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Ein seltsamer Zeuge

Matthias Blank: Ein seltsamer Zeuge - Kapitel 10
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typefiction
authorMatthias Blank
titleEin seltsamer Zeuge
publisherGustav Holst, Verlagsbuchhandlung Hamburg
seriesHamburger Volksbücher
year1919
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10.

Sontheimers Geheimnis.

Schon zu wiederholten Malen war Hans Sontheimer zu einem Verhör vorgeführt worden, das aber stets den gleichen negativen Erfolg brachte. Als ihm der Fund der Dienstmannskleidung in der Ofenröhre seines Schlafzimmers zum Vorhalt gemacht worden war, da hatte er wie immer geantwortet:

»Ich kann mir selbst keine Erklärung dafür geben.«

Bei dieser Aussage beharrte er.

So oft es Staatsanwalt Wadricza versucht hatte, ihn zu einem Geständnis zu bringen, war dies stets ohne Erfolg, denn er mußte immer wieder das nämliche von ihm hören:

»Wie sollte ich etwas gestehen, woran ich in meinen schlimmsten Träumen nie gedacht hatte.«

Dieses verstockte Leugnen, wie es der Staatsanwalt nannte, konnte aber dessen Absichten nicht hintanhalten. Die Beweise lagen wider Sontheimer in erdrückender Fülle vor und das hatte ihn bestimmt, den Fall Sontheimer nunmehr zur öffentlichen Anklage zu bringen.

In dieser Zeit hatte Erna Sontheimer wiederholt versucht, bei dem Staatsanwalt eine Erlaubniskarte zu erhalten, um den Vater sprechen zu dürfen. Das war ihr aber stets verweigert worden. Nie hatte der Staatsanwalt dafür Gründe angegeben; nur beim letzten Male hatte er sich zu der Bemerkung hinreißen lassen:

»So lange der Angeklagte bei seinem fruchtlosen Leugnen beharrt, kann ich niemanden bei ihm vorlassen. Das geht nicht!«

Seitdem hatte Erna Sontheimer nie wieder den Versuch gemacht.

Ihr Vater konnte nichts gestehen! Weshalb denn immer bitten und bitten.

Einmal wurde er ja doch frei!

Den Vertrag, in dem er seinen Austritt aus der Firma unter den vorgeschlagenen Bedingungen erklärte, hatte sie mit einem Begleitbrief an ihn gesandt. Als er die tröstenden Zeilen seines Kindes las, da kollerten dicke Tränen über seine Wangen. In diesen Zeilen stand ja für ihn der mächtigste Trost, der ihm gegeben werden konnte: Der Glaube seines Kindes an seine Schuldlosigkeit.

Das hatte ihn wieder aufgerichtet. Das hatte ihm den Mut wiedergegeben, da er schon nahe der Verzweiflung war.

Noch war nichts verloren!

Er selbst wußte, daß er an dem Verbrechen schuldlos war, dessen man ihn bezichtigte.

Als er dann die von Frank Esdeale geschriebene Erklärung las, laut der er auf alle seine weiteren Rechte verzichten sollte, da ballten sich seine Fäuste und er murmelte zornige Worte vor sich hin.

Dieser nur hatte ihn vernichtet! Das war das Ziel, das Esdeale lange schon erstrebt hatte.

Mußte er denn das wehrlos ertragen?

Es war ein harter Seelenkampf, den Sontheimer zu bestehen hatte.

Er prägte sich deutlich in seinem Gesicht aus. Dann aber unterschrieb er die Urkunde, die den Namen Sontheimer aus der alten und geachteten Firma strich.

Träge und langsam krochen in der Einsamkeit seiner Zelle die Stunden dahin.

Dann stand er lange unter dem kleinen Fenster und blickte sehnsüchtig nach dem kleinen Stück blauen Himmels empor; oder er folgte dem Widerschein des Sonnenstrahls an der Wand, der bedachtsam jeden Tag den gleichen Weg über die kahle Zellenmauer hinwegkroch.

Dabei träumte er.

Ein weißblonder Lockenkopf mit braunen Rehaugen. Seine Erna! Ob er diese noch einmal als freier Mann sehen würde? Frei und makellos von jeder Schuld! Daß niemand auf ihn deuten durfte, daß er wieder den Kopf hoch tragen durfte, wie ehedem!

»Hatte er dazu ein Recht? Ein Recht vor sich selbst? Wenn er sich prüfte!

Dann! Ja! Dann!

