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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Der Klub der Narren

Es war ein schmutziger Dezembertag. Der Schnee, der tags zuvor gefallen war, hatte sich wieder aufgelöst. Reinhart befand sich auf dem Heimweg von der Universität, wo er geschichtliche Vorlesungen besuchte. Ein Automobil patschte vorüber und spritzte den Straßenkot bis an die Mauern der Häuser. Vor Reinhart stand ein Herr still und zürnte dem Wagen nach. Reinhart erkannte seinen Hausgenossen Benedikt Reichling. Er grüßte ihn, und sie schritten nebeneinander weiter. In Reichling kochte es: »Ich hasse dieses Fuhrwerk. Es ist das Vehikel unserer Zeit, der Zeit der Protzen, wenn es wenigstens vornehm wäre! Aber es ist gemein, schon in der Form. Und sehen Sie sich die Menschen an, die drin sitzen! Aufgebläht, brutal, tierisch! Ist es der flachste Spießer und er hockt im Auto, so meint er, auf die ganze übrige Menschheit spucken zu dürfen. Da rast er die Straße entlang, bewirft hundert anständige Menschen mit Schmutz, macht ihnen Kummer, denn es hat nicht jeder ein Dutzend Anzüge im Kasten, und dieser Straßenkot ist fast nicht mehr aus den Kleidern zu bürsten. Aber gehen Sie zu einem solchen Geldwolf und fragen Sie ihn, mit welchem Recht er seine Mitmenschen beschmutze, er wird nichts verstehen, rein nichts! Es fehlt ihm der Blick für den andern, den Nächsten. Da naht wieder eins! Kommen Sie in die Seitengasse, da ist man sicherer!«

Benedikt Reichling hatte so zornig gesprochen, als seine Weichheit es vermochte, und im Reden immer das dünne Bambusstöcklein in der Luft geschwungen. Plötzlich wurde er ganz sanft: »Ich habe mich ereifert, ich habe an meine arme Frau gedacht, die diese Flecke wieder austilgen muß und sonst schon genug zu schaffen und zu sorgen hat. Aber diese Protzen sind auch Menschen, sie wissen von nichts anderem, sie sind in einem Wahn aufgewachsen oder in einen Wahn hineingewachsen, sie jagen nach Glück, nur etwas anders als unsereiner. Sie sind wie wir arme, arme Esel und Eselinnen und Eselfüllen.« Plötzlich blieb er stehen, faßte Reinhart am Rocksaum und schaute durch seine große Brille streng zu ihm auf: »Sie kränken mich, Herr, Sie wollen mich demütigen, Sie haben mir neulich eine Fünfzigernote unter der Türe ins Zimmer geschoben. Ja, ja, reden Sie sich nicht aus! verstehen Sie auch, was Sie tun? Glauben Sie etwa an das Bibelwort: Geben ist seliger denn Nehmen? Geben ist durchaus nicht selig, Geben ist etwas Brutales, denn Nehmen ist eine Schmach! Warum sollen Sie geben und ich nehmen und nicht umgekehrt?«

Reinhart suchte sich zu verteidigen: »Immer spricht man von den Gegensätzen und ihrem Ausgleich, und wenn man nach seinem Vermögen ein bißchen ausebnen will, stößt man auf Widerstand oder gar Zorn. Ich glaube, es gibt Leute, die sich auf ihre Not etwas zugute tun, sie sind verliebt in sie und hängen daran, wie andere an ihrem Geld. Sie haben ihren eigenen Hochmut und Standesdünkel.«

Wieder faßte Benedikt Reichling Reinhart am Rock und dozierte langsam: »Das ist menschlich, das ist Selbsterhaltung, die Geusen und Sansculotten haben aus dem Schimpf eine Ehre herausgekehrt. So muß es sein! Wie würde man das Elend aushalten, wenn man es nicht zu einem Traum verwöbe, wenn man in die eklige Kröte hinein nicht einen Märchenprinzen dichtete? Sehen sie, so lebt der Proletarier Reichling, so hält er es aus. Seine Tage sind mühselig und niedrig, aber seine Nächte leuchten im Orient am Hofe Haruns des Rechtgeleiteten, oder bei einem Gastmahl Platos. Der Traum ist die Hauptsache im Leben, und irgend eine Not ist die Mutter des Traums.«

