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Gutenberg > William Shakespeare >

Ein Sommernachtstraum

William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleEin Sommernachtstraum ? Der Kaufmann von Venedig ? Viel Lärm um nichts ...
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20635-6
titleEin Sommernachtstraum
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug

Erste Szene

Ein Zimmer im Palast des Theseus

Theseus, Hippolyta, Philostrat, Herren vom Hofe und Gefolge treten auf.

Hippolyta.
Was diese Liebenden erzählen, mein Gemahl,
Ist wundervoll.

Theseus.
Mehr wundervoll wie wahr.
Ich glaubte nie an diese Feenpossen
Und Fabelein. Verliebte und Verrückte
Sind beide von so brausendem Gehirn,
So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt,
Was nie die kühlere Vernunft begreift.
Wahnwitzige, Poeten und Verliebte
Bestehn aus Einbildung. Der eine sieht
Mehr Teufel, als die weite Hölle faßt:
Der Tolle nämlich; der Verliebte sieht,
Nicht minder irr, die Schönheit Helenas
Auf einer äthiopisch braunen Stirn.
Des Dichters Aug, in schönem Wahnsinn rollend,
Blitzt auf zum Himmel, blitzt zur Erd hinab,
Und wie die schwangre Phantasie Gebilde
Von unbekannten Dingen ausgebiert,
Gestaltet sie des Dichters Kiel, benennt
Das luftge Nichts und gibt ihm festen Wohnsitz.
So gaukelt die gewaltge Einbildung;
Empfindet sie nur irgend eine Freude,
Sie ahnet einen Bringer dieser Freude;
Und in der Nacht, wenn uns ein Graun befällt,
Wie leicht, daß man den Busch für einen Bären hält!

Hippolyta.
Doch diese ganze Nachtbegebenheit
Und ihrer aller Sinn, zugleich verwandelt,
Bezeugen mehr als Spiel der Einbildung:
Es wird daraus ein Ganzes voll Bestand,
Doch seltsam immer noch und wundervoll.

Lysander, Demetrius, Hermia und Helena treten auf.

Theseus.
Hier kommen die Verliebten, froh entzückt.
Glück, Freunde, Glück! Und heitre Liebestage
Nach Herzenswunsch!

Lysander.
Beglückter noch, mein Fürst,
Sei Euer Aus- und Eingang, Tisch und Bett!

Theseus.
Nun kommt! Was haben wir für Spiel' und Tänze?
Wie bringen wir nach Tisch bis Schlafengehn
Den langen Zeitraum von drei Stunden hin?
Wo ist der Meister unsrer Lustbarkeiten?
Was gibt's für Kurzweil? Ist kein Schauspiel da,
Um einer langen Stunde Qual zu lindern? –
Ruft mir den Philostrat.

Philostrat.
Hier, großer Theseus!

Theseus.
Was gibt's für Zeitvertreib auf diesen Abend?
Was für Musik und Tanz? Wie täuschen wir
Die träge Zeit als durch Belustigung?

Philostrat.
Der Zettel hier besagt die fertgen Spiele:
Wähl Eure Hoheit, was sie sehen will.

(Überreicht ein Papier.)

Theseus (liest).
«Das Treffen der Kentauren – wird zur Harfe
Von einem Hämling aus Athen gesungen.»
Nein, nichts hievon! Das hab ich meiner Braut
Zum Ruhm des Vetter Herkules erzählt. –
«Der wohlbezechten Bacchanalen Wut,
Wie sie den Sänger Thraziens zerreißen.»
Das ist ein altes Stück; es ward gespielt,
Als ich von Theben siegreich wiederkam. –
«Der Musen Neunzahl, traurend um den Tod
Der jüngst im Bettelstand verstorbenen Gelahrtheit.»
Das ist 'ne strenge, beißende Satire,
Die nicht zu einer Hochzeitsfeier paßt. –
«Ein kurz langweilger Akt vom jungen Pyramus
Und Thisbe, seinem Lieb. Spaßhafte Tragödie.»
Kurz und langweilig? Spaßhaft und doch tragisch?
Das ist ja glühend Eis und schwarzer Schnee.
Wer findet mir die Eintracht dieser Zwietracht?

