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Ein Stern fiel vom Himmel

Hans Dominik: Ein Stern fiel vom Himmel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleEin Stern fiel vom Himmel
publisherv. Hase & Koehler Verlag
printrun131.-170. Tausend
yearo.J.
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151230
projectid7f219c23
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Sternenstoff

Fünf Menschen im Schnee verschüttet. Karl Hagemann lebt. Dr. Schmidt wird gefunden, Dr. Wille ausgegraben. Auch die Funker entgingen dem Tode. ›St 8‹ bringt der Station Hilfe aus Deutschland. ›St 10‹ am Bolidenkrater. Ein kostbarer Fund.

 

In Südwesten schließt sich an die Eggerth-Werke eine größere Ebene. Ihr Boden besteht aus dem Abraum eines Braunkohlenbergwerkes, das im Tagebau betrieben wird und mit seiner Abbaustelle im Laufe der Zeit fünf Kilometer weiter nach Süden gerückt ist. Es kann noch Jahre dauern, bevor dies Land unter dem Einfluß von Regen, Luft und Sonne einmal fruchtbar werden wird. Einstweilen ist es Ödland, von Mensch und Tier gemieden.

Hier ging ›St 10‹ kurz nach Mitternacht mit abgeblendeten Scheinwerfern nieder. In einer halben Meile Entfernung sahen seine Insassen die Eggerth-Werke im strahlenden Glanz von tausend Lichtern liegen. Dort wurde ja Tag und Nacht gearbeitet, um die neuen großen Aufträge zu bewältigen.

Hansen verließ das Schiff und marschierte durch die Dunkelheit davon. Der Professor blieb mit seinem Sohn und Berkoff zurück. Noch einmal setzte er den beiden seinen Plan auseinander, dessen Einzelheiten genau innegehalten werden mußten, wenn die Tarnung gelingen sollte, die er für notwendig hielt. – –

Auf der Landstraße im Westen wurden die Lichter eines Kraftwagens sichtbar. Sie verschwanden, tauchten wieder auf, waren eine Weile wiederum verschwunden, und dann stand ein großer Lastkraftwagen dicht neben dem Stratosphärenschiff. Hansen kletterte vom Führersitz und klopfte im Morserhythmus gegen den Rumpf von ›St 10‹. Der Professor kam heraus und besah sich den Wagen.

»Gut, Herr Hansen! Wo haben Sie ihn her?«

»Von Müller & Bergmann. Trotz der nachtschlafenden Zeit war da noch Gott sei Dank jemand im Kontor. Die Leute haben in den letzten Tagen viel Fuhren für unser Werk gemacht. Sie gaben mir den Wagen, ohne irgendwelche überflüssigen Randbemerkungen zu machen.«

»Um so besser, Herr Hansen! Jetzt an die Arbeit. Wir werden wohl alle etwas schwitzen müssen.«

Die Arbeit, zu der Professor Eggerth rief, war im buchstäblichen Sinne des Wortes eine schwere. Es handelte sich darum, die Erzbrocken, die sie aus der Antarktis mitgebracht hatten, aus dem Schiff in das Auto zu transportieren. Kantige, zackige Stücke, einzelne darunter im Gewicht von mehreren Zentnern, alles in allem eine Menge von reichlich fünf Tonnen. Sie stöhnten und ächzten dabei, und ihre Hände trugen manche Blase und manchen Riß davon, bis die Arbeit endlich getan und das letzte Stückchen Erz in den Wagen umgeladen war.

Hansen setzte sich an das Steuer des Kraftwagens und fuhr in der Richtung auf die Chaussee fort. ›St 10‹, die Lichter immer noch abgeblendet, stieg wieder empor und jagte einige Meilen nach Süden. Dann erst ließ es seine Scheinwerfer wieder aufstrahlen und meldete seine Ankunft durch Funkspruch und dann hing es über dem hellerleuchteten Flugplatz des Werkes und ließ sich langsam auf das bereitstehende Traktorengestell nieder.

Von allen Seiten strömten Menschen heran, Arbeitsleute im blauen Kittel, Ingenieure des Werkes. Außerdem noch Vertreter der Presse, die hier seit Stunden lauerten, um die neuesten Nachrichten über das Schicksal der deutschen Station in der Antarktis zu erfahren, um sie sofort telegraphisch weiterzugeben.

Kaum war die Treppe herangeschoben und die Tür geöffnet, als die Berichterstatter schon in das Schiff kletterten und seine Besatzung umringten. Wohl oder übel mußten der Professor und seine beiden Begleiter Rede und Antwort stehen und auf unzählige Fragen Auskunft geben.

Für die Morgenzeitungen war es inzwischen doch zu spät geworden. Da wollten die ungebetenen Gäste auch noch das Schiff besichtigen und möglichst viel von seiner Ladung sehen, um Stoff für Stimmungsberichte zu sammeln. Wollten womöglich auch noch irgendeine Kleinigkeit, die ›St 10‹ aus der Antarktis mitgebracht hatte, zum Andenken mitnehmen.

Professor Eggerth ließ den Ansturm mit stoischer Ruhe über sich ergehen und duldete es mit nachsichtigem Lächeln, daß die Zeitungsleute sich danach von Berkoff und Hein durch alle Räume des Stratosphärenschiffes führen ließen. Mochten sie ihrer Neugier frönen; es war ja nichts mehr an Bord, was man vor ihnen hätte verbergen müssen. Er selbst hatte Wichtigeres zu tun, als diesen Rundgang mitzumachen, griff nach Hut und Mantel und verließ das Schiff. So konnte er nicht sehen, wie Mr. Haynes, der Vertreter der American associated Press, sich hinter dem Rücken von Berkoff im Laderaum von ›St 10‹ plötzlich bückte, etwas Glänzendes, Schimmerndes aufhob und in seiner Manteltasche verschwinden ließ. – –

Langsam ging Professor Eggerth über den Flugplatz auf das Werk zu. Sein Ziel war ein unscheinbares, einstöckiges Gebäude, das etwas abseits von den großen Montagehallen lag. Dies Haus war, wenn man so sagen darf, die Keimzelle, aus der sich im Laufe der Zeit die Eggerth-Werke zu ihrer gegenwärtigen Größe entwickelt hatten. Als der Professor vor einem Menschenalter nach Bitterfeld kam, ließ er zuerst dies Gebäude errichten und begann in ihm seine Forschungsarbeiten, die für die ganze Flugzeugtechnik so bedeutungsvoll werden sollten.

Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die schwere Eisentür mit einem vielfach gezackten Schlüssel. Seine Rechte griff zum Schalter, elektrisches Licht erleuchtete seinen Weg. Über einen Vorflur kam er zu einer zweiten Tür, und wieder war ein kunstvoller Schlüssel nötig, um das Sicherheitsschloß zu öffnen. Dann war er in seinem Privatlaboratorium, in das er sich auch jetzt noch des öfteren zurückzog, wenn es sich um wichtige Arbeiten und Versuche handelte, die er keinem anderen überlassen wollte.

Ein geräumiger Saal war dies Laboratorium und ausgestattet mit allem, was das Herz eines Physikers und Chemikers sich nur wünschen konnte. Mit mächtigen Zerreißmaschinen begann es am einen Ende des Raumes, mit denen man jeden Werkstoff auf seine Eigenschaft prüfen konnte. Eine Reihe von Öfen folgte, die es gestatteten, Materialien aller Art den verschiedensten Wärmebehandlungen zu unterziehen. Nach dem andern Ende hin kam dann die Chemie zu ihrem Recht. Auf langen Laboriertischen waren Retorten, Destillierkolben und Tiegel der verschiedensten Formen und Größen aufgebaut. In hohen Regalen an den Wänden standen Tausende von Flaschen und Gläsern, die alle für chemische Untersuchungen erforderlichen Reagenzien enthielten. –

Einen prüfenden Blick ließ Professor Eggerth über die Flaschenbatterien gleiten. Seine Augen schienen gefunden zu haben, was er suchte. Er trat an ein Regal, nahm mehrere Flaschen heraus und stellte sie auf einen der Arbeitstische. Von einer andern Stelle holte er eine feine chemische Waage herbei. Dann zog er sich einen bequemen Stuhl heran und ließ sich nieder. Wie spielend griff er in die Rocktasche, und Bröckchen jenes wunderbaren Sternenstoffes, den ›St 10‹ aus der Antarktis mitgebracht hatte, fielen aus seiner Hand auf die Tischplatte.

Ein Stück nach dem andern untersuchte er auf der Waage. Er wog sie in der Luft, er wog sie im Wasser, er arbeitete mit dem Rechenschieber und notierte das spezifische Gewicht jedes Stückes. Es war für alle fast genau das gleiche. 11,5 schrieb seine Rechte auf das Papier; ›Elf Komma fünf‹ murmelten seine Lippen. Mit dem Bleistift begann er eine neue Rechnung, blickte auf das Resultat und strich sich sinnend über die Stirn. Halblaut sprach er zu sich selber: »Edelmetall ... schwerstes Edelmetall ... ein hoher Prozentsatz davon muß in dem Erz vorhanden sein. Nun, wir werden sehen.«

Aus einer der Flaschen goß er wasserklare Flüssigkeit in ein Reagenzglas und ließ einen der Brocken hineingleiten. Gasbläschen bildeten sich an dessen Oberfläche und ließen die Flüssigkeit aufschäumen. Doch nicht lange dauerte das Spiel. Schon nach wenigen Minuten hörte die Gasentwicklung auf. Mit einer gläsernen Pinzette holte der Professor das Metallstück wieder heraus und legte es beiseite. Aus einer Flasche goß er ein paar Tropfen zu der Flüssigkeit im Reagenzglas. Im Augenblick begann sie sich zu färben, zeigte grünlich-bläuliche Streifen.

»Nickeleisen«, murmelte er vor sich hin, »der leichtere Bestandteil ist natürlich Nickeleisen. Es kann ja kaum anders sein.« –

Andere Flaschen holte Professor Eggerth aus den Regalen, scharfe Säuren goß er in einem großen Glasgefäß zusammen und warf alles Erz hinein. Mächtig schäumte es in dem Gefäß auf, restlos löste sich das Metall in der Flüssigkeit. Nach andern Flaschen und Büchsen griff er dann wieder und gab etwas davon zu der Lösung. Verschiedenfarbige Niederschläge bildeten sich dabei, von der er die übrigbleibende Flüssigkeit jedesmal sorgsam abgoß.

Die Stunden strichen darüber hin. Längst glänzte die Mittagssonne eines schönen Septembertages am Himmel. Der Professor, hinter den verschlossenen Läden seines Laboratoriums ganz in seine Arbeit versenkt, merkte nichts davon. Flammen von Knallgasbrennern begannen zu zischen. Mit reduzierenden Stoffen vermengt, schmolz er jene vielfarbigen Pulver, die er aus seinen Lösungen gewonnen hatte, in feuerfesten Schalen nieder.

Schon ging die Sonne zur Rüste, da war das Werk endlich getan; da waren die Erzbrocken in ein Dutzend verschiedenfarbige Schmelzproben umgewandelt. Ein dunkelgrauer Regulus aus chemisch reinem Eisen lag neben einem anderen bläulichweiß schimmernden, der nur reines Platin enthielt. Gelblich glänzte ein dritter, in dem alles Gold der Brocken vereinigt war. Aus Iridium, Palladium, Silber und anderen Metallen bestanden die übrigen.

Professor Eggerth verschloß sie in einem Panzerschrank. Sorgsam beseitigte er danach alle Spuren seiner Arbeit. Die Lampen auf dem Werkhof brannten bereits, als er das Laboratorium verließ, um nach seiner Wohnung zu gehen. Neben der Skizze, die Hein Eggerth von dem Bolidenkrater entworfen hatte, steckte ein zweites Blatt in seiner Brieftasche, das die genaue Analyse des Sternenstoffes enthielt. Nach einem kurzen Imbiß warf er sich in seinem Arbeitszimmer auf ein Ruhelager. Eine kurze Weile noch, dann begann die Flut seiner Gedanken zu verebben. Die Natur forderte ihre Rechte. – –

In der zweiten Morgenstunde schrillte der Wecker auf dem Schreibtisch. Der Schläfer bewegte sich, als wolle er etwas Lästiges verscheuchen, aber das rasselnde Geräusch ließ nicht nach. Noch ein paar Bewegungen, dann erhob sich Professor Eggerth, griff nach Stock und Hut und verließ den Raum. Nur einen kurzen Weg hatte er über die Landstraße, die sein Haus von den Werkanlagen trennte, dann stand er vor dem Fabriktor. Der Nachtportier zog ehrfurchtsvoll die Mütze, als sein Chef plötzlich vor ihm erschien. Der Professor winkte ab:

»Bleiben Sie bedeckt, Müller. Ich möchte wissen, ob Herr Ingenieur Hansen schon angekommen ist. Er besorgt neue Instrumente für die Südpolstation.«

Der Portier schüttelte den Kopf: »Ich habe Ingenieur Hansen seit mehreren Tagen nicht gesehen, Herr Professor.«

Noch während er es sagte, tönte von der Straße her eine Autohupe. Ein schwerer Lastkraftwagen hielt vor dem Portal.

