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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 12
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
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12.

Der wahre Mörder.

Der Zuhörerraum des Schwurgerichtssaales war überfüllt.

Eben hatte der Staatsanwalt in seinem Plaidoyer eine kleine Pause gemacht, um die einzelnen Beweispunkte, die er angeführt hatte und deren Bedeutsamkeit er dargelegt hatte, auf die Geschworenen einwirken zu lassen. Dann richtete er sich auf und begann mit erhöhter Stimme:

»Meine Herren! Hier haben Sie den bedeutsamsten Fall für die Wichtigkeit der Indizienbeweise. Die Anklage baut sich nur auf solchen auf, aber die einzelnen Beweispunkte schließen sich zu einer Kette, die keine Bruchstelle aufweist, keine Lücke. Im Strafprozesse sind die Indizienbeweise von größter Bedeutung, denn ohne diese kann fast niemals ein Schuldig ausgesprochen werden. Wenn ich auch zugestehe, daß Zufälle oftmals eingreifen, eine solche Beweiskette, wie in diesem Falle, kann nicht als Verkettung von Zufällen angesehen werden, wie es die Verteidigung darzustellen versucht. Vergleichen Sie und überlegen Sie alles! Zuerst die Momentaufnahme, die ein Zufall ermöglichte. Der Mann im offenen Fenster, der das Beil gegen sein Opfer schwingt, hat eine zu auffallende Ähnlichkeit mit dem Angeklagten; dieser hat zugestanden, daß nur er die Schlüssel zu der einsamen Villa hatte. Seine Weigerung, anzugeben, wo er zur kritischen Stunde weilte, ist ebenfalls sehr gravierend. Denken Sie auch an die Zeugenaussagen über den falschen Dienstmann Nummer 849. Die gegebene Beschreibung stimmt nur auf den Angeklagten. Die Zeugen konnten allerdings auf den Eid hin die Identität nicht bestimmt anerkennen; aber das vermag wohl keiner, das hat die erklärliche Ursache darin, daß sie kein Verbrechen vermuten konnten, als er mit ihnen zusammengetroffen war, weshalb sie nur noch Erinnerung für die augenfälligsten Merkmale – Haare und Bart – hatten, Sie selbst meine Herren, können sehen, wie sehr diese Merkmale auf den Angeklagten zutreffen. Zu allem kommt jetzt noch der bedeutendste Punkt, der entscheiden muß, wenn die bisherigen Ausführungen nicht genügen sollten: Im Schlafzimmer des Angeklagten, versteckt in der Ofenröhre, wurde die Dienstmannskleidung gefunden. Wenn der Angeklagte begreiflicherweise nichts davon wissen will, wie diese dorthin gelangt sein könnte, so spricht die Tatsache des Fundes mehr als dieses Leugnen. Wenn Sie, meine Herren Geschworenen, das Rechtsgefühl im Volke, das es zu den Gerichten hat, nicht für immer untergraben wollen, dann müssen Sie ein Schuldig aussprechen, denn sonst wäre die Wirksamkeit vorliegender Indizienbeweise, für alle späteren Rechtsfälle hinfällig gemacht. Ich darf es hier wohl aussprechen: Das Volk sieht in dem Angeklagten den Schuldigen, das Volk erkennt diese schwerwiegenden Beweise, die nicht entkräftet werden konnten, das Volk hat gerichtet. Auch Sie werden daher erkennen, wie die Gerechtigkeit es fordern muß, ein Schuldig für den Angeklagten.«

Der Staatsanwalt schwieg.

Für einen Augenblick herrschte in dem großen Saale des Schwurgerichts atemlose Stille.

Da kam der Gerichtsdiener eiligst auf den Präsidenten des Gerichtshofes zugelaufen und raunte diesem eine Meldung zu. Dieser schüttelte erst etwas ungläubig den Kopf, dann erhob er sich, und verkündete:

»Es wird mir eben noch ein Zeuge von größter Wichtigkeit gemeldet. Haben Sie, Herr Staatsanwalt, etwas dagegen, wenn dieses Verhör noch durchgeführt wird?«

»Nein! Es wird an meinen Ausführungen nichts mehr ändern können.«

Wenn auch niemand an eine solche Möglichkeit glaubte, so hatte sich doch aller die größte Erregung bemächtigt, wer noch als Zeuge auftreten könnte, ehe das Gericht ein Schuldig erkannte.

Aller Augen waren nach der Tür gerichtet.

Detektiv Steinherz war eingetreten; ihm folgte ein kleines Männchen mit verrunzeltem Gesicht, aber mit noch lebhaften Augen.

Als der Staatsanwalt den ehemaligen Kommissar erkannte, da mochte er für einen flüchtigen Augenblick im Zweifel sein. Aber dann hielt er doch ein anderes Ende für unmöglich.

»Haben Sie diesen Zeugen ausfindig gemacht?« wandte sich der Präsident an Steinherz.

