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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Ich fange an zu organisieren

Es begab sich irgendwann bei arglosem Hin- und Hertreiben eine Abkehr vom unbedachten Hinnehmen jeder Zufallsform. Ich fiel – wenigstens gelang das erst einmal, später nochmals und am Ende nicht ganz selten – dem Erlesen zu, sei es einer entschiedenen, starken, grotesken und lieblichen Form oder dem nachspürenden Ahnen eines leisen, humorigen oder wüsten Wertes hinter der Alltagsmaske. Zaghaft genug fing ich an wegzulassen, was zur Stärkung einer unklar gewußten oder gewollten Wirkung nicht beitragen konnte, war nicht mehr schlechthin Dulder und Diener des sichtbaren Seins. Es unterlief mir die Frechheit, es zu organisieren, wobei nun freilich die Weiterfahrt oft genug stockte und ich nichts anderes vermochte, als vom gedachten Organisieren in einen ornamentalen Schwung und Schwall zu verfallen. Zwar hatte ich viel gesehen, aber es war geschehen, ohne Schliff und Politur des Urteils und Gewissens zu fördern.

Wie ich als Schüler mit Düsel durch das Stargarder Tor in Neubrandenburg eingewandert kam und umschauend nicht mehr als einen stumpfen Blick auf den Orgelsturm dieses Architekturgefüges getan hatte, wie ich alte Dome und Kathedralen, alles Edelste, was durch Bau an Majestät zur Welt geboren war, vorwiegend als Rarität, als Brut- und Nistgelegenheit für alle Arten von romantischer Vorstellung oder als Anlaß zu empfindsamer Schwelgerei, als Nährboden jedes Überschwangs ansah, so war das Verhalten des scheidenden und erkennenden Ich vor der Natur bedauerlich infantil geblieben.

In Friedrichroda noch fiel inmitten des pastoralen Ablaufs der Jahreszeiten Verzweiflung mich an, Marterung aus Unlust an mir selbst und immer neues Gerichthalten und Verworfenwerden, wovon ich gut tue, Einzelheiten zu verschweigen. Pest schlug meine Getrostheit, es gab Bruch mit Behagen, und Vertrauen ins Sein ward ein fragwürdiges Ding, das sich bequemen mußte zu kuschen.

Auch der allgemeine Barlachsche Familientrost bekam Falten im Gesicht und mußte seine jugendliche Glätte drangeben; meine Brüder schlugen sich in Rußland oder Amerika durchs Leben, Heil und Unheil jagten sie hin und her, die beiden Jüngsten zerbrachen endlich an der Fremde, Hans kämpfte sich hinauf, nur um desto furchtbarer zu stürzen.

Überhaupt kommt mir der fernere Wechsel von Zeit und Ort immer mehr wie das Vorwärtsstürmen in einer heulenden Unfaßlichkeit, wie Not und Drang zu gesolltem Wollen vor, gegliedert durch Atempausen' der Stille und des Ruhens in Freiheit, Dürfen und bewegtem Schweigen.

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