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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 11
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
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11.

Ein betrogener Betrüger.

Ganz langsam schlenderten einige Tage später Emil Willig und Detektiv Steinherz auf der Straße dahin. Sie kamen eben aus dem Schwurgerichtssaal und sprachen nun in der aufgeregtesten Weise miteinander.

Besonders Emil Willig war sehr erregt.

»Ich hatte es gleich gesagt. Ich habe nie daran geglaubt. Aber Sie müssen den Mörder herbeibringen. Haben Sie die Zeitungen gelesen? Alle bringen sein Bild, alle beschreiben genau den Verlauf der Mordtat, einige bringen Illustrationen, wie die Tat begangen ist. Wer glaubt heute an seine Schuldlosigkeit? Niemand! Kein Mensch!«

»Heute dauert die Verhandlung noch den ganzen Tag,« warf Steinherz dazwischen. »Morgen beginnt das Plaidoyer des Staatsanwalts, dann das des Verteidigers. Vor morgen nachmittag wird das Urteil nicht gesprochen werden. Das ist noch eine Frist von mehr als vierundzwanzig Stunden.

»Aber Sie haben in nahezu zwei Monaten nichts erreicht! Was wollen Sie in vierundzwanzig Stunden erzielen?«

»Alles!« versetzte Steinherz. »Sie vergessen das Wichtigste. Unter welchen Schwierigkeiten mußte ich die Vorgeschichte von Robert Willig erfahren? Welche Mühe hatte ich damit, ausfindig zu machen, wo Sontheimer während der Tat gewesen war!«

»Das wissen Sie? Weshalb sagten Sie das nicht? Dann muß er ja freigesprochen werden.«

»Er hat mir das Ehrenwort abgenommen, daß ich das nie verraten darf. Damit darf ich ihn nicht retten, obgleich ich ihn damit retten könnte.«

»Was wollen Sie dann?«

»Noch darf ich nicht reden!«

»Haben Sie wenigstens Hoffnung?«

»Die größte!«

»Wie schade ist es um ihn! Sontheimer war ein großer Geschäftsmann. Dieser Frank Esdeale war sein Ruin.«

»Was wissen Sie darüber?«

»Alle Welt spricht davon. Seit Sontheimer von der Firma zurückgetreten ist, hat sich Esdeale mit dem unfähigsten Menschen, mit einem gewissen Tornay zusammengeschlossen. Gestern hat Frank Esdeale seine Zahlungsunfähigkeit angemeldet, denn sein Teilhaber hat schon nach der ersten Woche mit allen Kassenbarbeständen das Weite gesucht; vorher hatte er die Teilhaberschaft nur dazu benützt, ohne Wissen Esdeales alle ausständigen Gelder und Hypotheken zu kündigen und einzuziehen.«

»So hat also Esdeale, der Sontheimer hatte meistern wollen, selbst seinen Meister gefunden.«

»So ist es!«

»Esdeale hat sicherlich Sontheimer betrogen; aber Gleiches wurde mit Gleichem vergolten.«

»Hat Sontheimer alles verloren?«

»Nein! Sontheimer mag durch Esdeale vier- oder fünfhunderttausend Mark eingebüßt haben; es sind dies etwa zwei Drittel seines Vermögens. Was ihm also noch verblieben sein wird, das macht ihn noch immer zu einem reichen Manne.«

Steinherz nickte.

Sie waren vor dem Hause angekommen, in dem Erna Sontheimer wohnte. Der Detektiv blieb vor dem großen Torbogen stehen und sagte zu Willig:

»Hier trennen sich unsere Wege. Ich habe noch dort oben zu tun.«

»Aber Sie sind doch nachmittags wieder in der Verhandlung?«

»Ich glaube nicht! Ich habe Wichtigeres zu tun.«

»Wenn es nur von Erfolg wäre. Ich beginne schon selbst zu zweifeln.«

Aber Steinherz antwortete nicht mehr; er war schon in dem Hause verschwunden und eilte die Treppe empor.