Philostrat.
Es ist ein Stück, ein Dutzend Worte lang,
Und also kurz, wie ich nur eines weiß;
Langweilig wird es, weils ein Dutzend Worte
Zu lang ist, gnädger Fürst; kein Wort ist recht
Im ganzen Stück, kein Spieler weiß Bescheid.
Und tragisch ist es auch, mein Gnädigster,
Denn Pyramus bringt selbst darin sich um.
Als ichs probieren sah, ich muß gestehn,
Es zwang mir Tränen ab; doch lustger weinte
Des lauten Lachens Ungestüm sie nie.

Theseus.
Wer sind die Spieler?

Philostrat.
Männer, hart von Faust,
Die in Athen hier ein Gewerbe treiben,
Die nie den Geist zur Arbeit noch geübt
Und nun ihr widerspenstiges Gedächtnis
Mit diesem Stück auf Euer Fest geplagt.

Theseus.
Wir wollen's hören.

Philostrat.
Nein, mein gnädger Fürst,
Es ist kein Stück für Euch. Ich hört es an,
Und es ist nichts daran, nichts auf der Welt,
Wenn Ihr nicht Spaß an ihren Künsten findet,
Die sie mit schwerer Müh sich eingeprägt,
Euch damit aufzuwarten.

Theseus.
Ich will's hören,
Denn nie kann etwas unwillkommen sein,
Was Einfalt darbringt und Ergebenheit.
Geht, führt sie her! Ihr Frauen, nehmet Platz!

(Philostrat ab.)

Hippolyta.
Ich mag nicht gern Armseligkeit bedrückt,
Ergebenheit im Dienst erliegen sehn.

Theseus.
Du sollst ja, Teure, nichts dergleichen sehn.

Hippolyta.
Er sagt ja, sie verstehen nichts hievon.

Theseus.
Um desto gütger ist's, für nichts zu danken.
Was sie versehen, ihnen nachzusehen,
Sei unsre Lust. Was armer, willger Eifer
Zu leisten nicht vermag, schätz edle Rücksicht
Nach dem Vermögen nur, nicht nach dem Wert.
Wohin ich kam, da hatten sich Gelahrte
Auf wohlgesetzte Reden vorbereitet;
Da haben sie gezittert, sich entfärbt,
Gestockt in einer halb gesagten Phrase;
Die Angst erstickte die erlernte Rede,
Noch eh sie ihren Willkomm vorgebracht,
Und endlich brachen sie verstummend ab.
Sogar aus diesem Schweigen, liebes Kind,
Glaub mir, fand ich den Willkomm doch heraus;
Ja, in der Schüchternheit bescheidnen Eifers
Las ich soviel als von der Plapperzunge
Vorwitzig prahlender Beredsamkeit.
Wenn Lieb und Einfalt sich zu reden nicht erdreisten,
Dann, dünkt mich, sagen sie im Wenigsten am meisten.

Philostrat kommt zurück.

Philostrat.
Beliebt es Eurer Hoheit? Der Prolog
Ist fertig.

Theseus.
Laßt ihn kommen.

Trompeten. – Der Prolog tritt auf.

Prolog.
Wenn wir mißfallen tun, so ist's mit gutem Willen;
Der Vorsatz bleibt doch gut, wenn wir ihn nicht erfüllen.
Zu zeigen unsre Pflicht durch dieses kurze Spiel,
Das ist der wahre Zweck von unserm End und Ziel.
Erwäget also denn: warum wir kommen sein:
Wir kommen nicht, als sollt ihr euch daran ergetzen;
Die wahre Absicht ist – zu eurer Lust allein
Sind wir nicht hier – daß wir in Reu und Leid euch setzen.
Die Spieler sind bereit; wenn ihr sie werdet sehen,
Versteht ihr alles schon, was ihr nur wollt verstehen.

Theseus.
Dieser Bursche nimmt's nicht sehr genau.

Lysander.
Er hat seinen Prolog geritten wie ein wildes Füllen; er weiß noch nicht, wo er halt machen soll. Eine gute Lehre, gnädiger Herr: es ist nicht genug, daß man rede; man muß auch richtig reden.

Hippolyta.
In der Tat, er hat auf seinem Prolog gespielt wie ein Kind auf der Flöte. Er brachte wohl einen Ton heraus, aber keine Note.

Theseus.
Seine Rede war wie eine verwickelte Kette: nichts zerrissen, aber alles in Unordnung. Wer kommt zunächst?

Pyramus, Thisbe, Wand, Mondschein und Löwe treten als stumme Personen auf.

