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Gutenberg > Helene Böhlau >

Ein Sommerbuch

Helene Böhlau: Ein Sommerbuch - Kapitel 5
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authorHelene Böhlau
titleEin Sommerbuch
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Die Kristallkugel

An des Ettersbergs langgestreckter kahler Halde lag ein Gutshof, nahe dem Sperberschen Gute; aber nicht wie dieses völlig eingebettet in wogende Felder auf der breitesten, flachsten Stelle des Höhenzuges. Er lag dem bewaldeten Bergrücken näher, so daß dieses Gehöft über das Sperbersche ein wenig hochmütig herabsehen konnte, wozu es freilich nicht Ursache hatte, denn der Sperbersche Besitz stand ihm an Ausdehnung nicht nach und nicht an strohgedeckten, mächtigen Scheunen und Ställen und dem stattlichen Wohnhaus.

Das Gut aber, nahe dem Walde, gehörte einem alten Soldaten, dem Rittmeister Rauchfuß, der nach Kriegs- und Friedensstrapazen in den Ruhestand getreten und rauhbeinig in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, um dort irgendwo unterzukriechen und seine kleine Pension ganz in der Stille zu verzehren.

Aber nach einigen Jahren der Ruhe war aus dem grämlichen Veteranen ein recht munterer Herr in den besten Jahren geworden, der unter den weimarischen Bürgersleuten sich eines bedeutenden Rufes erfreute als Bruder Lustig und guter Gesellschafter; und so kam es auch, daß er schließlich oben auf dem Ettersberge in den stattlichen Gutshof einheiratete, die Tochter seiner Hauswirtin, eine junge Witwe, heimführte und so Gutsherr und Gatte eines netten Weibchens wurde. Er residierte wie ein Falke über der kleinen, engen Stadt, in der sich so viel Wunderliches, Fremdes regte, was dem alten Soldaten als sehr unnötig erschien.

Große Herren gingen dort in den engen Gassen ein und aus, die weder Fürsten noch Generale, nicht einmal Rittmeister waren, und nach denen sich die Leute doch ehrerbietig und neugierig umschauten: – Federfuchser! – Einfach zum Lachen.

Die Witwe aber und der Gutshof befanden sich nicht allzu wohl in den Händen des alten Soldaten.

Der fuhr mehr, als es nötig war, in seiner kleinen Kutsche vom Ettersberg hinab und hielt vor dem »Elefanten« und fuhr den Hausknecht gar gewaltig an. Er ließ auch etwas draufgehen, mehr als gut war, um dem »Elefanten« seine Gewichtigkeit darzutun.

Die nette Witwe hatte ihre behagliche Witwenschaft sehr unvorsichtig beendet und mußte sich nun mit dem schwierigen Herrn Rauchfuß abfinden, so gut es gehen wollte, und alles Seufzen und Klagen half nichts mehr.

»Hättest's eher überlegen müssen,« antwortete der fidele Gatte. »Weshalb hast du 'nen alten Soldaten geheiratet, das ist nun 'mal keine Großmutter.«

So hieß es sich begnügen und nach wie vor der großen Wirtschaft allein vorstehen.

Frau Rauchfuß wurde Mutter eines Töchterchens, eines rotgoldenen Füchschens. Daß es kein Bübchen war, was ihm sein kleines Weib geboren hatte, erboste Ritter Rauchfuß.

»Sappermentl! – Das geht nicht; zum Lachen! Ich Frauenzimmer in die Welt setzen! Nee, meine Beste! – Und gar 'nen Fuchs!«

Und er war doch selbst ein rotborstiger Herr mit einem blonden, gewaltigen Schnauzbart.

»Nee,« sagte er, »zu dumm! Da hat man seine Haut soundso oft zu Markte getragen, um schließlich daheim in den vier Wänden mit so 'nem kleenen Luderchen von Mägen zu kindsen – daß Ihr mir damit nicht kommt – den Balg rühr' ich nicht an!«

Er war zornig, der Herr Rittmeister Rauchfuß, und übelgelaunt. Gutsherr und meinetwegen Gatte der netten Witwe, aber Familienvater – das paßte ihm ganz und gar nicht. Das hielt er seiner nicht würdig.

Und öfter als sonst noch ließ er die Kutsche anspannen und fuhr hinunter nach Weimar; oder jagte auf eigenem Grund und Boden, oder spielte bei Sperbers mit dem Alten und sonst irgendeinem Bärbeiß und dem Herrn Pfarrer Bésigue.

Mit dem alten Sperber stand er besonders gut, denn auch diesem waren die neuen Verhältnisse im Städtchen gründlich zuwider, wie wir schon wissen.

»Dumme Protzerei da unten,« sagte der. »Nun, wir werden ja sehen, wie weit es noch kommt – wir werden ja sehen. Die in der Stadt mögen ruhig aufhören, zu skribeln, kein Hahn kräht danach. Die Brote werden deshalb nicht kleiner. Aber wir! Wir da heroben und in der ganzen Breite des Landes sollten mit unserer Arbeit Feierabend machen, was denken Sie wohl, Verehrtester, was geschehen würde? Einfach Weltuntergang! – Aus! Fertig! –

»Und deshalb setze ich, wenn's angeht, keinen Schritt hinunter! Aber ärgern tue ich mich schon lange nicht mehr. Gott bewahre! Zufrieden bin ich da oben, jawohl, das muß ich sagen, und tauschen tät' ich 'mal mit keinem von den unnatürlich aufgeblasenen Fröschen unten im Sumpf.«

Die alten Herren oben auf dem Ettersberg führten bei ihrem Bésigue oft gotteslästerliche Reden, wenn man bedenkt, daß es sich hier um den größten Mann Deutschlands handelte, ohne den Deutschland nicht Deutschland wäre, und den hervorzubringen die Natur sich Tausende von Jahren gemüht, mit Millionen und Millionen von Dummköpfen und mittelmäßigen Köpfen Fangball gespielt hatte, gewissermaßen ohne Sinn und Verstand.

Daß da unten in Weimar endlich der sterile Baum der Menschheit eine Frucht trug, schien den Kartenspielern auf dem Ettersberg nicht von Belang zu sein. Der Baum grünte doch ganz fröhlich.

Ihnen erschien diese Frucht auch gar nicht als Frucht, sondern als irgendeine Blase, als unnützer Auswuchs.

Sie hatten es auch, weiß Gott, vorzüglich auf ihrem Ettersberg. Die prächtigen Güter gediehen.

Herr und Frau Sperber taten miteinander das ihrige, schafften ehrlich und gutgelaunt ihr Tageswerk. In aller Herrgottsfrühe sah man die flinke Frau Sperber in ihrer rosa Schürze mit dem klingelnden Schlüsselbunde über den Hof laufen, in Ställen und Wirtschaftsräumen Umschau halten, und Herrn Sperbers mächtige Wasserstiefel liefen mit ihrem kleinen, dicken Mann über Stock und Stein, über Aecker, durch Wiesen, durch Wälder.

Im Rauchfußschen Gehöfte arbeitete eine tapfere Frau über ihre Kräfte; aber es ging auch, die beiden Güter gaben einander nicht viel nach. Freilich hätte es Frau Rauchfuß bei weitem leichter gehabt, wäre ihre Lebenszierde, Herr Rauchfuß, nicht gar so fidel gewesen, und hätte er es nicht für seine Lebensaufgabe gehalten, denen unten in Weimar zu beweisen, daß oben auf dem Ettersberg große Herren wohnten, und daß es ihm, auch aufs schwerste beladen und angefüllt von Weindämpfen, niemand ansah, wie voll er war. Er konnte vom Stammtisch aufstehen und so fest abmarschieren, wie er gekommen. Dies Kunststück ließ ihn nicht ruhen.

Wäre Frau Rauchfußens Töchterchen Beate nicht gewesen, so hätte sie nach allen Lebensfreuden gut Umschau halten können.

Die Zeit kam, und das Kind konnte im Hof und Garten umherspringen und glich einer Blume mit langen, goldenen Staubfäden. Es jauchzte vor Lebenslust und Uebermut; da geruhte auch Ritter Rauchfuß sein Töchterlein anzuschauen. Er brachte ihr allerhand Dummheiten und Künste bei und hatte seine Freude daran, wie geschickt und anstellig das Ding war, wie es kletterte und des Vaters alte Soldatenflüche mit weichen Lippen und süßen Lauten nachplapperte.

*

Als Frau Rauchfußens Herzensschatz zu einem kleinen zierlichen Schulmädchen herangewachsen war, begab es sich, daß sie schweren Herzens in die Stadt gefahren war, um ihren Doktor um Rat zu fragen wegen eines Leidens, das sie in aller Stille seit geraumer Zeit mit sich herumgetragen und das ihr die Arbeit zu einer schweren, drückenden Last gemacht.

Nach langem, bangem Zagen hatte sie endlich zu diesem schweren Gange Mut gefaßt und gar innig gebetet und ihr kleines Mädchen bewegten Herzens geküßt.

Und als sie in ihrem Kutschchen wieder heimwärts fuhr, war ihr's nicht anders, als wäre inzwischen die schöne Welt in eine düstere Fremde vertauscht worden.

Angstvoll hatte sie sich auf den Weg gemacht, und von niemand war sie ermutigt worden; aber doch hatte nur im tiefsten Grund des Herzens undeutlich die unbegreifliche Sorge gelauert, daß das liebe Ich fortgewischt werden könnte.

Nun wußte sie es.

Sie war am Ende ihrer Tage. Die gutmütige Alltäglichkeit, die so tut, als gäbe es kein Ende, hatte einen furchtbaren Riß bekommen, durch den die geschäftige Seele in leere Finsternis starrte.

So fuhr Frau Rauchfuß dahin, der altbekannte Weg erschien ihr grauenvoll und fremd, die goldenen Aehrenfelder am Weg, über die der Wind strich, neigten sich vor ihr, weil sie sterben mußte – sie – sie allein auf dieser Welt. Was war der Tod der anderen? – Ein leeres Wort. Ihr allein galt der Tod. – Jetzt erst wurde es ernst damit auf Erden, jetzt zum ersten Male.

Und niemand erbarmte sich ihrer. Ihr alter Kutscher saß mit krummem Buckel auf dem Bock und ließ die Pferde traben.

Der brauchte nicht zu sterben – der, nur sie allein. Das arme, unwissende Weib, das sich ängstlich an die harten ledernen Wagenkissen drückte, war die Welt, die schöne, große Welt; mit ihr verging die ganze Herrlichkeit.

Und diesen Todeskampf der Welt trug sie unter ihrem blau getupften Feiertagskleid, das sie zu ihrem schweren Gang in die Stadt angelegt hatte. Trug sie diesen schweren Kampf in ihrer Brust? – Trug sie ihn in ihrem Bein und Fleisch? – In ihrem klopfenden Herzen? – In ihrem armen Haupt?

Ja, wo in aller Welt denn trug dieser große Kampf sich zu? Konnte sie mit dem Finger darauf deuten und sagen: »Hier?« – O, Geheimnis der Geheimnisse, wo denn ist das arme Ich mit seinem Weltenleid, lehnt es an den harten Kissen des Kütschchens? – Ist es Fleisch und Bein? – Ein lebendiger Punkt, in dem all diese Pein jetzt lebt?

Des Weibes dumpfes Wesen wurde wach, wurde scharf durchdringend, zum ersten Male lebendig. Das heißt, von Todesgewißheit durchdrungen, und sie spürte, daß sie lebte, so fast, wie sie einst ihr Kindlein in sich selbst gespürt hatte, so geheimnisvoll und dennoch sicher.

Da schloß sie die bangen Augen, und vor ihrer Seele stand ihr Goldköpfchen, ihr Einziges, ihre Wonne.

Heiße Tränen brachen ihr aus den Augen, und das eigene Leben, der heilige Lebenskern war wieder von lauter Liebe und Bangigkeit um ihr Teuerstes verschüttet. – Wer sollte für das Kind sorgen? – Wer in aller Welt?

»Nur noch ein paar Jahre,« schluchzte sie auf, »daß sie mir's nicht verderben!«

Und als auch diese Qual übermächtig wurde, stahl sich ein Trost in die arme Seele: Wer weiß, ob es so schlimm mit ihr steht – und wenn sie die eigene Mutter am selben Leiden sterben sah, weshalb konnte es bei ihr nicht andere Wege gehen?

So fuhr sie dahin von einer Leidensstation zur andern, brach unter ihrem Kreuz zusammen, um sich wieder aufzurichten und wiederum zusammenzubrechen, wie unser Herr und Heiland es getan.

Als sie auf dem Gutshofe einfuhr, waren ihre Züge ruhig, ihre Tränen getrocknet. Das machte sich wie von selbst und durch alte Gewohnheit. Hier galt es für sie, zu schweigen, was sie bedrückte, und alles in sich selbst hineinzuleben.

»Wo ist Beate?« fragte sie die Hausmagd.

»Beim Herrn, im Garten.«

Da machte sich die Frau auf, denn es verlangte sie, ihr Kind in die Arme zu schließen, und sie ging durchs Haus in den Garten.

Als sie in die Nähe der großen Linde kam, die jetzt in voller Blüte stand und aussah, als wäre ein goldenes, feinmaschiges Netz, mit goldenen, strahlenden Perlen durchwoben, über sie geworfen, da hörte sie ihren Herrn und Gebieter gewaltig lachen, und die süße Stimme ihres Kindes wie Vogelgezwitscher dazwischen.

»Badewännchen!« rief er im gewaltigen Baß, »du bist ein Luderchen.« Das Kind jubelte laut.

Bang und erregt schlich die Frau näher.

Unter der Linde auf der großen Bank saß der Rittmeister, hatte eine Flasche Wein neben sich stehen und ließ das Kind aus seinem Glase trinken.

»Einen verdammten Zug hat das Mägen,« schmunzelte er vor sich hin. »Nun tanz' wieder, Badewännchen!«

Das Kind taumelte und tanzte, die rotgoldenen Haare flogen um das erhitzte Gesicht.

»Verfluchte kleine Hexe! Echtes Soldatenkind!« brummte der lustige Herr in seinen roten Bart hinein. Und in den roten Bart des Vaters und in die rote Haarfülle des tanzenden Kindes schien die Abendsonne.

Die bleiche Frau mit dem dunklen Haarscheitel stand noch immer unbeweglich.

»Die sind eines Blutes,« das sah sie, und sie stand, als sei alles mit ihr schon vorbei, und sie sähe als abgeschiedener Geist nur zu.

Da fuhr aber ein Zorn in sie, ein tödlicher Zorn. Sie stürzte auf ihren Mann zu. »Was tust du mit ihr?« schrie sie schmerzvoll auf. »Schau' doch! Sieh' doch! Du hast sie zu viel trinken lassen! – – Du!«

»No, große Geschichte!« sagte der Rittmeister mit schwerer Zunge, verblüfft über den heftigen Ueberfall.

Die kleine Beate stand erschrocken vom Tanze still und machte unsichere, sonderbare Augen.

»Zierpuppenvolk! Dummes Gewäsch! Weiberleute, unsinnige! Wird wohl erlaubt sein!« brummte Herr Rauchfuß.

Das Kind machte eine an ihm fremdartige Bewegung, streckte die Arme nach der Mutter aus, taumelte und fiel nieder, das Gesicht in die Arme verborgen. Das Kind schluchzte. Die Mutter beugte sich angstvoll über sie hin.

»No, Badewännchen, sei kein Ziehfitz,« polterte der Alte. »Schäm' dich, ein tapferes Mägen wird doch von so ein paar Schlückchen nicht knille werden. Nu, Soldatenkind!«

Die Mutter nahm ihr Mädchen in die Arme und trug es dem Hause zu, ohne weiter auf Herrn Rauchfuß zu achten, und der lachte schwerfällig hinterdrein.

In ihrem und des Kindes Zimmer legte sie Beate angekleidet aufs Bett nieder. Das Kind schluchzte noch immer, das Gesichtchen glühte und brannte, und die Augen brannten im hellen Fieber.

Frau Rauchfuß blieb an dem Bett auf den Knien in Angst und Not. Was sollte sie tun?

Sie wußte nicht ein und aus. Wem sollte sie ihr armes Kind anempfehlen? Sie fühlte sich so krank, so zerbrochen. Nun sie Sicherheit über sich selbst gewonnen hatte, empfand sie erst ihre Schwäche und Widerstandslosigkeit.

Mit den Worten des Arztes war eine Last auf sie gefallen, die sich nicht mehr abschütteln ließ.

Als die Dunkelheit längst hereingebrochen war, kniete sie noch immer und hielt ihres Kindes Hand in der ihren und grübelte wehen Herzens. Endlich kleidete sie das tief und schwer schlafende Mädchen aus und begab sich selbst zur Ruhe.

Da hatte sie das Gefühl, als wäre sie bei sich daheim nur noch zu Gaste.

Eine Wehmut überkam sie, eine Bangigkeit: es lag ihr so eine Last auf dem Herzen, als läge sie selbst unter einem mächtigen, düsteren Berg begraben für alle Ewigkeit. Pläne aller Art fuhren ihr fieberhaft durch den Kopf. Was konnte sie tun? Sie wollte zu allen gehen, die sie kannte und die sie für weiche Herzen hielt, und sie bitten, auf ihr Kind zu achten, zu Sperbers, ihren Nachbarsleuten, zur alten Kummerfelden, die am Entenfang in Weimar ihre Nähschule hielt, zu ihrem Herrn Pfarrer. Wenige fand sie, als sie sich die Leute so durch Herz und Sinne streichen ließ, denen sie zutrauen konnte, daß sie ihre bange Bitte nicht bald vergessen würden.

Müde wurde sie schließlich von allem Denken und Grübeln und schmiegte sich in die Müdigkeit wie in Mutterarm.

Ein altes, wehmütiges Lied, das sie früher gesungen, ging ihr durch den Sinn, ehe sie einschlummerte.

Ein Erdengast hienieden,
Ein armer Erdengast.
O Herre, gib mir Frieden
Für meine kurze Rast.

Laß mich nicht heimisch werden
Hier in dem fremden Land;
Das Herze wird zu Erden,
Wenn's noch so heiß gebrannt.

Laß mich im Pilgerkleide,
O Herre, geh'n und steh'n.
Ach, alle Augenweide
Die Winde tun verweh'n.

Ach, alles Herzens Sonne
Geht unter in tiefer Nacht;
Ach, alle süße Wonne
Ist hin, eh' Du's gedacht.

Am andern Tage in der hellen Abendsommerstunde nahm Frau Rauchfuß ihr Kind bei der Hand. Sie gingen durch den Garten, aus dem ein Pförtchen auf einen schmalen Feldweg hinaus durch wogende, sonnendurchschienene Felder bis zum Walde führte, dann wandelten sie langsam miteinander unter den Buchen.

Die kleine Beate eng an die Mutter geschmiegt, denn es war ein seltsames Fest, das sie mit der hart arbeitenden Frau so feiertäglich wandern durfte.

»Sieh! Sieh, Mutter,« rief sie alle Augenblicke, »da kommt was! – Da is was! – Horch, ein Specht – ein Reh!«

Die Arme des zehnjährigen, kräftigen Mädchens bebten vor Freude.

Frau Rauchfuß spürte die Lebenswonne ihres Mädchens.

Es traf sie all' dies gar gewaltig ins Herz, und sie preßte ihr Kind fest an sich.

»Ach, wollte Gott, mein Schatz, es könnte alles so bleiben, wie's ist.«

Sie kamen jenseits des Waldes, der des Ettersbergs Rücken als breiter Streifen bedeckt, an ein uraltes Kapellchen ohne Heilige. Die Heiligen hatten zu lange schutzlos dem Wetter und dem Protestantismus standhalten müssen und waren zernagt, zerbröckelt und verschwunden.

Nur eine zerfallene, niedrige Mauer war noch zu sehen, auf der die schmerzensreiche Mutter Gottes einst gestanden hatte. Darauf ließ Frau Rauchfuß sich ermüdet nieder und zog ihr Kind zu sich auf ihren Schoß, und sie blickten miteinander still in die Welt, die den Weimaranern für alle Zeit verschlossen ist, in die Welt, die hinter dem Ettersberg liegt, eine sonnige, kornwogende Landschaft, über der die letzten warmen, sehnsüchtigen Strahlen der Abendsonne lagen.

»Was hast du, Mutterchen, du bist so still?«

»Gestern um die Stunde mußte ich dich in dein Bett tragen, weil du zu viel getrunken hattest.«

Das Kind verbarg sein Gesicht an dem Hals der Mutter.

»Andere Kinder«, sagte Frau Rauchfuß ruhig, »haben, solange sie jung sind, eine Mutter, die auf sie achtet – du wirst einmal keine haben.

Andere Kinder haben einen Vater, der ihnen hilft und sie berät. Das kann dein Vater nicht.

Du wirst einmal ganz allein sein und mußt dir in allen Stücken selbst helfen und dazu auf deinen Vater achten, daß ihm nichts geschieht.«

Das Mädchen hob den Kopf und blickte die Mutter erstaunt an.

»Allein wirst du sein, du mußt jetzt schon denken, was recht und unrecht ist.«

Dem Kinde traten die Tränen in die angstvollen Augen. Die Augen der Mutter standen gerade so voll Wasser wie die des Kindes. Und sie sahen sich mit ihren schweren, unsicheren Blicken unsicher an.

Frau Rauchfußens Kopf sank auf die zarte, biegsame Schulter ihres Mädchens, und ein heftiges Schluchzen rang sich ihr aus der beladenen Seele.

Das gute, goldblonde Kind streichelte die Mutter und preßte sich eng an sie.

»Ich bin krank, mein Schatz, ich darf nicht mehr lange leben und weiß vor Angst nicht aus und ein, daß ich dich allein beim Vater lassen muß. Niemand wird auf dich schauen.«

Da war's, als wenn das Kind sich reckte und streckte. Die Mutter spürte eine starke Bewegung in den festen Kindarmen.

