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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 7
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
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7.

Erwachende Liebe.

Das waren schlechte Tage für Detektiv Steinherz. Unermüdlich war er tätig, emsig wie eine Biene hatte er alle scheinbar nebensächlichen Beweispunkte gesammelt, aber der große Verdacht, der sich daraus konstruieren ließ, befriedigte ihn nicht. Er mußte den Absender des Koffers mit der Leiche, den Schreiber des Brieffragments aus dem Ofen finden, mußte das Rätsel zu lösen wissen, das aus dem letzten Briefe des Ermordeten an seinen Vater herauszulesen war.

Der alte Willig hatte genau festgestellt, daß ihm diese Schrift vollständig unbekannt war.

Diese Aussage war für Steinherz bedeutungsvoll genug, einer neuen Fährte zu folgen.

In dieser Zeit saß Michael Gebhart immer allein im Bureau, um die geschäftliche Leitung zu versehen und an die übrigen Angestellten, die durch die vielen zugewiesenen Aufträge notwendig geworden waren, die zu erledigenden Aufgaben abzugeben. Wenn er dann aber allein über den Geschäftsbüchern saß, dann schweiften seine Gedanken oft von den toten Zahlen ab und suchten in der Erinnerung eine biegsame, zierliche Mädchengestalt mit braunen, sanften Augen und weißlich-blondem Haar.

An diese dachte er in seinen einsamen Stunden, Er war nun so alt geworden und niemals hatte sein Herz rascher geschlagen, nun war sein Blut schneller durch die Adern gerollt und nie waren seine Wangen so jäh gerötet, wenn er an ein Mädchen dachte. So war es nun!

Er liebte Erna Sontheimer!

Dabei aber mußte er verzagen, denn seiner Liebe blühte die Hoffnung nicht.

Sie hatte Robert Willig geliebt, der das Opfer einer feigen Mordtat geworden war.

Der alte Sontheimer hatte seine Zustimmung zu einer solchen Verlobung verweigert. Aber konnte dies etwas an Ernas Liebe zu dem nun Toten ändern? Und der Mörder?

Wenn Gebhart daran dachte und an den furchtbaren Verdacht, der wie ein drohendes Gespenst über dem Lockenkopfe der von ihm heimlich Geliebten schwebte, dann bedeckte er seine Augen mit der Hand, um zu vergessen, um nur an die Zahlen zu denken, die vor ihm durcheinander tanzten.

Zweimal hatte er sie nur gesehen! Zweimal! Aber wenn die Liebe zündet, dann entflammt ein Blick brennende Glut.

So war es in seinem Herzen!

Und dabei träumte er und ließ die Feuer brennen und sah zu, wie der Brand größer und gewaltiger wurde.

So versunken war er in sein Sinnen und Grübeln, daß er gar nicht gesehen und gehört hatte, wie die Tür geöffnet worden und jemand in sein Bureau getreten war.

»Herr Gebhart.«

Das schreckte ihn auf.

Er blickte empor und vor sich sah er die Gestalt, von der er eben noch geträumt hatte: er sah ihre Augen bittend auf sich gerichtet, er sah um ihre roten, blühenden Lippen den schmerzlichen Zug, er mußte erkennen, daß tiefe Schmerzen auf ihr lasteten. Ihr Gesicht war blaß, ihre Gestalt durchbebte ein Schauder der Angst und ihre Hände, die an einer Stuhllehne einen Halt suchten, zitterten.

Gebhart war aber verwirrt, daß er nicht sogleich wußte, was er fragen sollte.

Stand er einem Bilde seiner erregten Phantasie gegenüber? Oder war es eine greifbare Gestalt?

»Herr Gebhart, Sie müssen helfen,« flehte ihre weiche, zitternde Stimme.

Da war er aufgesprungen.

»Mein Fräulein! Was ist Ihnen zugestoßen? Sie sind so totenblaß! Setzen Sie sich doch.«

Willenlos wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, ließ sie sich von ihm nach einem Stuhle führen, in den sie sich setzte.

Dort schlug sie sofort beide Hände vor ihr Gesicht und brach in lautes Schluchzen aus.

Und vor ihr stand Michael Gebhart und konnte ihr nicht helfen. Am liebsten wäre er vor ihr auf die Knie gesunken und hätte diese schmalen, zierlichen Hände geküßt. Aber er durfte ja nicht.

»Was ist geschehen? Sprechen Sie doch! Sie dürfen gewiß sein, daß alles geschehen wird, um Ihnen zu helfen. Und wir werden auch helfen. Ganz gewiß! Wir werden alles tun.«

»Wir,« sagte sein Mund; in seinem Herzen aber dachte er nur an sich selbst. Er hätte ja jedes Opfer gebracht, wenn er sich damit ihre Liebe hätte erwerben können.

Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und ein Blick trostloser Hoffnungslosigkeit traf Michael Gebhart. Ihre Stimme sank zu einem kaum hörbaren Flüstern.

»Man hat mir den Vater genommen.«

»Den Vater?« Er dachte an das Schlimmste. »Ist er tot?«

»Verhaftet! Sie haben ihn geholt und fortgeführt. Ins Gefängnis!«

»Ins Gefängnis?« frug Gebhart, der nun verstand, um welch schreckliche Angelegenheit es sich hier handelte.

»Ja! Des Mordes wird er angeklagt! Des Mordes an Robert Willig!«

»An Robert Willig?«

Michael konnte kein tröstendes Wort finden. Was sie sagte, was nun geschehen, das hatte er längst befürchtet, das hatte er in Selbstqualen kommen sehen.

»Sie glauben doch auch, daß mein Vater schuldlos ist, daß er nie und nimmer eines solch schändlichen Verbrechens fähig wäre?«

Immer noch schwieg Gebhart.

Hätte er die Wahrheit sagen sollen? Hätte er von der Photographie erzählen sollen, von der Ähnlichkeit auf dem Bilde, von dem angeblichen Dienstmann Nummer 849, dessen Beschreibung genau auf ihren Vater stimmte, und von allen anderen Beweisen, die so bedeutungsvoll waren?

Hätte er ihr den Glauben an die Schuldlosigkeit ihres Vaters rauben sollen?

Er konnte es nicht.

So starrte er finster vor sich hin.

»Sie sprechen nichts! So können auch Sie mir nicht helfen?«

Sie wollte schon aufspringen, um fortzueilen. Da griff er ihren Arm und hielt sie zurück.

»Mein liebes Fräulein, Sie sehen mich zu verwirrt. Ihre Nachricht hat mich betroffen wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel. Aber wir werden selbstverständlich für Sie tun, was wir tun können.«

»Sie müssen den wirklichen Mörder finden! Sie müssen den feigen Verbrecher entdecken. Sie müssen die Schuldlosigkeit meines Vaters beweisen, Sie müssen ihn befreien!«

Hastig kamen diese Worte über ihre Lippen. Dabei war sie so erregt, daß ihr Busen heftig auf und nieder wogte. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt und schwere Tränen rannen über ihre Wangen.

»Es wird geschehen, Fräulein Erna.«

»Aber Sie müssen an ihn glauben!«

»Gewiß! Ich weiß, daß er schuldlos ist.«

»Er ist es auch! Ich danke Ihnen, daß Sie daran nicht zweifeln.«

Sie gab ihm ihre Hand hin.

Als er diese annahm und leise drückte, da färbten sich seine Wangen mit brennendem Rot.

War es ihr warmer Händedruck oder die Scham, weil er einen Glauben heuchelte, den er nicht hatte?

»Sie waren es gewesen, der den unglücklichen Willig ausfindig gemacht hat?«

Gebhart berichtigte die Annahme der Fragestellerin nicht! Schließlich gehörten Steinherz und er doch zusammen, dann war das, was Steinherz getan hatte, auch durch ihn selbst geschehen.

»Sie werden auch den wirklichen Mörder ausfindig machen.«

»Es wird geschehen.«

»Wenn dies möglich wäre! Wenn Sie meinen Vater von dem schmählichen, ungeheuerlichen Verdachte retten könnten, wenn Sie ihm die Freiheit wiedergeben könnten und auch seine Ehre wieder, die so besudelt wurde, ich könnte alles dafür geben, ich könnte jedes Opfer bringen. Ich würde um diesen Preis alles tun.«

Während sie mit soviel flammendem Feuergeiste sprach, da glühten ihre Augen leuchtender und die Blicke zuckten wie Blitze auf.

Michael nickte; aber die Hoffnung auf Erfüllung seiner heißesten Wünsche regte sich nicht, denn ihm fehlte der Glaube.

Wie könnte er die Schuldlosigkeit beweisen, an die er nicht glaubte.

Und doch sprachen seine Lippen anders.

»Es wird geschehen!«

Als sich aber Erna wieder entfernt hatte und Michael wie dorther den Zahlen in den Büchern gegenübersaß, da seufzte er sehr vernehmlich auf.

Seine Träume und Hoffnungen schienen ihm jetzt in unerreichbare Fernen gerückt.

Wie eine Fata morgana entschwindet, so zerrann das Bild, das er sich in seinen Träumen gebaut hatte.

Und er rechnete an den Zahlen weiter, während ihm der Kopf schmerzte, während sein Herz schneller und schneller pochte.