Prolog.
Was dies bedeuten soll, das wird euch wundern müssen,
Bis Wahrheit alle Ding' stellt an das Licht herfür.
Der Mann ist Pyramus, wofern ihr es wollt wissen;
Und dieses Fräulein schön ist Thisbe, glaubt es mir.
Der Mann mit Mörtel hier und Leimen soll bedeuten
Die Wand, die garstge Wand, die ihre Lieb tät scheiden.
Doch freut es sie, drob auch sich niemand wundern soll,
Wenn durch die Spalte klein sie konnten flüstern wohl.
Der Mann da mit Latern und Hund und Busch von Dorn
Den Mondschein präsentiert, denn, wann ihr's wollt erwägen:
Bei Mondschein hatten die Verliebten sich verschworn,
Zu gehen nach Nini Grab, um dort der Lieb zu pflegen.
Dies gräßlich wilde Tier, mit Namen Löwe groß,
Die treue Thisbe, die des Nachts zuerst gekommen,
Tät scheuchen, ja vielmehr erschrecken, daß sie bloß
Den Mantel fallen ließ und drauf die Flucht genommen.
Drauf dieser schnöde Löw in seinen Rachen nahm
Und ließ mit Blut befleckt den Mantel lobesam.
Sofort kommt Pyramus, ein Jüngling weiß und rot,
Und find't den Mantel da von seiner Thisbe tot;
Worauf er mit dem Deg'n, mit blutig bösem Degen
Die blutge heiße Brust sich tapferlich durchstach;
Und Thisbe, die indes im Maulbeerschatten glegen,
Zog seinen Dolch heraus und sich das Herz zerbrach.
Was noch zu sagen ist, das wird – glaubt mir fürwahr! –
Euch Mondschein, Wand und Löw und das verliebte Paar
Der Läng und Breite nach, solang sie hier verweilen,
Erzählen, wenn ihr wollt, in wohlgereimten Zeilen.

(Prolog, Thisbe, Löwe und Mondschein ab.)

Theseus.
Mich nimmt wunder, ob der Löwe sprechen wird.

Demetrius.
Kein Wunder, gnädiger Herr: ein Löwe kann's wohl, da so viele Esel es tun.

Wand.
In dem besagten Stück es sich zutragen tut,
Daß ich, Thoms Schnauz genannt, die Wand vorstelle gut.
Und eine solche Wand, wovon ihr solltet halten,
Sie sei durch einen Schlitz recht durch und durch gespalten,
Wodurch der Pyramus und seine Thisbe fein
Oft flüsterten fürwahr ganz leis und insgeheim.
Der Mörtel und der Lehm und dieser Stein tut zeigen,
Daß ich bin diese Wand, ich wills euch nicht verschweigen;
Und dies die Spalte ist, zur Linken und zur Rechten,
Wodurch die Buhler zwei sich täten wohl besprechen.

Theseus.
Kann man verlangen, daß Lehm und Haar besser reden sollten?

Demetrius.
Es ist die witzigste Abteilung, die ich jemals vortragen hörte.

Theseus.
Pyramus geht auf die Wand los! Stille!

Pyramus.
O Nacht, so schwarz von Farb, o grimmerfüllte Nacht!
O Nacht, die immer ist, sobald der Tag vorbei.
O Nacht! O Nacht! O Nacht! ach! ach! ach! Himmel! ach!
Ich fürcht, daß Thisbes Wort vergessen worden sei. –
Und du, o Wand, o süß' und liebenswerte Wand,
Die zwischen unsrer beiden Eltern Haus tut stehen;
Du Wand, o Wand, o süß' und liebenswerte Wand!
Zeig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag sehen.
    (Wand hält die Finger in die Höhe.)
Hab Dank, du gute Wand! der Himmel lohn es dir!
Jedoch, was seh ich dort? Thisbe, die seh ich nicht.
O böse Wand, durch die ich nicht seh meine Zier,
Verflucht sei'n deine Stein', daß du so äffest mich.

Theseus.
Mich dünkt, die Wand müßte wieder fluchen, da sie Empfindung hat.

Pyramus.
Nein, fürwahr, Herr, das muß er nicht. «Äffest mich» ist Thisbes Stichwort; sie muß hereinkommen, und ich muß sie dann durch die Wand ausspionieren. Ihr sollt sehen, es wird just zutreffen, wie ich's Euch sage. Da kommt sie schon.

Thisbe kommt.

Thisbe.
O Wand, du hast schon oft gehört das Seufzen mein,
Mein'n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir;
Mein roter Mund hat oft geküsset deine Stein',
Dein' Stein', mit Lehm und Haar geküttet auf in dir.

