Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Boßhart >

Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Die Tragödie eines Kindes

Es war am Tage vor Weihnachten. Ein scharfer Ostwind hatte die Luft gescheuert und aus der dünnen Schneekruste, die sich tags zuvor niedergelassen hatte, eine klingende Platte gemacht. Reinhart eilte mit Paketen beladen nach Hause. Er hatte am Morgen eine Kränkung erfahren und daraus den Vorsatz zu etwas Frohem gezogen. Nachdem er im Bornhauserschen Dachzimmer seine zwei Stunden erteilt hatte, rief ihn die Dame des Hauses mit einer gnädigen Stimme in einen weiten Raum des Erdgeschosses, wo die Vorbereitungen für die Weihnachtsbescherung getroffen waren. Auf einem Tischchen in einer Ecke, kaum noch im Schatten des großen Christbaumes, lagen eine Anzahl Pakete mit Aufschriften. Frau Bornhauser hob eines zu ihrem goldenen Zwicker empor und las gleichgültig: »Für Grete.« Darauf ein zweites: »Für Sophie,« dann wieder: »Für Grete« und so weiter: »Für den Gärtner, für Herrn Karl Bommer, den Chauffeur...« Reinhart sollte offenbar begreifen, daß er mit den Dienstboten auf gleiche Stufe gestellt werde. Es war also auf eine Demütigung abgesehen. Nach einer guten Weile zog sie eine Kartonschachtel hervor, die sie natürlich schon lange gesehen hatte, und piepste triumphierend: »Endlich hab' ich's! Für Herrn Lehrer Stapfer!« Sie überreichte es ihm mit verbindlicher Miene. »Es sind Taschentücher. Ja was kann ein junger Herr ja immer brauchen, nicht? Und hier noch eine Kleinigkeit.« Dies sagte sie mit spöttischem Lächeln.

Reinhart ahnte gleich eine Bosheit und begann, ohne auf ihre abwehrende Bewegung zu achten, das grüne Seidenbändchen zu lösen. Bald pendelte ein Bündel Schuhriemen in seiner Hand. Er hielt es mit Zeigefinger und Daumen in der Luft. Eine Erinnerung gab ihm die Erklärung zu dem Geschenk. Einst, als er zum Unterricht ging, zerriß ihm ein Schuhriemen. Er war schon weit von zu Hause weg und behalf sich, indem er den Schuh mit den vorhandenen Riemenstummeln, so gut es ging, schnürte. An jenem Tag hatte ihn Frau Bornhauser auf dem Flur angesprochen, den Schaden an seinem Schuhwerk wahrgenommen und übermäßig die Nase gerümpft. Jetzt hatte er die Lektion. Er ließ das Bündel der Dame zu Füßen fallen. »Ich bin nicht genugsam, Ihre Schuhriemen zu tragen,« sagte er und entfernte sich mit einer feierlich-spöttischen Verbeugung.

»Sie vergessen ja die Taschentücher!« rief sie ihm nach. Sie hatte dieses Verhalten eines Abhängigen nicht erwartet. Er war schon fort und lief den Läden nach. Er kaufte Zuckerwerk, Schokolade, Nüsse, Spielzeug und Kinderbücher zusammen, auch eine Maske mit langem, wirrem Reistenbart. Er hatte seinen Plan: Joseph Schmärzi sollte als Sankt Klaus die Geschenke bei sinkender Nacht im Hundertseelenhaus vertragen. Aber Joseph hatte sich schon ins Bett verkrochen, als Reinhart heimkehrte. Die scharfe Bise hatte auf einem Spaziergang seinen Husten wieder angeblasen, und es hatte sich leichtes Fieber eingestellt. Das Dienstmädchen Lotte, mit dem er sich angefreundet hatte, saß bei ihm. Es schmuggelte ihm jeden Tag eine Wärmeflasche ins Bett, und da solches hinter dem Rücken der gestrengen Hausmeisterin geschah, war zwischen den beiden bald eine Art Geheimbund entstanden.

