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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Im blauen Kittel

Ein großer Saal, mit betäubendem Schall und süßlichem Ölgeruch gefüllt. Braune Riemen glitten fiebrig surrend über kreisende Rollen. Von irgendwo her, aus der Tiefe, drang ein dumpfes Dröhnen, unter dem alles leise zitterte, die Luft, der Boden, die Wände, die Muskeln. Fäden liefen still und willenlos dahin, nebeneinander, ineinander, durcheinander, wie Lebensläufe, schwarze und weiße paarten sich, grüne und blaue. Schifflein schnellten gleich Bogen zwischendurch, aufgereizt, befehlerisch. was sich von hinten her, gezogen, geschlagen, gebunden, heranbewegte, fand vorn auf einer Walze Ruhe und Vergessen. Menschen standen an dem Getriebe, Männer, Frauen, Mädchen, ernst, schweigsam, hart, selber ein Teil der Maschine, und griffen wie Automaten dahin, dorthin. Unter ihnen Reinhart in blauem Kittel. Er hatte eine Woche lang dem Vater Widerstand geleistet, sich an ihm zerrieben und würde noch nicht gewichen sein, wenn die Mutter nicht in der scharfen Luft, die durch das Haus stürmte, ganz elend geworden wäre. Ferdinand war, nachdem er seinen Willen durchgestiert hatte, die Güte selber. Er stellte Reinhart sein Reitpferd zur Verfügung, legte ihm ein paar blaue Scheine zur Anschaffung von Reitstiefeln und Büchern auf den Tisch, zusammen mit einem Kistchen Zigarren. Jetzt war er für einige Wochen nach Lugano verreist, wo eine eidgenössische Kommission, deren Vorsitzender er war, tagte. Das Haus zur ›Seewarte‹ hatte bei seiner Abreise einen tiefen Atemzug getan.

Reinharts Lehrmeister an der Maschine war David Holzer, der Nämliche, der sechs Jahre lang mit ihm die Volksschule besucht hatte. Sie hatten in der gleichen Bank gesessen, sich gerauft und vertragen, miteinander gespielt und gezankt, wie es guter Schulkameraden zu Land und Stadt Gepflogenheit ist. Da die Holzer aus der gleichen Gegend stammten wie die Stapfer, durfte Reinhart David und seine Schwester Paula so oft nach Hause bringen, als er wollte, bis der alte Holzer, der auf Ferdinand neidisch war, eines Tages im Rausch dazwischen fuhr und dem Verkehr der Kinder Grenzpfähle setzte. Dann liefen ihre Wege auseinander, Reinharts führte durchs Gymnasium, Davids durch die Sekundarschule und in die Lehre. Diese machte er in der Stapferschen Tuchweberei durch, so hatte es der alte Holzer in einer nüchternen Stunde für vorteilhaft gefunden.

Das Zusammentreffen Reinharts und Davids nach fast siebenjähriger Trennung vergrößerte die Entfremdung, statt sie aufzuheben. Reinhart reichte dem ehemaligen Kameraden frei die Hand und scherzte: »Von zweien hat es nicht immer der weiter gebracht, von dem man es annimmt. Sei mir kein gar zu strenger Lehrmeister.« David faßte zaghaft die dargestreckte Hand und stieß trocken durch die Zähne: »Ich stehe Ihnen zu Diensten.«

»Ach, sag' doch du!«

»Das paßt sich jetzt nicht mehr, und überhaupt...« gab David zurück.

Nun erst fiel Reinhart auf, wie stark David sich verändert hatte. Er war breitschulterig, untersetzt, die Augen lagen finster und prüfend in ihren tiefen Gruben, Oberlippe und Kinn verdunkelte der erste schwarze Flaum, von der einstigen Lustigkeit kein Zwinkern mehr.

Die beiden standen nun wochenlang in sachlicher Abgemessenheit nebeneinander an der Maschine. Man sprach nur, was sein mußte. Zuweilen stieg Herr Geierling aus dem Bureau herauf, machte mit scheinbar leeren Augen einen Gang durch den Saal und blieb regelmäßig bei Reinhart stehen. David hatte dann immer viel mit Händen und Augen zu schaffen und für Geierling keinen Blick übrig, ja, er schien es darauf abzusehen, dem Unterdirektor stets den Rücken zuzuwenden. Geierling, der Augen auf der ganzen Haut hatte und mit Instinkten ausgerüstet war wie ein Polyp mit Armen, entging diese Abneigung nicht, und er beantwortete sie mit herausfordernder Geringschätzung.

