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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
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Vierzehntes Kapitel

In der Wüste

Die Angriffe gegen Reinhart wurden immer heftiger. David und Schucharinow machten ihn überall lächerlich oder verächtlich, die Partei schüttelte ihn als einen unzuverlässigen Wirrkopf sachte ab. Er verlangte, sich in einer Versammlung zu verteidigen, und man ging zu seiner Verwunderung willfährig auf seinen Wunsch ein. Man machte sogar Propaganda für seinen Vortrag, so daß er in einem fast gefüllten Saal sprechen konnte. Indem er die Versammlung überblickte, entdeckte er in ihren vordersten Reihen Faustulus, David und Schucharinow und hinter ihnen, wie hinter einem Schutzmäuerchen, Immergrün. Das sah wie eine Verschwörung aus. Gerade unter sich fühlte er ein Auge, das das seine herabzuzwingen suchte. Er mußte hinsehen und begegnete den brennenden Blicken des Dieners Klas. Stockend aber klar begann Reinhart zu reden: »Von weit her kam ich zu euch, mir ist, es geschah im Traum. Ich bin unter Menschen aufgewachsen, die ihr für glücklich haltet und beneidet. Was fand ich bei ihnen? Selbstsucht, Genußsucht, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit des Lebens, Gewissenlosigkeit, denn sie fühlten ein Behagen, wenn ihr Geld wucherte. Ich wanderte aus, um nicht zu ersticken, ich wollte mich retten. Ich suchte erst mein Heil in mir selber und stieß auf die Wahrheit, daß der Mensch sich zum Menschen pflanzen muß wie der Weizenhalm zum Weizenhalm, wenn er nicht verdorren will und ein Fruchtfeld entstehen soll. Ich fand mich zu euch. Ich kam in einer himmelhohen Hoffnung. Ich erwartete nicht, ein Heer von Engeln zu finden, nein, nur etwas Halbhimmlisches: eine Welt von Menschen. Ich wußte nicht, wie unbescheiden ich auch so war. Wo ich herkam, hatte man sich die Religion und die Kirche untertänig gemacht und selbst mit dem Herrgott ein Schutzbündnis geschlossen. Ich hoffte, bei euch einen besseren Glauben zu finden, einen Glauben, dem man ehrfürchtig dient, vor dem man kniet, den Glauben an die Erhöhung und Erlösung des Menschen. Und was fand ich? Antwortet selber! Ich floh die harten Herzen, fand ich die weichen? Ich floh die Genußsüchtigen, fand ich Anspruchslose? Ich floh die ums goldene Kalb ringelreihen, fand ich Goldverächter? Ich floh die Herrschsüchtigen, fand ich Dienstwillige? Ich floh die Frevler am Seelengut, fand ich Fackelträger des Geistes? Ich floh die Lieblosen, fand ich keinen Haß? Ich floh die Ungerechten, fand ich wahre Brüderlichkeit? Oh, ich sage euch, mir sind alle, allesamt armselig, wir sind alle im nämlichen Spital krank.«

Der Saal wurde schon nach dieser Einleitung unruhig. Man hörte das Wort Kapuzinade und darauf ein Lachen.

»Ich bin,« fuhr Reinhart fort, »als ich beinahe noch ein Knabe war, aus der Kirche gelaufen. Ich hatte eine fromme Mutter, sie erzog mich zu einem weiten milden Glauben. Aber was geschah? Den gesetzlichen Hütern des Glaubens war das zu wenig. Sie sagten mir: ›Knabe, du mußt ganz so glauben, wie wir es wollen.‹ Ich aber hatte meine kleinen eigenen Einfälle und wagte sie auszusprechen. Da zerbrach mir einmal ein pfarrherrliches Lineal auf dem Rücken. Eigene Einfälle durften nicht geduldet werden und waren mit Gewalt auszutreiben. Man legte mir Sätze vor: Ich behielt sie, aber bald fing mein junger Verstand an, sich daran zu stoßen, daran zu rütteln und zu reißen, bis er blutwund war. Man stellte mir ewige Verdammnis in Aussicht. Da entfloh ich, mir schien, der Finsternis. Ich liebte die Freiheit und sollte mich knebeln lassen. Das ist das uralte Verfahren der Kirche. Hat sie nicht die leuchtende Botschaft verfinstert? Hat sie sich nicht ehr- und herrschsüchtigen Dienern ausgeliefert, die daraus eine Macht, ein Imperium aufrichteten, mochten die Herzen darunter verdorren oder nicht? Und nun mein Erstaunen: Als ich zu euch kam, befand ich mich mitten im Nachbild dieser Kirche: eine frohe Botschaft, aber ihrer Weihe beraubt, verweltlicht, verherrschaftet. Es wurden Gesetzestafeln aufgestellt, und wer sie nicht unverletzlich und unfehlbar preist, wird verketzert und verfolgt. Es ging einst um die Freiheit, aber es lief auf eine neue Knebelung des Gewissens hinaus. Es ging einst auf die Erlösung der Menschheit durch den Brudergedanken, aber es entartete in einen Kampf um Sessellehnen und Tischplätze.«

