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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Der Wegweiser

Am Sonntag morgen wälzte sich der Herbstnebel ruhig und schwer über See und Stadt. Reinhart machte ein paar unruhige Gänge durch den Garten und stand dann am See still, der ihm seine Wellen müde und kaum hörbar gegen die Füße trieb. Er war gequält. Die Unterredung mit dem Vater ängstigte ihn zum voraus. Er kam sich ihm gegenüber ganz unbewehrt vor. ›Reifezeugnis,‹ fuhr es ihm durch den Sinn, und er mußte lachen. Mit einem dunkeln Entschluß ging er dem Innern der Stadt zu. Er hoffte auf eine Begegnung. Als er von einer Hauptstraße in eine Gasse einbog, die stracks in eine Kirche hineinführte, sah er eine gedrungene Spatzengestalt im Nebel auftauchen. Er wollte ihr ausweichen, aber Immergrün hatte ihn schon bemerkt und rief ihn an: »Hast du Ritter Georglein glücklich zur Bettstatt gebracht?«

Reinhart suchte ihn abzuschütteln, aber Oswald Wäspi gehörte nicht zu denen, die man mit einem kühlen Hauch von sich bläst. Er faßte Reinhart unter den Arm und zog ihn plaudernd mit sich fort. Auf dem nahen Kirchturm begannen die Glocken zu werben. »Aha, wir sind in die Kirchgänger geraten,« näselte Immergrün, »die laufen alle dem Modepfarrer zu. Der versteht es, den Mäusen zu pfeifen! Er muß ein seltsames Gefühl haben, wenn er allen Zentnergeldsäcken der Stadt die Leviten lesen darf. Man sagt, er habe jeden Sonntag dreihundert Millionen unter seiner Kanzel.«

»Er soll es auf Georgs Schwester abgesehen haben?« forschte Reinhart den Alleswisser aus.

»Stadtgespräch! Er scheint sich etwas Vornehmheit antrauen zu wollen, sein Vater ist nämlich Schirmhändler an der Nelkengasse.«

Eine hagere, leicht vornübergebeugte Gestalt in langem Gehrock und mit hohem Zylinderhut kam etwas steif daher. Reinhart zog den Hut. Der Alte erwiderte den Gruß mit äußerlicher Freundlichkeit und ging in andächtiger Sammlung vorüber, als hätte ihn der Gottesdienst schon ganz gefangen genommen.

»Aha, der alte Homberg läuft dem Rattenfänger in die Falle,« lachte Immergrün. »Ich komme mit dir da hinein, du wolltest doch auch ... du Marder, oder wie soll ich dich im Tierbuch einreihen?«

