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Ein Sohn des Volkes. Zweiter Theil

Levin Schücking: Ein Sohn des Volkes. Zweiter Theil - Kapitel 1
Quellenangabe
authorLevin Schücking
titleEin Sohn des Volkes. Zweiter Theil
publisherF. A. Brockhaus
year1849
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170112
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König Volk

Erstes Kapitel.

Wir haben Karl in dem Augenblick verlassen, als er mit der Nachricht vom Tode Kaiser Joseph's aus Wien eilte. Mit dem Kaiser war in unserm Helden die Hoffnung gestorben, daß vom Principe der alten Welt aus, durch die gottgegebene Macht der Kronen die Menschheit der staatlichen und sittlichen Verjüngung zugeführt werden könne, welche sie bedurfte. Aber nicht in seiner Brust allein lebte diese Überzeugung; sie hatte die denkenden Köpfe der ganzen Zeit erfaßt und in Frankreich war sie zu der nothwendigen Schlußfolgerung vorgeschritten: es hat also das Volk selber jene Verjüngung vorzunehmen.

Das Volk in Frankreich war in voller Thätigkeit.

In Karl lebte zu sehr der Durst nach dem Idealen, der jungen Seelen eigen ist, zu sehr das Rechtsgefühl, das in jener Zeit sich empört fühlen mußte durch die Despotie der von der Willkür Privilegirten über die nicht Privilegirten, durch den tiefen Hohn, welchen das geschichtlich Gewordene gegen das Vernünftige enthielt, als daß er nicht mit ganzer Seele an jener Thätigkeit des Volkes Theil genommen hätte. Das eine der zwei großen Lager, in welche die Welt sich zu theilen begann, hatte ihn in seinen schönsten Hoffnungen getäuscht. Er trug sein Herz in das andere. Nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, war er zurückgekehrt und hatte sich von Wien und von seinem Oheim, dem diplomatischen Freiherrn, losgemacht. Von diesem hatte er vernommen, daß auch die Fürstin K. und Bianca nach Paris gereist seien. Sie wolle ihre Freundin Marie Antoinette aus Frankreich zurückholen, allen Jacobinern zum Trotz, hatte die kühne Fürstin ihren Wiener Bekannten gelobt. Von Bianca hatte Karl sonst nichts in Erfahrung gebracht. Sein Gefühl für sie hatte er glücklich bezwungen. Es war einer ruhigen Theilnahme gewichen.

Nachdem er in langsamer Reise die Städte und Höfe Süddeutschlands gesehen, war er nun ebenfalls nach Frankreich gegangen. Neben dem Verlangen, seine politischen Lehrjahre zu vollenden, hatte ihn aber auch der Vorsatz hierhin geführt, Lambert für sein Verbrechen zu strafen. Er mußte diesen nach den Erkundigungen, die er eingezogen, nach Paris zurückgekehrt glauben. So finden wir Karl wieder in Paris. Er hatte es mit einer gewissen Zaghaftigkeit betreten, die er sich jedoch selbst nicht zugestand. Wie wir früher sahen, hatte sich in seiner jungen Seele nach und nach eine gewisse Menschenverachtung festgesetzt und der Grundsatz: Alles für, nichts durch das Volk, einen entschiedenen Vertheidiger in ihm gewonnen. Aber große Ereignisse werfen ja nur zu oft unsere Anschauungen und Meinungen um und reißen uns in ihren Strudel fort. Er war zu jung, als daß der Glaube an die Weisheit, an die Hochherzigkeit, an den Alles übertreffenden Adel des Königs Volk nicht hätte Zugang zu seinem Herzen finden sollen, da alle Welt dieses Volk pries, bewunderte, von ihm die Freiheit und das Glück der Zukunft erwartete. Er wollte glauben, er zwang sich dazu. Es tauchten zuweilen die alten Zweifel und Gedanken in ihm auf und flüsterten ihm zu, daß die Gestalt dieses Königs Volk, welcher mit so ritterlicher Entrüstung die verfolgte Unschuld rettete, die Stolzen demüthigte und das demüthige Verdienst auf den Thron erhob, kurz, welcher mit so viel Edelmuth das Recht und die Tugend an der Despotie rächte, auch etwas vom edeln, an schönen Verheißungen eben so reichen Ritter Donquichote an sich haben könnte. Doch er wies solche Gedanken als aristokratische Blutwallungen mit aller Macht von sich. Denn in der That, was wäre übrig geblieben, an welche Götter hätte er noch glauben dürfen, wenn er, der der Zeuge von der Ohnmacht des größten Fürsten seiner Zeit gewesen, auch die Ohnmacht der größten Volkserhebung hätte einräumen müssen!