Einige lachten, andere, die sich betroffen fühlten, knurrten. Reinhart kam immer mehr ins Feuer: »Die Kirche leidet an Glaubenslosigkeit, und ihr? Wer von euch hat noch einen festen Glauben an die Gerechtigkeit unter Menschen? Um welche Achsen drehen sich eure Reden und Gedanken und Zeitungsartikel? Um Lohn und Arbeitszeit und Klassenkampf. Euer Schibboleth heißt Wirtschaft. Wirtschaft! Mit eurer Versunkenheit in die Wirtschaft gleicht ihr einem Schwimmer, der seinen Ehrgeiz darein setzt, sich unter dem Wasser zu halten. Der Mensch muß den Kopf über das Wasser heben, sonst ertrinkt er bald genug. Herrschaft der Wirtschaft ist Herrschaft der Unkultur! Ist die Magenfrage denn die höchste? Ihr glaubt es, aber man hat euch das nur angelehrt. Denn im Volke liegt es nicht, wie sonst hätte es einst das Heidentum gegen die Lehre der Selbstlosigkeit vertauscht? Die Menschheit leidet an einem unerträglichen Hunger. Es ist der Hunger der unterernährten Seele, aber die ihn stillen sollten und dazu nicht fähig sind, predigen, es sei der Magen der Menschheit, der knurre. Versteht mich recht! Es soll in der neuen Ordnung kein Magen hungern, aber noch weniger eine Seele! Es soll keiner an übersattem Magen zugrunde gehen, aber auch keiner an überleerer Seele! Das ist der erste Satz im kommenden Weltreich der Gerechtigkeit. Euer zweites Wort lautet ›Solidarität‹. Ich glaubte einst, das heiße Brüderlichkeit und Güte. Jetzt weiß ich, daß es Sektierergeist und Haß und Vernichtungswille bedeutet. Wohl kennt ihr Brüder, aber nur Klassenbrüder, und was sonst auf zwei Füßen geht, heißt euch Feind. Ihr wollt Eroberungen machen. Welches sind eure Ziele und eure Waffen? Das Ziel ist die Macht und die Waffe heißt Gewalt. Wißt ihr nicht, daß das auch Ziel und Waffen eurer Gegner sind? Ihr übernehmt sie und billigt sie damit. Und so meint ihr die Welt zu gewinnen, die Not zu bannen? Ihr müßt scheitern! Die Waffen, die ihr braucht, haben immer in die Not, nie aus der Not geführt. Ihr müßt den Kampf im Innern beginnen. Jeder bei sich! Wehe der Welt, wenn es euch Töpfern gelingt, sie neu zu formen, bevor ihr euch selber eine neue Form, einen neuen Geist gegeben habt. Glaubt ihr, Christus wäre eine so große Macht geworden, wenn er mit der Botschaft aufgetreten wäre: Schlagt alle anders Denkenden tot?«

