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Ein stummer Musikant

Maximilian Bern: Ein stummer Musikant - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleEin stummer Musikant
authorMaximilian Bern
yearca. 1897
firstpub1880
publisherSchles. Verlags-Anstalt
addressBreslau
titleEin stummer Musikant
pages175
created20140412
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Fern von der Stadt, mitten unter in Winterschlaf versunkenen Villen, die nur im Sommer bewohnt wurden und deren Thüren und Fensterläden jetzt luftdicht verschlossen waren, stand ein weißgetünchtes Haus nach Schweizer Art erbaut. Unter den vornehmeren Gebäuden war es das einzige, in dem im Spätherbst nicht alles Leben erstarb, als über den kahlen Wäldern und erbleichenden Wiesenmatten die südwärts fliehenden einheimischen Vogelschwärme an den eintreffenden nordischen Wandergästen, an Bergfinken, Wildgänsen und Schneeammern vorüberzogen.

29 Die Dorfeinsamkeit und die Schauer des Winters auf dem Lande hatten nichts Unheimliches an sich für die Bewohner dieser Villa. Während draußen im Garten das Wasser in der Fontaine verstummte und die Rosenstöcke mit schützendem Stroh umwunden waren, leuchtete, duftete und blühte Alles hinter den Doppelfenstern der wohlig durchwärmten Stuben. Der Hausherr, ein alter General, der die Winterjagd liebte, fühlte sich gerade zur Zeit, wenn die Sommergäste die Flucht ergriffen, auf dem Lande am behaglichsten. Seine Frau, eine ehemals vielgepriesene Schönheit, die einst den Mittelpunkt vieler geselliger Kreise bildete, war mit dem Herannahen des Alters und dem Verblassen der äußeren Reize weltmüde geworden und sehnte sich ebenfalls nicht mehr nach den Vergnügungen der Großstadt. Nur Melitta, die liebreizende Tochter der Beiden, die der Mutter 30 die Manieren der feinen Welt, dem Vater den Sinn für Naturpoesie verdankte, sehnte sich oft heimlich nach jener glühenden, berauschenden Atmosphäre des Salons, über die jetzt ihre Mutter so kühl und absprechend urtheilte. Als sie an einem trüben Herbsttage durch die Glasthüre, die auf den Balcon hinausführte, in die einförmige Regenlandschaft blickte, in der die kahlen Baumäste im Sturmwind stöhnten, erschien ihr das Landleben bei schlechter Witterung wieder einmal recht trostlos.

Der Vater untersuchte und putzte seine Gewehre, trotzdem im Augenblick an eine Jagd nicht recht zu denken war. Die Mutter saß nachlässig am Kamin, verglich in Gedanken einzelne Capitel eines Romans, den sie in Händen hielt, mit ähnlichen Ereignissen ihrer eigenen Jugend und richtete von Zeit zu Zeit einige abgerissene Worte an Melitta, die sich in das einstige 31 Empfindungsleben der Mutter nicht zu finden wußte. Kinder vermögen es nie, sich ihre Eltern als Romanfiguren vorzustellen, und bedenken nicht, daß auch in den Herzen der Alten einst geknospt, was nun längst verblüht.

»Das Leben hier ist doch recht öde!« klagte das Mädchen, den Blick von der Dorfstraße wieder in das Innere der Stube wendend. Die Mutter vermochte ihr keine Antwort zu geben, denn der General stellte plötzlich das Gewehr aus der Hand und unterbrach die Beiden mit der Frage, was das Gebell des Kettenhundes zu bedeuten habe. Melitta blickt wieder durch die Glasscheiben und klatschte vor Ueberraschung freudig in die Hände. Von unten klang ein undeutliches Geräusch herauf. Diesmal war es nicht der Wind, der die alte Gartenthüre in ihren verrosteten Angeln bewegte.

Ein Wagen mit Koffern stand vor dem Haus, und aus dem Wagen sprang 32 ein junger Mensch so leicht und behende, wie es Melitta zu thun pflegte; darum dachte wohl auch das Mädchen gleich, daß der Besuch ihr gelte. Mit klopfendem Herzen erwartete sie den Ankömmling, der einige Abwechslung in ihr Tageseinerlei zu bringen versprach. Der General eilte dem Fremden entgegen und hieß ihn herzlich willkommen. Bald darauf stellte er ihn den Damen vor. »Gustav!« sagte er innig, »Pardon, Herr Gustav Penelli – meine Frau – meine Tochter Melitta.« Das Mädchen verbeugte sich tief, schnellte dann wieder rasch in die Höhe und sah den schönen Mann, der den dunklen, wildromantischen Kopf eines ungarischen Zigeuners besaß, mit dem langen neugierig prüfenden Blick der unverdorbenen Jugend so ungenirt an wie ein Gemälde oder eine Statue.

