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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 8
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
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8.

Indizienbeweise.

»Im Auftrage des Staatsanwalts muß ich Ihre Verhaftung vornehmen.«

Im Herrenzimmer stand Hans Sontheimer vor seinem Schreibtisch.

Ihm gegenüber stand der Kommissar Fraundorfer mit zwei Kriminalbeamten.

»Ich werde gehorchen. Ich hätte dies auch getan, wenn kein so großes Aufgebot an Vollzugstruppen gemacht worden wäre,« erklärte Sontheimer mit fester Stimme und mit versteckter Ironie. »Ich darf wohl hoffen, daß Sie mich nicht gerade in Ketten fortschaffen werden.«

Kommissar Fraundorfer war von kleiner Gestalt, dickem, rotem Gesicht und nur sehr wenigen Barthaaren, die widerspenstig nach allen Seiten starrten.

»Vor dem Hause wartet eine Droschke, die Sie nach dem Untersuchungsgefängnis bringen wird. Vorher aber habe ich Ihnen noch mitzuteilen, daß dieser Haftbefehl nicht vollzogen werden wird, wenn Sie eine Erklärung darüber abgeben, wo Sie zur Zeit der Ausübung der Mordtat gewesen waren.«

Sontheimer verlor nichts an seiner Ruhe.

»Ich wurde in dieser Angelegenheit schon einmal befragt und muß jetzt die gleiche Antwort geben. Ich kann es nicht sagen

»Sie verweigern also die Aussage darüber nach wie vor?«

»Ja!«

»Dann ersuche ich Sie, mir zu folgen.«

»Darf ich vorher noch mein Kind sprechen?«

Einen Augenblick zögerte der Kommissar; dann erklärte er:

»Ich darf es nicht erlauben.«

Die Augenbrauen Sontheimers schoben sich zusammen, als er dann sagte:

»Wie Sie bestimmen!«

Dann schritt er fest und ohne Wanken hinter dem Kommissar her. Als ihn der Wagen über das holperige Pflaster nach dem Gefängnis führte, da dachte er an seine Erna, die in ihrem Zimmer war und nichts ahnte, was inzwischen vorgefallen war.

Wie würde diese die Schreckensbotschaft aufnehmen, wenn ihr diese zugetragen wurde; er glaubte in seinem Sinnen den Schrei ihrer Angst zu vernehmen.

In dem Untersuchungsgefängnis wurde er sofort in das Verhörzimmer gebracht.

Ein kahler, düsterer Raum, der durch die eisenvergitterten Fenster noch unheimlicher wirkte; ein Tisch und ein Stuhl standen darin und waren am Boden festgeschraubt.

Vor dem Zimmer ging im Flur ein Gefängniswärter auf und nieder und das stete, leise Klirren der Schlüssel ließ keinen Augenblick vergessen, an welchem Orte man sich befand.

Staatsanwalt Wadricza und sein Schreiber waren im Verhörzimmer anwesend.

»Sie sind Hans Sontheimer?«

»Ja!«

»Sie wissen, welcher Tat Sie beschuldigt werden?«

»Ja!«

»Was haben Sie darauf zu antworten?«

»Nichts.«

»Gestehen Sie!«

»Ich weiß nicht, was ich gestehen könnte.«

Da rief der Schreiber auf einen Wink des Staatsanwaltes den Zeugen Diring, den Inhaber des bekannten Maskenverleihgeschäftes, herein. An diesen wandte sich der Staatsanwalt.

»Bei Ihnen wurde ein Dienstmannkostüm, das die Nummer 849 aufwies, zu leihen genommen und nicht mehr zurückgebracht. Wie sah der Mann aus?«

»Genau weiß ich das nicht mehr!« war die Antwort. »Ich erinnere mich nur, daß er weiße Haare hatte und einen Vollbart, der bis auf die Brust reichte.«

»Sehen Sie den Verhafteten an! Erkennen Sie in ihm den Mann wieder?«

»Haare und Bart stimmen! Auch die Größe.«

»Dann wird er es wohl sein!«

»Ich denke schon!«

Als nächster Zeuge wurde der Beamte der Gepäckaufbewahrstelle gerufen. Dieser bekundete nach entsprechender Frage:

»Genau so hat er ausgesehen! Bart und Haare stimmen.«

»Er ist es also?«

»Er wird es wohl sein!«

Die Zeugen durften sich dann wieder entfernen.