Sie traten in die Kirche und nahmen auf der Empore Platz. Das Schiff war ganz gefüllt, Frauen und Fräulein wogen vor. Reinhart ließ seine Blicke forschend durch die Reihen gehen, ohne zu finden, was er suchte. Die Orgel sang etwas Feierliches durch die hohen Gewölbe und schloß mit einer jauchzenden Folge von Akkorden. Sie schien die Generalfreude in die Welt posaunen zu wollen. Der Gemeindegesang begann. Immergrün, der hinter Reinhart stand, fand sich darin nicht zurecht, er ging bald einen Takt mit dem Tenor, bald ein paar Noten mit dem Baß und sang zuletzt den Sopran eine Oktave zu tief mit. Bei den obern Tönen quiekte seine Stimme, denn sie hatte die Vermännlichung seltsamerweise noch nicht ganz vollzogen. Der Modepfarrer war unterdessen auf die Kanzel gestiegen und stand wie eine schwarze Bildsäule unbeweglich über seiner Gemeinde, den Blick leicht nach oben gewandt. Reinharts Auge wurde weniger von seinem Blick als von seinem Bart angezogen, der in blonder Fülle wie ein wohlgepflegter Garten sein Gesicht umfaßte. Er erinnerte Reinhart an Mauderli. Der Pfarrer begann zu reden, zuerst ganz leis, um jedes Geräusch in dem weiten Raume zu bannen, dann lauter und voller, bis er einen ganzen Strom von Wohllaut über die Gemeinde ausgoß. Aller Augen hingen an ihm, aller Ohren fingen wie Trichter seinen Redestrom auf. Er hatte als Text das Wort gewählt: »Über des Himmels Gestalt könnet ihr urteilen, könnet ihr denn nicht auch über die Zeichen dieser Zeit urteilen?« Reinhart horchte auf. Hatte nicht oft schon sein eigenes Suchen den Zeichen dieser Zeit gegolten? Er glaubte in der Geschichte den Geist früherer Zeitalter etwas betastet zu haben, der Gegenwart aber stand er kindlich ratlos gegenüber wie dem Leben überhaupt. Was bewegte jetzt die Menschheit? Unter welchen Mächten oder Herrschaften stand und diente oder fronte sie? Er hatte, in einem politischen Haus aufgewachsen, schon vieles darüber gehört, aber nichts so tief begriffen, daß es in ihm zu einer starken Überzeugung geworden wäre. Sollte ihm nun das Licht von der Kanzel kommen? Zu seiner Enttäuschung lenkte der Pfarrer nach einer kurzen Einleitung, die der Fahrt auf einem weiten Strome glich, sein Schifflein in einen engen Kanal, in dem er mit jedem Ruderschlag das flache Ufer oder den Boden berührte. Das Hauptzeichen der Zeit war ihm die Mißachtung, in der die Kirche nicht nur bei der arbeitenden Klasse, sondern sogar bei denen stand, die Kraft ihrer Stellung »Vorbild und Fackel« sein sollten. Reinhart folgte ihm bald nur noch mit halbem Ohr. Soviel wußte er: jede Zeit hatte ihre Not und ihren echten und unechten Glanz, und darnach mußte sie beurteilt werden. Sah nicht der Großvater im Golsterhof all das deutlicher als der gelehrte Pfarrer?

Reinhart ließ den Blick wieder über die gedrängt besetzten Bankreihen gleiten. Da entdeckte er sie endlich. Sie saß zwischen ihrer Schwester Minna und einer älteren Dame, in der er die Tante vermutete. Sie war in bescheidenes Schwarz gekleidet und trug ein herrenhuterisch strenges, geschmackloses Hütlein. Darum hatte er sie nicht gleich entdeckt. Er hatte sich etwas Leuchtendes, Strahlendes gedacht Während die Schwester und die Tante keinen Blick von dem Pfarrer wendeten, schien Jutta lächelnd vor sich hin oder in sich hineinzuschauen. Nach dem Schlußgesang jonglierte Immergrün Reinhart rasch auf die Gasse hinaus und hielt ihn dort mit der Kunst eines Diplomaten fest, um so unauffälliger die jungen Kirchgängerinnen mustern zu können, die mit gemessenem Anstand heraustraten.

»Er war heut etwas steifleinen,« näselte er Reinhart zu. »Vor vierzehn Tagen hat er das Wort verzupft: ›Wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.‹ Das war possierlich, der alte Homberg wird ihn schon verstanden haben.«

»Ei, du warst vor vierzehn Tagen auch hier?« spöttelte Reinhart, der plötzlich begriff, daß ihr Zusammentreffen vor der Kirche kein zufälliges gewesen war.

»Warum nicht?« lachte Immergrün, »ich gehe angeln, wo ein Teich ist, grad wie du«.

Reinhart errötete. War es, weil Wäspis Bemerkung ihn getroffen hatte, oder weil eben drei Damen, zwei junge und eine ältere, aus dem Portal der Kirche hervortraten? Er machte sich von Immergrün los, er wollte Jutta in seiner Gegenwart nicht grüßen und so dem Spötter sein tiefstes Geheimnis an die boshafte Zunge liefern. An der Straßenecke wandte er sich flüchtig zurück und meinte, Jutta habe ihn angesehen und gelächelt, wie während der Predigt. Er zog verwirrt seinen Hut und trollte davon. Er war noch ein großer Junge.

Als er ins Bureau seines Vaters eintrat, fand er ihn in Gesellschaft eines geschniegelten Herrn von kaum dreißig Jahren. Ferdinand erhob sich: »Die Herren kennen sich wohl noch nicht? Herr Helmut Geierling, unser kaufmännischer Direktor; mein Sohn Reinhart«.