Pyramus.
Ein' Stimm ich sehen tu; ich will zur Spalt und schauen,
Ob ich nicht hören kann meiner Thisbe Antlitz klar.
Thisbe!

Thisbe.
Dies ist mein Schatz, mein Liebchen ist's, fürwahr!

Pyramus.
Denk was du willst, ich bin's; du kannst mir sicher trauen,
Und gleich Limander bin ich treu in meiner Pflicht.

Thisbe.
Und ich gleich Helena, bis mich der Tod ersticht.

Pyramus.
So treu war Schefelus einst seiner Procrus nicht.

Thisbe.
Wie Procrus Schef'lus liebt', lieb ich dein Angesicht.

Pyramus.
O küß mich durch das Loch von dieser garstgen Wand!

Thisbe.
Mein Kuß trifft nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.

Pyramus.
Willst du bei Nickels Grab heut nacht mich treffen an?

Thisbe.
Sei's lebend oder tot, ich komme, wenn ich kann.

Wand.
So hab ich Wand nunmehr mein Part gemachet gut,
Und nun sich also Wand hinwegbegeben tut.

(Wand, Pyramus und Thisbe ab.)

Theseus.
Nun ist also die Wand zwischen den beiden Nachbarn nieder.

Demetrius.
Das ist nicht mehr als billig, gnädiger Herr, wenn Wände Ohren haben.

Hippolyta.
Dies ist das einfältigste Zeug, das ich jemals hörte.

Theseus.
Das Beste in dieser Art ist nur Schattenspiel, und das Schlechteste ist nichts Schlechteres, wenn die Einbildungskraft nachhilft.

Hippolyta.
Das muß denn Eure Einbildungskraft tun und nicht die ihrige.

Theseus.
Wenn wir uns nichts Schlechteres von ihnen einbilden als sie selbst, so mögen sie für vortreffliche Leute gelten. Hier kommen zwei edle Tiere herein, ein Mond und ein Löwe.

Löwe und Mondschein treten auf.

Löwe.
Ihr, Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus,
Die in monströser Gestalt tut auf dem Boden schweben,
Mögt itzo zweifelsohn erzittern und erbeben,
Wenn Löwe, rauh von Wut, läßt sein Gebrüll heraus.
So wisset denn, daß ich Hans Schnock der Schreiner bin,
Kein böser Löw fürwahr, noch eines Löwen Weib;
Denn käm ich als ein Löw und hätte Harm im Sinn,
So daurte, meiner Treu, mich mein gesunder Leib.

Theseus.
Eine sehr höfliche Bestie und sehr gewissenhaft.

Demetrius.
Das Beste von Bestien, gnädiger Herr, was ich je gesehn habe.

Lysander.
Dieser Löwe ist ein rechter Fuchs an Herzhaftigkeit.

Theseus.
Wahrhaftig, und eine Gans an Klugheit.

Demetrius.
Nicht so, gnädiger Herr, denn seine Herzhaftigkeit kann sich seiner Klugheit nicht bemeistern wie der Fuchs einer Gans.

Theseus.
Ich bin gewiß, seine Klugheit kann sich seiner Herzhaftigkeit nicht bemeistern; denn eine Gans bemeistert sich keines Fuchses. Wohl! überlaßt es seiner Klugheit und laßt uns auf den Mond horchen.

Mond.
Den wohlgehörnten Mond d'Latern z'erkennen gibt.

Demetrius.
Er sollte die Hörner auf dem Kopfe tragen.

Theseus.
Er ist ein Vollmond, seine Hörner stecken unsichtbar in der Scheibe.

Mond.
Den wohlgehörnten Mond d'Latern z'erkennen gibt;
Ich selbst den Mann im Mond, wofern es euch beliebt.

Theseus.
Das ist noch der größte Verstoß unter allen: der Mann sollte in die Laterne gesteckt werden; wie ist er sonst der Mann im Monde?

Demetrius.
Er darf es nicht wegen des Lichtes. Er würde es in Feuer und Flammen setzen.

Hippolyta.
Ich bin diesen Mond satt; ich wollte, er wechselte.

Theseus.
Das kleine Licht seiner Vernunft zeigt, daß er im Abnehmen ist. Aber doch aus Höflichkeit und der Ordnung wegen müssen wir die Zeit ausdauern.

Lysander.
Sprich weiter, Mond!

Mond.
Alles, was ich zu sagen habe, ist, euch zu melden, daß diese Laterne der Mond ist; ich der Mann im Monde; dieser Dornbusch mein Dornbusch; und dieser Hund mein Hund.

