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Ein Sommerbuch

Helene Böhlau: Ein Sommerbuch - Kapitel 6
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authorHelene Böhlau
titleEin Sommerbuch
publisherUllstein + Co.
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Der dichtverwachsene Garten

Als Weimar noch, von aller Welt verlassen, von niemandem gekannt und besucht, in der großen, stillen Einöde lag, mit seinem Häuflein Weimaranern, die in dem grauen Steinnest seit Jahrhunderten kamen und gingen, wie es der Lauf der Welt ist, da gab es Einsamkeit rings um das Städtchen her – Einöde – von der wir in unserer Zeit, in der die Lokomotive jede Ecke ausschnüffelt, jede Verborgenheit wie ein Maulwurf aufwühlt, uns keine Vorstellung mehr machen können.

Solche Verschneitheit und solches In-Grün-vergrabensein gibt's nicht mehr, – gewiß nicht.

Und wer meine kleine Geschichte verstehen will, vergesse alles, was in unserer Zeit Menschen mit Menschen verbindet, und gehe mit mir an einem alten Städtchen vorüber, das mit Mauern sich gegen die Stille ringsumher wehrt – und wandere auf holperigen Wegen weiter, immer weiter, wie ins Grenzenlose hinein, an armseligen Weilern und Dörfern vorüber, in denen seit Jahrhunderten die Bauerngeschlechter wie die Unken im Sumpfe leben, oder wie die Wilden im dunkelsten Erdteil, hinsterbend wie Wasserblasen im Ozean.

In solcher Weltabgeschiedenheit ein Garten.

Um den Garten wogt von drei Seiten junger Winterroggen, wie ein Meer, und wenn der Wind über das Meer dahinfährt, bläst er breite graue Spiegel auf die lebensgrüne Fläche und weht Erdgeruch auf und den Geruch einer Unendlichkeit von grünem Leben.

Das Roggenmeer dehnt sich, soweit das Auge reicht. Kein Baum – kein Strauch – nur grünes, silbergraues Gewoge und der schwere Roggenduft, der darüber liegt.

Der Garten ragt wie eine kleine Insel in das Meer hinein. Mit seinen festen Laubmassen, die rund und ungegliedert mächtig aus dem Getreidegewoge herauswachsen, wirkt er wie aus Bronze gegossen.

Das Getreidemeer brandet sanft an ihn an.

O du duftende Einsamkeit! Wer am Ende des Gartens vor dem festen Laubwall steht und hinausschaut auf Grün und Silbergrau, das sich in weichen, grauen Tönen wechselnd und vibrierend bis in den Horizont hineinzieht – dem ist die Welt versunken.

Das Haus, hinter dem sich der Garten in das Feld hineindehnt, gehört wahrlich auch nicht zur Welt, – ein stilles Landpfarrhaus mit hohem Dach und niederen Fenstern, weinumsponnen.

Verträumt steht es so seit ein paar Menschenaltern, öffnet seine Tür, um einen Mann Gottes nach dem anderen einziehen und wieder ausziehen zu lassen.

Wohl beherbergt hat es sie alle. Jeder von ihnen kam würdig erfreut, denn es schien noch keinem ein übler Platz.

Still wurde dann einer nach dem anderen, nach sanftem, weltabgeschiedenem Leben hinausgetragen.

Damals wohnte ein Ehrenmann im Haus, mit Weib und Sohn und Tochter. Ihm waren die Kinder hier geboren und auch herangewachsen.

Ja, zu seinem Erstaunen waren sie auch herangewachsen – denn hier stand die Zeit still!

Das große Zifferblatt, die weiten Felder mit ihrem weiten Horizont zeigten wohl die braune Stunde, die grüne, die goldene, die weiße Stunde an, aber so unmerklich ging eine dieser Stunden in die andere über, daß es dem Bewußtsein nicht weh tat. Und wie oft war die goldene Stunde gekommen? Wie oft wohl?

O, das war alles so verschwommen, das hatte sich dem Hirn nicht eingeprägt. Es war alles hier eine zeitlose Gewohnheit – aber die Kinder waren dennoch herangewachsen. Und die grüne Stunde war wieder einmal sanft hereingebrochen. Um den Garten brandete das grüne Halmenmeer, und der mächtige Laubwall quoll zusehends. Die Wege wurden eng und immer enger vom dichten Laub, das sich dehnte und streckte. Der Flieder blühte und der Goldregen und der Rotdorn.

