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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich werde hörig

Nach ein paar glücklichen Jahren verzogen meine Eltern mit uns nach Schönberg, des Fürstentums Ratzeburg Hauptstadt. Die Zwillinge trafen ein, Joseph und Nikolaus – und ich entdeckte die Welt außerhalb des Hauses.

Mein Vater mußte sich mit seinem Kollegen, dem älteren Dr. Marung, schießen, meine Mutter empfing von ihren Kindern so viele Pflichten, daß sie mit aller erdenklichen Vorsicht wohl die Frage tat, ob denn die Welt für sie bloß noch Kinderklein, Geschrei, Darmtücken, Kleidernässen und Krankenwartung übrig habe – ich warf mich ins Mäntelchen und erklärte: »Nu geit' Juhlen all wedder los« – und ging auf die Straße. Hier nahm mich Edmund Steffan in Empfang und ließ sich meine Unterweisung in seiner Art von Lebenskunst viel Mühe kosten, und ich war gelehrig und ward hörig.

Einmal sollte ein gefundenes Hufeisen zu Geld gemacht werden, und ich wurde damit in die Schmiede geschickt, wo es der Geselle nahm und zu andern warf. So war es aber nicht gemeint, und Edmund Steff an ließ mein Kommen mit leeren Händen nicht gelten. Er scheuchte mich zurück, und ich verlangte Bezahlung. »Kumm«, sagte ermunternd derselbe Geselle, ließ seine rußigen Hände vom Blasbalg los und gab mir eine Maulschelle. – Aber Geld wurde doch beschafft, wenn auch auf andern Wegen.

Der Milchmann ließ in der Küche Wechselgeld zurück, und das lag auf der Tischplatte wie für uns bestimmt da. Was wir nicht sogleich für Lakritzen aufbrauchten, verbargen wir unter Blättern in den Kübeln der Oleanderbäume vor des Krämers Laden. Dann aber holte ich aus eigener Eingebung zu einem Hauptstreich aus. Ich ließ mir von meinem Vater, der mit Pastor Ohl aus Seimsdorf bei dickem Zigarrenrauch Gespräche über »hohe heilige Dinge« führte, einen »Taler für Bier« geben, eine Besorgung, die mir schon öfter aufgegeben war, wenn der Mann mit den dreißig Flaschen Aktienbier im Korbe kam. Vater entäußerte sich seines arglosen Talers, und ich damit flott zum Kaufmann Ott und für den Taler dreist Lakritzen verlangt. Als ich aus der Tür trat, hatte das Schicksal, das seine Rache nicht hastig genug betreiben konnte, Pastor Ohl zur Stelle gebracht. Pastor Ohls Hand langte nach meiner mit dem geliebten Naschkram und überlieferte mich der meines Vaters, eines heftig erzürnten Vaters. Das Gelump flog zum Fenster hinaus, und mir kam zu, was meine Tat wert war.

Es gab noch andere Gelegenheiten, schuldig zu werden. Hinterm Hause der Teich war eine Welt voll Wunder, und überm Wundern fand man sich unversehens als aus dem Wasser gezogenes Kind geborgen, aber nicht bedauert, denn es war streng verboten, ins Wasser zu fallen; wer es dennoch nicht ließ, bekam Schläge. Einst war Edmund Steffan vom Steg geglitten, und wir zwei Retter, Hans und ich, hielten uns verzweifelt an seinen Beinen fest, unbehilflicher als er, der mit dem Kopf unter Wasser lag und sich ohne uns wohl leichter herausgeholfen hätte. Mich hatte es ein anderes Mal erwischt, und bald lag ich trocken im Bett und wartete. Vater kam heim, und ich hörte ihn mit forschen Schritten, wie es seine unverkennbare Art war, herantreten. Ob er den Stock mitbrachte, weiß ich nicht, denn gewillt, dem Verhängnis auf einem gangbaren Wege auszuweichen, tat ich die Augen zu und stellte mich, zwar nicht tot, aber schlafend, und tat es so lauter, daß alles eine freundliche Wendung nahm. Vaters Schritt wurde sanft, er hielt inne und bog vom Wege des Rechts ab. Leise ging die Tür, und ich fand es gut so.