»Sind Sie es, Hansen?«

Der Professor war an den Wagen herangetreten. So laut, daß der Portier jedes Wort verstehen konnte, fragte er weiter:

»Haben Sie die Instrumente für Dr. Wille in Jena bekommen?«

»Alles in bester Ordnung, Herr Professor«, antwortete Hansen vom Steuersitz des Wagens her. »Dr. Wille wird zufrieden sein.«

»So! Das freut mich, mein lieber Hansen. Wir wollen die Sachen vorläufig in mein Laboratorium stellen.«

Der Portier öffnete das eiserne Tor, und der Wagen fuhr auf das Werkgelände.

»Darf ich Ihnen ein paar Leute besorgen, Herr Professor?« fragte der Portier.

»Nicht nötig, Müller. Die Sachen bringe ich zusammen mit Herrn Hansen schon allein in mein Laboratorium.«

Während der Portier die Torflügel wieder schloß, rollte der Wagen schon weiter. Professor Eggerth folgte ihm zu Fuß; zwei Gestalten traten aus dem Dunkel und schlossen sich ihm an, Berkoff und Hein Eggerth.

Das Laboratoriumsgebäude lag abseits von dem eigentlichen Werkbetrieb. Niemand konnte es beobachten, wie vier Menschen hier arbeiteten und schleppten, bis endlich der letzte Brocken des wertvollen Erzes sicher im Laboratorium geborgen war.

»Uff«, sagte Hansen und wischte sich die Stirn. »Das wäre mal wieder glücklich geschafft. Was jetzt weiter, Herr Professor?«

»Am besten, Herr Hansen, Sie bringen den Wagen gleich wieder zu Schmidt & Bergmann. Dann können Sie sich erst mal aufs Ohr hauen und ordentlich ausschlafen.«

»Danke schön, wird gemacht, Herr Professor.«

Berkoff kletterte zu Hansen in den Wagen, beide fuhren los.

Professor Eggerth kehrte mit Hein zu seinem Hause zurück. Es ging bereits auf die vierte Morgenstunde, als sie dort in das Arbeitszimmer traten, aber der Professor dachte nicht an Ruhe. Es drängte ihn, mit seinem nächsten Vertrauten, seinem Sohn, das Ergebnis seiner Untersuchungen zu besprechen.

Kaum hatten sie Platz genommen, als er diesem ein Blatt Papier hinreichte.

»Sieh dir bitte diese Zahlen an!«

Hein überflog das Blatt und wiederholte dabei halblaut, was er las: »60% Eisen ... 10% Platin ... 12% Gold ...«

Verwundert ließ der das Blatt sinken. »Was bedeutet das, Vater?«

»Die Analyse von ein paar Erzproben des Meteors. Ich habe sie in der vorletzten Nacht gemacht.«

Noch einmal und jetzt mit größerer Sorgfalt las Hein Eggerth die Zahlen. Erregt sprang er auf.

»Vater! Es ist ja nicht denkbar! ... 10% Platin ... 12% Gold ... unermeßliche, unerschöpfliche Reichtümer wären ja dann mit dem Meteor vom Himmel gefallen! Aber ... es ist ja nicht möglich ... ist dir vielleicht nicht doch ein Irrtum unterlaufen?«

Professor Eggerth schüttelte den Kopf. »Ich bin meiner Sache ganz sicher, Hein. Die Gewichte der einzelnen extrahierten Metalle stimmen bis auf wenige Zentigramm mit dem Gesamtgewicht der verarbeiteten Erzproben überein.«

»Ja dann, Vater ... dann stehen wir ja vor etwas ganz Neuem ... noch nie Dagewesenem.«

Er lief aufgeregt im Zimmer hin und her. Der Professor wartete, bis er sich wieder gefaßt hatte. Dann sprach er weiter.

»Meine Analysen sind unbedingt zuverlässig, Hein, aber sie erstrecken sich nur auf wenige hundert Gramm zufällig aufgelesener kleiner Brocken. Ein Zufall könnte uns genarrt haben. Es könnte sein, daß gerade diese paar Stückchen so gehaltreich waren, während die große Masse des Meteoriten viel ärmer, vielleicht nicht einmal abbauwürdig ist.«

Hein Eggerth sah enttäuscht aus. Eine kurze Weile sann er vor sich hin. Dann begann er wieder zu sprechen, langsam, stockend, sich oft unterbrechend.

»Es wäre möglich, Vater ... aber doch nicht eben wahrscheinlich. Ein sonderbarer Zufall müßte das sein, der dir gerade ein paar kostbare Stückchen in die Hände spielte ... und die gewaltige andere Masse sollte wertlos sein. Das kann ich nicht glauben ... will es auch nicht glauben ... und du, Vater, glaubst es wohl auch nicht?«

Professor Eggerth lehnte sich in seinen Sessel zurück und brachte die Fingerspitzen seiner Hände zusammen.

»Ich will vorläufig gar nichts annehmen oder glauben, Hein. Ich wollte nur die Möglichkeit andeuten, daß dieses günstige erste Ergebnis vielleicht einer weiteren Prüfung nicht standhalten könnte.«

Wieder sprang Hein von seinem Sitz auf. »Aber wir haben doch genug Erz mitgebracht. Auf fünf Tonnen schätze ich die Masse. Wir können ja sofort weiteruntersuchen.«

»Sehr richtig, mein Sohn, das können wir tun und werden es auch schnellstens machen. Aber die Bearbeitung dieser Massen ... du sagst selbst, daß es rund hundert Zentner sind ... ist eine Heidenarbeit. Sie erfordert Geduld, Hingabe, Gewissenhaftigkeit und ein Quantum Zeit, das ich ihr im Augenblick nicht widmen kann. Dabei muß die Sache absolut diskret behandelt werden. Ich möchte sogar nicht, daß Hansen oder Berkoff etwas davon erfahren.«

Während der Professor sprach, glitt ein Schein des Verständnisses über die Züge Heins. Er unterbrach den Professor: »Ich verstehe dich, Vater. Ich soll das Erz weiterbearbeiten.«

Professor Eggerth nickte.

»Es ist so, Hein. Die Chemie ist nicht dein Gebiet. Trotzdem mußt du die Sache übernehmen, denn ich darf und will keinen andern in das Geheimnis einweihen. Ich werde dich morgen mit der Technik dieser chemischen Scheidungen vertraut machen und dann ... ja dann, mein lieber Junge, wirst du dich für die nächsten sechs bis acht Wochen in mein Laboratorium zurückziehen und ganz gehörig schuften müssen, bis alles Erz aufgearbeitet ist.«

Hein Eggerth schüttelte ungläubig den Kopf.