Der Garten lag im Paradiesesschmuck. Ein kurzes Weilchen sollte er schön sein, ein kurzes Weilchen sollte er auch dieses Jahr wieder jung sein.

Das Gras stand saftig und hoch, und hin und wieder schimmerten die roten, schweren Köpfe der Pfingstrosen aus hellem Grün. Ein Duft stieg auf wie von einem Opfer.

»Heuer schaut man nicht einmal mit einem Blick hinaus, so dicht ist's Laub. Man riecht's nur, daß der Roggen blüht.« Das sagte eine kleine, sanfte Stimme, in der ein großes Weh klang.

Es war nicht mehr die volle Tageshelle. Die weiche Sommerdämmerung floß durch das dichte Grün.

Die verschleierte, sanfte Stimme gehört zu einer schlanken, jungen Mädchengestalt. Ein einfaches, geduldiges Gesichtchen neigt sich wie eine vom Regen schwere Blüte der Erde zu.

Die schmale Mädchenhand ruht ratlos in der Hand eines jungen Mannes, der auch wie in tiefer Bewegung geht. Aber etwas Unantastbares liegt in seiner Persönlichkeit, seiner Kleidung, seinem Gang. Es ist Rückgrat in der Haltung, Rückgrat, das von Generation auf Generation vererbt ist.

Das war so eine formvolle Bewegtheit, die er dulden durfte, weil sie am Platz schien. In seinem ritterlichen Hinneigen zu seiner Gefährtin liegt eine gewisse Achtung vor ihrem Schmerz, etwas Tröstendes, – etwas . . . Ja, sie tragen nicht an einem Schmerz – nicht an einem gleich großen Schmerz, der seine wiegt leichter.

Er hat seine Gestalt nicht durchdrungen, seine Beweglichkeit und vornehme Eleganz nicht beeinträchtigt. Er ist nicht um einen Zoll gebeugter durch diesen Schmerz geworden – und doch, es ist auch ihm nicht leicht ums Herz.

Hier in diesem stillen Erdenwinkel ist er und seine Schwester auf dem Gut einer nahen Verwandten der verstorbenen Mutter erzogen worden. Mit den beiden Pfarrerskindern hatten sie alles geteilt, Unterricht, Kinderwonne – alles – alles.

Und nun sollte es hinaus ins Leben gehen, – die Schwester zum Vater und er – – für ihn lag die Welt offen. Er steht auf der Höhe des Lebens.

Er ist sicher, wo er sich auch zeigen wird, wohl empfangen zu werden als ein schon Gekannter, als einer, von dem sich nur das Beste erwarten läßt.

Seine Ahnen hatten für ihn vorgesorgt. Ihm konnte es kaum fehlen. Das Leben lag vor ihm wie eine sichere Ernte. Nun galt es, sich von der stillen ersten Jugendzeit loszureißen.

Vor noch nicht vier Wochen hatten sie am Sterbebett ihrer treuen zweiten Mutter gestanden; da war es fast ähnlich gewesen wie heute. Banger Abschied und dazwischen wie Sonnenblitze das künftige lockende Leben.

»Was tust du denn nun, wenn wir gehen, und wenn auch dein Bruder fort ist?« fragte er seine stille Gefährtin.

Da war kein Haltens mehr, da stürzten die Tränen aus den armen Augen.

»Ach, ich –,« sagte sie leise.

So sah und verstand er ihre große Armut, so offenbarte sich ihm ihre Armut für einen Augenblick, und er schloß das Mädchen in seine Arme und küßte sie und empfand die ganze süße Bedeutung, die seine Gefährtin für ihn hatte.

Ja, die hatte sie für ihn, denn sie war seine erste Liebe, seine Jugendliebe, an die er als alter, vornehmer Herr noch wehmütig lächelnd sich erinnern wollte.

Das Mädchen aber schlang voll banger, verzweifelter Leidenschaft die Arme um ihn und flüsterte heiß: »Bleib', was wird aus mir!«

Das tat seiner jungen Kraft wohl, dies Geliebtsein, dies An-ihm-hängen, dies Hinsterben ohne ihn. Und er zog sie empor zu sich heran, und sie hingen aneinander in heißen Küssen, als wollten sie eins werden.

Ihm war so wohl, so weh; aber keinen Augenblick verlor er den Sinn der Stunde.