»Nennen Sie mich immer nur Gustav,« bat Penelli den General, 33 nachdem er den forschenden Blick Melitta's gekreuzt hatte, »ich könnte mich nur schwer gewöhnen, einen andern Namen von Ihnen zu hören. Oder wie? – bin ich nicht mehr für Sie der alte, richtiger der junge Gustav, dem Sie bei seinen ersten Reitversuchen auf's Pferd geholfen und den Sie mit Schießwaffen umzugehen gelehrt?«

Der General lachte und drückte Penelli, anstatt ihm irgend welche Antwort zu geben, herzlich die Hand. Dann geleitete er ihn in ein Zimmer, das in aller Eile für ihn hergerichtet wurde. Der Ankömmling kleidete sich um, machte sorgfältig Toilette und gab dabei dem liebenswürdigen Hauswirth allerlei Auskünfte über den Zweck seines Besuches und über das Befinden seiner Mutter, für die der General einst sehr geschwärmt hatte und deren Freund er auch in späten Jahren verblieb.

Penelli war ein begabter 34 Landschaftsmaler und hatte auf der letzten großen Kunstausstellung auch durch einige Jagdbilder Aufsehen erregt. Als er im Spätherbst den Wunsch äußerte, sich für einige Wochen auf's Land zurückzuziehen, um winterliche Naturstudien zu machen, rieth ihm seine Mutter, die ziemlich weite Reise nicht zu scheuen und den mit den Waldschönheiten wie mit der Jagd gleich vertrauten General von Zedwitz durch einen Besuch zu überraschen.

Vielleicht, daß die kluge Frau bei diesem Vorschlag heimlich auch an Melitta dachte, von der ihr alter Freund in seinen Briefen stets viel Schönes berichtete; dem jungen Maler aber war das Mädchen keineswegs in den Sinn gekommen. Am ersten Abend jedoch, den er in dem verregneten Dorf, in der sturmumtobten Villa der Familie Zedwitz verbrachte, war er bereits vom Zauber Melitta's erfüllt. Das Mädchen 35 hatte noch keine Ahnung davon, doch fühlte auch sie sich glücklicher und heiterer als sonst, ohne zu wissen warum. Die beiden Alten wechselten verständnisinnige Blicke und sahen im Geiste den Liebesfrühling bereits voll erblüht, der eben erst zu knospen begann. Einige Tage vergingen. Der erste Schnee lag auf den Dächern, beschwerte die kahlen Zweige der Bäume, verhüllte die todten Pflanzenreste der Wiesen und verrieth die langspornigen Abdrücke der Krähenfüße sowie die Spuren aller Thiere, die der Hunger über die erstarrten Felder getrieben. Die Dunkelheit der Nacht war früh hereingebrochen, und gleichzeitig mit dem Sonnenuntergange war das ganze Dorf in Schlaf versunken. Nur in der Villa des Generals schimmerten noch Lichter, regte sich noch Leben.

Frau von Zedwitz legte Patience. Ihr Mann, Melitta und Penelli blickten 36 forschend in die aufgeschlagenen Karten. »Willst Du uns nicht verrathen, um was Du das Schicksal befragst?« rief ungeduldig der General. »Das ist noch mein Geheimnis!« entgegnete die Alte.

»Das war wirklich ein herrlicher Einfall von Ihnen, uns noch im Spätherbst zu besuchen!« sagte plötzlich Melitta treuherzig zu Penelli.

Die Kartenlegerin lachte hell auf. Die innigen Worte der Tochter klangen wie eine Bestätigung des Orakels. Sie raffte die Karten rasch zusammen und bat Melitta, irgend ein Lied zu singen.

Das Mädchen eilte ganz ungezwungen an's Clavier, schlug einige Accorde an, hielt plötzlich inne und fragte, was sie zum Vortrag bringen soll.

»Weißt Du, mein Engel, was Du singen könntest?« rief der General lächelnd, indem er den Blick von Melitta auf Penelli lenkte.

