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Ein sonderbarer Heiliger

Isolde Kurz: Ein sonderbarer Heiliger - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin sonderbarer Heiliger
authorIsolde Kurz
year1935
firstpub1924
publisherRainer Wunderlich
addressTübingen
titleEin sonderbarer Heiliger
pages30
created20151102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Isolde Kurz

Ein sonderbarer Heiliger

 


 

Rainer Wunderlich Verlag
Tübingen
[1935]

 


 

Es lebte einmal vor langer Zeit ein ganz besonderer Christ im deutschen Lande. Er hieß Benignus und trug diesen Namen mit Recht, denn eine gütigere Seele hat es nie gegeben. All seinen großen, von den kaufmännischen Vorfahren ererbten Reichtum vertat er in Almosen. Doch wie er gab und gab, der Armut wurde ringsum nicht weniger, und er konnte das große Faß des Jammers, der auf Erden ist, nicht ausschöpfen. Wenn er dann bedachte und es sich so recht lebhaft vorhielt, daß manch einer durch die Not ins Verderben getrieben wird und gar noch aus der zeitlichen Pein in die ewige stürzt, wußte er sich oft vor 114 Mitleidsweh nicht zu helfen, und es wollte ihm fast bedünken, Gott hätte besser getan, die Welt unerschaffen zu lassen. Ermahnte ihn aber sein Beichtvater, doch lieber an das Heil seiner eigenen Seele zu denken und Stiftungen für die Kirche zu machen, so sagte er:

Warum soll denn meine Seele mehr wert sein als die der andern? Es ist besser, ich gebe mein Geld den Armen, daß sie nicht aus Not sündigen, so rette ich dem Herrn viele Seelen, das wird ihm lieber sein.

Er trug immer ein schönes silbernes Bildnis der Gnadenmutter mit dem Sohne auf der Brust und im Herzen. Aber in die Kirche ging er selten, und wenn man ihn darob schalt, so antwortete er: Der Vater im Himmel weiß, wie ich es meine. – Denn all seine Zeit widmete er dem Aufsuchen der Armen und Elenden, der Krüppel und Siechen wie auch der gefallenen Mädchen, deren Tugend er durch eine gute Aussteuer wieder aufrichtete. Solange er reich war, ging ihm das alles durch; aber als er durch seine vielen Spenden mehr und mehr verarmte, wurde er von den Leuten scheel angesehen, und die einen nannten ihn einen 115 Narren, die andern einen Gottlosen. Das kümmerte ihn nicht.

Was bin ich, dachte er, daß ich mir's zu Herzen nehmen sollte, wenn Menschen mich schmähen; haben sie ja doch sogar den Heiland geschmäht!

Und weiter sagte er zu sich selber: Das wäre mir eine schöne Seligkeit, im Paradiese sitzen, und andere schmachteten währenddessen in der Pein, vor der ich sie vielleicht hätte bewahren können.

Und er fuhr fort, Almosen zu geben, Spitäler zu bauen und arme Mädchen auszusteuern, bis seine Häuser und Warenlager, sein Vieh und seine Kornfelder aufgezehrt waren und er am Ende kein eigenes Dach mehr über dem Kopf hatte. Da mußte er, der zuvor Dutzende von Schreibern beschäftigte, selber einen Schreiberposten annehmen, um nicht seinerseits betteln zu gehen, aber auch den dürftigen Lohn seiner Arbeit teilte er mit solchen, die noch ärmer waren. Und immer dachte er in seiner Einfalt, wenn er nur Geld genug auftreiben könnte, so wollte er dafür sorgen, daß alle auf Erden satt und glücklich würden und nach dem Tode flugs ins Himmelreich kämen.

116 Einmal kehrte er auf einer Reise, die er für seinen Arbeitgeber unternehmen mußte, in einer Schenke ein, wo ein Häuflein »gartender« Landsknechte – so nannte man diese Frommen, wenn sie gerade keinen Soldherrn hatten und vom Straßenraub lebten – mit Dirnen und anderem fahrenden Volke beisammen saß. Sie schimpften und klagten über die jämmerlichen Friedenszeiten, in denen ein braver Kerl sich schier nicht mehr ernähren könne. Und einer, der soeben beim Würfelspiel verloren hatte, schlug auf den Tisch, verschwor sich und schrie: Geld muß her, und wenn ich meine Seele dem Teufel verschreiben müßt'. Hör's, Luzifer und komm, wenn du die Kuraschi hast, einem frummen Landsknecht ins Gesicht zu sehen!