Man verbeugte sich, auf der einen Seite geschmeidig, weltmännisch, auf der andern linkisch und befangen. Reinhart merkte, daß von dem blonden, kaiserlich nach oben gesträubten Schnurrbärtchen des Fremden ein feiner Duft ausging. Nachdem man sich gesetzt hatte, nahm das Gespräch zwischen den Herren Stapfer und Geierling seinen Fortgang. Reinhart blieb unbeteiligt.

»Ihre Befürchtung ist durchaus begründet, Herr Oberst, die kleinen Betriebe werden einen immer schwereren Stand haben. Ja, ich gehe noch weiter: sie werden bald die Beine strecken müssen, mit Notwendigkeit. Der Kapitalismus, das allmächtige Tier, umfaßt alles, erstickt alles, was rückständig ist, die rückständige Gesellschaft, den rückständigen Arbeitsbetrieb. Es gibt also nur ein Mittel der Rettung: Mächtig zu sein, alles zu zermalmen, was sich einem in den Weg stellt. Das hat man zuerst jenseits des Ozeans begriffen, aber wir im Reich haben die drüben ins zweite Treffen gestellt, ganz einfach, weil wir methodischer sind. Wer das Musterland kapitalistischer Entwicklung kennen lernen will, der braucht nicht mehr nach Amerika oder England zu reisen, er findet es zwischen Rhein und Elbe«.

Es entstand eine kleine Pause. Reinhart benutzte sie: »Es scheint, daß ich etwas zu früh eingetreten bin, Vater, ich komme später.« Er erhob sich. Die beiden andern maßen ihn etwas erstaunt, und Ferdinand ging ihn hart an: »Wir beraten uns über die Geschäftslage unseres Hauses, das sollte dir nicht langweilig sein«.

»Ich verstehe doch nichts davon«.

»Umso schlimmer«, wies ihn der Vater zurecht. Dann zu Herrn Geierling: »Also um halb eins in der ›Seewarte‹«.

»Es wird mir eine sehr große Ehre sein«, erwiderte Geierling. Er verneigte sich tief gegen Ferdinand, kühl und mehr beiläufig gegen Reinhart und schwebte elastisch hinaus.

Ferdinand ging mit zusammengepreßten Lippen ein paarmal im Bureau auf und ab und lud dann Reinhart mit sichtlich erzwungener Feierlichkeit ein, sich wieder zu setzen. Er hielt ihm eine Zigarrenschachtel hin. Reinhart lehnte ab: »Danke, ich rauche Zigaretten.«

Der Vater verzog den Mund: »Zigaretten? Das ist für das junge Weibsvolk oder weibische Männer. Da, greif zu!« Reinhart gehorchte. Dem Vater gegenüber gab es nichts anderes als Gehorsam, und gar, wenn er in Donnerlaune war. Ferdinand warf das brennende Streichhölzchen in eine rotfleckige Muschel und ging entschlossen, wie es seine Gewohnheit war, auf sein Ziel los. »Du hast jetzt die Mittelschule hinter dir, und vor dir das Leben, denjenigen Teil des Lebens, meine ich, in dem man sich ›machen‹ muß, den Menschen, den Charakter, die Stellung. Vielleicht ist es dir nicht unerwünscht, von mir ein paar Ratschläge zu hören. Du willst Geschichte und Philosophie studieren, das heißt, Stubenstaub. Diese Fächer entsprechen vielleicht deinen Neigungen, die dich am Eingreifen in die Wirklichkeit vorbeiführen möchten. Aber es gibt Menschen, die nur im Kampf gegen ihre Neigungen und ihre Natur etwas Tüchtiges werden. Wer schwach ist, muß anrennen, immer wieder anrennen. Ich habe absichtlich noch nicht mit dir über diese Dinge gesprochen, ich wollte dich in deinem Schulgange nicht stören. Jetzt aber ist die Sache nicht mehr aufzuschieben. Der junge Mensch von heute wird in ein ungeheures, grausames Getriebe hineingestoßen, und wer sich nicht wehren kann, wird zerquetscht, einfach! Geschichte! Halb Dichtung, halb Wahrheit, und Philosophie, ganz Dichtung! Sag doch, du wollest Dichter werden!«

»Aber es gibt doch Lehren der Geschichte,« warf Reinhart ein.

