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Ein selbsterzähltes Leben

Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeautobiography
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleEin selbsterzähltes Leben
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich gehöre zween Meistern

Das Leben meiner Mutter hatte schon lange keinen selbstigen Gehalt mehr. Die, denen sie das Leben gegeben, mußten ihr den Sinn fürs Dasein schaffen, so verlegte sie ihre Häuslichkeit dahin, wo ihre Söhne zur Ausbildung im Beruf für kurze Zeit lebten, und so vollzog sie den zehnten Umzug seit ihrer Heirat, um mit mir in Dresden hauszuhalten. Es geriet uns beiden zu Unbehagen. Der Glaube an ein leise lächelndes Glück im Winkel bestimmter Art, und zwar einzig von ihrer opfernden Mütterlichkeit bestimmt, wurde wieder getäuscht, der abermalige Aufflug ihres Vertrauens versagte, und in kurzem rumpelte der Möbelwagen zum elften Male mit dem reduzierten Hausrat davon.

Ich fand als Meisterschüler meinen Platz bei Hähnels Amtserben Robert Diez – Diez, der es mit dem genau nahm, was die Verwalter des so geheißenen Idealismus Plunder und Unwesen am Bau des Doms schalten, an dem wir alle uns beim Werk glaubten – der mit dem Finger auf das kaum Merkliche im Verhalten der Natur hinwies und mit dem Nagel das Dürre und Fette, das Weiche und Halbharte, das Versteckte und Verstohlene am studierten Modell beklopfte und umzirkelte, der immer eifrig die Kulturen seiner Schüler nach den verzagtesten Keimen von Eigenart absuchte und Hebammendienste bei jedem ehrlichen Vorhaben unserer Unreife leistete. Mir gönnte er manches väterlich ermunternde Wort, weniger vor den Atelierleistungen als beim Durchblättern der Büchlein mit den Beweisen meines Privatfleißes auf der Straße, in der Kneipe, mit den Zeugnissen meiner Besessenheit, aus allen Zwischensituationen und den ungebräuchlichsten Blickwinkeln Darstellbares, wenn es nicht anders ging, zu erpressen.

Der junge Begas dilettierte hier und betrieb mit dem dämonischen, bis zur Ableugnung jedes überlieferten Wertes ungebundenen Hösel eine unterhaltsame Zwietracht, bei der es sogar zur Explosion von Miniaturpulverfässern kam.

Hösel war ein waschechtes Genie, das einzige von uns allen. Er baute einen »Neger mit Hund« im Umsehen lebensgroß so schlagend auf, daß Diez jedes kritische Wort schuldig blieb. Er entledigte sich vorsätzlich all und jeder Unnatürlichkeit, wie sie uns armen Zeitgenossen als fluchvolles Erbe von Jahrtausenden eingeboren war, er ließ fast alles fahren, was er nicht selbst und persönlich urerzeugt hatte, und seine Jahre goren beispielhaft – wir andern konnten, bei solchem Vorbild, manches Experiment sparen.

Garbers litt es nicht lange im Atelier des neuen Meisters Schilling, er fingerte zäh und gewandt an seiner Selbständigkeit durch Aufträge aus Hamburg. Ich lernte unter seiner Anleitung ehrbar zechen, einen Trunk tun, ohne die Besinnung zu verlieren, saß am Tisch bei seinen älteren, gleichfalls selbständigen Skat- und Schachbrüdern und ließ mich ins Vertrauen manches Ungemachs ziehen, das den Menschen in der Jugend begegnen kann. Auch erkannte ich vielerlei als kühn, glanzvoll und höchst erwünscht Verschrienes als nur zu gewöhnlich – bis das Ungewöhnliche selbst dicht an mich heranrückte.

Ich litt an Herzbeschwerden und ward Patient bei Dr. Klencke. Klencke riet mir Mäßigkeit an, empfahl mir aber keineswegs Enthaltung von seinem Umgang, und so war ich zugleich mit heilsamen Vorschriften wohlversehen und in Kreisen zugelassen, wo es am wenigsten auf Beobachtung solcher Regeln ankam. Wenn Klencke das groteske Falstaffsche Koller ablegte, stand er als Jean Paulsche Figur da; von Form eines gedrungenen Eichenfasses, von bärenstarker Gesundheit erblühte sein Wesen doch in possierlichster und zartester Anmut oder feierte das Glück seiner Schwere und seiner Kraft, wenn der Strudel um und in ihm ebbte, wenn die Stille des Waldhäuschens auf der Loschwitzer Bergkrone sich wie ein weicher Mantel um ihn legte, wenn er verschnaufte und mit dem brüderlichen Gott redete, der weit und wild und weich war wie er selbst, der sich in Schnee-, Regen- und Donnerwetter, in Mondnächten und tauigen Sonnenmorgen offenbarte. Ich war ihm bequem als allen romantischen Situationen gerecht werdender Waldbruder, Dortchen Lakenreißer und ihre zahlreichen Geschwister als Helferinnen zuzeiten, da kein anderer Trost als aus weiblichen Händen ihm anstand. Eigentliche Orgien hat es aber da oben nie gegeben, die gesunde Nüchternheit kleinbürgerlicher Herkunft, so etwas wie Luthersche Biederkeit, verhängte selbst über die ausgelassenste Nachtspäte eine solche Reinlichkeit, daß man leicht denken konnte, es handle sich bei den Zusammenkünften im verschneiten Berghäuschen um Geheimbündelei oder Sektiererei, der Geistmensch Klencke bewies eine unbetonte Würde auch da, wo kein Späher nach allzu menschlichen Episoden zu befürchten war.