Das Kind löste sich von ihr, nahm seinen Schürzenzipfel und fuhr der Mutter sanft über die Augen.

»Wein' nicht,« sagte es, »mit mir wird's schon recht werden.«

Frau Rauchfuß sah in ein Paar entschlossene, ernste Augen.

»Leg' dein Köpfchen wieder auf meine Schulter und sei ganz ruhig,« sagte das Kind.

Der Frau wurde es wunderlich ums Herz. Sie fühlte einen kleinen, herrlichen Menschen neben sich stehen, der ihr Trost brachte.

»Wenn du stirbst,« fragte das Kind ernst, »wirst du dann in einem Sarg fortgetragen und in die Erde gelegt werden und mit Erde bedeckt werden?«

»Ja,« sagte die Frau.

»Kannst du nicht wiederkommen?«

»Nein. – Ich bin dann bei Gott.«

»Ist Gott gut?« fragte das Kind.

»Ja, er ist gut.«

»Gut?« sagte es nachdenklich.

Die Frau sah mit Staunen auf ihr Kind.

»Andere Mütter sagen's ihren Kindern nicht, wenn sie bald sterben müssen, aber ich mußte das tun – du mußt es wissen.«

»Is' schon recht,« antwortete das Kind, »sag' mir nur alles. Alles, was ich daheim tun muß, wenn du gestorben bist. Auf den Vater will ich schon schauen – und wann stirbst du?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Also« – sagte das Mädchen.

Sie saßen nun beide still auf dem Mäuerchen, auf dem in grauer Zeit das Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes gestanden hatte. Das Kind weinte nicht, sondern sah ernst und fest vor sich hin.

Auch die Frau weinte nicht mehr. Sie hatte einen Trost ins Herz bekommen und blickte befremdet auf das ernste, starke Geschöpf, das so fest vor sich hin sah.

Von diesem Tag an aber war sie nicht mehr allein und nicht mehr ungetröstet. – –

Und als es nach Jahresfrist wirklich zum Sterben kam und sie die Hand der elfjährigen Beate in der ihren hielt, wußte sie: das Kind wird sich und andern helfen. Sie empfahl sie Gott an und niemand sonst auf Erden. Sie fühlte auch in den letzten, harten Augenblicken den herrlichen, kleinen Menschen neben sich, der sie mit seiner Kraft und seinem Schweigen tröstete.

*

Und nun war Ritter Rauchfuß mit seinem »Badewännchen« allein.

Die Frau war ihm oft unbequem gewesen. Er hatte sich unter einer Frau etwas ganz anderes vorgestellt, und jetzt ging es ihm mit seinem »Badewännchen« nicht viel besser. Er dachte ein nettes Püppchen zum Spielen an ihr zu finden und spürte statt dessen, daß eine kleine Respektsperson neben ihm aufwuchs, eine Aufpasserin.

Er fuhr mit ebenso schlechtem Gewissen zur Stadt wie früher und schimpfte in seinen roten Bart hinein auf das Weiberzeug, das sich mausig machte, dem man eins versetzen soll, das sich zum »Teifel« packen soll!

Frau Rauchfuß hatte dafür gesorgt, daß eine tüchtige Mamsell und ein Verwalter aufs Gut kamen, damit Badewännchens Erbe in guter Verfassung blieb, trotz des fidelen Herrn Vaters. Zwischen all dieser Bravheit fühlte Herr Rauchfuß sich nicht behaglich. Er trank wie früher, und es brauchte auch nicht gerade der »Elefant« zu sein, wo er seinen Kummer hinunterspülte und seine schlechte Laune. Jede Kneipe war recht, auch hinter dem Ettersberg. Er nahm es nicht mehr so genau. Ein reputierlicher, forscher Herr aber blieb er nach wie vor, der sich am Wirtshaustisch gut ausnahm, und dessen Stolz es noch immer war, daß er auch beim Soundsovielten noch aufrecht gehen und menschlich sprechen konnte.

Als Badewännchen älter wurde, fuhr sie jeden Morgen um fünf Uhr mit dem Milchwagen in die Stadt zur Schule, Winter und Sommer, und stieg im Entenfang bei Madame Kummerfelden ab, die das Kind bei sich behielt, bis die Schule anging, dann speiste sie mit ihr zusammen zu Mittag, hatte mit den anderen Mädchen die berühmten, köstlichen Nähstunden bei der lieben, munteren Madame und fuhr dann mit dem Wagen, der die Abendmilch gebracht hatte, wieder heim.

Die gute Kummerfelden hatte Gefallen an dem Mädchen gefunden, aber auch für Rauchfuß, den Vater, hatte die alte Frau viel übrig; wenn sie in einem ihrer geblümten Kleider und der Haube, die sie ihrem jugendlichen Lebensmute übergestülpt hatte, so recht wohlhäbig und behaglich Sonntag nachmittags ihren Kaffee im Häuschen am Entenfang trank, war es ihr gar nicht fatal, wenn der alte Sünder ein Stündchen bei ihr Einkehr hielt. Er bekam seine zwei, drei Schnäpschen, aber beileibe nicht mehr, den besten Schnupftabak, den sich nur eine Nase wünschen konnte, und einen doppelt starken Kaffee, den auch eine so ausgepichte Kehle spüren mußte.

»So ä bißchen ä Mann ist 'ne goldene Handhabe,« sagte sie, »und gar der Rauchfuß mit seinem roten Bart und seiner Hünengestalt und seinem Schritt und Tritt, da spürt unsereins doch noch, daß es Mannsbilder auf der Welt gibt, was man bei der ewigen Nähstunde mit all den Lausmädchens balde vergessen hätte.«

Und gerade so ein alter Sünder war ihr recht.

»Ja,« sagte sie einmal zu ihrem Freund, »wenn der liebe Gott ein Weib wäre, was so ganz unmöglich nicht ist, haben's die Mannsbilder einmal drüben nicht schlecht, denn dann werden die ärgsten Sündenböcke vortrefflich aufgenommen, wie auch hier auf Erden schon, wo ein Mannsbild jedwede Moral sich sparen kann, und wird doch geliebt und begehrt, daß es eine Art hat.«

Durch solche Reden hatte die kluge Frau beim Rittmeister einen Stein im Brett und konnte sich dafür so manches herausnehmen.

Oft schimpfte sie ihn herunter wie einen Schulbuben; das nahm er dann auch freundlich hin.

»Nur bei einem Mannsbild nie gradaus. Ordentlich Honig ums Maul gestrichen, und während sie schlecken, dann kommt das Rechte, das, was sie sollen. Das muß es sein.« Das sagte die Alte oft.

Und so strich sie derb und lustig unverschämt, wie so manches kluge Weiblein, und hatte dafür einen fügsamen Freund.

Der Rittmeister war ganz vernarrt in Badewännchens Schönheit.

So saßen die beiden Alten eines Sonntags im Häuschen am Entenfang bei der alten Schauspielerin, jetzt Nählehrerin, beieinander. »Die Tochter vom Rauchfuß ist nicht übel? – was, Kummerfelden? Solche feste Arme – und wie sie geht! – Ein ganzer Kerl, und dazu der rotblonde Schopf, und die verdammten Augen! He, Kummerfelden, das hab' ich gut gemacht! – Was? – Schaut Euch doch all die Nachbrut an! Saht Ihr da so etwas? – –«

»No, no,« meinte die Kummerfelden, »nur nicht so üppig, Monsieur. Sie ist doch bei weitem mehr die Tochter ihrer braven Mutter.«

»I was, brav!« sagte der Rittmeister. »– Teifel auch, beim Weib kommt's auf die Schönheit an. – Basta.«

»Sie Narr,« meinte die Kummerfelden. »Und was hat denn aber Ihr Gut so beieinander gehalten? Hat das die Schönheit Ihrer Frau getan oder die Tüchtigkeit?«

»Ah, paperla – paperla, mit einer Nebensache läßt sich auch was machen. Aber die Hauptsache! Auf den Knien hätte sie mich bitten können, ich hätte Frau Rauchfuß nie geheiratet – wenn sie nicht so'n netter Käfer gewesen wär'.«

»Gott sei euch Mannsbildern gnädig!« meinte die Kummerfelden und rührte den Zucker in ihrem Kaffee um. »Ihr nehmt, die euch gefällt, und nennt sie schön, solange ihr sie wollt. Was hat Eure Frau für ein Leben bei Euch geführt, einsam und verlassen, wie neben einem Holzklotz.«

»Kummerfelden – Donnerwetter, was nimmt Sie sich heraus!«

»Weil's wahr ist,« sagte die Kummerfelden ärgerlich. »Und ein Schaukelpferd könnte auch kein schlechterer Vater sein, wie Ihr gegen das gute Kind seid. Was ist denn das, nachts zwei Uhr angetrunken nach Hause zu kommen und nicht an das arme Geschöpf zu denken, was Euch halb wachend erwartet und Euch hilft, ins Bett zu kommen, alter Saufaus! Um zwei Uhr laßt Ihr Euch noch 'nen Kaffee von dem guten Geschöpf machen. Und das nehmt Ihr so gedankenlos und töricht hin. Und alle Nasen lang kommt's vor. Pfui, Rittmeister, ich verlange gewiß von keinem Mann, daß er, was Moral und Saufen betrifft, anständig ist. Aber auch für ein Mannsbild gibt's Grenzen, – und die überschreitet Ihr, Verehrtester.«

Die Kummerfelden war heute besonders erbost über ihren alten Freund, denn es war ihr gerade manches zu Ohren gekommen. Aber sie schenkte doch ihrem Sonntagsgast die dritte Tasse starken Kaffees ein und bediente ihn so aufmerksam, als wäre er der heilige Nikolaus.

»Und noch eins,« sagte die Kummerfelden, »glaubt Ihr, daß das gute Kind ein Wort darüber redet, wie Ihr's treibt? Nicht eine Silbe. Zerreißen könnte man sie und brächte nichts aus ihr heraus, was Euch nicht zur Ehre gereichte.«

»Soldatenkind – verdammtes!« sagte der Rittmeister und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das hat sie von mir, der Racker!«

Die Kummerfelden aber faßte sich mit beiden geschäftigen Händen an die große Haube, als müßte sie diese gegen Unerhörtes schützen.

»Gott sei mir gnädig,« sagte sie, »so was ist unerschütterlich.«

*

Als Rittmeister Rauchfußens Mädchen ihr siebzehntes Jahr erreicht hatte, begab es sich, daß der Alte in einen Liebeshandel geriet. An den Sonntagen bei der Kummerfelden hatte sich in dieser Zeit gar oft eine recht saubere, kleine Witwe eingefunden, die der Kummerfelden allerliebst um den Bart ging. Sie war eine frühere Schülerin der alten Nählehrerin und war nach dem Tode des Mannes in armselige Verhältnisse geraten. Mit der Kummerfelden beriet sie sich sittsam darüber, daß sie sich als Krankenpflegerin wollte in Weimar niederlassen, und machte das so rührend und allerliebst anschaulich, daß dem Rittmeister, der bei diesen Beratungen auch mal zugegen war, ganz warm ums Herz wurde. Dazu hatte das Weibchen ein allerliebstes Herzgesicht, breite Stirn und spitzes Kinn und ein paar braune, lebenslustige, runde Augen.

»So eine Krankenpflegerin lass' ich mir schon gefallen, warum nicht,« sagte der Rittmeister, »so ein munteres Weibchen, da sieht die ganze Geschichte so schlimm nicht aus. Spaßhaft so 'was!«

»Schäm' Er sich, alter Narr,« sagte die Kummerfelden ärgerlich.

»I was,« meinte der Rittmeister, »Kummerfelden, Sie sind eine alte, majestätische Fregatte mit Ihrer Haube. So ein junges flottes Fahrzeug wie unsere Marianne, das fährt in andere Wasser als so ein altes Tugendschiff. Nicht wahr, Frau Marianne?«

»Bitt' mir's aus, Herr Rittmeister,« schmollte das kleine Weib. »Meint Ihr, es ist mir nicht Ernst?« Und das kleine Weibchen breitete ihre Tugenden und ihr heiliges Vorhaben wieder vor der alten, guten Frau und Herrn Rauchfuß aus.

»Teufelsweibchen!« brummte der Rittmeister in den roten Bart.

»Jawohl,« sagte die kleine, zierliche Frau und machte eine allerliebste Bewegung mit ihrem Herzköpfchen, um das sie ein schneeweißes, dreieckiges Tüchlein gebunden hatte. So ein bißchen nonnenhaft und sauber wollte sie aussehen. »Jawohl,« sagte sie, »Ihr kommt mir recht! Teufelsweibchen! Ihr werdet schon das Teufelsweibchen kennen lernen, wenn Ihr mich zur Pflege hinaufkommen lasset, wenn's den Herrn Rittmeister 'mal hat. Die Küche würde ich auch gleich mit übernehmen. Wer weiß denn so einem Kranken so recht bekömmlich aufzutischen, daß ihm die Lebensgeister wiederkommen, wenn er nur so ein Süppchen riecht. Und eins sag' ich: Bei mir kann sich ein Kranker den Doktor sparen. Von meiner Mutter selig weiß ich so viel – allerhand Wundermittel, wann eins die Gicht hat oder 's Zipperlein – da stehen die Doktors und haben 's Nachsehen.«

»Is' aber nicht!« sagte der Rittmeister.

»Nu, desto besser,« meinte das Weibchen. »Nee, nee, gesucht würde ich schon. Wer ist denn hier? So 'n paar alte Karreiten, die bei jeder Bewegung knarren, und Ihre Freundin, die Rabenmutter, Frau Kummerfelden, die mit ihren groben Pratzen 'was Feines gleich totdrückt.«

»Nein, nein,« sagte die Kummerfelden, »an die Rabenmutter rühren Sie nicht, das ist eine Seele von einem Menschen.«

»Nur ist sie zu viel Leib dabei,« sagte die kleine Witwe und drehte ihr zierliches Figürchen.

»Ja,« sagte die Kummerfelden, »Recht muß Recht bleiben. Die Rabenmutter ist schon reichlich massiv, freilich hat sie mich vorigen Winter, als in mir so allerhand lungte und loderte, wie ein Kind aus dem Bette gehoben und wieder eingelegt; aber geprustet hat sie dabei wie der heilige Christophorus, was nicht jedermanns Sache ist.«

»Nee, nee, nee,« meinte die kleine Witwe, »geräuschlos muß eins sein können.«

Als das niedliche Weib eines Tages sagte: »Jetzt muß ich aber heim; meine Herren warten auf mich; dem einen muß ich sein Bierchen noch holen!« – da fragte der Rittmeister ganz verblüfft: »Herren? Was hat Sie denn für Herren?«

»In Kost und Logis,« sagte das Weibchen, und das muntere Herzgesicht mit seinen runden, braunen Augen schaute so ein wenig herausfordernd auf den alten Soldaten.

»Sapperment!« sagte der.

»Na, was hat Er denn da?« meinte die Kummerfelden. »Gottlob, daß ihr der liebe Gott so ein paar verständige, rechtliche Männer ins Quartier geschickt hat, denn wovon sollte die arme Haut wohl leben?«

Der Rittmeister lachte recht ungefüg.

Als das Weibchen gegangen war, stand er schwerfällig vom Kaffeetisch auf und ging im Zimmer auf und nieder. »Das mit den Kostgängern paßt mir ganz und gar nicht,« sagte er ärgerlich.

»Schaut den an,« lachte die Kummerfelden. »Rittmeister, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen; die ist klug, daß Ihr für ihrer Klugheit Nadelöhr keinen so feinen Faden habt.«

Von da ab aber fehlte weder der Rittmeister noch das feine Weibchen zur Kaffeestunde am Sonntagnachmittag bei der Kummerfelden, bis es der Alten zu dumm wurde.

Es währte lange, bis die Gute zu merken begann, daß der Rittmeister und das junge Weibchen auf Freiersfüßen gingen.

›Herr Gott,« dachte sie, ›das wolltest du mir gewähren, daß meine Augen nie den Mann sehen müssen, der keine Frau bekommt, den wirklich keine nähme – Amen.«

Als die Kummerfelden endlich klug geworden war und gesehen hatte, wie der Hase lief, begann sie an Sonntagnachmittagen Landpartien zu machen, nahm ihren Strickbeutel, setzte den großen Hut über die große Haube, zog ein lieblich geblümtes Kleid an und schloß die Tür des Entenfanges hinter sich ab.

Dann zog sie hinaus in Gottes freie Natur, kaufte sich unterwegs beim Bäcker noch ein paar Maulschellen, um etwa in Rödchen, Tröbsdorf oder Süßenborn etwas zu haben, was sie in den Kaffee stippen konnte.

»Nee,« sagte sie bei sich, »jetzt haben wir Badewännchen endlich so weit, jetzt braucht sie keine Stiefmutter mehr, ist überhaupt ganz unnotwendig, und gar die kleine Frau Marianne. Alles was recht ist, aber ich gebe keinen Sechser dafür, daß ihr Herz auch nur so groß ist, wie das Herz einer Suppenhenne. Ich sehe nicht ein, weshalb wir der für eine Sinekure auf dem Ettersberg sorgen müssen.«

Als aber der Rittmeister ein paar Sonntage lang die verschlossene Tür fand, ergrimmte er gewaltig auf die Kummerfelden. »So 'n altes Weib,« schimpfte er vor ihrer Tür, »stiehlt Gott die Tage, und wenn's mal zu was zu gebrauchen wäre, macht sich's davon.«

Bisher war dem Rittmeister seine Liebe ganz leicht und behaglich zu tragen gewesen, eine glückliche, glatte Liebe. Aber nun begann sie in seinen Knochen wie sein Zipperlein zu reißen. ›Man wird alt – man wird alt,« dachte er bei sich und mußte seine Kräfte im »Elefanten« auffrischen, seine Sehnsucht betäuben, sein Unbehagen tatsächlich ersäufen, und doch gelang's ihm nicht. Eine gewaltige Unruhe trieb ihn umher. Des Tags wohl zehnmal spazierte er mit gravitätischen Schritten durch die kleine Stadt und hätte gewünscht, sie wäre zehnmal so groß. Endlich hatte er den Mut gefaßt, bei seiner Angebeteten einen Besuch nach allen Regeln zu machen, wurde aber von ihr selbst schnöde abgewiesen. ›Ob er denn glaube, daß sie Herrenbesuche empfinge?« Das verdutzte ihn. ›Wenn sie das ganze Haus voll Mannsbilder in Kost und Logis hat!« dachte er.

Sein Erstaunen mochte dem alten Soldaten so deutlich auf dem Gesicht zu lesen gewesen sein, daß das hübsche Weibchen ihn völlig begriff und freundlich sagte: »Mein lieber Herr Rittmeister, das sehen die Leute ein, daß eine arme Witwe ihren Unterhalt haben muß; aber wenn ich einen jeden, dem's gefiele, bei mir einlassen wollte, würd' ich nicht übel ins Gerede kommen. Also nichts für ungut, Herr Rittmeister.« Dabei sah sie so liebreizend aus, das Herzgesicht hatte einen Anflug süßer Röte, denn es war ihr in der Tat nicht recht, daß ihr Verehrer hier vor aller Augen vor ihrer Haustür stand, im kleinen Gärtchen. »Aber,« sagte sie und schaute sittsam nieder, »das möchte wohl gehen, daß ich 'mal 'raufspaziert käme und Ihrem Töchterchen eine Visite machen täte.«

»Dem Badewännchen?« lachte er erstaunt.

»Also Sonntag, wenn's Badewännchen daheim ist,« sagte der Rittmeister pfiffig und machte einen Bückling, wie er ihn seit Jahrzehnten nicht nötig gehabt.

Ihr kluges Betragen bewies ihm, daß sie ihn nicht ungern sah. Er war daher sehr gut gelaunt.

*

An diesem Abend hatte Badewännchen große Not mit Herrn Rauchfuß. Er stieg bedenklich fußunsicher aus dem Kütschchen. Bisher war er immer stattlich durch den Hof geschritten, unnatürlich gerade, den Schnauzbart in die Luft gestreckt, die Hand auf dem Rücken, wie ein Mann, der jeden Blick erträgt: Na, schaut mich an!

Das Unglück war erst immer daheim angegangen, da war er in sich zusammengefallen und hatte Badewännchen viel Müh' und Angst gemacht, hatte bös geschimpft und wohl auch geschlagen und sie dann wieder über alle Maßen gelobt und sie dabei mit gläsernen Augen angestarrt, so daß das arme Kind aus der Bangigkeit nicht herauskam.

Heut' aber, da war er ganz sonderbar, wie noch nie.

Da saß er in seinem Lehnstuhl und machte sich mit etwas zu schaffen, was nicht da war. »Geh',« sagte er, »oder meinetwegen bleib' da!« Und da strich er der Katze, die nicht da war, über den Rücken.

»Vater,« sagte die Kleine, »was hast du denn? Was spaßt du denn? Sie ist doch gar nicht da.«

»Gans,« sagte Herr Rauchfuß, »hast du in den Augen ein Loch, daß die Katze dir durchfällt?«

»No, was hat sie denn nur,« fuhr Herr Rauchfuß auf und machte sich mit der unsichtbaren Katze zu tun. »Ja! – Was! – Schnappen! – Seit wann denn? – Wie 'n Hund! – Die Bestie.« Sein Gesicht wurde dunkelrot. Die Zornader schwoll. Er gab dem Tiere einen Tritt.

»So, jetzt hat sie genug! So ist noch kein solch Vieh an die Wand gekeilt worden.«

Er setzte sich befriedigt nieder, schwer aufatmend. Krank sah er aus. Jetzt wird er ganz fahl, blauschwärzlich unter den Augen, der Blick abwesend. Das arme Kind wollte die Mamsell rufen, aber es konnte sich nicht vom Platz rühren vor Angst und fing bitterlich an zu weinen. Das brachte Herrn Rauchfuß auf: »Da, siehst du's etwa wieder nicht?« schrie er wütend. »Sperr' die Augen auf!« Er schaute starr vor sich. »Hat sie sich doch hereingemacht! So ein Vieh hat keine Ehre im Leib. Fährst du ab!« Damit stieß er mit dem Fuß nach ihr.