Reinhart mochte seinen Plan nicht aufgeben. Er band sich die Maske selber vor, stülpte seine Fuchspelzmütze auf den Kopf und zog ein langes weißes Hemd über die Kleider. Lotte, die ihm half, stattete ihn noch mit einem Höcker und einem Besenstiel aus, so sei es in ihrer Heimat Brauch. Reinhart machte sich, so ausstaffiert, ans Werk. Er ging von Wohnung zu Wohnung, von Stockwerk zu Stockwerk, und öffnete seinen Sack. Die erste Stube, in die er trat, schlug ihn fast wieder zurück. Sie war von dem kleinen Eisenofen, über dem an einer Schnur Wäsche aufgehängt war, überheizt, und die Luft roch nach Kraut, Wurst und Spiritus. Der kleine Kochapparat stand dienstbereit auf der Kammode. Auf dem Boden lagen Spielsachen: eine nackte zerschlagene Holzpuppe, ein paar Lumpen, mit denen sie wohl bekleidet gewesen war, ein Stiefelknecht, der als Schlitten oder Mensch hatte dienen müssen, ein Wagen in Gestalt eines umgeworfenen Schemels, ein Spazierstock ohne Griff und ein alter Filzschuh. Mitten unter diesen Dingen drei Kinder, von denen eines kaum rutschen konnte. Die Mutter saß mit aufgestützten Armen am Tisch, vor ihr lag der ›Schweizerspiegel‹ und daneben ein angefangener Strumpf und ein Knäuel grauer Wolle. Sie sah mürrisch nach dem eintretenden Klaus und rief: »Ich habe kein Geld für Böggen.« Als Reinhart aber seine Schätze hervorholte, und sie merkte, daß er gebenshalber gekommen war, wurde sie gelassen und ließ ihn gewähren. Die Kinder sperrten die Augen auf wie vor einem Märchenzauber und begriffen weder den seltsam vermummten Mann, noch seine freundlich spendenden Hände. Er war schon wieder fort, als sie an ihren kleingroßen Glücksfall zu glauben und die Geschenke herzhaft anzugreifen wagten.

Fast alle Stuben machten den nämlichen nothaften Eindruck, aber in fast allen blühte hinter dem Klaus ein kleines Wunder auf. In einer jedoch schien schon vor seinem Erscheinen heller Freudenglanz gestrahlt zu haben. Auf einem hohen Schemel mitten in dem sauber geordneten Stübchen brannte der Weihnachtsbaum. Ein junger, bärtiger Mann saß mit zwei Buben am Boden, wie ein Bernhardiner mit seinen Jungen, und führte ihnen eben vor, wie ein Holzpferdchen auf seinen Rädern galoppieren konnte. Das Pferdchen rollte Reinhart gerade vor die Füße. Am Tisch saß eine alte Frau mit einer Brille, die sie auf die Nasenspitze vorgeschoben hatte. Ihre Augen waren feucht. Sie fuhr, als Reinhart den Blick auf sie richtete, mit dem Zeigefinger ein paarmal hinter der Brille durch. Reinhart suchte nach der Mutter, die zu diesem freundlichen Bilde gehörte, und erblickte an der Wand in einem schwarzen Rahmen ein künstliches Geflecht aus braunem Haar, das eine Photographie und ein paar Namenszüge und Jahreszahlen bekränzte. Er teilte seine Gaben mit verlegener Hand aus und schlich davon wie ein Dieb nach einem Einbruch.

In Reichlings Stube fand er die Mutter mit den drei Kindern allein. Frau Auguste war wieder über ihr weißes Nähzeug gebeugt. Dortchen und ihr Schwesterchen waren wie kleine, auf die Erde verirrte und zum Stricken verurteilte Engel, der kränkliche Kreuzträger lag unter der Gasflamme auf dem Tische und kehrte Reinhart ein nachdenkliches, altes Gesicht zu. Auf einmal fing er zu lachen und gleich darauf heftig zu weinen an. Frau Reichling nahm ihn auf den Arm und sagte zum Klaus: »Sie sehen, er weiß noch nicht, ob man zu dieser Welt Späßen weinen oder lachen soll.« Reinhart hatte sich für diese Stube eigens vorgesehen und Nützliches und Unterhaltendes bedachtsam zusammengestellt. Als die Sachen auf dem Tische lagen und sechs Augen sie umkosten, fragte die Mutter, stutzig geworden: »Wer hat Sie geschickt? Doch nein, ich will nicht fragen, es ist ja Christabend, da soll man einmal herzhaft ans Gute glauben.« Ihre geröteten Augen nahmen einen feuchten Glanz an. Reinhart war schon draußen.