»Hüten Sie sich vor dem Feuerspan dort!« sagte er einmal, mit dem Kinn auf David zeigend. »Käme man mit Rot aus, so brauchten wir gar keine Färberei.«

Es mußte seltsamerweise eine Betriebsstörung kommen, um den Bann zwischen Reinhart und David zu brechen. Ein Rad zersprang, und der Webstuhl der beiden kam zum Stehen. Wie ein Sterbender zuckte er aus. Reinhart sah dem Verenden neugierig zu und mußte schließlich herauslachen. David maß ihn erstaunt. »Ich glaube, Sie sind der erste Fabrikherr, der lacht, wenn eine Maschine streikt,« sagte er.

»Haben Sie geglaubt, ich liebe dieses Ungetüm?«

Wieder warf David einen neugierigen Blick auf ihn und brachte dann seinen Stachel langsam und grimmig hervor: »Ich, ich hasse es.«

»Sie bedienen es doch gewissenhaft, wie keiner im Saal.«

»Man tut seine Pflicht!« Und dann etwas verächtlich: »Man ist ja dafür auch bezahlt.«

»Wenn es so um Sie steht, müssen Sie von der Maschine loskommen, warum haben sie nicht etwas Anderes ergriffen?«

»Tut man, was man will? Mit fünfzehn Jahren?«

Reinhart fuhr wie gestochen zusammen. Tat er, was er wollte, mit zwanzig?

»Den vierten Teil meines Lebens habe ich diesem Satan geknechtet,« fuhr David fort. »Wie manchmal schon ist das wahnsinnige Schifflein mir an der Nase vorbeigesaust? Immer im gleichen Schnurr, jetzt hin, jetzt her, und jedesmal hat der Webstuhl mit seinem langen Hammer dazwischen geschlagen, mit immer gleichem Schwung und Ton, mir auf die Ohren, gegen die Stirne, an die Schläfen. Und was tu ich dabei? Wozu habe ich Gehirnschmalz? Ich wurde vorgestern zwanzig, wenn ich denke, daß ich noch fünfzig Jahre an der Maschine stehen soll ....«

Zwei Arbeiter kamen, um den Schaden zu flicken, und erklärten, der Stuhl werde vor Fabrikschluß nicht wieder lebendig.

»Gehn wir hinaus«, schlug Reinhart vor, und als David zögerte: »Ich nehm's auf mich.«

Sie traten auf die Straße hinaus und schritten langsam der Stadt zu. Es fing schon an zu dämmern und die ersten Straßenlaternen flackerten da und dort in dem naßkalten Dämmerschatten auf.

»Wohnt ihr noch an der Schützengasse?« erkundigte sich Reinhart.

»Ich bin nicht mehr bei den Alten.«

»Wie das?«

»Es ist immer die gleiche Schweinerei, die Alten wollen die Kinder ausbeuten und ihren Lohn versaufen. Dann geht man eben! Es ist alles herrlich eingerichtet! Die Reichen saugen die Armen aus und die Eltern die Kinder. Gibt es nicht ein Tier mit Namen Vampir?«

»Und Ihre Schwester, die Paula?«

David erwiderte mit hörbar erzwungener Gleichgültigkeit: »Sie ist auch fort. Aber wir gehen beide noch zuweilen heim, gegen Ende des Monats, Sie verstehen, wenn's dort trocken ist. Paula ist in einem Warenhaus. Gute Luft!« Das sprach er mit dumpfer, bissiger Stimme, die aber heiter klingen sollte.

