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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
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Siebentes Kapitel

Staatsbürger

Vierzehn Tage später rückte Reinhart als Kavallerist in die Rekrutenschule ein. Er war froh, ein paar Monate der Maschine, die ihn zermürbte, und dem drückenden Schatten des Vaters entrinnen zu können. Der Dienst mit seinem Drill, seinen Stallwachen und seinem Pferdebürsten und -striegeln, seinem Gefluche, nur um des Fluchens willen, fiel ihm nicht leicht. Aber er ertrug alles ohne Murren, weil er seinem Lande gerne freudig gegeben hätte und unter allen Umständen geben wollte, was es von ihm verlangte. Nach und nach wurden ihm auch die Lichtseiten des Dienstes bewußt: der rauhe, aber aufrichtige Ton zwischen den Kameraden, die auf Gleichheit beruhende Zimmergenossenschaft, mit dem selbstverständlichen ›du‹, das fast waffenbrüderliche Verhältnis zum Gaul, dem Mitdulder in den Strapazen, in Schneegestöber und Staub, in Regen und Wind, dem Mitgenießer von Sonnenschein und Lenzwehen, wie liebte Reinhart die Ritte durch die erwachende oder schon erblühte Frühlingslandschaft, Stiefelschaft an Stiefelschaft mit den Kameraden, eine Gemeinschaft von hundert Menschen und hundert Pferden, alle voll Jugendkraft und Gesundheit, von romantischer Reiterlust umweht, ein Gewoge von Roßhaarbüschen und Pferdeköpfen, das harte, rhythmische Pochen von vierhundert Hufen, unter denen die Straße lebendig wurde, wie Milch aufquoll und sich über die nahen Felder ergoß, während der Reitertrab schon in der Ferne hallte, durch Wälder mit frischem, hellgrünem Buchenlaub, durch Birkenbestände, die auf silbernen Schäften zierliche Laubguirlanden schwenkten, an frischgepflügten Äckern vorbei, aus denen die Krähen mit schwerem Flügelschlag auffuhren, durch Gehöfte, deren Bäume ihren Blütenüberfluß auf die grünen Uniformen, auf die dampfenden Rücken der Pferde und in die rauhen Soldatenlieder schüttelten, dann und wann ein Kommandoruf, ein jauchzendes Gewieher oder ein unmutiges Gepruste, auch wohl ein Seitensprung über den Straßengraben ins Wiesengrün hinein. Dann die Rückkehr in die Kaserne im milden Licht der sinkenden Sonne, das Grün der Uniformen vom Staub ins Graue gefärbt, die Gesichter der Reiter glühend wie der Horizont, die Pferde lenksam und müde nach dem Stall drängend. Und als Abschluß des Tages das rasche Versinken in steinharten Schlaf.

Ein solcher Ritt trug Reinhart durch den Golsterhof. Haus, Speicher und Scheune waren in das Blust der Apfel- und Birnbäume versunken, ein Festtagsgeschmeide aus Gold und Silber glitzerte auf dem Kleid der Matten. Reinhart spähte nach der Bank des Großvaters, sie war leer. Sie mußte verlassen sein, denn Abraham Stapfer hatte sich vor Wochen zu Bett gelegt, endgültig. Im Garten stand das bucklige Estherlein. Es schaute den Reitern, auf einen Rechen gestützt, entgegen. Reinhart winkte, das Mädchen hob die Hand und neigte sich vor. Hatte es ihn erkannt? Schon lag der Hof hinter der Reiterschar, fernab wie ein Traum. Scharfe Kommandorufe verscheuchten den letzten Schimmer davon. Es galt, gegen einen fingierten Feind zu reiten. Die Reihen der Reiter schlossen sich enger, die Säbel fegten aus den Scheiden und blitzten in die Luft, die Pferde wurden unter dem festen Druck der Schenkel aufgeregt. Ein Druck in die Flanke, die Masse setzte sich in Bewegung wie ein dunkler, schwerer Wolkenschatten, erst langsam mit zurückgehaltener Kraft, dann immer schneller, die Äcker wirbelten auf, die Säbelscheiden klirrten, der Schatten brauste wie eine Lawine dahin, ein Reiter stürzte, die andern setzten in hohem Bogen über ihn weg. Man hielt an, die Pferde dampften und ihre Schenkel zitterten, wie von elektrischen Strömen durchzuckt, die Herzen der Reiter pochten, in den Gesichtern glänzte der Schweiß. Dann glitt die Reiterschar in langsamem Trab über eine Hügelwelle weg. Reinhart sann über den Sinn solchen Reitens nach. Da hieß es nicht mehr, Kamerad neben Kamerad, Mensch mit Mensch, da hieß es Mensch gegen Mensch, Leben gegen Leben oder Leben gegen Tod. Man führte die Klinge in der Hand, jetzt war sie nach ungeschliffen und fast ein Spielzeug, aber irgendwo stand der Schleifstein bereit, sie zu schärfen, vielleicht schlug irgendwo ein Menschenherz, verurteilt von ihr durchbohrt zu werden.

