Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Boßhart >

Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Zwei Kinder gehen aufs Eis

Die Tage entglitten langsam in die trübe Winterluft, Wochenlang überdeckte Nebelgewölk das Land. Reinhart diente tagsüber mißmutig an der Maschine, nachts vergrub er sich in seine Bücher oder in ein Phantasiebild, das Jutta sein sollte. Zuweilen besuchte ihn Geierling, der sich in der Fabrik längst unentbehrlich gemacht hatte und seit einiger Zeit häufig in der ›Seewarte‹ vorsprach. Ferdinand war oft wochenlang abwesend und schätzte sich glücklich, in ›seinem‹ Herrn Geierling einen zuverlässigen Geschäftsführer gefunden zu haben. Auch Küngold fand an dem gewandten Wesen und dem unterhaltsam durch alle Länder und Verhältnisse zickzackenden Geplauder des jungen Mannes Gefallen, während ihn die Mutter Ulrike mit Zurückhaltung beobachtete. Er war ihr zu geschmeidig, ihre Vorliebe galt, in mütterlicher Einseitigkeit, dem stillen, starrgelenkigen Wesen ihres Sohnes.

Mit Reinhart sprach Geierling fast nur über Geschäfte. Er hatte fast geometrische Vorstellungen von dem Zusammenspiel der Lebensfäden und dem Wesen der Menschen! Wenn man ihn hörte, war die ganze Welt in einen gewaltigen Geschäftsbetrieb verknäuelt, in eine ungeheure Maschinenhalle gepfercht, wo ein Mechanismus gegen den andern stand und es nur darauf ankam, dem größeren, stärkeren, vollkommeneren anzugehören oder ihn gar zu meistern. Geierling wußte das mit anschaulichen Worten darzustellen, und man fühlte, wie stolz er war, dieses Getriebe ganz zu durchschauen und darin etwas Ansehnliches vorzustellen. Reinharts zwanzig Jahre träumten sich die Welt anders, und so gab es Stunden, wo er Geierling mit unverhohlenem Haß begegnete, was hatte ein Mensch wie er in dieser Geierlingschen Maschinerie zu schaffen?

So viel wie ein Kind im Raubtierkäfig.

Ende Januar lichtete sich der Höhennebel, eine klare Kälte ergoß sich glitzernd über Land und Stadt und legte kristallene Brücken über die Wasserflächen. Die Stadt strömte hinaus zu einem kleinen See, der sich leicht erreichbar in einer Talmulde breitete. Die Eisläufer schwirrten durcheinander wie schwärmende Bienen oder glitten in einem Strom von Luft und Wohlbehagen und Kraft ins Weite. Das Eis klang hell unter den Stahlklingen. Dann und wann knackte zur Warnung ein blauleuchtender Riß blitzschnell durch das glatte Feld.

