Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Matthias Blank >

Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/blank/seltzeug/seltzeug.xml
typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120114
projectid33b69deb
Schließen

Navigation:

3.

Unglückliche Liebe – Der Staatsanwalt.

Einen solchen Schrecken hatte Erna Sontheimer nie in ihrem Leben empfunden.

Sie hatte diese Nacht von Robert Willig geträumt, den sie nicht lieben durfte und dem sie mit all der Liebe zugetan war, deren ein junges Herz fähig ist. Was hatte Erna Sontheimer von Liebe gewußt? Ihr Leben war ein herrlicher Sommertag gewesen. Die Mutter hatte sie nie gekannt, denn diese war kurze Zeit nach ihrer Geburt gestorben. So war Erna von einem Vater verwöhnt worden, der in seinem Kinde das Kind und die tote Mutter zugleich liebte.

In ihren späteren Jahren hatte Erna Sontheimer wohl öfters das große Gemälde studiert, das im Salon stand und das ihre Mutter darstellte. Ein großer Künstler hatte sie gemalt.

Dabei hatte Erna bald diese und bald jene Ähnlichkeit mit der toten Mutter herausgefunden; und je älter sie wurde, umsomehr glich sie dem Bilde.

Es war wohl selbstverständlich, daß Erna mit aller Liebe dem Vater zugetan war, der ihr stets jeden Wunsch erfüllt hatte, den er ihr von den Augen hatte ablesen können.

Dann aber war eine andere Person in ihr Leben getreten.

Robert Willig!

Sie konnte sich noch genau erinnern, wo und wann sie ihn zum ersten Male gesehen hatte. Noch war seitdem kein Jahr vergangen! Er war aus Hamburg gekommen, wo er der einzige Erbe einer der größten Exportfirmen war. Sein Vater hatte ihn zu der Firma Sontheimer-Esdeale gewiesen, mit der er selbst seit Jahren in Geschäftsverbindung gestanden hatte. Sie war damals – noch ein echter Backfisch mit all seinen Ungezogenheiten und Liebenswürdigkeiten – in den Salon gestürmt und schrie dabei: Papachen, Papachen, ich habe eben einen richtigen Frosch gefangen. Da war sie mit einem Unbekannten zusammengerannt, dem sie dabei tüchtig auf die Füße getreten war. Erna Sontheimer mußte heute noch lachen, mit welcher dämlichen Miene er vor ihr stand und dabei mit rotübergossenem Gesicht stammelte: »Robert Willig, Vertreter der Firma E. Willig, Hamburg.«

So hatten sie sich kennen gelernt.

Robert Willig war ein Freund ihres Vaters geworden. So mußte sie glauben!

Und nun hatte sie diesen vermeintlichen Freund ihres Vaters auch über alle Maßen lieb gewonnen.

Aber sie durfte nicht! Der Vater hatte es verboten! Gewiß nicht aus Laune! Nein, das wußte sie bestimmt. Aber weshalb? Weshalb? Immerfort quälte sie diese Frage.

Sie mußte es wissen!

Deshalb hatte sie den Vater in seinem Frühstückszimmer aufgesucht, um ihn danach zu fragen, um ihn zu bitten, daß er Mitleid mit ihr haben möchte.

Aber als sie dem Vater gegenüberstand, da hatte sie ein jäher Schrecken gepackt, so sehr, wie noch nie in ihrem Leben.

Haar und Bart ihres Vaters waren weiß wie Schnee, als wären die Schneeflocken eines frühen Winters auf sein Haupt gefallen.

»Vater!« schrie sie laut auf.

Ein müdes Lächeln flog über sein Gesicht.

»Du bist erschreckt, mein Kind! Hast Du nach einem wundervollen Herbstabend nicht schon am nächsten Morgen Schnee gesehen?«

»Vater! Du bist ja –«

»Alt geworden!« unterbrach sie Hans Sontheimer. »Über Nacht zum Greise geworden!«

»Du bist ja noch jung, Väterchen.«

»Mein liebes Kind, es sind nicht die Jahre, die den Menschen alt machen. Aber sorge Dich nicht! Ist Dein Väterchen häßlicher geworden, weil sein Haar weiß wurde?«

»Nein! Ganz gewiß nicht! Ich habe Dich immer noch so lieb.«

Da kauerte sie zu seinen Füßen nieder, während seine müde Hand über ihre Locken hinwegglitt.

»Mein gutes Kind!«

Still war es, und nur das Ticken der Uhr war zu hören.

Der Vogel aber in dem prachtvollen Bauer, der an dem offenstehenden Fenster hing, sang ein schwermütiges Lied.

»Väterchen!«

»Was willst Du?«

»Wirst Du mir auch nicht zürnen?«

»Nein!«

»Und nicht böse sein?«

Die Stirne Hans Sontheimers furchte sich; die klaren Augen umflorten sich und in seiner Stimme hallte ein unmerkliches Zittern nach.

»Ich weiß, was Du willst! Ich lese es in Deinem Gesicht. Mädchen können sich nie verstellen.«

Sie senkte den Kopf, blutübergossen.