Der Sack war leer, bevor Reinhart das ganze Haus beschenkt hatte. Es blieben ihm nur noch ein paar Kleinigkeiten, die er in die Wohnung des Totengräbers hinauftragen wollte, aus der so oft das klägliche Kindergeschrei ertönte. Er berechnete die Türe und klopfte an. Eine hohe Stimme rief zaghaft: »Herein.« Mitten in dem Stübchen saß das weißblonde Kind, das Reinhart schon mehrmals am Fenster gesehen hatte, vor einer kleinen Maschine und blickte dem Eintretenden argwöhnisch, fast erschrocken entgegen. Eine Handbewegung verriet, daß es eben etwas im Latz der Schürze verborgen hatte. In der Nähe lagen zwei Krücken.

»Bist du allein?« fragte Reinhart aus seinem Reistenbart heraus.

»Ja, ich bin jetzt allein.«

»Was treibst du da?«

Sie lächelte überlegen: »Das ist doch eine Strickmaschine.«

»So, eine Strickmaschine? Und daran arbeitest du den ganzen Tag?«

»Ja, ich sollte den ganzen Tag daran schaffen.«

»Und bist du immer allein? Du hast doch Brüder?«

»Sie sind in der Fabrik und kommen nur am Abend heim.«

»Und die Mutter und der Vater?«

»Die Mutter spettet heute in der Stadt, und der Vater ... ich weiß nicht, er ist wohl im Wirtshaus und säuft.«

»Und säuft? Wie du das sagst! Und wenn er getrunken hat, schlägt er dich?«

»Woher wissen Sie das?« Es flammte in ihren grauen Augen. »Wohnen Sie hier im Hause?«

»Ja, grad unter dir, Trude.«

Ihr Gesicht strahlte auf. »Dann sind Sie der Rattenfänger. Ziehen Sie das ab, bitte, bitte! Ich möchte Sie einmal aus der Nähe sehen.« Sie wies auf die Maske.

»Die Maske gehört heute zu mir. Ich bin der Klaus. Ich habe dir was mitgebracht. Da sieh!«

»Sie sind also das Christkind mit einem Bart. Das ist spaßig. Aber ziehen Sie die Larve ab, bitte!«

Er tat ihr den Willen, und sie sah ihm mit glänzenden Augen ins Gesicht.

»Man hat mir gesagt, du seiest lahm. Kannst du nicht gehen?«

»Mit der Maschine. Aber sie ist mir schon lange zu klein. Ich bin gewachsen und sie ist klein geblieben, vielleicht kann ich einmal eine neue kaufen, wenn ich recht gut stricken kann.«

»Kannst du es noch nicht sehr gut?«

»Nein. Und dann...«

»Was, und dann?«

»Es ist so langweilig. Immer auf und ab, auf und ab, den ganzen Tag, da, mit dem Ding da. Sehen Sie.«

»Warst du immer lahm?«

»Immer. Aber ich will wieder gesund werden. Kann das nicht sein?« Sie sah ihn mit zitternd fragenden Augen an.

»Ich will einmal einen Arzt zu dir schicken.«

»Wollen Sie? Aber die Ärzte können auch nichts. Ich war einmal in einer Anstalt. Dort hat man mir die Maschine gemacht, aber keine gesunden Beine. Ich glaube, der liebe Gott könnte mich gesund machen, aber er will nicht! Er will einfach nicht!«

»Warum sollte er nicht wollen?« forschte Reinhart.

Ihr Blick schoß scheu nach ihm und senkte sich dann zu Boden. Nun sah er, daß sie ein seltsam wissendes altes Auge hatte. Auf einmal krampfte sie die Hände zusammen und fing an zu beten: »Lieber Gott im Himmel, mach mich gesund, und dann will ich fromm sein mein ganzes Leben lang. Amen.«

Er sah sie verwundert an und faßte ihre Hände: »Du bist ein gutes Kind. Ich will dir eine Maschine verschaffen, aber ich brauche Zeit.«

»Gelt, Sie sind reich? Wenn man Geld hat, kann man alles. Die Reichen können alle gehen.«

»Nicht alle, Kind.«

»Aber alle Frommen?«

»Nicht einmal alle Frommen.«

Sie sann nach. »Aber ist das auch recht?«

»Darüber läßt sich nicht zanken, wie es Blonde und Dunkle gibt, so auch, gibt es solche, die leicht, und solche, die schwer tragen müssen. Aber warum wirst du nun so traurig?«

Sie rang mit den Tränen: »Ich glaube manchmal, wenn ich ganz gut würde, lernte ich wieder gehen.«

»Glaub' es nur weiter! Schau, du darfst nun eines der Paketchen öffnen. Nimm das kleinere.«

Sie löste den Bindfaden und nahm das Papier auseinander, rührte aber den Inhalt nicht an. Sie schien etwas in sich zu bewegen und schnellte es plötzlich hervor: »Ich möchte Ihnen einen Kuß geben zum Dank. Aber ich kann nicht aufstehen, ich müßte die Krücken haben.«

»Warum willst du das?« fragte er verwundert.