Jetzt mit einem Male kam weiche Stimmung über ihn. »Badewännchen, siehst 'n,« sagte er matt, »du sollst 'n gutes Kind sein, was meinst du denn, was ich mich mit dir plagen muß! So 'n mutterloses Kind aufziehen ist keine Kleinigkeit für'n alten Sünder. Geh', brau' mir 'n Grog, weißt, 'n so 'n feinen, so 'n höllischen, – das wird mir gut tun.«

Derart wunderliche Zustände stellten sich jetzt öfters ein. Zwischendurch waren ruhige Tage, an denen sich Herr Rauchfuß nicht besonders wohl zu fühlen schien. Er aß oft tagsüber keinen Bissen und war mißlaunig und matt.

*

An einem schönen Sommernachmittag kam durch wogende Felder Marianne, die junge Witwe, zum Ettersberg heraufgewandelt und fragte nach Mamsell Beate Rauchfuß. Die traf sie im Garten an. Da lag das Kind auf der langen Wiese, die zur Bleiche diente, im Heu und schlief und erwachte nicht, als die Fremde sich ihr näherte.

›Drollig,‹ dachte die junge Witwe, ›daß sie da liegt und schläft. Was treibt das Mädchen überhaupt den ganzen Tag?‹ Sie sah das tiefrote Haar, das im starken Zopf um den Kopf geschlungen war, das zarte Gesicht, die feste, kleine Nase, und einen Mund, der ganz aus Kraft und Weh gebildet zu sein schien, die junge Gestalt im Rosagewändchen und ein Paar runde, kindliche Arme; braune Hände, die den Blick auf sich zogen. Die eine zur Faust geballt, sagte: ›Was ich halte, das halt' ich. Was ich will, das will ich.‹

Die junge Witwe denkt bei sich: ›Das schöne Gut wär' recht, und der Alte auch, weshalb nicht; aber die Junge! – Ach, daß so ein armes Weibchen sich gar so viel plagen muß, um irgendwo unterzuschlüpfen, daß alle Bravheit, Schlauheit und Hübschheit nichts nutzt: Wie man's auch anfängt, schwer bleibt's alleweile.‹

Es gingen ihr ihre Kostherren durch den Sinn und so manche schöne Möglichkeit, die ihr entschlüpft war.

Das junge Geschöpf wachte auf, beunruhigt von den Blicken der Fremden, und sah sie erstaunt und erschreckt an.

»Ich kam herauf, um Sie und den Herrn Vater hier oben aufzusuchen,« sagte Frau Marianne etwas beklommen, denn der forschende, fremde Blick des Mädchens zeigte ihr, daß Mamsell Beate von ihr nichts wußte.

»Der Herr Vater«, fuhr das Weibchen fort, »hat mich aufgefordert, einmal nach Ihnen zu schauen.«

›Der Vater?« dachte Beate langsam.

»Wie geht's dem Herrn Vater?«

Hart und kurz sagte das Kind: »Gut.«

»Ja, was für ein lieber, munterer Herr er ist.«

Das junge Ding schwieg und schaute ernst, mit schwerem Blick vor sich hin. Sie wußte nicht, was sie mit der freundlichen, zierlichen Person anfangen sollte.

Die süße Tölpelhaftigkeit der ersten Jugend lag weich und schwer über ihr. Sie war nicht gewöhnt, mit fremden Leuten zu reden, und der wundervolle, tiefe Sommerschlaf befing sie noch.

»Wie schön haben Sie's hier!« sagte das Weibchen, um endlich doch einen Widerklang ihrer Liebenswürdigkeit zu finden.

Das Mädchen nickte leicht.

»Ist's wahr, daß Ihr Herr Vater täglich im Sommer eine Rose vor dem Frühstück verspeist, damit er so frisch und munter bleibt, wie er ist?« fragte das Weibchen wieder und lächelte.

»Eine Rose?« Das Mädchen schreckte wie aus Gedanken versunken auf. »Ja, er hat einmal so etwas gesagt, dünkt mich, daß er's früher getan hat. Hat er's Ihnen auch gesagt?«

»Ja wohl,« meinte die Witwe, »und es muß kein übles Mittel sein. Wenn man ihn so stattlich dahergehen sieht, wie noch mal 'n Kavalier, da glaubt man's schon.«

»Badewännchen!« rief eine gewaltige Stimme vom Hause her. »Wo seid Ihr denn?«

Und als Badewännchen aufschaute, sah sie ihren Vater gar stattlich daherkommen. Er mußte fürwahr viele Rosen soeben gegessen haben, denn er war wie verwandelt. So hatte sie ihn ihr Lebtag nicht gesehen. War er's denn wirklich? Heut so grau und mißgelaunt und voller Ekel bei Tisch, und nun?

Der rote Bart glänzte, die Augen leuchteten, und er ging wie auf Federn.

Badewännchen riß die Augen auf.

»Bravo, Frau Marianne!« rief Herr Rauchfuß, »daß Sie den weiten, sonnigen Weg gemacht haben, um meiner armen Kleinen ein wenig Gesellschaft zu leisten, das lob' ich mir.«

Die junge Beate schaute ängstlich auf Vater und Gast; was fiel ihm ein, ihr für Gesellschaft zu sorgen?

Sie war hier oben an Einsamkeit gewöhnt. Gewünscht hatte sie sich oft die Kirstensmädchen mit ihren Freundinnen, die sie bei der Kummerfelden und hin und wieder bei Sperbers traf, die wären auch zu ihr heraufgekommen; aber dann hatte sie gedacht: ›Wenn die den Vater sehen würden, wie sie ihn oft sah‹ – und alle Lust war ihr vergangen.

Aber Beatens Einsamkeit war eine wundervoll kräftige Einsamkeit gewesen. Wie ein kleines Tier hatte sie im vollaubigen Garten gelebt, hatte unter den Bäumen oder in voller Sonne geschlafen, hatte gegraben, gepflanzt und war in Feld und Wald umhergestrichen, ohne daß irgend jemand nach ihr gefragt hätte.

Wo es zu arbeiten gab, hatte sie tüchtig mit Hand angelegt, beim Säen und Ernten, im Stall und in der Milchkammer, im Obst- und Gemüsegarten.

Knechte und Mägde hatten vor ihr Respekt und sagten: ›Wie sie nur alles angreift, verständig wie ein Großes!«

Und im Winter in der Gesindestube, da vermißte sie auch kaum ihresgleichen, da gab es zu hören und so manches zu erlauschen, da wurden die Dinge beim rechten Namen genannt, da erstand ihr eine hahnebüchene Welt, in der auch die Geister und Gespenster handgreiflicher Natur waren.

In der Gesindestube wehte eine ganz gehörig scharfe Luft, was Witze und dumme Geschichten betraf, und wie ein Kind aus dem Volke wußte sie früh über Liebe Bescheid; aber ohne Sehnsucht.

Es war da nichts Rätselhaftes, Geheimnisvolles, nichts allzu Anziehendes; aber es war etwas, was sein mußte, wie Säen und Ernten, wie Tod und Leben.

Ihr waren über die Dinge dieser Erde keine Schleier gebreitet, auch über den Tod nicht. Alles war, wie es war, und mußte hingenommen werden.

Und so kam ihr das Wesen zwischen Vater und Gast sofort sonderbar vor.

Sie hatten in der Gesindestube sie schon manchesmal damit geneckt und gehänselt, daß der Vater einmal mit einer Stiefmutter ihr kommen könnte.

Und jetzt dachte sie: ›Sollte dies sein?‹

Sie fand sie sehr hübsch; die Zierlichkeit, ihr angenehmes Lächeln, die dunklen, wohl frisierten Löckchen, alles bezauberte sie. Ja, es erschien ihr, als wäre das Weibchen ein Wunder gegen ihre eigene Tölpelhaftigkeit.

Es war ein recht froher Nachmittag droben im alten Gutshaus. Solch ein helles Frauenlachen hatte da oben in langen Jahren nicht geklungen.

Die Mamsell kochte einen vorzüglichen Kaffee, breitete im Garten unter der alten Linde, unter der Frau Rauchfuß einst wie ein schon abgeschiedener Geist ihr Kind hatte tanzen sehen, ein weißes Tuch über den Tisch und trug frisch gebackene Kräpfel auf.

Die junge Beate schnitt Blumen und stellte einen Strauß auf den Tisch. Frau Marianne ertrank fast in eigener Liebenswürdigkeit, und der Rittmeister war wie das Gespenst seiner eigenen Jugend.

Beate saß ganz still und schaute und verglich den einen schönen Sommertag mit all den Sommer-, Winter-, Frühlings- und Herbsttagen, die sie kannte, und sie ballte die festen, kleinen Hände zu Fäusten, um die Tränen zu besiegen, und starrte auf ihren Vater, von dem aus so viel Leid ihr Lebtag ausgegangen war, und dachte an die Freudlosigkeit ihrer Mutter.

›Nein,‹ dachte die junge Beate: ›Sie soll nicht zu uns heraufkommen, leid tät' sie mir. Um mich ist's nicht schade, ich weiß schon alles.‹

Als die hübsche Witwe im Kütschchen wieder heimfuhr, küßte der Rittmeister ihr gar zärtlich und zuversichtlich die Hand.

So fuhr Frau Marianne siegesstolz davon. Den hatte sie jetzt, den Alten!

Und wie das Kütschchen gut rollte!

Es war dasselbe Kütschchen, in dem Frau Rauchfuß, an die Lederkissen geschmiegt, ihre todestraurige Fahrt nach Hause gemacht hatte.

Frau Marianne war gar übermütig gestimmt, abgetan waren die Kostgänger.

Als sie ihrem Häuschen zurollte – es war schon etwas spät –, dachte sie: ›Herr Leinhose hätte sein Bierchen schon längst haben sollen und Herr Oehmchen seine Bratwurst! Ach was! Mögen sie einmal warten!‹

Die beiden saßen schon in der Wohnstube, als sie eintrat, und schienen etwas mißgestimmt zu sein. Der eine zog seine Uhr und schaute darauf, wie ein ungehaltener Gläubiger auf seinen Schuldschein. »Spät, spät sind wir daran,« sagte er bedächtig.

Die kleine Witwe lachte etwas leichtfertig. Der Hunger ihrer Kostgänger ließ sie sehr kühl, dieser Kostgänger, die ihr so sehr am Herzen gelegen und deren Wohlergehen ihre größte Sorge gewesen war; denn keinem ledigen Mann geht es besser, als wenn ihn ein Frauchen, das auf Freiersfüßen geht, versorgt.

Die beiden Kostgänger nahmen schon seit Jahr und Tag der kleinen Witwe Fürsorge hin, und jeder von ihnen stand so mit ihr, daß sie die Wahl zwischen ihnen beiden zu haben glaubte. Der eine wartete auf eine Gehaltsverbesserung, die jeden Tag vor sich gehen konnte, und der andere hatte einen kleinen, netten Prozeß wegen einer Erbschaft und konnte jeden Tag Herr von einigen tausend Reichstalern werden, mit denen sich allerhand anfangen ließ.

Sie waren beide zwei Herren mit den schönsten Möglichkeiten, und eine kleine heiratslustige Witwe konnte schon ein übriges an Beköstigung und Aufwartung für sie tun. Sie standen auch beide im guten Alter, nicht zu alt und nicht zu jung.

Wirklich ganz erstaunt blickten sie heute auf ihre kleine Freßmadame, die sich durch ihr Mißvergnügen gar nicht beirren ließ, sondern Hut und Longschal bedächtig in das lavendelduftende Kommodenfach legte. – Was sie nur hatte?

Sie warteten und warteten. Die Witib trödelte geradezu mit dem Essen. Und als es endlich kam, wurde es durchaus nicht so liebevoll wie sonst vor jeden hingesetzt, sondern recht gleichmütig. Die Wurst war auch nicht so knusperig wie sonst.

Die junge Frau nahm Platz am Fenster und spann.

Jetzt wäre die Zeit gewesen, zu der sie allabendlich miteinander den Küchenzettel für den nächsten Tag zu machen gewohnt waren. Friedlich hatten sie zu dieser Speisestunde einen weiteren Genuß, kraft ihrer Phantasie und schöpferischen Gaben, sich vor die frohen Seelen gestellt.

Das blieb heute auch aus.

Sie spann und lächelte träumerisch vor sich hin, und die beiden schmausenden Kostgänger waren für sie gar nicht vorhanden.

Sie wirtschaftete oben auf dem schönen Gut, wandelte im Geist durch Stall und Küche, rückte im Wohnzimmer allerhand nach ihrem Geschmack und fühlte sich so recht an ihrem Platz.

Da schellte es unten an der Haustür auf eine heftige, sonderbare Weise.

Als die kleine Witwe die Treppe wieder heraufgestiegen kam, hörten die Kostgänger zögernde Schritte hinter ihr drein kommen.

Ganz erregt trat die Frau ein, und ihr folgte etwas, worauf die beiden Kostgänger nicht gefaßt waren, ein rothaariges, kindliches Mädchen. Sie trug ein Schaltuch über dem Kopf, welches das Haar halb verdeckte. Es quoll aber in Ringeln und verwirrten Strähnen daraus hervor.

Die biegsame, mittelgroße Gestalt, das weiche, rosige Gesicht, die scharfgeschwungenen, dunklen Augenbrauen, all das machte die Erscheinung, die stumm an der Tür stand, so märchenhaft und wunderlich, daß Herrn Oehmchen und Herrn Leinhose der Bissen im Munde steckenblieb. Sie wagten nicht mehr zu kauen. Das schöne Geschöpf aber rührte sich nicht und starrte auf die beiden Mannsbilder und schien sich gar nicht fassen zu können.

»Nun, Mamsell Rauchfuß,« sagte das Weibchen mit dem Herzgesicht, »was verschafft mir denn das Vergnügen?«

Das wunderliche Geschöpf aber antwortete noch immer nicht, sondern schaute nur. Man sah, sie kämpfte in sich mit etwas, was sie sagen wollte und nicht konnte.

»Ei, so setzen Sie sich doch, Mamsell,« sagte der Herr Leinhose, und rückte ihr einen Stuhl an den Tisch.

»Ja, um Himmels willen, ist denn etwas geschehen?« fragte das arme Weibchen kleinlaut.

Da nahm das seltsame Geschöpf Platz auf dem Stuhl, verbarg den Kopf in den Armen, die sie breit auf den Tisch legte, und begann zu schluchzen.

Die Witwe legte ihre Hand beruhigend ihr auf die Schulter.

»Ach, heiraten Sie meinen Vater doch nicht,« klang es leidenschaftlich und doch so weich frühlingshaft zwischen dem Schluchzen hindurch. »Zu schad' wär's um Sie.«

Das Mädchen war ganz in Tränen aufgelöst.

»Aber, wer denkt denn daran!« sagte die kleine Witwe ärgerlich.

»Doch! doch! Sie – und auch der Vater, ganz gewiß. Tun Sie's um Gottes willen nicht. Sie wissen nicht, wie traurig es oben bei uns ist!«

Das Schluchzen war so wild und ungezügelt, als hätte das arme Kind es jahrelang eingedämmt, und nun tobte es wie ein Frühlingswasser.

»In solcher Angst bin ich von oben herabgelaufen; ich mußte es Ihnen sagen. So eine Sünde wäre es gewesen, hätte ich's nicht getan. Wenn Sie wüßten, wie traurig meine arme Mutter immer war und wie traurig – traurig sie gestorben ist!«

Das gute, arme Kind, das es in seiner Herzensangst so treu und ehrlich meinte und der Witwe soeben einen gar schlimmen Streich spielte, hatte noch immer das mit der roten Haarkrone geschmückte Haupt auf die Arme gepreßt.

Sie sah nicht, wie die beiden Kostgänger belustigte Blicke auf ihre kleine Freßmadame warfen, und wie deren Herzgesicht erbleichte und wie darüber hin ein Weh zog, vergebliche Mühe, vergebliches Hoffen.

Einsam weinte das junge, schöne Menschenwesen unter diesen dreien, die alle ihre eigene Verwirrung hatten.

»Schau – schau,« sagte Herr Oehmchen endlich, »unsere teure Frau Marianne.« Seine Stimme klang etwas giftig. Gott weiß, ob er je Gebrauch von der Güte und Bereitwilligkeit seiner Wohltäterin gemacht hätte; aber er wollte der Teil sein, der wählte und verwarf, nicht sie.

Er war der Gekränkte.

Nicht anders betrug sich Herrn Leinhose; auch der fühlte sich als der Herr der Schöpfung genasführt und machte sich durch einige geschmerzte unartige Bemerkungen Luft. Die kleine Witwe aber war rat- und wehrlos gegen diese beiden in Ungerechtigkeit geharnischten Mannsbilder.

Das Bild der vier Puppen, die das Schicksal am Draht hatte, bekam jetzt einen Ruck, der die ganze Lage der Dinge veränderte.

Die Augen der Kostgänger richteten sich jetzt nicht zürnend und giftig in gekränkter Männerwürde auf die hübsche Witwe, sondern wohlgefällig und zutunlich auf das weinende Mädchen, das jetzt Freunde bekam auf Kosten eines andern, wie das so oft geschieht. Der eine verliert, wodurch notwendig ein zweiter gewinnen muß.

»Nun, jetzt bitte ich Sie, schaut niemand von uns allen darauf, daß Mamsell Rauchfuß sich beruhigt!«

Damit schob Herr Leinhose zur Tür hinaus und kam mit einem Glase frischen Wassers wieder herein: »Hier Mamsell,« sagte er sanft wie eine Kindermuhme, »trinken Sie ein Schlückchen!«

Frau Marianne sah ganz erstaunt auf. Solch ein Laut war hier noch nie erklungen! Die Herren waren ununterbrochen von ihr gut bedient worden, in allzu großem Eifer, von ihr! und hatten gar keine Gelegenheit gehabt, sich ihr gegenüber zu revanchieren.

Wenn das Männchen aber wirbt, sieht es das Weibchen gern hilfsbedürftig, so sehr sich dieses Wohlgefallen an Hilfsbedürftigkeit auch später ändert.

O weh, dachte die hübsche Witwe, da haben wir's.

Sie mußte zuschauen, wie die beiden sich überboten, dem jungen Geschöpf zu dienen.

Die Stimmen ihrer Kostgänger wurden zarter und zarter, ganz hingerissen.

Dem einsamen jungen Geschöpf aber taten diese gütigen Stimmen wohl, es begann sich zu beruhigen, schaute auf.

Das rosige, vom Weinen etwas verschwollene Gesicht unter dem Schopf roten Haares begeisterte die Kostgänger ganz augenscheinlich. Ihre Seelen gossen wahrhaft Güte und Liebenswürdigkeit aus, und Frau Marianne durfte nicht allzusehr von den beiden abstechen, um sich nicht lächerlich zu machen, und war daher gezwungen, einigermaßen mütterlich zärtlich gegen den Störenfried zu sein.

Sie hatte nun erfahren, die Aermste, daß Liebe sich nicht bürgerlich gesittet und wohlberechtigt einfangen läßt.

So mußte sie's ertragen, daß ihre beiden wohlgenährten Kostgänger, die so viel Mühe und Gewissenhaftigkeit geschluckt hatten, den kleinen Balg im Dunkeln wieder hinauf auf den Ettersberg brachten. Sie mußte es auch über sich ergehen lassen, daß das dumme Mädel in leidenschaftlicher Besorgnis noch einmal die Arme um sie schlang und sagte: »Traurig und unglücklich würden Sie werden, und Sie sind so schön und lieb. O, könnte ich werden wie Sie!«

Kaum nötig wäre es gewesen, daß die junge Beate dem armen Frauenzimmer, der Witwe, so großen Verdruß ins Haus gebracht hatte, denn Rittmeister Rauchfuß wurde bald darauf hinfällig und ganz gebrechlich.

Die böse Krankheit packte ihn, die so manchem prächtigen Herrn, der sein Lebtag stramm und freimütig getrunken hatte, das Lebenslicht unter Qualen und Nöten fein langsam verlöschen läßt.

Rittmeister Rauchfuß begann in gar wunderlichen peinlichen Vorstellungen zu leben. Dinge sah er, die andere nicht sahen, und da die Mehrzahl hier auf Erden recht behält und die Ausnahmen unrecht, mußte Herr Rauchfuß es sich gefallen lassen, hin und wieder nach Jena zu fahren, zu einem Arzt, der in seinem Hause so sonderbare Herren freundlich aufnahm, bis sich gewisse Irrtümer und Torheiten fürs erste gelegt hatten.

Die erträglicheren Zeiten brachte er auf dem Ottersberg, im alten Heim, wieder zu, und dort erwischte ihn auch sein letztes Stündlein.

Sperbers waren gekommen und auch die alte Kummerfelden, als sie hörten, Herr Rauchfuß hätte vor, abzuscheiden: sie wollten dem Alten, der sein Leben so torheitsvoll und unbekümmert hingebracht hatte wie die meisten Menschen, in der letzten Stunde nahe sein, seinetwegen und Badewännchens wegen.

Und so saßen sie im Nebenzimmer, als Herr Rauchfuß sich unter großen Qualen zur langen Reise anschickte. Sie saßen und tranken Kaffee, den die Mamsell immer neu braute, und aßen Schinkenbrot.

Der Arzt blieb auch in dieser Nacht oben auf dem Ettersberg und plauderte mit den drei Alten.

Badewännchen hielt am Lager ihres Vaters aus wie ein braver Soldat. Es war ein böses Sterben, und das gute Kind sah in die Schrecken des Lebens hinein wie in eine Feuersbrunst.