Reinhart war auch hinausgefahren, voll Erwartung. Er hatte Jutta schon lange nicht mehr gesprochen und nur selten gesehen. In die Predigten des Pfarrers Schalcher ging er nicht mehr, die Sonntagmorgengänge waren ihm bald, als unredliche Schleichereien, zuwider geworden. Mit suchenden Augen steuerte er durch die Schlittschuhläufer. Endlich fand er Jutta an einer entlegenen Stelle, wo sie sich von ihrem Bruder Georg unterweisen ließ, denn sie war des Eissportes noch nicht ganz mächtig. Reinhart nahte sich den beiden in einer umständlichen Bogenfolge, die seine Absicht verbergen sollte. »Du kommst wie bestellt!« rief ihm Georg von weitem zu. »Du könntest mich ein bißchen von der Schwester befreien. Sie ist ungelehrig wie eine Holzpuppe. Versuch du's, du bist ja der geborene Pedant!« Er machte diesen Vorschlag, weil er sich seiner neuesten Flamme, die er auch auf dem See wußte, in seinem englischen Sportanzuge vorstellen wollte. Reinhart begann ohne Umstände seine Unterweisung. Er war im Grunde befangen, während Jutta jene ungezwungene Munterkeit ausstrahlte, die der Eislauf in frischer sonndurchtränkter Luft so verschwenderisch verschenkt. Sie faßten sich mit einer Hand und schwebten in weitem Bogen der Mitte des Sees zu. Hin und wieder fiel Jutta auf die Knie, und es war jedesmal für Reinhart ein liebliches Aufrichten und für beide eine Quelle der Lustigkeit. Er ließ sie los und sauste wie ein Pfeil erst gradaus, dann in einer Spirale allmählig wieder näher an sie heran, in der Verliebten eigenen Sucht, ein Bravourstück zu vollbringen. Als er ihre Hand faßte, durchrieselte ihn ein Gefühl wie bei einem Wiedersehn nach langer Sehnsuchtszeit. Auch sie schien froh. Nun schwebten die beiden gemächlich nebeneinander dahin, immer weiter von dem allgemeinen Getriebe weg. Reinhart hatte die Welt noch nie so herrlich gesehen. Ganz golden schien sie ihm. Er fühlte, daß es Juttas Schönheit war, die über der Schöpfung lag. Darum verehrte er sie, wie man die Sonne verehrt, mit einer feierlichen Scheu vor zu großer Nähe.

Sie nahten einer Stelle, wo ein einmündender Bach das Eis vom Ufer fernhielt. Ein unwiderstehlicher Drang nach Gefahr und Verwegenheit trieb Reinhart der lauernden Wasserfläche zu. Das Eis wurde glatt und durchsichtig wie Glas und knisterte falsch unter der dahergleitenden Last. Auf dem Grund sah man gelbe Steine und eine tote schwarze Katze mit kieselweißen Zähnen. Ein Riß sprang fingerbreit auf und spie dunkle Wassergüsse nach den Stahlschuhen. Unter der dünnen Decke gluckste es treulos. Jutta stieß einen leisen Schrei aus und faßte Reinharts Hand fester, wie in ängstlichem Flehen. »Sahen sie die Katze?« Er schwenkte herum und riß sie im Flug aus dem Bereiche der Gefahr.

»Das heißt Gott versucht,« warnte sie, brach aber gleich in übermütiges Lachen aus.

Auch er lachte; ihm war, die Gefahr habe sie ihm näher gebracht, er fühlte immer noch den flehenden Druck ihrer Hand. Sie glitten nun gerade der Sonne entgegen, die sich, dem Untergang nahe, gerötet hatte und auf das Eisfeld ein leuchtendes Band warf.

»Sehen Sie, wie wir durchs Gold fliegen?« jubelte er. Sie blickte mit halb geblendeten Augen in den Glanz, dem sie entgegen fuhren: »Wär's echtes Gold!«

»Und dann?« fragte er.

»Und dann?« kicherte sie, wie eine, die Ziel und Verwendung weiß.

Er zog sie rascher fort und begann zu sprechen: »So sollte das Leben sein, ein Gleiten in Freiheit und Licht, ohne Schwere, ohne Ketten, ohne Staub an den Füßen, immer der Sonne entgegen, steil empor.«

Sie lachte schelmisch auf: »Bravo! Können sie aber in die Lüfte gehen! Machen sie Gedichte?« Schnippisch, sprach das die siebzehnjährige Naseweisheit aus. Er fühlte sich nicht verletzt, er liebte in Jutta sogar den flatternden Flug und jedes Anderssein. Ein anderes Paar kreuzte ihre Bahn. Reinhart erkannte Küngold und Geierling und strebte wieder dem oberen Ende des Sees zu, das nun fast einsam geworden war. Sie verlangsamten den Lauf. Jutta sprach wie aus einem geheim geführten Gedankenlauf heraus: »Eissport ist schön, aber eine Autofahrt! Freilich muß es ein feiner Wagen sein. Ich bin im Herbst einmal mit meinem Vetter Hans Luternau gefahren. Ich sage Ihnen! Einfach wun–der–voll!«

Reinhart war im Begriff gewesen, sein Herz vor ihr auszuschütten. Nun vermochte er es nicht mehr. Seine Brust war in Klammern gefaßt. Es war ihm, er ziehe ein schweres Gewicht mit sich. Die Sonne war versunken, und statt durch Gold kratzte der Stahl durch graues kaltes Blei.