»Vergangenes wiederholt sich nicht, drum sind die sogenannten Lehren der Geschichte hohler Schall. Man betrachtet die Geschichte nur als Lebensaufgabe, wenn man die Kraft nicht besitzt, an der Gegenwart zu bauen. Und erst die Philosophie! Ich habe diese Jugendkrankheit auch durchgemacht. Gib einem Kind einen Anker-Baukasten und du hast einen Philosophen vor dir.«

»Vater!«

»Ach ja, ich weiß, in deinem Alter will man den Dingen in die Eingeweide gucken, das rätselhafte Etwas ergründen, das die große Maschinerie in Schwung hält, dem Leben, das einen zugleich lockt und ängstigt, auf den Rücken springen. Man setzt seine Hoffnung auf die Theorie und merkt erst, wenn man seine beste Zeit damit vertrödelt hat, daß sie der größte Hanswurst und Taschenspieler der Welt ist. Glaube mir, um die Welt, das Leben und sich selber zu begreifen, gibt es nur ein erprobtes Mittel: die Tätigkeit, was, nebenbei bemerkt, nichts Neues ist.«

Reinhart war ganz überrannt. Etwas in ihm erhob sich jäh gegen die vorgetragenen Äußerungen, aber er patschte noch zu tief im Trüben und seine Achtung vor der Überlegenheit des Vaters bildete einen so mächtigen Baustein seines Gewissens, daß er nicht gleich den Gegenhieb fand. Er schaute mit krampfhaft verzerrtem Gesicht in die bläulichen Bänder, die die eben durchbrechende Sonne in den Tabakrauch des Zimmers wob, und seine Hand zupfte am Hemdkragen. Er war wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Der Vater schien auf Einwände zu warten und suchte mit seinem dunkeln, sprühenden Auge des Sohnes zaghaften Blick an sich zu zwingen. Reinhart fühlte, daß ihm die Antwort nicht erlassen würde und stieß endlich hervor: »Man muß das werden, wozu man berufen ist, man hat ein Recht auf sein eigenes Leben.«

Ferdinand Stapfers Gesicht war vom Militärdienst tief gebräunt, bis auf den oberen Teil der Stirne, der vom Käppi geschützt gewesen war. Reinhart sah, wie sich dieser Streifen rasch rötete, und erwartete einen heftigen Ausbruch. Aber der Vater machte einen Ruck, wie einer der sein Pferd mitten im Lauf anhält, und versuchte es nochmals mit Vernunftgründen: »Man ist ein Kind seiner Zeit, und wer es nicht ist, muß es werden, sonst bleibt am Ende nichts als eine große Null. Die Welt ist seit einem Menschenalter praktisch geworden. Leider! Ich gebe es zu. Wo sind die großen Philosophen und Dichter geblieben? Die Zukunft gehört der Technik, der Physik, der Chemie. Um es kurz zu machen: du gehst einstweilen nicht auf die Hochschule, sondern in unser Geschäft, studierst alle Teile des Betriebes so gründlich, daß dir später kein Angestellter oder Kunde ein X für ein U machen kann. In einem Jahr wirst du bei deiner Begabung und Schulung durch sein, und nachher studierst du ... Chemie.«

Reinhart sprang in die Höhe. Der Vater schien es gar nicht zu beachten. »Ich muß leider meine Kraft zu sehr zersplittern, daher kommt es, daß wir in den letzten Jahren nicht sonderlich gut gewirtschaftet haben. Die Fabrik ist der Konkurrenz nicht mehr gewachsen, sie muß umgestaltet werden. Darum habe ich Herrn Geierling angestellt, ich rechne aber vor allem auf dich. Wir geben, um nur eins anzuführen, den Färbereien jedes Jahr ein Heidengeld, das wir selber verdienen könnten. Hast du ausstudiert, so richten wir eine eigene Färberei ein, das wird dann dein besonderes Reich sein. Ich verlange selbstverständlich nicht, daß du mir jetzt voll Begeisterung um den Hals rennest, es ist dir alles etwas jäh gekommen. Einst wirst du mir danken. Und wie gesagt, ich rechne fest auf dich.« Das letzte Wort klang scharf wie ein militärischer Befehl, den Ferdinand beim Manöver vom Sattel herab schleuderte. Er fuhr dabei mit der rechten Hand über seinen leicht ergrauten Schnurrbart, den er sich zu einer rauhen Bürste hatte stutzen lassen und der seinem ganzen Gesicht etwas Borstiges, keinen Widerspruch Duldendes verlieh. Reinhart rang nach einer Abwehr und fand keine. Der Vater empfand etwas wie Mitleid mit der Hilflosigkeit seines Sohnes, vermischt mit Unwillen und vielleicht Geringschätzung. Er hatte sich auf ein härteres Gefecht gefaßt gemacht. »Es tut mir leid, daß ich dich so anfassen mußte«, sagte er in begütigendem Tone und wollte Reinharts Hand fassen. Der aber barg seine Rechte hinter dem Rücken und lohte endlich seine heiße Qual hervor: »Ich soll vergewaltigt werden! Dir sind Garn und Tuch und Farben und Geld und Wechsel die Hauptsache, ich kann das alles nicht ernst nehmen!«

