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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
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Ich finde freie Bahn

Schon als wir durch Warschau zum andern Bahnhof über die Weichsel fuhren, schüttelte mich die Beglücktheit des selig Erwachenden, der noch die Pein des mühsamen Sterbens nicht vergessen hat – ich sah, daß das Feld schnittreif meiner harrte.

Ich dachte: sieh, das ist außen wie innen, das ist alles ohnemaßen wirklich. – Und trotz Fieber und endlosem Bruderzwist fraß ich wie ein Gezücht und Landplage alle Erscheinung von Stadt und Steppe in einen unersättlichen Hungersack, in der Glut eines andern Fiebers, einer Angestecktheit nicht durchs Klima, sondern aus unheilbarem Verfallensein, für das ich bis zur Wehrlosigkeit zugerichtet war.

Hockende Bettlerin, Holzschnitt, 1918
Motiv aus den russischen Taschenbüchern von 1906
10,2 X 7,9 cm
Aus der Folge zu Reinhold von Walters Gedicht »Der Kopf«,
Blatt 7 Verlag Paul Cassirer, Berlin 1919

Nichts Fremdes oder Bestürzendes – alles war mir wie lang vertraute Kunde, aufgeschlossen, preisgegeben, widerstandslos meinem Gefallen und Belieben erbötig.

Ich finde es überflüssig, mich gegen die Legende zu wenden, daß ich »erst durch Rußland« zum plastischen Ausdruck geführt sei – oder wie man sowas sonst formuliert hat. Die Tatsache besteht, daß die Wirklichkeit für mein Auge plastische Wirklichkeit war und daß ich mein bisher unbefriedigtes Bedürfnis mit mir heranführte, Bereitschaft und Fähigkeit zum Sehen nicht der andern, sondern der plastischen Werte. Rußland gab mir seine Gestalten, aber freilich und vermutlich bin ich nicht ohne Anteil an dem Sosein des endlichen Ausfalls, denn als ich zurückkehrte und die ersten beiden Bettler, diese Bettler, die mir Symbole für die menschliche Situation in ihrer Blöße zwischen Himmel und Erde waren, in Friedenau im alten Stübchen anlegte, drang der alte Zweifel zu: wird das nun auch endlich wirklich Plastik oder wieder Modellierarbeit? Restlich mußte doch nicht schlecht gekämpft werden, und der Dumme mag glauben, daß die in Rußland gewonnene Form aus der reichen Hand beiläufig und trinkgeldmäßig in meine arme gelegt sei.

Form – bloß Form? – Nein, die unerhörte Erkenntnis ging mir auf, die lautete: du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck, wie denn wohl in Rußland eines oder beides verwirklicht ist.

Als ich heimkehrte, konnte ich meinen Sohn sehen, und während ich am ersten Tonbilde arbeitete, machte ich mich an das Drama vom »Toten Tag«.

Im Frühjahr 1907 stellte ich zwei von Mutz gebrannte Terrakotten in der Berliner Secession aus.

Es gab ein Aufatmen in meinem Gemüt und einen hübschen kleinen Tumult in meinem Kopfe, als ich mit zwei solchen Püppchen, wie die feiste Bettlerin und der betend lamentierende blinde Bettler waren, den Beifall eines halben Dutzend Männer fand, deren Urteil ich nur zu gerne als unzweifelhaft verläßlich ansah. Der über alle Maßen selbstlose August Gaul zeigte fast mehr Freude über diesen Anfang, als ich selbst haben konnte. Er baute seiner erstaunlichen Produktivität gerade das Heim am Roseneck – ein Mensch, an dem Zeit und Weile vorüberglitten, als sei er ihnen nichts schuldig, immer voll der Muße einer wie unbewußt selbsttätigen, unangetriebenen Seele, mit gleichzeitig arbeitenden Händen, waltend bei Telephongeschrei, Kindergeläut und dem Getrappel seiner kommenden oder scheidenden Besucher – Träger des geheimnisvollen Glücks, ohne Qual und Problem vollkommen in seiner Art zu sein. Bei ihm, an einem Sonntagnachmittag, wurde ich mit Paul Cassirer bekannt.

Ich hatte mich mit dem Esel und seinen kindlichen Tyrannen im Hof getummelt und ging hinein, um mich zu verabschieden. Gaul, Tuaillon und Cassirer standen qualmend im Dampf eines jener berühmten Gespräche, die auch damals schon der eine von ihnen begann, entspann, leitete, fortführte, belebte, erweiterte, verwickelte und auch beendete, wenn ein Ende unvermeidlich war. Cassirer kam mit mir ins nächste Zimmer und forderte mich auf, ihm Arbeiten zu senden. Da ich indes keine vorrätig hatte, so unterblieb auch ihre Absendung, und es verging ein halbes Jahr, wo mich denn Cassirer zu einem Besuch aufforderte und mir ein Abkommen vorlegte, nach dem ich meine zukünftigen Arbeiten ihm übergeben sollte. Ich schlug zwar ein, und es war reichlich Grund vorhanden, um diese neue Gelegenheit zum Aufatmen in meinem Gemüt willkommen zu heißen, aber es blieb zwischen uns einstweilen bei einem sehr gewissenhaften Beobachten unseres Vertrages.