Jutta schaute nach der Uhr, die wie ein kleiner Schild auf ihrem Handgelenk lag. sie schrak zusammen: »Nun haben wir richtig den Zug verpaßt. Der nächste fährt erst in drei Stunden.«

»Wir gehen zu Fuß über den Berg, in einer Stunde sind sie zu Haus,« tröstete sie Reinhart, der in der Verspätung eher ein Glück als ein Unglück sah.

»Ich werde gescholten. Ich bin böse auf sie! Wirklich böse!« Sie schüttelte seinen Arm, wie um ihn zu strafen. »Hören Sie, Sie müssen mitkommen. Sie müssen sagen ...«

»Das ich an allem schuld bin? Selbstverständlich! Ich habe die Rute schon lange nicht mehr bekommen, man hat manchmal fast Verlangen darnach.«

Sie lachte belustigt auf, sie war auf einmal ganz für die Wanderung über den Berg. Das Abenteuer schien sie zu reizen.

»Ist Ihr Vater sehr streng?« forschte der angehende Freier.

»Oh, er ist schon streng, aber gut! Mehr scheue ich Tante Lilly.

»Die Schwester Ihres Vaters?«

»Nein, der Mutter. Sie hat uns erzogen. Sie kam zu uns, als Mama starb. Ich war erst zwei Jahre alt, ich weiß nichts von Mama.«

Munter schritten sie über den verschneiten Bergrücken. Die Schlittschuhe in Reinharts Hand klirrten leise. Jutta schwebte an seinem Arm, sie hatte nun wieder alles Erdgewicht verloren. Sie plauderte: »Machen Sie wirklich Verse? Ich habe Ihnen ganz gern zugehört. Ich liebe es, wenn die Herren ein bischen mit den Wolken gehen. Aber mit etwas mehr Schick dürften Sie sich schon kleiden! Sie haben doch eine Schwester, nicht? Sie soll Ihnen etwas beistehen, s' ist nötig!« Sie blitzte ihn aus ihren langen dunkeln Wimpern schalkhaft an und verwirrte ihn. Immer wieder spickte sie ein Wort ein, das ihm das Herz schloß.

Auf einen unfreundlichen Empfang gefaßt, traten die beiden ins Hombergsche Haus. Tante Lilly rauschte aus einer Türe hervor, hager und streng, und blieb auf der Schwelle stehen. Reinharts Aufschlüsse nahm sie mißtrauisch und mit vornehmer Gemessenheit entgegen. Man begab sich ins Empfangszimmer, in dem sich Juttas Vater, Hans Beat von Homberg, in Gesellschaft einer altersweißen Dame befand, die er Reinhart als seine Mutter vorstellte. Sie lächelte dem jungen Manne freundlich zu, wie einem Bekannten. Reinhart atmete auf.

»Es ist schön, daß Sie gekommen sind,« begann sie. »Wie heißen Sie doch? Ich bin so vergeßlich geworden, Ihr Name ist mir entfallen.«

»Ich bin Reinhart Stapfer.«

»Stapfer?« wiederholte die Greisin und schien sich zu besinnen. »Sag, Hans Beat, wie alt sind die Stapfer?«

»Es sind Neubürger,« belehrte sie ihr Sohn.