»Sechs bis acht Wochen, Vater, das ist wohl übertrieben. Vierzehn Tage höchstens, denke ich.«

Ein Lächeln glitt über die Züge des Professors.

»Du wirst dich wundern, mein Lieber. Hundert Zentner verarbeiten, das ist schon ein chemischer Mittelbetrieb, und wir müssen es notgedrungen mit meinen Laboratoriumseinrichtungen schaffen. Es wäre nicht zweckmäßig, im Augenblick eine größere Anlage dafür zu errichten. Würde sich auch im Werk schwer geheimhalten lassen.« –

Noch ein Viertelstündchen sprachen die beiden miteinander, und der Professor gab seinem Sohn genaue Verhaltungsmaßregeln für die nächsten Wochen. Der helle Morgen schien bereits in das Zimmer, als sie sich trennten, um endlich zur Ruhe zu gehen. – – –

Am nächsten Tag hörte Wolf Hansen zu seiner Verwunderung von Oberingenieur Vollmar, daß Hein Eggerth mit Spezialaufträgen seines Vaters nach Süddeutschland verreist sei. Am Nachmittag traf er Professor Eggerth, der gerade aus seinem Laboratorium herauskam. Der Professor trug eine verdrossene Miene zur Schau.

»Mit unserm Erz scheint nicht viel los zu sein«, sagte er beiläufig zu Hansen. »In der Hauptsache ist es reines Nickeleisen. Wenn nicht doch noch Stücke mit etwas besserer Ausbeute dazwischen sind, wird es kaum lohnen, der Sache weiter nachzugehen. Trotzdem, Herr Hansen, wollen wir über die ganze Angelegenheit vorläufig noch Stillschweigen bewahren.«

»Selbstverständlich! Herr Professor«, erwiderte Hansen und ging zu seiner Abteilung. Die Arbeit für die neuen Aufträge nahm ihn die kommenden Wochen derart in Anspruch, daß er kaum noch Gelegenheit fand, an den Boliden zu denken, der in der fernen Antarktis vom Himmel stürzte.

Man schrieb den 22. Dezember. In Deutschland rüstete man für das Weihnachtsfest, auf der südlichen Hälfte des Erdballes war Hochsommer. Zwar reichte die Kraft der Sonne nicht aus, um den schweren Eispanzer des sechsten, des antarktischen Kontinents merklich zum Schmelzen zu bringen, aber das Tagesgestirn blieb jetzt in jenen hohen südlichen Breiten dauernd über dem Horizont und seine ständige Strahlung machte das Klima erträglich. Die Herren Wille und Schmidt brauchten sich nicht mehr in ihre schwersten Pelze zu wickeln, wenn sie einmal in das Freie traten, um sich an dem Anblick des großen Christbaumes zu erfreuen, den ›St 8‹ vor zwei Tagen in der Station abgeliefert hatte.

*

Überhaupt ›St 8‹! Was wäre die ganze Station ohne dieses wunderbare Schiff gewesen? Wie ein richtiger Weihnachtsmann war Wolf Hansen bei diesem letzten Besuch aufgetreten, hatte Kisten, Kästen und Pakete in schwerer Menge ausladen lassen, ihren Aufschriften nach für die einzelnen Mitglieder der Station bestimmt und bei Androhung schwerster Strafen erst am Heiligen Abend unter dem Christbaum zu öffnen.

Hansen hätte die paar Tage wohl dableiben und das Christfest mit auf der Station feiern können. Aber er lehnte die Einladung Willes dankend ab und schützte dringende Geschäfte in Deutschland vor.

So verließ ›St 8‹ am 22. Dezember nachmittags drei Uhr nach Greenwichzeit wieder die Station und steuerte auf gradestem Kurs die Einschlagstelle des Boliden an. Eine Stunde später hing es schon über der großen Krateröffnung. Während es sich langsam sinken ließ, trieb es einer Stelle auf dem Kamm des Ringgebirges zu, auf der bereits seine Schwesterschiffe ›St 9‹ und ›St 10‹ lagen.

Die Maschinen von ›St 9‹ und ›St 10‹ arbeiteten mit voller Kraft. Weithin dröhnte der Donner der starken Motoren über das Land. Ihre Propeller aber standen still, sie waren abgeschaltet. Die ganze Kraft der Motoren kam den mächtigen Luftkompressoren zugute. Deren Aufgabe war es ja, wenn das Schiff in der Stratosphäre flog, die stark verdünnte Luft der Umgebung anzusaugen und mit normalem Atmosphärendruck in den Schiffsraum zu werfen. Doch bevor Professor Eggerth diesmal mit den drei Schiffen zur Antarktis aufbrach, hatte er einige bauliche Veränderungen an den Maschinenanlagen vornehmen lassen, und diese wurden jetzt ausgenutzt. Die großen Kompressorpumpen warfen die von ihnen erfaßten Luftmengen nicht mehr in das Innere des Schiffsrumpfes, sondern drückten sie in mehrere Meter weite Hanfschläuche hinein, die über den Kraterrand hinab in die dunkle Tiefe reichten.

Die Leute im Werk hatten sich über den Zweck der Änderungen die Köpfe zerbrochen. Seinen drei Mitarbeitern, Berkoff, Hansen und Hein hatte der Professor den Zweck mit den Worten erklärt:

»Der ganze Krater ist bis zum Rande mit unerwünschten Gasen gefüllt. Wir werden ihn mit frischer Luft ausspülen.«

Und dann hatte er ihnen eine kleine Rechnung aufgemacht, daß man etwa eine viertel Milliarde Kubikmeter Frischluft in den Krater pumpen müsse, wenn man ihn richtig säubern wolle. Seine Mitarbeiter blickten sich erschrocken an, als er ihnen damals diese Zahl nannte, aber mit einer weiteren kurzen Erklärung hatte er es verstanden, ihre Bedenken zu zerstreuen. Und nun lagen die Schiffe hier, arbeiteten nach seinem Plan und augenscheinlich ging alles wunschgemäß.

Die Besatzung der Schiffe war außergewöhnlich gering, denn um das Geheimnis zu wahren, war der Professor genötigt, sich auf seine bereits eingeweihten drei Mitarbeiter zu beschränken. Diese allein, zu denen der Professor als vierter kam, hatten die drei gewaltigen Schiffe von Deutschland nach der Antarktis gebracht, ein Wagnis, das nur durch die vorzügliche automatische Steuerung möglich war.

