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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
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Zehntes Kapitel

Scheidung

Ein paar Wochen später, an einem Mittwoch, lag eine seltsame Stille über der morgendämmernden Stadt. Man erwachte, weil zur gewohnten Zeit das Rasseln der Tramwagen ausgeblieben war. Man schaute neugierig zum Fenster hinaus: die Straßen waren fast leer, die Arbeiterströme, die sonst zu den Fabriken fluteten, in ihren Quellen geblieben. Man sprach von Fenster zu Fenster, man lachte oder schimpfte, nickte freudig oder schüttelte den Kopf. »Generalstreik« rief die Straße zu den Fenstern hinauf. Allmählich drängte sich die Neugier auf die Gassen. Man wollte sich die gelähmte Stadt ansehen. Einzelne Geschäfte wurden geöffnet. Gleich fauchten Trupps junger Leute heran, drangen in die Läden ein und ertrotzten die Schließung.

Auch Reinhart war auf die Straße gegangen, weniger, um sich das Schauspiel einer verblüfften Bürgerschaft zu geben, als um Onkel Melchior aufzusuchen. Er hatte von ihm vor ein paar Tagen eine Karte erhalten, er möchte einmal vorbeikommen, es gebe Neuigkeiten. Jetzt wollte er den Zwangsfeiertag zu einem Besuche verwenden. Aber auf der Gasse wurde er von dem allgemeinen Strom und Gefühlstrieb erfaßt, und sein erstes Ziel verlor sich ihm aus dem Auge. Die Arbeit der Streiktruppen war im Arbeiterquartier bereits verrichtet, sie fegten dem Stadtinnern zu, wo mehr zu tun und ein stärkerer Widerstand zu erwarten war. Es kam denn auch zu heftigen Zusammenstößen. Reinhart ward Zeuge, wie ein schmächtiger Ladendiener mit goldblondem Haar, der sich für seinen Meister und das Geschäft, mit einem Stück Gußrohr bewaffnet, etwas theatralisch zur Wehre setzte, mit Fäusten und Stocken zu Boden geschlagen wurde. Einige der Burschen betrieben ihre Sache mit grimmigem Ernst, andere im Sinn einer lustigen Fastnacht. Reinhart sah in den Gewaltakten das Werk seines Gespenstes Schucharinow, dessen jüngere Landsleute die Rollen der Führer und Lehrmeister an sich gerissen hatten. »Das Raubtier ist ausgebrochen,« dachte er und schritt mit dem unbestimmten Gefühl, sich etwas vergeben zu haben, den ruhigeren Quartieren zu, um in großem Bogen heimzukehren, während er in Gedanken dahinschlenderte, fiel ihm ein, warum er eigentlich unterwegs war. Er schlug, vom schlechten Gewissen getrieben, einen rascheren Schritt an und prüfte im Gehen Onkel Melchiors Karte, um aus den Schriftzügen zu ergründen, ob sie etwas Gutes oder etwas Böses bedeute.

