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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Ich komme ans Werk

Bis 1900 etwa blieben meine und Garbers' Nöte miteinander verkettet. Ich experimentierte und suchte meinen Weg zwischen den abgesteckten Grenzen seiner Aufträge im Hamburg-Altonaer Felde. Wir gewannen in gemeinsamer Konkurrenz die Anwartschaft auf ein Werk von plastischer Maßlosigkeit. Es handelte sich um die Ausgestaltung des Rathausmarktes in der Umgebung des Schillingschen Kaiserdenkmals, ein Sturm von wasserkantiger Unbändigkeit sollte entfesselt werden. Aber wir waren geschäftsunkundige und undiplomatische »djunge Leute« und wurden mit der Begründung vom Plan der Vorgänge gewiesen, daß man von plastischer Ausgestaltung der Anlage abzusehen durch Beschluß der Kommission übergegangen sei. Als wir dergestalt verblüfft vor der Tür standen, beschloß man drinnen, den Beschluß aufzuheben, und übergab Schilling unseren Gesamtplan, welcher Schilling unsern Gesamtplan zur Hand nahm, leerte, verödete und glatt und reif machte. Darüber ward ich fuchswild und verzog von Hamburg nach Berlin. Später fütterte man uns mit einem Trost in einem Auftrag für die Gestalt eines Neptun-Riesen auf dem Gebäude der Hamburg-Amerika-Linie, ein zurechtgehadertes Ding von grotesker Zusammenhanglosigkeit. Diesen letzten besinnungslosen Ausfall will ich nicht ableugnen.

Als ich dann in Wedel niedersaß, einen bequemen Laden in der Kuhstraße als Atelier bezogen, ein paar Grabplatten aus stiller werdendem Gemüt bedächtig gefördert hatte, als ich im Verborgenen ein Drama zu schreiben begann, war wohl endlich ein Anfang zum Lassen des grenzenlosen Beliebens und Gestaltung der überschätzten Absonderlichkeit gemacht.

Karl Scheffler hatte als Kritiker während des kurzen Berliner Aufenthalts einen Blick auf meine Arbeiten getan. Er zuerst setzte sich für die Publikation einiger Zeichnungen und Plastiken ein, die in der »Kunst für Alle« erschien, mit Zusätzen seiner Feder, die mir den ersten Wink einer Hand aus der suchend drängenden Zeit gaben, von der ich nicht wußte, ob ich mit ihr oder weit seitwärts ihres Ganges als zielgerichtetes oder lose in seiner Daseinsschicht hängendes Treibstück hinflutete.

Mein Leben in Wedel ist wesentlich gezeichnet in dem Kapitel der »Wedeler Tage« meines unfertig gebliebenen Seespeck-Romans. Es war immer noch übervoll von Schwäche, Irren, Maßlosigkeit und Verlorengehen an alles durchsichtig Ungestaltbare, voll Ungegorenheit und doch immer lauterster Hingebung an strömendes Geschehen und schwankende Weile. Auf der breiten Elbe fand ich die weiteste Lust und die beseligendste Selbsttäuschung.

Aber nachdem ich dann ein halbes Jahr als Lehrer an einer rheinischen Fachschule für Keramik zwar tätig gewesen, aber fruchtlos und unlustig, saß ich 1905 wieder in Berlin. Hier gings nun allerdings heillos her; ich wußte, daß ich in einer Hölle saß, und saß darin ringend um die tagtägliche Überwindung des Bewußtwerdens meiner ganzgänzlichen Überflüssigkeit.

Ich stellte eine kleine Bronze aus und ging, sie in der großen Ausstellung zu sehen, doch war sie so gut verborgen, daß ich sie nur schwer ausfindig machte – eine Halbheit, kein voller Ton, nichts von dem, was ich als Mindestes zu sehen erwartete: wenn auch nußgroß, so doch ein Stück unbedingter und wenn nötig unbarmherziger Selbstverständlichkeit. Als ich ihrer gewahr wurde, erlag ich dem schwersten Überdruß an all diesem fruchtlosen Mühen. So saß ich danach im Café Bauer und fand mich im Dunkel des seitlichen Schiffes verborgen, unsichtbar, so recht am gebührenden Platz, keiner Beachtung würdig und ihrer kaum bedürftig. Es langte bei meinem Treiben mit dem abhandengekommenen Mut sooft kaum zum Aufstehen, am liebsten wäre ich um zehn Uhr früh schon wieder ins Bett geflohen, ich wirtschaftete ab, und das Leben ebbte mit so starker Strömung, als wollte es sich wie die Elbe beim Ostorkan entleeren. Und doch hatte sich in diesen dunkelsten Zeiten ein junges Leben auf den Weg gemacht, wie um meine Hand zu fassen und mich in ein ansteigendes Dasein zurückzuleiten.

Es war also kein große Kunst, mich zur Reise nach Rußland zu bestimmen, als mein Bruder Niko, damals amerikamüde, mir bedeutete, ich hätte bis dann und dann meinen Paß zu beschaffen, sonst ginge er ohne mich. Wir reisten.

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