1909 bezog ich ein Atelier in der Villa Romana in Florenz, wohin ich eine vorbereitete Arbeit überführte, begann und beendete, und wo ich in unerschütterlicher Selbstgerechtigkeit, erst mit der Axt, dann mit dem Meißel in Holz weitere Stücke vorbereitete, begann und beendete.

Eines schönen Tages lag die majestätische, vielpfündige Inkarnation des Däublerschen Sterngeistes hinter den schmierigen Marmortischen des Café Reininghaus, lag da wie ein ausladendes Inkognito eines exotischen Machthabers breit im halbdunkeln Hinterhalt, im Versteck vor Hetze und Qual des Daseins, ein Alleswisser und Nichtsbesitzer, in seiner Höhle voll trauriger Behaglichkeit des Lebens ohne Lebensnotdurft froh. Das zwölfjährige Werden, das Ausstoßen des »Nordlichts« war vollbracht, aber die Zukunft des »Nordlichts« war dunkel, und Zweifel über das Kommen seines dreibändigen Leibes schüttelten Däubler und nährten seine chronische Panik.

Moeller van den Brück saß im selben Sommer an denselben Marmortischen, hielt die Fäden der Verhandlung und zeigte in Däublers und eigenen Dingen den noblen Stolz eines Vertrauens, das sein Recht in der Absolutheit einer schaltenden Notwendigkeit erkennt. Noch im gleichen Sommer begann der Druck des Werkes, und es geschah mit wunderbarer Grandezza, daß Däubler dem korrekturlesenden Moeller-Bruck Verskatarakte und Sternstürze aus Weltkernen als unerläßliche Ergänzungen des Ganzen in die Hände schob.

Öfter zogen wir zusammen durchs toskanische Land und »arbeiteten«, wie Däubler das nannte, uns durch die Städte und ihre Offenbarungen. Wohl erkannte ich die Schönheit der italienischen steinernen Strenge, ihre edle Verstaubtheit, die silberne Schwermut der in Türmen kristallisierten Marmorbrüche, die Greifbarkeit des städtischen Behagens in der Fügung von Platz und Straße, das musikalische Formspiel des Raumes – aber an einem düsteren Dezembermorgen desselben Jahres stand ich seltsam ernüchtert wieder auf dem Potsdamer Platz. Es fröstelte mich vor der Unliebsamkeit von Ort und Stunde, aber ich spürte in ihrem Anhauch eine Aufforderung und Verheißung. Solche scheinbaren Abschreckungen mögen bärbeißig heißen und bewirken doch eine heilsame Hinlenkung auf das unverlierbare Eigene – ein frostiger Dezembermorgen kann ein Spiegel sein: wie man sich erkennt, so sei es hingenommen, und so muß es durchlebt werden.

Cassirer saß mir an einem Tage des folgenden Jahres in seinem Zimmer gegenüber und befragte mich um den Grund meines zurückhaltenden Betragens. Ich offenbarte ihm den Gemütszustand eines besseren Wilden gegenüber seiner vielfach verknoteten und geschichteten Wesenheit. Darauf öffnete er den Mund und forderte mit natürlich heiterer Feierlichkeit mein Vertrauen, in einer geraden Unverhohlenheit, gegen die ein Widerspruch der letzten Instanz aus der Tiefe in mir nicht erfolgte.

Und wir wurden ein seltsames Freundespaar – nichts von »Paulchen und Gaulchen« wie zwischen ihm und Gaul, keinerlei restlos bequemes Hausen unterm Freundschaftsdach, und doch immer wieder freie Rückkehr zu unbedenklicher Offenheit.

Ich bin gewiß, daß ein Dorn an meinem Wesen in Cassirers Gemüt allzeit geeitert hat, aber der Spieler Cassirer hatte doch wohl ein wenig Bedarf nach der Verstocktheit in Abseitigkeit, Menschenflucht und Ruhe im Herrn der Herrlichkeit, der da preislich und pomadig waltet und seiner Kinder keines verkümmern läßt. Der Spieler Cassirer, der Händler, der Herr über ein Heer von Parolegläubigen, der Sturmbock im Gewühl und Austrag der Meinungen, der erfolgreichste Perlenfischer und schlaueste Einfädler und Anstifter bei der Heimführung von Überschüssen, der Preisgeber und Bewahrer seines Selbst in großem Format, war zugleich der böse Bruder des Künstlers Cassirer und des so leicht zu beglückenden, sich selbst selig preisenden großen Kindes Cassirer, der den bösen Bubenstreichen so arg zugetan war und dionysisch durch die Welt zu brausen begehrte. Sein eigener böser, auftrumpfender und beinstellender Bruder zu sein war Paul Cassirers tragisches Geschick.

Er baute und er redete in Zungen, zu schreiben, behauptete er, vermöge er nicht. Er sprudelte und schwamm am liebsten im Strom seiner siedenden Rede, und es würde eines dicken Bandes bedürfen, um seine Berliner Spaße, seine Kriegsgeschichten, seine Händlerromane, seine erlebten Kostbarkeiten im Verkehr mit Wedekind, Liebermann, Corinth und – ein Dutzend der besten Namen müßte folgen – vor dem Vergessenwerden zu behüten.

