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Ein stummer Musikant

Maximilian Bern: Ein stummer Musikant - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleEin stummer Musikant
authorMaximilian Bern
yearca. 1897
firstpub1880
publisherSchles. Verlags-Anstalt
addressBreslau
titleEin stummer Musikant
pages175
created20140412
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Auf einsamen Spaziergängen wie im bunten Gewühl des Theaters, im dichten Gedränge der Straßenbummler wie in den lauschigen Winkeln stiller Kirchen, überall ist er mir begegnet, der blasse, hagere Mann mit der Duldermiene eines Christuskopfes. Das schlicht herabfallende schwarze Haar verlieh seinem scharf markirten Antlitz, das dem Seelenkundigen auf den ersten Blick eine lange, ergreifende Leidensgeschichte erzählte, ein noch viel bleicheres, krankhafteres Aussehen. Seine seltsame Erscheinung kam mir im ersten Augenblick bekannt vor; später erlangte ich die Ueberzeugung, daß ich ihm nie vorher im Leben begegnet war; 8 nur seine Aehnlichkeit mit dem dornengekrönten Christusbilde eines berühmten florentinischen Malers hatte mich getäuscht.

Außer seiner Persönlichkeit fiel mir auch sein unruhiges zerfahrenes Wesen auf. Sein Benehmen stand nie recht im Einklange mit der Umgebung, in der ich ihn traf. In der Kirche merkte man es aus jeder seiner Mienen, daß seine fieberglühenden Lippen keine Gebete murmelten; aus seinen braunen Augen leuchtete keine Ergebenheit, kein innerer Friede. Im Theater blickte er zerstreut umher. Sein Auge hing fast nie an der Bühne, sondern schien vielmehr im Zuschauerraume Jemand zu suchen. Oft fuhr er erschreckt zusammen; die Form einer Bandschleife, ein malerischer Baschlik, die zarte Gestalt einer vorüberhuschenden Dame, eine Camelie, die sich von einer ganz bestimmten Haarfarbennüance abhob, versetzte ihn in eine plötzliche Aufregung und schien ihn an eine vergangene Zeit 9 zu erinnern. Der lebhaften Bewegung folgte meist die Abspannung der Enttäuschung.

Suchte er Jemand, den er verloren? erwartete er Jemand, der ihn verlassen und nicht wiederkehren wollte? Wer konnte es wissen! Eine innere Unruhe schien ihn von Ort zu Ort zu treiben. Man hätte ihn für irrsinnig halten können, wenn sein Blick nicht manchmal so milde, so traumverklärt gewesen wäre.

»Wer und was ist dieser seltsame Mensch mit dem Leidenszug um den Mund und den großen, oft um sich schauenden Kinderaugen?« fragte ich einmal während des Zwischenactes zwei Freunde in der Oper.

»Ein Narr!« erwiderte der Eine spöttelnd; der Andere sagte wegwerfend: »Ein stummer Musikant!«

Ich gab mich mit der Antwort nicht zufrieden, sondern forschte weiter, leider aber vergebens. – Eines Abends traf 10 ich auf einem einsamen Ausfluge mit ihm zusammen.

Es war im Herbst. Der Abend dunkelte. Aus den Moorgründen der Umgegend stieg der Nebel über den windbewegten Schilffahnen herauf. Zwischen den mit abgefallenen Blättern bestreuten Sumpfflächen lief eine breite erhöhte Landstraße hin, die auf beiden Seiten mit uralten Pappeln bepflanzt war. An dem sich zum trüben Wasser hinabsenkenden Rand des Weges lag ein abgestorbener, rauhrindiger Baum. Auf dem moosbewachsenen Stamme saß ein Mann in Gedanken versunken . . . . Er hatte der Allee den Rücken zugekehrt und überblickte regungslos die glänzend grünen, schwimmenden Seerosenblätter sowie das weitausgebreitete Rohrdickicht. Ihm zu Füßen wucherten üppige Farrenkräuter. Ich war, als ich seiner gewahr wurde, bereits auf dem Heimwege begriffen und machte bei dem Baumstamme nur Rast, 11 weil mich die Gestalt des unbekannten Träumers fesselte. Um nicht zudringlich zu erscheinen, setzte ich mich auf die andere Seite des Baumstammes, so daß ich ihm den Rücken zukehrte. Stillschweigend übersah ich lange Zeit die an mir vorüberlaufende Landstraße, auf der der Wind das welke Laub aufwirbelte. Ueber die Staubschichte vor mir huschte der lange, zackige Schatten eines Vogelschwarms, der nach dem Süden zog. Um mich herum herrschte das tiefste Abendschweigen, nur unterbrochen vom schwermüthigen Ruf der Unken sowie vom lieblichen Gesang eines kleinen Sumpfschilfsängers, der plötzlich hinter mir eine einfach-schöne Weise anschlug. Ich wandte mich um, und, mit der Hand in's Rohrdickicht deutend, rief ich bewegt: »Wie schön er singt!«

