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Ein selbsterzšhltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzšhltes Leben - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzšhltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Wohin treibt der Kahn?

Als wir sahen, daß es Ernst wurde mit dem Ankommen in Paris, zogen wir unsere bereitgehaltenen Glaces an und meinten nicht anders, als sie erst beim Verlassen der Stadt wieder abstreifen zu dürfen. Wir hatten uns arg vertan, aber Fremdheit schlug uns doch entgegen und machte unsern Atem kurz.

Hierin ungleich meiner Mutter, der das Abbrechen der Zelte jederzeit so leicht wurde wie das Aufstellen, fühle ich an fast jedem neuen Ort Wurzeln wachsen, deren Abreißen weh tut, so geschah es auch mit Paris.

Taschenbuchblatt aus Paris, Bleistiftzeichnung, aquarelliert, 1895

Wir blieben zunächst gemeinsam in einem kleinen deutschen Hotel der Rue de la Bastille beim braven Bofinger aus Schwaben. Der Maler Schenck in Ecouen, wenn man so wollte, eine Art von Onkel zu mir, ein Mann in guten Jahren, Besitzer eines geräumigen Weinkellers und in bequemen Umständen, hielt mich offenbar für einen rotznäsigen Anfänger und versorgte meine »Unbedarftheit«, wie er als Holsteiner die gelegentliche Zutäppischkeit meines Wesens auslegte, bedürftig einer nur in Paris durchführbaren Dressur, indem er mich an seinen Freund Julien empfahl – und kurz und gut, ich zeichnete einige Wochen oder gar Monate auf der Akademie Julien Akte, schlechte, langweilige Richtigkeiten, Zustände einer schlechten, langweiligen Kleiderlosigkeit bei männlichen und weiblichen Darbietern von so viel Mangel an Trost, daß ich nicht einsehen konnte, weshalb man sich eigentlich mühe – ich, dem beim Gang über die Straßen der Bleistift in der Hand vor Ungeduld zu tanzen begann.

Garbers schonte seine Hosen gleichfalls nicht, aber es geschah an einer Zweigstelle desselben Instituts. Wir dursteten so tapfer, wie wir kameradschaftlich hungerten, aber wir fanden es läßlich, gelegentlich beim nächsten Tage eine Anleihe zu machen, für den wir uns gegenseitig doppelt tapferes Dursten und Hungern garantierten. Doch am Ende erkannten wir diese Tapferkeit als unwirtschaftlich, sie sollte die Pariser Zeit strecken und mit ihrer Länge unser Können fett machen, aber sie kümmerte sich nicht ums Können, sondern fraß unsere Kräfte. Für Garbers entfiel überdies beim Aufgang von neuem Verdienstglück aus Hamburg die Notwendigkeit strenger Lebensordnung, er blieb bei Bofinger, ich mietete im Süden ein gartenwärts idyllisch-kleinstädtisch gelegenes Atelier. Da hockte ich, versorgte selbst den Tisch in meinem Haushalt, den ich alt für fünfzig Francs gekauft, ungerechnet der zahllosen Wanzen, rauchte langstielige Kalkpfeifen, zeichnete und schrieb und traf Garbers zu Abend im Café. Nun hatte dieser Garbers immer die Narrheit gehabt, mich für einen richtigen Bildhauer zu halten, wo ich doch offenbar im ganzen ein braver Sonstjemand war, etwa ein Genie im Finden von Erfreulichkeiten zwischen den Zeilen, ein bißchen oder gar nicht wenig Eulenspiegel, bei andauernd guter Führung vielleicht einst ein richtiger Zeichner – was wußte ich! Er fand aber meine Anfänge in den »Fliegenden Blättern« triste, eben ein Bildhauer wäre ich, so ließ er nicht ab zu behaupten. Selbst ein mehr gehauchtes als körperlich dingliches Relief, eine Hannele-Vorstellung von engelhafter Rast auf Wolkenwegen, machte ihn nicht irre – nur auf das Schreiben sah er scheel und erschrak, als ich eines Abends beichtete, daß ich den ganzen Tag »gedichtet« hätte – ich hatte aber nur die Ritzen in meines dünnwandigen Ateliers Seitenluke vor der nahenden Kälte dicht gemacht.

Es hat nicht lange gewährt, da entwöhnte ich mich des Fremdseins und nahm willig die Nahrung an, die Paris mir bot.