Nach einer kurzen Begrüßung des Professors kehrte Hansen zu seinem Schiff zurück und ließ einen elektrischen Haspel angehen. Auch von ›St 8‹ wurde ein Schlauch ausgerollt und in den Krater hinabgelassen. Dann vermengte sich der Motordonner des Schiffes mit dem der beiden anderen. 30 000 Pferde insgesamt waren an der Arbeit, Frischluft auf den Kratergrund hinunterzudrücken, und da die Kompression dafür nur unbedeutend zu sein brauchte, so wurden die bewegten Luftmengen selbst um so größer.

Handelte es sich doch in der Tat, wie Professor Eggerth damals erklärt hatte, mehr darum, durch die tunnelartig weiten Schläuche einen sturmartigen Wind bis zum Kratergrund zu blasen, als eigentliche Kompressionsarbeit zu leisten. Man durfte daher hoffen, im Laufe von 24 Stunden die errechneten Luftmengen zu bewältigen. – – –

Am Abend des nächsten Tages wurden die Maschinen stillgelegt. Fast unnatürlich erschien den vieren die plötzliche Ruhe nach vielstündigem Motorgedröhn. Auf dem Kamm des Ringgebirges nahe dem Kraterrand hatte Professor Eggerth sich auf einer Felszacke niedergelassen. Es war frühlingsmäßig warm hier; er konnte dort im einfachen Arbeitsrock verweilen, ohne sich der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.

Die Sonne stand immer noch über dem Horizont, doch bei weitem nicht hoch genug, um in die Kratertiefe hineinzuleuchten. Deren Grund lag in undurchdringlicher Dunkelheit. Der Professor warf einen kurzen Blick auf ein Blatt Papier, auf dem er sich den Gang der nächsten Arbeiten notiert hatte.

»Ad eins, Hein! Temperaturmessung mit dem registrierenden Fernthermometer.«

In Begleitung von Hansen ging Hein zu ›St 8‹. Sie rollten ein Kabel von dem Schiff her bis zum Kraterrand aus, zogen eine fahrbare Elektrowinde heran und verbanden sie mit dem Kabel. Noch einmal kehrten sie danach zu dem Schiff zurück und holten ein eigenartiges Instrumentarium. Ein leichtes Tischchen, auf dessen Platte ein Meßinstrument befestigt war. Unter der Tischplatte befand sich eine Kabelrolle. Etwas Rundes, von Korbgeflecht Umgebenes, das einer Boje ähnelte, war am Ende des Kabels befestigt.

Hansen schäkelte das Seil der Elektrowinde in einem Karabinerhaken der Boje ein und ließ sie dann nach innen zu über den Kraterrand abrollen, Professor Eggerth war an den Tisch getreten. Er legte ein Dosenthermometer darauf und verglich es mit der Angabe des Meßinstrumentes. Nickte dann kurz.

»Geht in Ordnung, Hein. Beide Instrumente zeigen 20 Grad Celsius. Laß die Winde langsam angehen.«

Eine Schalterbewegung von Hein, und das Seil der Winde begann auszulaufen. Blaue und rote Stellen markierten an ihm die Meter nach Zehnern und Hunderten. Stetig glitt es in die Tiefe. Jetzt waren 150 ... jetzt 200 Meter Seil abgelaufen. Jetzt gab es einen leichten Ruck. Die Korbkugel hatte den Kratergrund in 220 Metern Tiefe erreicht und lag dort unten irgendwo im Dunklen.

Der Zeiger des Instrumentes auf dem Tische kletterte langsam weiter.

»35 Grad ... 36 Grad ... 37 Grad ...«, las der Professor von der Skala ab. »Wir wollen ein Viertelstündchen warten, bis der Apparat sich ausgeglichen hat«, sagte er, »obgleich ich nicht mehr glaube, daß die Temperatur uns Schwierigkeiten machen wird.«

Er warf wieder einen Bück auf seinen Zettel, »Ad zwei, Herr Berkoff! Untersuchung der Luft im Krater.«

Mit Hein und Hansen ging Berkoff zu ›St 9‹. Zu dritt zogen sie eine Aluminiumlaufbrücke aus dem Schiffsrumpf, bis sie eine schwach geneigte Fahrbahn von der Tür bis zum Felsboden darbot. Ein leichter Kran mit weiter Auslage wurde auf ihr ins Freie geschoben. Berkoff sprang auf dessen Führerstand, schaltete, und ein Kabel aus dem Schiffsbauch nach sich ziehend, rollte der Kran, elektromotorisch bewegt, bis zum Kraterrande hin.

Hansen und Hein Eggerth folgten zu Fuß. Gemeinsam schleppten sie einen größeren Gegenstand, der sich bei näherer Betrachtung als eine ganz gewöhnliche Petroleumlampe entpuppte. Der Himmel mochte wissen, wo Professor Eggerth dies Stück aufgetrieben hatte. Es war eine jener altertümlichen Hängelampen, wie sie in den siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor Einführung des elektrischen Lichtes in bürgerlichen Haushaltungen allgemein gebräuchlich waren. Allerlei alte Erinnerungen schienen ihm durch den Kopf zu gehen, als er sie nun eigenhändig an dem durch die Kranrolle laufenden Seil befestigte. Beinahe neugierig schauten ihm Hein und seine Freunde zu, wie er dann den Glaszylinder abzog, den Docht entzündete und danach Zylinder und Milchglasglocke wieder aufsetzte. Sie kannten diese Technik eines längst verrauschten Jahrhunderts nicht mehr. Nach ihrer Erfahrung machte man Licht, indem man einfach einen Schalter von links nach rechts schnappen ließ.

Die Lampe brannte mit einem milden Licht. Obwohl der große Rundbrenner wohl an 25 Kerzen liefern mochte, war der Lampenschein im hellen Sonnenlicht kaum zu sehen.

»Um so besser wird sie in dem dunklen Kraterschacht leuchten«, meinte der Professor lächelnd, während der Kranausleger um einen rechten Winkel schwenkte. Zwanzig Meter von ihnen entfernt hing die Lampe jetzt über dem Schacht. Langsam ließ Hansen die Kranleine auslaufen.

»Vorsichtig ... recht langsam!« rief ihnen Professor Eggerth zu. »Wir wissen nicht, wie die Kraterwand verläuft.«

In Gesellschaft seines Sohnes ging er selbst etwa hundert Meter auf dem Kamm des Ringgebirges weiter, bis er zu einer Stelle kam, wo er dicht an den Kraterrand herantreten und den Weg der in die Tiefe sinkenden Lampe verfolgen konnte. Die hatte den von den Sonnenstrahlen erhellten Teil des Schachtes bereits verlassen. Wie eine leuchtende Kugel erglänzte sie in dem darunterliegenden Dunkel.