»Was soll dieser Zeuge bekunden?«

»Darf ich nach Beeidigung des Zeugen die Fragen stellen?«

»Ein Gerichtsbeschluß muß hierüber entscheiden.«

Nach einer kurzen Besprechung wurde ein zustimmender Entschluß verkündet und dann die Beeidigung des Zeugen vorgenommen.

Zuerst wurde nach dem Namen und dem Beruf des neuen Zeugen gefragt.

»Friedrich Helldorfer, Perückenmacher!«

Dann übernahm Steinherz die Fragestellung.

»Wo üben Sie Ihr Geschäft aus?«

Der Gefragte nannte ein kleines Städtchen, das in der Nähe von Auhof und nahe bei der großen Stadt gelegen ist.

»Weshalb haben Sie sich als Zeuge nicht früher gemeldet?«

»Ich kann nicht lesen und wußte nichts von den Vorfällen.«

»Sie haben aber erzählen gehört?«

»Ja! Aber es hat doch kein Mensch von den Perücken gesprochen.«

»Von welchen Perücken?«

»Die ich geliefert hatte.«

»Erzählen Sie davon!«

»An einem Abend war ein Mann bei mir erschienen, der eine Perücke und einen falschen Bart kaufen wollte. Er gab an, es wäre für eine Theatervorstellung. Ich legte alles vor, was ich auf Lager hatte; er wählte dann eine dunkle Perücke und langen Vollbart, der bis auf die Brust reichte.«

»Wann war das?«

»Am 21. Juni.«

»Wie sah dieser Mann aus?«

»Groß! Er hatte ein bartloses Gesicht.«

Jetzt ließ Steinherz dem Zeugen die Photographie vorlegen und fragte:

»Waren Bart und Perücke so wie hier auf dieser Aufnahme zu erkennen ist?«

»Ja!«

»Was geschah weiter?«

»Nach zwei Tagen kam dieser Unbekannte wiederum. Er brachte mir Perücke und Bart zurück und erklärte, er müsse diese genau in der Form wiederhaben, aber weiß; er müsse einen Greis darstellen. Da ich für mehrere Theater liefere, konnte ich auch seinen Wunsch erfüllen. Er bezahlte mich gut, ist aber seitdem nicht wiedergekommen.«

»Sehen Sie den Angeklagten an!«

Der Zeuge blickte hin.

»So ähnlich waren Haare und Bart.«

»Wenn jener Unbekannte die Perücke und den falschen Bart getragen hätte, konnte dann eine Ähnlichkeit zwischen dem Unbekannten und dem Angeklagten bestehen?«

»Ja!«

Nun trat eine kurze Pause ein, die der Staatsanwalt zu einer Entgegnung benutzte.

»Durch diese Aussage soll offenbar die Zeugenaussage über die Identität mit dem Dienstmann 849 entkräftet werden. Aber ich kann diesem nur die bedeutungsvolle Aussage über den Fund der überführenden Kleidung im Schlafzimmer des Angeklagten gegenüberstellen.«

»Auch hierüber wird ein Zeuge Auskunft geben können,« antwortete Steinherz.

»Welcher Zeuge?«

»Der gleiche, der über diese Perücken und falschen Bärte noch Aufschluß zu geben vermag! Jener Unbekannte selbst, in dessen Wohnung ich heute in seiner Abwesenheit eingedrungen war. Und in der Wohnung dieses Unbekannten habe ich in einem Schranke versteckt diese Perücke vorgefunden.«

Bei diesen Worten zog Steinherz aus seiner Rocktasche die Perücke eines Greises mit langem Barte. Als er diese vor sein Gesicht hielt, da zeigte sich die auffallende Ähnlichkeit der Haar- und Barttracht mit der des Angeklagten.

Da durchtobte ein gewaltiger Sturm die Reihen der Zuhörer. Wie vorher alle dem Staatsanwalt zugestimmt hatten, so riefen jetzt alle dem Detektiv zu. Aber wer war dieser Unbekannte?

»Wer?«

»Wo ist er?«

So wurde hin und her gerufen.

Detektiv Steinherz wandte sich den Reihen der Zuhörer zu, über die sein Auge suchend hinwegforschte.

Diese aber sahen nur auf den Detektiv und sie achteten gar nicht darauf, wie einer sich den Weg durch die Zuhörer zu bahnen suchte, wie er sich vorwärts drängte, wie er den Ausgang suchte.

Alle wichen aus, denn dadurch gewannen sie selbst eine bessere Stellung.

Aber Steinherz hatte es gesehen.

Seine Stimme klang hell und laut durch den großen Raum.

»Johann Forster, warum suchen Sie den Ausgang? Wollen Sie sich hier freiwillig als Zeuge melden?«

Ein Fluch antwortete.

Und ein Mann stieß mit den Armen die letzten zur Seite, die ihm den Weg vertraten, die hindernd vor dem Ausgang standen.

Auf diese Tür rannte er zu!