Als endlich in später Abendstunde, als Gebhart eben das Bureau schließen wollte, sein Teilhaber Steinherz von seinen Nachforschungen zurückkam, da zeigte dieser eine wenig erfreuliche Miene. Der Tag mußte ihm viele Mühen und Arbeiten gebracht haben, aber keinen Erfolg.

Wie ein vollständig Ermüdeter ließ er sich in den Sessel fallen, während er seinen Hut mißmutig beiseite warf.

Seine Stirne zeigte Furchen, die nichts Gutes verrieten, die Lippen hatte er aufeinandergepreßt und die Nasenflügel blähten sich. Seine Finger trommelten nervös auf der Sessellehne.

»Ich hatte Sie nicht erwartet. Ich dachte nicht mehr an Ihr Erscheinen.«

»So!«

Steinherz schwieg weiter.

»Fräulein Sontheimer war hier.«

»So!«

Sonst keine Bemerkung! Sollte Steinherz noch nichts von Sontheimers Verhaftung wissen? Oder war er deshalb so ärgerlich, weil er keinen Erfolg erzielt hatte, während die Amtsbehörde schon die Verhaftung durchgeführt hatte?

»Wissen Sie, weshalb Sie hier gewesen war?«

Steinherz blickte nicht einmal auf.

»Damit Sie poussieren konnten! Sie sind ja bis über die Ohren in das Mädchen verliebt!«

Das Trommeln auf der Sessellehne ging rascher; auch die Füße gaben den Takt dazu.

Michael Gebhart war rot wie ein zwanzigjähriger Jüngling.

»Das war sicherlich eine viel ernstere Angelegenheit.«

So!«

Wenn Steinherz schlechter Laune war, dann war er sehr sparsam mit Worten, dann konnte ihn auch so leicht nichts aus seinem scheinbaren Gleichmut bringen; dann schien er nach seinen Antworten die Ruhe selbst zu sein, wenn es auch in seinem Innern wie in einem Vulkan kochte und brodelte.

»Bankier Sontheimer ist verhaftet worden!« fuhr Gebhart fort.

»So!«

Steinherz zeigte nicht die geringste Überraschung, er war so ruhig, als wäre von dem schönen Sommerwetter gesprochen worden.

»Wegen des Mordes an Robert Willig.«

»So!«

»Sie hat uns den Auftrag gegeben, für die Schuldlosigkeit ihres Vaters Beweise zu erbringen, um ihn aus dem Gefängnis zu retten und den wirklichen Mörder ausfindig zu machen.«

»Sonst nichts?«

Da trat kurzes Schweigen ein; dann erklärte Gebhart noch:

»Sie wird alles geben, was von ihr verlangt wird, wenn uns dies möglich wäre.«

»So!«

Nach einer Pause fügte Steinherz hinzu:

»Sie werden natürlich mit ihrem Herzen und mit ihrer Hand zufrieden sein.«

»Wie können Sie spotten! Und gerade in einer so schrecklichen Sache! Scherzen, wo Sie selbst doch wissen müssen, daß dies für mich die Hoffnungslosigkeit bedeutet.«

»So!«

Täuschte sich Michael oder war wirklich ein spöttisches Lächeln über das Gesicht von Steinherz gehuscht.

»Ein solcher Auftrag! Und wir hatten gerade alles Material zuerst in Händen.«

»Gewiß!«

»Wir wissen, daß diese Aufgabe unerfüllbar ist. Wenn darin auch die Erfüllung meiner sehnlichsten Herzenswünsche liegt, was kann es nützen. Wir wissen nach allem, daß Hans Sontheimer der Mörder von Robert Willig ist, daß ihr Auftrag nie erfüllt werden kann.«

»Wir? Sie glauben wohl daran.«

»Und Sie?«

»Ich habe nie daran gedacht. Einen Augenblick vielleicht! Länger nicht!«

»Das ist doch nicht möglich!«

»Dann werde ich mir den Preis allein zu verdienen suchen. Der Mörder Willigs, dem ich nachjage, heißt nicht Sontheimer; dieser hat mit dem Morde ebensowenig zu tun, wie Sie oder ich.«

»Aber –«

Doch Steinherz unterbrach ihn:

»Diese Verhaftung habe ich vorhergesehen! Indizienbeweise liegen gegen ihn vor. Ich aber hoffe, daß ich mir Herz und Hand verdienen werde.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Durchaus nicht! Mir war es niemals ernsthafter zumute.«

»Ihr Herz und ihre Hand?« fragte Gebhart mit leiser Stimme.

»Ja!« Und Steinherz fand dabei sein fröhliches, sorgloses Lachen wieder.

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