»Wir sind nicht einmal das,« verbesserte ihn Reinhart lachend, »wir sind, horribile dictu, noch auf dem Land verbürgert.«

»Das sind heutzutage Nebensachen,« meinte Hans Beat. Trotzdem schien die Teilnahme der Greisin an Reinhart plötzlich zu erlöschen. »Hans Beat, erzähle mir doch wieder einmal etwas von unserem Ulrich von Homberg,«

»Meine Liebe, ich habe dir seine Geschichte vor kaum einer Stunde erzählt.«

»Was du nicht sagst! Oh, ich bin furchtbar vergeßlich geworden,« seufzte sie, »erzähl mir sie noch einmal. Gelt, es war Krieg? ... und er stand auf der Brücke.«

»Entschuldige, liebe Mutter, das war der Stüßi.«

Wahrend Mutter und Sohn so miteinander plauderten, musterte sie Reinhart verwundert. Die Greisin hatte silberweißes Haar, das ihr in künstlichen Rollen ehrwürdig über die Schläfen fiel. Aus ihrem weißen Porzellangesicht lächelten rote Bäcklein wie runde, übermalte Scheibchen hervor. Auf den verwelkten Lippen und in den glanzlosen Augen lag die heitere, für alles vorhandene Freundlichkeit der wiedergekehrten Kindheit. Ihr Sohn Hans Beat war ganz Würde und Vornehmheit und Rücksicht auf die Mutter. Das Samtkäppchen, das seine gelichteten und leicht ergrauten Haare verhehlte, gab ihm etwas Pastorales.

»Gelt, mein Sohn, die Homberg waren nie ein reiches, aber sie sind ein vornehmes Geschlecht?«

Hans Beat, der sich denken mochte, wie solche Worte in den Ohren eines Eingesessenen klangen, hielt es für angezeigt, eine allfällig in dem Sohn des Fabrikanten und Emporkömmlings Stapfer aufkeimende Überhebung zu dämpfen und sagte: »Du hast recht, liebe Mutter, Geld ist in diesem Hause nie die Hauptsache gewesen. Doch komm, wir wollen schlafen gehen, Du bist gewiß müde. Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Stapfer.«

Die Greisin widersetzte sich ihrem Sohne in kindischer Trotzköpfigkeit, ließ sich dann aber, von seiner Liebenswürdigkeit bezwungen, jedoch die Beleidigte spielend, wegführen, Wie ein Ritter seine Dame, geleitete er sie hinaus. Bei der Türe angelangt, wendete sie sich zurück und machte Reinhart eine anmutige Verbeugung, von der er nicht wußte, ob sie spöttisch oder ernst gemeint war.

Reinhart war, er erlebe ein Stück Mittelalter. Er ließ seine Augen durch's Zimmer gehen. An den Wänden hingen ein paar Ölbilder. Zwei, offenbar die Bildnisse eines Ehepaars, erkannte er gleich als von Meister Anton Graff gemalt, daneben hingen drei stark nachgebräunte Landschaften ohne Kraft und Eigenart. Im übrigen atmeten Wände, Möbel und Teppiche eine fast kleinbürgerliche Nüchternheit und Genügsamkeit.

Jutta trat herein und fragte ihn, ob er eine Tasse Tee mit ihnen trinke. Sie hatte ein einfaches Hauskleid angezogen, in dem sie ihm, während sie mit zierlicher Hand die Tassen aufstellte und füllte, eine köstliche Augenweide bot. »Es ist gut abgelaufen,« flüsterte sie, obschon niemand außer ihnen im Zimmer war, »die Tante hat mir zwar einen Stüber versetzt, aber er war nicht gar schlimm. Mit dem Unterricht im Schlittschuhlaufen wird es nun freilich vorbei sein.«

»Schade,« sagte Reinhart, und wollte sie fragen, ob er sie sonst etwa treffen könnte, als die Türe ging und die schlanke Gestalt der Tante Lilly herein stolzierte. Tante Lilly, oder Fräulein Lilly de Luternau, wie sie sich nach dem Taufschein nannte, war eine ins Spitzige geratene alte Jungfer, mit einer kleinen borstigen Warze auf der Oberlippe, die sich wie ein mit Miniaturpalmen bestelltes Inselchen nicht eben unangenehm ausnahm. In der Hand schlenkerte sie eine Lorgnette aus Schildpatt. Sie ließ sich steif auf einen Stuhl nieder, und Reinhart konnte dabei die vollkommene Reizlosigkeit ihrer von einem gelben Tuchwerk umschlossenen Gestalt bestaunen.