Vor Melchiors Haus war eine Menschenansammlung, und von weitem schon vernahm, Reinhart einen heftigen Wortwechsel und Gejohle, von zankenden, rufenden, keifenden Leuten umringt, stand mitten in der Gasse ein mit Hausrat beladener Bauernwagen; darauf saßen Bethli und Küngold. Melchiors kleine Frau schaute verschüchtert und ängstlich in die Menge und war dem Weinen nahe. Reinhart trat unbeachtet näher und erriet gleich die Zusammenhänge. Der Wagen und die beiden Gäule davor waren vom Golsterhof. Melchior zog also heim, das war die Neuigkeit. Etwa ein halbes Dutzend Streikgardisten hatten den Abzug überrascht und wollten ihn verhindern. Dem Nebenpferd hatten sie schon die Stränge gelöst und beim Handpferd versuchten, sie das nämliche, wurden aber von Hans Jörg abgehalten, der, mit der Geißel bewehrt, ihnen trotzig gegenüberstand und sich mit Faustulus, der offenbar den Streiktrupp anführte, herumzankte, während Onkel Melchior auf einen jungen Arbeiter einredete: »Wir sind doch vom Land, junger Freund, und wollen auf den Hof zurück, was haben wir mit euerm Streik zu schaffen? Laßt uns ziehen, daß wir euch Brot pflanzen...« Reinhart sah, daß ein Zuspruch an die aufgeregten jungen Burschen die Lage nur noch verschlimmern würde und nur eine List den Golsterhofern die Gasse frei machen konnte. Er drängte sich zu Faustulus heran und raunte ihm, auch den näher Stehenden vernehmlich, zu: »Macht doch keinen Unsinn hier. Bei der Polizeikaserne ist eine große Keilerei im Gang, ich glaube, es wird bald geschossen und gestochen werden!« Einen Augenblick später flog der Streiktrupp davon. Bethli dankte Reinhart vom Wagen herab und weinte nun wirklich nach der überstandenen Angst, Melchior schüttelte ihm heftig beide Hände: »Ich kann dir nicht sagen, wie mir heute ist! Heimzu! Heimzu!« Hans Jörg reichte Reinhart auch rasch die Hand und mahnte Melchior: »Keine Zeit verlieren, Onkel! Aufsteigen! In einem Augenblick habe ich dem Bleß die Stricke festgemacht, dann fahr' ich los!« Melchior stieg auf den Wagen und begrüßte Bethli, als wäre sie vom Tode auferstanden. Dann zog er zu aller Belustigung seine Flöte aus der Tasche und setzte sie zusammen. Hans Jörg hatte sich unterdessen auf die Wagenbank geschwungen, die Geißelschnur strich über den Rücken des Handpferdes, ein Hutschwenken und davon ging's, wie die Flucht vor dem Landesfeind. Die Flöte aber jubelte durch das Gerassel der Räder und den harten Hufschlag der Pferde: »Ach, du klarblauer Himmel und wie schön bist du heut'! – –«

Reinhart sah dem Fuhrwerk nach, bis es in eine andere Gasse einschwenkte. Es kam ein großes Glück über ihn, daß wenigstens einer vom Golsterhof von seinem Gefühl richtig geleitet worden war. Aus den Gaffern, die sich nun wieder verliefen, trat ein Salutist auf ihn zu: »Kennen Sie mich nicht mehr? Den Mauderli? Warten Sie, ich begleite Sie ein paar Schritte.« Mauderli war wirklich ganz unkenntlich. Er hatte den Bart, seine letzte, langgehütete Eitelkeit abgetan. »Sie staunen? Ich suche Ihn nämlich jetzt bei der Heilsarmee, wie auch schon einmal, bei meinesgleichen, den Schiffbrüchigen. Ich war Ihm vielleicht nie näher, lauter gute Menschen, aber wissen Sie: den Kompaß verloren, den Kompaß, verstehe das. Verstehe es sogar sehr gut. Sie suchen Ihn jetzt auch in diesem Quartier. Hab' davon gehört, von Melcher. Aber Sie und Ihre Genossen sind wunderliche Sucher. Ihr meint, Er sei der König im Kegelspiel und es komme darauf an, Ihn mit Eisenholzkugeln umzuschieben. Nun, jeder hat einen eigenen Umweg! Melcher fährt jetzt auf einer frohen Straße! Ein guter Mensch! Er ist jetzt im Golster wohl zu gebrauchen. Er hat geweint, als ich es ihm erzählte, ich meine das von Hans Rudolf. Sie wissen es noch nicht? Der war nämlich auch einmal in unserem Asyl, es sind keine drei Wochen her. Wie sagt man doch? Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen. Er hat mich einst vom Golster weggeknallt, und dafür mußte ich ihn in der Straßenrinne auflesen, grad ich! Ist das nicht wunderbar? Man sage mir nicht mehr, es gebe keine Fügung! Jetzt ist er in einer Anstalt.«

»Für Trinker?«

»Unsereiner spricht nicht gern davon. Ist man denn besser? Dem einen zieht die Maschine den Ärmel hinein, dem andern nicht.«

So schwatzte Mauderli im Gehen. Er begleitete Reinhart bis in sein Zimmer, sah sich neugierig darin um und betrachtete die Stiche, die an der Wand hingen. Lange blieb er vor Dürers emporschauendem Apostelkopf stehen und sagte endlich kleinlaut: »Der das gemacht hat, brauchte Ihn nicht mehr zu suchen, der sah Ihn von Angesicht zu Angesicht.« Hastig, wie von einer Qual getrieben, ging er davon.