»Sie war einst ein lustiges Ding!«

David lachte: »Ja, ja, weiß schon. Sie sind nun lange vorbei, jene Kindereien! Man ahnt nicht, wie weit man schon auseinander ist, wenn man noch kurze Hosen und kurze Röcke trägt.«

Reinhart schwieg zu dieser Philosophie eines Zwanzigjährigen. Paula war seine erste morgenrote Rose gewesen. Im Garten der »Seewarte« war sie aufgelodert. Paula trug damals ein rotes Röcklein, er erinnerte sich genau daran. Noch stand das Eibengebüsch, hinter dem sich ihre Kinderlippen zum ersten Mal betupften, scheu, wie ein Windhauch einen anderen anrührt, und dann zum zweiten Mal, acht Tage später. Damals war David wie ein Bolz zwischen sie gefahren. Er hatte zwar geschwiegen, weil er gern von Küngold die gleiche Gunst erbettelt hätte, aber der Schleier des Geheimnisses war zerrissen. Das war nun sieben Jahre her, wie Reinhart schnell für sich berechnete, und es war ihm, es nahe sich seinen Lippen wieder etwas Korallenrotes, erst weich und dann bestimmter werdend, und durchdringe ihn mit ahnungsvoller Süße. Sie hatten sich nachher nichts zu sagen vermocht, sie sahen sich nur mit weit gesperrten Augen voll verständnisloser Verwunderung an, als wollten sie sich mit den Augenlidern verschlingen. Nach der Entdeckung füllte sich Reinharts Brust mit namenloser Scham, Paulas Augen mit Tränen, sie wollte in den See springen.

Schweigend gingen Reinhart und David eine endlose Straße entlang. Ein forscher Wind trieb ihnen Schlackerschnee ins Gesicht. Ein Hut schwirrte durch die Luft, prallte gegen einen Laternenpfahl, rollte auf dem Pflaster tückisch davon und wirbelte zuletzt in eine Türnische. Ein alter Mann hastete ihm fluchend nach. David stand vor eben jener Haustüre still und hob den Filz auf. »Er hat zu mir gewollt«, lachte er dem Alten zu, »da hause nämlich ich.« Die letzten Worte waren auch an Reinhart gerichtet.

»Kann ich bei Ihnen unterstehen, bis das Schlimmste vorüber ist?« fragte Reinhart, der neugierig war, einen Blick in die Häuslichkeit seines Jugendgenossen zu werfen. David schien unentschlossen, schließlich schob er aber doch die Haustüre auf. »Sie dürfen keinen Prunksaal erwarten«, lachte er trocken, wie es seine Art war. Sie stiegen fünf schmale Treppen empor. Das Geländer war klebrig und schien die Hand festhalten zu wollen. Nur im Erdgeschoß brannte ein mageres Lämpchen, die Mieter der andern Stockwerke sparten das Öl. David schloß, eine Dachkammer auf und machte mit flinkem Griffe Licht. Mit einem einzigen Blick war das Zimmerchen auszumessen. Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, ein Kasten, ein gußeiserner Ofen, bildeten fast den ganzen Inhalt. Auf dem Tisch und auf einem Brett an der Wand lagen oder standen Bücher und Zeitungen, ein mächtiges Tintenfaß thronte prahlerisch auf dem Tisch vor einer Schreibmappe.

»Das sieht ja fast aus wie eine Studierbude,« meinte Reinhart und warf einen Blick auf die Titel der Bücher. Namen wie Marx, Engels, Büchner, Lange, Bebel, Sombart traten ihm entgegen. Er griff nach dem Buch von Lange: »Das lesen Sie?«

»Ich weiß, was Sie meinen«, entgegnete David knurrig. »Ich verstehe freilich nicht alles, aber ich werde das Buch lesen und wieder lesen, bis mir alles Tag ist. Einstweilen schnappe ich dies und das auf, und, was die Hauptsache ist, ich mache mir meine eigenen Gedanken.«

»Das soll Sie von der Maschine befreien?«

»Das soll's.«

»Wenn ich Ihnen helfen kann ....« sagte Reinhart.

David schwieg und blickte in die Flamme der Lampe, die sich in seinen dunkeln Augen heftig spiegelte.

»Ich bin zwar auch kein Gelehrter«, fuhr Reinhart fort, »auch ich suche.«

»Was?« forschte David, ohne seinen Blick aus der Flamme zu ziehen.