Sie öffnete ihre schmalen Lippen zu einer kaum wahrnehmbaren Ritze: »Nicht wahr, Herr – – –?«

»Stapfer.«

»Herr Stapfer, Sie bewohnen die ›Seewarte‹, das ehemalige von Hirschbergsche Gut?« Reinhart nickte.

»Es ist seltsam, wie die alten Sitze nach und nach an die Fremden übergehen. Tout simplement contrariant

Reinhart traute seinen Ohren nicht: an die Fremden! Sie aber achtete nicht auf sein Erstaunen, sie zählte eine Anzahl anderer Patriziergüter auf, die in plebeischen Besitz übergegangen waren, und versäumte nicht, ein paar wehmütige Bemerkungen über den Wandel der Zeiten und die Vergänglichkeit alles Liebenswerten anzufügen. Sie sprach langsam, in der Mundart einer anderen Landesgegend und liebte es, französische Wörter in ihr Deutsch zu schieben. Das r bildete sie hinten am Gaumen, wie es die Vornehmen mehrerer Schweizerstädte in Nachahmung französischen Wesens vor ein paar Jahrhunderten sich angewöhnt und ihren Nachfahren treulich vererbt hatten. Tante Lilly zerschliff ihr r mit nicht zu beschreibender Unerbittlichkeit, was aber Reinhart durchaus nicht unangenehm berührte, denn auch in Juttas Geplauder trieb dieser Kratz- und Schnarrlaut sein unmelodisches Wesen, wenn auch in weniger durchgebildeter Form.

Hans Beat hatte sich unterdessen wieder eingefunden und wandte sich an Reinhart: »Ich bitte Sie, meine gute Mutter zu entschuldigen. Ihr Geist hat sich mit den Jahren ganz in die ihr liebe und einst wohlvertraute Vergangenheit zurückgezogen. Man hat eben in diesem Hause alte Überlieferungen. Wenn Sie die Geschichte unserer Stadt durchblättern, werden Sie mehrere Bürgermeister finden, die den Namen Homberg trugen und zwar nicht mit Unehren. Man hat uns vor hundert Jahren, wie soll ich sagen, beraubt, vielleicht hat man aber nur sich selber beraubt! Sie können nicht erwarten, daß wir die jetzigen Zeitläufe lobpreisen. Andere halten ihr Geld fest, meine Mutter möchte unsere Vergangenheit festhalten, und ich auch.«

»Sie dürfen aber nicht erwarten, daß die Geschichte rückläufig werde,« entgegnete Reinhart unbeholfen, »das Völkergeschick ist wie eine Walze, wer nicht an der Deichsel zieht, kommt unter die Rolle. Die Vorwärtsgerichteten haben die Zukunft, und sind es diesmal die niederen Leute, nun, so wird eben ihre Zeit da sein.«

Hans Beat wurde lebhafter: »Schöne Theorie! Da behielte jeder Neuerer und wäre er der größte Windbeutel, immer recht. Sie sind der Sohn Ferdinand Stapfers, da müssen Sie freilich so reden.«

