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Ein selbsterzšhltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzšhltes Leben - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzšhltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Ich lerne schreiben und lesen

In Ratzeburg taten sie mich und Hans in Tante Lomeyers Spielschule am Dom, gehalten in einer mittelalterlichen Backsteinkluft, in die man sich von der Turmseite des alten Baues hinabschachtete, wenn man nicht lieber vom Palmberg aus durch einen Stufengang hinaufstolperte. War es auf dem Schulwege kalt, so erstarrte meinem Bruder wohl der Mut, und da er beim Weinen nicht auch noch gehen konnte, so mußte er stehenbleiben – das war seine Art, unsere Lage klarzulegen. Ich verstand seine Meinung prompt und widerlegte sie mit Faustschlägen.

Bei Tante Lomeyer hatte ich nichts anderes zu tun, als mein Lesen zu vergessen; denn ich hatte doch schon auf der Schönberger Schule die Nase ins Buch stecken müssen, in der Septima des Gymnasiums wurde ich auf dem Buchstabenweltmeer dann endgültig flott. Auch Schreiben durfte man mir zumuten, zunächst auf Schiefer, und so habe ich damals auf der Schiefertafel meine erste erzählerische Spielerei gestümpert. Als im nächsten Jahre diese Übungen in blauen Heften mit Tinte und Blei vor sich gingen und ich mit unserem Mädchen zum Einkauf in einen Laden kam, da lief mir beim Anblick dieser für mich erhandelten Werkzeuge warmes Wohlgefühl übers Herz – ich merkte was von gutem Umgehen mit so herrlichen Sachen.

Ratzeburg ersetzte mir in geläuterter Form meinen Edmund Steffan, und obendrein doppelt; denn da erwarteten mich Vetter Richard und Hans Hudemann und führten mich nicht in stinkende Höfe und Hinterwinkel der Häuser, sondern in den Wald zu einem braven Waldläufer- und Indianerleben. Am Waldrand längs der Einhäuser Chaussee hatten wir unseren Wohnbaum, nach vernünftiger Ordnung ich auf einem unteren, jeder auf seinem Ast für sich, bloß eine bequeme Gabelung für gelegentliche Bedürfnisse war gemeinsam. Von hier herab brachten wir mit räuberischen Tönen den Wanderer fast um, beschlichen voll arger Absicht die unschuldigen Eingeborenen und übten eine gemütliche Indianerphantasie gegen jede vorkommende Harmlosigkeit. Beim Streifen durchs Fuchsholz aber fiel mir die Binde von den Augen, und ein Wesensteil des Waldes schlüpfte in einem ahnungslos gekommenen Nu durch die Lichtlöcher zu mir herein, die erste von ähnlichen Überwältigungen in dieser Zeit meines neunten bis zwölften Jahres, das Bewußtwerden eines Dinges, eines Wirklichen ohne Darstellbarkeit – oder wenn ich es hätte sagen müssen, wie das Zwinkern eines wohlbekannten Auges durch den Spalt des maigrünen Buchenblätterhimmels.

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