Der Mann, der mir als ›stummer Musikant‹ bezeichnet worden, sah mich forschend an, nickte, schleuderte mittelst 12 eines dürren Astes die losgespülte Wurzel eines giftigen Wasserschierlings tiefer in's Moor hinein, stand auf und ging die einsame Landstraße entlang, sich immer weiter von der Stadt entfernend. Hatte er mein dem Rohrsänger gespendetes Lob verstanden und beistimmend den Kopf geschüttelt, oder bedeutete sein Nicken nur einen Abschiedsgruß? Meine Gegenwart schien den Ruhebedürftigen in seiner Traumversunkenheit gestört und schließlich gar vertrieben zu haben. Ich machte mir daher auf dem Heimwege Vorwürfe und konnte das Bild des Mannes nicht los werden, der bei öffentlichen Belustigungen, wenn seine ganze Umgebung andächtig zuhörte, stets zerstreut war, hier aber in tiefster Einsamkeit tausend Stimmen zu lauschen schien.

In der Stadt angelangt, lenkte ich wieder einmal das Gespräch auf den seltsamen Kauz und bemühte mich, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Die 13 Leute begriffen meine Neigung zu dem sonderbaren Schwärmer nicht, der ihnen eine alltägliche Erscheinung war, und spotteten über mein Interesse für einen Halbverrückten. Aus vielen einander widersprechenden Mittheilungen ersah ich, daß sich ein ganzer Sagenkreis um den geheimnißvollen Musiker gebildet hatte, dessen vollendete Meisterschaft im Geigenspiel selbst seine Gegner willig anerkannten. Ein Clavierdilettant staunte, daß Edgar Ján, der den »Hexentanz« von Paganini und die »Othello-Fantasie« von Ernst mit Leichtigkeit zu bewältigen vermochte, am liebsten schlichte Volksweisen spielte; ich aber wußte mir seine Vorliebe für die ungekünstelten Melodien, obzwar ich ihn nur einmal geigen gehört hatte, sehr wohl zu erklären.

Wer in seinem Spiel so viel Seele, so viel Naturpoesie zu entwickeln vermag wie Edgar Ján, der bedarf keiner Bravour-Piecen. Wie farbig geigt er! 14 Wie vortrefflich gelingt ihm das nationale Colorit! Das Volksgemüt wird Einem plötzlich verständlich, und bei den Schwingungen seines Bogens taucht eine versunkene Welt von Neuem empor. Er webt gern die seltsamsten Volkslieder eigenartig ineinander, und wer ihm andächtig lauscht, der glaubt oft ein liebliches Köpfchen mit goldenen Flechten zu sehen, das über den Blumenstöcken des kleinen Fensters nach der lindenbeschatteten Dorfstraße ausspäht, – und wer verständnisinnig hinsieht, erkennt in ihr Aennchen von Tharau. Wie die Töne seiner Geige verschlingen sich und wechseln die Vorstellungen unserer Seele. Tiefe Traurigkeit erfüllt uns. Vor uns stehen die zarten Blaublümelein, die, als ein Reif in der Frühlingsnacht fiel, verwelket und verdorret; wir sehen den Knaben und das Mägdelein, die gar heimlich flohen von Hause fort und dann gewandert hin und her, die gehabt weder 15 Glück noch Stern, und die verdorben, gestorben. – Wir hören das Alphorn ertönen; schwermüthig schallt es über den Rhein und lockt den armen Hirtenknaben zu Straßburg auf der Schanz in sein Verderben! . . .