»Nach Ihrer Lehre müßte man sich hüten, diese Mutter des Traumes aus der Welt zu schaffen!«

»Haben Sie keine Sorge, daß alle Not vergehe wie der gestrige Schnee. Es ist damit wie mit dem Wasser, es fließt Tag und Nacht in Bächen, Flüssen und Strömen dem Meere zu, erneuert sich immerzu und ewig, und nie werden die Flußbette trocken. Die Natur hat dem Menschen Tränendrüsen gegeben, Tränenquellen, sie sah alles voraus, sie wußte, daß Tränen immer fließen müssen, so lange es Menschen gibt.«

Schweigsam schritten die beiden nun weiter, Benedikt Reichling sein Stöcklein bei jedem Schritt kräftig gegen den Randstein stoßend, was auf eine starke innere Erregung, ein Gedankengefecht schließen ließ.

Er wurde durch zwei Männer, die einherschlenderten, aus seinem Sinnen gerissen. »Heut Abend, Benedikt! Was? Hättest's wohl wieder einmal vergessen? Unser Zuchthäusler kommt auch.« Reichling fragte, von Freude ergriffen: »Friedrich ist frei? Ich komme unfehlbar, ich komme!« Man stand sich einen Augenblick gegenüber. Der ältere der beiden Männer maß Reinhart mit einem raschen Blick aus einem grauen und klaren Wolfsauge. Es war eine eckige, nur aus Knochen gebaute Gestalt mit glattrasiertem Gesicht, breitem Schlapphut und auffallend weiten Beinkleidern. Der Jüngere stand etwas vorgebeugt auf langen dünnen Beinen und glich mit seinem spitzen herausstehenden Kinn einem Zirkus-Windhund, der das Gehen auf zwei Beinen gelernt hat. Die Unterredung war ganz kurz und bewegte sich in Andeutungen. Der Windhund war ohne zu grüßen weitergegangen.

Als Reinhart mit Benedikt Reichling wieder allein war, fragte er: »Den älteren der beiden Herren habe ich auch schon gesehen, hier, und ich glaube, auch einmal jenseits des Gotthard. Wer ist er nur?«

Benedikt Reichling besann sich eine Weile und entschloß sich dann zum Reden: »Das ist ein ungewöhnlicher Mensch mit einem ungewöhnlichen Schicksal. Viel herumgetrieben, reich und arm und wieder reich, Pflanzer, Jäger, Forscher, Sammler, Menschenfreund in dem Maße, daß er auf Menschen schießen könnte und vielleicht auch schon geschossen hat.«

»Man möchte ihm nicht im Urwald begegnen!«

Reichling lachte bei dem Wort vergnügt auf: »Im Grund ein guter Mensch, ein treuer Mensch.« Nach einer Pause stand er still und fragte Reinhart: »Wollen Sie ihn kennen lernen? Das heißt, ich weiß nicht ... Oder doch! Sie sind auch ein guter Mensch, Sie werden uns verstehen. Ich könnt's wagen, wollen Sie?«

»Ich bin ein Neugieriger, ein nach Menschen Neugieriger.«

»Gefährliche Gier! Aber das ist Ihre Sache. Wir sind eine kleine Vereinigung von Menschen. Darunter sind ein paar Käuze, und darum hat er uns den Klub der Narren getauft, eben der mit den weiten Hosen, Hans Rogger. Das Langbein ist sein Neffe oder etwas dergleichen, man forscht nicht. Er gehört nicht eigentlich zu uns. Er heißt Gustav Hafner, aber er schreibt sich Faustulus. Er schreibt nämlich.«