Sie selbst hatte so etwas Lebensvolles, Sonniges, daß es war, als stände das Leben selbst am Totenbette.

»Du Rackersmädchen, du!« sagte Herr Rauchfuß ärgerlich. »Wart' nur! – Siehste, wie's geht? – Soldatenkind! – Soldatenkind!«

Als er in der Nacht eine Weile still und teilnahmlos gelegen hatte, sagte er mit erloschener Stimme: »Sperber soll kommen.«

Und als der alte Nachbar kam, griff er nach dessen Hand und hielt sich daran in großer Bangigkeit, da war aber nichts mehr zu machen.

Er wollte noch sprechen, und schwer rang es sich heraus: »Sehr hoch – wohl – geboren höchst unwohl gestorben – alter Freund – alter Freund!«

»No, no,« sagte gutmütig beschwichtigend Nachbar Sperber, »das machen mir dir alle nach. Alle nach. Ach, du mein Gott.« So hielt er des alten Sünders Hand, mit dem er so manches Bésigue gespielt und so manchen guten Trunk getan hatte, während dessen arme, törichte Seele in Todesängsten über die Schwelle vom Ich zum Nichtich glitt.

*

Der Sommer nach des Vaters Tod ließ das Mädchen wundervoll erblühen. Das war ein Sommer! Keine Regenzeiten. Hin und wieder ein mächtiges Gewitter, das den alten Ettersberg überbrauste; Nachtregen und taufrische, tropfende, sonnenstrahlende Morgen. Ein Sommer, wie man ihn nur träumen konnte.

Von Badewännchen war der Lebensdruck abgefallen; sie kam ins Blühen und Leuchten.

»Eine Kopfverdreherin haben wir da oben,« meinte der alte Sperber. »Gott mag wissen, was die da oben anrichtet! Wenn das Mädel nur die verdammt roten Haare nicht hätte; aber so läuft sie wie eine Fackel umher, und jeder schaut und rennt ihr nach, bis zum Knecht hinab.

Sie lebte wie eine Königin da oben, trotzdem die beiden Sperbers brummten und schimpften, daß sie tat, was sie wollte und in ihrem Elternhause blieb, statt zu ihnen herüberzuziehen und das Gut zu verpachten.

Seit jenem Abend bei der jungen Witwe, als die trockenen Stimmen der Kostgänger sich zu Kindermuhmenzärtlichkeit und Besorgtheit verwandelten und schließlich zu Tönen kamen, die sie sich selbst kaum zugetraut hatten, wußte sie, daß sie schön war und Macht über die Menschen hatte.

An jenem Abend, als die beiden Kostgänger sie bis an das Haustor gebracht, hatte das einsame junge Mädchen in tiefer Nacht ihr Schlafkammerfenster geöffnet und in die große Dunkelheit und Stille hinausgeschaut. Ihr Herz schlug damals zum Zerspringen, das edle Blut durchglühte ihr die Haut.

Ein Wunder war geschehen! Trunken wurden die Menschen an ihr, trunken vor Freude.

Sie dankte Gott und preßte die gefalteten Hände an die Brust und war voll Seligkeit und Staunen. Sie konnte sich von der Stille nicht losreißen, die sie ganz mit ihrer eigenen Herrlichkeit erfüllte.

Daß die zwei Kostgänger der armen Frau Marianne im Grund zwei recht elende Wichte waren, tat nichts zur Sache. Sie hatte sie trunken vor Freude werden sehen.

Das bewegte sie tagelang, das heiligte sie vor sich selbst. Da, in diesem köstlichen Sommer, in dem aller Lebensdruck von ihr abgefallen war, wuchs und verschönte sie sich durch eigene Seligkeit.

Als Kind hatte sie Blumen um ihrer Schönheit willen beneidet, und nun war sie selbst schön. Sie bekam etwas Sicheres, Frohes.

Es war so gesund für sie, daß sie nun um ihre Schönheit wußte, den Tod kannte sie, völlige Einsamkeit und das Ertragenmüssen. Fuchs und Rotkopf hatte man sie in ihrer Kindheit gerufen. Von nun an bemerkte sie, daß ein jeder ihr nachsah, daß man stehenblieb, wenn sie vorüberging.

Und immer wieder kam diese große Freude, rann durch ihre Adern und stärkte sie.

Während dieses Sommers war sie tapfer bei der Arbeit. Sie wollte den alten Sperberleuten beweisen, daß sie eine gute Hausfrau und Gutsherrin sei. Trotzdem die Verantwortung auf dem Verwalter und der Mamsell lag, ließ sie sich das Heft nicht aus den Händen nehmen. Sie mußte von allem, was geschehen sollte, erfahren und ihre Einwilligung geben.

»Ein Rackersmädchen!« sagte der alte Sperber. Sie war viel drüben, holte sich dort Rat ein und traf mit jenen Mädchen und deren Kameraden zusammen, nach denen lange schon ihr Sinnen und Trachten stand.

Jetzt, da sie allein war, hielt kein Bedenken sie mehr von ihnen fern.

Das waren die beiden Töchter des Rats Kirsten aus der Wünschengasse unten in Weimar, die mit ihren Freunden Bundang, Ernst von Schiller und Horny hinauf zu den alten Sperbers kamen und dort wahre Freudenfeste feierten.

Sie standen den Sperbers sehr nahe, denn sie verstanden lustig und liebenswürdig zu sein und waren voller kindlicher Keckheit und Jugendüberschwall, daß den beiden Alten das Herz lachte.

Die junge Beate hatte es nie verstanden, die beiden guten Menschen so lächeln und lachen zu machen. Das tat ihr leid. Es lag etwas Schweres über ihr von Kindheit an. Sie war nie so recht sorglos gewesen.

Für sie waren aber die beiden Mädchen Röse und Marie etwas ganz Wundervolles. Nun, da sie wußte, daß sie selbst schön war, näherte sie sich ihnen wie ihresgleichen und wurde freudig aufgenommen.

Das Mädchen auf dem Ettersberg, das immer Reißaus genommen hatte, wenn sie sie zufällig bei Sperbers trafen, hatte längst ihr Verlangen erregt, besonders da ihre drei Freunde sehr viel von ihr hielten.

»Wegen ihres roten Haarschopfes mögt ihr sie wohl?« fragten die Mädchen ihre Freunde.

»Sie hat etwas Königliches,« sagte Horny. »Ich habe sie einmal belauscht, wie sie im Herbst vor zwei Jahren auf einem Acker, abends, als Knechte und Mägde gegangen waren, sich ganz einsam ein Kartoffelfeuerchen anzündete. Ich habe gesehen, wie sie das dürre Kraut geschleppt brachte, wie sie Feuer schlug und wie sie die Kartoffeln in die heiße Asche legte und dann zusammengekauert saß und in die Glut sah, so einsam und voller Gedanken. Ich war im Wald verborgen und mußte mir die Hände vor den Mund pressen, daß ich nicht jubelte über ihre Einsamkeit, und daß sie sich so ganz allein ein Feuerchen angebrannt hatte, und daß es ihr so behaglich in dieser Herbststille war. Dann hat sie von den Kartoffeln gegessen, so ganz einfach, wie ein junges verlassenes Tier, und ihr mögt mir's glauben, da liefen mir Tränen über das Gesicht. Die Felder und was ich ringsumher sah, war alles so weit und groß und grau und kühl. Ihr Feuerchen und sie selbst erschien mir in dem grauen Nebel nur wie ein winziger, lebendiger Punkt. Ich wußte ja auch, daß sie keine Mutter hatte. Dann sah ich sie so still und ernst den Weg entlang gehen, ihrem Hause zu. Nie werd' ich das vergessen.«

Die beiden Mädchen sahen sich ganz betroffen an. Sie gingen, als Horny ihnen sein verschwiegenes Erlebnis erzählte, abends auf dem Sperberschen Gutshof auf und nieder.

»Weshalb hat er uns das noch nie erzählt?« fragte Röse, bekam aber keine Antwort.

Röse und Marie hatten für alles, was Horny ihnen erzählte, viel übrig.

»Als wenn man sie hocken sieht,« sagte Röse.

»Und daß sie Badewännchen heißt,« meinte Marie. »Die Sperbers wollen auch, daß wir uns um sie bekümmern,« fuhr Röse fort, »und jetzt läßt sich auch etwas mit ihr anfangen. Sie ist so scheu nicht mehr, und man kann ganz vernünftig mit ihr reden. Ihr ist auch zuwider, was uns zuwider ist. Am liebsten rennt sie draußen herum und arbeitet ordentlich. Herr Gott, wie sie's gut hat!«

»Na, hör' mal,« sagte Marie, »so allein!«

»Ja,« sagte Horny wieder, »sie hat etwas von einer Königin. Sie tut, was sie will, und denkt, wie sie will. Sie lebt ein Leben für sich.«

»Als wenn das die Königinnen täten,« meinte Röse.

»Die Königinnen, die ich meine,« antwortete Horny, »die können in der Wünschengasse wohnen oder auf dem Ettersberg.«

»Solche Königinnen!« lachte Marie.

»Das einzig sind die Wahren! Jung müssen sie sein, ohne Tadel – und frei und froh und jedem gerade und stolz in die Augen sehen.«

Das entzückte beide, Röse und Marie.

»Wir sind drei Königinnen!« riefen sie Ernst Schiller und Budang entgegen. »Kommt, wir wollen zur dritten gehen!«

Und sie machten sich alle auf und gingen einen schmalen Weg über ein paar Wiesen und Felder, an einer Sandgrube hin, zum Rauchfußschen Hof, und fanden die junge Herrin im Garten unter der Linde sitzen, ihr Abendbrot verzehrend.

Auf dem weiß gedeckten Tisch stand ein Schüsselchen Sauermilch, aus dem sie löffelte, und ein Laib frisches Brot lag dabei, und ein Teller goldgelber Butter leuchtete auf dem weißen Tuch.

»Herrlich,« sagte Röse, »wie sie zu Abend ißt.«

Sie wurden alle eingeladen mitzuessen, und bald saß jedes vor solch einem Schüsselchen Sauermilch und schnitt Brot und strich Butter. Im stillen dachten sie: ›Da wird die liebe Frau Sperber mit dem Essen auf uns warten.« Aber sie sahen alle das gute, freundliche Gesicht vor sich, von dem sie nicht glaubten, daß es ihnen ihre Freude mißgönnen würde, und dann dachten sie: ›Wer weiß, vielleicht essen wir, wenn wir nach Hause kommen, was sie für uns hat, auch noch.«

Als sie abgetafelt hatten, war es ganz selbstverständlich, daß sie zu tanzen begannen unter der blühenden Linde. Da wurde gar nicht weiter darüber geredet.

»Also los!« sagte Röse. Die Pärchen fanden sich: den Takt singend und brummend, wiegten sie sich auf dem festgetretenen Kiesboden. Badewännchen rannte ins Haus, als die Dunkelheit hereinbrach, und holte eine Stallaterne, denn unter der dicken Linde dunkelte es bereits, als der Garten noch in Dämmerung lag. Dann kamen die Glühwürmchen und schwirrten durch die duftenden Zweige. Das junge Menschenvolk faßte sich bei den Händen und tanzte Ringelreihen um den alten, düsteren Stamm, bald links herum, bald rechts herum, und fand kein Ende damit.

Sie waren alle von seligster Harmonie zueinander hingezogen. Der stille, stille Garten um sie her, der duftende, schützende Baum und die leuchtende Stallaterne, in deren Strahlenkegel junge Herrlichkeit auftauchte.

Sie sprachen kaum und lachten kaum. Es war so eine große, große, heilige Wonne, die alle durchdrang. Das einsame Mädchen, das die glücklichen Jugendfreunde mit in ihren frohen Reigen gezogen hatten, war von überirdischer Wonne durchdrungen.

Das war ihr erster Tanz, dieser schweigende, selige Ringeltanz. Links herum, rechts herum, solange es zu ertragen war.

Es war ein Tanz zum Lobe Gottes, der Schönheit auf Erden und der wundervollen Jugend. Da wurden sie freilich nicht müde, und alle wußten, daß sie einander liebten von Kindheit an.

»Schön ist's,« sagte Röse.

Herr und Frau Sperber waren heraufgestiegen, um nach ihren Flüchtlingen zu sehen, und standen ganz ehrerbietig in der Ferne und sahen dem heiligen Tanz zu. Die Kummerfelden, die vom Samstag zum Sonntag im Sommer hin und wieder auch Logiergast war, denn Sperbers Gastfreundschaft war unergründlich, war mit ihnen gekommen.

Die drei Alten rührten sich nicht.

»Ja – ja!« sagte der gute Sperber, und hätte er eine Rede über alles Weh und alle Freude dieser geheimnisvollen Erde gehalten, sie hätte nicht tiefer und verständiger ausfallen können.

Die alte Kummerfelden meinte: »Du lieber, braver Sperber, da möchte ich dir die Hand dafür drücken, denn recht hast du,« und nun sagte sie selbst auch: »Ja – ja!« Aber das ging Frau Sperber durch Mark und Bein, denn die Kummerfelden war nicht umsonst eine hochberühmte Schauspielerin gewesen.

»So mach' einem doch das Herz nicht schwer, dumme Suse,« sagte sie zu ihrer guten Freundin, »du mußt auch immer in den Dingen herumrühren.«

»Aber«, sagte Herr Sperber, »fort gehen tut es so nicht, das könnte lustig da oben werden – Badewännchen muß heiraten.«

»Heiraten!« sagte die Kummerfelden. »So eine Schönheit. Ewig schade wär's um sie.«

»No, was denken Sie denn mit ihr zu machen?« fragte Herr Sperber. »Schließlich sind Frauenzimmer doch nur zum Heiraten da.«

»Ja, Gott sei's geklagt.«

»Gerade die Tochter des alten Rauchfuß muß früh heiraten, sonst erleben wir was. Das ist ein Teufelsmägen; der Pfarrer sagt's auch, er hat einen Freier für sie.«

»I, warum nicht gar, der Pfarrer, der wird was Rechtes haben,« rief die Kummerfelden.

»Und unser Neffe?« fragte Frau Sperber. »Für den wären Mädchen und Gut wie geschaffen, und wir hätten ihn dann in unserer Nähe.«

»Natürlich,« sagte die Kummerfelden, »das wäre dann ja in schönster Ordnung.«

Währenddem tanzten die Jungen unter dem Baum und achteten nicht auf die Alten, die nicht mehr wissen, was reine Freude ist, und mit ihren verständigen, häßlichen Lebenserfahrungen das reine, junge, menschliche Glück antasten und beschmutzen, so gut sie es auch meinen. Ohne zu wissen, daß die alten Augen voll Wehmut und Vernunft auf ihnen geruht hatten, tanzten die jungen Glücklichen schweigsam und selig weiter.

Als sie sich damit genug getan, gingen sie in den nächtlichen Wald und sangen und sahen den Glühwürmchen zu und sprachen, wie nur ganz junge Freunde und Freundinnen reden, die noch Scheu tragen, von Liebe zu sprechen.

Spät wurde es.

»Mich dürstet,« sagte Röse, »und nun können wir doch nicht mehr bei Sperbers nach unserem Nachtessen fragen und müssen froh sein, wenn wir ohne Zankerei hereinkommen.«

Beate meinte: »Wir gehen in den Kuhstall und trinken frische Milch.«

Da waren alle dabei.

»Aber still muß man sein, die Knechte schlafen ganz nebenan.«

So schlichen sie miteinander zum Kuhstall. Beate Rauchfuß trug die Laterne. Der Hof lag still und dunkel, der mächtige Misthaufen dunstete herb und schwer. Das schöne Geschöpf öffnete die alte, verschabte Stalltür, und sie traten ein. Der warme Dunst schlug ihnen entgegen. In einer Mauernische brannte ein Oellämpchen und warf auf einen weißen Kuhrücken ihren gelben Schein.

Beate meinte: »Es wird schon ein wenig hell. Die Magd wird bald zum Melken kommen.« Sie beleuchtete mit ihrer Laterne ein Gestell, auf dem allerlei hellgescheuerte Kübel und Näpfe standen, und nahm ein schneeweißes Holzkübelchen.

Aus den Schwalbennestern, die am dunkeln Gebälk klebten, klang das Piepen und Zirpen der jungen Vögel. Süße, süße Tönchen in dem warmen Dunst. Der kleine Brunnen im Stall plätscherte in seinem Trog.

Beate nahm den Melkkübel der Magd, streichelte und klopfte eine schöne, weiß-braun gescheckte Kuh und molk dann in ihr Kübelchen. An dem mächtigen Kuhleib lag der frohe Kopf des Mädchens. Horny hielt die Laterne. Sie molk ihr Kübelchen schäumend voll. Die Kuh brummte über die sonderbare, allzu frühe Störung.

»Das ist eine Milch!« sagte die junge Gutsherrin. »Und nun trinkt alle einmal.« Sodann reichte sie ihren Kübel, und sie tranken in langen, langen Zügen.

»Eine Königin ist sie,« sagte Horny wieder zu Röse. »Wie herrlich das alles ist! Prachtvoll ist solch ein weißes, duftendes Milchmeer, das vor den Augen schwankt und einen ganz durchströmt mit Kraft und Wärme.«

»Nicht wahr, nun seid ihr alle satt?« fragte Beate stolz und glücklich.

Sie sagten sich Lebewohl und brachten ihre junge Wirtin noch bis an die Tür des einsamen Wohnhauses.

*

Die drei Alten aber hatten den Entschluß, oben im Rauchfußschen Hofe Ordnung zu schaffen, sehr energisch gefaßt. Badewännchen durfte sich nicht selbst überlassen bleiben. Nein, so was geht nicht! – »So ein Mägen allein im Hause!« meinten die beiden Sperbers ganz gedankenvoll, und so kam es, daß sie ihren Neffen zu sich aufs Gut kommen ließen.

Das war ein guter, frischer Mensch. Alle Nachbarn im ganzen Umkreise vom Ettersberg und hinter dem Ettersberg, in Weimar und um Weimar dachten wie die alten Sperbers: »Das geht nicht, daß das kleine, dumme Frauenzimmer mit ihrem Hofe allein bleibt.«

Ein jeder dachte an einen Neffen, Bruder, Sohn oder sonst einen Anverwandten, den er auf das seltene Wild hetzen wollte, während das junge Mädchen in vollen Zügen ihre Freiheit und Jugend genoß.

Sie lebte trotz alledem recht ruhig und ehrbar, wußte sich trotz Verwalter und Mamsell bei ihren Leuten in Respekt zu setzen und war durchaus tüchtig und fleißig.

Da brach es los, was die Alten in ihrem Uebereifer herbeigeseufzt hatten, – die Freier kamen.

Der schöne Jugendfriede der drei Königinnen mit ihren guten Freunden wurde gestört. Solch neue, wundervolle Jugend muß sich erst auf sich selbst besinnen, ehe sie zum Verlangen und Begehren wird. Die drei vernünftigen Alten hätten ruhig die drei Königinnen ihren herrlichen Reigen weitertanzen lassen sollen. Zuerst rechts herum, dann links herum, solange es zu ertragen war. Solch ein Reigen wird nicht wieder getanzt – nie im Leben.

Die ersten Freier, die sich meldeten, waren die beiden Kostgänger der hübschen, kleinen Witwe mit dem Herzgesicht, Herr Oehmchen und Herr Leinhose. Sie machten bei Sperbers Besuch, und nicht etwa zusammen. Keiner wußte von dem andern.

Hinauf auf das Rauchfußsche Gut hatten sie sich nicht gewagt, denn die Sache sollte in allerschönster Ordnung vor sich gehen.

›Halloh!‹ dachte Herr Sperber. ›Jetzt wird's schon ernst, wenn die abgestandenen Ehrenmänner sich auf den Weg machen.‹ Herr Sperber wollte demnach nicht allzu hoch hinaus mit seinem Schützling. ›So ein ganz schlichter Mann, das ist der beste für so ein Frauenzimmer,‹ meinte er, ›da gibt's keine Geschichten wie mit Herrn Rauchfuß; so einer hat der Welt nichts Besonderes zu zeigen, keinen roten Bart, keine Hünengestalt, nicht Mucken im Kopf, nicht Herz und nicht Geist – so einer wie die meisten, der hält Ruh' gottlob.‹

Herr Sperber nahm die Herren recht freundlich auf. Der Neffe natürlich würde sie ausstechen, das war ihre Sache. Er selbst, Herr Sperber, hatte nur freundlich und gerecht zu sein.

Beate, die zu dem Neffen und den beiden Kostgängern eines Abends zu ihren Vormundsleuten geladen wurde, genoß das Staunen, das Hingerissensein der drei Mannsbilder wie ganz vortreffliches Konfekt und ließ es sich schmecken. Es war ein wundervolles Konfekt, nein, es war ein süßer Duft, den sie einatmete.

›Die Menschen werden trunken von mir,‹ dachte sie wieder und wurde übermütig und glückselig.

Trotzdem die Kostgänger und der Neffe ganz gehörig langweilig in ihrer großen Verliebtheit waren und ungeschickt dazu, langweilte sie sich nicht, fühlte nur sich selbst und den Opferduft, der zu ihr aufstieg und sie kräftigte. Die drei Mannsbilder waren ihr gleichgültig, waren nur die Pfannen, in denen Weihrauch brannte.

Nach solch einem Abend war sie stark und froh wie eine junge Göttin, arbeitete am andern Tag unverdrossen, setzte sich in Respekt bei ihren Leuten und fühlte sich wohl.