Es wird mir leicht, Vertrauen zu fassen, und ich fühlte mich bald am rechten Ort zwischen Straßen, Plätzen, Ufern und herrlich gefaßten Weiten. Wie die Strömung des gedehnten Raums, die denk- und schaubar gemachte Ungestalt der vier Windrichtungen, wie die Leere, die durch Begrenzung Fülle wird, mich einsogen und anglichen, so geschah es im Geklüft des Louvre, das mich verschlang und tage-, wochen-, monatelang behielt. Ich ging da um wie der unvermeidliche Hausgeist, eingefleischt, zugehörig und des Dings gewohnt wie eine Ratte ihres Lochs, oft nur eines Bewußtseins, »heim« zu sein, froh.

Ich schrieb damals etwas wie einen Geisterroman, indem ich zwei symbolische Gestalten miteinander ziehen und, nun eben in Paris, abenteuern ließ. Zuviel Schnurrigkeit, absonderliches Überschlagen aus der Alltäglichkeit ins Märchenhafte und in Traumwillkür, kleinmäßig zufrieden schwelgende Gemütlichkeit mögen seine Hauptfehler gewesen sein. Ich sah eben trotz oft beliebter Grämlichkeit doch nicht sauer ins Leben und vermochte nichts anderes als gutgläubiges Behagen an der Welt auszusprechen, wo ich mirs doch in ihren traumhaften und gespenstischen Winkeln wohl sein ließ.

Solch ein Winkel war das Gärtchen, um das die Ateliers und Zimmerchen des Osbertschen Grundstücks sich legten. Da wohnte schrägüber der Dichter Degron, der von Verlaine nur als vom »maître« sprach, mit seinem Weibchen, klimperte aus seiner Ecke zur Nacht auf der Zupfgeige, ließ durch die Spalten des Laubwerkes ein paar Strählchen seiner Lampe mit den ebenso dünnen Tönen zu mir schlüpfen und klopfte gar eines lauschigen Abends an meine Tür. Monsieur besaß ein paar Franken, die aber im Augenblick nicht zur Hand waren und doch benötigt wurden, und siehe, wie gut, daß er mir solches nicht verschwieg – so bahnte sich ein nachbarliches Vertrauen an.

Linker Hand, zwischen den Degronschen und Barlachschen Winkeln, wohnte der Vlame Koos mit seinem Rubensschen Weibe. Er hatte Einkommen, half dem hinfälligen Puvis de Chavannes beim Auswiegen, Austragen und Ausführen seiner Werke und gesellte sich gerne zu uns, wenn Garbers, ich und andere Deutsche beim Bier saßen.

Dann suchte mich Osbert, unser aller Hauswirt, Führer der »Artistes de l'âme«, inmitten meines Gerumpels auf und wiegte seinen normannischen Piratenkopf über meinen Blättern hin und her. »Tres philosophique«, entschied er und wollte mich als Artiste de l'âme damit gelobt haben. Voll freier Form, aber eben doch übervoll, von gelenkiger Liebenswürdigkeit und knapp übertünchter Schwäche, war er doch ein starker Gatte seiner, im Gegensatz zu den beiden andern, ehelich verbundenen Frau. In seinem weiträumigen Atelier fand ich mich zu den Mittwochabenden ein und hörte Degron und wer sonst zusprach ihre Verse sagen, und zwar deklamierten sie hinter dem Wandschirm hervor, da alsdann der Wohllaut, zur Decke gedrängt, sich in schönem Bogen als breite Welle auf die Zuhörer niedersenkte.

Taschenbuchblatt aus Paris, Kohlezeichnung, 1895
Besitzverhältnisse unbekannt
Abb.: Cicerone, Leipzig 1929, Heft 7, S. 194

Im ganzen war mit Degron, einem gut proportionierten Männlein, dem man wohl anzusehen meinte, was man von ihm erzählte, nämlich, daß er von Mutterseite Siamese sei, am bequemsten zu verkehren. Er führte mich hinab in das unterirdische Paris und zeigte sich in den »Verbrecherlöchern« heimisch, wo arme Schlucker genug herumsaßen, an denen vielleicht mehr verbrochen war, als sie verbrechen konnten. Er blieb das ganze Jahr über der Gleiche, es hatte einmal so begonnen, daß ich für die so oft abwesenden Francs aufkam – warum solche Gewohnheit ändern? Darüber waren wir einig, es genügte durchaus, daß die Ordnung der Dinge hin und wieder als Sache der Zukunft im Neben- oder Nachsatz der Unterhaltung abgetan wurde.