Als es dunkel wurde, trippelte Benedikt Reichling zu Reinhart herein: »Kommen Sie, es ist heute Narrenklub. Man will doch dem Tag seine Note geben.« Reinhart folgte ihm, halb widerstrebend. Er wußte sich jetzt nicht im Einklang mit Rogger und seinen Leuten, er war mit sich und dem Tag unzufrieden, er fühlte einen Zwiespalt zwischen sich und seinen Gesinnungsgenossen. Enzios Wort klang ihm von ferne in die Ohren: »Irrweg, Samsara.« Er beneidete Melchior um sein Los.

Die Unterhaltung strömte, schon lebhaft, als Benedikt und Reinhart bei Rogger eintraten. Faustulus trat auf Reinhart zu: »Ich zahle Ihnen den Spaß von heute Morgen einmal heim! Ich lasse mich nicht narren! Hüten Sie sich, Herr Fabrikant!« Schucharinow fing an mit magistraler Gebärde zu dozieren:

»Hören Sie alle zu! Sie müssen Ihre Heerscharen viel besser drillen. Jetzt haben Sie Bataillone von Stimmzettelträgern, Sie brauchen aber Bataillone von Kriegern. Sie müssen sie an Feuer und Blut gewöhnen! So lange sie noch bleich werden, wenn ein Tröpfchen Blut spritzt, sind sie Kinder in Mannskleidern. Sie sehen es doch selber ein: Mit dem Geplänkel in den Parlamenten ist keine Schlacht zu gewinnen. Ist das denn so schwer zu verstehen? Die Begriffe von Friede und Ordnung sind wie Flaschen, man kann sie füllen, wie man will, mit Wein, mit Wasser, mit Luft, ja, mit Gift: Man kann sie auch zerschmeißen, wenn es gilt, etwas Neues, Besseres zu schaffen. Ohne Gewalt, ohne furchtbare Gewalt geht es einmal nicht. Die Gewaltsucht ist der Urgrund des Menschen und der Menschheit. Sie wird erst mit dem letzten Zweihänder aus der Welt verschwinden. Unbedingt! Glaubt ihr, die herrschende Klasse werde freiwillig in die Versenkung kriechen? Ihr kennt sie! Man muß sie vertilgen, ausrotten, mit Stumpf und Stiel. Der Proletarier muß Zar werden! Fort mit eurem demokratischen Puppenspiel! Erst tränken wir die Erde noch einmal mit Blut und schenken ihr dann die Ruhe! Die Ruhe!« Die Ruhe!«

»Der Fleischhalle!« unterbrach ihn Reinhart. Er hatte schon einmal einen so sprechen hören, Leonhard Kämpe, aber Kämpe war ein Schwärmer, der nur aus Menschenliebe ein Menschenmörder hätte werden können. Schucharinow dagegen ein Fleischer, der das Beil wollte, um seine persönliche Macht- und Blutgier zu befriedigen. Der Russe kehrte sich rasch zu Reinhart: »Merken Sie sich diese Logik, lieber Stapfer: Wer einen jungen Wald pflanzen will, muß den alten ausrotten, ganz und gar!«

»Also die ganze Menschheit erneuern, Oberholz und Unterholz?« rief Reinhart. »Einverstanden! Ich will Ihnen sagen, wie der neue Mensch aussehen muß: Er muß Ihr Gegenteil sein, in allem, Herr Schucharinow. Sie sind antimenschlich, Sie beschmutzen unser Ideal!«

»Wessen Ideal?« zischte der Russe durch seine Zahnlücke. »Das der Spießer, das Ihrige!«