Und doch – der Augenblick innerer Geständnisse, verzweifelter Ueberzeugungen, an denen alle Hoffnungen starben, kamen früh genug, um seine stillen, unterdrückten Sorgen zu rechtfertigen. Im Anfange hatte ihn der Rausch ergriffen, der sich lebhafter Menschen inmitten großer Bewegungen so leicht bemächtigt. Ein lange unterdrücktes, am Lenkseil geführtes, betrogenes Volk sich erheben, mit tapferer Hand seine Fesseln zerschlagen, Bastillen, und wie alle die Kirchen des politischen Aberglaubens heißen, erstürmen und ausfegen sehen, hat etwas so Hinreißendes, Berauschendes, daß es schwer ist, inmitten solcher Explosionen eine ruhige und urtheilfeste Stellung zu bewahren. Wie viel Naturen wirft nicht eine solche Bewegung völlig aus ihrem Gleise, daß sie sich, compaßlos, ein Spiel der Wellen, umherschleudern lassen, bis sie in den Abgründen des eigenen Ich, in dem sie keinen Boden und keinen Halt mehr finden, untergehen!

Im Charakter Karl's lagen jedoch glücklicher Weise zu viele feste Ankergründe für das schwankende Fahrzeug der Vernunft, als daß er lange ein Spielzeug der Eindrücke hätte sein können, welche mit bunten Illusionen den eigentlichen Boden der Volksbewegung überhüllten.

Es war zum ersten Male am 10. August 1792, daß die täuschenden Eindrücke wie Schleier und Binden vor ihm niederfielen.

Einige Tage darauf wurde die königliche Familie in den Tempel gebracht.

Karl befand sich auf den Boulevards, über welche sich durch eine furchtbar dicht gedrängte Menschenmenge der Zug bewegte. Die Köpfe und die Bajonette hinderten ihn, die unglücklichen Schlachtopfer der Volkswuth zu erblicken; er hörte nur das Hohngezisch, die Verwünschungen, den wüsten Lärm, womit der Pöbel sie aufnahm. Der Zorn kochte auf in seiner Brust. Er fühlte, er werde nicht mächtig sein, ihn bis zu Ende niederzukämpfen, und darum suchte er sich Bahn zu brechen, um aus dem Gedränge hinauszukommen. Erst nach großer Anstrengung gelang es ihm. Als er sich allein in einer von Menschen verlassenen Straße sah, deren öde Stille aufs schärfste mit den lärmerfüllten Boulevards contrastirte, von wo her, immer ferner verhallend, der Trommelschlag der Nationalgardecolonnen, das Brausen der Volksmassen herüberscholl, fühlte er eine unendliche Muth- und Hoffnungslosigkeit über sich kommen. Es lag etwas ihm selbst Fremdartiges, etwas, was er früher nie in sich erlebt, in dieser Stimmung. Die stille Straße, in welcher er sich befand, schien ihm die Wirklichkeit verloren zu haben, es war ihm, als ob er in die Welt, die ihn umgab, wie in etwas Wesenloses, ein Traumphantom, ein Panoramabild blicke. Die hohen, grüngrauen Häuser mit den viereckig gezerrten Fensteraugen hatten etwas Spukhaftes; einzelne Menschen, welche sich mit gespannten Zügen scheu an den Mauern herschlichen, wie um der Beobachtung jedes fremden Auges zu entgehen, waren wie vorüberhuschende Traumgestalten. Alle seine Empfindungen hatten sich so in ein Gefühl concentrirt und in seine innerste Seele zusammengezogen, daß die umgebende Welt, in welche sie sonst sich belebend ergossen, plötzlich für ihn abgestorben war.