Dem guten Benignus schauderte in der greulichen Gesellschaft, daß er aufstand und still von hinnen ging. Allein im Weiterwandern blieben ihm wider Willen die Worte des Landsknechts in Ohr und Herzen haften.

Das wäre also auch noch ein Weg, dachte er, um zu Gelde zu kommen und all das namenlose Elend der armen Menschen zu lindern. Geld ist ein Pflaster auf jegliche Wunde, hatte seine selige Mutter oft gesagt, 117 mit Geld kann man sogar die armen Seelen aus der Pein ziehen. Wie wär's, sagte er halb gedankenlos vor sich hin, wenn ich's einmal für den guten Zweck mit dem Teufel versuchte?

Noch hatte er den Gedanken nicht ausgedacht, da sagte eine tiefe Stimme neben ihm: Hier bin ich. Und als er auffuhr, sah er hart vor sich ein bleiches, zerfurchtes Gesicht aus der Dunkelheit glänzen und wußte zugleich, daß es das des gefallenen Engels war, denn es zeigte in seiner Zerrüttung noch eine letzte Spur der einstigen überparadiesischen Schönheit.

Ein dummer Tropf von Landsknecht hat mich gerufen, sagte er, aber um seinetwillen hätte ich mich nicht heraufbemüht. Er kommt sowieso zu mir, ein Jährlein früher oder später. Aber du gefällst mir, und ich will dir deinen Wunsch erfüllen.

Jetzt kam Benignus erst wieder zu sich, schlug ein Kreuz ums andre und sagte voller Entsetzen:

Hebe dich weg, Versucher, so war es nicht gemeint!

Denn die Gedanken hatten ihn ja nur, dieweil er ein Sinnierer war, so überkommen, ohne daß er ihrer Herr gewesen wäre.

118 Der böse Geist verschwand auch alsbald, und Benignus ging getröstet weiter, da er meinte, daß die Luft wieder rein sei. Allein Luzifer, der an der Gesellschaft eines so ausbündigen Sonderlings Gefallen fand, hatte ihn keineswegs verlassen, vielmehr war er ihm bloß unsichtbar geworden, weil er die Gelegenheit wahrnahm, sich von einem Atemzuge des Benignus einsaugen zu lassen, und nun trug ihn dieser, ohne es zu wissen, in seinem Innern mit, wo er auch bis in die innerste Herzkammer eindrang und sich daselbst breitmachte.

Von dort aus erzählte er dem Benignus, der in der duftigen Abendkühle weiterging, von all den armen Seelen, die seit undenklicher Zeit in der Pein saßen und denen niemand mehr half, daß der arme Gute sich Rock und Wams aufriß, denn es war ihm, als spürte er die feurige Lohe am eigenen Leib. Ach, wie gern hätte er den einen oder den anderen vorübergehend auf ein Hundert Jährlein oder mehr aus den Flammen abgelöst und sich selbst hineingesetzt, damit jener sich unterdessen an der schönen Oberwelt abkühle. Der Gute wußte aber nicht, daß es Luzifer war, 119 der ihm diese Wünsche eingab, vielmehr meinte er sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterreden. Und wie süß ihm jener auch die Wonnen der Erlösten ausmalte, immer durchschauerte es ihn mit neuem Entsetzen, daß er um der andren willen sich für ewig von der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters lossagen und der Gemeinschaft des Bösen übergeben sollte.

Aber da wurde ihm das stellvertretende Leiden des Herrn vor die Seele gegaukelt, und es sprach eine Stimme in ihm:

Wenn der höchste Himmelsgott selber herabstieg, um die Kinder der Menschen durch seinen Opfertod vor dem ewigen Tode zu bewahren, solltest du, Sünder, zu gut sein, ein Gleiches zu tun?

Du Tor, erwiderte eine andere Stimme in seinem Innern, und diesmal war es seine eigene Stimme, die sich gegen den Untergang wehrte, er litt ja nur auf Stunden die gräßliche Marter und kehrte dann in seines Vaters Haus zurück. Du aber, Unseliger, willst in Ewigkeit vom Angesicht des Herrn dich scheiden, willst ohne Unterbrechung, ohne Ende die Feuerpein dulden, ohne daß ein Finger dir einen Tropfen Kühlung reicht?