Sie bogen in die Straße ein, an der das Haus zur Hoffnung stand. Benedikt Reichling beschleunigte den Schritt, bemerkte es selber und lachte. »Ich bin wie ein alter Gaul, der auf einmal jung wird, wenn er den Stall riecht.«

»Ein ekelhaftes Haus!«

»Wieso? Wieso?« schnellte Benedikt seine Worte ab. »Wissen Sie, warum ich mich da eingemietet habe? Das Wort ›Hoffnung‹ an einer solchen Trostlosigkeit hat es mir angetan. So ist das Proletariat: außen elend, schmucklos, vernachlässigt, aber es trägt irgendwo eine Hoffnung an sich. Ich bin nämlich in das Wort Hoffnung verliebt, wissen Sie, es gibt kein schöneres, es ist wie ein Stab für die Menschheit. Ich möchte den Mann kennen, der unserm Haus diesen Namen fand.«

»Es würde auf eine Enttäuschung hinauslaufen!«

»Wieso? Wieso?«

»Das Haus war eine Hoffnung wohl nur für ihn.«

»So schwarz denken Sie? Aber da lauern auch schon Ihre Ratten!«

Reinhart stieß einen kurzen Pfiff aus. Ein paar Kinder eilten herbei, die auf ihn und sein Zeichen gewartet haben mochten. Ihre Zahl mehrte sich rasch, bald waren es acht, zehn, elf. Reinhart zog aus einer Tasche eine Tüte mit Schokoladebonbons, teilte sie im Gehen aus und fuhr etwa einem der Kleinen übers Haar. Oben im Haus tauchte der weißblonde Mädchenkopf auf und spähte mit vor Neugier brennenden Augen herab.

»Immer der gleiche wohlmeinende Unsinn!« schalt Benedikt Reichling seinen Begleiter, »Sie verderben die Kinder, Sie machen Bettler aus ihnen, Sie nehmen ihnen den Stolz, Sie pflanzen eine niedere Gesinnung in sie.«

»Lassen Sie mich,« bat Reinhart, »ist die Freude nicht unsere zweite Erdensonne?«

Sie waren ins Haus getreten. »Wissen Sie,« fragte Benedikt, »wie man Sie getauft hat? Sie sind der Rattenfänger, der van Hameln, verstehen Sie? Haftet an dem nicht ein Fluch?«

»Wenn er aber die Kinder in seinem Berg froh und glücklich machte?«

Schlag acht Uhr klopfte Reichling an Reinharts Türe, und dann schritten die beiden in die Nacht hinaus, dem Stadtinnern zu, über den Fluß weg und eine alte, enge Gasse empor, die so steil war, daß man der ganzen Länge nach Treppenstufen angebracht hatte. Vor einer Spitzbogentüre hielt Reichling an und riß an einem altmodischen Glockenzug. Drinnen gellte es wie das Aufheulen eines großen bissigen Hundes. Man merkte am Hall, wie geräumig der Flur sein mußte. Der Riegel knarrte, die Türe wich etwas zurück und die Besucher traten in einen Raum, der wie ein ethnographisches Museum aussah und roch. An den Wänden hingen Tierfelle, Schlangenhäute, Früchte, Hörner und Geweihe, Knochen und Tierschädel, Kleidungs- und Schmuckstücke, ein primitives Saitenspiel, Säbel, Bogen, Dolche und Pfeile, auch Schilde. Reichling führte Reinhart eine Treppe empor und klopfte an eine schwere Türe, die unter dem Fingerknöchel kaum erklang. Von drinnen kam kein Laut, darüber hielt sich aber Benedikt nicht auf, er drückte auf die geschmiedete Klinke, die aussah wie ein zusammengerolltes, tief ausgeschnittenes Blatt, und trippelte Reinhart voran in das Zimmer. Auch hier die Ergebnisse einer eifrigen Sammeltätigkeit und eine chaotische Unordnung. An einem großen Schreibtisch saß Hans Rogger, hemdärmlig, obschon der Raum nur schwach geheizt war. Er beachtete die Eintretenden kaum und schien damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte zu ordnen, die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet lagen. Auf einem Schemel in der dunkelsten Ecke, bescheiden und klein, saß ein Mann mit einer großen Glatze und einem dünnen leicht ergrauten Bärtchen, in das von den Nasenflügeln vertiefte Furchen liefen und in das Gesicht das Mal des Leidens gruben. Das Männlein erhob sich erst, als Reichling ihm Reinhart vorstellte: »Herr Leonhard Kämpe.« Reinhart fühlte, daß seine Hand beim Gruß rasch von dem Fremden abgetastet und durchforscht wurde, als suchte der andere nach Schwielen, oder als prüfe er, ob die Haut hart oder weich, rissig oder glatt sei.