»Es ist schwer zu sagen. Ich suche über den Nebel zu kommen, in dem wir stecken. Ich meine, man sollte doch wissen, wieso und wozu man da ist. Ich habe noch keinen rechten Bescheid gefunden.«

Nun wandte David sich ihm gerade zu: »Da bin ich besser dran! Macht, das ist das Ziel, Einfluß, Herrschaft. Was will Ihr Vater mit all seiner Geschäftigkeit? Was wollen Sie selber mit Ihren Schulen und jetzt an der Maschine? Meinen Sie, das merke unsereiner nicht?«

Reinhart war von der Übereinstimmung mit Immergrüns Theorie betroffen. »Aber können denn alle herrschen?« hielt er David entgegen.

»So stelle ich die Frage nicht! Ich denke an mich und meine Klasse, die andern ... na!«

»Da darf man Sie nicht zum Allerweltsherrgott machen,« lächelte Reinhart. David machte eine spöttische Grimasse und begann seine Pfeife zu stopfen.

Es klopfte an die Türe, und ein Mädchenkopf schob sich herein. Bei Reinharts Anblick fuhr ein Schatten von Verlegenheit über das schmale, blasse Gesicht des Mädchens, und der dünnlippige Mund brachte stotternd hervor: »Kann ich Euch etwas besorgen, Holzer? Ich gehe aus.«

»Nein, Emma,« brummte David, indem er die Pfeife in einen Mundwinkel schob. Seine Lippen schlossen sich hart um das Rohr. Der Mädchenkopf verschwand lautlos.

»Kein übles Gesichtchen,« meinte Reinhart.

»Denken Sie sich nichts Unsauberes,« blies David neben seinem Pfeifenrohr hervor.

»Gibt es für Sie denn kein harmloses Wort mehr?«

David grübelte mit seinem Blick in Reinharts Augen und sagte dann: »War Ihr Wort harmlos, so war es nicht sehr gescheit. Sehen Sie, was vorhin unter der Türe grinste, ist die Versuchung. Unterläge ich ihr, so käme ich nie von der Maschine los. Das ist der Fluch unserer Klasse: wir werden zu früh von der Familie ausgestoßen, zu einer Zeit, da wir noch ein Herz aus Butter oder Teig haben, und dann ... dann geschieht es eben und man hat für das ganze Leben das Bleigewicht an den Füßen. Aber ich laß mich nicht in's Garn ziehen, lieber ...« Das war hart ausgestoßen. Er brach ab, er hatte mehr gesagt, als er wollte, und knöpfte sich den Kittel von oben bis unten zu. Um Reinhart sein Gesicht zu entziehen, kniete er vor den Ofen hin, um Feuer anzufachen.

»Wollen Sie noch arbeiten heute Nacht?«

»Ich gehe nie vor Mitternacht zu Bett,« erwiderte David mit sichtlichem Stolz. »Bei Tag schufte ich, weil ich muß, bei Nacht arbeite ich, weil ich will. Doch jetzt ist Essenszeit. Ich kann Sie leider nicht einladen,« lachte er.

»Wo essen Sie?«

»Wo unsereiner ißt! In der Pinte, wo sonst? Das Wirtshaus ist doch unsere Heimat.« Das klang traurig und grimmig zugleich.

Draußen war die Welt weiß geworden, den nassen Schnee hatte trockener abgelöst, es war empfindlich kalt. Die Straße war belebt, die Arbeiter hasteten nach Hause oder in die Wirtshäuser. In der Nähe sandte ein Klavier seine Locktöne auf die Straße hinaus, grob, hart, wie von Schmiedehämmern aus dem Amboß geklopft, wenn sich die Türe der Kneipe öffnete, gedämpft und wie verschattet, wenn sie geschlossen war.

»'n Abend, Holzer'« tönte es neben David unter einem schweren Schlapphut hervor. David wandte sich zurück. »Aha. Sie! 'n Abend, Stapfer.«

»Ein Stapfer, ein Verwandter?« fragte Reinhart, von einer Ahnung durchzuckt.

»Ein Verbannter,« lachte David spöttisch.

»Mein Onkel Melchior?«

»Wird schon sein.«

Reinhart spähte nach dem schweren Hute, er war aber in der Nacht untergetaucht, um eine Ecke oder in einer Türspalte verschwunden, vom Arbeiterviertel verschluckt. Reinhart und David gingen rasch etwa hundert Schritte zurück, umsonst.