»Ja, weiß Gott,« unterbrach jetzt Jemand meine Träumerei, »geigen kann er wie kaum Einer, der ›stumme Musikant‹, aber verrückt ist er doch. Im vorigen Winter sollte er einmal Tanzweisen auf einer großen vornehmen Hochzeit spielen. Man zahlte ihm dafür, soviel er verlangte. Die Gesellschaft war sehr heiter, und der Champagner perlte ununterbrochen in den schlanken Gläsern. Edgar Ján ließ seinen Wein unberührt stehn. Als sich die Paare zum Tanz aufstellten, als mancher rosengeschmückte Mädchenkopf an ihm vorüberschwebte, wurde er immer schwermütiger und begann einen ergreifenden Trauermarsch zu spielen. Der Lichterglanz, die 16 buntgeputzte Menge schienen ihn verwirrt zu haben. Er vergaß den Ort und den Zweck seiner Anwesenheit und geleitete im Geiste irgend etwas Liebes zu Grabe. Sein Spiel klang so ergreifend, daß man das Schluchzen des Musikanten herauszuhören vermeinte. Der Tanz stockte. Ich trat auf Edgar Ján zu. Seine Augen waren thränenleer und starrten wie die eines Visionärs in die leere Luft. In tiefster Verstimmung stürzte die Frau vom Hause zu ihm und weckte ihn durch heftige Vorwürfe aus seinem Traume. Er blickte wie ein Verirrter im Saale umher, zupfte verlegen an den Violinsaiten und zwang sich dann schwer aufseufzend zu einer tollen, wildschäumenden Heiterkeit. . . .

Die Gespräche und Urteile, durch die einige kleingeistige Menschen Edgar Ján in meinen Augen herabzusetzen bemüht waren, steigerten mein Interesse für ihn dermaßen, daß ich ihn am nächsten 17 Tage aufzusuchen beschloß. Ich erfragte seine Adresse und machte mich am folgenden Abend auf den Weg nach seiner stillen hochgelegenen Klause.

Er wohnte im vierten Stockwerk eines düsteren ungemüthlichen Hauses, das einen verstimmenden Eindruck auf mich ausübte. Da ich ihn nicht antraf, bat ich seine Wirthin, mich in seine Stube zu geleiten, in der ich wenigstens einige Zeilen an ihn zu richten gedachte. Die alte Frau weigerte sich anfänglich, meinem Wunsche zu entsprechen, erschloß mir aber endlich doch, nachdem ich einige freundliche Bemerkungen über das ihr zu Füßen in sein Spielzeug vertiefte Enkelkind gemacht hatte, das sonderbar ausgestattete Zimmer des ›stummen Musikanten‹.

Im ersten Augenblick hatte ich die Empfindung, als träte ich in ein Gewächshaus. Drei in einer Reihe befindliche, blos durch ganz schmale Wandstreifen getrennte Fenster ließen die der Thüre 18 gegenüberstehende Seite des Zimmers gleichsam als Glaswand erscheinen. Längs derselben stand unmittelbar auf dem Fußboden eine Unzahl gut gepflegter Blumenstöcke, sowie eine Menge von irdenen Töpfen und erdgefüllten Cigarrenkisten, in denen ganz schlichte, gewöhnlich nur wildwachsende Feldpflanzen aufgezogen wurden. Rechts vom Eingang bemerkte ich ein altmodisches Clavier, das vermutlich nicht mehr benützt wurde, denn auch auf seiner Decke standen einige Blumenstöcke. An der weißgetünchten Wand über dem Clavier hing ein Spiegel, hinter dem ein abgestorbener Hollunderzweig steckte, der die schmale Glasfläche weit überragte. Sein verschrumpftes, längst vergilbtes Laub contrastirte seltsam mit den übrigen frischen Pflanzen der Stube.

»Gewiß eine theuere Erinnerung!« rief ich, auf den todten Ast deutend. Die Wirthin zuckte unbestimmt die Achseln, gab aber keinerlei Antwort, wahrscheinlich 19 kannte sie die Bedeutung des Hollunderzweiges ebenfalls nicht.

