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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Das Haus

Nach kurzer Zeit zogen wir aus der Seestraße in das alte Haus mit dem hohen Dach, das ich mein Vaterhaus nenne. Es lag abseits neben der Stadtkirche und war auf dem ehemaligen Grabplatz gebaut. Zur anderen Seite lagen die Gärten und Abseiten, Scheunen und verlorenen Orte des Landratsamts, und es barg Winkel und Verschlage, Böden und Finsterräume, allzu erwünscht für ein Gemüt voll Ahnen und Grausen – Schicksal brütete in diesem Hause, ein dunkles, herrliches und schlimmes Wesen machte sich ans Werk und ordnete nach seiner Einsicht den Zustand der Familie des Dr. Barlach. Hierzu genügten ihm die Jahre von 1878 bis 1884.

Mein Vater war ein ziemlich kleiner, scharfer, feuriger, schwarzlockiger Herr, schnell bereit, in allen Dingen Ernst zu machen, und drauf und dran, mich in eine Kadettenanstalt zu tun, als ich seinen Verdacht erregte, es auf einen Taugenichts anzulegen. Diesem Plan widersprach meine Mutter, die niemals müde wurde, meine tausend Ungebärden mit Geduld zu umhegen, üble Vorzeichen mit Glauben zu segnen und Geschehenes auf dem Friedhofe ihres grenzenlosen Vertrauens zu begraben.

Die Ehe der Eltern war so glücklich wie eine Ehe sein kann – und nicht minder unglücklich. Die behagliche Kindersituation in der Schlafstube, wenn im Wohnzimmer heiteres Gespräch ging oder mit dem Lampenlicht durch Türritzen Bruchstücke aus David Copperfields lustleidigen Kinderzeiten schlichen, wechselten mit bitterlich anderen.

Herr v. Bülow von Kogel, der sich auf seinem Gute langweilte, nistete sich ein und trank in später Nachtstunde dem schlafbedürftigen Doktor den Wein aus, den er sich in Kogel verdient hatte. Und da gab es eine andere häßliche Stimme im Hause, die aus der Kehle und von der Zunge der Nachtglocke. Ihr war es gegeben, das beglückt-unbewußte Schweigen des Dunkels der im Hause ruhenden Nacht zu verscheuchen. Das wachende Kind dachte, sie müsse sich heiser heulen, bis endlich noch jemand erwacht, bis endlich gefragt wird und Antwort kommt: »Na Schlagsdörp, Hä Dokter, na'n Buern Sötbeer b'in Diek anne Schasseh.« – »Je, wat fählt em denn?« – »Hei is bannig leeg, Hä Dokter.« – »Je, ick will äwer weeten, wat em fählt, dat ick wat mitnähmen kann, wo hett he Wehdag?« – »Hei is bannig leeg, Hä Dokter.« – »Na, denn gah man hendal na de Schün und wak den Kutscher op, ick bün glik farig–.«

Und dann will der Wagen immer noch nicht kommen, denkt das wachgewordene Kind, bis endlich Pinaks und Lieses verschlafene Hufe durch die Stille trappeln und der Wagen nachschleicht und endlich was im Dunkeln davonrumpelt, als hätte die Nacht Kolik im Leibe und es ginge ihr holtergepolter was ab.

Nein, das Ideal meiner Mutter eines Seins auf einsamer Insel lebenslang in trauter Gemeinschaft mit dem geliebten Mann fand auch in Ratzeburg keine Erfüllung. Gesellschaft tat ein übriges, um Kinder vor Eltern, Eheleute voreinander fremd zu machen.

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