»Weil Sie gut mit mir sind. Es ist sonst gar niemand gut mit mir,« klagte sie kaum vernehmbar, »niemand, niemand, niemand!« Die Augen wurden ihr naß. Er hatte Mitleid mit ihr und neigte sein Gesicht zu ihr nieder. Sie umschlang seinen Hals und küßte ihn mehrmals hintereinander, schmatzend, unbeholfen. Bei der heftigen Bewegung ihres Oberkörpers rutschte ihr etwas unter der Schürze herab und fiel zu Boden. Sie merkte es und ließ Reinhart erschreckt fahren. Es war ein Buch, abgegriffen und schmutzig. Er hob es auf.

»Das liesest du, Trude?« Es war ein Hintertreppenroman.

Sie gestand zögernd: »Ja, aber es weiß es niemand, als die Frau Hollenweger über dem Gang drüben, die mir die Bücher bringt. Denn, wenn ich lese, schaffe ich nicht, und ich sollte doch die teure Maschine abverdienen. Und wenn ich nicht genug schaffe, haut mich der Vater.«

»Aber Kind, wenn dich das Lesen am Schaffen verhindert...«

Sie wurde ganz rot und flüsterte wie ein Geheimnis: »Wenn ich an der Maschine schaffe, muß ich denken. Beim Lesen denkt man nicht.«

»Was für ein Unsinn! Wieso denkt man beim Lesen nicht?«

»Man denkt schon, aber nur, was das Buch will, und alles andere vergißt man. An der Maschine denkt man...« Sie rang nach einem Ausdruck und schwieg. Ihr Gesicht hatte sich auf einmal verzerrt.

»Was denkst du denn an der Maschine?«

Sie flüsterte: »Ich kann es nicht sagen.«

»Sag es immer, es wird dir leichter werden.«

»Es ist, weil ich ein sündhafter Mensch bin.«

»Nun höre, Trude, wir sind alle etwas sündhaft.« Sie starrte ihn mit ihren seltsam alten Augen unschlüssig an. Dann sagte sie kaum hörbar: »Sie werden mich verabscheuen.«

»Wie soll ich ein Kind verabscheuen?«

»Doch, Sie würden mich in den Boden verachten!«

»Wenn du mir nicht traust, ist es schon besser, du schweigst. Ich gehe jetzt. Lebe wohl!«

Nun streckte sie ihre langen Arme heftig nach ihm aus, zog ihn zu sich herab und hauchte ihm ins Ohr: »Ich verfluche ihn jeden Tag. Ich kann nichts dafür!«

»Wen verfluchst du?«

»Ihn, der alles macht, den Herrgott.«

Er forschte in ihren Augen und sie erklärte sich: »Ich kann ja nichts dafür. Es kommt mir, ohne daß ich es will, warum bin ich ein Krüppel und warum sind andere nicht auch Krüppel? Ich kann nicht gehen, ich kann nur kriechen, ich bin ein Wurm. Ist das recht? Ist das recht? Und weil ich ein Krüppel bin, liebt mich niemand. Meine Brüder sind groß und stark, die Mutter liebt sie, und auch der Vater haut sie nie, er schimpft nicht einmal mit ihnen. Könnte ich gehen und so viel Geld verdienen wie sie, so würde er mich auch nicht schlagen. Bin ich denn schuld? Sehen Sie, darüber denke ich nach und dann verfluche ich ihn ganz gräßlich. Denn er macht doch alles, nicht? Er hat andere schön gemacht und mich lahm. Er ist schuld, daß mich der Vater haut und mit dem Schuh stößt und daß mich die Mutter im Tag kaum einmal anschaut. Und wenn sie's tut, wie! Und wissen Sie, was ich tue? Ich verwünsche ihn aus dem Himmel in die heißeste Hölle, zum Bösen, ganz zu unterst, denn er ist ja auch böse. Ist das nicht schrecklich? Gleich darauf bete ich dann wieder, denn ich weiß ja, daß es sündhaft ist. Aber ich spüre schon, es nützt nichts, das Fluchen ist viel stärker, wenn er wie ich Tag und Woche und Jahr lahm auf dem Schemel vor der Maschine hocken müßte, dann würde er mir schon helfen. Man muß es erfahren haben!«