Am folgenden Tage wurden die Offiziersaspiranten aufgefordert, sich zu melden. Reinhart verhielt sich ruhig, und als ihn der Hauptmann persönlich ermunterte, lehnte er ab. Sein Leben sollte nicht die Straße gehen, auf der ein Pferd mehr gilt als ein Mensch. So hatte er es in einer schweren Nacht mit sich ausgemacht.

Nach dem Leben im Freien, in Licht und Luft, kehrte Reinhart unfreudig ins Vaterhaus zurück. Er fand die ›Seewarte‹ ungemütlicher als je. Die Mutter ging wie ein Schatten einher, Küngold zog sich in ihr Zimmerchen zurück, sobald Schritt oder Stimme des Vaters sich hören ließen.

Es blies Abstimmungswind durch das Land und fing und staute sich im Stapferschen Haus wie der Föhn in einer Klus. Es galt die Neubestellung der Räte für drei Jahre, nebenbei sollte über ein Gesetzlein wirtschaftlicher Natur, dem niemand große Bedeutung beimaß, entschieden werden. Um die Wähler aufzurütteln, hatten die Parteiführer alle Kampfbanner entrollt und in alle Ohren gerufen, es gelte diesmal, eine Kraft- und Machtprobe abzulegen. Man sprach und schrieb vor allem über die Gesetzesvorlage, aber wer auch nur ein wenig mit den politischen Kraftspielen vertraut war, wußte, daß es um den Einfluß im Ratsaal ging. Ferdinand, als der Führer seiner Partei, war immer in Bewegung, allgegenwärtig: in Konventikeln, in Parteizusammenkünften und in öffentlichen Versammlungen, heute in der Stadt, morgen in einer Landgemeinde. Kein Wunder, daß er abgehetzt und gereizt ins Haus wirbelte, und daß nichts, was nach häuslichen Rücksichten schillerte, in seinen Gedankenkreis eindringen durfte. Er war beständig in Kampfstellung, bereit, Hiebe auszuteilen und Hiebe zu parieren, selbst das Parkett seiner Wohnstube erschien ihm als Fechtboden, hinter jedem Wort der Frau und der Kinder witterte er einen Angriff, gegen den man vom Leder ziehen mußte. Äußerlich war er aufgeräumt, überlaut in Worten und lebhaft in Gebärden. Daß er die ›Seewarte‹ zu einer Hölle machte, kam dem ganz nach außen Gerichteten durchaus nicht zu Sinn. Der Kampf war ihm Lebensbedürfnis, er konnte sich nicht vorstellen, daß es Naturen gab, die darunter litten. Hätte man ihn gefragt, ob seine Frau und seine Kinder glücklich seien, er hätte herausgelacht. Warum sollen sie nicht glücklich sein? Bewohnten sie nicht ein schönes Gut am See, hatten sie nicht alles, was zu einem behaglichen Leben gehört? Sorgte er nicht für alles und für alle? Hätte man ihm gesagt, er opfere seine Familie seinem Ehrgeiz, er wäre aufgebraust, denn in den einundzwanzig Jahren seiner Ehe hatte er noch keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er das Muster eines Gatten sei.

Seit Reinhart aus dem Militärdienst zurückgekehrt war, hatte er sich nur ein paarmal beim Essen flüchtig mit ihm unterhalten, über die Instruktoren, über sein Pferd, über die Ordnung in der Kaserne, das Vorhandensein oder Fehlen politischen Sinns bei den Rekruten. Aber über alle diese Dinge glitt er leicht hinweg, ihn erfüllten die Reden, die er zu halten, die Zeitungsartikel, die er einzuflüstern hatte, die Schlagwörter oder Witze, mit denen er seine Gegner entwaffnen oder lächerlich machen wollte, die Beweisführung, mit der er einzelne Volksgruppen zu bestimmen hoffte. Am Samstag vor der Abstimmung fand er überraschenderweise Zeit zu einem Gespräche mit seinem Sohn. Er benahm sich so, als hätte er Reinhart in den letzten zehn Tagen nicht anders als im Schlafwandel gesehen und nun auf einmal leibhaftig neben sich entdeckt. »Ei, da bist du ja! Wie gerufen! Ich habe mit dir zu plaudern. Da, steck dir eine an!« Reinhart erinnerte sich an die Unterredung nach der Reifeprüfung, die ähnlich begonnen hatte, und erschrak. Ferdinand zupfte aus seiner Brieftasche einen gelblichen Briefumschlag hervor und legte ihn vor Reinhart auf den Tisch. »Du gehst morgen das erstemal zur Urne,« begann er, »hier ist dein Stimmkuvert. Der erste Abstimmungstag ist nichts Alltägliches, man darf schon darüber reden. Weißt du schon, wie du stimmen willst? Hast du das Gesetz gelesen?«