»Gestehen Sie jetzt zu, daß Sie in der Verkleidung als Dienstmann 849 den Koffer nach der Gepäckaufbewahrungsstation gebracht haben?«

»Ich war es nicht!«

»Waren Sie auch nicht in der einsamen Villa an der Glonn, als am 22. Juni gegen 10 Uhr dortselbst der Mord an Robert Willig begangen worden war?«

»Nein!«

»Wo waren Sie um diese Zeit?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Sie wollen also nicht?«

»Nein!«

Der Staatsanwalt begann sich über die Störrigkeit des Verhafteten zu erregen.

»Dann müssen Sie auch die Folgen davon tragen.«

»Ich habe mich nicht geweigert.«

»Sie allein also haben nur die Schlüssel zu der Villa?« fragte der Staatsanwalt weiter.

»Das glaubte ich bisher. Nach dem, was ich inzwischen gehört habe, scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein!«

»Sie wollen damit behaupten, es könnte ein anderer ebenfalls die Schlüssel gehabt haben und dieser andere müsse der Mörder sein.«

»So ist es auch!«

»Wir haben damit glücklicherweise den bekannten Unbekannten, der nie gelebt hat.«

Daraufhin schwieg Sontheimer.

»Und die Ähnlichkeit auf der Photographie?«

»Ist mir unbegreiflich.«

»Sie bleiben also bei Ihrem hartnäckigen Leugnen?«

»Dieser Ausdruck dürfte von Ihnen nicht gebraucht werden, denn es ist nicht bewiesen, daß ich die Unwahrheit sage.«

Ein solches Zurredestellen konnte aber Staatsanwalt Wadricza am wenigsten hören und wer dies tat, hatte bei ihm jede Gunst verscherzt.

»Sie brauchen mir wohl nicht zu sagen, wozu ich ein Recht habe. Sie sind des Mordes angeklagt und sind die Nummer 34 des Untersuchungsgefängnisses! Merken Sie sich das!«

Dann wurde der Zellenwärter gerufen, der Hans Sontheimer in die Zelle führte, in der er als Gefangener leben sollte.

Wie lange?

Wer das wissen konnte!

Ein schmaler, rechteckiger Raum mit hohen Wänden. An vielen feuchten Stellen, die schmutziggraue Färbung aufwiesen, wuchsen Schimmelpilze. Hoch oben war ein kleines, quadratisches Fenster, das mit dicken Eisenstäben vergittert war. Durch dieses herein stahl sich ein schmaler Streifen Sonnenlichts, der aber nur die gegenüberliegende Wand traf und nicht bis zu dem Unglücklichen herniedersteigen konnte, der jetzt auf seiner Holzpritsche saß und den Kopf auf beide Hände stützte.

So saß Hans Sontheimer und sann und sann!

Der Staatsanwalt war in sein Bureau zurückgekehrt, nachdem er vorher seinem Schreiber das Protokoll über die geführten Verhöre diktiert hatte; diese waren wohl genau den Tatsachen gemäß geführt, aber doch war aus allem deutlich herauszulesen, daß Hans Sontheimer nur der Mörder sein konnte, der sich durch Leugnen der von Zeugen bestätigten Tatsachen nur noch schwerer beschuldigte.

Der Staatsanwalt war auch überzeugt davon.

Nun mußte er nur noch den Erfolg der Haussuchung bei Sontheimer abwarten.

Dann konnte er schon die Anklage erheben.

Steinherz hatte den Staatsanwalt schon erwartet. Diesmal fühlte Wadricza etwas wie Befriedigung, als er des Detektivs ansichtig wurde; er hatte doch den Mörder entdeckt und verhaften lassen, ehe ihm dieser hatte zuvorkommen können. Er zeigte sich deshalb auch sehr freundlich, als er ihn in seinem Bureau zum Platznehmen aufforderte.