Sie bohrte ihre flackernden Blicke in Reinharts Augen und sagte eindringlich: »Sie sind ein Erwachsener, Sie sind klug, sagen Sie mir recht, warum der Herrgott dem einen gut ist und dem andern böse. Was Sie vorhin sagten von den Dunkeln und von den Blonden, das war nicht Ihr Ernst, ich merkte es schon. Sie meinen, ich sei ein dummes Geschöpf. Alle meinen immer, ich sei noch so ein einfältiger Fratz.«

Reinhart war verlegen vor dem Kind, das in seiner Einsamkeit und Verschupftheit, in seiner Sehnsucht nach Glück und Liebe, auf die tiefste Frage und die härteste Anklage gestoßen war. Er sah die fiebernden Augen der Unglücklichen, er sah ihre Leidenschaftlichkeit und ihren heißen Mund und sagte: »Der Herrgott wird schon wissen, warum er dich so gemacht hat. Er hat dich vielleicht besonders lieb. Ja, ich glaube es. Schau, viele sind schön und gefällig und haben gesunde Füße, nur um sich von ihrer Schönheit und ihren geraden Gliedern in den Schmutz tragen zu lassen.«

Während er so sprach, fühlte er, wie einfältig und wie wenig dem kindlichen Verstand angemessen die Worte waren. Zu seinem Erstaunen nickte Trude nach einigem Besinnen zu ihm auf. Er sah, daß sie ihn verstanden hatte und seinen Trost annahm. Ihr Blick ging wie einen Faden entlang quer durch das Zimmer, als folgte sie einem Weg und dächte ihn ganz aus. »Diese Hundertseelenhauskinder verstehen alles,« dachte Reinhart. Endlich sagte sie: »Ich will es nie mehr tun. Ich meinte bis jetzt, er werde mir immer etwas zu leid und nie etwas zu lieb tun. Aber heut hat er Sie zu mir geschickt, und doch habe ich ihn noch vor einer Stunde in die Hölle gewünscht. Zuerst ihn und dann den Vater! Ja, ja, machen Sie nur solche Augen! Auch den Vater! Glauben Sie, er werde mir das alles verzeihen? Ich meine, der Herrgott? Sie verzeihen es mir ja auch nicht, ich sehe es Ihnen an!«

»Oh, doch, Trude, und er noch viel mehr, denn er vollbringt alles weit stärker als wir armen Menschen.«

»Und wird er mich dann gehend machen? Und wird ein Tag kommen, da mich der Vater nicht mehr schlägt und Krüppel schimpft? Sie schweigen? Das heißt: Nein. Ich muß mein Lebtag ein Krüppel sein!« Sie rechnete in die Zukunft und fing leise zu weinen an.

Er fuhr ihr tröstend über das helle Haar. Sie ergriff seine Hand und bettelte:

»Sie müssen jeden Tag ein bißchen zu mir kommen. Ich klopfe mit der Krücke dreimal, wenn ich allein bin. Sie müssen mich lieb haben, weil mich niemand sonst lieb hat. Dann will ich auch keine Bücher mehr lesen und ihn nicht mehr in die Hölle verwünschen. Und Sie müssen mich jetzt noch einmal küssen, ich muß sehen, daß Sie mich nicht verachten.« Sie flehte: »Tun sie's, nur hierher!« Sie wies auf die Stirne.

Er beugte sich über sie, und sie schlang wieder den Arm um seinen Hals, aber sanft, kaum fühlbar. Dann mit einem Ruck berührte sie seine Lippen leicht mit den ihrigen und ließ sich auf den Boden fallen, um sich zu wälzen. Eilig ging er hinaus. Sie schluchzte ihm nach: »Gelt, wenn der Krüppel klopft?«