Reinhart zuckte zusammen. Er erinnerte sich, daß zwischen seinem Vater und Hans Beat Scherben lagen. Ferdinand Stapfer hatte vor einigen Jahren als Führer des Liberalismus, auf den neuen Luftzug achtend, seiner Partei einen Ruck nach links gegeben. Die Stockkonservativen wurden abgestoßen, und mit andern verlor Hans Beat seinen Ratssessel und zürnte seither. Es war ein peinliches Schweigen entstanden. Zum Glück ging die Türe auf und der blonde Bart Pfarrer Schalchers erleuchtete den Raum. Es schien, als ginge davon ein Strom von Freude und Wohlgefallen aus. Hans Beat berichtete dem Pfarrer kurz von seinem Wortgefecht mit Reinhart und legte es ihm nahe, auch seine Meinung auszusprechen. Schalcher besann sich einen Augenblick und dann erschallte unter allgemeiner Stille seine Stimme, süß, als würde sie durch Honig gezogen: »Ich bin Seelsorger und Christ, was heißen will, daß ich ohne soziales Empfinden meinen Beruf verfehlt hätte. Wir müssen der leidenden Menschheit helfen, und ich bin überzeugt, daß darin alle maßgebenden Volksteile einig sind. Freilich, wenn ich sagen soll, wo ich den göttlichsten Willen zum Helfen gefunden habe, so muß ich den Ehrenplatz unseren alten Familien einräumen, und es ist tief bedauerlich, daß ihr Einfluß immer geringer wird. Sie geben vielleicht nicht am meisten, sie bilden eben keine Geldaristokratie, aber sie geben dafür mit umso freudigeren Herzen, und darauf kommt es an.«

Er schwieg und schaute mit bescheidenem Anstand um sich. Tante Lilly drückte ihm bewegt die Hand, Hans Beat verzog keine Miene und blickte wie verschämt zu Boden. Jutta lauschte immer noch der schönen Stimme, als die Wände sie längst verschluckt hatten.

»Aber wo ist denn meine liebe Braut?« fragte Schalcher und suchte mit den Blicken in allen Ecken. »Sollte Minna unpäßlich sein? Ich sah sie doch heute früh im Gotteshaus.« »Du mußt dich noch ein bißchen gedulden, lieber Pfarrer,« beruhigte ihn Tante Lilly, »elle viendra tout à l'heure«.

»In dem Kleid für den Wohltätigkeitsbazar,« ergänzte Jutta freudig.

»Chut, ma petite!« fuhr die Tante dazwischen.

»Ach, der Herr Pfarrer war doch dabei, als der Stoff ausgewählt wurde,« verteidigte Jutta ihre Voreiligkeit. »Ich hole sie!« Damit verschwand sie, um sich weiteren Zurechtweisungen zu entziehen. Bald erschien sie wieder mit der Schwester. Minna rauschte in Seide herein. Sie trug ein kostbares zitronengrünes Kleid mit Brüsselerspitzen um Hals und Handgelenke. Pfarrer Schalcher ging ihr strahlend entgegen und sprach salbungsvoll: »Darf man Königinnen küssen?«

Der Kuß wurde ihm glück- und schönheitsstrahlend gewährt und er vollbrachte die Handlung mit feierlicher Würde und unter weiser Schonung des Staatskleides.

Reinhart war von Minnas Anblick seltsam betroffen. Hatte er nicht schon irgendwo erlebt, daß ein Mädchen seine Umgebung gleicherweise wie eine Sonne überstrahlte? Richtig, Paula! Hier wie bei Holzers die gleiche Wirkung, nur auf verschiedener Stufe. Er meinte auch, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Zauberinnen zu entdecken, im heißen Rot der Lippen, im zitternden unruhigen Glanz der Augen, in der herausfordernden Haltung des Nackens. Von Minna glitten Reinharts Augen über die andern Beschauer. Jutta war reizend im Schein der Mitfreude. Tante Lilly glänzte vor Entzücken und betrachtete bald Minna, bald den wie in paradiesische Schauer versunkenen Bräutigam. Hans Beat saß nachdenklich auf seinem Stuhl. Zwischen seinen Augen zog sich langsam eine dunkle Falte zusammen. »Hätt' nicht gedacht, daß mein Haus sich so etwas Kostbares gönnte,« brachte er endlich tonlos hervor und merkte erst an der mißbilligenden Bewegung, die entstand, daß sein Gedankengang hörbar geworden war.