In solchen Augenblicken fühlt man es, daß der Mensch nicht bestimmt ist, sich einmal völlig aufzulösen und in das All zu zerfließen, sondern, daß er dem Irdischen so fremd ist, wie ursprünglich seine Seele dem Körper. Der Schmerz läßt uns einen halben Tod sterben. Die Seele zieht sich bereits aus der Welt zurück; sie bleibt nur noch im Körper.

Karl beschloß aus Paris abzureisen und sich aus einer Welt, deren Erscheinungen sein Herz mit Verzweiflung erfüllten, in den stillen Frieden seiner Heimat zu flüchten. Gleich morgen wollte er fort. Aber als es morgen geworden, verschob er die Abreise und so mehre Tage hindurch immer auf's neue. Es war, als hielte ihn ein inneres Widerstreben zurück, die letzte Hoffnung fahren zu lassen, oder eine Ahnung, daß er noch ein versöhnendes Ereigniß, eine Rückkehr zu Maß und Menschlichkeit, zu Vernunft und Selbstüberwindung in diesem Volke erleben werde, auf welches er seine Hoffnungen für die Zukunft des menschlichen Geschlechts gebaut hatte. So schwand ein Tag nach dem andern. Das Ende des August nahte. Karl war noch immer in Paris, beobachtend, die Sitzungen der Nationalversammlung besuchend, in den Journalen den Höhemesser der öffentlichen Stimmung, die Vorboten ersehnter Aenderung in dieser Stimmung suchend.

Als Karl eines Tages durch die Straßen schlenderte und in die Rue Valois gekommen war, trat vor ihm rasch ein junger Mann aus einer der Passagen, welche von der Galerie des Palais royal in die genannte Straße führen. Der Fremde blieb vor ihm stehen und lüftete mit einem auffallend freundlichen Blicke den Hut. Karl erinnerte sich, daß er ihn bereits einige Male auf seinen Wegen vor sich auftauchen gesehen. Aber er war nicht gerade geneigt, sich noch in eine neue Bekanntschaft einzulassen, und so wollte er vorübergehen. Der junge Mann jedoch, eine zarte und aristokratische Gestalt, mit sehr hübschen Zügen, legte die Hand auf seinen Arm, um ihn zurückzuhalten, und fragte lächelnd und bedeutungsvoll:

Haben Sie ihn gefunden?

Ihn gefunden? Wen?

Nun, Den, welchen Sie suchen. Suchen Sie nicht Jemand in Paris?

In der That! versetzte Karl überrascht.

Ich will Sie auf seine Spur führen.

Wer sind Sie?

Erlauben Sie mir, daß ich Sie heute Abend zu den Cordeliers führe, versetzte der Fremde ausweichend. Wo darf ich Sie abholen?

Karl zog sein Taschenbuch hervor und wollte eine Karte herausnehmen, auf welcher seine Wohnung verzeichnet war. Aber der junge Mann verhinderte ihn daran. So viel Vertrauen verlang ich nicht, sagte er. Geben Sie mir ein Rendezvous in irgend einem Café.

Nun wohl, im Café d'Hannovre.

Gut – um acht Uhr!