»Student?« fragte Kämpe in freundlichem Tone, und hockte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder auf seinen Schemel, von wo er in seine Ecke brütete, wie ein sich nach der Freiheit sehnender Vogel im Käfig.

Benedikt Reichling zog Reinhart in eine andere Ecke des großen Raumes, wo um ein mit allerhand Kram beladenes Tischchen ein paar Stühle standen. Dann begann er, durchaus nicht leise, zu erklären, sein Freund Rogger sei immer Sammler. Jetzt sammle er Zeitungsausschnitte, die von sozialen Dingen handelten. Alle Kästen des Raumes seien schon damit angefüllt. Das sei eine sehr verdienstliche Arbeit für spätere Zeiten, in hundert Jahren würden die Historiker in diesen Zeitdokumenten wühlen wie Mäuse im Korn. Rogger stehle sogar in den Wirtschaften Zeitungen, so fanatisch betreibe er alles. »Gute Beute heut'?« rief er ihm zu.

»'s geht!« gab Rogger zurück.

»Der andere Freund,« fuhr Benedikt diesmal gedämpft fort, »ist unser Anarchist. Hat deutschen Kerker hinter sich. Ein Prachtmensch, ein Feiner!«

In diesem Augenblick trat, ohne daß man vorher hätte Klopfen hören, ein Paar ein, eine magere Dame mit gelber Haut, kurzem Haar und überscharfen Zügen, und hinter ihr ein baumlanger Herr mit gepflegtem Äußeren, schwarzem Spitzbart und goldenem Zwicker.

»Frau und Herr Wachsmann-Stürm,« beeilte sich Reichling vorzustellen.

Der Herr setzte sich zu Benedikt und Reinhart, die Dame näherte sich dem Hausherrn: »Na, liebenswürdiger sind Sie seit acht Tagen nicht geworden, Rogger. Darf ich eine anstecken?«

»Wozu so viele Umstände, Frau Thekla?« grunzte Rogger, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. Sie setzte sich in seine Nähe und zündete eine Zigarette an. »Ist es wahr, daß Friedrich kommt?« fragte sie zwischen zwei Zügen.

»Er kann jeden Augenblick eintreten,« erwiderte Rogger.

Herr Wachsmann neigte sich zu Reinhart hinüber: »Ich darf wohl annehmen, daß Sie sich schon mit der Freigeldfrage befaßt haben? Wie niedrig würden Sie den Zinsfuß im ersten Stadium ansetzen?«

Reinhart mußte gestehen, daß ihm das Wort Freigeld noch nicht geläufig sei.

»Aber das ist doch die Kernfrage, verehrter Herr! Sehen Sie, die Sache ist ganz un–ge–heu–er einfach.« Und er begann in professoralem Tone seine Erklärungen.

Hans Rogger war mit seiner Arbeit fertig. Er schloß einen Schrank zu und griff nach einer Art Kuhglocke, die er hastig schüttelte. Auf das Zeichen trat ein kleiner, viereckiger Diener mit kurzer weißer Schürze herein und stellte Weinflaschen und Gläser auf den großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand.

»Und der Syrup für Herrn Kämpe und Frau Thekla?« knurrte Hans Rogger. Der Diener flog hinaus. Die Gäste setzten sich. Zögernd rückte auch Leonhard Kämpe auf seinem Schemel heran. Jeder suchte auf dem mit Büchern, Broschüren, Zeitungen, Briefen, Zigarrenkistchen, Streichholzschachteln, Aschenbechern schwer beladenen Tisch ein Plätzchen für sein Glas und versah sich ohne Umstände mit Rauchzeug.