»Nun, Vater?«

37 »Das schöne Lied von Robert Franz:

»Er ist gekommen in Sturm und Regen,
Ihm schlug beklommen mein Herz entgegen.
Wie konnt' ich ahnen, daß seine Bahnen
Sich einen sollten meinen Wegen . . .«

»Aber Vater!« unterbrach ihn verlegen erröthend das Mädchen im weinerlichen Tone eines schmollenden Kindes.

Der alte General schritt schmunzelnd auf Melitta zu, entfernte gewaltsam die Hände, mit denen sie die glühenden Wangen und feucht schimmernden Augen verhüllte, und küßte ihre blasse Stirn.

»Ach ja, bitte, singen Sie das herrliche Lied von Robert Franz!« rief jetzt Penelli, der dem Mädchen über die peinliche Situation hinweghelfen wollte. So harmlos er sich auch zu stellen bemühte, die zitternde Stimme verrieth, daß auch er die Anspielung des Generals verstanden.

Melitta schwieg. Im Zimmer wurde 38 es plötzlich so still, daß man ganz deutlich das Feuer im Kamin eine Weise surren hörte, die wie ein Präludium zum erbetenen Liede klang. Wie ein später Wanderer pochte der Schnee an's Fenster, den der Nachtwind an die Scheiben trieb.

Penelli blickte Melitta so innig an, daß sie, die liebliche Schamhaftigkeit überwindend, plötzlich in die Tasten griff und leidenschaftlich zu singen anhub:

»Er ist gekommen in Sturm und Regen,
Ihm schlug beklommen mein Herz entgegen.«

Penelli verlor alle Fassung, stürzte auf das Mädchen zu und drückte ihre beiden Hände feurig an seine glühenden Lippen, dann, nachdem er das sprachlose, verwirrte Mädchen auf den Mund geküßt hatte, stammelte er bewegt zu Frau von Zedwitz: »Verzeihen Sie mir, o meine Mutter! – Darf ich Sie so nennen?«

Der Alten traten die Thränen in 39 die Augen; der General aber rief, die zitternde Hand auf das sinnige Köpfchen der Tochter legend: »Entscheide Du, Melitta! Glaubst Du, daß er Dich so innig liebt, daß er Dich uns zu entreißen berechtigt ist?«

»O ja, Vater!« fiel ihm das Mädchen rasch und entschieden in's Wort. – »Nicht wahr, Sie hab . . . Du hast mich recht lieb, Gustav?«

Der junge Maler umarmte Melitta und flüsterte ihr einige Worte zu. Seine Augen schimmerten im Glück, und seine Stimme klang so weich, so seelenvoll, als ob er weinte vor Liebeslust und Seligkeit.

Frau von Zedwitz küßte Penelli zum Zeichen ihrer Einwilligung, dann wurden einige Flaschen Wein auf den Tisch gestellt, die Gläser gefüllt und bis in den Morgen hinein die verschiedensten Betrachtungen angestimmt über das Märchen vom unerwarteten, aber so rasch 40 eingetroffenen Liebesglück. Schlicht, herzlich und tief innerlich wie die Naturen, die sich hier in der verschneiten Einsamkeit zusammengefunden, war auch die Verlobungsfeier der beiden Liebenden . . .

Einige Monate vergingen, ehe die glücklichen Bewohner der Villa sich dessen versahen. Penelli war künstlerisch gestimmt und geistig angeregt, wie nie zuvor, und doch vermochte er keinen Pinselstrich auf die Leinwand zu werfen. Was sollten ihm jetzt Naturstudien und Jagdbilder? was die Schönheiten der Schneelandschaften? Er war ein leidenschaftlicher Mensch und liebte früher Wetterstürme und entfesselte Elemente; wie gerne pflegte er sonst, wenn die Natur in Aufruhr gerieth, in's Freie zu eilen; jetzt aber gab es für ihn keine Außenwelt.

Er lebte in einem wahren Wirbelwind von Gefühlen und Ereignissen, die mehr für ihn bedeutsam, als an sich 41 bedeutend waren, und dachte ebensowenig an die Jahreszeit und Tagesstunde, wie Melitta. Das Eine wußten sie Beide: wenn sie beisammen saßen, dann war es Frühling, ob es auch draußen schneite, und helllichter Tag, ob auch die kahlen Bäume vor den Fenstern sich im dunklen Nebel völlig verloren. Melitta vermochte sich oft gar nicht zu fassen. Wie ein Geschenk vom Himmel war ihr das höchste Liebesglück urplötzlich zugeflogen, und nun stand sie beseligt, verwundert davor, wie ein Kind vor dem brennenden Weihnachtsbaum.