Es war ein Abschiedsschmerz fürs Leben. – Du hier – ich dort!

Beileibe nichts, was Bindekraft haben könnte, nichts Hinderndes, nichts Lastendes.

Da hörten sie Schritte.

Seine jüngere Schwester und der Pfarrerssohn kommen ihnen auf dicht verwachsenen Wegen entgegen.

»Anne Marie!« sagte die junge Komtesse zärtlich, »Anne Marie!«

Was lag in diesem Aussprechen des Namens. Hatte sie verstanden oder gesehen?

Mochte sie gesehen haben! Mochte sie verstanden haben!

Sie war eine zarte, süße, kleine Weltdame trotz der Abgeschiedenheit, in der sie bisher gelebt. Alle Weltdamen ihres uralten Geschlechts hatten sie mit ihrem Vermächtnis bedacht.

Alles war ihr nur so zugeflogen. Auch ihre Gefühle, sie kamen und gingen wie Launen.

Aber auch sie war bewegt, auch sie war den Pfarrerskindern eine gute Gefährtin gewesen, eine reizvolle, schnellblütige; – auch sie hatte, wie soeben ihr Bruder die Pfarrerstochter – den Pfarrerssohn geküßt und mit süßem Bewußtsein ihrer ersten vergänglichen Liebe, dieser reizenden Tollheit, die ihr nun in allerlei Gestalt lebendig werden sollte.

Ach, und was war er für ein guter, lieber Junge, dieser »erste«! – und wie liebte er sie! Ganz unsinnig!

Reizend zum Verrücktwerden, eine Gottheit zu sein, die ein Mensch anbetet, der ein Mensch sich hinopfern möchte, die ein Mensch wirklich und wahrhaftig anbetet, der ein Mensch sagt, daß sie das Höchste sei, zum Totlachen schön!

Und sie hörte es im voraus draußen in der Welt in süßer Anbetung von vielen, vielen Lippen nachbeten, was der eine, erste hier gestammelt hatte, und ihre kleine Gottesseele war hungrig nach Gebet und Opfer.

*

Am anderen Abend zur selben Stunde gingen die beiden Pfarrerskinder Hand in Hand die dicht verwachsenen Wege auf und nieder. Beide stumm. Sie waren beide vereinsamt, und beide waren hilflos in ihrer Vereinsamung – und scheu. Keins sah dem anderen in die Augen. Sie trugen jedes für sich ihr großes, wehes Geheimnis.

Drinnen im Haus schrieb der Vater an seiner Predigt, und die Mutter buk zu Pfingsten Festkuchen.

Niemand dachte an die beiden großen, hilflosen Kinder im dunklen Garten, in dem die Laubmassen leise rauschten, die Juniopferdüfte aufstiegen und der schwüle Kornblütengeruch durch den festen Laubwall strömte.

Der Pfarrer und sein Weib wußten nicht, daß aus ihren kleinen, sorglosen Kindern Menschen geworden waren mit Glückshunger und Menschenweh.

Es wurde gedankenlos Predigt geschrieben und Kuchen gebacken. Derweilen sanken die beiden endlich eng verschlungen auf eine alte Gartenbank, an der sie als Kinder gespielt – und hingen aneinander wie zwei Verzweifelte, die in einem tiefen See sich eins dem anderen retten wollen. Es war ein so großer, bitterer, junger Schmerz, der schwerste Schmerz der Jugend, der noch keine Scharte, keine Stumpfheit an seiner Schneide hat.

Es war der Schmerz »derer ohne Ahnen«, die ihr Wesen nicht von Generation zu Generation in vornehmen Formen aufgelöst haben, es war der echte, alte Volksschmerz, der schon den Vorfahren die schutzlosen Herzen gemartert hatte.

Aber sie wurden in dieser Stunde eins miteinander, weil sie sich in ihrer großen Einfachheit durchschauten.

Treuer Bruder – treue Schwester fürs Leben, und sie besiegelten den Bund mit einem Kuß, der so mild und sanft war gegen die Feuerküsse, die ihnen das Blut in Brand gesetzt hatten.

»Anne Marie,« sagte er. – »Was wirst du tun, wenn ich nun auch fort bin?«

»Ach, ich!« antwortete sie und schritt dabei wie über sich selbst hinweg.

Sie sagte es unter Tränen und wußte nichts anderes.

