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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
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Zwölftes Kapitel

Der Bauernklub

Frau Reichling und ihre Kinder wurden am Sonntag in die ewig gütige Erde versenkt. Es gaben ihnen nur wenige Leute das Geleite. Reinhart, Joseph Schmärzi und einige der Jünglinge, die an Reinharts Schmerz teilhaben wollten: Alfred Meili, Heinrich Ackermann, Robert Illi, Hans Gutknecht; vom Narrenklub Friedrich und Kämpe. Ein junger Pfarrhelfer, Wilhelm Leuenberger, ein gütiger, warmherziger Mensch, hielt die Abdankung. Reinhart hatte ihm tagszuvor die Tragödie der Reichling erzählt, und er fand bei den Särgen einfache, das Herz ergreifende Worte: von dem Reich des Friedens und der Liebe, zu dem die Menschheit trotz all ihrer Torheit langsam hingeführt werde, und von der Kraft der Hoffnung, die für den weiten dunkeln Weg nötig sei. Nach der Feier schlug Reinhart seinen Freunden eine Wanderung vor. Es hetzte ihn fort von dem Grab, fort von der Stadt und ihren Hundertseelenhäusern. Man schritt aus dem Friedhof hinaus ins Land, durch den Wald, über Bäche und Höhen und Wiesenbreiten. Auch der Pfarrhelfer hatte sich angeschlossen. Es war ein warmer Julitag, Sommersonnenwolken schauten versonnen auf das Land, Schwalben strebten wie erlöste Seelen zu ihnen empor, fern lagen die Schneeberge in bläulichem Traum, die Bäume und Wälder hielten ihre stille Sonntagsfeier, ein leiser Windhauch wiegte das Korn in den Tod.

Gegen Abend befanden sich die Wanderer wieder auf der Höhe über der Stadt. Sie setzten sich auf den Rasen, um den Sonnenuntergang abzuwarten. Reinhart war in gehobener Stimmung und ließ seine Flügel schwingen, wie er es früher oft getan, wenn er der Wirklichkeit entschlüpfen wollte. »Wenig mehr als vier Stunden waren wir unterwegs,« so begann er, »und wie viel Tiefes, Schönes und Stärkendes haben wir gekostet! Wie mannigfaltig und reich ist dieses unser Land, kein Fleck ohne Schönheit und Süße, kein Winkel ohne Güte. Muß es sich nicht glücklich leben auf diesem Erdreich? Nein, hier die Stadt und dort das Land, und zwischen beiden und überall Haß! Auf allen Wegen kriechen die Raupen der Unzufriedenheit und Verdrossenheit. Ihr wißt, wo das Nest dieser Raupen ist. Zu unseren Füßen, in diesem Häusergewirr. Fühlt ihr nicht, wie frei sich draußen die Brust hebt? Ist der Mensch nicht für Himmel und Sonne, für Waldesrauschen und Wiesengrün geschaffen? Er war es, aber er sollte es nicht bleiben! Der Teufel ließ in findigen Köpfen Maschinen entstehen, um die Menschen zu betören und zu entzweien. Die Kämpfe, die die Menschheit jetzt zerreißen, sind Kämpfe um die Herrschaft über die Maschinen! Schaut nur näher hin! Diese Maschinen zogen einander an, wie magnetische Späne und zwangen die törichten Menschlein unter ihr Joch, und zwangen sie, selber Hebel und Rädchen, Walzen und Federn und Kolben zu werden. So entstand das seelenfressende Ungeheuer zu unseren Füßen. Es hätte nicht so fett werden können, wenn sich nicht immer Menschenmark willig von ihm hätte fressen lassen. Die vielen Maschinen könnten nicht im Schwung bleiben, wenn wir uns nicht hätten einreden lassen, wir könnten ohne diese Seelenfresser und das, was sie ausspeien, nicht leben. Schauen wir uns an! Wir hängen nutzloses, läppisches Zeug an uns, wir füllen unsere Stuben und Kammern, unsere Kommoden und Truhen und Schränke mit nichtigem Kram, wir haben ihn uns aufschwatzen lassen, wir halten ihn für nötig, weil auch der Nachbar ihn besitzt, und haben dafür Luft und Licht und Gesundheit und das Herz bezahlt. Ist das nicht Schwachsinn? Ist es mir unter einem seinen Filz wohler als unter einer leichten Mütze? Ist es nicht Einbildung, daß der Wein aus einem geschliffenen Glase erquickender sei, als aus einem ungeschliffenen oder einer Holzschale? Wird es mir wohler und bin ich besser, sobald ich Lackschuhe, Glacéhandschuhe, eine funkelnde Krawattennadel oder einen von Feuer schweren Diamantring trage? Es schaue einmal jeder nach, wie viel entbehrlicher Trödel um ihn liegt und steht! Wie viele entbehrliche und schädliche Gaumenkitzel er sich angewöhnt hat! All das bedeutet Wucher mit Menschenkraft, Gesundheit und Glück! Ja, noch mehr! Jedes Stück Luxus wird mit einem Korn Seele hergestellt! Wir müssen der Maschine ihr Feld verengern, sie vom Throne stoßen, von dem herab sie alle, ob sie Arbeit nehmen oder geben, knechtet. Wir müssen die Großstadt, das Arbeiterquartier und die Mietkaserne auseinanderreißen, mir müssen die Menschen wieder Luft- und Lichtgeschöpfe werden lassen, wir müssen das reichlich schaffen, was der Mensch braucht, aber wir müssen lassen, was er entbehren kann. So erobern wir Stück um Stück die Seele zurück. Es scheint schwer, aber es ist einfach, wir müssen nur der Erde wieder vertrauen, sie ist gütig und nährt den, der ihr die Ehre antut. Je mehr man sie pflegt, desto gesegneter wird sie. Und wir müssen im Genießen umlernen! Genußmittel sei uns das Buch, ein Zeichenstift und ein Blatt Papier, ein Lied, eine Sonate, ein Stück Wanderschaft, wie das heutige, ein Blick in die Sterne, em Blick durch ein Vergrößerungsglas, ein Blick auf die Bühne! Es wird jeder etwas finden!«