»Was antwortest Du mir?«

»Was ich gestern sagte.«

»Weshalb! Vater, weshalb! Mir tut das Herz so weh! Und wenn ich Dich so sprechen höre, dann ist es mir, als lastete ein Zentnergewicht auf mir, das mir das Herz zusammenpreßt, daß ich nicht mehr zu atmen vermag.«

Hastig hatte sie diese Worte ausgestoßen und hielt dabei flehentlich die Hand des Vaters umklammert.

Die Lippen Hans Sontheimers waren fest aufeinander gepreßt.

So sah er sein Kind wehklagen! Er hätte diesem helfen mögen, aber er durfte nicht. Und er durfte nicht sagen, aus welchen Gründen.

»Väterchen! Denk an die Mutter! Du hast sie geliebt. Du liebst sie immer noch. Um der Mutter willen.«

Da sprang Hans Sontheimer auf.

»Kind, Du weißt nicht, was Du sprichst. Du weißt nicht, was Du forderst. Deine Mutter! Ich darf es Dir nicht sagen. Ich darf es nicht, um Deiner Mutter willen, die Du liebst!«

Mit beiden Händen bedeckte er sein Gesicht.

»Um der Mutter willen darfst Du es mir nicht sagen?« wiederholte Erna Sontheimer mit tonloser Stimme.

Wortlos nickte der Mann im Greisenhaar.

»Was soll ich ihm dann sagen?«

»Daß es besser wäre, Ihr hättet Euch nie gesehen. Nein, nein! Nichts sollst Du ihm sagen, denn er wird nie wieder zu Dir kommen und Dich nie wieder fragen.«

Wie eine Blume, die in ihrer vollsten Blüte der Nachtfrost schüttelte, die ein Sturmwind knickte, so schlich Erna Sontheimer davon. Sie konnte dem Vater nicht mehr in das Antlitz sehen.

Es war, als hätte eine kalte, eisige Hand nach ihrem Herzen gegriffen.

Und das schmerzte, das tat so weh!

Ihre junge Liebe sollte sie begraben.

 

Es war ein schlechter Tag für Kommissar Steinherz. Zunächst hatte er dem Staatsanwalt einen ausführlichen Bericht erstattet und alle Beobachtungen und die sich daraus ergebenden Schlußfolgerungen dargelegt. Dann hatte er die Photographie als den bedeutsamsten und schwerwiegendsten Zeugen den Aktenstücken beigelegt und alles selbst zu dem zuständigen Staatsanwalte getragen.

Dort wollte er über die weiteren Verfügungen und Anordnungen mit dem Staatsanwalte selbst sprechen.

Wadricza war ein noch junger Beamter; er hatte das Staatsexamen glänzend bestanden, hatte Protektionen und es war für ihn das Amt eines Staatsanwalts nur ein Durchgangsposten, denn nicht zu Unrecht sprachen alle seine Kollegen davon, sein Platz wäre einmal im Ministerium.

Wadricza war eine elegante Erscheinung, ein liebenswürdiger Gesellschafter, der aber stets wußte, welche Karriere er vor sich hatte. Er ließ dies namentlich den Untergebenen gegenüber fühlen, besonders bei solchen, die ihm an praktischem Können überlegen waren. Der Staatsanwalt war einer der besten Kenner der Gesetze; dies stand aus den vielen juristischen Werken fest, die er trotz seiner jungen Jahre schon hatte erscheinen lassen und die sofort Einführung gefunden hatten.

Ein besonderer Freund von dem Kommissar Steinherz war er nicht, denn der Kommissar hatte einen ebenso starren Sinn wie der Staatsanwalt, weshalb sie schon oftmals zusammengeraten waren.

Aufmerksam hatte der Staatsanwalt alle Aktenstücke durchgelesen, während der Kommissar wartete, was dieser dann anordnen würde.

»Sie haben die zwei Kriminalbeamten mit einer weiteren Suche beauftragt, Sie haben die Türen der Villa aufgesprengt; dazu hätte zunächst der staatsanwaltschaftliche Antrag eingeholt werden müssen, ob die Vorlage einer derartigen Photographie als genügend zu erachten ist, so selbständig vorzugehen.«

»Die Polizei hat die Befugnis, selbständig einzugreifen, wenn –«

Hier unterbrach ihn der Staatsanwalt ziemlich schroff:

»Ich weiß! Die Herren Kommissare wissen stets alles besser als die Juristen. Was waren Sie, ehe Sie Kommissar wurden?«

So fragte Staatsanwalt Wadricza stets, obgleich er dies längst wußte.