Sie trennten sich. Der Fremde verschwand in einem der nächsten Thorwege. Karl verfolgte seinen Weg, vergebens den Schlüssel zu der räthselhaften, ans Wunderbare streifenden Bekanntschaft des jungen Mannes mit seinen Absichten suchend. Als er sich dem Platz des Palais royal näherte, scholl ihm ein wüstes Gebrülle entgegen. Es war jenes Blutlied:

Ah, ça ira, ça ira, ça ira –
Les aristocrates à la lanterne!
Ah, ça ira, ça ira, ça ira –
Les aristocrates on les pendra!
Que faut-il au républicain?
Du coeur pour le danger,
Du fer pour l'étranger,
Et du pain pour les frères!
Vive le son du canon!

Ueber den Platz marschirte eben eine Abtheilung Artillerie der Nationalgarde in der Richtung nach dem Bastilleplatze zu. Eine wüste Horde Sansculotten, mit Piken bewaffnet, umgab die Geschütze und rasselnden Munitionskarren. Auf der ersten Kanone saß rittlings ein junges Weib, eine der auffallendsten Gestalten, welche noch vor Karl in dieser an scheußlichen Erscheinungen aller Art so reichen Stadt aufgetaucht waren. Sie sah aus wie der personificirte Genius der Revolution. Sie trug ein Amazonengewand von blutrother Farbe, einen Männerhut mit wehendem Federbusch, einen Säbel und zwei Pistolen im Gürtel. Ihr blasses Gesicht war nicht ohne Schönheit, es hatte ursprünglich auffallend edle und regelmäßige Züge, die Locken glänzten von einem prachtvollen Kastanienbraun. Aber diese Locken flatterten so wirr wie die einer Mänade, die Augen mit dem unstäten Zucken der Blicke hatten etwas von einer thierischen Wildheit an sich, und die Geberden, mit welchen sie den Gesang der Carmagnole, den sie mit dem wüsten Haufen abbrüllte, begleitete, zeigten etwas so Cynisches, daß Karl sich angewidert abwandte.

Karl hatte wenig Bekannte gemacht, so lange er in Paris war. Die Menschen waren alle durch die Revolution unzugänglich geworden, ausschließlich mit ihren Plänen und Aufgaben beschäftigt, und die Gesellschaft hatte sich atomistisch zersetzt. Jeder schien isolirt für sich zu leben. Die Revolutionen machen egoistisch, denn die Furcht und der Ehrgeiz sind es. Die Fürstin K. hatte Karl nicht gefunden. Sie war ohne Zweifel längst abgereist. Paris war kein Aufenthalt für unbeschützte Frauen. Ein paar Familien, an welche er empfohlen worden war, hatten sich geflüchtet. So suchte er einsam seine Wohnung auf, welche am Ende der Rue Saint Honoré, nach den Champs Elysées hin, lag, und blieb dort, bis der Abend nahte. Um acht Uhr betrat er das Café d'Hannovre. Die Räume waren spärlich besetzt. Eine fieberhafte Unruhe trieb die Menschen umher; sie unterhielten sich, heftig gesticulirend, in Gruppen auf den Straßen, oder strömten in die Clubs.

Karl nahm an einem der Tische Platz und ließ sich Eis reichen. Der Aufwärter legte das neueste fliegende Blatt aus der Feder Camille Desmoulins', welches soeben ausgerufen worden war, daneben. Karl stieß es mit Unwillen von sich. Unter Allem, was die Mauerecken bedeckte oder von Colporteurs für einen Sou ausgeboten wurde, waren ihm die Diatriben jenes Schriftstellers die widrigsten. Unter den lügenhaften und blutdürstigen Phrasen, welche den einzigen Inhalt der Pariser Presse bildeten und sich in Marat's aus Kellerhöhlen geschleuderten Libellen, dem Ami du peuple, bis zur höchsten Raserei steigerten, schien ihm nichts so empörend, wie der kalte Spott, die frivole Spaßmacherei, die bei Camille Desmoulins mit dem politischen Fanatismus Hand in Hand ging und etwas unaussprechlich Widriges hatte.