Die andern schwiegen. Es schien ihnen alles zu blau und luftig und weltfremd. Der Helfer Leuenberger sprach nach geraumer Weile: »Das müssen wir vor allem den Reichen predigen. Man möchte versinken vor der eigenen Ohnmacht.«

»Man muß es predigen, wo man kann! Alles muß irgendwo beginnen,« erwiderte Reinhart. Er streifte den Ring, den er einst von der Mutter empfangen hatte, vom Finger, den Ring des Großvaters, und schleuderte ihn in Schmerz und Freude weit ins Land. »Das soll euch sagen,« rief er, »daß wir wieder anfangen müssen, nach dem Wert der Dinge, statt, wie wir immer tun, nach ihrem Preis zu fragen.«

Die andern erschraken über diese Entschlossenheit, aber sie fühlten sich durch seinen Ernst noch fester mit ihm verbunden, und als er vorschlug, diese erlösenden Wanderungen zu wiederholen, stimmten alle freudig zu.

Auf dem Heimweg erlebte Reinhart noch eine Freude. Heinrich Ackermann trat an seine Seite und sagte ihm: »Ich bin entschlossen! Ich gehe morgen zu meinem Großvater nach Schachrüti und stelle mich wieder in den Dienst der Erde. Ackermann heiß ich, von Acker und Pflug und Egge und Sense bin ich weggelaufen und ich kehre zu ihnen zurück. Die Drehbank mag mir nachsehen.« Dieses Geständnis klang Reinhart so rührend in die Ohren, wie die Kunde von einem großen Sieg.

Zu Hause angelangt, machte er sich ans Werk, alles Entbehrliche aus seiner Umgebung fortzustoßen. Er schonte nur seine Kunstblätter, die ihm eine unentbehrliche Nahrung waren, und den Ring, den ihm einst Imma auf den Weg gegeben hatte und den er nicht als rechtmäßigen Besitz zu betrachten wagte. Die Bekannten, die den Wandel an ihm sahen, begannen ernstlich an seinem Verstand zu zweifeln.

Einst, im August, führte Reinhart seine Freunde hinüber nach dem Golsterhof. Er fand die Verwandten auf der Wiese. Das Wetter schien schwankend, und sie retteten, obschon es Sonntag war, das liegende Emd in die Scheune. Reinhart erregte kein geringes Erstaunen, als er mit seiner kleinen Städterschar auftauchte. Aber er zauberte rasch eine fröhliche Stimmung herbei, indem er zu einer Heugabel griff und seinen Gefährten so das Zeichen zum Mittun gab. Der Golsterhof machte auf Reinhart, wie er sich umsah, einen seltsamen Eindruck. Er glich einem Kranken, der das Fieber überstanden hat, sich langsam der Gesundung zuringt und die neue werdende Kraft wohltätig fühlt, ehe sie ganz da ist. Aus Adelheid und Hans Jörg sprach die Entschlossenheit, das Gut zu retten, Melchior und Bethli waren glücklich, dabei helfen zu können und wieder »daheim« zu sein, Estherlein war, wie immer, die weiche Seele des Hofes, neben Adelheid der harten. Ihr herz glühte vor Freude, daß Reinhart, den sie halb für verloren gehalten hatte, den Weg zum Hof wieder gefunden hatte. Aber sie barg einen neuen Kummer und flüsterte ihn Reinhart zu: »Walter schwimmt auf dem Meer, er fährt nach Indien. Mir ist, wir haben ihn irgendwie ganz verloren.« Sie hing an ihm wie an allen.