Aber Kommissar Steinherz hatte für diesen Tag keine Lust, auf solche Reibereien einzugehen:

»Das ist für den anhängigen Fall doch bedeutungslos. Es handelt sich darum, was geschehen soll.«

Der Staatsanwalt ärgerte sich über die Abfuhr, die er erhalten hatte; aber er zeigte doch die gleiche Ruhe, als er dann antwortete:

»Sie hätten Hans Sontheimer verhaften müssen, so scheint mir. Das, glaube ich, wäre doch selbstverständlich gewesen.«

»Ich denke anders darüber! Es kann diesem vorerst gar nichts bewiesen werden.«

»Hans Sontheimer allein hatte die Schlüssel zur Villa; das Schloß wies keine Verletzung auf, man hatte also nur mit den richtigen Schlüsseln eindringen können. Hans Sontheimer verweigert die Auskunft, wo er zur Stunde der Tat gewesen war und mit ihm hat der Mann auf der Photographie Ähnlichkeit. Dazu kommt das sehr auffällige Benehmen.«

»Trugschlüsse! Die ersten Aussagen waren so bestimmt gegeben worden, daß daran nicht gezweifelt werden kann. Er hätte damals schon anders aussagen können, ohne sich belasten zu müssen und ohne widerlegt werden zu können. Die Aussage, die er verweigert, kann auch eine andere Deutung finden. Ein wirklicher Verdacht von besonderer Wichtigkeit liegt noch nicht vor.«

»Wie Sie denken! Dann werden Sie gewiß auch weiter tun, was Sie für gut finden, ohne mich erst zu fragen.«

Es war daher nicht wunderlich, wenn Kommissar Steinherz in wenig fröhlicher Stimmung in dem einsamen Landhause eintraf. Dort fand er die beiden Kriminalbeamten, wie sie mit Spaten und Schaufel im Garten umgruben.

Da wußte der Kommissar, was er wissen wollte.

Nichts war erreicht.

Nochmals nahm er jetzt eine genau Durchsuchung sämtlicher Räume der Villa vor, er suchte nach Fußspuren, in der Villa selbst und im Garten; aber es war nichts mehr zu finden.

Unter seiner Leitung wurde der Wald in der ganzen Umgebung abgesucht, es wurde nach einer frisch zugegrabenen Stelle gesucht, denn die größte Wahrscheinlichkeit sprach dafür, das die Leiche verschleppt und irgendwo begraben worden sein mußte.

Im geheimen ließ er auch nachforschen, wo Hans Sontheimer an dem Vormittag des Mordes gewesen war. Darüber konnte er nur erfahren, Sontheimer habe bereits in frühester Morgenstunde, nach sieben Uhr; die Wohnung verlassen und sei erst in später Nachmittagsstunde wieder zurückgekehrt.

Wo er in den langen Stunden seiner Abwesenheit gewesen war, darüber hatte niemand Auskunft geben können.

Seitdem waren acht Tage vergangen, und Kommissar Steinherz war noch keinen Schritt vorwärts gekommen. In der Zwischenzeit hatte Michael Gebhart noch mehrere Abzüge der photographischen Aufnahme gemacht, eine davon vergrößert; aber dadurch wurde die Gestalt des Mörders nicht deutlicher.

Als schon zehn Tage verflossen waren, da wurde Kommissar Steinherz vor den Staatsanwalt Wadricza gerufen; dieser konnte sich die Veranlassung an den Fingern abrechnen.

Seine Vermutung fand er denn auch bestätigt.

»Ihr Auftreten mir gegenüber hat mich veranlaßt, Ihnen die selbständige Leitung des geheimnisvollen Verbrechens in dem einsamen Landhause zu überlassen. Es sind jetzt zehn Tage vorüber, Zeit genug, eine Lösung herbeizuführen. Haben Sie den Mörder schon gefunden?«

Wadricza fragte danach, obgleich er die Antwort wissen mußte.

»Nein! Das war unmöglich!«

»So!« Der Staatsanwalt tat sehr erstaunt und verwundert. »Aber die Leiche haben Sie doch entdeckt?«

»Nein!«

»Auch nicht? Das ist aber sehr sonderbar. Was haben Sie überhaupt erreicht?«

Der Kommissar mußte den Spott fühlen, der in dieser Frage lag, aber er konnte sich doch noch beherrschen. So demütigend für ihn auch die Antwort war, er konnte nicht schweigen.

»Nichts!«

»Also gar nichts! Und ich hatte so sicher auf Ihr Können gerechnet.«

Dabei sah ihn der Staatsanwalt etwas höhnisch lächelnd durch die scharfen Brillengläser an.

»Ich denke, es wird Ihnen nach diesen Mißerfolgen – anders kann man es doch nicht nennen – gerade angenehm sein, wenn ich diesen Fall einem anderen Herrn zur Weiterführung überlasse. Damit wird Ihnen nur eine wenig erfreuliche Arbeit abgenommen. Leiten Sie den Fall an den Kommissar Fraundorfer weiter, den ich schon über die Angelegenheit informiert habe.«

Fraundorfer aber war der gehässigste Gegner des Kommissars Steinherz. Das hatte der Staatsanwalt gewußt und deshalb die Anordnung getroffen. So hatte er sich einmal an dem Kommissar Steinherz rächen können.

Mit bleichem Gesicht hatte der Kommissar das Bureau des Staatsanwalts verlassen und am gleichen Tage noch hatte er um seine Entlassung aus den Staatsdiensten nachgesucht.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.