Und keiner hatte für den Augenblick die Geistesgegenwart, diesen Mann zurückzuhalten. Die augenblickliche Verwirrung, die auf die überraschenden Enthüllungen gefolgt war, hatte allen ein rasches Zugreifen und Handeln unmöglich gemacht.

»Johann Forster, ich klage Sie des Mordes an!« rief Steinherz dem Fliehenden nach.

Da hatte dieser auch schon die Tür aufgerissen, um zu entfliehen.

Doch Steinherz hatte vorgesehen.

Zwei Schutzleute hatten den Fliehenden mit starken Armen gepackt und ihm die Stahlfesseln angelegt.

Die Schutzleute hatte der Detektiv vor diesen Ausgang gestellt, ehe er selbst als Zeuge aufgetreten war.

Eine furchtbare Aufregung herrschte.

Raunen und Flüstern war wie das Toben einer Brandung.

Der Staatsanwalt war weiß geworden. Jetzt konnte er nicht mehr zweifeln, daß Steinherz ihm zuvorgekommen war, daß er selbst einen Schuldlosen angeklagt hatte.

Sontheimer hatte sich aufgerichtet.

Gefesselt stand er da. Seine Augen leuchteten auf. So war also doch die Rettung im letzten entscheidenden Augenblick gekommen.

Und noch ein Freudenschrei war laut geworden.

Erna Sontheimer!

Da führten die beiden Schutzleute den Gefesselten zur Tür herein.

Ein wilder Trotz und wilde Entschlossenheit war in dem Gesicht des Mannes zu erkennen.

Kaum hatte ihn der Perückenmacher gesehen, da rief dieser auch schon mit lauter Stimme:

»Dieser ist es! Dieser war bei mir und hat die Perücken gekauft!«

Sontheimer aber, der erst jetzt in das Gesicht des Gefesselten sehen konnte, rief fast gleichzeitig:

»Emil, mein Diener!«

»Er war es,« rief dazwischen der Detektiv Steinherz, »der von den Schlüsseln zu der einsamen Villa einen Wachsabdruck genommen hatte; er konnte dort hineingelangen. Er war es auch, der die Kleidung des Dienstmannes in Ihr Zimmer geschafft hatte.«

Der Präsident des Gerichtshofes wandte sich nun an den Gefesselten.

»Ihr Fluchtversuch ist gleich einem Geständnisse. Was haben Sie zu erwidern?«

»Nichts!«

»Sie gestehen also?«

»Ja!«

»Weshalb haben Sie den Mord begangen?«

In diesem Augenblick ereignete sich etwas, was am wenigsten erwartet worden war.

Während der Gefesselte ruhig seine Antworten gab, war er näher an den Richtertisch getreten; dadurch war er von den Schutzleuten entfernt.

Statt einer Antwort war er mit einem gewaltigen Sprunge nach dem Fenster geeilt.

Steinherz hatte es gesehen und folgte dem Manne sofort nach; aber es war schon zu spät.

Er hatte ihn nicht mehr packen können.

Mit dem Kopf nach vorn gebeugt, so hatte er das Fenster durchgestoßen. Klirrend brachen die Scheiben. Der schwere Körper sauste nach.

Ein gellender Schrei kam über alle Lippen.

Durch das Fenster brach der Gefesselte. Sein Körper fiel in die Tiefe hinunter.

Ein dumpfer, klatschender Auffall war bis in den Gerichtssaal herauf hörbar.

Als Steinherz dann in die Tiefe hinuntersah, da lag auf dem Steinboden eine tote, zerschmetterte Gestalt. Das Blut auf dem Boden leuchtete herauf. So hatte er sich selbst gerichtet!

Der Präsident verkündete in den herrschenden Tumult mit laut vernehmbarer Stimme:

»Dieser Zwischenfall kann nur das bestätigen, was der Selbstmörder noch zugestanden hat; dieser Johann Forster, wie ihn Detektiv Steinherz genannt hat, der unter dem Namen Emil Diener im Hause Sontheimers gewesen war, hat den Mord begangen, der Hans Sontheimer zur Last gelegt worden war. Über die Motive zu dieser Tat hat er nichts mehr gestehen können; darüber werden seine Lippen schweigen, bis sie vor einem ewigen Richter Rechenschaft ablegen müssen. Jetzt aber gilt es, den Urteilsspruch über Hans Sontheimer zu verkünden. Herr Staatsanwalt, welchen Antrag stellen Sie?«

Wadricza sprach ganz leise und sehr kurz:

»Nach dem endgültigen Ergebnisse beantrage ich die Freisprechung des Beschuldigten.«

Schon nach einer Minute erschienen die Geschworenen wieder aus dem Beratungszimmer und der Obmann verkündete mit lauter Stimme:

»Das Geschworenengericht erkennt einstimmig auf Nichtschuldig!«

Und diesem Nichtschuldig jubelten jetzt die Zuhörer ebenso begeistert zu, wie sie kurz vorher noch den Ausführungen des Staatsanwaltes zugestimmt hatten.

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