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Ein selbsterzšhltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzšhltes Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzšhltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Ich werde geschoben

Es gingen Zuckungen in mir vor, daß alles sich fieberhaft und wütend umwälzte. Ob sie wirklich aus der beglückenden, oft aber quälend ratlosen Wachheit kamen, wie ich nicht anders denken konnte, oder ob es Zustände einer noch ungelösten Schlafgebundenheit, ein Gähnen und Recken vor der Entpuppung waren – es geschah mit mir zu meiner Not und zu meiner Lust – ein gewiß nicht scheinfrommer Jüngling und dabei immer zu Narrenspäßen aufgelegt, wohlbehaglich mit der ererbten väterlichen Pfeife und lieben Büchern in die Häuslichkeit eingeschmiegt, ein ebenso guter wie schlechter Sohn und Bruder, ein rastloser Besinger von Familienepisoden in gutgemeinten Reimen und immer wieder vom scheuchenden Pochen eines Fingers aus irgendwelcher dunklen Verborgenheit gestört, Grenzenlosigkeit fühlend in der engen, ach wie engen Wirklichkeit. Einem Stück oder mehreren Scheiten Buchenholz verhalfen meine Finger mit zufriedenem Getue zur Form eines Tieres oder Blattes und bewahrten sie vor dem Ofen. In der Werkstatt des Steinmetzen Busch uns gegenüber boten sich Bruchstücke von Grabsteinen zu allerlei schnurrigen und kindlichen Gestaltungsversuchen an. Meister Busch lobte zwar die ehrliche Ruhe meiner Hand, aber die einzelnen graden, nicht zu schlank und nicht zu fett ausgefallenen Buchstaben auf einer höllisch blank polierten Marmorplatte als Weihnachtsgabe für meine Mutter waren von seiner zünftigen Hand – auf die halbwegs unauffällig mitlaufenden geringeren durfte die meine stolz sein. Es waren friedlich belebte und mit leiser Inbrunst gefüllte Stunden, wenn ich mich so dem schönen Belieben ohne Selbstkritik überließ, meine Nase hielt wohlgefälligen Umgang mit Holzspänen und Sandsteinstaub, und die Welt war ein Kämmerchen für meine Selbstbescheidung, wo ich ohne Arg hantierte und eine Art Entfaltung mit der Gläubigkeit der Pflanze geschehen ließ. – Übrigens stelzte ich mit sehr steilem Rückgrat und steifem Nacken durch die Schönberger Straßen und machte mir eine Pflicht daraus, jener Partei des Städtchens, die gegen meinen Vater auf Seiten der zwei Herren Dr. Marung, Vater und Sohn, gestanden, wie diesen beiden selbst eine deutlich redende Kehrseite zu zeigen.

Ein unschuldiges Verslein brachte ich auf für die drei gemeinsam aus- und einziehenden Laienjäger Schacht, Scher und Duft: Duft, Scher und Schacht – de gahn up de Jagd – Schacht, Scher und Duft – de scheeten in de Luft – – Duft, Schacht und Scher – da kamt's all wedder her.

Auch den Bürgermeister, den schon mein Vater für parteiisches Verhalten mit einem lebend gebliebenen Wörtlein gestraft hatte, meinte ich, in der albernen Hochgeschätztheit allerseits beunruhigen zu müssen, holte weit aus zu einer geballten und doch scheinbar unbeholfenen, volkstümlichen Abfertigung in Knüppelversen, fand mich aber erst im Aufflug, als die Kraft des Vorsatzes schon erlahmt war.

Dann trat Friedrich Düsel, als Primaner zu Besuch bei Verwandten, auf den Plan, einem jungen Goethe gleich, uns alle mühelos überstrahlend, siegend durch raschen und regen Geist und – wie viele meinten – allzu gewagte Betonung seiner Persönlichkeit – frühreif und sicher im Umgang mit den respektiertesten Gewalten über uns –, so trat er daher, ein Anstoß für alle mündigen und unmündigen Angehörigen der Kaste, denen ein »Meenert«, d. h. einer, der sich für etwas Besseres hält und danach aussieht oder sich so gebärdet, ein gräsiges Exempel von Wichtigmacherei bedeutet. Düsels mit Mund-Nasenfalte schon bedeutungsvoll gezeichneter Kopf drehte sich auf zierlichem Bau, auch stieß er bei jedem seiner wohlgesetzten Schritte einmal mit dem flotten Hute leicht an den Himmel – und mich zog er mit sicherem Griff an seine grüne Seite.

Ich horchte auf und merkte flink, daß mir selbst alle Form fehle. Wir entfesselten einen stürmischen Briefwechsel, duzten uns überschwenglich und weihten uns gegenseitig in die aufregenden Zustände unseres Wesens, Lebens und Strebens ein – und, seltsam zu sagen, die frischweg am ersten besten Platz gegründete Freundschaft war nicht auf Sand gebaut und kam auch durch die Zeit nicht zu Fall. Wir schifften, mündlich und brieflich zu Werke gehend, flott auf die Höhen der Literatur, schaukelten lustig auf und ab, hegten uns willig in gutmütiger Gegenseitigkeit, und ich durfte mich, alles in allem, beglückwünschen zu einer kritischen Vormundschaft, die mir das Genügen an meinem bisherigen Daherklappern mit Wort und Reim dergestalt eintränkte, daß ich anfing, meine beste Lust als Spiel zu beargwöhnen, und überrascht mit der Nase an die unterste Sprosse einer Leiter stieß, die das bequeme Schlendern auf platter Erde nicht weiter zuließ. Freilich blieb ich einstweilen da unten hocken, aber der mir eingegebene unermeßlich gute Wille, die schicksalhaft mir gehörige Zähigkeit, eine Art Fluch zum Wollen, dem ich untertan bin, im Verein mit der Länge der Jahre, nötigten mich unerbittlich auf zur zweiten, andern und weiteren Sprosse.

Und so geriet ich unversehens ins achtzehnte Jahr, sollte die Schule absolvieren und dem Vormund auf die Frage nach der Berufswahl eine billige Antwort geben. Das Examen berechtigte zur Fortsetzung des Klassendaseins in der Unterprima einer höheren Anstalt, und die meisten meiner Vorgänger wurden, wenn sie direkt zum Beruf übergingen, Tierärzte, Postleute oder subaltern auf andern Beamtenbahnen. So lief meine Unentschlossenheit, einem ratlosen Mäuslein gleich, auf Treppen und Gängen gleich trostloser Möglichkeiten auf und nieder, ohne daß mir nur von ferne der Gedanke an Künstlertum gekommen wäre, als sich ein hilfreicher Zufall an mich machte, mir auf die Schultern klopfte und einen bündigen Fingerweis gönnte, dessen Richtigkeit allerseits anerkannt wurde. Der Sohn des Kantors Hempel hatte sein Zeichentalent an der Hamburger Gewerbeschule mit Erfolg gepflegt, hier war eine »gewerbliche« Bahn aufgetan, die das Glücken eines bescheidenen Vorsatzes wahrscheinlich machte. Der Herr Zeichenlehrer riet zu, der Vormund fand kein unstatthaftes Zuhochhinaus zu bemängeln, ich folgte fast mehr dem Willen der andern als dem eigenen, die kindliche Welt wurde hinter mir abgeriegelt.

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