120 Bedenke, mein Freund, was das heißen will: Äonenlang fort und fort ohne Aufhören!

Aber so redete der Sophist und Verderber dawider: Auch die Äonen bestehen aus Stunden, und von diesen wird keine schlimmer sein als die, in der unser Herr gelitten hat. Und dein Leiden wird um so leichter wiegen, als du, sündiger Knecht des Fleisches, mehr verdient hast als das tugendreiche Lamm, Qualen zu erdulden.

Mit solchen Einflüsterungen brachte es der schlaue Geist allmählich dahin, daß die demütige Seele des Benignus ganz vom Gefühl ihrer Unwürdigkeit durchdrungen wurde und es für eine herrliche und verdienstliche Sache hielt, die Qualen der Verdammnis auf sich zu nehmen an Stelle so vieler anderen, die er durch sein Opfer retten würde. Und das Herz schwoll ihm plötzlich hoch auf in der Wollust einer Selbstentäußerung, wie sie noch nie geübt worden, daß er stehen blieb und mit lauter Stimme sagte:

Ich will es tun.

Alsbald stand der Blasse wieder neben ihm.

Hier gebe ich dir einen Beutel mit Gold, aus dem du 121 zwanzig Jahre schöpfen sollst, bevor du den Grund erreichst. Damit kannst du allen Hungernden und Unglücklichen helfen, kannst Missetaten, die aus der Not entspringen würden, im Keim verhindern und durch Ablaßpfennige so viele Seelen du nur immer willst aus der Flamme hüpfen lassen. Sollte ich auch Hunderte und Tausende armer Seelen durch dich verlieren, es soll mir nicht darauf ankommen, wenn ich nur dich habe, denn du gefällst mir über die Maßen wohl.

Sie schlossen auf der Stelle den Vertrag miteinander ab, der durch Handschlag besiegelt wurde, wobei die Finger des bösen Geistes fünf feurige Male in der Hand des Gerechten zurückließen, gleichsam als Vorschmack der künftigen Höllenglut. Eine Unterschreibung forderte er gar nicht, so völlig verließ er sich auf die Biederkeit des Benignus, der auch nicht einmal den Satan um sein Recht hätte betrügen mögen.

Dann verschwand er und fuhr nach einer weit entlegenen Alpenschlucht, in der er die ganze Nacht wie außer sich umhersprang und lachte, daß es schauerlich von den Bergwänden widerhallte und von dem 122 Getrampel die Lawine niederging, durch die Sennhütten und ein ganzes Dorf verschüttet wurden.

Nun habe ich just den Allerfrömmsten! frohlockte er, indem er von einem Bein auf das andere sprang. So einen Spaß hat es nicht gegeben, solange die Welt steht. Davon hat sich der da droben nichts träumen lassen!

Während die Sterne Gottes groß und still über ihn hingingen, schabte er Rübchen gen Himmel, machte lange Nasen hinauf und betrug sich mit ausgesuchter Unanständigkeit, bis ihn die Morgensonne in seine Hölle trieb.

Es ließe sich jetzt des langen und breiten erzählen, wie Benignus mit dem Golde Luzifers Arme und Kranke erquickte, liebende Paare zusammenbrachte, Spitäler und Asyle gründete, kurz die Werke seiner Menschenliebe ins große trieb. Nur daß in seinen Wohltaten auf die Länge doch kein Segen war, wie es der böse Geist vorausberechnet hatte: die Ehen, die er stiftete, fielen unglücklich aus; die Armen, die er unterhielt, wurden arbeitsscheu und rauflustig oder stürzten sich in Trunk und Abschweifungen. Viele 123 endigten am Galgen, von wo die Knechte Luzifers sie gleich an ihren Stricken mit sich schleppten, – was aber alles die Bedürftigen nicht abhielt, sich haufenweise an ihn zu drängen. Vor allem war er unermüdlich in Ablaßspenden für die Verstorbenen; wie jedoch das Höllengeld den armen Seelen bekam, ist nicht bekannt geworden.