Ein eigenthümliches Geräusch unterbrach plötzlich die Stille, gleichzeitig gewahrte ich im Spiegel das trübe Bild eines Staars mit gestutzten Flügeln, der sich mühsam auf die Clavierdecke emporgeschwungen hatte und mich verwundert ansah. Als ich an die Fensterseite trat, um über die Blumenreihen hinweg in den dunkelnden Abend hinauszuspähen, bewegte sich etwas unhörbar und langsam an meinen Füßen vorbei. Ich bückte mich und erblickte eine große Schildkröte, die sich bedächtig in eine durch einige Blumentöpfe gebildete und von den breiten Blättern einer fremdländischen Pflanze überwölbte Nische zurückzog. Der kluge Staar sowohl wie die alte Schildkröte, die beiden absonderlichen Gefährten des ›stummen Musikanten‹, schienen von meinem unerwarteten Besuch unheimlich berührt zu sein. Bilder eines fremden, 20 eigenartigen Lebens zogen beim Anblick dieser charakteristischen Umgebung an mir vorüber, und unwillkürlich versank ich in Gedanken.

»Wie einsam muß Edgar Ján dastehn!« dachte ich mitleidig, während mein Blick unwillkürlich über die enge Straße schweifte. Durch die Fenster eines gegenüberstehenden, viel niedrigeren Hauses sah ich einen gemütlichen Familienkreis um den kleinen weißgedeckten Tisch versammelt. Beim Schein einer weitbauchigen Oellampe las ein Mann seiner jungen, aufmerksam lauschenden Frau aus einem Buche vor. Ein niedliches goldblondes Mädchen baute, unbekümmert um den ewigen Einsturz, emsig an einem Kartenthurm. In einem hohen Kinderlehnstuhl saß ein noch viel jüngerer Knabe, der das Köpfchen schläfrig herabneigte und mit den winzigen Fingerchen eine farbige biegsame Gummipuppe fest umklammert hielt.

21 Ich erhob meinen Blick und ließ ihn weit weg über viele mit rothen Ziegeln gedeckte, ungleich hohe Giebeldächer schweifen, die tief unter mir eine Art Thalschlucht bildeten. Die Luft war klar und trocken; der schwarze Rauch, der aus den weißen Schornsteinen aufstieg, von den Vorbereitungen Kunde gebend, die von regen Händen bereits für die Abendmahlzeit getroffen wurden, stieg hoch zu dem lichten Aether empor. Ein dunkler, schlankleibiger Kater lief behend eines der zahlreichen Dächer entlang. Ueber ihm schwirrten einige Schwalben in weiten Bogen durch den unendlichen Raum. Im tiefsten Hintergrunde des Häuserlabyrinths, dessen äußere Contouren sich scharf abzeichneten, stand eine Windmühle, zu der die Aussicht durch die vielen Giebelmauern völlig versperrt war. Nur je zwei Flügel der Windmühle, die nach kurzer, regelmäßiger Zwischenzeit immer wieder als Schattenriß über der Grenzlinie 22 der letzten Dächer auftauchten, verrieten den Standpunkt des schmalen hohen Baues, an dem ich an manchem Abend vorübergegangen. Auch der hoch aufgeschossene Schlot eines großen Fabrikgebäudes war in weiter Ferne sichtbar. Der dichte Rauch, der aus diesem thurmartigen Schornstein qualmte, wehte davon wie eine flatternde Trauerfahne in der blauen Luft.

Ich beschloß, dem armen Musikanten einige Zeilen zu hinterlassen, und setzte mich an den kleinen runden Tisch, in dessen Mitte, von welken Blättern, vertrockneten Rosenknospen und Nelken umgeben, ein befremdend schönes weibliches Portrait stand. Ich weiß nicht, warum mich das Bild so übermächtig anzog; ich konnte das Auge nicht von ihm wenden. Ich ahnte, daß dieses blasse Wesen mit dem verschleierten Blick und dem müden Lächeln einst in das Leben des einsamen Sonderlings bedeutsam eingegriffen, und 23 mir war's, als müßte das sinnige Köpfchen plötzlich zu sprechen beginnen und sich anklagen oder vertheidigen. Wer sie wohl sein mag? dachte ich.

Noch war keine Frage meinen Lippen entschwebt, als einer Antwort gleich der Name ›Frieda‹ durch die unheimliche Stille zitterte. Der Ausruf hallte gedämpft, klanglos und trüb . . . . Da ich die alte Wirthin schweigend neben mir stehen sah, überlief mich ein frostiger Schauer bei diesem geisterhaften Laut. Ich blickte scheu um mich und glaubte, als ich Niemand im halbdunklen Raum gewahrte, daß mich mein Ohr getäuscht.