Es rächt sich jede Schuld! Früher oder später!

Schuldlos war er an der Tat, deren man ihn anklagte. Aber die Qualen, die er jetzt ertragen mußte, waren diese auch unverdient?

Da schüttelte er verneinend den Kopf mit den weißen Haaren.

Ein Klirren von Schlüsseln störte ihn aus seinem Sinnen auf. Die schwere Eisentür wurde geöffnet und in mürrischem, ärgerlichem Tone rief der Wärter in die Zelle hinein:

»Marsch! Wieder einmal zum Verhörzimmer, Das scheint auch kein Ende zu nehmen. Es wäre auch besser, Sie würden einmal die Wahrheit sagen, damit wir Sie endlich losbekommen.«

Hans Sontheimer schwieg und folgte gehorsam dem Aufseher, der ihn mit einem Stoß in den Rücken zu eiligerem Vorwärtsgehen drängte.

Etwas überrascht war Sontheimer, als er im Verhörzimmer nicht dem Staatsanwalt Wadricza gegenüberstand, wie er erwartet haben mochte, sondern dem ehemaligen Kommissar Steinherz, den er sofort wiedererkannte.

»Sie sind doch schon davon verständigt worden, daß bereits die Anklage gegen Sie erhoben wurde.«

»Ja!«

»Es wird also in kürzester Zeit die Verhandlung gegen Sie stattfinden.«

»Eine Verhandlung?«

»Ja! Ich muß Ihnen aber auch erklären, daß nach dem jetzigen Stande der Angelegenheit Ihre Verurteilung erfolgen wird! Die Beweise, die gegen Sie vorliegen, wurden Ihnen schon wiederholt zum Vorhalte gemacht.«

Jetzt, da Sontheimer die Entscheidung so nahe wußte, da war er doch erblaßt.

Was Steinherz zu ihm gesagt hatte, das mußte er anerkennen.

Alles sprach gegen ihn! Dann aber wurde er als Mörder verurteilt. Als Mörder! Und es lag auf ihm der Fluch dieser Tat.

»Ihre Tochter Erna glaubt nicht an Ihre Schuld. Sie hat mir den Auftrag erteilt, den Beweis Ihrer Schuldlosigkeit zu erbringen. Das ist aber nur dann möglich, wenn Sie mich dabei unterstützen.«

»Mir kann niemand helfen! antwortete der Verhaftete mit tonloser Stimme. »Der Glaube meines Kindes allein kann mich nicht retten.«

»Ich selbst bin des gleichen Glaubens.«

»Sie? Wäre das möglich? Sie denken nicht, wie die anderen alle? Und die Ähnlichkeit? Die Dienstmannskleidung in meinem Schlafzimmer.«

»Scheinbeweise!«

»Dann brauche ich nicht zu verzagen.«

»Nein! Aber wenn ich helfen soll, dann müssen Sie mich unterstützen.«

»Wenn ich es kann.«

»Wo waren Sie am Vormittag des 22. Juni?«

»Ich kann es nicht sagen!«

Hans Sontheimer blieb standhaft; ein starrer Trotz lag auf seinem Gesicht.

»Ich kann Sie nicht zwingen; aber das eine dürfen Sie mir nicht versagen, daß Sie jede meiner Fragen mit einem wahrheitsgemäßen Ja oder Nein beantworten.«

»Ich weiß nicht, ob ich es tun kann!« erklärte Sontheimer, der sich damit einen Rückhalt decken wollte.

»Ich weiß vieles und habe noch nicht darüber gesprochen. Wie ich nur zu Ihnen davon reden werde, so wird niemand davon erfahren, was Sie mir verraten. Ich muß es wissen, damit ich weiß, ob ich der richtigen Fährte folge.«

Aber der Verhaftete, der schon so vieles hatte ertragen müssen, war nicht frei von Mißtrauen. Konnte das nicht eine Falle sein, in die er gelockt werden sollte?

»Was wissen Sie?« fragte er nach einer Pause der Überlegung.

»Sie waren an dem Vormittag bei einer Sterbenden, die für Sie gar nicht mehr Zeugnis geben könnte, denn in der nämlichen Nacht ist diese in Ihrer Gegenwart gestorben. Sie selbst haben dieser Ärmsten die Augen zum ewigen Schlaf zugedrückt.«

Hans Sontheimer war erschrocken zurückgewichen und streckte beide Hände gegen Steinherz aus, als könnte er damit die Worte ungehört machen.