»Mir ist solch ein Junggesellenhaushalt immer sympathisch,« schmunzelte die Dame, und wies lachend auf einen Weberknecht, der langbeinig und unentschlossen über eine Beige Zeitungen kletterte. »Wär' eine staubreine Hausfrau oder auch nur ein Zimmerzöfchen da, das Unglücksinsekt führte sein Dasein längst im Hades!« Sie blies ihren Rauch gegen den Weberknecht und ergriff ein Buch, um ihn damit zu zermalmen. Aber Leonhard Kämpe kam ihr zuvor.

»Tun Sie das nicht!« Er nahm das Tierchen sorgsam in die Hand, betrachtete es fast zärtlich zwischen zwei Fingern hindurch und wendete sich an Hans Rogger: »Ich bitte um das Leben des lieben Geschöpfchens.« Seine Stimme klang weich wie die eines jungen Mädchens. »Sehen Sie, dort oben auf dem Schrank, in den Zeitungsbündeln, ist eine herrliche Wohnstätte für Wesen solcher Art.«

Die Dame lachte hell auf. Herr Rogger sprach mit tiefem Ernst: »Ich lege das Schicksal dieses meines kostbarsten Haustieres in deine Hand.«

»Spottet nicht,« entgegnete Leonhard Kämpe sanft. »Jedes Leben ist ein Weltwunder und als solches heilig.« »Auch ein Menschenleben?« fragte Hans Rogger mit einem seltsamen Aufblitzen der Augen. Kämpe schwieg und trug den Weberknecht lächelnd von dannen, um ihn in den erspähten Schlupfwinkel zu entlassen.

»Eigentlich sind wir nicht beisammen, um einem Weberknecht das Leben zu retten, sondern um Friedrich zu feiern. Er läßt aber auf sich warten,« sprach Hans Rogger ärgerlich.

»Dostojewski ist unter der Knute regierungstreu geworden,« warf Reichling traurig ein, »Genosse Friedrich vielleicht in der Zelle.«

»Es ist jetzt alles möglich,« grollte Rogger. »Wißt ihr das Neueste: Genosse Wälli tritt in die Bundesverwaltung ein. Achttausend Gehalt.«

»Es gibt immer noch Ideale!« schwärmte Benedikt Reichling »Hoffen, hoffen, und über die Amphibienbälge weggehen.«

»Ideale? Ja, hinter deiner Brille vielleicht!«

»Und bei uns Frauen!« protestierte Frau Thekla und fuhr sich mit den Fingern durch das kurze steife Haar.

»Euer Ideal ist der Mann,« spottete Rogger und forderte sie mit seinem scharfen Auge heraus. Sie brauste auf: »Verwechseln Sie nicht Frauen und Weiber! Die Frau nimmt es mit eurem Durchschnitt immer auf! Die Frau, nicht das Weib!« Es klang eine bodenlose Verachtung des Weibes aus diesen Worten. Frau Thekla warf ihren glühenden Zigarettenstummel mitten auf den Tisch unter die Briefe und Zeitungen und überließ es Leonhard Kämpe, die Glut zu löschen. Hans Rogger platzte mit seiner grimmigen Lache heraus und leerte sein Glas auf einen Zug, was ihm Frau Thekla in all ihrer wilden Ungezwungenheit mit ihrem Syrup nachmachte, vielleicht unbewußt. Er sah ihr zu und sein graues Auge ging dann sieghaft um den Tisch.

Die Türe wurde ungestüm aufgestoßen und Faustulus, der Windhund, schob ein Mädchen von etwas verdächtiger Eleganz herein.

»Hier wird gekneipt und anderswo ... weiß der Teufel was,« rief der junge Mann, die Gesellschaft überblickend.

