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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 9
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
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9.

Der neue Kompagnon.

Nun war Erna Sontheimer allein!

Der Vater des Mordes angeklagt! Die Schmach, die darin lag, bereitete ihr größere Schmerzen als jede körperliche Qual. Der Vater, den sie geliebt und verehrt hatte als ein unerreichbares Ideal, des Mordes beschuldigt!

Daß die Welt bestehen blieb! Daß nicht alle Menschen aufschrien! Das war ihr unfaßbar. Sie glaubte, alle die vielen Freunde, die ihn stets umdrängt hatten, müßten jetzt zu ihr kommen, um ihr beizustehen, um zu sagen, daß sie selbst darunter litten.

Sie wußte ja nicht, daß die Freunde den Ratten gleichen, die das Schiff verlassen, das zu sinken droht. Sie hatte die Heuchelei der Welt noch nicht kennen gelernt.

Der glattrasierte Diener ihres Vaters war eingetreten und fragte nach ihren Wünschen.

»Hat jemand nach mir gefragt, Emil?«

»Nein!«

»So war also kein Mensch hier?

»Niemand!«

»Aber seine vielen Freunde?«

Der Diener zuckte die Schultern.

»Ist sonst nichts vorgefallen?«

»Kommissar Fraundorfer ist nochmals hier gewesen und hat die ganze Wohnung durchsucht.«

»Und nichts gefunden?«

»Doch! In der Ofenröhre im Schlafzimmer des gnädigen Herrn wurden die Kleider eines Dienstmannes gefunden.«

»Wie sollten diese dahingekommen sein?«

»Das kann ich nicht angeben!«

»Wissen Sie, was mit diesen Kleidern geschehen sein soll?«

»Ich habe nur davon reden hören und weiß nicht, ob ich das erzählen darf!«

»Ich will alles hören.«

Dabei fühlte Erna doch, wie ein beklemmendes Angstgefühl auf ihr lastete.

»Ein Dienstmann mit der Nummer 849 soll den Koffer mit der Leiche zur Gepäckbewahrstelle gebracht haben.«

»Und – und – welche Nummer –«

Sie hatte den Satz nicht vollenden können; die Worte erstickten ihr und kamen nur wie ein Windhauch über ihre Lippen; aber ihr Blick verriet, was sie fragen wollte.

»Die Nummer 849.«

»Lüge! Lüge! Das kann nicht sein!«

»Die Nummer habe ich selbst gesehen! Das andere hat der Kommissar erzählt.

Über dieses andere konnte Erna nachsinnen.

In des Vaters Schlafzimmer hatte der Kommissar die Kleider gefunden, die der getragen hatte, der der Mörder sein mußte.

Aber dann müßte ihr Vater den Mord verübt haben! Und das war nicht möglich!

Was dann?

Diese Frage lag wie eine drückende Last auf ihr, die sie nicht abwälzen konnte.

Nun aber stand ihr das eine klar vor den Augen, weshalb niemand den Weg zu ihr gefunden hatte, weshalb ihr niemand Trost brachte. Sie wußte, daß sie ganz allein war, daß sie keinen Freund und keine Freundin hatte.

Sie dachte dabei an Gebhart, den sie um Hilfe für die Schuldlosigkeit des Vaters ersucht hatte! Vielleicht glaubte auch dieser nicht daran?

Während sie sich vorher nach Menschen gesehnt hatte, zu denen sie von ihrem Leid hätte sprechen können, empfand sie es jetzt als eine Qual, als Esdeale unangemeldet bei ihr erschien.

Er war der Geschäftsteilhaber ihres Vaters; sie konnte ihn deshalb nicht abweisen.

»Gnädiges Fräulein, Sie wissen sicherlich schon davon?« fragte dieser, während seine Augen mit stechendem Blick auf Erna Sontheimer ruhten.

»Allerdings, wenn Sie an die Verhaftung meines Vaters denken.«

»So ist es! Sie werden deshalb auch darüber im klaren sein, weshalb ich Sie aufsuche?«

In Erna lebte die schwache Hoffnung, er würde sein Vertrauen auf den Vaters' Schuldlosigkeit aussprechen; sie war aber sehr erstaunt, als er fortfuhr: »Nach diesem bedauerlichen Ereignis muß ich vor allem die Makellosigkeit der Firma wahren. Nur darauf muß ich Rücksicht nehmen. Und deshalb möchte ich Sie hiermit ersuchen, den Vater zu bestimmen, diesen Vertrag zu unterzeichnen. Er tritt aus dem Geschäft aus, während ich die alleinige Leitung übernehme. Das Geschäft steht zurzeit in sehr großen Verlusten. Ich will aber nicht als Erpresser dieser mißlichen Lage gelten und den treffenden Teilbetrag zur Tragung der fälligen Schulden fordern, sondern werde die Firma allein mit Aktiven und Passiven übernehmen.«

»Das könnten Sie doch am besten selbst mit ihm erledigen,« warf Erna Sontheimer ziemlich enttäuscht dazwischen, denn sie hatte anderes erwartet.