»Ja, es gefällt mir nicht, es ist eine Halbheit,« brachte Reinhart stockend hervor.

Ferdinand maß ihn mit einem verwunderten Blick und warf ärgerlich hin: »Der erste Entwurf war besser, er wurde in den Räten verwässert, wie immer. Zu ändern ist nichts mehr daran, unsere Partei steht dafür ein, also stimmen wir zwei dafür.«

Reinhart zuckte leicht zusammen: »Ich behalte mir mein Wort noch vor.«

Ferdinand schoß auf: »Was? Ein Wilder willst du werden? Ein Hanswurst im Ratsaal?«

»Ich begehre einstweilen in keinen Ratsaal und möchte überhaupt – nach meiner Überzeugung stimmen.«

»Richtig! Ich habe es ja ganz vergessen, unsere Jugend schwärmt für das unvergleichliche ›Ich‹. Da kann ihr freilich die Partei nichts gelten, man müßte ja etwas Disziplin üben, dann und wann eine Stunde für eine Versammlung drangeben. Man hat aber an sich zu denken, man hat die Majestät seines ›Ichs‹ durch alle möglichen und unmöglichen Genußsüchteleien zu promenieren! Vaterländische Fragen? Alter Plunder! Wie?«

Reinhart zog die Achseln zusammen und preßte die Oberarme an den Leib, was seinem Körper etwas Gedrungenes, Kampfbereites gab, und er stieß hervor: »Ich kenne eure Partei, ich habe ihre Versammlungen besucht. Aber das Vaterland ist nicht die Partei, Parteidienst nicht selbstverständlicherweise auch Vaterlandsdienst. Ich liebe unser Land...«

»Wie deinen Gaul!« unterbrach ihn Ferdinand. »Du bist alles Lobes über ihn voll, aber er würde sich im Stall steif stehen, wenn Hans ihn nicht jeden Tag eine Stunde tummelte. So hältst du's wohl auch mit dem Vaterland. Du willst ihm mit schmückenden Beiwörtern dienen und das übrige solchen überlassen, über die du die Nase rümpfst. Wie soll es ohne Parteien gehen? Soll man die Bildung der öffentlichen Meinung einer wilden, unverantwortlichen Presse überlassen? Nein, das Parteigetriebe ist notwendig. Durch Stoß und Gegenstoß kommt die rechte Fortschrittslinie zustande. Drei Gäule, die an einem Wagen ziehen, setzen ihre Kraft auch nicht am gleichen Punkte an; zwei stehen an der Deichsel, rechts und links, eins als Vorspann in der Mitte, die Wirkung ist kein zerfahrenes Hin und her, sondern ein Fortschreiten auf einer mittleren Linie. Und wenn Parteien sein müssen, welcher wolltest du dich lieber verschreiben, als der unsrigen? Wir haben das schöne Erbe des alten Liberalismus zu verwalten, wir bemühen uns um den Fortschritt unter verständiger Schonung der Privatinteressen.«

»Das heißt, ihr geht von Kuhmarkt zu Kuhmarkt!« warf ihm Reinhart schroff entgegen.

Ferdinand schoß auf: »Ohne Kompromisse geht es nun einmal nicht. Das ist das Wesen der Politik!«

»Dann verschont uns Junge damit!« parierte Reinhart.

Ferdinand fauchte ihn an: »Ihr Jungen! Ich kenn euch und euer Tun! Etwas Sport, Bergsport, Skisport, Tennis, wenn möglich mit Flirt verbunden, nur keine Anspannung für etwas Nützliches, nur keinen Gedanken an das Ganze, nur kein höheres Ziel!«

Reinhart lachte heraus: »Habt ihr uns das hohe Ziel überliefert? Wovon handelt ihr in eueren Räten? Es riecht immer nach dem Kaufladen oder der Börse. Jeder Fortschritt muß jemandem abgemarktet und aus dem Staatsbeutel bezahlt werden. Unsere Landesseele ist unter euch abgestorben. Und es ist keine Hoffnung vorhanden! Was ist von euch zu erwarten! Politiker haben noch nie mitirren mögen!«

Ferdinand stand wie ein Stier mit gesenkten Hörnern vor seinem Sohn, »Was willst du denn?« stieß er gegen ihn vor.