Hein Eggerth mußte laut auflachen. »Eigentlich eine komische Idee, Vater, die Luft in einem Bolidenkrater mit einer alten Petroleumlampe auf ihre Brauchbarkeit zu untersuchen.«

»Aber noch längst nicht die schlechteste Methode, mein lieber Junge. Im allgemeinen gilt noch immer der alte Satz, daß da, wo eine Petroleumlampe zu brennen vermag, ein Mensch auch atmen und leben kann ...«, der Professor brach jäh ab. »Halt! Stopp!« schrie er zu Hansen hinüber und winkte ihm. Die Lampe befand sich dicht über dem Kraterboden. Ein Glitzern und Funkeln unter ihr verriet, daß der Kratergrund aus blankem Erz bestand.

»Langsam hissen!« kommandierte Professor Eggerth weiter, während er zu der alten Stelle zurückkehrte.

Klar brennend kam die Lampe wieder zutage, wurde gelöscht und vorläufig beiseitegelegt.

»Atembare Luft bis zum Kratergrund vorhanden, die Temperatur dort beträgt 38 Grad Celsius«, faßte der Professor sein Urteil nach einem Blick auf das Meßinstrument zusammen.

»Jetzt ad drei. Wer will als erster den Abstieg riskieren?«

»Ich!« »Ich!« »Ich!« scholl es ihm dreifach entgegen.

Jeder wollte der erste sein, keiner wollte dem andern den Vortritt gönnen.

Eine kurze Weile sah der Professor sich den Streit mit an, denn entschied er kurzerhand: »Wir werden losen, dann kann sich keiner von Ihnen benachteiligt fühlen.« Drei Streichhölzer, die er auf verschiedene Länge gebrochen hatte, hielt er seinen Mitarbeitern mit den Köpfen hin. Sie griffen danach; Hein Eggerth zog das längste Holz und hatte damit das Anrecht gewonnen, als erster den Abstieg zu machen. – –

Die Vorbereitungen dazu wurden getroffen. ›St 10‹ schob sich so dicht an den Kraterrand heran, wie es eben möglich war. Eine Winde zog aus dem Schiffsrumpf eine aus kräftigem Stahldrahtseil geflochtene Leiter heraus und ließ sie in den Krater hinabgleiten. Der Kran fuhr dicht an die Leiter heran. An seinem Ausleger hing jetzt ein starker Scheinwerfer, dessen Lichtkugel die Tiefe um die Leiter herum bis zum Grund erhellte.

»Na, denn wollen wir mal!« rief Hein lustig und schickte sich an, zu der Strickleiter zu gehen.

»Nicht so fix, mein Junge!« hielt ihn der Professor zurück, und Hein mußte sich anseilen lassen. Das Seil, das sie ihm um die Brust schlangen, enthielt ein Telephonkabel. Kopfhörer wurden ihm über die Ohren geschoben, ein Mikrophon hing dicht vor seinem Mund.

Telephon und Mikrophon der Gegenstation nahm der Professor selbst, Berkoff und Hansen wurden beordert, das Seil zu halten und nur Schritt für Schritt auszulassen.

Dann begann der Abstieg. Wie sein Vater es gewünscht hatte, gab Hein, während er Stufe um Stufe hinabkletterte, ununterbrochen durch das Mikrophon Bericht nach oben. Sein Weg war nicht ganz einfach. Je dreißig Zentimeter waren die Sprossen der Leiter voneinander entfernt, über 730 Sprossen hatte er hinabzusteigen, bis er endlich in einer Tiefe von 220 Metern auf festem Grund stand. Etwa eine Viertelstunde hatte die Kraxelei gedauert.

»Es ist schandbar heiß hier unten«, meldete er nach oben. »Ich schwitze wie ein Braten, aber sonst ist's ganz gemütlich. Die Luft gut atembar. Der Boden besteht, soweit ich sehen kann, aus gediegenem Erz.«

»Davon werden wir uns später selber überzeugen. Im Augenblick ist es mir wichtig, daß du ohne Beschwerden atmen kannst und dich wohl befindest.«

»Ist unbedingt der Fall, Vater. Ich hätte jetzt Lust, eine kleine Expedition quer durch den Krater bis zur anderen Seite zu machen. Dazu müßtet ihr mir aber kräftig Seil nachlassen.«

»Warte damit, Hein, bis ich unten bin, ich werde jetzt Hansen das Telephon geben.«

Einen Augenblick herrschte Ruhe in der Leitung, dann vernahm Hein Eggerth die Stimme Hansens aus dem Kopfhörer, der alle möglichen und unmöglichen Einzelheiten über den Aufenthalt dort unten von ihm wissen wollte.

Er unterbrach den Fragestrom mit einer Gegenfrage.

»Warum kommt nicht lieber einer von euch herunter? Für meinen alten Herrn wird der Abstieg über die Leiter etwas anstrengend sein.«

Er hörte, wie Hansen am andern Ende der Leitung lachte, und in das Lachen mischte sich Motorengedröhn. ›St 9‹ schob sich an seiner Hubschraube hängend langsam vorwärts, bis es mitten über dem Krater stand. Dann sank das Schiff wie ein fallendes Blatt allmählich nach unten, bis es sanft auf dem Kraterboden aufsetzte. Der Professor kletterte heraus und eilte auf seinen Sohn zu.

»So, mein lieber Junge, jetzt können wir die von dir geplante Expedition antreten.«

Er löste das Hein um die Brust geknotete Seil und rief Hansen durch das Mikrophon ein paar Verhaltungsmaßregeln zu. Die beiden dort oben, Berkoff und Hansen, sollten für etwa eine Stunde ruhig auf sie warten.

Die Scheinwerfer von ›St 9‹ wurden so gedreht, daß sie einen breiten Lichtkegel über den Kraterboden bis zur gegenüberliegenden Wand warfen. Im Schein dieser mächtigen Lichtquellen wanderte Professor Eggerth mit Hein über ein Erzfeld, das in tausend Reflexen glänzend ihre Augen oft blendete. Aus dem gleichen schimmernden Sternenstoff schien der ganze Kraterboden zu bestehen, von dem sie bereits früher Proben nach Bitterfeld mitgenommen hatten. Je weiter sie kamen, desto befriedigter blickte Professor Eggerth um sich, obwohl auch ihm bei dem Spaziergang in dieser Backofentemperatur der Schweiß aus allen Poren brach.