Dem Kellner war die unwillige Bewegung, womit Karl den Geisteserguß des großen Demagogen von sich gestoßen, nicht entgangen. Er flüsterte mit den andern Aufwärtern; einer von ihnen, ein junger Bursche mit krausem dunkeln Haar und einem schielenden Blicke, trat vor ihn hin und fragte mit einem insolenten Tone:

Verachten Sie die Wahrheiten dieses großen Volksfreundes?

L'Etange! Laissez donc! rief ihm beschwichtigend einer seiner Collegen zu.

Aber L'Etange glaubte sich berechtigt, im Namen seiner guten Gesinnung unverschämt sein zu dürfen.

Karl warf einen kalten verächtlichen Blick auf den Burschen und wendete ihm den Rücken, als der junge Mann, den er erwartete, eintrat.

Gut, daß Sie kommen, rief Karl ihm entgegen; ich war eben im Begriff, eine Lection im Civismus zu erhalten.

Sie verließen das Café. Es ist wunderbar, fuhr Karl fort, als sie draußen waren, wie viel Roheit und thierische Neigungen solch eine Revolution entfesselt! Wenn man Tage erlebt, wie sie jetzt über Paris heraufgezogen sind –

Sie stocken – sagte der Fremde – Sie mistrauen mir. Seien Sie ohne Besorgniß. Ich bin – und er neigte lächelnd sein Gesicht an Karl's Ohr, um leise zu flüstern: Ein Aristokrat!

Ich vertraue Ihnen – wie würde ich Ihnen sonst folgen?

Und was meinen Namen angeht: ich heiße La Roche, cidevant Marquis und jetzt Citoyen.

Sie heißen La Roche, doch nicht Polydore de la Roche?

Allerdings!

So begrüße ich in Ihnen einen Freund meiner Familie.

Sie sind sehr gütig, mich so zu nennen. Ich war vor längerer Zeit in Deutschland, auf einer Reise zum Cardinal Montmorency, meinem Großoheim, der sich eine Zuflucht in Westfalen gesucht hat. Auf dieser Reise habe ich die Gastfreundschaft Ihres Hauses in Anspruch genommen, und habe dort sehr lange lästig fallen müssen, da mich ein oft zurückkehrendes Wechselfieber, an welchem ich damals litt, an der Weiterreise durch Ihr etwas unwegsames Vaterland hinderte. Aber statt der schlechten Wege hat es desto mehr Gastlichkeit und Wohlwollen für den Fremden!

Karl hatte seitdem durch Briefe seiner Eltern die näheren Umstände vom Aufenthalte des Marquis in Schwalborn erfahren. Das Gerücht, welches die müßigen Köpfe der Landbewohner stets mehr als andere Menschenkinder beschäftigt, hatte die Anwesenheit des jungen Franzosen als eine Bewerbung um die Schwester Karl's gedeutet. Auch Cölestine hatte diesem Gerücht Glauben beigemessen und, wie wir sahen, ihrem Geliebten als wahre Thatsache mitgetheilt. Und doch war es völlig unbegründet gewesen. Marianne war während des Aufenthalts des Marquis nicht einmal in Schwalborn anwesend; sie war erst einige Zeit später heimgekehrt. – –

Vollenden Sie, nahm der Marquis das Gespräch wieder auf.

Es drängt sich uns, fuhr Karl fort, nach und nach eine Ueberzeugung auf, die die ganze Menschheit in ihrem Drange nach politischen Umwälzungen auf einem Irrwege zeigt. Das Leben der Gesellschaft fühlt sich krank. Um sich zu heilen, sucht es andere Formen. Ist das nicht dasselbe, als wenn ein Kranker einen andern Rock anzöge, statt eine innerliche Cur zu versuchen?

Das ist freilich ungefähr dasselbe.