Als die ersten Lerchen auf den noch stellenweise schneebedeckten Feldern herumzutrippeln begannen, und hie und da ein Citronenfalter vereinsamt über den weißen, nickenden Köpfchen der Windröschen dahinsegelte, als die Frühlingssonnenstrahlen die Ackerkrume durchwärmten, am Ufer die Wasserstaare und in den höchsten Wipfeln der noch 42 blätterlosen Eichen die Raben zu nisten anfingen, da wurden in der Villa des Generals von Zedwitz Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen.

Keine nüchterne lithographirte Karte, sondern ein sehr herzlicher Brief lud mich ein, zur stillen Feier, der nur ein Kreis von Verwandten und intimen Freunden beiwohnen sollte, auf's Land hinauszufahren. Als ich am bestimmten Tage draußen anlangte, rief mir Melitta zu: »Wir haben auch für Sie eine Ueberraschung ausgedacht!«

»Vielleicht eine Braut, so reizend wie Sie selbst, Melitta?« fragte ich.

»O nein!« erwiderte das hübsche Mädchen schelmisch, »ein Botaniker verdient keine Blume und ein Schriftsteller keine Braut. Ich habe mich erinnert, daß Sie uns wiederholt vom ›stummen Musikanten‹ erzählten, der so wunderbar spielt und der in so hohem Grade Ihre Neugierde erregt hat, und habe daher 43 meine Eltern veranlaßt, ihn für heute zu uns zu bitten. Ich wünsche keine lärmende Musik; sein seelenvolles Spiel wird so recht mit unserem stillen Glück, mit unserer weihevollen Feier harmoniren.«

Ich billigte ihre Idee und freute mich herzlich auf das Zusammentreffen mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Menschen.

Die Trauung der beiden Liebenden bildete ein Ereignis für das ganze Dorf. Die eigentlichen Landbewohner waren dem General und seiner Familie herzlich zugethan, weil sie nicht wie die anderen Villenbesitzer im Winter nach der Stadt flüchteten, sondern den Bauern gleich in der verschneiten Einöde verblieben; ferner auch, weil Melitta für einen Schutzgeist der Kinder galt. Sie kannte alle beim Namen, neckte und herzte sie, legte bei den Bauern oft ein gutes Wort für sie ein und schneiderte ihnen aus eigenen 44 abgelegten Kleidern manchen prächtigen Sonntagsstaat zurecht.

Vor der hellerleuchteten Kirche, die einst mit bescheidenen Mitteln erbaut, später aber von den reichen Villenbesitzern renovirt und so malerisch ausgestattet worden war, daß sie gar nicht mehr dörflich aussah, war während der Trauung fast die ganze Landbevölkerung versammelt. Mit Bewunderung und Theilnahme blickten Alle nach der schönen Braut, die so keusch und verklärt aussah wie die Madonna auf dem hohen Altarbild; nur einen einzigen Menschen schien die Trauungsfeierlichkeit tief zu verstimmen: der stumme Musikant stand aufrecht zwischen den Betstühlen, so daß sein vom schwarzen Haar umwalltes blasses Antlitz die sitzende hellgeputzte Menge überragte. Seine auf dem kleinen, hölzernen Säulenknauf einer Bankreihe aufliegende Hand zitterte, während seine weit aufgeschlagenen braunen Augen feucht schimmerten.

45 Als die Liebenden am Altar die Ringe wechselten, wurde Edgar Ján plötzlich noch fahler; ein schmerzlich bitterer Zug umfurchte seine Lippen; er wankte zurück, lehnte sich an eine Granitsäule, fuhr sich mit der schmalen Hand über die fieberglühende Stirn und schien aus einem bösen Traume zu erwachen. Plötzlich schüttelte er trotzig sein Haupt, richtete sich unwillig auf, wie Jemand, der sich seiner Schwäche schämt, und eilte nach einem Seitenschiff der Kirche; von da aus führte ihn eine Treppe nach der Gallerie, die von hohen Spitzbogenfenstern umgrenzt war, durch deren buntschillernde Glasmalereien die Sonne farbenreiche zitternde Reflexe in die Weihrauchnebel der Kirche warf.

»Kennt der ›stumme Musikant‹ Melitta von früher her?« fragte ich, dem sich plötzlich ein Räthsel von selbst zu lösen schien, einen nahen Verwandten der Braut.