Er war ganz verstört, als er zu Joseph Schmärzi ins Zimmer trat. Er riß sich die Mummerei vom Leib, und schon war er fort. Als er die Lahme verließ, war der Gedanke an Küngold über ihn gekommen und an die Weihnachtsabende, die er mit ihr und der Mutter verlebt hatte, denn der Vater wich aller Sentimentalität aus. Er hatte Küngold erst zweimal besucht, seit er im Hundertseelenhaus wohnte, in feiger Scheu vor ihrem Elend. Er trat in ein paar Kaufläden ein und stieg dann zu Onkel Melchior hinauf. Sein Erscheinen rief frohe Verwunderung hervor. »Wir wollen ein Fest feiern,« rief er. »Ich bin zum Weinen traurig, aber man muß die Feste gerade dann feiern, wenn man trübselig ist.« Damit stellte er zwei Flaschen Wein und einen großen Kuchen auf den Tisch. Küngold reichte er eine Schachtel mit kandierten Früchten. Tante Bethli trippelte hin und her, brachte Gläser und hatte hundert Entschuldigungen für hundert nicht vorhandene Fehler. Onkel Melchior rief aufgeräumt: »Nun will ich den Moses spielen!« und setzte den Pfropfenzieher in Tätigkeit. Küngold sah die beiden an und lächelte wehmütig-froh. Man stieß an und begann zu fragen und zu berichten. Da beugte sich Tante Bethli zu Melchior hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Aber natürlich, natürlich, gutes Kind. Famos! Famos!« rief er und eilte in das Nebenzimmer, aus dem er bald mit einem geschmückten Tännchen zurückkehrte.

»Wir wollten es erst morgen anzünden,« erklärte er, »aber das Bethli meint, es wäre grad' jetzt die rechte Gelegenheit dazu.« Bald brannten die Kerzen und die Freude war groß. Selbst Küngolds Augen glänzten dann und wann auf.

»Es ist unser zweiter,« flüsterte Bethli Reinhart zu, »an der ersten Weihnacht unserer Ehe der erste und erst heut' der zweite.« Sie warf einen raschen Blick auf Küngold und Reinhart verstand.

Als die Zeit schon vorgerückt war, bat Reinhart: »Nun fehlt nur noch die Flöte, Onkel!« Auch die andern bettelten, bis Melchior nachgab. Er holte seine alten Jugendlieder wieder einmal aus der Brust hervor und war unermüdlich und gefühlvoll wie eine Amsel im Märzen: Zuletzt blies er: ›Nach der Heimat möcht' ich wieder ...‹ mit solcher Hingabe, daß alle gerührt wurden. Bethli und Küngold schlichen leise davon, ohne daß er es gewahrte. »Ich Narr habe sie wieder einmal vertrieben,« sagte er, als er die Flöte absetzte. »Sie werden immer traurig, wenn ich das spiele, und ich so froh. Ich begleite dich noch ein paar Schritte, das tut wohl nach dem Wein.«

Auf der Straße begann er gleich geschäftsmäßig, als hätte er darauf gebrannt: »Auf dem Golsterhof gibt es Wandel, Adelheid heiratet im Frühjahr oder Sommer Hans Jörg, den Knecht. Es ist wie auf einer Schaukel: Einer muß sinken, wenn der andere steigen soll.«

Reinhart erinnerte sich an den starken, entschlossenen, wortkargen Mann und äußerte den Gedanken, Hans Jörg sei vielleicht der Heiland für den Hof.

»Magst recht haben, aber es kriecht einem doch eine Raupe über das Brusttuch beim Gedanken, daß die Stapfer nun im Golster ausgespielt haben sollen.«

»Was treibt Hans Rudolf?«

»Was soll er treiben? Er trinkt und trinkt und möchte spekulieren. Aber es handelt kein Christ und kein Jude mehr mit ihm. Man weiß, daß er in allen Säcken Löcher hat. Am Ende bin ich schwerer als er. Es ist zum Lachen mit dem Geld. Der Teufel reitet auf jedem Stück.«

»Weißt du etwas von der ›Seewarte‹?« fragte Reinhart.

Melchior zögerte. Endlich stotterte er: »Ferdinand will jetzt akkordieren. Man spricht von sechzig vom Hundert. Ich weiß nicht, ist das viel oder wenig. Ich verstehe dergleichen nicht.«

Reinhart fuhr es heiß am Hals empor. »Man sagte immer, die ›Seewarte‹ stehe auf unsicherm Seegrund. Nun war ein Lümpchen Geldgier schwer genug, sie ins Rutschen zu bringen!« Er sah die ›Seewarte‹ im See ertrinken, wie die Mutter.