Samstag abends wanderten die Kirstensmädchen mit ihren Freunden herauf; aber es währte nicht lange, da kam dieser und jener mit, der sich unterwegs angeschlängelt hatte und den sie nicht los hatten werden können. Darüber waren Röse und Marie sehr mißmutig. »So einer stört,« sagten sie, »wir wollen unter uns sein.« Beate Rauchfuß aber meinte: »Laßt ihn, er ist ja ganz gleichgültig.«

»Natürlich rennen sie jetzt alle 'rauf zu dir, weil sie denken, da ist was zu holen,« sagte Röse. »Sag's ihnen doch, daß du nichts von ihnen wissen willst. Was brauchst du die, du hast ja uns!«

Den alten Sperbers wurden die Besuche der jungen Leute auf ihrem Gute bald zuviel, und besonders der Neffe wollte nichts mehr davon wissen; deshalb beschlossen sie, die alte Freundin der Kummerfelden, die Rabenmutter, Beaten als Ehrenwache beizugeben. Die war Schutz genug, zehn Freier in Respekt zu halten und war zu allem anstellig, bei Kranken und Toten zu wachen, weshalb nicht einmal bei der Schönheit eines jungen Frauenzimmers?

Sie war die Witwe des Zinngießers Lange, hatte ihre Kinder alle verheiratet und stand hilfsbereit ihren Freunden und Bekannten zu Diensten; auch zu Gelegenheitsgedichten war sie immer zu haben, denn unter dem großen Christophorusmantel, den sie winters wie sommers trug, schlug ein gar empfindsames Herz, und in dem starken, großen Körper wohnte auch eine stattliche Seele.

Auf den Ettersberg als Badewännchens Ehrenwächterin kam sie gar zu gern; es war Winters Anfang, als man sie rief.

So etwas hatte sie sich lange gewünscht. Da droben auf dem prächtigen Gutshof, da sollte es ihr wohl gefallen. Wenn Schnee lag, hätte sie es von da auch nicht weit zu ihren Schützlingen, den Raben, die sie auf den verschneiten Feldern zu füttern pflegte. Die Rabenmutter zog anfangs November auf dem Rauchfußschen Gut ein.

»Im Frühjahr ist Hochzeit,« hatte ihr der alte Sperber gesagt.

»Weshalb muß nun dies Mädchen, das alle Ursache hätte, fein bescheiden und unauffällig ihren Gatten zu wählen, solch ein brennendes Strohdach sein? – Und Freude hat der Racker daran; wie ein Trinker den Wein, liebt sie die Verliebtheit all dieser Esel. So suchst du die Sünden der Väter heim an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied.« Der alte Sperber sah sehr schwarz, war sehr ärgerlich über Herrn Rauchfußens Badewännchen.

»Was du für Geschichten machst!« sagte er zu ihr. »Den ersten besten nimmt ein Mädchen unten in der Stadt, und du läßt alles, was Beine hat, den langen Weg heraufrennen. Weißt du, das ist unverschämt von dir. Ein Frauenzimmer soll bescheiden sein.«

Da lachte das Mädchen übermütig. Ihr Herz war so frei und leicht überströmend von Erdenwonne.

Was auch gesagt wurde, sie hörte nur halb. Sie war ganz in sich selbst verpuppt.

Ihre Seele, rund wie eine Kugel, hatte keine Ecke, keinen Riß, an dem die Sorge sich hätte einhaken, oder in den sie hätte eindringen können, eine schöne Kristallkugel, von Licht überschienen und durchleuchtet.

Wundervoll ist das Nichthören auf Vernunft und Weisheit, das ganz Ichsein der ersten Jugend, das Halbhören auf alles. Wie ein fernes Rauschen und Lärmen und Läuten tönt das Treiben der Welt in die unstörbare Wonne solcher in sich versunkener Schönheit und Jugend hinein.

*

Uebrigens kamen ganz reputierliche Herren den langen Weg dahergewandelt. Unermüdlich waren Herr Leinhose und Herr Oehmchen.

Zu ihnen gesellte sich oft die junge Witwe mit dem Herzgesicht, in kluger Erwägung, daß das gefährliche Mädchen im schlimmsten Falle nur einen ihrer wohlgenährten Kostgänger nehmen könnte, so blieb sie freundlich gegen beide.

Außer diesen beiden machte sich gar oft der Hofmann auf den Weg, der in der Umgebung von Weimar ein ziemlich verschuldetes Gütchen besaß, aber außerdem tadellose Manieren, einen außergewöhnlich kleinen Kopf und aristokratische Hände. Er schaute auf eine stattliche Reihe von Ahnen, die alle an seinem Besitztum und seiner Persönlichkeit geknabbert hatten; denn von beiden war wenig mehr da, und es schien durchaus vernünftig, daß er sich um eine Vervollständigung umsah.

Er war allen über an Formen und imponierte daher. Sie hielten ihn für gefährlich und waren froh, wenn er bei irgendeiner festlichen Gelegenheit, einer Schlittenfahrt oder einer Redoute im Stadthause ausbleiben mußte, denn er ging zu Hof, und daher arrangierten die Freier ihre Feste gern an Tagen, an denen er fern bleiben mußte.

Tanzkränzchen, Liederabende, Spinnstuben, Redouten gab's diesen Winter in Weimar in Hülle und Fülle, und die schöne Rauchfuß wurde in alles mit hineingezogen; bald machte der eine sich liebenswürdig, bald der andere. Ritter hatte sie genug, alle gangbaren Kaufmannssöhne des Städtchens, junge Herren vom Gericht, was sich nur irgendwie zum Bürgerstande zählte und darunter – und darüber hinaus. Es jagte, wer da irgend jagen konnte.

Sie liebte den Tanz. Ja, tanzen schien ihr das Herrlichste auf Erden zu sein, sich ganz zu vergessen, ja, sich ganz aufzulösen in Musik und Bewegung. – Sie unterschied ihre Freier nur nach ihrem Tanzvermögen; in ihren geistigen Kapazitäten, die bei keinem bemerkenswert waren, verwechselte sie diese untereinander und war selbst ganz ohne Jagd- und Beutelust, einfach zufrieden und selig in sich.

So ging die Zeit hin.

Die Ungeduld der Braven hätte ihr wie eine Flut zum Lippenrand steigen müssen, sie bedrängend und ängstigend, oder etwa, als ständen vor ihrer Tür eine Reihe Gläubiger, sie aber säße in ihrem Stübchen in allem Frieden und ließe sie, so ungestüm sie wollten, klopfen und läuten.

Sie spürte die Ungeduld der Glücksritter gar nicht. Sie waren ihr so fremd, so fern. –

Einen dieser fremden Leute sich ins Haus nehmen, ihn immer haben und sehen müssen, schien ihr so abgeschmackt und unmöglich, daß sie der Gedanke nicht einmal beunruhigte; aber sie träumte von Wundern, von einem, den sie lieben wollte. Sie fühlte etwas so Starkes, Großes und Gutes in sich und empfand dabei ihre Unwissenheit und Enge. Die Sehnsucht nach dem Unbefangenen war zugleich eine brennende Sehnsucht nach Weite, ein Entfliehenwollen aus der Enge, ein Wachsenwollen. Niemand hatte ihr bisher das Brot des Lebens geboten. Sie hungerte. Ihre Schönheit barg etwas noch Schlafendes, etwas Starkes, das sich regen wollte in dieser Welt und über diese hinaus; aber niemand nährte dies Wundervolle. Die Speise, die sie ihr boten, war keine königliche, keine seelenstärkende Speise, es war Alltagsfutter, an dem sie verkümmern mußte.

Ja, sie träumte lang unter all' ihren Freiern vom Erwachen, gegen das das Leben, welches die andern in ihr weckten, tiefer, dumpfer Schlaf war.

*

Die Rabenmutter hatte ihre Freude daran, daß die Festung, die sie behüten sollte, sich nicht ergab, denn so konnte sich das behagliche Leben oben auf dem Rauchfußschen Gute noch eine Weile für sie ausdehnen.

Sonntag abends oder nachmittags hatten sie meist Besuch, da kamen die Freier, die Kirstensmädchen mit ihren Freunden und die hübsche, junge Witwe, und oft fand sich auch die brave Kummerfelden ein. Die hatte ihre Freude an dem unvernünftigen Geplauder der verliebten Junggesellen.

»Ganz des Kuckucks ist das Mannsvolk, wenn es verliebt ist,« sagte sie einmal zur Rabenmutter; »der Vogel singt seiner Liebsten die schönsten Lieder und reizendsten Redensarten, die er ersinnen kann; aber unsere Mannsbilder, mit Ausnahme weniger, die es gleich drucken lassen, reden doch einen ganz jämmerlichen Brei daher. Die Haare stehen mir unter der Haube auf, wenn ich denke, akkurat so taten sie's auch zu meiner Zeit und nicht einmal gar so übel hab' ich's gefunden. Mannsbilder sind nun mal nur gescheit, wenn's durchaus sein muß, soweit's gezahlt wird. Greulich schwer muß es ihnen fallen.«

»Ja,« meinte die Rabenmutter, »gerad' als ob sie meinen, daß so ein frisches Mägen nur durch ausbündige Blödheit zu kirren wäre – das Mägen lacht freilich dazu – aber das sag' ich dir, sie ist eine ausgesucht kalte Hundeschnauze.«

»Recht hat sie,« meinte die Kummerfelden.

Es ist eine kühle Sache um das Plaudern von so zwei Alten. In Frühlings-Abenddämmerung saßen sie im großen Wohnzimmer am Fenster. Die Jugend spielte Pfänderspiele. Im Nebenzimmer wurde der Tisch zum Abendessen gedeckt.

Sie hatten schon muntere Sonntagnachmittage und Abende oben bei der Vielumworbenen verlebt, harmlose, köstliche Stunden, in denen jeder einzelne vergaß, weshalb er eigentlich hier heraufgelaufen und sich nur vergnügte, wie die anderen sich vergnügten.

Heut' aber lag etwas wie Frühjahrsmüdigkeit in der Luft. Draußen regnete es kalt und gleichmäßig, trotz des junges Laubes.

Die Hühner saßen in ihrem Stall und glucksten in Sonntagnachmittags-Griesgrämigkeit. Knechten und Mägden hatte der trübselige Regen die Sonntags-Unternehmungen verdorben.

Schritte schlürften über den Hof, denen man Unbefriedigtsein und Langeweile anhörte. Die Tropfen klatschten gegen die Scheiben, oder wenn der Wind sich gelegt hatte, rieselte es sachte und grau hernieder.

Das kleine Weimar mit all seinen berühmten Leuten lag auch vernebelt und langweilig unten am Fuße des langgestreckten Ettersberges, sah aus wie jedes andere trübselige Landstädtchen im Regen – trostlos und öde.

Aus der großen Einsamkeit und Frühlingsnässe klang hin und wieder süßer Amselschlag, sehnsuchtsvoll nach Sonne.

Die Kirstensmädchen mitsamt ihren Kameraden waren heute trotz Sturm und Schmutz und Regen heraufgetappt, weil sie gehofft hatten, heute würden die verliebten Junggesellen, sie sagten »Esel«, einmal daheim bleiben.

Jedem war es so ergangen. Jeder einzelne hatte gehofft, den andern nicht zu finden und einmal seine Person allein zur Geltung zu bringen, und alle waren sie enttäuscht.

Die Vielumworbene war auch nichts weniger als gut aufgelegt. Mißmut hatte sie erfaßt, als all die nassen, gleichgültigen Gestalten sich draußen mit viel Lärm und Geschnauf ihrer tropfenden Hüllen entledigten.

Die Stallmagd mußte ihnen die Stiefel reinigen oder, falls sie ein anderes Paar zum Wechseln mit heraufgebracht hatten, die nassen abnehmen, um sie am Ofen zu trocknen.

Jeder fand sich mit mehr Lärm und Aufruhr ein, als es ihm zukam. Dem jungen Mädchen erschienen sie alle wie polternde Ehemänner. Auch sie wäre heute gar zu gern mit den Kirstensmädchen und den Kameraden allein geblieben.

Heute bedrückten sie die fremden Mannsbilder, von denen jeder sich mit dem Gedanken trug, hier oben heimisch zu werden, Herr von allem.

Unverschämt erschienen sie ihr. Eine schwere Traurigkeit überkam sie. Sie dachte der Ehe ihrer Mutter, an das arbeitsvolle Leben der stillen Frau, an ihre Einsamkeit, an die Gleichgültigkeit, die sie zu ertragen hatte, an die heißen, schmerzvollen Umarmungen, die sie für ihr Kind hatte.

»Eine nette Geschichte!« Das junge Mädchen wurde voll Trotz und Zorn. »Hat einer von allen, die hier heraufkommen, mir auch nur etwas gegeben, was ich nicht schon wußte und kannte? Langweilig sind sie. Hab' ich erst einmal einen von ihnen, so sieht er nicht mehr, daß ich schön bin. Was bleibt dann übrig?«

Sie spielten Pfänderspiele, die unruhigen, unbefriedigten Gedanken aller lagen drückend im geschlossenen Raum. Auch beim Abendessen ging es nicht so munter her wie früher.

Die Wirtin war schweigsam und strahlte nicht wie sonst im Bewußtsein ihrer Kraft und Schönheit.

Zum ersten Male seit ihrem Erwachen zu Sorglosigkeit, erster Jugend war heute die Kristallkugel, der ihre Seele glich, fleckig und trübe. Sie schwebte nicht mehr wie im Sonnenlichte, ganz durchleuchtet.

Um neun Uhr, als der Regen in Strömen goß und eben beratschlagt wurde, daß die Kirstensmädchen bei Badewännchen nächtigen sollten, die drei Kameraden und die Kummerfelden bei Sperbers, und die Freier sich nach und nach an den Gedanken gewöhnen mußten, bald in Wind und Wetter aufzubrechen, wurde draußen am Hoftor heftig geschellt.

»Um Gottes willen!« rief die Rabenmutter.

Alle saßen stumm; sie waren vollzählig beieinander.

»Vielleicht doch noch einer von Sperbers,« meinte Röse zweifelhaft.

»Bewahre!« sagte Beate.

Sie dachte: ›Es ist kein Leben, wenn ich einen von diesen heirate. Es würde eine trostlose Geschichte.‹ Und sie spürte wieder die Kraft ihrer sehnsüchtigen, hungrigen jungen Seele, die wachsen wollte und der niemand Nahrung gab.

Ganz versunken war sie in dem neuen, fremden Weh, da kam die Stallmagd außer Atem herauf und sagte: »Einen fremden Menschen hab' ich hereingelassen. Er bittet, hier das fürchterliche Wetter abwarten zu dürfen. Er kommt von über Land,« sagt er.

»Ja,« sagte die Rabenmutter, »ist's denn ein ordentlicher Mensch?«

»Freilich!« Voll Eifer schlug die Stallmagd sich auf die Schenkel. »Er gehört schon zu den Herrensleuten, wenn er auch jetzt recht durchnäßt ist.«

Alle lachten hell auf. Das plötzliche Lachen fuhr so unvermutet wie ein Schwarm Vögel in die Höhe, den ein Spaziergänger auf einem stillen Stoppelfelde aufgescheucht hat.

Mitten im Lachen sagte Beate zur Magd: »Führ' ihn herein und hilf ihm doch.«

Die Rabenmutter erhob sich auch und sagte: »Den wollen wir einmal in Augenschein nehmen; hat er seinen Namen nicht gesagt?«

»Kupferstecher Kosch hat er dreimal gesagt – und wie!« antwortete die derbe Magd und grinste. »Was er dann aber noch gesagt hat! – Aus Eiweiß wäre er, hat er gesagt, und aus Asche, oder, ich weiß nich', aus noch allerlei.« Die Magd rieb sich die Arme und grinste – grinste. »Das sollt' ich der Herrschaft ausrichten, hat er gesagt. Grad so, hat er gesagt, wär' er gebraut und gebacken wie die oben auch.«

Der Hofmann sprang auf und rief: »Der darf nicht herein, das ist ein Verrückter! Das ist eine Unmöglichkeit, liebe Mamsell Rauchfuß.«

Beate Rauchfuß lächelte.

»Wenn er gerade so gebacken und gebraut ist wie wir alle hier, weshalb dann nicht?«

»Weil das albern ist,« sagte der Sperbersche Neffe.

»Albern?« fragte die Vielumworbene lachend. »Sind wir denn auch aus Eiweiß?«

»Aber liebe Mamsell,« sagte Herr von Mengersen, »das sind doch Dinge . . .«

»Er hat noch ganz andere Sachen dahergered't!« Die Magd lachte.

»Schweigen Sie!« fuhr der Hofmann sie an.

»Nä – nä,« meinte die Magd. »Ich sag' nischt, das war auch nur für unsereins.«

»Gehen Sie!« schrie der Hofmann und hielt seine zarten, langen Hände wie schützend ausgestreckt. – »Bedenken Sie, daß hier junge Mamsells im Zimmer sind.«

»Geh 'naus, dummes Mensch,« brummte der Sperbersche Neffe, »pack' dich!«

Grinsend machte sich die Magd davon. Beate lachte.

Es war wie frische Luft ins Zimmer gekommen. Sie atmete tief auf. Wieviel lustiger und gescheiter waren die Knechte und Mägde untereinander als ihre Freier. Was hatte sie da schon gehört! Die machten nicht viel Federlesens und sagten, was sie dachten.

Jetzt kam die Rabenmutter herein. »Ein ganz reputierlicher Mensch,« sagte sie aufgeregt, »nee, wirklich.«

»Kommt er denn 'rein?« riefen die Kirstensmädchen.

Und da kam er schon, machte vor der Tür einen tiefen Bückling, daß der Haarschopf ihm über die Stirn fiel.

Er stand recht bescheiden da, fast ein wenig ärmlich, hager und nicht besonders gepflegt; als er seinen Kopf wieder erhob, blickte ein fahles, unregelmäßiges Gesicht mit scharfen, grauen Augen auf die Gesellschaft. Der Mund groß und gescheit, von einem etwas borstigen, farblosen Schnurrbärtchen wenig verdeckt.

Er nahm auf eine gute Art Platz am Tisch. Ein Gesellschaftsmensch war er nicht; aber er mochte den Entschluß gefaßt haben, sich nicht verblüffen zu lassen. Die ganze Person schien von einem gleichmäßigen Willen durchdrungen.

Er machte nicht den Eindruck, als hätte das schlimme Wetter ihn irgendwie stark mitgenommen. Er war aus dem Unwetter aufgetaucht, etwa wie ein Hecht aus den Fluten, in grauer, unauffälliger Montur.

Die andern sahen gegen ihn alle angezogen aus, überzogen mit fremden Stoffen und Lappen. Die drei Königinnen ausgenommen, deren Jugend und Schönheit die Kleider kräftig und lebendig durchdrangen.

Er saß neben der Vielumworbenen.

Große Stille.

»Herr Kupferstecher,« sagte die Rabenmutter, »bitte sich zu, bedienen.«

»Herr Kupferstecher?« fragte der Fremde mit sonderbarer Betonung. »Weshalb nicht zum Beispiel Herr Spazierläufer – Herr Allesfresser – Herr Säufer oder Herr Schläfer? Oder – no, wollen wir's genug sein lassen.« Er fragte sehr gleichmütig.

»No aber,« sagte die Rabenmutter.

»Ja freilich,« meinte der Fremde.

»Woher wissen Sie, daß ich mehr und lieber Kupfer steche, als etwa schlafe und fresse? Verzeihen Sie, also – esse . . .«

»Ja,« sagte die Rabenmutter, »ich meine doch, daß man einen Menschen nach seiner reputierlichsten Beschäftigung tituliert.«

»Reputierlich? Ich finde zum Beispiel reputierlich, wenn einer im heißen Sommer vor einem Mauseloch im Feld auf dem Bauch liegt und schaut, was die kleine, graue Madame so tagsüber daheim treibt. – Da kommt er der Weltseele näher, als wenn er in Kupfer sticht, was irgendein Esel sich zurecht geschmiert hat. Ja – ja – unsere reputierlichen Beschäftigungen!«

»No aber,« sagte die Rabenmutter wieder recht verblüfft und schaute sich um nach den übrigen Gesichtern. – Da sah sie ein lustiges Leuchten in den Augen der alten Kummerfelden. Die Kirstensmädchen blickten sehr schelmisch, weil sie ein köstliches Lachen eingefangen hatten und mit diesem zappeligen Ding nicht recht fertig wurden.

Die jungen Kameraden schauten mit Interesse auf den, der wie ein Hecht aus der Flut aufgetaucht war. Die Freier sahen äußerst unduldsam aus. Die Augen der Vielumworbenen hingen verlangend an dem Fremden, als schnitte er Lebensbrot auf. Freilich hartrindig schien es zu sein und brüchig. Aber es war da etwas wie nach Nahrung Duftendes.

Sonderbar war ihm die Nase gewachsen.

Die Nase stand gewissermaßen vereinsamt da im Gesicht mit ihren Buchten und Knorpeln. Eigentlich eine ganz anständige Nase, wenn man an ihre Schönheit nicht zuviel Anforderungen stellte. Sie hatte sich aus ihrer übrigen Gesellschaft herausgerungen. Diese Nase schien mit dem Wesen des Fremden große Ähnlichkeit und Sympathien zu haben. Etwas Ringendes hatte seine Art, sich auszudrücken, auch seine Haltung, jede Bewegung.

»Darf man fragen,« begann die kleine Madame Kummerfelden in ihrem freundlich geblümten Kleid und aus der großen Haube heraus, »wo der Herr hergekommen, und wohin der Weg führt?«

»Ich wollte mir 'mal euren alten Herrn anschauen da unten in der Stadt.«

»Den Herzog?«

»Nee.«

»Seine Exzellenz?« fragte die Kummerfelden in einer Art höfischen Tones, den sie gern hervorholte. Sie verstand sich darauf, mit vornehmen und von vornehmen Leuten zu sprechen.