»Aber, Papa!« rief Minna und reckte ihren Kopf höher.

»Das sieht dir ähnlich, Schwägerlein,« schalt Tante Lilly beschwichtigend.

»Edelsteine faßt man nicht in Messing, verehrter Vater,« ließ sich die Stimme des Pfarrers vernehmen. Sie klang etwas weniger süß als sonst.

»Es ist doch für die Wohltätigkeit!« zwitscherte Jutta, »Was sagen Sie dazu, Herr Stapfer?«

Reinhart war in Verlegenheit, aber es war ihm unmöglich, gegen seine Überzeugung zu sprechen: »Ich sehe schöne Kleider auch ganz gern,« stotterte er, »aber ich verstehe nicht, daß man sich gerade für Wohltätigkeitsbazare besonders kostbar ausstaffiert. Ist den Armen damit geholfen?«

Widerspruch und verhaltene Entrüstung brausten ihm entgegen. Das Palmeninselchen auf der Oberlippe der Tante verwandelte sich in ein streitbares Igelchen, der Pfarrer stellte sich schützend vor seine Braut, als gelte es eine Profanation von ihr abzuwenden. Nur Hans Beat blieb ruhig und warf einen forschenden, etwas erstaunten Blick auf Reinhart. Dann nickte er zustimmend.

»Man muß doch die Leute anlocken!«

»Man muß den Käufern Ehre erweisen und sie in gute Stimmung versetzen!«

»Man darf bei einem solchen Anlaß nicht armmütig erscheinen!«

So tönte es durcheinander. Minna bekam feuchte Augen. Reinhart überlegte, wie er fliehen könnte, fand aber die schickliche Art nicht. Hans Beat nahm sich seiner an: »Was Herr Stapfer sagte, ist auch meine Meinung. Beim Helfen ist die Art, wie man es tut, nicht nebensächlich.« Der Pfarrer zuckte nervös mit der linken Wange und suchte den Ausgleich herbeizuführen: »Die ganze Stadt kennt, ehrt, ja bewundert die Einfachheit und bescheidene Vornehmheit dieses Hauses,« begann er eindringlich. »Die Stadt wird, wenn sie jetzt eine Ausnahme gewahrt, über den Grund nicht im Unklaren sein. Fräulein Minna verlebt keine alltägliche Zeit, sie ist Braut, und alle werden es mit mir fühlen, daß sie sich nicht aus weltlichem Sinn, sondern um ihrer Liebe willen so schön, so entzückend gemacht hat. Und wenn am Bazar die Leute ihr huldigen, so werden sie auch ein bißchen ihrem Seelsorger huldigen, womit unsere liebenswürdige Verkäuferin ihren Zweck ganz erreicht haben wird. Ich aber möchte ihr danken!« Die Damen waren von seinen Worten entzückt. Minna strahlte wieder. Jutta setzte sich neben Reinhart und flüsterte ihm zu: »Wie konnten Sie so garstig sein!«

»Du issest doch mit uns zu Nacht, lieber Pfarrer?« fragte Tante Lilly mit dankbaren Augen.

»Oh, sehr gerne,« erwiderte er, ihr verbindlich die Hand drückend. Dann setzte er sich neben Hans Beat, offenbar bemüht, ihn wieder in gute Laune zu versetzen. Reinhart spähte nach der Türe. Jutta flüsterte ihm das Lob des Pfarrers zu: »Wie geschickt er alles wieder ins Geleise gebracht hat.« Von Hans Beat und Schalcher herüber klangen abgerissene seltsame Sätze. Reinhart erriet, daß der Pfarrer es unternahm, seinem zukünftigen Schwiegervater begreiflich zu machen, daß es unzweckmäßig sei, sein Geld in Schuldbriefen anzulegen, wie es in den alten Familien üblich sei, Industriepapiere seien viel einträglicher und ebenso sicher. Hans Beat sah nachdenklich vor sich hin und fuhr mit der Hand über seinen ergrauten Backenbart. Von Zeit zu Zeit sagte er: »Glaubst du? Glaubst du wirklich?« Dieses Wort in seiner Wiederholung bekam einen andern seltsamen Sinn. Es trat plötzlich eine große Stille in dem Zimmer ein. Reinhart nahm die Gelegenheit wahr und empfahl sich. In der Hand der Tante Lilly empfand er starre Abneigung, Minna reichte ihm nur flüchtig die Fingerspitzen. Auch Jutta wagte unter den vielen wachsamen Blicken nicht, herzhaft zu grüßen. Sie begleitete ihn bis zur Haustüre. Er fragte: »Darf ich Ihnen schreiben?«