Emil, der Diener, hatte ihm geöffnet und ihn in den Salon geführt.

Dort fand er Erna Sontheimer vor.

Aber welche Änderungen waren bei dieser hübschen Mädchenblüte vorgefallen?

Die Wangen waren hohl und blaß; in tiefen Höhlen lagen die rotentzündeten Augen, die Lippen zuckten stets wie in bebender Angst.

»Herr Gebhart hat mich hierher geschickt,« begann Steinherz, nachdem sich der Diener wieder entfernt hatte. »Ich soll mich nach Ihnen erkundigen!«

Für einen Augenblick brannte ein heißeres Rot auf ihren Wangen, das aber sofort wieder verflüchtete.

»Ach danke! Wie soll es mir gehen, wenn ich weiß, was mein Vater schuldlos erdulden muß!«

»Darüber soll ich Ihnen Trost bringen. Wir sind am Ziele!«

»Ich habe jede Hoffnung verloren.«

»Das dürfen Sie aber nicht. Ich darf Ihnen nicht allzuviel verraten; aber das dürfen Sie wissen: Wir werden heute, spätestens in dieser Nacht, Ihrem Vater die Ehre wiedergeben können.«

Steinherz verstand ausgezeichnet, wider sein Wissen zu reden; er wußte es ganz genau, daß Michael Gebhart zu Hause saß und noch mehr verzagt war als Erna Sontheimer; er wußte auch, daß Gebhart nichts von dem ahnte, was er selbst zur Durchführung bringen würde, aber es war für Steinherz doch selbstverständlich, daß er von sich und Gebhart sprach.

Wir! Das war die Firma.

Zudem mochte er doch nichts von der trostlosen Verzweiflung Gebharts erzählen.

Er wußte auch aus welchen Gründen.

»Nur einige Fragen muß ich an Sie richten,« begann der Detektiv wiederum.

»Wenn ich sie beantworten kann.«

»Sehr leicht! Sind Sie für diesen Nachmittag auch als Zeuge geladen?«

»Ja! Auch für morgen.«

»Wie viele Dienstboten sind im Hause?«

»Emil, der Diener, Jakob, der Hausbursche, Marie, meine Zofe, eine Köchin und ein Dienstmädchen.«

»Sind diese auch als Zeuge geladen?«

»Ja!«

»Wann?«

»Für morgen!«

»Dann ist ja morgen kein Mensch in der ganzen Wohnung.«

»Allerdings nicht!«

»Das ist aber sehr gut!«

Da fragte Erna Sontheimer ganz erstaunt:

»Wieso?«

»Ach, ich dachte nur so!«

»Wie wird der Schiedsspruch des Gerichtes lauten? Morgen um diese Stunde wird es vorüber sein. Ich bin in Todesängsten.«

»Wir hoffen das Beste. Das läßt Ihnen Herr Gebhart melden.«

»Sagen Sie ihm, daß ich ihm danke, vor allem aber danke, weil er stets an die Schuldlosigkeit des Vaters geglaubt hat.«

»Wir haben nie daran gezweifelt.«

Dabei dachte er natürlich an sich und die Firma; bei Gebhart wäre er seiner Sache doch nicht so sicher gewesen.

Im Erdgeschoß machte Steinherz noch einen Besuch, nachdem er sich von Erna Sontheimer verabschiedet hatte; dort wohnte Frank Esdeale.

Dieser kannte den Detektiv bereits und empfing ihn mit nicht zu großer Freundlichkeit; aber Steinherz pflegte dem keine allzugroße Beachtung zu schenken, und ohne erst aufgefordert zu werden, setzte er sich gleich in den bequemsten Stuhl.

Seit Tornay mit allen Geldern durchgegangen war und Esdeale seine Insolvenz hatte erklären müssen, hatte Frank Esdeale ein schlechtes Gewissen, das ihn zwang, stets Freundlichkeit zu heucheln.