»Er holt seine erste Million,« suchte sie Reinhart scherzend zu beruhigen.

Sie antwortete kaum hörbar: »Wir kennen diese Jagd.« Und noch leiser: »Ich habe vor vierzehn Tagen den Vater in der Anstalt besucht. Er ist nur noch ein morscher Lumpen. Ach Gott!«

Aus dem Waldesschatten trat Küngold und lächelte Reinhart zu, als sie ihn erkannte. Er eilte ihr in seiner Freude entgegen, nahm sie auf die Arme und bettete sie übermütig in einen hohen Emdhaufen, aus dem sie sich lachend herauswand. Dieses Lachen, ihr erstes seit langen Monaten, schien dem ganzen Hofe wohl zu bekommen. Alle staunten nach ihr. Am glücklichsten schien Onkel Melchior. Er rief Hans Jörg zu und deutete auf einen nahen Baum: »Dieses Lachen ist wohl einen Korb Frühbirnen wert!« Hans Jörg verstand und nickte. Melchior trat an den Baum hin und kletterte am Stamm empor, merkwürdig flink für sein Alter. Er stieg so hoch, bis er den Kopf oben aus dem Wipfel streckte, und nun schwang er den Hut und versuchte zu jauchzen. Der Jauchzer geriet ihm nicht zum besten und er lachte selber zuerst darüber. Dann verschwand er im Laub. Die Baumkrone fing an zu zittern und zu rauschen, und die Birnen flogen den Städtern lustig in die Hände und fast in die Zähne. Küngold sah still heiter zu, wußte sie doch, daß sie diesmal die Freudenspenderin war.

Die Jünglinge brachen auf. Melcher und Estherlein gaben Reinhart eine Strecke das Geleite, wie es im Golster alter Brauch war.

»Weißt du das Neueste?« lüftete Melchior seinen Gedankenschrank. »Dein Vater heiratet wieder. Eine ältere Fabrikantentochter aus dem Oberland, vor vierzehn Tagen war er mit ihr hier. Sagt ich's nicht, er wird wieder hochfliegen? Ja, der Ferdi!«

Er wollte es frohgemut sagen, aber es tröpfelte Wermut in die Worte. Reinhart schwieg und begann für sich zu rechnen, wie lange war es denn, seit die Mutter in den See gestiegen war? Noch kein Jahr. Ein Wort Mauderlis zuckte ihm schmerzhaft durch den Sinn: »Wem Gott nichts Besseres gunnt, dem gunnt er Geld.«

Man schied auseinander. Estherlein fragte wie verstohlen: »Vermagst du keine schöneren Kleider mehr, du Armer?«

»Sie gefallen mir,« antwortete er und schüttelte ihr fest die kleine zitternde Hand.

Diese Ausflüge schlossen die jungen Freunde immer fester zusammen. Sie wurden Sonnen-, Licht- und Landschaftsschwärmer, und alle folgten Reinharts Beispiel der Einfachheit. Im Quartier nannte man sie »Bauernklub«, und meinte sie zu verspotten. Reinhart sah in den Jünglingen bildsame Menschen und wollte sie so lange als möglich von dem Vereinsgetriebe fernhalten, dessen dürre Gedankenwelt ihn schon lange bedrückte. Er hatte einst geglaubt, bei den Arbeitern einen hohen Stern, eine Art Religion zu finden. Aber wo Arbeiter zusammensaßen, dröhnten ihm immer die nämlichen harten Hammerschläge entgegen: Organisation, Klassenkampf, Lohntarif, Streik, Solidarität, Arbeitszeit, Bourgeois, Kapitalismus und, wo Schucharinows Einfluß hinreichte, Revolution. Immer der Magen als Fahnenbild über allem, der Geist fast etwas Feindliches, jedenfalls Verdächtiges.

Reinhart machte aus seinen Anschauungen und Absichten kein Geheimnis, sondern focht dafür und wurde den Führern, denen es daran lag, die Jugend so bald als möglich fest an ihre Deichsel zu spannen, immer unbequemer, ja verhaßt. Am leidenschaftlichsten verfolgte ihn David Holzer. Es war, wie wenn er die Liebe, die er als Knabe Reinhart entgegengebracht hatte, als Mann durch Haß wettmachen wollte. Wenn er dem ehemaligen Kameraden die Worte entgegenstieß: »Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will,« durchbebte ein maßloser Vernichtungswille seine gedrungene Gestalt.

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