Wie konnten mir die lebenden Meister in meinem einstweilen ganz getrosten Irregehen helfen? Vor allem Rodin? Zu wenig sah ich von ihm, und dies Wenige vermochte nichts über mich, ich suchte auch kaum, so eifrig ich mich umtat und mit soviel gutem Glauben ich durch die Säle und über die Plätze ambulierte, nach Anhalt, Fingerzeig oder Vorbild. Es lebte sich gar zu schön als Frischling schnüffelnd und schmausend im wilden Wald!

Hinter Menschen war ich drein mit dem Blei und ebenso hinter allem sonst, was sich als organisierte Masse oder Unform am Wege fand. Vielleicht dürfte man sagen, daß ich mich im Schatten des Zeichners Steinlen benagte, wenn es nicht richtiger wäre, daß ich überhaupt kein Heil darin sah, mir etwas vormachen zu lassen. Es ging hier wie im Thieleschen Atelier, wo der Gehilfe Hartmann sich meiner erbarmte und mir das übliche Verfahren beim Modellieren eines Puttos gutmütig demonstrieren wollte. Er tat sein Bestes, aber ich schaute zum Fenster hinaus.

Ich weiß nicht einmal, ob ich in Paris wirklich keinen einzigen Daumier zu Gesichte bekommen habe, oder ob er mir, da dies wohl unmöglich, nicht bei voller Wirklichkeit als ähnlich elefantenhafter Schemen vorüberstrich, dem ich begegnete, als ein Menagerietier bei dunkler Nacht durch die leere Straße geführt wurde. Da hob sich umgrenzte Verdichtung aus der über nichts seufzenden Späte, nahte und verschwamm zu meiner Linken, ein Ungetüm und Leisetreter, eine königlich gleitende Mächtigkeit auf demselben Steig mit mir, immer auf Sohlen der Leichtigkeit und Heiterkeit schleifend, schlürfend, schwebend. Gewalt – und doch dem Auge verhangen, dem Gefühl unoffenbart, das Ohr nur streichelnd und ihm entweichend. Es war zwischen drei und vier Uhr, ich kam aus dem Garbersschen Atelier, denn es galt die kurzbefristete Lieferung eines Ausbundes von Weinhebe für den Hamburger Ratskeller, kokett und sehr sittsam, weinselig und brav – wir mußten die Nacht zu Hilfe nehmen.

So, nach geschnapptem Abendbrot und sobald die fälligen Sous durch meine täglich bewährte Unanstelligkeit im Spiel verloren waren, hob der Wettlauf mit der weit vorgeschrittenen Zeit an. Der eine schlief, der andere schuf, der eine schuf, der andere schlief. Gegen Morgen zog ich zur totesten Stunde vom tröpfelnd feuchten Herbst bespuckt heim. Es ging uns damals mit der Mark wie Degron mit dem Franc, je weiter die Arbeit vorankam, desto bürgerlicher hätten wir essen können, wenn der abgearbeitete Teil des Honorars zur Hand gewesen wäre. So hielten wir uns nach Eingang des Geldes an billigen Austern schadlos und vermeinten, wunder wie zu schlampampen.

Paris entließ mich im Frühling 1896 ein bißchen frisiert. Der Bocksbart, den ich schon in Dresden kultivierte, war gewachsen, wie bei Garbers und so manchem Bildhauer und Maler unseres Kreises. Die Kameradschaft, der ich mich angemengt, hatte mir wohl etwas Landläufiges mitgeteilt – der Thüringer Wald, wohin ich mich zunächst wandte, ebenso wie meine Mutter, staunten nicht über solche Belanglosigkeit, ich war mir übrigens gründlich gleichgeblieben, hatte bitterwenig gelernt und gar nichts vergessen. Ich fuhr, als sollte es nur immer so weiter gehen, fort, am Geisterroman zu schreiben, trieb mich umher, hing wie ein frischer Schinken und räucherte in der langsam garmachenden Zeit und bewies, da der Knüppel beim Hund lag, eine gleichbleibende Hartnäckigkeit im Beschicken von Redaktionen mit Zeichnungen, denn mein Geld war verbraucht, und die Sorge, die ich selbst ernstlich nicht kannte, begann meine Mutter zu beunruhigen. 1897 berief mich Garbers auf vier Monate nach Paris zurück, um eine Figurengruppe mit Faltenwürfen und Hand-, Kopf- und Fußdetails in meiner schlecht überbietbaren Fingerfertigkeit zu versehen. Er entgalt mir die Leistung nach Gebühr, und ich konnte wiederum einige Zeit in Friedrichroda bleiben.

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