Ferdinand wich einen Schritt zurück, »Was du da aufzähltest, sind Wirklichkeiten. Weh denen, die Wirklichkeiten nicht ernst nehmen können. Man nennt sie Narren. Nun erst sehe ich ein, daß ich dich handlich zu führen habe, und müssen wir auch Feuer aneinander schlagen. Ich paktiere nicht! Verstehst du? Komm, es wird Essenszeit.«

Wortlos traten sie auf die Straße hinaus, und bald fand sich jeder allein, keiner wußte, an welcher Straßenecke er sich vom andern geschieden hatte.

Reinhart eilte so schnell nach der »Seewarte«, als ihn die Sohlen trugen. Er wollte bei der Mutter Rat suchen, aber er fand sie im Empfangszimmer in Gesellschaft des Herrn Geierling. Auch Küngold war zugegen. Sie hatte sich sehr schön gemacht und folgte mit munteren Augen den Worten des redegewandten eleganten Gastes. Bald erschien auch der Vater. Eine Gewitterwolke brütete ihm um den Kopf. Während des Essens war er gegen seine Gewohnheit zurückhaltend und überließ das Steuerruder Herrn Geierling, der bei bester Stimmung schien, gegen die Damen den liebenswürdigen Gesellschafter und gegen Ferdinand den geriebenen Geschäftsfuchs spielte. Die Mutter suchte mit ihren kurzsichtigen besorgten Augen den Dorn, den der Vater dem Sohn oder der Sohn dem Vater ins Fleisch getrieben hatte, während Küngold auf die Gespräche ihres Tischnachbarn freimütig einging und seine Komplimente mit lustiger Schalkheit parierte.

Als der schwarze Kaffee aufgetragen wurde, waren Ferdinand und Geierling bei der Politik angelangt und überprüften den Glaubenssatz: Ohne Macht kein Reichtum. Geierling schilderte, wie der deutsche Handel unter dem Schutz des Reichsschildes in den überseeischen Ländern ein gewaltiges Wurzelnetz trieb, Ferdinand verfocht die Ansicht, wenn die Staaten sich als Großkaufleute fühlten, müßten früher oder später schwere Zusammenstöße entstehen. Geierling widersprach ihm wenig, ja, es schien, als ob ihn eine solche Entwicklung zweckmäßig und unabänderlich dünke.

Plötzlich, man begriff kaum, wie es durch ein Nichts hatte kommen können, waren Ferdinand und Reinhart aneinander geraten. Das Gewitter, das sich um des Vaters Haupt zusammengebraut hatte, entlud sich auf einmal mit wilder Heftigkeit. Der Sohn hielt sich rückwärts an der Stuhllehne fest und fing die Blicke und Worte des Vaters, die wie Blitz und Donner auf ihn herunterfuhren, mit offenem Gesicht auf. Der Prall war nur kurz. Lautlose Stille herrschte auf einmal in dem Zimmer, die Mutter bebte und war dem Weinen nahe, Küngold verstand nicht das Geringste und heftete den Blick auf den Bruder mit der ängstlichen Frage: »Was hast du nur angestellt?« Herr Geierling führte die Tasse zum Munde und schlürfte langsam und scheinbar geistesabwesend den Rest der Tasse.

Eine Stunde später saßen sich Reinhart und die Mutter allein gegenüber, in gleicher Gesinnung und gleicher Qual. Sie suchten einen Ausgang und fanden keinen, über dem nicht der Jochgalgen Ferdinands stand.

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