»Das geht nicht! Man würde mir den Vorwurf machen, ich hätte den unglücklichen Mann dazu gepreßt und, was das Schlimmste wäre, man könnte Ihren Vater beschuldigen, er habe zurücktreten müssen. In diesem Falle aber ist sein Austreten ein freiwilliges. Sie werden das verstehen?«

Und Erna glaubte daran.

»Lassen Sie den Vertrag hier! Ich werde Ihren Wunsch erfüllen.«

Dann entfernte sich Frank Esdeale; und er hatte dabei nicht ein Trosteswort gefunden. Nicht mit einem Worte hatte er zu erkennen gegeben, daß er an die Schuld ihres Vaters nicht glauben könnte. Sein Benehmen ließ viel eher das Gegenteil vermuten.

So war sie also ganz verlassen!

Sollte sie dabei nicht verzweifeln?

Aber ihr Gottvertrauen war zu groß! Nein, sie mußte ausharren, durch Nacht zum Licht, einmal mußte die Wahrheit siegen.

Aber auch der Peiniger Esdeales war nicht müßig. Als dieser in seinem Privatkontor war, trat sofort Rudi Tornay ein. Heuchlerisch wie eine Schlange war er herangekommen und seine Stimme klang süßlich und doch lauernd.

»Es gehen ja alle Wünsche in beste Erfüllung.«

»Ach, Sie sind es, Tornay! Was wünschen Sie?«

»O, nicht viel, verehrter Herr Chef. Nur eine kleine Frage möchte ich mir erlauben! Sonst nichts

»Was soll es sein?«

»Wie lange soll der Name Sontheimer noch in der Firma stehen?«

»Ich denke immer!«

»So? Dann war es nicht notwendig, die Dinge auszuklügeln. Sie wissen doch, woran ich dabei denke! Man spricht nicht gern davon, wenn andere gestrauchelt sind. Über das Strafgesetzbuch gestrauchelt.«

»Ich weiß nicht, was Sie damit meinen. Sie reden mit mir oft in einer Art, die ich nicht dulden kann. Sie sind nicht auf Lebenszeit zum ersten Buchhalter ernannt worden.«

»Das ist auch meine Ansicht! Es soll Leute geben, die vom ersten Buchhalter bis zum Teilhaber avancieren.«

»Möglich! Sie denken doch nicht daran?«

Die Augen Tornays hatten ein schillerndes, grünliches Leuchten.

»Ich denke an so mancherlei. Hans Sontheimer ist im Gefängnis. Aus irgendeiner Veranlassung wurde er verhaftet, die Sie weiter nicht bekümmern kann. Nicht wahr! Er wird nun aber freiwillig sehr bald aus der Firma austreten, damit diese nicht Schaden leidet. Es ist dies eine verteufelt schlaue Kalkulation! Gerade jetzt. Aber ich denke; die Firma müßte doch immer zwei Teilhaber tragen, und Esdeale & Tornay wäre auch nicht übel!«

Esdeale hatte ihn nicht unterbrochen; erst da Tornay schwieg, antwortete er scheinbar ruhig:

»Sie reden so viel! Fassen Sie sich doch kürzer und deutlicher.«

»Ich meinte nur, wenn es ein unglückseliger Zufall so fügte, könnte auch der Teilhaber Esdeale in das Gefängnis ziehen müssen. Dann hätte die Firma gar keinen Namen.«

»Ganz deutlich gesagt: Sie wollen mich erpressen,« erklärte Esdeale darauf.

»Sie können es so nennen!«

»Was fordern Sie?«

»Ich werde Ihr Teilhaber bei gleichem Gewinnanteil, wenn Sontheimer ausgetreten ist.«

»Welche Garantie geben Sie mir dafür, daß Sie mich schließlich nicht auch noch hinausdrängen?«

»Ich weiß ein noch besseres Unternehmen als das Ihre!« erklärte Tornay.

»Dann könnte ich mir die Sache ja etwas überlegen,« war Esdeales Antwort. –

»Aber ich bin nicht für langes Warten.«

»Ich weiß es.«

»Ich kann ja einstweilen den Vertrag der neuen Gesellschaft Esdeale & Tornay entwerfen.«

»Meinetwegen!«

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