»Frieda!« rief es wieder mit seelenlosem, heiserem Ton.

Jetzt merkte ich, daß es der flügellahme Staar war, der einen offenbar häufig gehörten Namen nachplapperte.

Von einigen Büchern beschwert, lag vor mir auf dem Tische viel 24 Notenpapier umher, auf dem mit Bleistift Compositionsentwürfe verzeichnet waren. Ich nahm eines der Bücher in die Hand. Es schlug sich fast ganz von selbst auf – ein Beweis, daß ein bestimmter Abschnitt des Werkes wiederholt herausgesucht und nachgelesen worden war. Ich forschte nach der Dichtung, die sich mir scheinbar eigenwillig zur Lectüre darbot. Es war »Mumu«, eine kleine, meisterhafte Erzählung von Ivan Turgenieff, die das Schicksal eines stummen Leibeigenen behandelt, der anfänglich ein Menschenfreund, später, von einer treulosen Geliebten getäuscht, sein Herz nur an einen von aller Welt verfolgten Hund hängt, den er schließlich auf Befehl der Herrin ertränken muß. Ich kannte sie von früher her, diese tieftraurige Geschichte, und legte das Buch jetzt rasch wieder aus der Hand. Da ich kein anderes Papier auf dem Tische vorfand – der ›stumme 25 Musikant‹ schien alle seine Gedanken und Empfindungen nur in Tönen auszudrücken – nahm ich ein kleines unbeschriebenes Notenblatt und warf einige herzliche Zeilen hin.

Vor Allem versuchte ich es, mich ihm in's Gedächtnis zurückzurufen. Ich erinnerte ihn an den abgestorbenen Baum der Landstraße, auf der ich ihn angesprochen, bat ihn, mich nicht für zudringlich zu halten und begründete den lebhaften Wunsch, ihn kennen zu lernen, durch einen rühmenden Hinweis auf seine künstlerische Vollendung und meine tiefe Begeisterung für stille, seelenvolle Musik.

Zwei Tage nach meinem Besuch erhielt ich erst eine Antwort von Edgar Ján. Auf der Rückseite des Couverts war eine kleine langbeinige Spinne aus grauem faserigen Gewebe abgebildet. Sein Brief war kurz, höflich, aber entschieden. Er bedauerte lebhaft, daß ihm 26 weder seine Stimmung noch seine bisherigen Erfahrungen gestatteten, irgend welche neue gesellschaftliche Beziehung anzuknüpfen, theilte mir mit, daß er unter dem Interesse, das er gegen seinen Willen einflöße, förmlich zu leiden habe, und erklärte, daß er nur denjenigen Menschen zugethan sei, die ihn weder hassen noch lieben, sondern ruhig und unbeachtet seines einsamen Weges ziehen ließen.

Ich las den Brief im Laufe des trüben, regnerischen Herbsttages wiederholt durch und wunderte mich, daß Edgar Ján, der alle nur denkbaren Entschuldigungsgründe anführte, um sein ablehnendes Verhalten nicht allzu schroff erscheinen zu lassen, ein Hauptmotiv ganz außer Acht gelassen. Die bloße Hindeutung auf seine Stummheit, die ja den gesellschaftlichen Verkehr bedeutend erschweren mußte, hätte überzeugender gewirkt, als manche andere Ausflucht. Er machte 27 den Eindruck eines Menschen, der über den Dingen steht; was mochte ihn nur veranlaßt haben, sein Gebrechen stillschweigend zu übergehen? . . . . . . . .

Die Herbststürme hatten längst ausgetobt, ja, der Winter war vorüber und der letzte Schnee geschmolzen, ehe ich den stummen Musikanten wieder zu Gesicht bekam. Bevor ich diese Begegnung aber schildere, will ich der Vorgeschichte jener Stunde Erwähnung thun, in der ich das Schicksal dieses seltsamen Menschen erfuhr. Gerade in jenen Tagen, an denen ich mich vergebens bemüht hatte, dem Manne von so herrlicher Begabung näher zu treten, bereitete sich in trüber Herbstlandschaft ein fremdes Glück vor, das den verbitterten Künstler sein Unglück doppelt empfinden lassen und dennoch eine Umwandlung in seinem ganzen Wesen heraufbeschwören sollte. 28

 


 

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