»Ich denke an das Jahrhundert, da wir uns den Großmannsdünkel vom Leibe rissen und unserem Gewissen eine Gasse machten. Da mußte ein anderer Wind geblasen haben, da hätte man mitatmen, mittaten, meinetwegen mitirren können!«

»Richtig, da steckt der Historiker wieder seine Nase in die Zeit!« lachte ihm der Vater grimmig ins Gesicht. »Schau, wohin du willst, nie war unser Land besser daran, nie unser Wirtschaftsleben blühender als jetzt!«

Reinhart gab ihm sein Lachen zurück: »Du willst sagen: Das Geschäft läuft! Ist Politik Geschäft, so verschon mich! Ich habe von dieser Art Lebensgenuß so schon mehr als genug!«

Nun wetterte Ferdinand los: »Du hast kein Pflichtgefühl, weder der Familie noch dem Land gegenüber! Haus und Staat könnten zugrunde gehen, du würdest dazu nur dein fades Lächeln haben. Es ist ein Fluch, einen einzigen Sohn zu haben!« Er stampfte so heftig mit dem Fuß auf, daß das Zimmer erbebte. Er hatte sich vor Reinhart aufgepflanzt und starrte ihm hart in die Augen. Aus dem Nebenzimmer eilte die Mutter herbei.

»Laß ihn,« flehte sie Ferdinand an. »Er kann ja alle diese Dinge noch nicht einsehen.«

»Nein,« wehrte Reinhart bestimmt ihre Verteidigung ab, »ich hatte im letzten halben Jahr genug Zeit, zu beobachten und nachzudenken. Ich durchschaue den ganzen Betrieb.«

»Nichts als Nebel,« donnerte Ferdinand »Man gibt sich Mühe, einem solchen Menschen den Weg zu glätten, im Geschäftsleben, in der Politik, im Militär, er könnte nur in meine Fußtapfen treten, aber da gefällt es ihm, auf den Holzweg zu stolpern wie ein blinder Esel. Es ist zum Fluchen!«

»Es ist doch gar nicht nötig, daß der Sohn in allem das Spiegelbild des Vaters werde!« klang die Stimme der Frau Ulrike begütigend dazwischen. »Man sagt, die Söhne hätten ihr Erbteil von der Mutter, schilt also mich und laß Reinhart seinen Holzweg gehen.«

»Wie zu erwarten war: die Unvernunft hat in der Mutter immer noch einen Schirm gefunden. Oh, diese Nebelballen, diese Problematischen, diese – Landert!« Er wandte sich zum Gehen. An der Türe drehte er sich noch einmal um. »Wie steht es mit der Offiziersschule? Es ist gut, wenn du einmal mit jungen Leuten zusammenkommst, die ein bißchen Ehrgeiz und Pflichtgefühl haben.«

»Ich habe mich nicht gemeldet.«

»Wie?« rief Ferdinand und schnellte sich wieder mitten ins Zimmer.

»Ich fühle mich nicht zu gut, dem Land als Gemeiner zu dienen.«

»Du bist einfach verrückt! Einfach verrückt! Oder ein Schwachkopf!« knirschte Ferdinand. Man sah die Anstrengung, die es ihn kostete, nicht über seinen Sohn herzufallen. Er kehrte sich gewaltsam von ihm ab und warf die Türe hinter sich ins Schloß.

Mutter und Sohn sahen sich an. »Warum hast du ihn so gereizt?« klagte sie. Ihre Augen waren feucht.

»Es mußte einmal sein. Ich habe mich in die Fabrik sperren lassen, damit sei es genug. Ich kann doch nicht wie sein Hündchen beständig hinter ihm herwedeln. Du hast mich ja selber auf einen andern Weg gewiesen.«

»Ich weiß. Wir werden schlucken und schleppen müssen.«

Am Abend setzte sich Reinhart hinter das Gesetz und laß es noch einmal. Dann schrieb er mit fester Hand ein »Nein« auf den Stimmzettel. Dabei wurde ihm leichter, als hätte er sich einen Sieg geholt. Als er auf einen andern Zettel den Namen seines Vaters schreiben sollte, sperrte sich die Hand. Tausende würden diesen Namen morgen mit Freuden aufs Papier werfen, und er, der Sohn, zögerte? War Ferdinand nicht ein ganzer Mann? die Verkörperung des Willens und Denkens einer großen Menge, der Mehrheit des Volkes? Liebte er sein Vaterland nicht mit seinem ganzen wilden Blut? Reinhart überlegte: »Er ist der Vertreter eines bösen überhandnehmenden Geistes, ich muß mich von ihm lossagen!« Und er schrieb den Namen seines Vaters nicht auf den Wahlzettel. Wieder dünkte ihn das ein Sieg.