»Das wissen Sie?« schrie er gellend auf.

»Ja!« antwortete dieser in gleicher Ruhe. »Aber nur ich! Ich kenne das Geheimnis der toten Maria Forster.«

»Der Name! Wer hat es Ihnen verraten?«

»Ich weiß, was Sie zu dieser Toten führte.«

»Ich fürchte Sie!«

Ganz leise hatte es Sontheimer gesagt, denn er mußte hören, was er allein zu wissen glaubte. Die Vergangenheit, die er nun begraben wähnte, begann nochmals aufzuleben.

»Was wir jetzt besprechen, hört niemand außer uns beiden. Niemand wird je etwas davon erfahren.«

»Und Erna?«

»Auch sie nicht.«

»Um meines Kindes willen habe ich geschwiegen.«

»Deshalb durften Erna Sontheimer und Robert Willig kein Paar werden.«

»Sie wissen es also?«

»Ich weiß, daß Hans Sontheimer mit Maria Sontheimer, einer geborenen Andersson, vermählt war. Aber schon im zweiten Jahre der Ehe hatte sie den Gatten betrogen. Ein Kind war die Frucht dieses Ehebruchs. Dieses Kind war Robert Willig.«

Aufstöhnend war Hans Sontheimer auf einem Stuhl zusammengebrochen und hatte sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt.

»Dieses Kind hat der Vater Emil Willig zu sich genommen. Sie aber haben ihr verziehen und sie nochmals zu sich genommen. Nach zwei Jahren gebar sie Ihnen Ihre Tochter Erna. Erna und Robert Willig waren Geschwister von einer Mutter. Nach Ernas Geburt ist aber Maria Sontheimer nicht gestorben, sondern mit einem anderen entflohen. Sie beweinten nicht die Tote, sondern eine Verlorene. Das Bild in Ihrem Zimmer zeigt keine Tote! Maria Sontheimer, die sich dann Maria Forster nannte, war immer tiefer gesunken, bis sie im Schmutze der Großstadt endete. Aber sie hat Sie nochmals an ihr Sterbebett gerufen, und dort haben Sie ihr verziehen und dort haben Sie der Sterbenden die Augen zur ewigen Ruhe zugedrückt.«

Eine qualvolle Stille folgte, die nur von dem schweren, keuchenden Stöhnen Sontheimers unterbrochen war. Dann aber blickte er auf, gewaltsam reckte er sich und sagte dann:

»Das ist die Geschichte. Aber nicht sie allein war schuldig, sondern auch ich hatte gefehlt. Ich war als Gatte nicht, wie ich hätte sein sollen. Doch das ist nun begraben und vergessen. Als sie dann für immer verloren war, da erst begann ich sie zu lieben. Und mein Kind lernte die Tote ebenso sehr lieben. Hätte ich nun das Bild der Mutter, das ich im Herzen Ernas errichtet hatte, zerstören sollen? Hätte ich sagen sollen, Robert Willig ist Dein Bruder, denn Deine Mutter war eine Ehebrecherin? Ich hätte es nicht gekonnt! Oder sollte ich vor dem Gericht eine jetzt Tote, die nicht mehr sprechen konnte, anklagen, nachdem ich ihr am Totenbette noch gelobt hatte, ihr Kind dürfe nie etwas von ihrer Schuld erfahren?«

»Ich kann es verstehen!«

»Wie aber hatten Sie das wissen können?«

»Teils hatte mir Emil Willig erzählt, teils gaben die Polizeiakten der toten Maria Forster Aufschluß. Als ich das wußte, und Tag und Stunde des Todes von Maria Forster, da konnte ich mir alles so zusammenstellen, wie es gewesen sein mußte.«

»Aber nie darf es Erna hören.«

»Kein Mensch! Jetzt aber besteht sicherlich kein Hindernis mehr, daß Sie auch alle weiteren Fragen beantworten!«

»Fragen Sie!«

»Wußte noch jemand von dem Vorleben der Toten?«

»Nur einer!«

»Wer?«

»Frank Esdeale.«

»Woher wußte er das?«

»Er war bei Emil Willig Bureauleiter, als die Vorfälle sich abspielten.«

»Das heißt, er wußte, daß Robert Willig und Erna die Kinder einer Mutter waren.«

»Ja!«

»Sonst nichts?«

»Es war ihm auch bekannt, daß sie nach Ernas Geburt mit einem Musiker geflohen war. Von der Maria Forster wußte er nichts.«

»Wußte er nichts davon, wo Sie an dem Vormittag waren?« fragte der Detektiv weiter.