»Ferdinand wird sie aufhalten, glaub' mir! Glaub' mir!« Melchior hatte ein unerschütterliches Vertrauen in die Zauberkraft seines heimlich angebeteten Bruders. Sie trennten sich.

Vor dem Hundertseelenhaus angelangt, blieb Reinhart stehen. Wie ein ekelhaftes Ungetüm hockte es da an der Straße und blinzelte mit ein paar blöden Augen nach ihm. Wie viel Dumpfheit und Dunkel hatte er da vor ein paar Stunden berührt! Er blickte zu dem Fenster empor, hinter dem jetzt Trude Unold vielleicht wieder mit ihrem Schicksal haderte und ihrem Gott eine Rechnung aufsetzte. Darüber, im Dachgeschoß, grölten die Italiener. Lotte hatte erzählt, daß dort wohl ihrer zwölf schliefen, dicht zusammengedrängt, wie konservierte Bohnen in einer Büchse, Männer und Halbwüchsige, zuweilen auch Weiber. Und sonst! Jede Familie hielt sich zur Abwälzung des Mietzinses noch einen oder zwei Schlafgänger, in jedem Winkel stand ein Bett oder wurde nachts eine Matratze hingelegt. Und durch das ganze Haus schlichen die Verdächtigungen und das Gemunkel. Reinhart empfand es wie ein Verbrechen, daß einzelne in Raum und Luft und Sonne schwelgen konnten, während andere dem Nächsten den verdorbenen Atem gleich vom Munde wegschnappen mußten. Er schämte sich. Denn mit seinem Zimmerchen, so armselig es war, blieb er ein Fürst in dieser Massenhöhle. Vor bald zweitausend Jahren kam einer mit dem Rufe in die Welt: »Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.« Er wollte erlösen, wen denn? Handwerker, Fischer, Ackersleute; verachtete Zöllner, Schweinehirten und Huren; schutzlose Witwen und Waisen, Kranke aller Nöte, Blutflüssige, Gichtbrüchige, Blinde, Lahme, Aussätzige. Er fand sie am Gestade des Sees, bei ihren Netzen, im Feld und im Weingarten, in ihren Werkstätten und auf den Zimmerplätzen, auf den sonnüberströmten Gassen und Straßen der heiligen Stadt und des heiligen Landes. Was er nicht kannte, waren die Fabriken und Hundertseelenhäuser, waren die Maschinen und die Menschen, denen diese Maschinen die Seelen aus der Brust saugten und zerrten und zupften, was er den Mühseligen bringen wollte, war Friede, Ruhe. »Oh, daß er nochmals käme, sein verdorbenes Werk neu begönne und den Schattenmenschen die Sonne, den Entseelten wieder eine Seele brächte, hätte ich doch die Kraft und das Feuer und das Wort!« So verlangte es in Reinhart. »Oder ist es aus? Sind wir der verdorrte Feigenbaum, auf dem keine Frucht mehr wachsen soll in Ewigkeit? Es kann nicht sein, sonst wäre ja alles Unsinn, das Leben, die Menschheit, die ganze Schöpfung und alles, was sich hinter ihr verborgen hält. Nein, es fehlt nur an uns, wir sind zu träge und haben den Glauben an das Gute nicht, der alles vermöchte. Und ich selber? Ich muß aus meiner Untätigkeit endlich entschlossen heraus, ich muß in die Bewegung, in die Tat!« So brauste es in ihm.

Während er im Geiste durch die Wände und Böden des Mietshauses schaute wie Asmodi, tauchte in ihm das Bild des Golsterhofes auf, seiner Heimat der Sehnsucht, voll Sonnenglanz und Wiesengrün und Bienengesumm. Und auf einmal wichen die Mauern des Hundertseelenhauses auseinander, fügten sich neu zusammen und wanderten in Gestalt von kleinen Häusern mit Gärten und Bienenstöcken, mit leuchtenden Blumen vor den Fenstern, wehender Wäsche auf der Matte und spielenden Kindern ringsum, hinaus aufs Land, an den Berglehnen empor und hinab zum Fluß. Und die Sonne strahlte darauf und glitzerte in den Scheiben, Stimmen erklangen, helle, singende, lachende. An einem Fenster erschien Trude Unolds weißblonder Mädchenkopf, aber nun mit roten Wangen, und der Schrei des Kindes war ein Jubelschrei. Reinhart war glücklich, das alles war sein Werk. Er hatte sich an seinen Gedanken berauscht.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.