Als die zwanzig Jahre sich ihrem Ablauf näherten, fuhr eine Bangigkeit in den Benignus, er könnte des Guten nicht genug getan haben mit seinem Gelde und die Zeit reiche nicht mehr, alles Versäumte nachzuholen. Er ließ sechs Pferde vor seinen Wagen spannen und fuhr damit von Ort zu Ort, indem er überall, wo Menschen wohnten, seinen Beutel umgedreht über den Wagenschlag hielt, um sein Gold auf die zusammengeströmte Menge auszuschütten. Im Weiterjagen bemerkte er nicht, wie sich das Volk um seine Goldstücke die Hälse brach. Noch weniger ahnte er, daß mit derselben Schnelligkeit die Abgesandten Luzifers hinter ihm herjagten und gleich die Seelen der Erschlagenen, die noch von Goldgier bebten, mit sich hinunternahmen.

124 Eines Tages wollte er wieder in den Beutel greifen, da spürte er plötzlich den Grund. Und nun wußte er, daß die zwanzig Jahre um waren und daß ihm noch in dieser Nacht seine Seele würde abgefordert werden. So hatte ihn der Böse übervorteilt; denn für ihn, der mit Äonen rechnet, waren die zwanzig Jahre nur ein Atemzug, und nachdem sie einmal abgelaufen, waren sie auch für den armen Benignus nicht mehr.

Er bereute zwar nicht, was er getan hatte, denn er glaubte noch immer an den gestifteten Segen; aber der Jammer, daß er jetzt von dem Erlöser und seiner gnadenreichen Mutter scheiden sollte, fiel ihn mit hundert Schwertern an. Er zog das Marienbild, das er noch immer bei sich trug, aus dem Busen und bedeckte es mit Küssen und Tränen. In seiner Einfalt dachte er den Satan zu bitten, daß er wenigstens das Bild der lieben Frau, die er nun niemals mit Augen schauen sollte, in die ewige Qual hinübernehmen dürfe. Doch da fiel ihm ein, daß vielleicht die Höllensöhne das Bildnis ihm wegnehmen und schänden würden zur Vermehrung seiner Pein, und nun wagte er nicht mehr in seinem Wunsche zu beharren. Je höher die 125 Sonne stieg, desto mehr stieg seine Angst, daher er sich entschloß, einem Priester zu beichten, was er in all den Jahren nicht gewagt hatte; denn der Böse hatte ihm gedroht, daß dann alsobald der Beutel seine Kraft verlieren würde. Der Ort, wo er seinen letzten Tag verbrachte, lag an einem kleinen, von einem vorüberziehenden Flüßchen gebildeten See, aus dem sich ein Inselchen mit einem Kirchlein Unserer lieben Frau, genannt Maria im See, erhob. Eine lange Brücke führte hinüber. Dorthin trieb die Verzweiflung den armen Benignus; in dem Kirchlein wollte er bis zum Anbruch der Dunkelheit bleiben, um, wenn die Stunde gekommen sei, herauszutreten und sich in Erfüllung seines Wortes treu und bieder in die Hände des Erzfeindes auszuliefern.

In dem Kirchlein saß gerade der Pfarrer im Beichtstuhl, zu dem sich, da er als ein scharfer Streiter bekannt war, viele fromme Seelen mit Zittern und Zerknirschung drängten. Als die Reihe an Benignus kam, kniete auch dieser vor dem Beichtstuhl nieder und erzählte unter tiefem Stöhnen, wie und warum er um des guten Werkes willen, mit dem er seinen 126 Nächsten zu dienen und Gott zu erfreuen gehofft, seine Seele dahingegeben habe, und wie ihm jetzt am Verfalltag bang und wehe geworden, und daß er nur um ein einziges Tröpflein geistlichen Trostes bitte, es mitzunehmen in die ewige Pein.

Der Pfarrer aber sprach in tiefer Entrüstung: Unseliger, was hast du getan! Dich selber hat Gott gewollt, nicht deine Werke! Glaubst du denn, er habe nicht selbst gewußt, welche Seelen er retten und welche er dem ewigen Tode überantworten wollte, daß du statt seiner die Vorsehung spieltest? Da du aus Überhebung solches getan und dich mit Willen von ihm gewendet hast, können alle deine Werke dir keinen Tropfen Linderung verschaffen in deiner ewigen, durch alle Äonen dauernden Pein. Und wenn ich nur meinen Finger einzutauchen brauchte, um dir ein Tröpflein von der Gnade des Herrn zu reichen, so täte ich es so wenig wie der verklärte Lazarus, da ihn der Reiche in der Hölle bat. Fahre du hin in die Verdammnis, klappre mit den Zähnen in der höllischen Glut von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das kalte Fieber sei dein einziges Labsal, du Verworfener!