Und so sah und verstand auch er ihre Armut, und er zog die Schwester an sich, als wollte er sie schützen, als wollte er ihr etwas geben.

Aber da war nichts, was er ihr geben konnte. Er wußte nichts.

*

Und die Zeit kam bald, wo er sie verlassen mußte, seine Schmerzensgefährtin.

Er ging hinaus ins Leben, das hinter dem Roggenmeer lag.

Sie aber, Anne Marie, wurde von keiner Stimme gerufen. Sie blieb ganz allein, sie hatte keinen Grund, ins Leben zu gehen. Sie blieb da, wo die Zeit stillsteht.

Und noch immer wußten die Pfarrersleute nicht, daß die Zeit aus ihrem kleinen Kinde ein lebenshungriges, sehnsüchtiges, armes Weib gemacht hatte.

Sie freuten sich ihres guten Mädchens, freuten sich, wie es so wohlbewahrt im stillen Garten und im stillen Haus lebte, und glaubten, daß alles Leid der Welt ihrem Kinde fern lag.

Kein Vater- und kein Mutterauge folgten ihr, wenn sie an dem Laubwall stand und hinaus über das Halmenmeer schaute, oder wenn sie durch den verschneiten Garten stapfte, um in die weiße Leere um sie her zu starren.

Da war es ihr, als söge die große Leere um sie her ihr das lebendige Herz aus, als söge die große Leere und Einsamkeit ihr auch gierig die Seele aus.

Wie vor einem Riesenungeheuer fürchtete sie sich vor dieser toten Einsamkeit, die sich von ihrem jungen Leben nährte, verbarg sich vor ihr und gab sich ihr wieder hin in Sinnlosigkeit.

Den, der eilig ihrer zu gedenken vergessen, liebte sie mit der ganzen Glut ihres Wesens, das umsonst in Lebensfeuer brannte.

Ihre heilige Pflicht, ihr Gelübde wurde es, Treue und Angedenken zu halten.

Daran hielt sie sich, klammerte sie sich: Treue und Angedenken! Das wurde ihr ganzer Lebensinhalt.

Mitten unter Rosen und Güte und Liebe wurde sie zur Märtyrerin.

Niemand aber verstand die große Marter.

Die vielfarbigen Stunden aber kamen und gingen im Wechsel. Der Bruder kehrte nach langen Jahren heim, ein tüchtiger Mann, kraftstrotzend.

Ein Mensch, den der Vater segnete, zu dem die Mutter, die ihm das Leben gegeben, staunend aufblickte.

Und als er am Abend mit der Schwester wie sonst wohl im Garten auf und nieder ging, sagte er wohlgemut: »Entsinnst du dich der Dummheiten noch – damals, als die beiden Schlingel gingen?«

Da sah sie ihn mit großen, irren Augen an und schwieg.

Er aber fing ihren leeren, toten Blick auf und suchte ihn sich zu deuten.

Und als hätte er ein armseliges, kaltes Sumpftier berührt, eine im Sumpf eingeschlossene Kröte, so war es ihm, als seine Finger der Schwester kraftlose Hände faßten. »Ist das möglich? So etwas!« murmelte er.

»Was denn?« fragte sie, wie eine arme Seele. »Was sagst du?«

»Nichts, Anne Marie. Möge ein jeder mit dem Leben fertig werden, wie er kann und mag.«

»Da ist nichts zu machen,« dachte er bei sich, und ein Ekel faßte ihn. »Sie ist ein Weib. Gott erbarme sich ihrer.«

Er mußte wohlgefällig lächeln, wenn er sein Leben mit dem ihren verglich. Aber weil er ihr Bruder war und einst ihr Kamerad, tat sie ihm leid.

»Sie sind alle so!« dachte er bei sich – »so – oder anders, – aber immer dasselbe! Liebe, die ein kräftiger Trunk sein soll, ist ihnen Nahrung, die sie verzehrt. Immer das eine – immer trinken. Nichts anderes hat Platz in ihrem Kopf – bis der eine Gedanke alles verschluckt hat – dann der leere Blödsinn.«

Zornig war er und schlug mit einem Stecken im Vorübergehen auf die dichten Büsche.

›Das ist etwas, worüber man mit ihr nicht reden kann,‹ dachte er. ›Mag sie's haben!‹

»Weshalb sagst du nicht, was du sagen wolltest?« fragte sie mit bebender Stimme.