Oft war ich tagelang allein im Gehege, leerte die Vorratskammer und schlenderte in der Geborgenheit ihres unmerklichen Wandelns durch die Zeit. Auch griff ich zum Pinsel und befleckte die Wände der oberen Gelasse mit Malwerk – wildes Grau donnerte über die Flächen, und Phantastik wetterte durchhin. Meine Verschwärmtheit kreißte, und Ausgeburten aus Nacht und dickgebrauter Dämmerung krochen fledermausflügelig zutage. Heftig ausfallendes Selbstgefühl trieb Absonderlichkeiten in Tracht und Gewohnheit hervor – Meister Diez' Brillengläser wollten springen, wenn ich mich auch vor ihm nach Bedürfnis meines Überschwangs regte, so staunte es hinter ihnen, denn die Diezsche Seele hätte, behauptete Klencke, mit chronischer Verstopfung zu tun, und ihr fehle nur ein tägliches Glasscherbelklistier von Klenckescher Zurichtung.

Die romantische Weihnacht, wo der Berg sich im Geläut des Dresdener Tals mit uns gewiegt, wo ich den dicken Dichter Stegemann, den Klencke zum Wagnis eines Heiligabends in Schnee-Einsamkeit beredet, zu Bett brachte, indem ich ihm mit den Stiefeln fast die geschwollenen Beine entriß, war verklungen. Garbers hatte sich den Zauber in kluger Gelassenheit angesehen und ganz und gar bewiesen, daß in seiner Seele kein Zunder war, in dem Stimmungsfunken zündeten, auch nicht, als Klencke beim Abstieg am ersten Feierabend durch den Ziegengrund über das Tal, in das der Sternhimmel nicht ein Meer, wohl aber einen Weihnachtssack voll von Funken gestreut zu haben schien, Wanderers Nachtlied: »Der du von dem Himmel bist ...« hinsprach wie einen Segen, dessen er selbst sich in der Sehnsucht seines Ich bedürftig fühlen mochte. Seine Stimme war »mächtig und gelind« und reichte hin über alle Weite – er hatte seine beste Zeit gehabt, die Zeit des Werdens, Ringens und Hoffens. Als erstes, beim Kennenlernen, hatte er mir gesagt: »Ihr Künstler seid die einzigen, die sich ihrer Sache opfern, ohne sie durch Zwecke zu schänden.« – Als er hoch stieg, reich wurde, Bergbesitzer, Pascha und »Oberarzt« aus eigener Macht, wurde auch seine Rede anders. Als letztes, aus der Geilheit seines überwuchernden Glücks, bekam ich diesen Segen: »Wenn Sie die dämelige Kunst nicht aufgeben, werden Sie auf dem Misthaufen verrecken.«

Das Atelier Diez vollbrachte an mir kein Wunder. Ich modellierte für mich hin, und was ich im Sinn hatte, wußte ich nicht. Einst kam Reinhold Begas, um sich an den Fortschritten seines Sohnes zu erfreuen, und ging mit kühler Großartigkeit durch die Reihen unserer Werke, stand auch bei mir ein halbes Minütlein still und faßte ein handgroßes Stück Ton ins Auge, an dem ich gerade herumdrückte und das mir selbst ganz im Gedächtnis zunichte geschwunden ist. Er aber hatte darin etwas gespürt, und als ich 1900 einen Besuch in seinem Berliner Atelier machte, erinnerte er sich der »Bergspitze«, einer in Flächen geschnittenen Fügung, eines Kubus, von dem ich selbst nur wissen konnte, daß so was höchstens als beiläufiges Füllsel zwischen ernsten Arbeiten galt.

Mit der Gestaltung einer niedergebogenen Krautpflückerin, die ich in Friedrichroda, wo nun meine Mutter wohnte, gesehen, beschloß ich die Studien.

Garbers hatte in Dresden einige große, aus Hähnelscher Schule kommende, recht frische Fassadenfiguren für das Hamburger Rathaus geliefert, man witterte eine ins Ragen kommende Hoffnung in ihm und schob ihm ein Stipendium nach Paris in die Tasche. Ich spürte bei dieser Nachricht Morgenluft und sah im Teilhaben an seinem Unternehmen die wohlgetroffenste Verwendung für die Reste meines väterlichen Erbes. Diez riet dringend zu, und im Mai 1895 machten wir uns davon.

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