»Mit der Firma Esdeale & Tornay ist es jetzt zu Ende. Das war natürlich nicht anders zu erwarten. Wenn sich zwei Lumpen zusammenfinden, so ist stets einer davon der Betrogene. Diesmal waren Sie es.«

»Mein Herr, wie können Sie sich solche Beleidigungen erlauben?«

»Keine künstliche Aufregung!« wehrte Steinherz ab. »Sie bekommt Ihnen nicht. Also Tornay ist durch! Demnach muß man sich an Sie allein wenden. Die Bankscheine der Süddeutschen Bank haben Sie gefälscht!«

»Ich! Welche? Von was reden Sie?!«

»Ich habe die Bankscheine 2437 bis 2589 im Auge. Sie können sich doch noch an die Zahlen erinnern!«

Esdeale biß die Zähne auf die Lippen. Diese Zahlen kannte er allerdings; aber immer noch schwieg er trotzig.

Doch mit gleichgültiger Ruhe fuhr Steinherz fort:

»Ich habe alle falschen Scheine eingelöst. Ich habe Sie hier in meiner Tasche.«

Dabei holte er sie hervor und blätterte sie durch.

»In wessen Auftrag dies geschehen ist, das kann Ihnen jetzt egal sein. Es dürfte für Sie genügend sein, daß ich zu jeder Minute Ihre Verhaftung durchsetzen kann.«

»Was wollen Sie von mir? Ich bin nicht allein der Schuldige.«

»Vor allem möchte ich, daß Sie sich manierlicher benehmen. Der andere Schuldige war schlauer als Sie; er ist geflohen.«

»Und Sontheimer?«

»Er hat dies alles erst erfahren, als es schon geschehen war; aber um bald zu einem Ende zu kommen: Ich will Sie nicht ruinieren! Geld haben Sie keines. Geschehen kann Ihnen nichts, da Ihre Insolvenz nur die Folge der Unterschlagungen Tornays ist. Es sind Ihnen lediglich diese Bankscheine gefährlich. Aber Sie können sich retten, wenn Sie den wahrheitsgemäßen Bericht mit Ihrem Namen unterzeichnen, das heißt also, daß Sie mit Tornay die Fälschungen durchführten, während Sontheimer erst nachträglich Kenntnis erhielt; dann erhalten Sie ein Reisegeld von zwanzigtausend Mark. Damit können Sie nach Amerika oder in das Land, wo der Pfeffer wächst.«

Esdeale schien zu überlegen.

Steinherz wartete nur kurze Zeit.

»Ich habe heute noch zu tun.«

»Es ist mir zu wenig.«

Da stand der Detektiv auf und nahm seinen Hut vom Tische.

»Gut! Adieu!«

»Wo wollen Sie hin?« rief ihm Esdeale nach.

»Zum Staatsanwalt.«

»Ich – ich bin ja damit zufrieden.«

»Gut!«

Jetzt legte Steinherz ein Schriftstück zur Unterzeichnung vor.

»Sie verpflichten sich darin lediglich, Herrn Sontheimer in der Ihnen ja bekannten Angelegenheit weiter nicht mehr zu belästigen. Sollte es nur noch ein einziges Mal geschehen, so wird der Fall dem Staatsanwalt vorgelegt.«

Esdeale erfüllte auch dieses Verlangen und dann erst erhielt er von dem Detektiv die zwanzigtausend Mark ausbezahlt.

Als ihn Steinherz dann verlassen hatte, murmelte er ziemlich vernehmlich vor sich hin:

»Deshalb wird er doch enden, wo er hingehört. Am Galgen, wenn es schlimm kommt; im Gefängnis, wenn ihm das Glück günstig ist.«

Steinherz hatte es gewußt. Als er bei Gebhart eintraf, da hatte er diesen so vorgefunden, wie er es geahnt hatte.

Verzweifelt! Verzweifelt an allem!

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