Aber im Winter bekam der Teich seinen kalten Meister, und das Eis bot uns erlaubte Bahn. Mich, mit dem väterlichen Verbot des Ertrinkens im Kopfe, überkam die Vorstellung, daß wohl auch der Vater einmal schuldig werden könne, als er mit andern Herren in der Dunkelheit auf dem Eise geblieben war, und ich rannte in der Gitterbettstelle auf und ab und schrie meiner Mutter in die Ohren: »Barlach ist tot, Barlach ist tot!«

Übrigens faßte ich ganz ohne Anleitung eines Edmund Steffan in Schönberg die Idee des Selbstmords. Wenn es mit mir, wie nicht ausgeschlossen war, zum Soldatwerden kommen würde, da sollte man schon sehen: »Ich gehe ins Zarnewenzer Gehölz und finde eine alles schnell ordnende Giftpflanze.« Oder: »Da kommt ein Wagen die Straße herunter, was nötigt mich auszuweichen, ich kann mich ja beliebig totfahren lassen.«

Und noch andere Spiele eines flügellüftenden Nesthäkchens von Seele. Beim Gang ins Zarnewenzer Gehölz beobachtete meine Mutter, wie ich mit einer Gerte die Klettenpflanzen des Grabens peitschte und murmelnd immer dasselbe versicherte: Sag die Wahrheit, sagt meine Mutter zu mir – sag die Wahrheit ...« Was sie danach als Erklärung aus mir herauslockte, war dieses: ich hatte einem andern Jungen Kletten ans Zeug gesetzt, weswegen seine Mutter gewiß fragen würde, wo er denn gewesen sei, und er, leugnend, im Wald oder Feld herumgetrieben zu sein, bei offenbarem Lügen erwischt, angefahren werden würde: »Sag die Wahrheit!«, was er mir als dem schadenfrohen Anstifter mit den Worten hinterbringen würde: »Sag die Wahrheit, sagt meine Mutter zu mir.«

Edmund Steffan wurde von Zeit zu Zeit unsere Treppe heraufgeboten. Dann gab ihm meine Mutter ein gutes Butterbrot und fügte eine Pauke hinzu, die er mit scheelen Blicken ausdauerte, solange das Kauwerk arbeitete. Sie änderte nichts an ihm, aber ich wurde anderweitig hörig.

Wollte ich die stärkere Gewalt, der ich verfiel, selbst nicht weitläufiger schildern als Edmund mit seiner Großmäuligkeit und seiner holpernden Rede, mit der, soviel davon er auch vertat, sein Hals verstopft zu bleiben schien, so dürfte ich für immer am Schreiben bleiben. Des Wetters Däumling war ich wohl längst, den es, in welche Falte seiner Farbigkeit, in welche Tasche seiner Räumlichkeit es wollte, zu seinem unaussprechlichen Genügen stecken konnte. Die Sattheit und Schwere der Wedeler Marschen, die Elbfernen, sind mir fortgeschwemmt, aber die Schönberger Tage und Nächte sind schon auf festen Erinnerungsboden gekommen.

Um die Zeit, wo seine Söhne einen Podex nachweisen konnten, der den Strapazen gewachsen war, ließ mein Vater sie zur Teilnahme an der Praxis zu, natürlich zur Landpraxis, die jetzt mit Fuhrwerk besorgt wurde – und da bin ich denn wirklich einmal bis ans Ende der Welt gekommen. Ich wußte bestimmt, daß das Hinschweifen durchs raumlose Dunkel am Rande der Wirklichkeit stattfand, und hatte viel, viel Zeit, über solche Selbstverständlichkeit des Unwahrscheinlichen ohne Ablenkung nachzudenken, denn gesprochen wurde auf all diesen Landfuhren fast nie.

Ich kam zu großen und kleinen Leuten, zu Bauern und Herren, sah Menschen und Dinge unter niedrigen und stattlichen Dächern und lernte – Geduld und Warten, denn der Dr. Barlach betrieb nach seiner eigenen Formulierung keine Dampfdoktorei und vergaß an Krankenbetten frierende Pferde, Kutscher und Kind. Ich meine, die beste Erziehung liegt im Beispiel wertvollen Tuns, und Kinder haben außer Augen und Ohren noch mancherlei empfangende Organe. Es braucht nicht beim Verschlucken von Knöpfen, Zigarrenstummeln und Auflesen der Leckereien vom Mistberg zu bleiben.

Einmal sah ich nach räderndem Verlauf mancher Stunde von einem Steg in einen grünlich-unvergeßlichen Wasserabgrund, sah von sicherer Sandigkeit eines Ufers jähes Hinabgleiten der Welt in Bodenverlorenheit, und als später mein vergnügter und befreiter, von Zuversicht gleichsam angeheiterter Vater zu mir sagte: »Wir ziehen nun bald nach Ratzeburg«, da fragte ich hellhörig zurück: »Ist das da, wo das schöne Wasser war?« – Das war es.

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