Der Saal wurde immer lauter. »Phantasterei! Spießer!« tönte es aus der Menge. Reinhart stemmte sich gegen den Widerstand. Er stand wie ein Prophet und Eiferer da und rief: »Wir sind aus dem alten Dom geflohen, richten wir einen neuen auf! Und geben wir uns einen Heiligen. Als Ziel! Dieser unser Heiliger heiße Mensch! Nicht den einzelnen Menschen meine ich. Der ist ein kleiner Summand, oft ein großes Tier. Nein, ich meine, was in der Gesamtseele gut und schön, hoch und heroisch ist. Nichts Hehreres wurde unter dem Himmel hervorgebracht als die Menschlichkeit. Und wem der Lebens-, Licht- und Schöpferwille, der hinter allem steht und wirkt, unwirklich geworden ist, der verehre wenigstens seine höchste Offenbarung. Dies sei unser Weg: Alles, was die Menschheit hebt, sei heilig im neuen Dom, alles, was sie erniedrigt, sei uns böse. Nichts erhebt sie mehr, als die Güte, nichts erniedrigt sie mehr, als der Haß. Und nun prüfen wir uns selber: Dienen wir mehr der Güte oder dem Haß? Wir müssen umkehren. Wir müssen nach dem neuen Ziel so leidenschaftlich streben, wie jetzt nach besseren Lohntarifen und kürzerer Arbeitszeit! Das Ziel ist im Herzen, nicht im Magen, in der Menschheit, nicht in der Partei. Parteien meinetwegen, wie man sich den Fuß in Schuhe schnürt zum Gehen, aber wohl weiß, daß der Schuh nicht der Mensch ist. Und über den Parteien und ihrem Geschiebe, ein Gewölbe, die Überpartei, die Überpartei ...«

Die Unruhe im Saal war immer größer geworden. Reinhart fühlte, daß er seine Rede nicht zu Ende führen konnte, so wollte er doch ihren Sinn nochmals in aller Ohren rufen. Er übertönte den Lärm:

»Nicht Proletarier, sondern Mensch!

Nicht Partei, sondern Menschheit!

Nicht Klassenkampf, sondern Menschengemeinschaft!

Nicht Mithassen, sondern Mittragen!

Nicht Erniedrigung durch den Haß, sondern Erhöhung durch die Güte!

Nicht Kampf um die klirrende Macht, sondern Kampf für den Geist!

Nicht Parteiparole, sondern Menschheitsgewissen!

Nicht Gegenwart, sondern Zukunft!«

Der Lärm überbrandete nun alles. Mit Mühe gelang es dem Leiter der Versammlung, einem älteren, besonnenen Genossen, die Ruhe wieder herzustellen. Er ergriff selber das Wort und gab der Versammlung zu bedenken, daß man die Worte eines weltfremden, etwas wundersüchtigen Schwärmers aus Wolkenkuckucksheim nicht auf die Goldwage legen dürfe. Einiges, was vorgebracht worden sei, sei beherzigenswert. Der Redner habe nur nicht bedacht, daß einer nothaften Zeit nicht mit Luftspiegelungen und Ideologien gedient werden könne, daß die Proletarier erst durch den Wirtschaftskampf befreit werden müßten, bevor sie gütig werden könnten.

Damit hätte man den Abend als abgeschlossen betrachten können, aber man wollte offenbar die gute Stimmung ausnützen. Faustulus verlangte das Wort und feierte die Macht des Proletariats und seinen Willen zum Kehraus, worauf David den Klassenhaß schürte und durchblicken ließ, Reinhart sei nur aus Eigennutz zur Partei gekommen, die er als bequemes Sprungbrett habe benützen wollen. Soweit waren die Rollen augenscheinlich zum vornherein verteilt gewesen. Es sollte noch eine Beigabe folgen. Immergrün tat seinen Froschhupf vor die Versammlung, damit alle ihn genau von vorne sehen könnten, und hielt mit seiner Nasenstimme eine pathetische Rede über die Gesinnungstreue und ihre Werbekraft, wobei er es verstand, durch dunkle Redensarten Reinhart als Gesinnungslumpen hinzustellen. Da nur wenige den Redner und seine Vergangenheit kannten, ward ihm starker Beifall zuteil. Die Eingeweihten freilich lächelten sich zu. Faustulus schüttelte dem abtretenden Redner überschwänglich die Hand, man wußte nicht, ob zum Spaß oder aus Überzeugung.