»Seine Exzellenz,« sagte er borstig. »Damit ist alles gesagt. Nun haben Sie's mir gründlich verdorben. Jetzt könnt' ich am einfachsten wieder umkehren. Ich komme aus der Harzgegend, aus einem der vielen unbekannten Nester dieser Erde und wollte, da ich mein Lebtag unter Tieren, was man so Menschen nennt, lebte, einmal den seh'n, der da sagte: ›Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an‹ – und noch einiges mehr. Ich wußt's ja, aber nun hör' ich's. – Seine Exzellenz! – Wunderlich. – Und wie Sie das schön sagten, Verehrteste. – Man sieht ihn steifrückig vor sich. – Und ich wollte hingehen und ihn bei der Hand fassen und sagen: ›Herr Gott, ich danke dir, daß du auch 'mal was Vernünftiges schufst, damit man an dich doch mit gutem Gewissen glauben kann – denn deine Ebenbilder hier auf Erden! Alle Achtung vor dir – aber hör' mal . . .!‹

Was ich will, dazu paßt kein Bückling und kein Wartezimmer. Nackt sollte er gehen, eure Exzellenz, unter hohen, mächtigen Bäumen, auf glattem, feierlichem Grund.«

»Verehrtester,« sagte der Hofmann gemessen, »Sie scheinen sich von Seiner Exzellenz die eigentümlichsten Begriffe zu machen. Bei ihm Audienz zu erhalten, ist nicht allzu leicht.«

»Will auch gar nicht,« sagte der Kupferstecher borstig. »Bei mir daheim, in meiner Einsamkeit, ist er ein wundervoller Freund, den man liebt, heiß – wie nur ein einsamer Mensch einen wundervollen Freund zu lieben versteht. Nee, nee, behaltet eure Exzellenz.«

Ernst von Schiller, der Freund der Kirstensmädchen, sagte bescheiden, aber begeistert: »Er scheint durch alle menschlichen Verhältnisse hindurch. Er ist stärker als alles. Als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen in einer großen Stadt, Jurist geworden, dann im engen Weimar zu Amt und Würden gekommen, Hofmann geworden und immer in gutem Behagen, – gibt's einen schlimmeren Weg für ein Genie? Und er blieb klar und scharf und tief und voller Güte, wurde nie stumpf und dumpf.«

»Jawohl,« sagte der Kupferstecher heftig. »Wer sagt denn das? Haben Sie ihn inmitten unter den Elenden sitzen geseh'n? Haben Sie ihn ringen seh'n, ringen mit den Mächten des Lebens – aus der Dunkelheit sich heraufringen seh'n?

Kennen Sie denn diese ungeheuren Gewalten, die Menschen das Denken herauspressen, wie die Kelter den Wein aus den Trauben?

Ein Jahr ohne Geld, ein einziges Jahr ohne Geld – ohne Anhang: eure Exzellenz wäre lebendig geworden wie Gott – nie hättet ihr solch ein Wunder auf Erden gehabt – die Welt erlöst hätte er, wäre er durchglüht worden bis aufs Mark, hätte er unter den Elenden gesessen, unter denen, welche die Welt von der Schattenseite sehen. Eine kurze Zeit da stehen, wo die stehen, welche die Arme nach ihren Ebenbildern um Hilfe ausstrecken, ein paar Wanderungen durch Städte und Dörfer, dem Winter entgegen, ohne zu wissen, wo der Balg Wärme und Futter bekommt, und ein paar gute Kameraden unter denen, vor denen der Ehrenmann ausspuckt.

Meine Hand leg' ich ins Feuer, heut' nacht noch könnte ich an seine Tür klopfen und rufen: ›Mach' auf, Bruder! Einer kommt, der dich liebt. Er kommt aus der Welt, aus der du deine Kraft holtest, deine Einsicht, deine Größe, deine große Güte. Mach' auf,‹ wie es im Hohen Liede heißt: Wie soll ich meine Füße . . . und so weiter, und so weiter, hätte er nicht gesagt. Zu Seiner Exzellenz werde ich, wenn's Glück gut ist, nicht einmal vorgelassen. Auch gut!«

Der Hofmann sagte: »Lieber Herr, wo käme Seine Exzellenz denn hin, wenn er jeden Durchreisenden empfangen wollte? Bedenken Sie.«

»Bin nicht jeder Durchreisende!« brummte der Kupferstecher und schaute auf den Tisch vor sich hin, als schaute er da die bewegendsten Dinge. Kann sein, daß er sich selbst so sah, sein Wesen, seine Vergangenheit, all die ihm vertrauten Sachen und Begebnisse, die niemand etwas angingen.

Herrn Rauchfußens Tochter fühlte etwas, als wäre ein ihr Zugehöriger endlich zurückgekehrt. Nicht gewundert hätte sie sich, wenn der Zugelaufene gesagt hätte: Nun, wie steht's? Habe ich mich verändert in der langen Zeit? Ich hoffe, du verstehst mich noch wie sonst?

Sie sprach kein Wort, so gut wie kein Wort. Sie hätte ihm denn gleich ihr ganzes Herz ausschütten müssen.

Das war ein lebendiger Mensch. – – Sie wußte das ganz genau. Alle, die sie kannte, waren noch nie, so schien es ihr, so lebendig gewesen. Eingelullt von den Gewohnheiten waren sie alle.

Ihr Vater? Da ahnte sie so etwas, als hätte der lebendig sein können, wenn er gewollt hätte – aber es hatte ihm wohl nicht gepaßt, – und er hatte getrunken, um sich zu betäuben.

Von ihm hatte sie wohl die Sehnsucht, selbst lebendig zu sein und unter Lebendigen zu leben.

Sie konnte die Blicke nicht von dem wachen Gesicht wenden und fühlte einen Strom von Kraft und Leben von ihm zu ihr strömen.

Er beachtete sie kaum und sprach und stritt in seiner abgerissenen, ringenden Art weiter mit den Freiern, die ihn für ein verrücktes Tier hielten.

Als alles aufbrach, sagte sie zur Rabenmutter laut und fest, daß alle es hörten. »Herr Kosch bleibt hier. Jetzt ist's zu spät für ihn, unten in Weimar noch in ein Gasthaus zu gehen. Lassen Sie ihm das Fremdenstübchen richten.«

Diese Worte rangen auch ihr sich aus der Seele. Sie waren zentnerschwer zu sprechen.

Sie wollte ihn nicht hergeben.

Und er blieb.

Und als alle gegangen waren, kamen ein paar kurze Augenblicke, in denen sie mit ihm im Wohnzimmer allein zurückblieb.

Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster und schaute über das Zimmer hin.

»Was werden die Monsieurs zum Beispiel sagen, daß Sie mich Zufallsmann hier behielten – und was denken Sie denn darüber?«

»Ich,« sagte sie, »ich denke, daß es zu spät für Sie ist, noch in Weimar Unterkommen zu finden.«

»Na,« meinte er, »eine Prinzessin auf der Erbse bin ich nicht. Ich wäre in jede Spelunke, die sich mir aufgetan hätte, auch gekrochen.«

Sie sah ihn schweigend an und errötete stark.

Es lag etwas Lustig-Spöttisches in seinem Blick, der scharf auf sie gerichtet war.

»Weiberchen! – Weiberchen!« sagte er leichthin.

Da war es ihr, als wenn sie etwas an der Kehle packte und würgte. Das ist ein Mensch, der viel herumgekommen ist. Sie dachte an die Weibergeschichte der Knechte, die sie sich in der Gesindestube erzählten.

›Was er von mir denkt?‹ Tränen stiegen ihr heiß in die Augen. Sie trat einen Schritt vor, wollte sprechen, fand kein Wort. »Ich weiß« . . . sagte sie und kam nicht weiter.

»Na, was wissen Sie, schönes Kind? Was weiß so ein schönes Kind?«

Sie wurde bleich.

»Sprechen Sie doch mit mir, wie Sie mit den jungen Männern sprachen! Sprechen Sie doch wie mit einem Menschen mit mir.« Es lag etwas Flehendes in der Stimme und etwas Ungeschicktes.

Ueberhastend sprach sie jetzt wie jemand, der vieles sagen möchte und alles in ein paar Worte preßt, deren Bedeutung der andere nicht versteht. »Sie sollen mir die Hand geben, ganz einfach sagen: Es ist freundlich, daß Sie mich hier behalten.«

»Sonderbares Hühnchen,« sagte der Fremde, kühl lächelnd, wie zu sich selbst. »Was?«

Seine Augen bekamen etwas Unverschämtes.

Das Mädchen fragte in tiefer Erregung: »Ist Ihnen nie eine gute, einfache Frau begegnet oder ein Mädchen?«

Er unterbrach sie. »An Güte fehlte es selten genug, schönste Mamsell.«

»Nein,« sagte sie jetzt ruhig, »eine Frau, die sagte: Sprechen Sie doch mit mir wie mit einem Menschen, erzählen Sie mir, was Sie wissen und was Sie denken, mich verlangt nach etwas, wovon meine Seele leben könnte?«

»Nein,« sagte er, »so eine ist mir nie vorgekommen. Wenn ich je zu einer sprach wie zu einem Menschen, hat sie zu gähnen angefangen.«

»Wirklich?« sagte das Mädchen traurig. »Oder ist es Ihnen zwei- oder dreimal so begegnet, wie Sie sagen – und dann haben Sie die anderen eingeschüchtert?«

»Kann auch sein. Es kommt überhaupt nicht viel dabei heraus.«

»Weshalb nicht?« fragte sie erregt.

»Höchstens 'ne dumme Liebesgeschichte, Mamsell – die alte, dumme Geschichte.«

»Traurig ist das,« sagte das Mädchen. »Gott sieht in mein Herz,« fuhr sie auf eine schlichte Weise fort zu sprechen. »Ja, ich habe Sie hier bei uns behalten wollen, weil mir war, als könnten Sie mir Lebendiges sagen. Ich wollte Ihnen zuhören. Nun sind Sie ein ganz anderer. Glauben Sie denn, die Mannsbilder, die Sie hier sahen, sind klüger als ich? Glauben Sie, auch nur einer verstand, was Sie sagten? Ich sah auf ihren Gesichtern, daß sie Sie für halb verrückt hielten. Schlafen Sie wohl!« sagte sie ruhig, indem sie sich von ihm abwendete und zur Tür hinausging.

Er dachte: ›Ei verflucht! Ein schöngeistiges Huhn. Schön ist die Person! Wollen einmal seh'n. Zwei Stunden im Umkreis von Seiner Exzellenz treibt schon das Unkraut wunderliche Blüten.‹

Als er von der Rabenmutter in sein Stübchen geleitet worden war, fand er, als er vor dem schneeweißen Bett stand, daß er sich in gar kein übles Abenteuer begeben hatte. Der große Gutshof, das weitläufige Haus, das schöne Mädchen, das er, umgeben von Freiern und Freundinnen, angetroffen hatte, und ihre Verliebtheit, die sie so drollig maskierte.

Sie war ihm beim ersten Blick als ungewöhnlich schön aufgefallen, und er hatte gedacht: ›Da sitzt sie und wählt von all den höflichen Herren sich den höflichsten, reichsten und dümmsten aus!‹ Daß die Wahl auf ihn fallen könnte, wäre ihm nicht im Traum gekommen. So war sie ihm der Beachtung nicht wert gewesen.

Aus kleinen Verhältnissen hatte er sich so weit heraufgearbeitet, daß er das Leben eines sonderbaren Kauzes führen konnte. Er hatte sich auf das äußerste Maß einer bescheidenen Lebensführung selbst beschränkt, kannte keinen Luxus als den, so zu denken und zu handeln, wie es ihm gefiel, und von Zeit zu Zeit einen guten Schluck zu tun; den liebte er und hielt ihn eines deutschen Mannes würdig. Die ganze Art seiner Beanlagung war auf eine solche Kraftzufuhr von außen gewissermaßen angewiesen. Seine Leidenschaftlichkeit, sich in Dinge dieser Welt einzuwühlen, war so groß, daß auf diese Leidenschaftlichkeiten eben solche Ermattungen folgten, die gehoben werden mußten.

Das Weib spielte in seinem Leben eine kleine, fast komische, etwas erbärmliche Rolle. Mitleidig sah er auf dieses, wie auf ein höchst unvollkommenes, kränkliches Wesen herab.

In seinen Liebschaften war er nicht wählerisch gewesen.

Seine Mutter war ein bedrücktes Weibchen, das ihn nie verstanden hatte; die Schwester spießbürgerlich. So hielt er von den Frauen nicht viel.

Er erachtete zum Beispiel auch die Pferde für besonders dumme Tiere und konnte in größten Zorn geraten, wenn ein Pferdeliebhaber ihm das Gegenteil zu beweisen anhub.

Ueberhaupt saßen seine Ansichten wie mit Widerhaken in ihm fest, und er konnte ein sehr empfindlicher Herr werden, wenn man daran rüttelte. ›Das ist sonderbar genug, daß ich mich hier in diesem Nest, das ich durch Regen, Sturm und Nebel kaum noch sah, in eine Liebesgeschichte eingesponnen habe.‹

Damit legte er sich aufs Ohr.

›Schade, daß das schöne Ding Schrullen hat – was ihr wohl fehlt. Sie sieht sonst ganz gesund aus.‹

Am anderen Morgen war lachendes Frühlingswetter. Es hatte sich endlich ausgetobt.

Die Kirstensmädchen waren in aller Herrgottsfrühe schon mit den Kameraden zur Stadt hinuntergezogen, hatten aber versprochen, so bald als möglich wieder heraufzukommen. Beate hatte mit ihnen zusammen gefrühstückt und ging nun im Garten umher, sah aber die junge Frühlingspracht kaum.

Der Gast im Fremdenstübchen ließ ihr das Herz schlagen. Ja, sie hätte es nicht tun sollen.

Sie hätte nicht sich das Herz fassen sollen, zu sagen: ›Herr Kosch bleibt hier.‹

Herr Kosch wanderte zur selben Zeit durch Hof und Ställe und kam auch in den Garten, sah seine junge Wirtin wandeln und dachte: ›Wollen wir mal 'ne Ausnahme machen und sehen, wann sie mit Gähnen anhebt. Schließlich verlohnt sich's der Mühe.‹

So kam es, daß er mit ihr redete wie mit seinesgleichen, sagen wir, wie etwa mit seinen Kameraden abends am Stammtisch, mit denen er nie weiter als bis dahin gekommen war, daß sie ihn für einen närrischen, nicht ungefährlichen Kerl hielten; nicht ungefährlich aus den verschiedensten Gründen, erstens, weil sie ihn nicht verstanden, und dann, – er neigte aus diesem Grunde leicht zum Jähzorn.

Jetzt nahm er also seiner jungen Wirtin die große Bangigkeit vom Herzen, die er ihr gestern durch sein spöttisches und mißachtendes Wesen verschuldet hatte.

Er ließ sich gehen, sprach, wie es seine Art war, und gab den spöttischen und spielerischen Ton auf, den er für die Weiber bereithielt.

Sie hörte ihm still zu, wovon er auch sprach. Seine Sprünge ermüdeten sie nicht. Sie gähnte zu seinem Erstaunen nicht.

›Die Liebe muß groß sein,‹ dachte er.

»Mir gefällt, daß Ihr Garten eine Wildnis ist,« sagte er unter anderm. »Nichts Verschnittenes, keine Quadrate, keine Kreise und geometrischen Figuren, so daß man auf den ersten Blick sieht, daß man es mit Menschen auf unterster Stufe zu tun hat. Die Freude am Kreis, am Viereck ist ein böses Zeichen. Wer möchte schließlich mit Höhlenmenschen verkehren! – Nein, ein sehr anständiger Garten, der nichts verrät.«

»Ich weiß aber,« sagte Beate, »daß Menschen hier gelebt haben, die nicht viel Lebensfreude hatten – wäre meine Mutter glücklicher gewesen, glaube ich wohl, daß sie ein paar Tulpenbeete angelegt haben würde, rund oder lang, wie es ihr gefallen hätte.«

»Ja, ja,« sagt der Kupferstecher, »man muß es den Menschen gönnen, daß sie sich auf ihre Weise vergnügen – aber greulich bleibt's.

Denken Sie sich, ein so armer Kerl will Herrliches schaffen in der Freude seines Herzens und kratzt wie ein Huhn sich ein Beet in den Sand, länglich, mondlich, und ist stolz und froh.

Und so ist das ganze Leben. Alles eine Armseligkeit. Das Fressen – und das Fressen erjagen verstehen die meisten nicht übel – aber außerdem kratzen wir alle im Sand.

Haben Sie zum Beispiel schon einmal etwas gedacht, meine schöne Mamsell? Ich meine nicht, ob heut' schön Wetter wird oder ob ich den Müller nehmen soll oder den Meier – oder ob mir das blaue Kleid besser steht als das rote – oder ob's eine ewige Seligkeit gibt oder nicht.

Ich meine, ist Ihnen über etwas, entgegen allen anderen, ein Licht aufgegangen? Und haben Sie über dies aufgegangene Licht solch unbändige Freude gehabt, daß Sie einen Kriegstanz mit Geheul und Gejohl hätten aufführen können? He?«

»Nein, Herr Kosch, solch' eine Freude hab' ich nie gehabt,« sagte das Mädchen.

»Sehen Sie, Mamsell,« lachte er auf, »und da wollen Sie mitreden!«

»Sind die Taten der Menschen gar nichts in Ihren Augen?« fragte sie, um zu erfahren, was er davon hielt.

»Die Taten der Menschen? Was meinen Sie damit?«

»Ich meine, wenn man vielleicht einen Menschen pflegt und in seiner Todesstunde ihn tröstet, oder wenn eine Mutter alles für ihre Kinder tut.«

»Nein, nein,« sagte er heftig, »das alles nebenbei; aber der Gedanke, der Gedanke! Die Erkenntnis macht erst zum Menschen. Dann erst ist man froh und stark und frei – das Selbstdenken!

Dann erst ist man ein lebendiger Mensch.«

Sie war wie berauscht von ihm, und das zarteste Gefühl, das in einer Menschenbrust sich regen kann, wurde in ihr wach. Sie, mit einer so viel jüngeren Seele, breitete die Hände nach der seinen aus, um sie zu lieben und zu behüten. Noch versteht sie ihn kaum. Doch ist sie schon voll Mütterlichkeit für seine Seele, denkt und sinnt, wie ihm zu helfen sei.

Die Blicke ihrer Freier taten ihr noch in der Erinnerung weh. Sie verstanden ihn nicht. Sie begriffen eben nicht, daß er ein lebendiger Mensch war.

Wunderlich, wie sie forschend in ihn eindrang, sehnsüchtig, klug – und ernst und voller Wahrheit – und er ging neben ihr her als ein Mann, der etwas von sich hält, als ein Einsamer, Geprüfter, Wohlgeglühter – und dachte: ›Eine hübsche Person. Schade. Was macht sie sich denn für nutzlose Gedanken für ein Frauenzimmer?‹ – Er war etwas ungeduldig.

Schwer hatte die Einsamkeit auf ihn die Hand gelegt, und nun fühlte er nicht, wie ein junger, eben erwachter Geist bang und voller Freundschaft um seine einsame Seele rang.

Die Sinne schliefen ihr noch. Es war etwas ganz Unirdisches, was er da erlebte, und wußte nicht, daß er's erlebte. Hätte er's verstanden, wer weiß, ob seine dicke Haut, die sich durch Abwehr und Kampf um ihn gebildet hatte, es auch noch durchfühlen konnte.

Er mußte sich sagen, daß der Zufall ihn vor die merkwürdigste Entscheidung seines Lebens stellen würde, denn daß er Herr dieses verliebten Mädchens war, daran konnte er nicht mehr zweifeln.

Nie hatte er an eine Verbesserung seiner Lage gedacht, hatte sie nicht einmal gewünscht, denn ein bedürfnisloses Leben ist ein bekömmliches Leben, gut für Geist und Körper. Er liebte seine Freiheit.

Er war überhaupt das, was er sein wollte.

Und doch schien das Schicksal zu wollen, daß er sich mit einem Weibe, mit Pflichten, nicht nur gegen sich selbst, und mit Wohlhabenheit beladen sollte. Wehren wollte er sich nicht, aber die Sache, ohne selbst zu handeln, an sich herankommen lassen, mochte es kommen, wie es wollte.

An diesem Tage bummelte er hinunter nach Weimar, seinem Reiseziel, um Wege und Straßen zu gehen, die der alte Herr zu gehen gewohnt war; ging auch ins Theater und kam spät abends wieder in den Gutshof auf dem Ettersberge an.

Alles schlief, nur die Rabenmutter kam, um ihm noch etwas zum Abendessen aufzutragen.

So strich er auch am andern Tage umher. Beate ließ sich nicht sehen. Die Rabenmutter sagte ihm, daß er jederzeit zu den Mahlzeiten willkommen sei, aber er solle sich keinerlei Zwang auferlegen.

›Sie ist ein ganz schlauer kleiner Balg,‹ dachte er, ›meine hübsche Wirtin.‹

Am Nachmittag begegnete er ihr, aber außerhalb des Gartens. Es fiel ihm auf, daß sie nicht errötete, sondern nur erfreut aussah. Ihr ganzes Wesen hatte etwas Freies, Leichtes. Der rote Haarschopf glühte in der Spätnachmittagssonne. Sommerlich frei und glücklich sah sie aus.

Herr Kosch hatte das Gefühl, daß er zu dieser schönen Heiterkeit nicht viel beigetragen hatte.

Er war schließlich nicht allzu vertraut mit den Verhältnissen dieser Leute und hatte die Vielumworbene mitten unter ihren Freiern angetroffen.

Die Verliebtheit, die sie ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, erschien ihm nicht mehr so ganz einwandfrei.

Entschieden hatte er das, was man Glück bei den Weibern nennt. ›Sie lieben‹, so überlegte er, ›das Außergewöhnliche; so ein grauer Kerl, fest und energisch gefügt, mit unregelmäßigen Zügen, einem Auftreten, so ein wenig werwolfsartig und geheimnisvoll, das ist diesen Romantikerinnen der Menschheit eben recht.‹

›Sie sind stolz auf solch einen Liebhaber; aber den Ehemann wählen sie aus anderem Holz geschnitzt. Der muß verläßlich sein, gut bürgerlich.‹ Herr Kosch hatte seine Erfahrungen und beschloß – einfach liebenswürdig zu sein.