Demetrius.
Alle diese Dinge sollten also in der Laterne sein, denn sie sind im Monde. Doch still! hier kommt Thisbe.

Thisbe tritt auf.

Thisbe.
Dies ist ja Nickels Grab; wo ist mein Liebchen denn?

Löwe.
Oh! (Der Löwe brüllt, Thisbe läuft davon.)

Demetrius.
Gut gebrüllt, Löwe!

Theseus.
Gut gelaufen, Thisbe!

Hippolyta.
Gut geschienen, Mond! – In der Tat, der Mond scheint mit vielem Anstande.

(Der Löwe zerreißt den Mantel der Thisbe.)

Theseus.
Gut gezaust, Löwe!

Demetrius.
Und da kam Pyramus.

Pyramus kommt.

Lysander.
Und da verschwand der Löwe. (Löwe ab.)

Pyramus.
Ich dank dir, süßer Mond, für deine Sonnenstrahlen,
Die also hell und schön den Erdenball bemalen;
Dieweil bei deinem Gold und funkelnd süßem Licht
Zu kosten ich verhoff mein'r Thisben Angesicht.
        Doch halt, o Pein!
        Was soll dies sein?
            Was für ein Graus ist dies?
        Aug, siehst du noch?
        O schweres Joch!
            Mein Herz, mein Liebchen süß,
        Dein Mantel gut
        Befleckt mit Blut!
            Ihr Furien, kommt im Trab
        Herbei und rächt
        Und löscht und brecht
            Den Lebensfaden ab.

Theseus.
Dieser Jammer und der Tod eines werten Freundes sollten einen Menschen schon zum Trauern bringen.

Hippolyta.
Bei meiner Seele, ich bedaure den Mann.

Pyramus.
Warum denn, o Natur, tatst du den Löwen bauen?
Weil solch ein schnöder Löw mein Lieb hat defloriert;
Sie, welche ist – nein, war – die schönste alter Frauen,
Die je des Tages Glanz mit ihrem Schein geziert.
        Komm, Tränenschar!
        Aus, Schwert! durchfahr
            Die Brust dem Pyramo!
        Die Linke hier,
        Wo 's Herz hüpft mir;
            So sterb ich denn, so, so!
        Nun tot ich bin,
        Der Leib ist hin,
            Die Seel speist Himmelsbrot.
        O Zung, Tisch aus!
        Mond, lauf nach Haus!
            Nun tot, tot, tot, tot, tot!

(Er stirbt. Mondschein ab.)

Hippolyta.
Wie kommt's, daß der Mondschein weggegangen ist, ehe Thisbe zurückkommt und ihren Liebhaber findet?

Theseus.
Sie wird ihn beim Sternenlicht finden. – Hier kommt sie;
    Thisbe kommt.
und ihr Jammer endigt das Spiel.

Hippolyta.
Mir deucht, sie sollte keinen langen Jammer für solch einen Pyramus nötig haben; ich hoffe, sie wird sich kurz fassen.

Demetrius.
Eine Motte wird in der Waage den Ausschlag geben, ob Pyramus oder Thisbe mehr taugt.

Lysander.
Sie hat ihn schon mit ihren süßen Augen ausgespäht.

Demetrius.
Und so jammert sie folgendergestalt.

Thisbe.
          Schläfst du, mein Kind?
Steh auf geschwind!
    Wie, Täubchen, bist du tot?
O sprich! o sprich!
O rege dich!
    Ach! tot ist er! o Not!
Dein Lilienmund,
Dein Auge rund,
    Wie Schnittlauch frisch und grün;
Dein' Kirschennas,
Dein' Wangen blaß,
    Die wie ein Goldlack blühn,
Soll nun ein Stein
Bedecken fein?
    O klopf mein Herz und brich!
Ihr Schwestern drei!
Kommt, kommt herbei
    Und leget Hand an mich!
Zung, nicht ein Wort!
Nun, Dolch, mach fort,
    Zerreiß des Busens Schnee.
Lebt wohl, ihr Herrn!
Ich scheide gern.
Ade, ade, ade! (Sie stirbt.)

Theseus.
Mondschein und Löwe sind übriggeblieben, um die Toten zu begraben.

Demetrius.
Ja, und Wand auch.

Zettel.
Nein, wahrhaftig nicht; die Wand ist niedergerissen, die ihre Väter trennte. Beliebt es euch, den Epilog zu sehen oder einen Bergomasker Tanz zwischen zweien von unsrer Gesellschaft zu hören?