Reinhart hatte das Verdammungsurteil der Versammlung, weil es sich nicht auf Gründe, sondern auf Leidenschaften stützte, ruhig hingenommen. Bei der Rede Immergrüns überrannte ihn aber der Zorn. Er schnellte in die Höhe und streckte den Arm gegen Immergrün aus, als wollte er ihn am Schopf fassen. »Dieser Biedermann läuft, seit er der Schulbank entronnen ist, von Partei zu Partei, immer bereit, an jeder kaltblütig den Judas zu spielen. Und nun will er mich Gesinnung lehren! Und dieser Edle da,« er wies auf David, »nimmt sich heraus, mir Selbstsucht vorzuwerfen. Er hole erst seine Frau und sein Kind von der Straße zurück, auf die er sie mit einem Fußtritt gestoßen hat, dann werfe er sich zum Beschützer der Selbstlosigkeit auf. Und endlich der Phrasenschnaps dieses Herrn Faustulus – – –«

Die Versammlung wurde wie von einem Wutanfall gepackt. Die Solidarität siegte. David zerkaute seine Zähne, Faustulus sprang vor die Sitzreihen, Schucharinow rieb sich vergnügt die Hände. Der Präsident zog Reinhart rasch in ein anstoßendes Zimmer und lud ihn ein, da zu bleiben, bis sich die Zorneswelle verlaufen habe. Er ging eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte sich dann vor Reinhart hin. »Nun, lieber Stapfer, sind Sie mit Ihrem Erfolg zufrieden?«

Reinhart antwortete wie aus einem Traum: »Ich habe mir die Seele befreit und ein paar Lumpen das Zeichen aufgedrückt, das genügt mir.«

»Mit Utopien läßt sich der Arbeiter nicht mehr abspeisen,« erwiderte der andere. »Übrigens scheint mir, der Partei liegt nicht mehr viel daran, Sie zu besitzen.«

»Ich schwöre auf keine Partei mehr, es sei denn eine Überpartei. Habe ich es nicht gerufen? Einstweilen kann die Gesundung nur von den Einsamen vorbereitet werden. Sie muß aus der Wüste kommen, dahin geh' ich.«

Der Führer wurde plötzlich ganz ernst: »Ich habe an Ihnen immer warmen Anteil genommen. Sie tun mir leid. Ja, gehen Sie in die Stille zurück und reifen Sie. Sie kennen das Leben noch zu wenig, und die Politik und ihre Gründe und Hintergründe schon gar nicht. Im Parteileben vollzieht sich alles nach mechanischen Gesetzen. Ein Sandkorn kann eine große Maschine zum Knarren bringen, anhalten nicht, es wird zwischen den Rädern einfach zermalmt. Es ist etwas blind Fatalistisches im Volksgeschehen. Der Kurs der Welt ist von Menschen nicht zu ändern, so wenig wie der Lauf des Rheins oder des Mississippi. Man sagt, die Führer oder die Parteien, aber das ist eine Oberflächlichkeit. Retten Sie sich, wenn Sie noch können, vielleicht kommt Ihre Zeit einmal. Doch, nun will ich nachsehen, ob sich die Leute verlaufen haben.«

Reinhart erwiderte ihm nichts. Er kannte diese schwunglosen Argumente längst.

Als Reinhart auf die Straße trat, war sie fast leer. An die nächste Häuserecke lehnte sich ein Knäuel Menschen an: Joseph Schmärzi und die jungen Freunde, etwa ein Dutzend. Sie standen da, als hätte ein Sturm über sie weggefegt.

Über die Straße schritt eine Frauensperson entschlossen auf Reinhart zu und hängte sich ohne Umstände an seinen Arm. Es war Paula. Sie begann: »Du mußt es dir nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Schau, sie geben dir in einem Brustwinkel alle recht, aber sie können dir nicht nachfliegen, drum werden sie so toll. Man kann einen Bettler nicht wilder machen, als wenn man vor ihm ein Goldstück in der Sonne spiegelt.«

»Ich kam mir vor, wie ein Rufer in der Wüste,« sagte er aus seiner Betäubung heraus. »Ein totes Land ohne Widerhall, aber der Himmel über mir!«

Sie ging nicht darauf ein. »Ich habe gelesen, daß du reden würdest, und bin gekommen, dich noch einmal zu sehen. Ich verreise nämlich. Ich bin doch verheiratet, mit Georg Homberg, seit drei Wochen. Du lachst nicht einmal? Er sagt, er könne nicht ohne mich leben, und ich mag ihn ganz gern. Er ist ein guter Kerl und muß nur in eine andere Welt, wir gehen hinüber nach Amerika. Es hat bei Hombergs natürlich einen wüsten Krach gegeben, und man wird in Aarwald nicht heulen, wenn wir verfliegen. An Geld lassen sie es nicht fehlen, begreiflich, wenn nur die Schande überseeisch wird. Und wie steht es um dich?«

Beide dachten den gleichen Namen.