127 Wehe, wehe! wimmerte der gute Mann. Befahl denn nicht der Herr, daß man seine Nächsten lieben solle wie sich selbst?

Wohl soll man das, redete der Eiferer dagegen, aber Gott soll man vor allem lieben. Du hast die Kreatur mehr geliebt als ihren Schöpfer und hast durch deinen Abfall Gott betrübt. Gibt es eine ärgere Sünde, als Gott, der ganz nur Güte ist, zu betrüben? Dafür sind alle Strafen der Hölle noch zu gelinde.

Die Vorwürfe des Pfarrers drangen wie ein neues Schwert in den Busen des Unglücklichen und begannen grausam darin zu wühlen und sein Herz in tausend kleine Teile zu zerspalten, von denen jedes wieder ein ganzes Herz voll grenzenlosen Jammers war. Seinen Gott betrübt zu haben, der sich selbst in Gestalt seines Sohnes den Menschen zum Opfer gegeben! Und er hatte es doch so gut gemeint! Aber eine Betrübnis Gottes mußte ja um so viel größer und gewaltiger sein denn jede menschliche Betrübnis, als der Schöpfer größer und gewaltiger ist denn die Kreatur. An allen Gliedern schlotternd und bebend ließ er sich durch die Nachkommenden vom 128 Beichtstuhl wegdrängen und hatte nur noch die Kraft, sich vor den Altar zu schleppen, über dem die allerseligste Jungfrau in unsäglicher Milde und Schönheit mit dem gebenedeiten Kindlein thronte. Er richtete den letzten Blick auf sie und schlug vor übergroßem Weh tot zu Boden.

Die Heilige hatte des harten Priesters Worte vernommen und leise dazu den Kopf geschüttelt. Und sie schuf es, daß niemand des Liegenden acht hatte, während die Gläubigen sich nach und nach aus dem Kirchlein entfernten, das bei anbrechendem Abend vom Mesner geschlossen wurde. Als es ganz leer und stille geworden, wandte die Himmlische ihr schönes Haupt nach links, wo in einer Nische neben der ihren Sankt Michael mit gezogenem Schwerte stand. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, war weder Bitte noch Befehl, aber eine wunderholde Mischung von beidem, in der noch etwas wie eine leise Schalkheit lag, daß er den leibhaftigen Beelzebub zum Gehorsam gezwungen hätte, geschweige einen so ritterlichen Gefolgsmann, der nur zu ihrem Dienste dastand. Der Getreue neigte sein Haupt, steckte das Schwert in 129 die Scheide, stieg von seiner Nische herunter und verschwand.

Gegen Mitternacht erhob sich draußen vor dem Kirchlein ein Wehen und Sausen, wie wenn der Nachtwind um die Mauern schnaubt. Das war Luzifer, den die Gier nach der verfallenen Seele schon vor dem völligen Ablauf der letzten Frist hergezogen hatte, und der jetzt nicht wußte, wie ihr beikommen, denn solange sie sich in der Hut des Gotteshauses befand, hatte er noch keine Macht über sie. Diese war noch gar nicht aus dem Körper ausgefahren; von der heiligen Luft gebunden, lag sie ruhig und schlief in ihrem erstarrten Gehäuse. Der Wilde schlug stöhnend und heulend mit seinen dunklen Fledermausflügeln gegen die gemalten Scheiben, die im Mondlicht glänzten, daß sie heftig klirrten, er peitschte die Wasser des kleinen Sees zu hohen Wellen, rüttelte wütend an den Mauern des Kirchleins und rannte mit seinen kurzen Hörnern wie mit einem Sturmbock wider die Apside des Chors, in dessen Schutz der Tote lag. Aber die heiligen Wände mit ihren Fenstern und Türen hielten stand.