Zweierlei muß ich noch unterstreichen, einmal, daß er darunter litt, Nutznießer von Künstlern genannt zu werden, denen, die ihm so verwandt waren, mit denen er, wie der Hamburger sagt, aus einer Büttel trank, und weiter, daß er verwegen war wie selten einer. Seine Tapferkeit dürstete nach der Nähe der Gefahr, da, wo er die bestmögliche Unmittelbarkeit der Entscheidung witterte, wo kein Schild deckte, keine Anonymität schäbig schützte, nicht wo im bombensichern Unterstand das grobe und klare Abmachen verschlissen werden konnte, fühlte er sich wohl. Gewiß hat er sein Recht nach eigenem Befund zugerichtet, aber zum Kneifen war er nicht geschaffen, und mit unmäßiger Risikofreudigkeit stellte er sich in den Brennpunkt der Entscheidungen.

Er trieb meine Lämmer auf die Weide, meine erbärmlich frierenden plastischen Erstlinge, und, da er einmal die Hände rührte, so klinkte er zugleich ein Pförtchen für etwas anderes von mir auf. Als er mich aufforderte, ein lithographisches Werk für die Panpresse beizusteuern, erwähnte ich ein »Drama«, das man vielleicht als Gerüst zur Aufreihung von Motiven benutzen könne. Er zuckte weder mit der Wimper, noch zögerte er einen Augenblick mit der Antwort: »Na ja, also zeichnen Sie.«

Ich lithographierte, und die Mappe wurde eine regelrecht viereckige, normale und einstweilen unverkäufliche Mappe, einschließlich eines Textbandes zum »Toten Tag«. Dieser Band sah aus, als wäre er gefunden und der Finder hätte ihm in der geräumigen Mappe einen vorläufigen Unterschlupf angewiesen. Cassirer, sonder Mitschuld an dem Drama, das er nicht gelesen, begann ein generöses Herumschenken in Stadt und Land, und der Textband, warm geworden im Nest, gab sich drein.

Der lange Schicksalsweg meiner Mutter schien nun abgelaufen. Im Jahre 1900 war sie zu meinem Bruder nach Texas auf die Hungerfarm gegangen, sie hatte sich müdegekämpft und suchte bei Joseph in Seattle vergeblich, was sie nie finden sollte, die leise glimmende Freude im Teilhaben eines am Leben des andern bei gemeinsamer Not und bescheiden bemessenem Glück. Kein noch so erbärmliches bißchen Heil ließ sich zu ihnen herab – wenn die Zucht ihrer Jahre unterschiedlich geriet, so war sie es gewiß nur im verschiedenen Grade der Dürre, von fetten hat sie nichts zu spüren bekommen; wenn es einen Wechsel gab, so wechselten die schlimmen mit noch schlimmeren. Schicksal teilte mit vollen Händen aus, aber mit keiner Gutes.

Zurückgekehrt, erkrankte sie und lebte lange wie sterbend, zog endlich nach Güstrow und empfing von mir in ihre kraftlosen Hände meinen Sohn zur Erziehung. Sie hatte Kraft zu wollen und bekam die Kraft, es zu vollenden.


Verkleinertes Faksimile des letzten von zehn Briefen Ernst Barlachs an den Leipziger Historiker und Universitätsprofessor Dr. Karl Weimann aus den Jahren 1919-1925
Original im Besitz der Barlach-Gesellschaft, Hamburg.

Der Brief hat folgenden Wortlaut:

Güstrow i M
Schwerinerstr. 22
12. 1. 25

Sehr geehrter Herr Professor,

ich danke Ihnen bestens für Ihre freundlichen Wünsche, die mich ganz richtig in Güstrow im alten Räume erreichten. Versicherungen wie die Ihrigen, daß meine Produktion empfängliche Herzen findet, gehören zu dem Wertvollsten, was man erfahren kann, stellen ja die eigentliche Belohnung alles Strebens dar. Mein Dank für Ihre Bekundung ist also tief wie das ihn erzeugende Erlebnis.

Ich werde wohl Güstrow nicht verlassen, jeder Besuch außerhalb überzeugt mich wieder von der Unmöglichkeit, anderswo die Freiheit, ich meine die einfache persönliche Ungeschorenheit zu finden, die bei mir zur Arbeit unerläßlich ist. Alle anderen Erwägungen treten zurück vor diesem Postulat, dem ich ja gewiß die Eigenschaft eines unerhörten Anspruchs zugestehen muß, es ist ein großer Luxus, der größte denkbare, den ich mir errungen habe un[d] gegenüber dieser großen Erfüllung, diesem höchsten Lebensgut, erscheinen alle ändern Güter und Vorteile gering.

Indem ich Ihre Neujahrswünsche aufs Beste erwidere bin ich mit der Bitte, mich Ihrer Frau zu empfehlen herzlich grüßend

Ihr sehr ergebener
E Barlach

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