Das innere Leben der Gesellschaft übt seine Functionen in den Sitten. Diese bilden den eigentlichen Gehalt. Die politischen Formen bilden nur die Einkleidung des Lebens. Nun sehen wir heute alle Ideen, alle Thätigkeiten mit einer Art Fanatismus auf diese Einkleidung sich stürzen. Das ist, wie der Hervorbruch von Roheit, Blutdurst und Unverstand in unsern Tagen zeigt, ein grenzenloser Irrthum. Man hätte die Bildung des Volksgeistes, die Hebung der moralisch verwahrlosten Classen zu humanen und christlichen Ideen mit demselben Eifer ins Auge fassen sollen und die politischen Formen würden sich dann ohne Mord, Blut und Aufruhr von selber harmonisch um den gesundeten Staatskörper gelegt haben. Jedenfalls scheint mir das Volk gute Dorfschullehrer und Pfarrer nöthiger zu haben, als der Staat die politischen Metaphysiker und großen Redner in der Nationalversammlung!

Sie waren am Ziele ihrer Wanderung. Das dunkle Klostergebäude der Cordeliers lag vor ihnen; es war in der Nähe der Reitbahn, in welcher die Nationalversammlung ihre Sitzungen hielt. Die alten Mauern und Räume des Gebäudes boten einen unendlich traurigen Anblick dar. Schmutz und Verwüstung herrschten darin, umher lagen zerschlagene Bilder und verstümmelte Glieder steinerner Statuen, obscöne Zeichnungen und Inschriften waren mit Kohle auf den zerfallenden Kalküberzug der Mauern gemalt; durchbrochene oder ausgehobene Thüren ließen zur Rechten und Linken der Corridore in öde, ausgeraubte, mit Schutt oder nutzlosem alten Geräth gefüllte Gemächer und Kammern blicken. Den traurigsten Anblick bot die alte, am Ende des 16. Jahrhunderts in schwerfälligem, unreinem gothischen Styl gebaute Kirche dar. Aus dem Gotteshaus hatte der Cultus der »Freiheit« ein vollständiges Bethaus des Teufels gemacht. Was an die christliche Bestimmung des Gebäudes erinnerte, war zerschlagen und vertilgt. Durch die zertrümmerten Scheiben der hohen Spitzbogenfenster und Rosetten zog der Abendwind. An der Stelle des Altars erhob sich die Rednerbühne, ein freies Gerüst ohne Verkleidung und Rand, darüber der Sitz des Präsidenten, auf dessen Bureau rothe Mützen lagen, von denen jeder Redner eine nahm, um sie sich aufzusetzen, bevor er die Versammlung anredete. Hinter dem Präsidenten stand, ebenfalls mit der rothen Mütze auf dem Kopf, die Statue der Freiheit, neben ihr, an den Wänden aufgehangen, erblickte man Ketten, eiserne Zangen und rostige Instrumente von seltsamer Form. Karl fragte seinen Begleiter nach der Bedeutung dieser Wandverzierung.

Es sind alte Folterinstrumente, die man zur Belebung des Civismus im Tempel desselben aufgehangen hat, versetzte La Roche.

Die Kirche war von der Zuhörerschaft nicht ganz erfüllt. Karl und der Marquis näherten sich der Rednerbühne so weit, um den Demosthenes dieser wüsten Agora verstehen zu können. Es war ein untersetzter Kerl mit struppigem Haar und indigoblauen Fäusten, welche seinen Beruf, die Dinge in ihrer rechten Farbe darzustellen, hinlänglich beurkundeten. Als der Bürger Kain – so lauteten die ersten Worte, welche das Ohr Karl's auffing – den abscheulichen Aristokraten Abel erschlug, da erhob sich zum ersten Mal der unterdrückte Mann des Volkes wider die Tyrannei des Glückes, wider das Privilegium der Kaste, welche die Gaben Gottes allein an sich reißen möchte: es war die erste Revolution des Armen wider den Reichen. Die Schranzen der Könige, die Pfaffen des Egoismus, die Fanatiker der Unterdrückung haben die That des hochherzigen Kain mit Schmach bedecken wollen. Sie haben die Lüge erfunden, es habe die Hand Gottes ihm einen sichtbaren Stempel der Verwerfung auf die Stirn gedrückt, und er sei flüchtig auf Erden umhergeirrt.

