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Ein Sommernachtstraum

William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleEin Sommernachtstraum ? Der Kaufmann von Venedig ? Viel Lrm um nichts ...
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZrich
isbn3-257-20635-6
titleEin Sommernachtstraum
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Eine Stube in einer Hütte

Squenz, Schnock, Zettel, Flaut, Schnauz und Schlucker kommen.

Squenz.
Ist unsre ganze Kompanie beisammen?

Zettel.
Es wäre am besten, Ihr riefet sie auf einmal Mann für Mann auf, wie es die Liste gibt.

Squenz.
Hier ist der Zettel von jedermanns Namen, der in ganz Athen für tüchtig gehalten wird, in unserm Zwischenspiel vor dem Herzog und der Herzogin zu agieren, an seinem Hochzeitstag zu Nacht.

Zettel.
Erst, guter Peter Squenz, sag uns, wovon das Stück handelt; dann lies die Namen der Akteure ab und komm so zur Sache.

Squenz.
Wetter, unser Stück ist – die höchst klägliche Komödie und der höchst grausame Tod des Pyramus und der Thisbe.

Zettel.
Ein sehr gutes Stück Arbeit, ich sag's euch! und lustig! – Nun, guter Peter Squenz, ruf die Akteure nach dem Zettel auf. – Meister, stellt euch auseinander!

Squenz.
Antwortet, wie ich euch rufe! – Klaus Zettel, der Weber.

Zettel.
Hier! Sagt, was ich für einen Part habe, und dann weiter.

Squenz.
Ihr, Klaus Zettel, seid als Pyramus angeschrieben.

Zettel.
Was ist Pyramus ? Ein Liebhaber oder ein Tyrann?

Squenz.
Ein Liebhaber, der sich auf die honetteste Manier vor Liebe umbringt.

Zettel.
Das wird einige Tränen kosten bei einer wahrhaftigen Vorstellung. Wenn ich's mache, laßt die Zuhörer nach ihren Augen sehn! Ich will Sturm erregen, ich will einigermaßen lamentieren. Nun zu den übrigen; – eigentlich habe ich noch das beste Genie zu einem Tyrannen; ich könnte einen Herkles kostbarlich spielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und klein schlagen muß.

Der Felsen Schoß
Und toller Stoß
Zerbricht das Schloß
    Der Kerkertür,

Und Phöbus' Karrn
Kommt angefahrn
Und macht erstarrn
    Des stolzen Schicksals Zier.

Das ging prächtig. – Nun nennt die übrigen Akteure. – Dies ist Herklessens Natur, eines Tyrannen Natur; ein Liebhaber ist schon mehr lamentabel.

Squenz.
Franz Flaut, der Bälgenflicker!

Flaut.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Flaut, Ihr müßt Thisbe über Euch nehmen.

Flaut.
Was ist Thisbe? ein irrender Ritter?

Squenz.
Es ist das Fräulein, das Pyramus lieben muß.

Flaut.
Ne, meiner Seel, laßt mich keine Weiberrolle machen; ich kriege schon einen Bart.

Squenz.
Das ist alles eins! Ihr sollt's in einer Maske spielen und könnt so fein sprechen, als Ihr wollt.

Zettel.
Wenn ich das Gesicht verstecken darf, so gebt mir Thisbe auch. Ich will mit 'ner terribel feinen Stimme reden: «Thisne, Thisne! – Ach Pyramus, mein Liebster schön! Deine Thisbe schön und Fräulein schön!»

Squenz.
Nein, nein! Ihr müßt den Pyramus spielen und, Flaut, Ihr, die Thisbe.

Zettel.
Gut, nur weiter!

Squenz.
Matz Schlucker, der Schneider!

Schlucker.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Matz Schlucker, Ihr müßt Thisbes Mutter spielen. Thoms Schnauz, der Kesselflicker!

Schnauz.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr, des Pyramus Vater, ich selbst Thisbes Vater; Schnock, der Schreiner, Ihr des Löwen Rolle. Und so wäre dann halt 'ne Komödie in den Schick gebracht.

Schnock.
Habt Ihr des Löwen Rolle aufgeschrieben? Bitt Euch, wenn Ihr sie habt, so gebt sie mir; denn ich habe einen schwachen Kopf zum Lernen.

Squenz.
Ihr könnt sie ex tempore machen; es ist nichts wie brüllen.

Zettel.
Laßt mich den Löwen auch spielen. Ich will brüllen, daß es einem Menschen im Leibe wohl tun soll, mich zu hören. Ich will brüllen, daß der Herzog sagen soll: «Noch mal brüllen! Noch mal brüllen!»

Squenz.
Wenn Ihr es gar zu fürchterlich machtet, so würdet Ihr die Herzogin und die Damen erschrecken, daß sie schrien, und das brächte uns alle an den Galgen.

Alle.
Ja, das brächte uns an den Galgen, wie wir da sind.

Zettel.
Zugegeben, Freunde! wenn ihr die Damen erst so erschreckt, daß sie um ihre fünf Sinne kommen, so werden sie unvernünftig genug sein, uns aufzuhängen. Aber ich will meine Stimme forcieren, ich will euch so sanft brüllen wie ein saugendes Täubchen: – ich will euch brüllen, als wär es 'ne Nachtigall.

Squenz.
Ihr könnt keine Rolle spielen als den Pyramus. Denn Pyramus ist ein Mann mit einem süßen Gesicht, ein hübscher Mann, wie man ihn nur an Festtagen verlangen kann, ein scharmanter, artiger Kavalier. Derhalben müßt Ihr platterdings den Pyramus spielen.

Zettel.
Gut, ich nehm's auf mich. In was für einem Bart könnt ich ihn wohl am besten spielen?

Squenz.
Nu, in was für einem Ihr wollt.

Zettel.
Ich will ihn machen entweder in dem strohfarbenen Bart, oder in dem orangegelben Bart, oder in dem karmesinroten Bart, in dem ganz gelben.

Squenz.
Hier, Meister, sind eure Rollen, und ich muß euch bitten, ermahnen und ersuchen, sie bis morgen nacht auswendig zu wissen. Trefft mich in dem Schloßwalde, eine Meile von der Stadt, bei Mondschein: da wollen wir probieren. Denn wenn wir in der Stadt zusammenkommen, werden wir ausgespürt, kriegen Zuhörer, und die Sache kommt aus. Zugleich will ich ein Verzeichnis von Artikeln machen, die zu unserm Spiele nötig sind. Ich bitt euch, bleibt mir nicht aus.

Zettel.
Wir wollen kommen, und da können wir recht unverschämt und herzhaft probieren. Gebt euch Mühe! Könnt eure Rollen perfekt! Adieu!

Squenz.
Bei des Herzogs Eiche treffen wir uns.

Zettel.
Dabei bleibt's, es mag biegen oder brechen!

(Alle ab.)

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