»Ihr schreibt euch nicht mehr?«

»Nein,« erwiderte Reinhart tonlos.

»Du hast sie immer noch nicht verwunden?«

Da er schwieg, wußte sie genug. Sie wollte seinen Schmerz nicht nach mehr aufreißen und bog aus: »Ist es nicht seltsam: Eigentlich habe ich nur dich so recht lieb gehabt. Ich werde den Eibenbusch am See nie vergessen. Überhaupt, das Erwachen, das Knospen! Alles nachher herbstelt. Einmal hast du mich gekränkt, oben im Schnee. Aber du tatest's aus Liebe. Und nun leb' ewig wohl!« Hastig ging sie davon, sie wartete nicht einmal seinen Gruß ab.

»Verzeih!« rief er ihr nach, wie sie einst zu ihm gesagt hatte. Ihm wurde zum Weinen. Er wußte, daß er sie nie wieder sehen würde.

Die jungen Freunde nahmen Reinhart in ihre Mitte. Sie waren niedergeschlagen, sie empfanden Mitleid mit ihm und liebten den Getretenen noch mehr als sonst. Gutknecht faßte ihn unter die Arme und knirschte: »Die Menschheit ist ein Trottel geworden, man möchte rabiat werden. Alles ist Sand und Flachheit. Es sollte ein Krieg losbrechen, ein ganz höllenmäßiger, damit man dreinschlagen, die Wut herausstürmen, dieses stumpfe Leben zerschmeißen könnte.«

»Ist dir noch nicht Krieg genug?« fragte Reinhart. Und dann, wie für sich: »Regnum Antichristi.«

Die Freunde begleiteten ihn nach Hause und blieben bei ihm bis Mitternacht. Er sollte ihre Treue fühlen. Er dankte ihnen und sagte zum Schluß: »Wir nennen uns Bauernklub und meinen damit ein Ziel, vielmehr ein Heilmittel. Es ist ein gutes, wohl das beste, aber es allein genügt nicht, wir begehen den Fehler, den alle begehen. Hört sie an, die Wohlmeinenden! Der eine sagt Freigeld oder Freiwirtschaft, ein anderer Vergesellschaftung oder Kommunismus und mein Freund Kämpe Anarchie. Es mutet an, wie wenn man einen innerlich Kranken mit äußerlichen Mitteln kurieren wollte: Da schlägt einer ein Pflaster vor, ein anderer eine Salbe, ein dritter Umschläge und ein vierter hat etwas zum Einreiben bereit. Aber der Kranke wird sterben, wenn nicht der rechte Arzt kommt und ihn von innen heilt. So auch muß die Menschheit genesen. Laßt uns die rechten Mittel suchen. Jeder von uns betrachte sich als Arzt, zuerst für sich, und wenn die Kraft reicht, für andere.«

»Täter am Geist,« ergänzte ihn Pfarrer Leuenberger.

Den andern gefiel das Wort und sie nahmen es an. Reinhart fuhr fort: »Ich fühle, daß wir nicht allein sind. Wie wir denken viele, wir müssen uns nur finden. Eine Bewegung der Jungen ist nötig.«

»Überlassen wir uns unserem inneren Trieb, und wir werden die Richtung schon finden,« meinte Gutknecht.

Da wandte sich Reinhart fast heftig gegen ihn: »Wer hat dich das Wort gelehrt? Nein, so wird es nicht gehen! Bewußte, hohe Verantwortung uns selber und dem Ganzen gegenüber kann allein helfen. Menschen, die sich auf dem dunkeln See des Trieblebens hin und her wehen lassen, werden Schwächlinge bleiben und kein Neues zu schaffen vermögen! Gehen wir jetzt auseinander und werben wir.«

Von da an versammelten sich die Freunde jeden Samstagabend und besprachen die Wege. Allmählich wuchs ihr Kreis.

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