O über diese Infamen! Zu allen Zeiten sind sie darauf ausgegangen, den Armen und Unterdrückten, der sich zu erheben wagte wider seine Tyrannen, den Gefangenen, der seinen Kerkermeister niederschlug, den Sklaven, der seinen Peiniger, den Leibeigenen, der seinen Vogt erdrosselte, zum Mörder und Verbrecher zu stempeln! Zum Mörder, – ja nennt ihn nur Mörder, häuft nur alle die Schmach, all das bodenlos Verruchte, das Scheußliche, das für Euch in diesem Worte liegt, auf ihn! In unsern Augen, die an den hellen Lichtschein gewöhnt sind, welchen die entzündete Fackel der Vernunft um uns verbreitete, werdet Ihr dadurch seinem Heroismus nicht Eintrag thun! Was ist der Mord? Ist er ein Verbrechen? Jede große That der Geschichte – vom Morde Cäsar's bis auf den Mord der Schweizergarden, die wir selber erwürgt haben, erhebt sich dawider mit lautem Rufe. Die Natur mordet Generation auf Generation, die Natur hat in die Brust des Menschen den Instinct des Mordes nicht umsonst gepflanzt. Tausende von Jahren hindurch hat die Geschichte gezeigt, daß das Menschengeschlecht nicht bestehen kann ohne große Perioden des Mordens und Blutvergießens. Die Zersetzung vergossenen Blutes ist der Atmosphäre nöthig, um sich erneuen, erfrischen, um in ihrem ewigen Verjüngungsproceß bleiben zu können –

Ist denn Niemand, der diese Bestie niederschlägt? rief Karl entrüstet aus.

Hat er Sie so rasch zu seiner Theorie bekehrt? sagte der Marquis spöttisch. Aber was haben Sie gethan? Sie haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen – man wird uns im nächsten Augenblicke die Fäuste des souverainen Volks fühlen lassen.

Zum Glück erhob der Redner in diesem Augenblicke seine Stimme zu einer donnernden Apostrophe an die »Göttin der Freiheit und die Göttin des Mordes«, welche er als ein einziges Numen verehrt wissen wollte, wie Minerva die Göttin der Wissenschaft und des Krieges sei. Die Umstehenden wandten sich von unsern Freunden ab und dem Redner wieder zu, und der Marquis zog Karl aus der Mitte der Anwesenden in einen weniger belebten Theil der Kirche.

Glauben Sie, daß Der, den, wie Sie voraussetzten, ich in Paris suche, hier heute reden wird? fragte Karl seinen Begleiter.

Er läßt wenige Abende vorübergehen, versetzte dieser – aber meine Blicke suchen ihn heute umsonst.

Ah – sehen Sie nach dem Eingang – dort ist er!

In der That – sagte der Marquis.

Die beiden jungen Männer näherten sich rasch dem Eingange. Von dorther ihnen entgegen kamen ein Mann und eine Frau, die an des erstern Arme hing.

Der Mann war Lambert.

Karl trat vor und stellte sich ihm in den Weg.

Ich habe Sie lange gesucht, Lambert! sagte er. Sie werden sich denken können, weßhalb! Hier haben Sie meine Karte. Lassen Sie mich durch einen Freund Ort, Stunde und die Art der Waffe wissen, mit welcher ich Ihr Verbrechen strafen kann!

Sie hier?! – Sie noch einmal auf meinem Wege?! sagte sichtlich erschrocken Lambert.