Das war kein kleiner Schrecken für den Sakristan, als 130 er am Morgen nach jener Sturmnacht einen Toten vor dem Altar und die Nische des heiligen Michael leer fand. Und großes Wehklagen erhob sich in der Gemeinde, als man in dem Verblichenen den Wohltäter des Landes erkannte, von dem jeder schon eine Guttat empfangen hatte und neue Guttaten erhoffte. Nur allein der strenge Geistliche wollte ihm ein christliches Begräbnis versagen, darum daß, wie er erklärte, der heilige Michael voll Abscheu den Ort, den jener durch seine Gegenwart entheiligte, verlassen habe. Allein er konnte mit dieser Ansicht bei denen, die über ihm standen, nicht durchdringen, da ja die gnadenreiche Mutter noch immer holdlächelnd in ihrer Nische stand. Und weil er das Beichtgeheimnis nicht verletzen durfte, mußte er es geschehen lassen, daß man den Hörigen des Satanas neben den reinen Schafen seiner Herde mit vielen Ehren und unter großer Trauer beisetzte.

Im Augenblick, wo der tote Benignus aus der Kirche getragen ward, entfuhr die Seele wie ein letzter Lufthauch dem Munde, und da hielt sich auch schon Luzifer unsichtbar bereit, der sie, schwapp, mit einem 131 Griff einfing und in den mitgebrachten Sack steckte, wie er mit Fug und Recht durfte. Da er jedoch ein hoffärtiger Geist ist, wollte er seinen Sieg auch verherrlichen und es den himmlischen Heerscharen zu kosten geben, daß er das allerfrömmste und liebreichste Christenherz ergattert hatte. Er erhob also ein mächtiges Flügelschlagen und flog in gewaltiger Größe wie eine dunkle Sturmwolke zwischen Himmel und Erde hin, den Sack mit der erbeuteten Seele wie ein Siegeszeichen vor sich herschwingend.

Da vermeinte er, durch den Sturmwind, den er selbst erregte, seinen Namen rufen zu hören, hielt an und blickte auf die abendliche Erde hinab.

Aus dem Fenster jener Schenke, wo durch einen Landsknechtsfluch diese fromme Seele zum erstenmal aus dem rechten Wege geworfen worden war, schimmerte Licht, und es schien dem Schwarzen, dort sitze einer, der nach ihm begehre. Und wie er denn immer unersättlich ist, beschlich ihn die Versuchung, gleich noch einen zweiten Fang zu tun, bevor er den ersten in Sicherheit brächte. Senkte also seinen Flug und sah durchs Fenster.

132 Drinnen saß ein Kriegsmann ganz allein, der trug ein prachtvolles geschlitztes Wams, weite Pluderhosen mit dem Dolch im Gürtel; dazu eine wunderschöne Feder auf der Mütze; eine lange Hellebarde lehnte an der Wand. Er hatte eine Kanne Wein vor sich stehen, stützte das Kinn in die Hand und sah stolz und mißvergnügt aus, recht wie ein Soldat in Friedenszeiten, der nicht mehr weiß, wo sein Platz ist.

Sollte der mich gerufen haben? dachte Luzifer und freute sich unbändig auf die stattliche Prise. Weil er aber seiner Sache nicht sicher war und keine Abweisung von dem Stolzen befahren wollte, nahm er gleichfalls die Gestalt eines gartenden Landsknechts an, trat ein und setzte sich zu dem einsamen Gaste an den Tisch, nachdem er den Sack auf eine Bank geworfen hatte. Jener erwiderte seinen Gruß, schenkte ihm auch von seinem glutroten Weine ein, behandelte aber den Ankömmling mit einer vornehmen Überlegenheit, als ob er nur aus Herablassung die Kameradschaft gelten lasse.

Der muß was Großes sein, dachte Luzifer, und seine Gier wuchs, ihn an sich zu bringen.

133 Was hast du da in deinem Sack? fragte der Fremde so obenhin, mit dem Daumen über die Achsel deutend.

Der Teufel log und sagte: Ich habe ein Stück Kalbsfell drin, das ich gerben lassen will zu einem Paar Schuhe.

Dann fragte er einerseits:

Von welchem Vogel stammt die schöne Feder auf deiner Mütze?

Da brüstete sich der andere und sagte: Sie stammt von dem heiligen Michael, dem ich sie eigenhändig aus dem Flügel gerauft habe.

Das lügst du, Bruder, entgegnete Luzifer, der mit dem heiligen Michael schon des öfteren zu tun gehabt hatte und wußte, daß dem nicht beizukommen war.

Wenn ich gelogen habe, so möge ich heute noch zur Hölle fahren, verschwor sich der andere.