»Was führt Sie wieder zu mir?«

»Ich komme von der Wohnung Sontheimers. Sie haben ihn verhaften lassen!«

»Gewiß! Sie wundern sich wohl, daß wir Ihnen zuvorgekommen sind?«

»Mir zuvorgekommen?!« rief Steinherz erstaunt aus. »Ich habe nie an eine Täterschaft durch Hans Sontheimer geglaubt.«

»Um so stolzer bin ich auf den Erfolg. Die Beweiskette gegen ihn hat sich geschlossen. Kein Glied fehlt.«

»Aber er ist ganz gewiß schuldlos.«

»Dann verstehe ich Sie nicht!«

»Das scheint mir immer der Fall gewesen zu sein,« antwortete Steinherz.

»Sie waren doch kein schlechter Kriminalist,« erklärte der Staatsanwalt, ohne den letzten Worten des Detektivs Beachtung zu schenken. »Sie kennen alle Beweispunkte, die vorliegen; Sie selbst haben diese zum Teil beschafft.«

»Aber dennoch kann er schuldlos sein.«

Ein Achselzucken des Staatsanwalts verriet, daß er eine solche Annahme für unmöglich hielt.

»Wäre er der Mörder, so hätte er längst eine Ausflucht gefunden, wo er zur Zeit der Mordtat gewesen war.«

»Das beweist nichts!«

»Und der Hauptpunkt fehlt! Das Kostüm des falschen Dienstmanns ist noch nicht gefunden.«

»Das kann er verbrannt haben.«

»Die Schrift des Brieffragments hat mit der von Hans Sontheimer nicht die mindeste Ähnlichkeit.«

»Er hatte seine Schrift so verstellt.«

»Es liegt auch kein Beweggrund für eine solche grauenvolle Tat vor.«

»Weshalb durfte Robert Willig nicht der Verlobte seiner Tochter Erna werden? Sie scheinen das ganz vergessen zu haben! Hierin müssen wir das Motiv zum Morde suchen.«

»Auch das beweist nichts. Der Vater des Ermordeten hat das Gleiche erklärt.«

»Das alles sind Kleinigkeiten.«

»Für mich aber von großer Bedeutung.«

»Herr Steinherz, Ihr Benehmen ist derart, daß Sie sich fast der Beihilfe schuldig machen.«

Eine Antwort des Detektivs wurde dadurch abgeschnitten, daß die Tür plötzlich aufgerissen wurde.

Kommissar Fraundorfer kam in das Bureau hereingestürmt, fast atemlos vor Laufen. In der hocherhobenen Hand schwang er die Kleider eines Dienstmannes und die Mütze mit der Nummer 849.

»Hier! Nun habe ich das gefunden.«

»Die Kleider des Dienstmannes!«

Staatsanwalt Wadricza und Steinherz hatten es fast gleichzeitig ausgerufen; die beiden erkannten die entscheidende Bedeutung dieses Fundes.

Bestätigte dieser die Behauptung des Staatsanwaltes oder die des Detektivs Steinherz?

»Wo wurde es gefunden?«

Die Gesichter der beiden wiesen die gleiche erwartungsvolle Spannung, als Fraundorfer in überstürzender Hast stammelte:

»Sie waren in die Kaminröhre gestopft worden! Sie sollten dort offenbar nicht gefunden werden; aber dabei war das Rohr etwas auseinandergerissen worden, sodaß das Rot der Mütze herausleuchtete.«

»Wo! Wo!«

»In Sontheimers Schlafzimmer.«

Da triumphierte der Staatsanwalt siegessicher auf und rief Steinherz zu:

»Zweifeln Sie jetzt immer noch?«

Der Gefragte konnte nicht sofort antworten; er war für den Augenblick zu sehr verwirrt, denn eine solche Möglichkeit hatte er nie erwartet.

Da rief auch noch Kommissar Fraundorfer:

»Auf diesen Beweis hin wird sicherlich jedes Gericht die Todesstrafe aussprechen.«

Erst jetzt antwortete Steinherz mit beherrschter Ruhe:

»Überführt durch Indizien!«

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