»Jedes ist besser als das eines Henkers.«

Es entstand ein großer Sturm in dem Raum. Schucharinow setzte zum Sprung an. Rogger hielt ihn mit seinem breiten Knochengebälk in Schranken, die andern gestikulierten und lärmten im Zimmer auf und ab oder starrten sich in die Augen. Rogger bändigte sie wieder: »Wir müssen den Wein klären,« begann er ruhig, »unsere kleine Gesellschaft und mit ihr die ganze Partei steht am Scheideweg. Die Frage lautet: Wollen wir weiter auf eine glückliche Zukunft hoffen, oder wollen wir sie mit der Faust erzwingen. Ihr versteht: Hoffen oder zwingen! Ich war in meinem Innern immer für das Radikalmittel, aber ich sah den Uhrzeiger noch nicht auf der rechten Stelle. Jetzt rückt er auf die große Stunde. Der heutige Tag hat mir davon die Gewißheit gegeben. Wie wuchtig legte sich der Generalstreik auf die Stadt! Wie feig haben sich die Gegner verkrochen! Sie sind reif zur Mahd. Ich sehe Schnittermorgenrot, wir wollen in dieser denkwürdigen Stunde unserem Klub eine andere Fahne aufstecken. Ich habe ihn einst in Hoffnungslosigkeit und Unmut Narrenklub geschimpft, jetzt taufe ich ihn Revolutionsklub.«

»Herrlich! Herrlich!« rief Tatjana und sprang Rogger an den Hals. Der alte Mann nahm ihren Kuß mit väterlichem Wohlwollen an und wendete sich zu den andern: »Entscheidet euch: hier Revolutionsklub, dort Narrenverein!«

Die beiden Russen und Faustulus standen schon entschlossen an Roggers Seite, Wachsmann belauerte seine Frau, und als auch sie sich hinter Rogger stellte, folgte er ihr tapfer. Friedrich und Benedikt Reichling traten zu Reinhart. Alle blickten auf Kämpe, der sinnend auf seinem Stuhl sah. Endlich erhob er sich, schaute auf Reinhart und sprach feierlich zu aller Erstaunen: »Ich schlage mich dorthin, wo ein Herz ist.«

»Schafskopf!« brummte Schucharinow.

Nun tänzelte das Mädchen des Windhunds, das bisher unbeachtet in einer Ecke gesessen hatte, heran: »Und mich begehrt niemand? Ich bin ein Weib und für die Helden. Die wahren Helden sind mir die Scharfen, die Stierköpfe! Darf auch ich Sie küssen, Papa Rogger?« Er ließ sich ihre Lippen, freilich unwirsch, gefallen. Auf seiner Backe blieb ein roter Fleck sitzen, denn sie färbte sich den Mund. Frau Thekla sah es und lachte.

Die Minderheit der Narren verließ geräuschlos das Zimmer.

»Man hat die Hoffnung hingerichtet,« seufzte Benedikt auf dem Heimweg traurig. »Die Hoffnungslosigkeit ist der letzte Fluch. Nun hab' ich auch meinen Rogger verloren. Ich sah es kommen. Er glaubt an den Sturm, ich an den Morgenwind.«

Friedrich sprach, wie vor sich hinträumend: »Diese Leute wollen den Krieg abschaffen und wären die ersten, die auszögen. Sehen Sie sie doch! Trügen sie eine Uniform, sie wären eine Soldateska, die jubelt, wenn der General das Massaker einer Stadt erlaubt.« Benedikt Reichling spann den Gedanken wehmütig weiter: »Mir ist, es sei besser, als Besiegter, denn als Sieger zu sterben.«

Friedlich stimmte ihm zu: »Die Gekreuzigten sind immer die Sieger.«

»Redet doch nicht vom Tod!« rief Reinhart, »redet vom Bestehen und der Erneuerung! Die Menschheit ist ein alter, träge gewordener Fruchtbaum. Man muß ihm neue Reiser aufsetzen. Das Reis heißt Güte, aus ihm muß die neue Frucht entstehen. Das wollte ich Schucharinaw sagen, aber ich habe gesprochen wie seinesgleichen, ich Narr!«

»Glück zu, Freund Stapfer!« sagte Reichling gerührt, »sei du der neue Obstgärtner und der Pflanzer der Hoffnung!«

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