Ja – auf Ihrem Wege und entschlossen, diesem Wege der Schmach ein Ziel zu stecken.

Karl hatte diese Worte mit unterdrücktem Zorn in deutscher Sprache zu Lambert gesprochen. Zu seiner größten Ueberraschung fiel ihm das Weib, welches am Arme Lambert's hing, ins Wort, indem sie, ebenfalls in deutscher Sprache, sagte:

Was will dieser Aristokrat? Diese infamen Complotisten! Ihr wollt unter dem Vorwande eines Ehrenhandels einen hochherzigen Jacobiner aus dem Wege räumen!

Karl sah überrascht die Sprechende an – er erkannte die Megäre, welche ihm an demselben Tage begegnet war, wie sie, mit einer rothen Mütze geschmückt, auf dem Rohre eines Geschützes gethront hatte.

Laß uns, Lambertine, sagte Lambert zornig, dies ist eine Angelegenheit zwischen diesem Bürger und mir!

Dich den Krallen des Wolfes lassen, Lämmchen?! sagte das junge Weib höhnisch lachend – ja, wart', ich will dich lassen –

Sie eilte fort nach der Gegend des Präsidentenstuhls und der Rednerbühne hin.

Theroigne wird Sie verhaften lassen – es ist um Ihr Leben geschehen! sagte jetzt Lambert rasch – Fliehen Sie, um Gottes willen.

Das war Theroigne de Mericourt? Dann fort – oder es kann uns den Kopf kosten! flüsterte La Roche.

Der Marquis faßte Karl unter den Arm und zog ihn trotz seines Widerstandes mit sich fort – zur Kirche hinaus, durch die Klostergänge, auf die Straße und in die erste beste Nebengasse hinein.

Wohin jetzt? sagte er, dort stehen bleibend. In Ihre Wohnung dürfen Sie nicht wieder. Sie haben Ihre Karte in den Händen Lambert's gelassen. Welches Unglück, daß wir dieser Megäre, dieser Theroigne de Mericourt begegnen mußten! Dies scheußliche Weib ist allmächtig in den Sectionen: es kostet ihr ein Wort, um Sie als Aristokraten in den Kerker werfen oder erwürgen zu lassen. Sie scheint ein Verhältniß zu Ihrem Feinde zu haben, diese Wölfin!

Wer konnte ahnen, daß sie deutsch versteht? sagte Karl.

Sie ist aus Deutschland, aus der Gegend von Lüttich, glaub' ich, versetzte der Marquis. Aber kommen Sie – ich will Sie an einen Zufluchtsort bringen. Er sollte Ihnen eigentlich erst später bekannt werden. Jetzt aber bleibt nichts übrig, als ihn heute schon vor Ihnen aufzuschließen.

In diesem Augenblicke hörten sie in der Ferne hastig nahende Schritte.

Fort, fort! flüsterte der Marquis – man verfolgt uns. Nachdem sie, an die Mauern sich drückend, eilig einige Schritte gemacht hatten, fanden sie die Thüre eines Hauses offen stehend. Sie warfen sich hinein und drückten geräuschlos den aufstehenden Thürflügel so weit zu, daß nur eine schmale Oeffnung ihnen erlaubte, die Straße zu überschauen. Wenige Minuten darauf kam, im Dämmerlicht der Sommernacht eben noch erkennbar, Theroigne de Mericourt an ihnen vorübergeschritten. Sie hatte einen Säbel umgeschnallt; ein Haufe Sansculotten mit Piken und rothen Mützen folgten ihr. Als sie vorüber und ihre Schritte verhallt waren, wagten sich die beiden Flüchtlinge wieder hervor. Sie schlugen den Weg in entgegengesetzter Richtung ein, den ihre Verfolger gegangen. Der Marquis führte Karl jetzt durch eine Menge Straßen, über die Seine, tief in den Faubourg St. Germain hinein.

*

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