»Aber er hatte seine Kenntnis ausgenützt.«

Hier zögerte Sontheimer etwas.

Steinherz erklärte dann:

»Wie wäre sonst aus dem Bureauleiter bei Willig der Teilhaber des Hauses Sontheimer geworden?«

Erst jetzt nickte Sontheimer zustimmend.

»Ja! Ich mußte ihm allein die geschäftliche Leitung übertragen.«

»Was war die Folge?«

»Esdeale hat Hunderttausende für sich aus dem Geschäft gezogen. Ich kam dahinter und stellte Esdeale zur Rede. Da versprach er, diese Fehler im Kassenbestand, die den Konkurs unbedingt zur Folge hatten, aufzuheben. Später dann schien alles wieder in Ordnung! Wie er das fertig gebracht hat, weiß ich nicht! Aber ich hatte das Schlimmste befürchtet. Und dies gestand er schließlich zu, wobei er die Schuld auf mich wälzte. Er erklärte, ich hätte ihn dazu gezwungen. Dabei erkannte ich erst, welch unerbittlicher Feind mir Frank Esdeale stets gewesen war.«

»Was hatte er getan?«

»Bankanweisungen gefälscht.«

»Kamen diese nicht auf?«

»Nein!«

»Sie wußten es?«

»Ja! An dem gleichen Tage, als der Mord geschehen war, als ich von dem Sterbebett von Maria Forster gekommen war, da hatte er es mir gegenüber gestanden. Ich habe dazu geschwiegen, denn ich fürchtete, er könnte bei Erna alles verraten. So habe ich mich zu seinem Mitschuldigen gemacht.«

»Konnte er diese Fälschungen allein ausführen?«

»Nein! Ich fürchte, Rudi Tornay war sein Mithelfer. Tornay ist ein Nichtskönner und doch hat ihn Esdeale zum Bureauchef gemacht.«

»War Robert Willig irgendwie an diesen Geschäften beteiligt?«

»Nein!«

»Dieser konnte also bei dem verbrecherischen Treiben von Esdeale und Tornay keine Rolle spielen!«

»Nein!«

»Robert Willigs Mord kann also damit in keinerlei Zusammenhang stehen?«

»Das halte ich für ausgeschlossen.«

»Wie erklären Sie es sich, daß die Kleidung des Dienstmanns 849 in Ihr Schlafzimmer gekommen ist?« fragte Steinherz unermüdlich weiter.

»Nur der Mörder kann sie dorthin geschafft haben,« versicherte der Finanzier.

»Wer hatte Gelegenheit, ungestört in Ihr Schlafzimmer zu kommen?«

»Mein Diener! Schließlich auch jeder Besuch, der die Räumlichkeiten meiner Wohnung kannte.«

»Die Schrift des Brieffragments, das Ihnen vorgelegt worden war, ist Ihnen nicht bekannt?«

»Nein!«

»Wie hatten Sie von dem nahen Tode von Maria Forster Kenntnis erhalten?«

»Einige Briefzeilen ihrer zitternden Hand baten mich, sie aufzusuchen, um ihr vor dem Tode noch Verzeihung zu bringen.«

»Wer hat Ihnen den Brief übergeben?«

»Mein Diener Emil, der ihn von dem Postboten empfangen hatte.«

»Wann war das?«

»Am Abend des 21. Juni.«

»Wie lange steht Emil schon in Ihren Diensten?«

»Seit zwei Monaten.«

»Haben Sie vertrauen zu ihm?«

»Ja!«

»Ist Ihnen bekannt, welchen Verkehr Robert Willig hatte?«

»Häufig war er bei uns geladen. Sonst war er im Klub der Geselligen.«

»Gab es in seinem Leben etwas, was man einen dunklen Fleck nennt?«

»Mir ist nichts bekannt.«

Damit brach der Detektiv das Verhör ab.

»Habe ich jetzt soviel erfahren können, so werde ich auch das letzte Hindernis noch beseitigen. Der Weg, den ich noch machen muß, ist mir klar vorgezeichnet. Was er aber bringen wird? Hoffentlich die glücklichste Lösung.«

Dann war der Zellenwärter erschienen, der Hans Sontheimer wieder zurückführte, während Steinherz sinnend und grübelnd die Treppe hinunterstieg und das Gefängnis verließ.

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