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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich erzähle

... aber ich erzählte. Wenn wir abends alle vier unser Gebet getan hatten, wohlzugedeckt und für die Nacht besorgt waren, dann ging es los. Es wurde erzählt, natürlich aus freier Faust heraus und sonder Zensur. Höchstens Niko schnarchte ins Ende hinein, aber sonst hielt die Dunkelheit, wie mir schien, einen ganzen Buschwald von Ohren aufgespannt.

Ich erzählte die Geschichte vom schwein'schen Indianer, kurz und bündig, und leistete absichtslos eine Satire auf die epidemische Indianertümelei, ich häufte die Legenden von Ernst Bärlein auf Goldensee, der mich einmal in den Ferien aufs väterliche Gut geladen hatte in der irrigen Vorstellung von meiner zuverlässigen Gutartigkeit. Manches hatte ihn schon befremdet, aber als ich mir herausnahm, beim Angeln einen stattlichen Brachsen zu fangen, gegen den sein zutage gebrachtes Wassergewürm allzusehr abfiel, kehrte er mir die Seite seiner Ungnade zu.

Dann erwuchs weiter das Epos »Kuhgesicht« – Kuhgesicht war der Beiname eines unserer Lehrer, den die Schüler für alle Zeit dafür brandmarkten, daß er sich in einer verhängnisvollen Sekunde hatte hinreißen lassen, einen Schüler »Du Kuhgesicht!« zu schimpfen – Kuhgesicht in den peinlichsten Lagen zu zeigen, machte den Inhalt meines Epos aus, und wir Armen, ich und meine Brüder, löffelten die vielen Suppen der tröstlichen Rache mit der Feststellung, daß Recht doch Recht geblieben war.

Um diese Zeit kamen wir einmal aus der Schule heim und wurden bedeutet, daß unsere Mutter abwesend sei, auf kurze, vielleicht auf längere Zeit. Wir antworteten nicht, fragten nicht und taten zueinander, als sei da alles auf dem sichern Boden des Notwendigen, und mein Vater, der wissen mußte, was er über seine Frau verhängt hatte, schwieg seinerseits in der gleichen Scheu vor Gefühlsäußerungen, die er bei uns dankbar respektierte, nur, daß er mich von Zeit zu Zeit aufforderte, einen Weihnachts- oder Geburtstagsbrief zu schreiben.

Habe ich von Kuhgesicht gesprochen, so kann Tiek nicht übergangen werden, Tiek mit dem Menschenaffenbart, dieser Schulmeister von altem Schrot und Korn, der zur Andacht früh auf der Orgel aufs schönste präludierte, aber zur Einleitung des Unterrichts zuweilen ohne erkennbares Übelwollen zum Pult ging, den Stock hervorholte und die ganze Klasse verprügelte – gemütlich, selbstverständlich, »doch man so«, weil Prügeln gut tut, sowohl dem, der gibt, wie dem, der nimmt. Demnächst blies der Wind seiner Laune einen andern Strich, dann gab es Halloh, und wir unterbrachen Rechnen, Singen und Zeichnen, um dem andern Tiek, einem leibhaftigen Narren, seine eigenen Faxen widerzuspielen. Wir kollerten auf die Bänke nieder, wenn wir nach dem rechten auch das linke Bein in die Luft strecken wollten, wie Tiek vorschlug – aber nach manchen bösen Montagsstunden standen wir Sextaner auf dem Korridor zuhauf in der Pause und wiesen einander mit ernsten Mienen die Folgen des genossenen Unterrichts. Dem einen waren die Frostfinger wundgeklopft, und es geschah Paul Siebenmark, daß ihm gerade an dem Morgen nach der Sterbenacht seines Vaters unseres Tieks Würgerseele ganz besonders kund und offenbar wurde.

Bock, Herr von Neuvorwerk, wußte nicht, wie er dem Übel, unter dem auch seine Söhne seufzten, abhelfen sollte – ein Kalb als Opfer war ihm zu teuer, eine Gans zu gering, und so unterblieben selbst solche zahmen Versuche, dem Sadisten das Handwerk zu legen.

Unser Direktor meinte es gewiß gut, aber er hatte seine besonderen Begriffe von Hinanführung der Jugend, wenigstens erinnere ich mich einer seltsamen Regung, als er zur Andacht den Bibelabschnitt der Geschichte von Lot und seinen Töchtern vorlas, die aufgereihten Lehrer blickten betreten, was ich genau beobachtete, denn ich stand als Sextaner vornean.

Konrektor Hornbostel, ob seiner Dürre Snieder genannt, stand unter ihnen allen aufgereckt wie ein Gevattersmann der alten Zeit im langschößigen Rock mit Vatermördern da, ein hochgezüchteter Rest ironisch überlegener Geistigkeit, ein Gelehrter von Stil und ein rettungsloses Original. Alle wir dummen Jungen tanzten ihm auf der Nase, aber er kam und ging mit nobler Getragenheit, als wärme er in den Taschen seiner Rockschöße die schonungsbedürftigen Überbleibsel einer besseren Zeit.

Kuhgesichts markanten Bartwuchs aber schmierte ich hundertmal an die Wände des Gymnasiums, und auch sonst begann in mir etwas spürbar zu werden, was nach Form verlangte, und ich schwamm zeitweise in der rettenden Sehnsucht nach irgend etwas, das durch mich geschehen sollte.

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