So gingen sie miteinander. Das Gras quoll in seiner grünen Fülle aus dem Erdreich und duftete, wehte im sanften Maiwind weich wie aus Seide. Das Laub der Buchen am Waldessaum saß noch zusammengefaltet wie zarte grüne Schmetterlinge, die sich zum Weiterfliegen anschicken, an den Zweigen. Die Bäume im freien Feld bekamen ihre festen Formen. Die Linden glichen ihrem Blatt. Sie standen wie große grüne Herzen.

Und das sprach Herr Kosch aus.

»Ja, wie Herzen,« antwortete sie und lächelte. »Jeder Baum gleicht seinem Blatt, das sah ich oft. Haben Sie die Wipfel der Bäume schon miteinander reden sehen?« fragte sie. »Sie machen Bewegungen oft wie alte Frauen, neigen sich so behutsam und würdig; oft sieht man sie wie Kinder miteinander reden und oft wie ernste Männer.«

»Ja, ein Landkind!« sagte er. »Ein Landkind!– Sei'n Sie froh!«

Jetzt dachte er, sie wird zu erzählen anheben von ihrem Leben, von ihren Eltern, von ihrer Kindheit, daß sie das Landleben satt habe oder liebe.

›Das tun sie alle, sie reden von sich und ihrer Vergangenheit, sobald sie etwas zahmer werden.

Sie sind nur auf sich selbst angewiesen im engsten Kreise. Es ist bei ihnen nichts gewachsen als sie selbst.

Der Mann spricht nicht von seinem Wachsprozeß. Er spricht von dem, was er geworden ist, was durch ihn wurde. Langweilig sind diese Frauenzimmer!‹

Zu seinem Erstaunen, ja, seinem unliebsamen Erstaunen schwieg sie aber und sprach nicht von sich.

»Ich habe nachgesonnen,« hub sie nach einer Weile an, »wieso es kommt, daß Sie voller Gedanken sind, und wieso es kommt, daß alle, die ich kenne, und auch ich selbst, ohne Gedanken sind.«

»O,« sagte er, »meine liebe, schöne Mamsell, weil ihr alle das Leben nicht heiß genug liebt.«

»Nicht heiß genug?« fragte sie nachsinnend.

»Ja,« sagte er, »es ist nichts anderes. Ihr nehmt alles so kühl hin, so bürgerlich. Es kommt nicht zum Kochen, daher werden die Gedanken nicht gar.

Sind die Leute jung, so sind sie jung, ohne diese Wonne, diese Glut, dies herzverzehrende, selige Bewußtsein.

Trunken müßten sie sein voll seliger Gedanken!

Wär' ich ein Weib und hätte ich einen solch roten Schopf voll Haare – und solche Glieder voller Schönheit; – Herr Gott im Himmel! selig würde ich umherrennen, im vollen Bewußtsein meiner Kräfte, keine Stunde des Tages sollte verloren gehen. Ich würde die Jugend auskosten mit all' ihren Gefühlen und Gedanken, Sünden und Herrlichkeiten. – Und käme das Alter, würde ich mich auf die Erde werfen und rasen und toben und mir die Kleider zerreißen und Asche auf die Haare streuen und ersticken vor Gram.

Aber weil sie nichts denken und nichts wissen, können sie eine bürgerlich dumpfe Jugend führen und ein behagliches Alter. Wüßten die Menschen, was Jugend ist – nie wäre die Welt zu bezwingen. Alle Jugend würde so brausen und gären, daß kein Herrscher der Welt sie unterdrücken könnte.«

»So scheint die Welt fürs Denken nicht gemacht zu sein?« sagte das Mädchen ernst.

»Nein,« antwortete er heftig, »wenn alle dächten und nicht nur einer unter Hunderttausenden, würde sie unmöglich sein.

Stellen Sie sich vor, schönste Mamsell, die Weiber begännen zu denken! Nicht auszusinnen wäre das. – Prost Mahlzeit! – Die größte Revolution auf Erden bräche an, ein Vulkan verschüttete alles. – Es ist ganz recht: Denken soll bei wenigen sein. Tote, willenlose Körper sind notwendig, die mechanisch leben, mechanisch tun, was sie sollen. Ich danke für eine denkende Welt! Nein, Mamsell, bleiben wir beim alten.«

So waren sie miteinander durch die volle Frühlingspracht gegangen; da klang Musik.

»Woher?« fragte der Kupferstecher.

»Aus dem Rödchen,« sagte sie ganz versunken.

»Lassen Sie uns dahin gehen. Tanzmusik! – Ich hätte nicht übel Lust, unter Bauernvolk – – Wie wär's?«

»Bauernvolk ist da nicht,« sagte sie, »dort kehren die Weimaraner beim Förster ein. – Was mag denn los sein?«

»Werden wir ja sehen,« meinte er.

So gingen sie einen schmalen Weg durch dichtes Waldesdickicht. Deutlicher drang die Musik durchs Maiengrün. Und jetzt standen sie vor dem niederen Försterhaus und sahen die langen, grauen Holzbänke wohlbesetzt, und unter der Linde wurde im letzten Abendsonnenschein getanzt.

Beate Rauchfuß begrüßte die Förstersleute, stellte ihren Gast vor: »Herr Kupferstecher Robert Kosch.«

»Wer sind die denn?« fragte Herr Kosch.

»Eine Kegelgesellschaft, nichts weiter.«

»'s ist doch erlaubt, da mitzutanzen?«

Herr Kosch führte seine schöne Wirtin auf den gedielten Tanzplatz unter der Linde, schlang seinen Arm um sie und reihte sich mit ihr den tanzenden Paaren ein.

Er tanzte so sonderbar, wie seine ganze Art war, leidenschaftlich, unregelmäßig und doch mit Kraft und Gewandtheit und fand ein wunderliches Sich-an-ihn-anschmiegen bei seiner Tänzerin. Sie tanzte ganz im Verständnis seiner Tanzart.

›Ei verflucht!‹ dachte er.

Aber es behagte ihm. Er hatte sich bisher, wenn es einmal zum Tanzen bei ihm kam, redlich geplagt und im Tanz denselben Kampf wie im Leben gefunden, nämlich Widerstand statt Anpassung.

Diesmal empfand er den Tanz als ein Wohlbehagen, als eine Bejahung seiner selbst – wie ein guter, starker Wein rann es ihm durch den Körper. Er fühlte sich frei und ungehemmt, wie er sich selten fühlte, so ganz er selbst ohne Kampf.

Atemlos war seine Tänzerin. Ihm fehlte der Atem noch keineswegs. Jetzt – ein Schwanken, etwas Unrhythmisches, was ihn störte.

Seine junge Wirtin hatte ihn, erschöpft, wie sie war, aus der Reihe der Tanzenden gezogen und sank schwindelnd einem kleinen dicken Herrn fast in die Arme.

Der lachte auf. – »Ja, schönes Kind, ich seh' schon lange zu, wer tanzt denn auch so aus dem Vollen.«

Verwirrt sah der Kupferstecher seine Gefährtin werden, verwirrter, als dieser Zufall es eigentlich wohl mit sich brachte.

»Verzeihung,« hörte er sie sagen, »Königliche Hoheit, – Verzeihung, daß ich so ungeschickt war.«

›Da hat sie Karl August fast umgestoßen,‹ dachte Herr Kosch.

Richtig, am Hause hielt die Jagdkalesche, die er aus einer Abbildung wohl kannte, und seine Augen suchten heftig weiter; da sah er in seiner nächsten Nähe einen vornehmen alten Herrn steh'n, im grauschwarzen Rock, den Hals mit blütenweißem Batist umwunden, in dem ein gelbroter Stein glühte, den Hut in der Hand, das Haar wie einen wohlfrisierten grauen Nebel um die hohe Stirn, die sich rein wie eine Tempelkuppel wölbte – und dieser Blick! Da, da war er tanzend an das Ziel seiner Reise gelangt.

Zu diesem aber sagte man nicht »Bruder«.

Er stand und starrte.

›Herrgott im Himmel, welch ein Mensch! Der hatte sich sein Menschentum wie einen Thron auferbaut. Der stand einsam unter allen. Sie waren vor ihm wie fortgewischt.‹

Der Kupferstecher sah seinen Freund, den er in einsamen Stunden so heiß begehrte, in einer ungeglaubten Entfernung vor sich stehen.

›Ja, solch eine Mauer muß sich einer bauen, wenn er schaffen will und sich ausleben will, wie dieser.

Nein, der hat nichts bei den Elenden zu tun und zu suchen. Was für ein Plebejer bin ich,‹ dachte er, ›daß so etwas mir nicht in den Sinn konnte!‹

Da sah er, wie der Fürst Beate Rauchfuß, deren Schönheit Herrn Kosch im Augenblick erschreckte – so groß und stark war sie –, lächelnd dem vornehmen alten Menschen zuführte und sagte: »Das ist ja der Rotkopf oben vom Rauchfußschen Gute, der uns als wildes Kind so manches Mal bei unseren Streifereien auf dem Ettersberge die Wege kreuzte. Solche Wunder wachsen hier oben.«

Das Mädchen neigte sich vor dem vornehmen Mann und küßte ehrfürchtig seine Hand.

Er strich ihr über den roten Haarschopf mit einer sanften Bewegung.

»Wohl dem, dem dieser Sonnenkopf leuchten wird. Aus den Augen strahlt Freude und Liebe.«

Er wendete sich zu dem fürstlichen Freund. »Welches Uebermaß von gebenden Glückseligkeiten liegt in den jungen Geschöpfen dieser Erde!«

»Wenn das verfluchte Abbröckeln nicht wäre!« brummte der fürstliche Herr, hob das stumpfnasige Gesicht und winkte, daß die Kalesche vorführe.

»Zerbröckeln, vom andern Standpunkt aus: Erbauen. Ohne Sorgen, schöner Rotkopf –, wie es auch komme.«

Der vornehme ruhige Mann folgte seinem Fürsten in den Wagen, und beide grüßten im Fortgehen das schöne Mädchen, das eine tiefe Verbeugung machte, die sie bei der alten Kummerfelden von Grund aus gelernt hatte. In Weimar verstand jedes Mädchen, das seine Nähstunden bei der alten Schauspielerin gehabt, seinen regelrechten Hofknix zu machen, ›denn‹, sagte die prächtige Frau, ›in einer so kleinen Stadt, wo so viel fürstliche Leute und Geistesfürsten leben, muß auch auf den Straßen ein gewisses Savoir-vivre herrschen.‹ – Sie verstand sich auf so etwas.

*

Der Kupferstecher hatte wie betäubt gestanden; da war nun die Begegnung mit dem Bruder, dem alten Herrn, vor sich gegangen. Er selbst hatte keine Rolle dabei gespielt.

Er sah seine knorrigen, sehnigen Hände an. ›Das sind Hände!‹ dachte er. ›Um nichts zu erreichen, als eine halbwegs mögliche Jacke und Hose, vier Hemden, zwei Paar Schuhe und ein unwirtliches Loch zum Wohnen, sind sie knöchern und flachsig geworden, als hätten sie eine Welt erobert. Der andere hat eine erobert – und seine Hände sind im hohen Alter sanft geblieben, von der Seele bewegt.

Dem pochst du nicht an den Fensterladen, Plebejer!

Aber das Mädchen, das er mit den Augen küßte, dem er über das Haar fuhr. Diese kleine Gans!‹

Er nahm seine Wirtin heftig bei der Hand: »Gehen wir, Mamsell,« sagte er, »gehen wir!«

Und mitten im stillen Maiengrün, unter seidenzarten Büschen, riß er die Erschreckte an sich, küßte sie und wühlte sein Gesicht ein in die rote Haarpracht, die sein »Bruder« gestreift hatte und deren junger Duft ihn betäubte.

»Herrgott – in deine Hände!« schluchzte er fast auf.

In einen solchen Sturm von heißen Zärtlichkeiten war sie unversehens und ahnungslos geraten, daß ihr der Atem verging wie bei einem Schloßenwetter; sie wehrte ihn ab und barg sich zu gleicher Zeit bei ihm.

»Liebst du mich denn? – Liebst du mich?« fragte sie erschüttert und zitternd.

»Lieben? Ja, um Herrgotts willen, so Junges, Wundervolles liebt einer, wenn er's spürt und sieht. Was denkst du denn? – Haut und Haar maienduftend!«

Sie riß sich los von ihm und ging schweigend neben ihm her.

»Liebst du mich?« fragte sie ebenso verwirrt und erschüttert wie er. – »Kennst du mich? – Weißt du, was ich auf Erden will?«

»Mich!« sagte er heiß.

Sie wollte sprechen – sie suchte – suchte – suchte. Die Verwirrung war zu groß.

»Willst du mein Freund sein?« fragte sie angstvoll.

»Ja – ja, gewiß,« sagte er.

»Willst du mich denken lehren? Ich will so lebendig werden, wie du bist.«

»Närrchen.«

Leidenschaftlich hielt sie ihn von sich ab. »Ich liebe dich, weil du anders bist als die anderen, und damit du mit mir sprichst wie mit einem Freund, wie mit einem Menschen.«

»Tu' ich's denn nicht?«

»Ich will nicht schlafend leben, hörst du!«

»Was für ein sonderbares Weiblein du bist. Küssen zu seiner Zeit, alles zu seiner Zeit, du junges Geschöpf.«

»Nach Leben verlangt mich's!« rief sie, durchschauert von dem Unbestimmten, was sie wollte.

»Nach Leben? – Liebe ist Leben.«

»Nein, nein!« sagte sie. »Verstehen ist Leben. Wenn ich mein Leben an deines hänge, will ich lebendig werden und nicht tot und stumm, wie meine Mutter war.«

»Du denkst dir das sehr komisch. Glaubst du denn, man kann das Denken lernen wie irgendeine andere Sache? Ich sage dir, liebe das Leben, so heiß du kannst. Ich will schon sorgen, daß du's lieben sollst.«

»Ich möchte nicht weggeworfen werden,« sagte sie herb, »wenn du findest, daß ich nicht mehr schön bin. Ich lauf' dir davon, wenn du mich täuschest und mein Freund nicht bist.«

»Recht so,« sagte er lachend.

So gingen sie nebeneinander her, und er hielt den Arm fest und schwer um sie geschlungen.

»Du gehst gebunden«, sagte er, »freier und seliger als ungebunden. Alles ist so nicht, wie es uns scheint. Du siehst irgendeinen Gedanken oder ein Gefühl und glaubst, es ist so ureinfach und beschränkt wie ein Punkt. Du trittst näher, und es wächst, wird ein Garten mit Wegen und Irrgängen. Du gehst darin umher und staunst. Da wird er dir unter den Füßen und vor den Augen zu einer Wildnis mit Abgründen und Undurchdringlichkeiten. Zu einer Welt wird diese Wildnis, die du nie überschauen und nie durchwandern kannst. Alles umschließt diese Welt, alles und jedes.

Es ist viel behaglicher, so glattweg die Dinge zu nehmen, wie sie den Leuten vorkommen, als Gedankenblöcke zu wälzen.

Denken ist wie Trinken – das gewöhnt sich einer leicht an, wenn ihn irgendwo der Schuh drückt.

Und was hat er davon? Einen unaufhörlichen Kampf mit den Katzenjammern.

Er muß ein Held werden.

Würdest du dir das Trinken angewöhnen wollen?« fragte der Kupferstecher.

»Ich denke nicht,« lachte sie.

»Gerade so wenig das Denken. Diese Katzenjammer sind für ein Weib noch beschwerlicher, da muß einer frei sein – frei, wie ein Mannsbild es ist, ohne Kind und Kegel und ohne Ach und Weh. Er muß sich hinfläzen können in seinem großen Elend.«

Sie sah ihn fremd und staunend an.

»Siehst du,« sagte er, »jetzt rollst du kleine, weiche, zarte Frühlingswelt neben einer ausgeglühten, felsigen, starren, steinharten Winterwelt im Raum dahin.

Ei verflucht – werden die Leute sagen, was tun die miteinander? Die hübsche Frühlingswelt wird verbrannt und zerdrückt werden – das sieht man kommen.«

»Mag sie es werden!« antwortete das junge Geschöpf ruhig und fest. »Wir verbrennen ja alle,« – und er spürte wieder den Maienduft der Frühlingswelt, der ihm, dem unverwöhnten Mann, die Sinne verwirrte.

Sie war zu schönheitsvoll für ihn, zu hingebend, zu weicher Seele voll und zu sehnsüchtigen Herzens.

Es hätte etwas Kargeres für ihn besser getan.

Ueberfluß, der ihn bedrängte.

Seine Asketenkammer stand ihm vor der Seele, sein Lager aus ein paar wollenen Decken und Fetzen, ein rechtes Wolfslager, sein Arbeitstisch, der ganze Raum, die trüben Fenster, seine Bedrücktheit, wenn er ein paar Goldstücke bei sich im Kasten wußte und sich, davon beladen, verbürgerlicht erschien – ein Protz.

Die karge Beute erjagen mit großen Mühen, war ihm Bedürfnis geworden. Die Wohlhabenheit, der er jetzt entgegenging, beängstigte ihn. Was würde diese aus ihm machen und er aus ihr?

Er kannte nur die paar Pflichten für sich selbst, und die waren ihm zuviel. Nun rollte so eine kleine Frühlingswelt daher und bewegte sich in seinem Dunstkreis um ihn her. Herrgott noch einmal, da galt es, aufzupassen. Das war keine einfache Geschichte mehr.

*

Tiefbewegt kamen sie beide auf dem Rauchfußschen Gute an und fanden allerhand Gäste vor. Die Kirstensmädchen mit ihren Freunden, Frau Mariannes Kostgänger mit ihrer kleinen Freßmadame und auch einige der Junggesellen.

Diesen war der hergeschneite Gast nicht unbedenklich erschienen.

Sie kamen, um einmal nachzuschauen, und fanden die Vielumworbene rosig und wie in Freude getaucht.

Sie begrüßte alle wärmer als sonst. Jeder kam sich besonders bewillkommnet vor.

Der Gast stand eckig hager in seiner grauen Montur, in der er wie ein Hecht aus den Fluten aufgetaucht war, und schaute scheinbar mißlaunig auf das Treiben und Kommen, Gehen, Schwatzen und Lachen.

»Ausgerichtet hat der hier nichts, so 'n Gestell,« sagte einer der Kostgänger.

Der Kostgänger selbst war durch Frau Mariannens Fürsorge vorzüglich instand gehalten. Einen von beiden fütterte sie dennoch für sich, das war bei ihr ausgemachte Sache. Einen würde sie auf alle Fälle zu trösten haben.

Die Rabenmutter brummte, daß sie heut' abend schon wieder alle zum Abendessen versorgen sollte; aber der Tisch unter der Linde wurde gedeckt, und der alte Sperber, der einmal zuschauen kam, verkündete, daß er eine Bowle stiften werde.

Die Kirstensmädchen und die Kameraden holten den Wein vom Sperberschen Gut und brauten dann andächtig und eifrig, und während das Gebräu seinen Duft mit dem Duft des jungen Laubes und des blühenden Flieders mischte, wurde die Stimmung eine gar festliche.

Die Mädchen begannen zu nippen und zu lachen, die jungen Leute wurden aufgeräumter, der alte Sperber hielt seine beiden lebensfrohen Hände um das Glas gelegt, als wollte er die zarte goldne Flut liebkosen. Der Kupferstecher trank nicht wie in Feststimmung, sondern in der gemessenen, aber nicht unausgiebigen Weise, wie er es daheim an seinem Stammtisch gewohnt war. Es war ihm nichts so Außerordentliches, wie es den bescheidenen Gästen hier oben war.

Sperbers wie auch die Weimaraner waren allabendlich gewohnt, den braven Hausmuff zu trinken, der im offenen Eimer aus dem Rathaus geholt und auf Flaschen gefüllt wurde.

Es waren genügsame Leute.

Der Kupferstecher hielt sein Glas in der Hand und schaute darauf hin.

»Auf meinem Wege hier ins gelobte Land«, sagte er, »saß ich in einem Dorfwirtshause und trank das schlechte Bier, das sie dort hatten. Da kam ein altes, elendes Weib, verdorrt von Alter und Mühsal, rührte mich an der Schulter und sagte:

›Laßt mich 'nen Schluck trinken, um Christi willen!‹

›Hier, alter Saufaus!‹

Und ich gab ihr mein Glas.

Sie setzte an und trank es bis auf den letzten Tropfen, schaute mich mit ihren alten, großen Augen an und sagte: ›Das soll mir jetzt Ihr Leidenskelch gewesen sein.‹«

Der Kupferstecher schwieg – die anderen schauten.

»Hut ab davor!« sagte er und brach wie in sich zusammen.

»Das war das größte Liebeswort, das ich mein Lebtag hörte! – Amen.«

Die jungen Leute lachten.

Der alte Sperber liebkoste sein Glas und blickte schelmisch auf den Zugelaufenen.

Der Kupferstecher aber antwortete: »Alle Kirchenglocken hätten läuten müssen, als das alte Weib sagte: ›Das soll mir jetzt Ihr Leidenskelch gewesen sein.‹ Aus den Häusern müßten die Leute stürzen, zu sehen, was es gäbe. Hosianna sollten sie rufen. Verseht keiner diese unergründliche Tiefe solcher Armut und Güte?

Ich fiel auf die Knie vor der Alten, küßte ihren verschleppten Kleidersaum –, und sie – spie mir ins Gesicht – Amen.

Das heißt: Keiner weiß, was er hier redet und tut, nicht im höchsten Sinne, nicht im niedersten.

Sie sprechen Dinge aus wie Götter und verstehen nichts davon.

Sie sind wütend aufeinander und wissen nicht, weshalb.

Eine Welt des Schlafes! – Prosit!« Damit hob er sein Glas.