Am Morgen stieg er zu dem Schulhaus hinauf, in dem die Urne aufgestellt war. Als er die verschiedenfarbigen Blättchen einlegte, war ihm ganz feierlich zu Mute, fast wie wenn die Entscheidung über Wohl und Wehe des Vaterlandes ganz in seine Hände gelegt worden wäre. Er setzte sich in die Anlagen des Schulhauses auf eine Bank und beobachtete die Wähler, die ein- und ausgingen. Sie kamen einzeln, zu zweien, zu dreien, die meisten schweigsam und ernst, nur wenige stritten noch für oder gegen etwas. Ein Arbeiter trug eine rote Nelke im Knopfloch zur Schau. Hans Beat von Homberg stelzte in langem Gehrock und turmhohem Zilinderhut herbei, ganz Andacht, er kam offenbar aus der Kirche; Ferdinand schritt hastig aus, wie auf einem Geschäftsgang, er sah Reinhart nicht, es war nicht seine Gewohnheit, seitwärts zu schauen. Dagegen bemerkte ihn Georg von Homberg und kam auf ihn zu. »Mußt dich wohl ausruhen von dem schweren Werk? Ich hab es mir leicht gemacht, alle Zettel leer eingeschmissen. Es kommt ja doch, wie es will.«

Reinhart fuhr ihn an: »Nein, es kommt, wie man will!« und fügte dann aus einem langem Gedankengang heraus hinzu: »Wir Jungen müssen etwas Neues, etwas Reines bringen!« Georg lachte hell auf: »Der Ernst ist etwas sehr Schönes, aber komm, in den Anlagen ist ein Konzert. Ich gehe natürlich nicht wegen der Musik. Feines Wild! Na, du wirst sehen!«

Reinhart ging mit: »Sind deine Schwestern dort?« fragte er und verriet sich damit. »Was für ein Kälblein du noch bist!« kicherte Georg in seiner Weltüberlegenheit. »Keine Hoffnung! Minna ist jetzt Frau Pfarrerin, da pfauschwänzelt man nicht mehr auf Promenadenkonzerten, und die andere ist krank.«

»Jutta?«

»Das heißt, sie war's. Scharlach! So ein junger Aff ist sie noch. Keine Angst! Sie ist noch etwas käsig, das ist alles.«

»Darf man sie besuchen?«

»Man? Ja, man schon, aber du lässest es besser bleiben! Sobald man deinen Namen ausspricht, speit die Tante Funken.« Georg wurde gutmütig vertraulich. »Nein, zu Haus geht es nicht, Kamerad, aber in acht Tagen machen wir eine Ausfahrt in den Wald und feiern Juttas Genesung. Da kann es dir niemand verwehren, so von ungefähr, na! Du kennst das Waldhaus zur ›Sommerfreude‹? Dort also!«

Sie traten in die Anlagen ein. Wagners Hochzeitsmarsch flutete ihnen entgegen. Um den Musikpavillon wogte eine bunte Menge. Sommerhüte, leichte helle Blusen, leuchtende Sonnenschirme, zierliche Spazierstöcke, stilvolle Kravatten, lächelnde Lippen und blinkende Zähne.

»Dort ist sie schon!« flüsterte Georg. »Satanisch rassig, nicht?« Reinhart blickte in der angedeuteten Richtung. Arm in Arm mit einem andern Mädchen kam Paula daher. Eine seltsame Sorge umkrallte Reinhart: »Weißt du, wer sie ist?« forschte er.

»Hab's noch nicht herausgekriegt, gut Ding will Weile haben.«

»Das ist doch nichts für einen von Homberg!« schalt Reinhart.

»Mädchen mit heißen höhnenden Sinnen!« trällerte Georg und pirschte auf die zwei Mädchen zu. Er zitierte immer so, wie es ihm paßte und darum meistens falsch. Reinhart floh. Wäre er geblieben, so würde ihn Paula gegrüßt haben, er hätte Georg vorstellen, und, ohne es zu wollen, Kupplerdienste leisten müssen.

»Armes Wild!« klagte er und beschloß, Paula zu warnen.

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