Darüber freute sich der Schwarze baß, denn er meinte, nun sei das Seil geflochten, woran er ihn mit sich ziehen werde. Allein der andere hatte nicht gelogen, denn er war der heilige Michael in Person, und die Feder hatte er sich selber aus dem Fittich gezogen und sie zur Zier auf die Mütze gesteckt, bevor er sich in verwandelter Gestalt am Schenktisch niederließ.

134 Höre, Kamerad, sagte Luzifer und rückte begehrlich näher, wir müssen besser bekannt werden, du scheinst ein ganz verteufelter Kerl zu sein.

Und da der Gernegroß sich nicht einmal in der Verkleidung lumpen lassen mochte, rief er, nachdem er von dem Wein des Fremden getrunken hatte:

Um den knöcheln wir.

Er hatte aber drei Würfel in der Tasche, die immer nach dem Willen ihres Besitzers rollen mußten. Diese warf er auf den Tisch, der Fremde warf dagegen, und Luzifer verlor nach seiner Absicht, um den Gegner zu kirren.

Jetzt aber vom Besten her! schrie er prahlerisch und ließ den Wirt aus dem Keller eine Flasche Goldhellen bringen, der wie flüssiger Bernstein in den Gläsern funkelte. Sie tranken weiter, und der Neuangekommene schwadronierte mächtig, um den andern zum Reden zu bringen, erzählte von der Pavier Schlacht, die er als Gelbschnabel unter dem tapferen Frundsberg mitgemacht, und wie es da gedonnert und gebullert habe.

Und ich selber, prahlte er, schoß den Langemantel aus Augsburg nieder, der auf Seite der Franzischen 135 gegen den Kaiser focht, dann zog ich den Allerchristlichsten König vom Roß, der sich aber nur dem Vizereg ergeben wollte –

Und zur Bekräftigung stimmte der Vater der Lügen das alte Landsknechtslied an:

Schießt drein, schießt drein, ihr fromme Landsknecht,
Gar ritterlich wöll wir fechten!

Doch der andere blieb ganz kalt und sagte nur, das sei alles nicht der Rede wert, da könnte er von ganz anderem Donnern und Bullern erzählen.

Sie fuhren unter Prahlereien fort zu trinken und zu würfeln, und Verlust und Gewinn gingen zwischen ihnen hin und her, so wie es der Böse wollte, um den andern sicher zu machen. Und als die Wut des Spieles einmal erwacht war, schien es ihnen ganz gleich zu sein, um was sie würfelten; jeder setzte, was ihm von seinen Sachen zuhanden kam. Als der Fremde auch noch seinen Dolch verloren hatte und keine Lust zum Weiterspielen mehr zeigte, drang ihm der falsche Kamerad noch einmal zur Genugtuung die Würfel auf, indem er wie ein Trunkener brüllte:

Jetzt geht's um Leib und Leben!

136 Mir auch recht, sagte der andere ruhig, aber zugleich ging ein Blitz aus seinen Augen, der den Bösen fast zu Boden schleuderte.

Donner, ist das ein Kerl, dachte dieser, den muß ich haben.

Höre, Bruder, sagte er laut, diesmal gilt's! Wer verliert, geht mit dem andern, wohin er's haben will, wird sein Knecht und verläßt ihn nicht mehr ohne seine Erlaubnis.

Topp! sagte jener, ergriff die Würfel, drehte und schüttelte sie so lang in seiner gewaltigen Rechten, bis der höllische Zauber aus ihnen wich, dann warf er lachend den höchsten Pasch. Gleichzeitig stand er schon in seiner himmlischen Schönheit als heiliger Michael im gleißenden Harnisch mit dem Strahlenkranz um die Stirne da, daß der Schwarze die Augen schließen mußte. Aber auch von diesem fiel die erborgte Hülle ab, und er trat daraus hervor, nackt und jämmerlich anzusehen, wie eine graue, spitzöhrige Riesenfledermaus.

Da streckte Michael zwei Finger gegen ihn, doch ohne ihn zu berühren, und sagte: Komm!

137 Aus seinen Fingerspitzen schoß es hervor wie die Gewalt des stärksten Magneten, Luzifer mußte nach, wohin sie ihn zogen, ob er sich auch wand und sperrte. Drum sagte er finster:

Nenne das Lösegeld, ich sehe schon, umsonst gibst du mich nicht frei.