Sie wollte reden. Sie wollte sich an ihn hängen und sagen: ›Du bist mein Bruder, hilf mir.«

Aber sie fand kein Wort. Eine drückende Scham, eine unbewußte Schmach machte es ihr nicht möglich.

Sie blieb stumm.

Und als er wieder gegangen war, da küßte sie Gras und Kraut in ihrer Einsamkeit und Verlassenheit, da sang sie so wild, lebenshungrig in die Oede hinaus, von keinem Menschenohr gehört. –

Die beiden Pfarrersleute lebten wohlgemut und seelenruhig. Es ging ihnen gut. Das Alter ließ sich freundlich an. Sie waren beide rund und rotbäckig und in ihrem Gott vergnügt. Das Essen schmeckte ihnen.

Allabendlich bekam der Pfarrer seine Pfeife vom lieben Kind gestopft, und es wurde ihm vorgelesen: von jungen, herben Lippen behagliche Dinge, die ihm paßten.

Das gutartige, freundliche Alter, das alles vergessen hat, machte sich im stillen Hause breit und erstickte und überwucherte mit seinem fetten Kraut einen kräftigen Lebenstrieb, der zur Sonne wollte.

Du einsamer Vogel, der du im Käfig gefangen sitzt unter dem Menschenvolk und mit deiner Stimme Menschenvolk erfreust, bist nicht einsamer als einsame Jugend zwischen Alter.

»Heiraten sollte unser Kindchen,« sagte die Pfarrerin zum öftern – »ja – ja.«

»Laß sie, Weib, kommt Zeit, kommt Rat; so gut wie daheim bekommt sie's nirgends wieder,« meinte der Pfarrer.

So verstrich eine weiße Stunde um die andere – und die Alten merkten nichts.

Die Einsamkeit und die Oede sogen das junge Leben in sich ein, ohne davon Gewinn zu haben.

Das junge Weib aber konnte all dem nutzlosen Zehren und Saugen nicht widerstehen, sie wurde welk und matt.

Ihr heißes Jugendfeuer war wie ein von keinem Gott empfangenes Opfer, das ungesehen im dichtverwachsenen Garten verbrennt und auch keinen lieben Menschen gewärmt hatte.

Ihre kluge Seele war erwacht, ohne jemand erfreut zu haben, ihre süße Stimme hatte niemand getröstet und beglückt, ihr Verstand war eingeschlafen, ohne wach geworden zu sein.

Und einst kam der Bruder wieder mit seinem Weib und mit Kindern, und das alte Pfarrhaus zitterte durch junges Lachen und zärtliche Töne und tollen Jubel.

Und bei Tisch waren die Alten ganz außer dem Häuschen über all das junge Volk, das von ihnen ausgegangen war. Stolz wurden sie, und wichtig kamen sie sich vor, und über die Maßen zufrieden waren sie.

Der Pfarrherr hielt eine vor Rührung überlaufende kleine Familienrede und lobte sein Leben und den alten Gott und sein Weib und den starken, tüchtigen Sohn und dessen Weib und segnete die Enkel, und zuallerletzt pries er es als eine Gnade Gottes und besondere Fürsorge, daß er die Tochter dem stillen Haus erhalten, die Pflegerin der Alten.

»Hoch lebe unser altes Jüngferchen, die Anne Marie!«

»Gott segne die ersten Fältchen im lieben Angesicht unseres Kindes!« sagte die Pfarrerin. »Ja – ja, mein Herzel,« nickte sie weltfremd schelmisch.

Ein komisches Zucken ging über ein armes Gesicht.

»Verschluckt?« fragte der Pfarrer besorgt.

Und Anne Marie stand auf und stürzte zur Türe und stürzte hinaus in den dichtverwachsenen Garten, der sie ihr Lebtag vor der Welt verborgen hatte.

Das weite, öde Halmenfeld brandete sanft am mächtigen Laubwall an, der wie aus Bronze gegossen starrte.

Und ins hohe Gras warf sie sich auf ihr Angesicht und weinte nicht und klagte nicht. Sie küßte längst nicht mehr Baum und Kraut in ihrer Verlassenheit. Sie legte sich hin wie eine Tote, die nach nichts mehr faßt, die sich an nichts mehr hält, die mit Mutter Erde nichts mehr gemein hat.

 


 

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