Theseus.
Keinen Epilog, ich bitte euch; euer Stück bedarf keiner Entschuldigung. Entschuldigt nur nicht: wenn alle Schauspieler tot sind, braucht man keinen zu tadeln. Meiner Treu, hätte der, der es geschrieben hat, den Pyramus gespielt und sich in Thisbes Strumpfband aufgehängt, so wär es eine schöne Tragödie gewesen; und das ist es auch, wahrhaftig, und recht wacker agiert. Aber kommt, euren Bergomasker Tanz! Den Epilog laßt laufen.

(Ein Tanz von Rüpeln.)

Theseus.
Die Mitternacht rief zwölf mit ehrner Zunge.
Zu Bett, Verliebte! Bald ist's Geisterzeit.
Wir werden, fürcht ich, in den Morgen schlafen,
Soweit wir in die Nacht hinein gewacht.
Dies greiflich dumme Spiel hat doch den trägen Gang
Der Nacht getäuscht. Zu Bett, geliebten Freunde!
Noch vierzehn Tage lang soll diese Festlichkeit
Sich jede Nacht erneun mit Spiel und Lustbarkeit.

(Alle ab.)

Droll (tritt auf.)
Jetzt beheult der Wolf den Mond,
Durstig brüllt im Forst der Tiger;
Jetzt, mit schwerem Dienst verschont,
Schnarcht der arbeitsmüde Pflüger;
Jetzo schmaucht der Brand am Herd,
Und das Käuzlein kreischt und jammert,
Daß der Krank' es ahnend hört
Und sich fest ans Kissen klammert;
Jetzo gähnt Gewölb und Grab,
Und, entschlüpft den kalten Mauern,
Sieht man Geister auf und ab,
Sieht am Kirchhofszaun sie lauern.
Und wir Elfen, die mit Tanz
Hekates Gespann umhüpfen
Und, gescheucht vom Sonnenglanz,
Träumen gleich ins Dunkel schlüpfen,
Schwärmen jetzo; keine Maus
Störe dies geweihte Haus!
Voran komm ich mit Besenreis,
Den Flur zu fegen blank und weiß.

Oberon und Titania mit ihrem Gefolge treten auf.

Oberon.
Bei des Feuers mattem Flimmern,
Geister, Elfen, stellt euch ein!
Tanzet in den bunten Zimmern
Manchen leichten Ringelreihn!
Singt nach meiner Lieder Weise!
Singet! hüpfet! leise! leise!

Titania.
Wirbelt mir mit zarter Kunst
Eine Not' auf jedes Wort;
Hand in Hand, mit Feengunst,
Singt und segnet diesen Ort.

(Gesang und Tanz.)

Oberon.
Nun, bis Tages Wiederkehr,
Elfen, schwärmt im Haus umher!
Kommt zum besten Brautbett hin,
Daß es Heil durch uns gewinn!
Das Geschlecht, entsprossen dort,
Sei gesegnet immerfort;
Jedes dieser Paare sei
Ewiglich im Lieben treu;
Ihr Geschlecht soll nimmer schänden
Die Natur mit Feindeshänden;
Und mit Zeichen schlimmer Art,
Muttermal und Hasenschart,
Werde durch des Himmels Zorn
Ihnen nie ein Kind geborn. –
Elfen, sprengt durchs ganze Haus
Tropfen heilgen Wiesentaus!
Jedes Zimmer, jeden Saal
Weiht und segnet allzumal!
Friede sei in diesem Schloß
Und sein Herr ein Glücksgenoß!
Nun genung!
Fort im Sprung!
Trefft mich in der Dämmerung!

(Oberon, Titania und Gefolge ab.)

Droll.
Wenn wir Schatten euch beleidigt,
O so glaubt – und wohl verteidigt
Sind wir dann –: ihr alle schier
Habet nur geschlummert hier
Und geschaut in Nachtgesichten
Eures eignen Hirnes Dichten.
Wollt ihr diesen Kindertand,
Der wie leere Träume schwand,
Liebe Herrn, nicht gar verschmähn,
Sollt ihr bald was Beßres sehn.
Wenn wir bösem Schlangenzischen
Unverdienterweis entwischen,
So verheißt auf Ehre Droll
Bald euch unsres Dankes Zoll;
Ist ein Schelm zu heißen willig,
Wenn dies nicht geschieht, wie billig.
Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden,
Begrüßt uns mit gewognen Händen! (Ab.)

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