Zweck, wenn man nur über nichtssagende Dinge plaudert, die ebenso gut unerwähnt bleiben könnten. Dabei ist noch zu bedenken, daß die Leute Einem oft selbst nicht die flüchtigste Aufmerksamkeit schenken. Ich habe wiederholt in meiner so angenehm isolirenden Rolle als ›stummer Musikant‹ die Gesellschaft um mich herum scharf beobachtet. Wie selten hören die Leute überhaupt zu, wenn Einer spricht. Jeder mißgönnt dem Andern die Zeit und Aufmerksamkeit, die er für sich beansprucht, und wartet, während er dem Fremden zu 66 lauschen scheint, nur ungeduldig auf ein halbwegs passendes Stichwort, um ihm unterbrechend in die Rede fallen zu können. Im Grunde genommen, hört eben Jeder nur sich selbst gern sprechen, und je bedeutender sich Einer vorkommt, desto unduldsamer ist er gegen Andere. Glauben Sie mir's: die Geselligkeit ist Gewohnheitssache! Leben Sie einige Zeit recht einsam, und Sie werden gar nicht mehr das Bedürfnis fühlen, mit gleichgültigen Menschen über gleichgültige Dinge zu reden; darauf aber läuft am Ende doch jeder Verkehr hinaus!«

»Ich begreife es,« unterbrach ich ihn, »daß Jemand, der einige Wochen hindurch aus irgend welcher Veranlassung zahllose Menschen gesprochen und mannigfaltige Eindrücke empfangen hat, sich für einige Tage in die Einsamkeit zurückzieht und froh ist, wenn er kein überflüssiges Wort zu sprechen braucht; aber auf die Dauer . . .«

67 »Dieses Gefühl der Abspannung, diese Sehnsucht nach Ruhe,« fiel mir Edgar Ján in die Rede, »empfinde ich aber immer. Mein Herz hat so tiefe Aufregungen erlitten, über meine Seele sind so verheerende, so langanhaltende Stürme dahingezogen, daß es trotz der ewigen Ermüdung, die nun lähmend auf meinem Empfindungsleben lastet, noch immer nicht so still in mir werden will, als ich es gern möchte. Oft schreckt mich noch ein Laut, ein Duft, die Farbe eines vorüberrauschenden Kleides, irgend ein Gegenstand, den ich aus früherer Zeit besitze, eine Abendstimmung, eine Melodie aus meiner Ruhe auf; dann fühle ich, wie alte Eindrücke und Erinnerungen, sowie die Leiden und Freuden fremder Menschen plötzlich den abwehrenden Damm, den ich mühsam zwischen mir und der Außenwelt errichtet, gewaltsam durchbrechen; gleich Sturzwellen fluten die 68 widersprechendsten Empfindungen herein, und in mir beginnt es wieder zu stürmen und zu wogen, fast wie in alten Tagen.

»Gestern erging es mir nach langer Zeit wieder einmal so. Um mich mit meinem Schicksal zu versöhnen, hatte ich mir eingeredet, nicht ich allein sei aus dem geträumten Paradiese verstoßen, sondern es gäbe überhaupt kein wahres Glück auf dieser Welt. Was hatte mir meine Mutter einst, wenn sie mich in der Dämmerstunde wach erhalten wollte, nicht Alles erzählt, worauf ich als Kind geschworen haben würde und das sich in späteren Jahren doch nur als trügerisches Spiel der Phantasie erwies. Auch alle die verlockenden Berichte vom Glück, rief ich, sind blos Märchen, die große Kinder munter erhalten und zu unermüdlichem Lebenskampfe aneifern sollen. Ich glaubte nicht mehr an's Glück, sowie ich nicht mehr an Gott und nicht mehr an die Menschen glaubte, und in 69 diesem Zweifel am Glück lag mein größter Trost. Gestern, in der Villa des Generals von Zedwitz aber wurde mir dieser beruhigende Trost entrissen. Ich habe vielen Hochzeiten beigewohnt und bei mancher Festlichkeit aufgespielt, ohne je Einen um die geheuchelte Seligkeit oder die eingebildete Freude zu beneiden, die beim Lichterglanz zur Schau getragen wurde; gestern jedoch erschien mir die Liebe des Brautpaares echt, das Glücksbewußtsein der ganzen Familie tief empfunden; gestern ist mir das Glück leibhaftig begegnet. Es schwebte lächelnd in Melitta's Wangengrübchen, es schimmerte aus den leuchtenden Augen des Bräutigams, es duftete aus allen Blumen, es funkelte aus allen Lichtern. Nun weiß ich wieder: es giebt ein Glück, und fühle mich doppelt elend. Vor Jahren hat es auch mich gestreift! Wenn ich jetzt an die Zeit zurückdenke, dann erscheint sie mir so hell und glanzerfüllt 70 wie der heutige Frühlingsmorgen! . . . vor Jahren, ja, da schritt das Glück hastig auch an mir vorbei und trug fast Melitta's Züge. Ich kannte ein Mädchen! sie sah damals schier ganz so aus wie Melitta jetzt, und darum hat – Sie werden es ganz wie die Anderen herausgefühlt haben – die Trauung gestern einen solchen Sturm in mir heraufbeschworen. Herr, was war das für ein liebreizendes Wesen! Sie hieß Frieda und war schön, schön!« – Edgar Ján schlug die Hände zusammen, so daß sich die Finger kreuzten, blickte zum blauen Himmelsgewölbe empor und fügte dann mit zitternder, thränenerstickter Stimme hinzu – »so schön, daß man sie für seelengut halten mußte!«

»Ich kann mir denken, wie reizend sie war,« bemerkte ich, »nach der Wärme, mit der Sie selbst jetzt, nach Jahren, von ihr erzählen.«

»So? habe ich mit Wärme von ihr 71 gesprochen?« rief er bitter, »dann that ich Unrecht; denn sie verdient es nicht.«

Edgar Ján verstummte. Ich wagte durch kein Wort seine Gedanken zu erschüttern. Hinter dem Laubdickicht, das uns im Rücken stand, brauste wild und doch eintönig der Gießbach. Die Bäume rauschten. Die Vögel sangen. Tief unter uns schimmerte der Staub der sonnigen Landstraße, und statt des Glockenklanges entlegener Kirchen wehte jetzt der Wind den schwermüthigen Chor einiger Feldarbeiter zu uns herüber. Die Tageszeit war eben unbemerkt weiter gerückt.

»Also auch an Ihrem Unheil trägt ein Weib die Schuld!« rief ich nach langer Pause. »Immer das alte, ewige Lied!«

Edgar Ján nickte und wiederholte tonlos: »Das alte, ewige Lied!« Dann richtete er den Kopf in die Höhe und sagte: »Herr, wie soll ich Ihnen kurz 72 den Einfluß schildern, den Frieda auf mein Schicksal ausgeübt hat?

»In meiner Heimat herrscht der Volksglaube, daß es eine Zauberpflanze giebt, die, ehe man es merkt, eine unheimliche, verwirrende Macht über uns erlangt. Wer unversehens das schöne Unkraut mit dem Fuße streift, kann sich in Wald und Bergen nicht mehr zurecht finden. Da nützt kein Fluch und kein Gebet. Endlos irrt er überall umher und sieht kein Ziel und keinen Ausweg. Schlimmer noch als eine solche »Irrwurzel« war meine Wunderblume! Seitdem ich ihr begegnet bin, habe ich mich im Leben selbst nicht mehr zurecht gefunden! . . . Doch, wenn Sie mich verstehen sollen, dann muß ich Ihnen im Zusammenhang erzählen«: 73

 


 

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