46 »Nein,« erwiderte der Angeredete, »wir staunten heute gleich bei der Ankunft des wunderlichen Mannes, der sich sonst wenig nach Frauen umsieht, über den befremdend tiefen Eindruck, den Melitta's Erscheinung und Wesen auf ihn machten.«

»Vielleicht besticht ihn die Aehnlichkeit mit irgend einem Mädchen, das ihm einst nahe gestanden!« bemerkte ich.

Im selben Augenblick hallten von der dem leuchtenden Altar gegenüberliegenden Gallerie mächtige, wehmüthig hehre Orgelklänge zu uns hernieder. Ein krankes Herz hatte sich aus der irdischen Welt der Gefühlsstürme, der Kämpfe und Entsagungen in's versöhnende Reich der Töne geflüchtet. Alles, was die Sinne gefangen hält, schien vom stummen Musikanten gewichen. Seine Seele hatte sich in einen Himmel voller Märchen und Wunder emporgeschwungen, und seine Orgelphantasien klangen so feierlich, daß 47 es durch den Dom hallte, als ob unsichtbare Engel die Kirche singend durchschwebten . . .

Als wir uns später Alle im festlich geschmückten Hause des Generals zusammenfanden, trat Melitta schlicht und herzlich zum stummen Musikanten und drückte ihm innig die Hand. Der hagere Mann lächelte verlegen und verbarg seine Aufregung, indem er einen ganz kleinen vorüberhüpfenden Hochzeitsgast beim Händchen erwischte und den Knaben, der sich vom fremden, so ernst aussehenden Mann nicht küssen lassen wollte, dann gewaltsam so zu sich emporhob, daß das goldblonde Kinderköpfchen das blasse Angesicht des Erwachsenen den Blicken der Gesellschaft entzog.

Ich beobachtete Edgar Ján während des ganzen Abends. Er schien mir heute erregter denn je. Wie hing sein Auge an den jungen Eheleuten! Er hatte auf vielen Hochzeiten gespielt, aber ein so 48 schönes, ein so liebeseliges Paar war ihm nicht oft begegnet. Mit dem Scharfblicke des Unglücklichen, des Vereinsamten, des ewig in einer Empfindungsöde Verschmachtenden durchschaute er die ganze Tiefe eines fremden Glückes, wie auch er es vielleicht einst geträumt, erhofft! Jedes Wort von Melitta, das er erhaschte, war der Nachhall einer echten, bezaubernden Liebe. Jede ihrer Bewegungen verrieth Lebenslust, und jeder ihrer leuchtenden Blicke gab von dem Glücksrausch Kunde, der ihr Köpfchen völlig umnebelte.

Es wurde wenig getanzt, der stumme Musikant hatte daher freie Wahl, zu spielen, was seiner Stimmung entsprach. Melitta, die es Edgar Ján angesehen haben mochte, daß ihm nicht heiter zu Muthe war, bat ihn in echt weiblicher Feinfühligkeit sogar ausdrücklich um eine ernste Weise.

Er zog sich in eine Fensternische zurück 49 und heftete den klagenden Blick der großen braunen Augen an den hoch über den Köpfen der bunten Gruppen schwebenden Kronleuchter, damit ihm keine der anwesenden Gestalten störend begegne; dann strich er mit den schmalen langen Fingern das dunkle Haar zurück, das unordentlich über die blasse Stirn fiel, drückte die Geige krampfhaft fest an sich und entlockte ihr die seltsamsten, ergreifendsten Melodieen. Man merkte es den gluthvollen Klängen an, daß sie einem von schwerem Leid bedrückten Herzen entströmten! Was war nicht Alles in dem Tönechaos durcheinander gewirrt: Liebe und Leben, Entsagung und Tod!

Wie der Schmerz vieler Unglücklichen in Thränen aufgeht, so löste sich das ganze Weh, das die Seele des armen Musikanten belastete, in Tönen auf. Nach und nach wurde er ruhiger, heiterer; ein innerer Friede, ein Hauch von Weltversöhnung wehte jetzt aus den Klängen, 50 denen die kleine Gesellschaft andächtig lauschte . . .

Der Mond war über dem dichtbewaldeten Bergrücken emporgeglitten, das Dorf war allmählich in Schlaf versunken, und auch in der Villa des Generals von Zedwitz war der Festlärm verrauscht. Die meisten Hochzeitsgäste waren nach der Stadt zurückgefahren, nur einige Wenige verblieben auf dem Dorfe und übernachteten im Gasthofe. Zu diesen wenigen zählte auch ich. 51

 


 

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