»'n rechter Narr,« flüsterte ärgerlich Herr Sperber seinem Nachbar zu. »Kann er denn nicht reden wie andere Leute auch?«

›Ein verrücktes Tier!‹ stand in aller Blicken.

Das trieb der Wirtin des Zugelaufenen alles Blut in die Wangen. Eine heiße, schützende Liebe faßte sie für ihn; eine warme, gute, unverlöschbare Flamme schlug aus ihrem Herzen auf. Ihr war, als könnte ihre junge Seele in der seinen untertauchen und voll Lebenskraft und Reichtum wieder auftauchen.

Offenbarung war er für sie. Ihr schien, als rettete sie sich aus einer dunklen, stummen Welt zu ihm ins Licht.

Nicht allzulange währte es, da merkten die Freier, daß der fremde Kupferstecher dabei war, ihnen das schöne, wohlhabende Mädchen vor der Nase wegzuschnappen.

Auch Herrn Sperber schien es nicht recht geheuer, und Herr Kosch bekam einen schweren Stand. Die Mannsbilder stichelten auf ihn und wollten ihn lächerlich machen.

Er hielt wacker stand, gab gute, tüchtige Gegenrede. Er war das vom Stammtisch her gewöhnt und tat's anfangs in aller Gemütsruhe; aber schließlich war er der Mann, der nicht hören konnte, daß seiner Ansicht entgegen die Pferde kluge Tiere sein sollten.

So goß er auf seinen Jähzorn ziemlich von der vortrefflichen Bowle, trotzdem er wußte, daß das ein gefährliches Unternehmen war.

»Herr Kupferstecher Kosch, was sagten Sie eben, erlauben Sie mal?« fragte der Hofmann verschmitzt höflich. »Wie sagten Sie? – Alle diese Spinathühner, die um Seine Exzellenz herumscharwenzeln? Spinathühner, dächt' ich, sagten Sie?«

»Ja,« meinte der Kupferstecher borstig. »Spinathühner! – Das kratzt um ihn herum, stell' ich mir vor, daß es nicht schön ist. Spinathühner und Spinathähne.«

»O,« sagte der Hofmann geflissentlich, »machen Sie sich, verehrter Herr, sonderbare Vorstellungen von unserer Gesellschaft!«

»Gesellschaft!« höhnte der Zugelaufene. »Zweibeiner eben, wie sie überall umherlaufen, gackerndes, krähendes Volk. – Und da ist nun einmal eines auf dem großen Hühnerhof als Halbgott ausgekrochen. Herrgott, muß der Kerl sich langweilen. Schwarz muß er werden!«

»Nun, und wie steht's mit Ihnen, Herr Spinathahn?« fragte der Sperbersche Neffe und hob sein Glas: »Prost!«

»Prost!« sagte Herr Kosch und bog sich merkwürdig zu ihm herüber und fixierte den Neffen mit unsicher schillerndem Blick. Es war, als wenn dieser in sich fest gefaßten Gestalt die Augen nicht so recht gehorchten.

»Spinathahn? – Spinathahn? – Spinathahn? – Herr, ich komme aus den schillernden Untiefen – aus den Trichtern dieser Erde aufgestiegen. Ihr meint, es ist zu Ende da, wo ihr geht? Ihr meint, unter euren Füßen regt sich nichts? – Das Künkelin, das Karnickel gräbt aber unbillig tief – schürft unbillig tief. Nun – nun, Spinathuhn – Hahn – Huhn, bin ich nicht – gewiß nicht.« Damit schüttelte er seine harte, flächsige Hand. – »Nee, nee.«

»Der Kerl ist besoffen,« murmelte Herr Sperber. Er hielt nicht mehr die klare Flut seines Glases wie liebkosend umschlossen, sondern blickte auf seines alten Freundes Tochter und sah, wie diese bleich, mit großen weiten Augen angstvoll an jeder Bewegung des Zugelaufenen hing.

Der alte Sperber erhob sich, trat sachte hinter ihren Stuhl, rührte sie an der Schulter und sagte: »Den Esel bring' ich dir gleich fort, nur ruhig, Badewännchen.«

Da traf ihn aber ein Blick voller Empörung und doch unsicher, wie nach Hilfe suchend.

»Hör' mal, Kind, komm' mit mir durch den Garten.« sagte der alte Herr jovial und treuherzig.

Sie schüttelte den Kopf, und ihre Blicke hingen wieder an dem Kupferstecher.

»Ein Mann,« sagte der soeben zu seinem Nachbar, dem Sperberschen Neffen, »dem man auch nur das Leiseste anmerkt in Gang und Haltung und Ausdruck, daß er zuviel des Guten tat – ist eine Memme! – Im Manne tobt eine Welt. Der Mikrokosmus ist im Aufruhr! Stürme wüten im Hirn – ein Weltbrand! Er steht unbewegt, ein Gott im Aufruhr! Was meinen Sie? Das ist die höchste Selbstbezwingung, die Urmännlichkeit, der Kampf und Sieg sondergleichen!«

»'n Schwipps, 'n Affe – no, ich sag' ja nichts dagegen, kann mal vorkommen; aber«, meinte der Neffe sehr ruhig, »Ihre Auffassung scheint mir doch sehr grandios.«

»Oho!« Der Kupferstecher reckte sich und dehnte sich, rang sich wie aus sich selbst heraus und blickte herausfordernd über den Tisch.

Sein Blick streifte das schöne Mädchen, das ihm sein gutes Herz geschenkt. Er gewahrte ihre tiefe Blässe, die Augen, die in Verzweiflung schauten.

›Gott steh' mir bei, die schöne Seele!‹ fuhr es Herrn Kosch durch den Kopf, ›'s ist doch kein Lot Kraft und Saft in so'n Frauenzimmer. Wasch' mich, aber mach' mich nicht naß! Die will nun 'nen Kerl mit Spiritus, aber das Auffüllen kann sie nun wieder nicht vertragen. – Ja, so!‹ –

Da nahm er sich gewaltig zusammen und schwieg fortan.

Die junge Wirtin erhob sich jetzt, und mit ihr die Gäste. Die letzte halbe Stunde an der ländlichen Tafel unter der Linde war schwül gewesen. Der alte Rauchfuß ging um vor manchem Auge und schüttelte dem Kupferstecher verständnisvoll die Hand, weil der ihm aus dem Herzen sprach und bei weitem schwungvoller, als er es je gekonnt hatte.

Der Kupferstecher trat jetzt zu seiner Wirtin und sagte etwas undeutlich: »Und richtet über die Lebendigen und die Toten. – In Gottes Namen also, gute Nacht – so reise ich morgen.«

Da sah sie ihn mit sterbensbangen Augen an, sprach kein Wort, aber hielt ihn mit ihren Blicken.

Er schwieg und schaute vor sich hin. Zu spüren war, daß er sich innerlich und äußerlich zusammenraffte.

»Ich bin, der ich bin,« sagte er. »Zu deuten ist ja nichts. – Was so gewachsen ist,« – er hielt seine sehnigen Fäuste vor sich hin – »ist so gewachsen. – Leb' wohl! – Deine Küsse, Königinnenküsse! – Behüt dich Gott!«

»Bleib'« – sagte sie, »bleib'!« Ihre Züge aber erblaßten, sie schwankte, ihr Kopf sank an den Lindenstamm. Herr Kosch fing sie in seinen Armen auf. Die Windlichter auf dem Tisch warfen ihren gelben Schein.

Herr Sperber und einige noch sahen das Mädchen in den Armen des Zugelaufenen ruhen.

»Herr, du mein Gott!« So schnell es seine kurzen Beinchen gestatteten, war er zur Stelle. »Ja, was denn?« rief er. »Was ist denn?«

»Meiner Braut«, sagte Herr Kosch ernst, »scheint es nicht wohl zumute.«

»Ihrer Braut?« rief Herr Sperber. »Das ist ja aber – aber« . . . ›ganz entsetzlich‹ wollte er sagen, besann sich, schaute nur mit Blicken, die keinen Zweifel aufkommen ließen, und nahm das Mädchen ohne alle Umstände in seine festen Arme.

Da schlug sie die Augen auf und sagte leise, als sie das freundliche, aber erschreckte Gesicht ihres alten Sperber über sich sah: »Ich liebe ihn über alles auf Erden.«

Der Kupferstecher nahm ihre beiden Hände und küßte sie.

»Geh',« sagte sie, »ich will allein sein. Du versprachst mir, mein Freund zu sein. So lebendig will ich werden, wie du bist. Das ist, was du verstehen mußt.«

»Gute Nacht.«

Er küßte ihr wieder die Hand, grüßte Herrn Sperber. »Ich gehe,« sagte er, und so ging er hocherhobenen Hauptes, wie Herr Rauchfuß einst gegangen, wenn er der Welt beweisen wollte, daß er ein ganzer Mann war.

In heißen Tränen blieb das Mädchen zurück. Herr Sperber führte sie an die verlassene Tafel und setzte sich neben sie. Die Resttropfen in den Gläsern dufteten herb.

Die zwei Lichter schufen eine kleine weiße Insel mitten in der Dunkelheit, in der Gestalten auf und nieder gingen in erregten Gesprächen.

Dem Mädchen rannen unaufhaltsam Tränen über die Wangen.

»Badewännchen,« sagte Herr Sperber, »was hast du angestellt! – Den wildfremden Menschen! Seid ihr Frauenzimmer denn ganz verrückt? Seit einem Jahr läuft alles, was Beine hat und reputierlich ist, zu dir herauf – und du? – Ein Mann, wie unser Neffe! – Kind! – So schlicht und ruhig – rein und gut; – der macht eine Frau glücklich.«

»Laß! – Laß!« sagte sie.

Sie saßen stumm beieinander.

»Braucht noch niemand zu wissen; komm, Kind, gehen wir zu den anderen.«

Willenlos folgte sie, nahm wie im Traum Abschied von ihren Gästen. Die Freier gingen in tiefer, stummer Erregung.

Die Kirstensmädchen küßten ihre Freundin herzlich auf die Wangen, und die Kameraden drückten ihr die Hand.

»Um Gottes willen, Kind,« rief die Rabenmutter, als der letzte gegangen war, »bist du denn ganz des Kuckucks?«

»Lassen Sie sie,« sagte Herr Sperber, »wir brauchen niemand. Gehen Sie schlafen. Ich bleib' bei unserem Kind. Laßt uns allein!«

Und sie blieben allein.

Sie gingen miteinander in das Wohnzimmer. Herr Sperber hatte eines der großen Windlichter mit hinauf genommen.

»Nun sag' mir, Kind, wie ist das alles gekommen?«

Sie kniete vor dem kleinen, kurzen Herrn, der in Rittmeister Rauchfußens Lehnstuhl sorgenvoll saß, und wieder quollen heiße, heiße Tränen.

»Die Nacht wissen wir noch, als dein armer Vater starb und wir hier miteinander saßen und auf den letzten Atemzug warteten. Nicht wahr, Kind?«

Das Mädchen nickte.

»Weißt du, daß Herr Kosch nicht übel Lust hat, sich das Trinken anzugewöhnen?«

Sie nickte. Ihre Augen blickten starr vor Angst und Qual.

»Na, und trotzdem?

Sag' mal, ist das notwendig, daß ein Frauenzimmer ganz vernunftlos ist? Glaubst du, daß du ihn hindern kannst, wenn er Trinker werden will?«

»Nein,« sagte sie.

»Und was ist denn das, altes Mägen, was sagtest du denn da? Lebendig willst du werden, wie er ist? Und dein Freund soll er sein? – Was ist denn das? – Siehst du, ich leg' mir da so was zurecht. – Du mußt wissen, deine Mutter war auch so 'ne kleene überspannte Seele, so gut und lieb sie war.

Sieh' dir mal meine Alte an und auch die alte Kummerfelden. Alle Frauenzimmer von besserer Art haben in ihrer Jugend so ihre Flausen gehabt. Siehst du, aber anders lernen die Weiber denken, als die Männer. Die Männer kommen früher dazu, man lehrt es sie. Siehst du, ich sag' dir es so, wie ich's meine. Sie gehen mehr in die Schule, sie lernen ihr Gewerbe. Sie müssen ihren Mann stellen. Da wird ihnen gar manches künstlich beigebracht. Es geht nicht so ganz natürlich zu; aber immerhin, es muß sein.

Eine Generation sagt der anderen ihre Gedanken. Wie eine Lawine wälzen sich die Gedanken über die Mannsbilder her, alles, was je gedacht ist.

Oder, wenn du mich besser verstehst, alles bekommen sie vorgekaut.

Ihr Weiber aber lernt anders denken. In der ersten Jugend läßt euch das Leben ruhig, spannt euch nicht zu sehr an. Dann aber lehrt euch das Leben selbst denken. Die Gedankenlawine wälzt sich nicht über euch. Es wird euch auch nichts vorgekaut. Aus euch selbst wachsen die Gedanken und das Verstehen des Lebens.

Sieh dir meine Alte an und die Kummerfelden. Hut ab! vor diesen lieben, alten Frauen. Einfach denken sie über die Dinge; aber da ist nichts Fremdes, nichts Gelerntes. Es ist alles ihr Eigentum, ihr schwer errungenes Eigentum. Wir Männer sind selten so ganz natürlich wie sie, so ganz durchdrungen und so einfach. Wir haben viel Fremdes, Totes in uns. Ich rede nicht von mir, ich bin auch so ein alter Kauz, so ein einfacher Mann. Aber weißt du, dumm ist der alte Sperber deshalb nicht. Glaubst du, er kennt dich nicht? – – O je!

Wenn einer in dich verliebt ist, ist er nichts weniger als dein Freund. Er kann dein Freund einst werden, wenn die Verliebtheit sich gelegt hat; aber noch ist er nicht dein Freund. Das mußt du dir verdienen!

Das ist des Lebens höchstes Gut; das fällt niemand in den Schoß. Ja, du kannst es dir nicht einmal verdienen, so wenig wie das große Los.

Siehst du, nun kommen wir auch noch darauf: Wir sind dir zu einfach, du willst höher hinauf. Du willst nicht wachsen, wie wir gewachsen sind, denk' ich mir, nicht so still dahinwachsen wie meine Alte; du willst drauf losgehen.

Die Luft aus Weimar hat dich vergiftet, die schöne Seelenluft. Siehst du, dabei kommt gar nichts heraus. Zeit lassen, Zeit lassen, Zeit lassen. – Was der Herrgott will, das wir hier spüren sollen, das werden wir schon, dafür sorgt Mutter Natur. Dafür braucht's kein Treibhaus.

Schau, 's ist noch Zeit, – ich geh' morgen früh zu deinem Kupferstecher und sag' ihm: ›Sie, mein Lieber, Sie wissen's ja jedenfalls, wie die Mägens sind, oben aus und nirgends an. Ein alter Mann hat mit ihr geredet und hat sie andern Sinnes gemacht.‹ Für euch beide wär's ein Unheil.«

»Laß mich, Onkel Sperber, laß mich,« sagte sie. »Ich kann nicht ohne ihn leben!«

»Badewännchen, gerade so hat deine Mutter gesprochen. Ich gebe gar nichts auf eine gar so große Liebe. Kein Geschöpf Gottes ist einer so großen Liebe wert. – Keines. Meine Alte und ich liebten uns immer sachtchen, und so sachtchen ist's geblieben. Das wär' mir ein schöner Hafen, wo die Wellen so hoch gingen, daß die Schiffe darin nicht ruhen könnten.

Hör mal, altes Mägen, willst du denn so all seinen Unsinn nachmachen? Ich weiß nicht, ich müßte lügen, wollte ich sagen, mir gefiel's so besonders.«

»Nein,« sagte sie, »das glaub' ich dir, Onkel Sperber. Das kann dir auch nicht so gefallen. Jeder spricht nur für seinesgleichen, die anderen verstehen ihn nicht, jeder versteht nur, was er selbst schon ist. Mein Verlobter wird hier nur von mir verstanden, und spräche er zu euch mit Engelszungen, ganz unnötig wär's – und ich! Mein Herz flog ihm nur so zu. Ich kannte ihn von Anfang an wie einen alten Freund.«

»Badewännchen,« seufzte der alte Herr. »Dir brauch' ich nicht zu sagen, was du dir möglicherweise mit ihm aufladest. – Dir gab Gott deinen Vater zur Warnung. Was du tust, ist gegen Gottes Willen. Deine heißen Tränen sprechen gegen dich.«

»Onkel Sperber,« sagte sie ernst. »Deshalb ist jedes Wort unnötig. Meine heißen Tränen müssen dir sagen: ich weiß alles – verstehe alles, und kann von ihm doch nicht lassen.«

»Dann sei Gott mit dir, mein Kind. Ist dem so, so weißt du, was du tust, so geh' deinen Weg, der dir auferlegt wurde.

Ich sehe nichts Gutes.

Gerade so sprach ich mit deiner Mutter – gerade so. Die hat ihren Liebsten genommen aus keinem anderen Grund, wie mir's jetzt vorkommt, damit du so würdest, wie du nun bist. Du wolltest ins Leben. Und nun – wollen wieder andere ins Leben und scheinen, Gott sei's geklagt, dich und den Zugelaufenen zu brauchen.

Kind, wenn die Liebe bliebe!

So 'ne Liebesheirat soll jeden bedenklich anschau'n; ja, wenn's für 'ne kurze Spanne Zeit wäre – dann alle Achtung! – Aber für immer 'nen Menschen in bengalischer Beleuchtung kaufen! Nicht anders ist's, als kaufte ich meine Kühe und Ochsen in bengalischer Beleuchtung oder im Rausch.

Siehste, wenn du mich hören könntest! Stehen lassen, Badewännchen, stehen lassen! sage ich dir; nimm unsern Neffen. Besser kann dir nicht gedient sein.«

Da reckte sich das Mädchen fest in die Höh'. »Genug, Onkel Sperber,« sagte sie mit leuchtenden Augen und gab ihm die Hand.

»Du bist gut; aber wenn er mich morgen noch will, bleibt's dabei. Ich bin so voll Kraft und Mut und Freude, weil er mich liebt, und überhaupt voll Kraft und Freude. Ich werde dem Schicksal dafür dienen. Das weiß ich, daß jedes Glück mit Leid gezahlt wird.«

»Gut,« sagte der alte Sperber, »wenn du deine Dummheiten mit Kraft und Freude tust, mag sein, was sein muß! – Aber mit heißen Tränen? – – Hab' ich da nicht recht, altes Mägen?

Hast du Mut, wirst du mit diesem Teufelskerl fertig werden; aber wehleidig? – Nee!«

*

Und so kamen sie zusammen, wie Tausende und aber Tausende, von Liebe getrieben, gegen alle Vernunft. Sie führten ihre Ehe, wie eben eine Ehe geführt wird, wenn sie von jungen Tagen bis ins hohe Alter hineinreicht. Einander beglücken und enttäuschen, wohltun und peinigen, einander langweilen und gewöhnt werden. Oft lag über weiten Strecken des Lebens wie bei allen Sterblichen Dumpfheit, wie eine Decke dichtgefilzten Seegrases. Unter dieser Decke hatten die Lebenswellen sich schwerfällig bewegt, waren nicht ans Tageslicht gekommen, und nur eine mächtige Freuden- oder Schmerzenswelle war durchgebrochen und hatte gen Himmel gespritzt.

Nun saß Beate Rauchfuß als alte Frau spät nachmittags in ihrem Garten auf dem Ettersberge. Alles ist dahin, was einst war: Freuden, Verlangen, Hoffnungen, Lebenskraft und Sehnsucht, – auch Herr Kosch ist dahin. Sie, die am tiefsten liebte, trug am schwersten, denn sie trug ihn ihr Leben lang. Seine Qualen wurden ihre Qualen, seine Lebensbewegungen ihre Lebensbewegungen.

So hatte sie das schwere Doppeldasein des Weibes geführt, das schwere, vielfache Dasein des Weibes.

Mit ihren Kindern war sie jugendselig, jugendtraurig gewesen, hatte ihre Enttäuschungen und Wonnen mitgefühlt; mit zweien ihrer Lieben war sie gestorben, Herrn Koschs steile Pfade war sie mitgegangen, ohne gerufen zu sein. Sie war ihm nachgeschlichen, hatte gelernt, mit ihm Schritt halten, als unbeachteter Begleiter. Und als er, müde gewandert, den hilfreichen, treuen Gefährten seiner ringenden Wege neben sich fand – hatte sie das Ziel ihres Lebens erreicht.

Anders lernen die Weiber denken als die Männer. Für den Spruch ihres alten Freundes war ihr Verständnis aufgegangen. Wie sie ihre Kinder geboren hatte, so auch ihre Gedanken. Jeder war eine schwere Errungenschaft aus dem Kern der Dinge heraus, nicht überkommen, nicht gelehrt, nicht fremd, – aber urlebendig aus ihr selbst geboren und mit Menschenleid gezahlt.

Wie sie als alte Frau im Spätsonnenschein saß voller Frieden, war ihre Seele rund wie in erster Jugendzeit, hatte keine Ecken, keinen Riß, an dem Sorge sich hätte einhaken, oder in den sie hätte eindringen können.

Wie ein fernes Rauschen und Lärmen und Läuten tönte das Treiben des Lebens in den unstörbaren Frieden. Zum zweitenmal im Leben glich ihre Seele einer sonnenklaren Kristallkugel: in erster Jugend, als noch kein Flecken und Schatten des Daseins sie trübte, und jetzt, als alle Flecken und Schatten wieder gewichen waren.

Ob nun das Leben leicht war oder schwer, die Ehe glücklich oder unglücklich, die Arbeit gesegnet oder nicht, – ganz gleich – ganz gleichgültig.

Nur eins war hier nicht gleich, daß die alte Frau jetzt im Spätsonnenschein saß mit einer Seele, die sonnenklar und durchsichtig, wie eine helle Kugel im Raume schwebte, still nachträumend und nichts fragend – weltabgetan.

 


 

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