Dann standen sie wieder am Ausgangspunkt ihrer Wanderung, und Professor Eggerth beorderte durch das Telephon jetzt auch Berkoff und Hansen nach unten. Auf der Leiter kletterten die beiden in die Tiefe, und dann begann eine Arbeit, zu der Professor Eggerth eine Planskizze vorlegte. An 200 über den Kraterboden gleichmäßig verteilten Stellen sollten Erzproben genommen werden. Im ersten Augenblick erschien die Aufgabe unüberwindlich groß, aber der alte Eggerth hatte sich dafür ein Verfahren zurechtgelegt, das sie wesentlich vereinfachte. Jeder mit einer kräftigen Elektrobohrmaschine ausgerüstet, machten die vier sich an das Werk. Für den Zweck, den der Professor dabei im Auge hatte, genügte es, mit einem halbzölligen Spiralbohrer etwa eine Handbreit in das Erz hineinzubohren und die dabei entstehenden Späne in ein Glasröhrchen zu schütten, dies zu verkorken und mit der entsprechenden von der Planskizze angegebenen Nummer zu versehen.

Fünfzig Proben hatte jeder zu nehmen. In vier Stunden war die ganze Arbeit getan, aber es waren doch anstrengende Stunden. Keiner von ihnen hatte einen trockenen Faden mehr am Leibe, als sie in das Schiff kletterten und ›St 9‹ wieder nach oben schwebte.

»Vor den Kampfpreis haben die Götter den Schweiß gesetzt«, sagte Berkoff halb lachend, halb seufzend, während er 200 Glasröhren sorgsam in einem Schrank des Mittelraums verwahrte.

»Und einen Durst habe ich«, stöhnte Hansen, während er, ohne abzusetzen, eine Literflasche Mineralwasser austrank.

»Über Mangel an Appetit kann ich mich auch nicht beklagen«, fügte Hein Eggerth hinzu. »Ich glaube, wir haben seit acht Stunden nicht mehr gegessen.«

»Erst umziehen und dann essen«, kommandierte der Professor. »Wir wollen uns keinen Schnupfen holen.« – –

Bald saßen sie gemütlich im Mittelraum von ›St 9‹ zusammen und taten einem aus den Schiffsvorräten schnell zusammengestellten Mahl alle Ehre an.

»Dies Huhn mit Curry-Reis ist prima, prima«, meinte Hansen, vergnüglich kauend, und warf dabei einen Blick auf den Wandkalender.

»Herrschaften, wie wird mir denn?« rief er und ließ Messer und Gabel sinken. »Wir schreiben ja schon den 25. Dezember, morgens drei Uhr nach Greenwichzeit. Den Heiligen Abend haben wir ja richtig über unsrer Bohrerei da unten vertrödelt.«

»Wir wollen sagen, übersehen«, verbesserte ihn der Professor. »Im übrigen steht nichts im Wege, mein lieber Hansen, daß Sie jetzt noch einen Punsch brauen und das Versäumte nachholen.«

»Wird gemacht, soll sofort bestens besorgt werden«, sagte Hansen und lief zum Vorratsraum, um das Notwendigste zu holen.

»Aber bitte den Punsch nicht zu stark, Herr Hansen«, rief ihm der Professor lachend nach. »Sie müssen mir ›St 8‹ heil nach Bitterfeld bringen.«

Dann dampften die Punschgläser auf dem Tisch und klangen zusammen. Sie stießen an auf die ferne Heimat und feierten in der Antarktis ein deutsches Weihnachten. Den Reden, die dabei gehalten wurden, fehlte es weder an Stoff noch an Schwung. Waren sie doch alle von dem Gefühl durchdrungen, daß ein neues gewaltiges Unternehmen von unabsehbarer Tragweite unter ihren Händen entstehen sollte.

Um die siebente Morgenstunde hob der Professor die Tafel auf.

»In die Kojen, Herrschaften! Wir sind alle übernächtig. Erst mal acht Stunden Schlaf. Dann geht's mit Volldampf nach Deutschland zurück.«

*

Die ›City of Baltimore‹ auf der Rückreise von Hamburg nach New York verließ die Reede von Southampton und lief auf Westkurs der Kanalmündung und dem Atlantischen Ozean entgegen. Zu ihren Passagieren gehörte Mr. Haynes. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Deutschland hegte der Vertreter der American associated Press den Wunsch, wieder einmal die gesegnete Luft der Vereinigten Staaten zu atmen. Unter den Amerikanern, die in Southampton auf das Schiff kamen, hatte er einen alten Bekannten entdeckt, Mr. James Garrison, der in der großen kalifornischen Sternwarte in Pasadena tätig war und von einer englischen Studienreise nach den Staaten zurückkehrte.

Nach der Mittagsmahlzeit – sie war so gut und reichlich, wie es auf den großen atlantischen Dampfern üblich ist – zog Mr. Haynes sich seinen flauschigen Ulster über, um durch einen tüchtigen Spaziergang allen Folgen der üppigen Verpflegung entgegenzuwirken. Er beabsichtigte, vierzigmal um das Oberdeck herumzumarschieren. Das bedeutete eine Promenade von vier Seemeilen, nach deren Erledigung er getrost dem Supper entgegensehen konnte.

Nach der zwanzigsten Runde gesellte sich Mr. Garrison zu ihm, und ein Gespräch kam in Gang. Wie jede amerikanische Unterhaltung begann es mit dem Wetter, um dann der ›City of Baltimore‹ voraus nach Westen zu eilen. Von dem kalifornischen Paradies um Pasadena schwärmte Garrison, von New York, der Empire City, sprach Haynes. Ein scharfer Westwind blies ihnen entgegen, als sie wieder nach vorn marschierten.

Unwillkürlich steckte Haynes seine Hände tiefer in die Manteltaschen, da spürte seine Rechte etwas Hartes, Schweres. Er zog die Hand heraus und hielt ein glitzerndes Stückchen Metall von der Größe einer Haselnuß etwa zwischen den Fingern.

»Oh, Mr. Haynes, was haben Sie da?« fragte ihn Garrison interessiert.

Einen Augenblick mußte Haynes sich besinnen, dann erinnerte er sich wieder, wie er zu dem Brocken gekommen war.

»Ein Andenken aus der Antarktis, wie ich vermute, Mr. Garrison.«

»Aus der Antarktis? Wie kommen Sie dazu?«

Haynes erzählte ihm, wie er vor Monaten in Bitterfeld war, um die Ankunft der Eggerthschen Stratosphärenschiffe abzuwarten, und wie er bei der Gelegenheit das Stückchen im Laderaum des Flugschiffes fand und unbemerkt in die Tasche steckte.