Denn die zwei waren alte Widersacher, die sich schon manch liebes Mal gemessen hatten, und immer zum Schaden des Bösen.

Diesmal verlange ich nicht viel, lachte Michael, gib mir nur das Ding im Sack, was du dein Kalbsfell nennst.

Luzifer brüllte vor Wut, denn die arme Seele, nach der er zwanzig Jahre gedürstet, wollte er nicht verlieren. Da begann Michael aufs neue die Magnetkraft spielen zu lassen und hatte die große Fledermaus schon bis zur Schwelle gezogen, wo diese sich noch ein letztes Mal verzweifelt anklammerte. Der Böse wußte, daß, sobald sie draußen waren, sein Widersacher sich mit der Gewalt eines Riesenadlers auf ihn stürzen und ihn hinauftragen würde in die seligen Gefilde, wo er selbst einmal als der schönste der 138 Erzengel geglänzt hatte, jetzt aber in seiner Jammergestalt den einstigen Gefährten zum unauslöschlichen Gelächter dienen sollte, vor allem der Frau, die er am meisten haßte, weil sie ihm den Bezwinger geboren hatte, durch den seine Macht auf Erden gebrochen war.

Da sein stolzes Herz solche Schmach nicht erdulden wollte, ergriff er grimmig den Sack, schleuderte ihn dem Streiter Gottes zu und verschwand. Schon war es kein rauher Sack mehr, was der Erzengel auffing, sondern ein goldhelles, seidiges Gespinst wie die Puppe einer riesigen Seidenraupe. Damit flog Michael empor und legte seine Beute zu den Füßen der lächelnden Gnadenmutter, die ihm dankend entgegenschwebte.

Sie übergab den Eingesponnenen einer Schar verklärter Geister, denen er in seinem früheren Leben Gutes getan und die ihn jetzt nach einer lichten Anhöhe trugen, wo er beim Ausschlüpfen aus seiner Verpuppung gleich den Blick in die entzückendste Landschaft frei hatte. Dort schlummerte er, von guten Geistern betreut, einem seligen Erwachen entgegen.

Zu Maria im See stand der heilige Michael mit 139 seinem hölzernen Röcklein wieder in der Nische bei der Madonna, und niemand konnte sagen, wie er zurückgekommen. Aus dem Grabe des frommen Benignus aber sproßte ein balsamischer Wunderstrauch, dessen gleichen man nie gesehen hatte und der nur aus dem Paradiese stammen konnte. Denn seine Blüten und seine Blätter strömten einen höchst erquicklichen Wohlgeruch aus, und im Frühjahr trug er gelbe Kätzchen, die, zu Pulver zerrieben, gegen jede Art von Krankheit und Gebresten gut waren, so daß der Ort um seinetwillen das Ziel vieler Wallfahrer wurde.

Nun wurmte es den strengen Gottesmann, der dem Kirchlein vorstand, gewaltig, daß er vor der ganzen Gemeinde zuschanden geworden war, und er begann im Herzen zu grollen und zu hadern, wie einst der Prophet Jonas mit dem Herrn gehadert hatte, als dieser die große Stadt Ninive nicht zerstören wollte, wie er ihr doch im Zorn durch den Mund seines Propheten angekündigt. Da er nun eines Tages mit also verdüstertem Gemüt vor den Altar trat, fand es sich, daß die heiligste Jungfrau ihr Antlitz gegen die Mauer gekehrt hatte und ihm den hölzernen Rücken 140 zuwandte, auf den, da er nicht sichtbar sein sollte, der Künstler nur wenig Fleiß verwendet hatte.

Im Glauben, daß eine bübische Hand ihm diesen Streich gespielt habe, wollte der Zornmütige das heilige Bildnis wieder zurechtrücken, aber es stand so fest, als ob es in dieser Stellung angewachsen wäre. Da sah er, daß die Heilige ihm zürnte, sank erschrocken auf die Knie und bereute mit der Stirn im Staube seine Härtigkeit. Als er endlich die Augen zu erheben wagte, stand die Madonna gütig lächelnd wie sonst an ihrem Platze. Von da an predigte der Eifrige nur noch Demut und Vergebung.

Die Allmacht aber hatte allem, was geschah, mit Lächeln zugeschaut, ohne sich einzumischen; denn sie wußte ja im voraus, wie es enden würde.

 


 








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