»Ums Himmels willen, die Tante liest alle meine Briefe.« Sie verschwand erschreckt im Halbdunkel des Flurs.

Als Reinhart durch das Gartentor auf die Straße hinaustrat, stieß er auf Georg, der unschlüssig bei der Laterne stand und eine Zigarette im Munde wippen ließ.

»Ei, du warst bei uns? Hast die Kleine nach Hause gebracht?« Seine Stimme lallte ein bißchen. »Ist Besuch da? Teufel! Dann geh ich lieber nicht hinein! Ich esse im Restaurant, aber ich bin ausgelumpt.«

Reinhart griff in die Tasche, worauf Georg vertraulich wurde. »Hör, Stapfer, ich mag dich ja ganz wohl. Mir wärest du schon recht, aber der Vater und Tantchen haben, wie ich glaube, schon einen Trumpf in Händen. Hans de Luternau heißt er, du weißt, der Vetter und Tuchherr in Aarwald. Mach Geld, so gelingt es dir vielleicht. Das verfluchte Geld!«

»Und Jutta?«

»Ach, sie ist doch noch ein Embryo. Ich glaube, sie weiß noch nicht einmal, was Flirt ist. Aber sie wird alles rasch kapieren. Minna war vor drei Jahren auch noch so ein Hühnchen, jetzt kann sie selbst einen Pfarrer lehren. Die Mädchen haben überhaupt den Teufel im Leib, sie sind uns über. Da bin ich.« Er trat in ein Kaffee.

Reinhart war froh und niedergeschlagen zugleich. Was für ein verheißendes Geschöpf war Jutta. Sie erschien ihm in ihrer Unfertigkeit wie geschmeidiges Gold, das dem Künstler zuspricht, ihm die hohe Form zu geben. Er fühlte, daß er nie mehr aus dem Banne dieses trotz seiner Jugend mit dämonischem Zauber begabten Geschöpfes treten könne. Aber die Umgebung, in der sie sich befand! Diese mittelalterliche Welt! Und doch war in ihr etwas, was auch in Reinharts Wesen lag, die Geringschätzung des Geldwesens, von der Hans Beat erfüllt war. Aber wankte das Haus nicht schon? Hatte Hans Beat nicht auf ein Gespenst gestarrt, das sich eingeschlichen hatte und fortan seinen Spuk treiben würde?

Zu Hause fand Reinhart die Familie bei Tische. Auch Geierling war da. »Wo hatten Sie heute Ihre Augen, Herr Stapfer?« fragte er, »wir sind mindestens fünf Mal an Ihnen vorbeigeflitzt. Was war das übrigens für ein forscher Käfer, den Sie an der Hand hatten?«

Reinhart wurde rot, gestand aber ohne Zögern, daß es Fräulein von Homberg gewesen sei.

»Eine ›von‹? Donnerwetter! Entschuldigen Sie den derben Ausdruck, verehrteste Frau.«

»Du verkehrst bei Hombergs?« raunte Ferdinand seinem Sohne zu, als sich die Herren ins Rauchzimmer zurückzogen. »Welche Eselei!« Dann setzte er mit Geierling das bei Tisch begonnene Gespräch über die deutsche Kolonialpolitik und ihren Einfluß auf den schweizerischen Warenabsatz fort.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.