»Ein reiner Zufall, daß ich es jetzt wieder entdeckte«, schloß er seinen Bericht, »ich habe diesen Mantel seit Monaten nicht mehr getragen. Das Stück muß irgendwie aus der Station eines gewissen Dr. Wille am magnetischen Südpol stammen. Sie haben vielleicht von dem Mann und von seinem Unternehmen gehört.«

Garrison nickte. »O ja, gewiß! Schade, daß Dr. Wille kein Amerikaner ist. Er ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Geophysik. Nur sein Assistent, ein Dr. Schmidt, könnte ihm darin noch über sein. Man interessiert sich in Pasadena sehr für die Arbeiten der beiden ... dies Mineral ... merkwürdig, recht merkwürdig.«

Während Garrison die letzten Worte sprach, nahm er Haynes das Stückchen Erz aus der Hand und wog es prüfend mit den Fingern.

»Was soll daran merkwürdig sein?« fragte Haynes. »Das nichtswürdige Zeug hat mir das ganze Taschenfutter zerrissen. Werfen Sie es doch einfach über Bord.«

Garrison schüttelte den Kopf. »Würden Sie mir das Stück überlassen? Ich möchte es in Pasadena gern genauer untersuchen.«

»Herzlich gern, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann.«

»Besten Dank, Mr. Haynes. Sie meinen, das Stück stammt aus der deutschen Station?«

»Nach meiner festen Überzeugung, ja! Das Stratosphärenschiff hatte allerlei Ausrüstungsgegenstände dorthin gebracht und anderes Material, das nicht mehr benötigt wurde, zurückgeholt. Da muß der Brocken wohl irgendwie mit in das Schiff gekommen sein. Sonst könnte er nur aus den Eggerth-Werken in Bitterfeld stammen.«

Mr. Garrison wickelte die Erzprobe in ein Stück Zeitung und versenkte sie in seine Brusttasche.

»Well, Mr. Haynes, ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber es wird mir hier oben doch zu frisch. Ich werde in meine Kabine gehen. Kommen Sie mit unter Deck?«

Haynes sah nach der Uhr.

»Noch nicht, Mr. Garrison. Habe noch sechs Runden zu machen. Ist unbedingt nötig!«

»All right«, nickte Garrison und wandte sich zur Treppe. Haynes trabte allein weiter, um sein Pensum zu erledigen. – –

Vier Tage später landete die ›City of Baltimore‹ im Hafen von New York. Mr. Haynes stürzte sich in den solange entbehrten Trubel der Empire City, Mr. Garrison fuhr noch am gleichen Tage nach Kalifornien weiter. In seinem Koffer lag ein Stückchen jenes blinkenden Sternenstoffes, der vor einigen Monaten in der Antarktis vom Himmel gefallen war.

Der Betrieb in der antarktischen Station lief in der alten Weise weiter. Wohl blieb die Sonne jetzt ständig über dem Horizont, auf die lange Polarnacht war der ebenso lange Polartag gefolgt. Doch öde und leer blieb das verschneite Land umher. Von den endlosen Vogelschwärmen, die wenige hundert Kilometer nordwärts im Licht des neuen Tages die Küsten belebten, war hier nichts mehr zu merken. Nach wie vor blieben die fünf Insassen der Station in der ungeheuren Einsamkeit auf sich selbst angewiesen, und es war gut für sie, daß sie durch ihre Tätigkeit voll in Anspruch genommen und von gefährlichen Grübeleien abgehalten wurden.

Da mag an erster Stelle Rudi Wille genannt werden. Dem hatte der Weihnachtsmann Wolf Hansen eine Kiste unter den Baum gestellt, von der nach Lorenzens sachverständigem Urteil ein mittlerer Radioladen zwei Jahre leben konnte, und Rudi wußte dies Geschenk zu würdigen. Unter seinen geschickten Händen entstand aus den Einzelteilen im Laufe weniger Wochen ein Meisterstück von einem Kurzwellensender und ein Empfänger gleicher Qualität, mit denen er nun unabhängig von den Geräten der Station den lieben langen Tag im Äther spazierengehen konnte.

Auch Lorenzen hatte sich nicht über Mangel an Beschäftigung zu beklagen, denn der Funkverkehr der Station nahm einen bemerkenswerten Aufschwung. Da waren nicht nur die Eggerth-Werke, die jetzt fast täglich einen längeren Meinungsaustausch mit Dr. Wille pflogen. Auch die deutschen wissenschaftlichen Institute meldeten sich immer häufiger, und der brave Lorenzen hatte stundenlang zu tun, um die endlosen Zahlentabellen, die der lange Schmidt ihm auf den Tisch legte, an die erdmagnetische Warte in Potsdam zu funken. Und dann meldeten sich auch die Amerikaner.

In der zweiten Februarwoche fing Rudi mit seinem neuen Apparat einen Anruf der Sternwarte von Pasadena auf, den er pflichtgemäß an Lorenzen weitergab, und nach kurzem Hin und Her entwickelte sich daraus ein Funkverkehr, der demjenigen nach Deutschland bald nicht mehr nachstand.

Die Herren Schmidt und Wille nahmen die amerikanische Korrespondenz mit gemischten Gefühlen auf. Dr. Wille, weil er gerade zu dieser Zeit andere wissenschaftliche Sorgen hatte, der lange Schmidt, weil er grundsätzlich mit seinen Forschungsergebnissen zurückhielt. Nach seiner Meinung sollten die reichen Amerikaner gefälligst selber eine Expedition ausrüsten, wenn sie Genaueres über die magnetischen Verhältnisse in der Antarktis wissen wollten. Sobald seine Telegramme nach Pasadena über trockenes Zahlenmaterial hinausgingen, leuchtete dieser Standpunkt unverhüllt aus ihnen hervor.

Vergeblich versuchte Dr. Wille dem Einhalt zu tun. »Sie werden so lange machen, Schmidt«, sagte er ärgerlich, »bis die Amerikaner wirklich herkommen, und dann ...« »... sind sie hier«, vollendete Schmidt den Satz.

Dr. Wille schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Jawohl, Herr Dr. Schmidt, sehr richtig! Dann sind sie da, und dann haben wir den Salat. Vielleicht gerade jetzt, wo wir sie am wenigsten brauchen können.« –

Die gereizte Stimmung Dr. Willes hatte ihren guten Grund. Je weiter die Zeit verstrich, um so weniger stimmten die Beobachtungen mit seinen Theorien überein, und hartnäckig verschloß er sich den Gründen, die Schmidt dafür anführte. Für den war die Frage längst geklärt. Der magnetische Südpol, auf einer säkularen Wanderung begriffen, befand sich nicht mehr an der Stelle, an der Shackleton ihn vor Jahrzehnten einmal festgestellt hatte. Seine Verschiebung mußte aber logischerweise auch den Strom der Sonnenelektronen mit sich ziehen und die Erscheinungen, die Dr. Wille nach seiner Theorie erwartete, sehr merklich beeinflussen. – –

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