»Wo wohnt er?«

»Weiß ich's?«

Reinhart begann die Frage der Großmutter zu drücken. »Ich muß ihn finden!« rief er.

»Das ist leicht,« ließ sich David zögernd aus einem Mundwinkel vernehmen. »Er kommt jeden Sonntag Abend zu meinem Alten, die beiden sind eben alte Schulkameraden, wie – wir!« Wieder ließ er sein spöttisches Lachen hören.

»Ich muß ihm vom Großvater Bericht geben.«

»Wir können ja einmal zusammen hingehen.«

Vor einer Wirtstüre stand David still, »Hier ist mein Tischlein deck dich, wie wir einst bei Lehrer Güttinger lernten. Gute Nacht!«

Reinhart sah ihm nach, bis er seine breite, gedrungene Gestalt durch die Tür geschoben hatte. »Wie der seiner Sache sicher ist,« dachte der junge Stapfer im Weitergehen. »Er fühlt sich mir überlegen. Ist er es nicht? Vom Leben weiß er jedenfalls mehr als ich. Und wie er sich seinem Vater entwunden hat!« Ein Stachel zuckte in Reinharts Brust und stocherte eine noch frische Wunde wieder blutig. Er schritt sinnend davon und schaute in die Schneeflocken, die geisterhaft um die Laternen tanzten, blasse Seelen, vom Wind gefaßt und gewirbelt, ohne sichtbares Ziel, getragen und fallen gelassen, je nachdem, jetzt in der Luft, im nächsten Augenblick im Schmutz, und in der Luft wie auf dem Boden von frostiger Gleichgültigkeit wie von einem Fluch getroffen. Ein unsinniger Gedanke stieg in Reinhart auf. »Warum ist keine Welt möglich, die steigt, steigt, steigt, statt zu fallen wie in der Wirklichkeit?« Er sah zwei Gesichte nebeneinander, in dem einen ein ewiges Streben zur Nähe, zum Licht, in dem andern ein Fallen in Abgrund und Finsternis. Als er das Wort »fallen« dachte, zuckte ihm der Name Paulas wie ein Nadelstich durch den Sinn. Weshalb hatte David so gezwungen heiter von ihr berichtet? Er sah seine Kindheit vor sich und eine schmutzige Faust, die sie in Fetzen riß.

In der Nacht zerwühlte ihn ein Traum. Er stand in der Fabrik im großen Waschraum. Auf einem schweren Karren wurde rohe Wolle hereingefahren, der einzigen Wäscherin zu, die da war. Sie stand am Waschtrog, vom Dampf leicht verhüllt. Reinhart wollte ihr die Wolle in den Trog werfen, sie aber wehrte ihm: sie müsse heute ihr eigenes Gewand waschen, das gehe allem vor. Es war ein grünes Kleid mit gelben Aufschlägen. Sie riß es sich vom Leib und stand nun in einem roten Kinderröcklein da, dessen Anblick Reinhart einen freudigen Stoß gab. Die Wäscherin tauchte das grüne Kleid in den Trog ein und zog es wieder heraus. »Es nützt nichts,« klagte sie, indem sie es betrachtete, »die Flecken sind im Stoff.« Sie zog sich das grüne Gewand wieder über das Kinderröcklein an und wandte das Gesicht ganz ab. Reinhart sah nun die Flecken auch und begriff, daß sie wirklich nicht mehr auszulaugen waren. Er bückte sich über den Karren und griff aufs Geratewohl etwas heraus. Die Wäscherin wandte sich traurig halb zurück und flüsterte, als gälte es das größte Geheimnis: »Das braucht man nicht zu waschen, Reiner, das ist doch ein Gummimantel, der nimmt keinen Schmutz an.« Auf einmal fing sie laut zu weinen an und stürzte sich in den Trog, wie um sich zu baden oder zu ertränken. Reinhart fuhr erschreckt aus dem Schlafe auf. »Wie kommt Juttas Gummimantel in die Fabrik, und seit wann ist Paula im Geschäft?« fragte er sich im Halbtraume. »Oh, wie verrückt!«

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