»Sie wissen, daß wir Zusammenkunft haben,« mahnte ihn Frau Thekla mit einem Blick auf die junge Dame.

»Soll ich sie draußen in Wind und Nebel stehen lassen?« erwiderte Faustulus keck. »Setz' dich nur dorthin, Tine!« Er führte sie zu dem Tischchen, an dem vorher Reinhart und Benedikt gesessen hatten.

»Sollten wir nicht das Pärchen allein lassen?« spitzelte Frau Thekla.

»Philister über dir!« rief Faustulus, »Ihr wollt die Welt umgestalten und steckt bis an die Nasenwurzel in Vorurteilen und altem Dreck! Ihr seid immer noch die Sklaven eurer Großväter und Großmütter, die Sklaven von Kirchhofstaub!« Das Wort schien ihm zu gefallen, und er lachte hell auf. »Aber ich merke was! Ihr wollt euch heute von einer neuen Bürste entstauben lassen?« Er blickte auf Reinhart.

»Ich scheine hier die Rolle des Eindringlings zu spielen,« sagte Reinhart zu Hans Rogger gewendet. »Erlauben Sie, daß ich der seltsamen Situation ein Ende bereite.« Er erhob sich.

»Ich erlaube das durchaus nicht!« rief Rogger. »Hat Sie Benedikt hergebracht, so wird er seine Gründe gehabt haben. Die sollten wir nun freilich kennen.«

Benedikt Reichling schob das Glas zwischen zwei Büchern hin und her und sagte endlich: »Herr Stapfer ist der Sohn eines Fabrikanten und Obersten, hat es aber in der Luft seines Vaterhauses nicht ausgehalten und ist jetzt mein Nachbar in dem Ihnen allen wohlbekannten Palast zur Hoffnung. Und in diesem Prunkhause macht er es sich, ich vermute im Hauptberuf, zur Aufgabe, den Leuten gegen ihren Willen Banknoten unter die Türe zu schieben. Ich glaubte, er sei tauglich für den Klub der Narren.« Er lächelte still, offenbar mit seiner Erklärung zufrieden.

»Sie sind der Sohn Ferdinand Stapfers?« fragte Rogger.

Reinhart nickte. Faustulus stieß ein hartes: »Knallprotzprolete« hervor, worauf sein Mädchen unbändig lachte, wohl ohne zu wissen, warum.

»Sind Sie eingeschrieben?« forschte wieder Hans Rogger. »Nein? Das müssen Sie unbedingt sein, wir alle müssen durch den nämlichen Kitt verbunden sein. Sie kennen die Bedeutung der Solidarität?«

»Die der Freiheit einstweilen noch besser.«

»Man muß sich entscheiden,« dozierte Hans Rogger. »Entweder Solidarität und Macht, oder Freiheit und Ohnmacht. Kannst dir's auch merken, Gustavlein, Schlingel!« rief er zu Faustulus hinüber.

Faustulus trat an den Tisch heran und stieß höhnisch hervor: »Ich kenne nachgerade euern Speck! Ich bin für Freiheit, ohne Grenzen, nicht nur einstweilen.« Er deutete mit seinem langen Zeigefinger auf Reinhart. »Ich beanspruche das Recht, alles auszuproben, zu lieben und zu hassen, zu bewundern und zu verachten, je nachdem. Da kann ich keine Schranken dulden, auch nicht die eurer Solidarität, eurer Schafhürde!«

»Und das arbeitende Volk?« hielt Benedikt Reichling ihm entgegen.

»Es hat ja Sie!« höhnte Faustulus. »Ich aber will nicht verkrüppeln um anderer willen. Oh, es geht etwas in der Jugend vor, aber Ihr merkt es nicht, Ihr Epidermismänner! Scherben seid Ihr, Scherben, aus denen man nicht einen ganzen Topf zusammenflicken könnte.«

Es entstand eine laute Stimmenverwirrung. Benedikt Reichling, Wachsmann und seine Frau Thekla waren aufgesprungen und redeten und sprudelten auf Faustulus ein. Hans Rogger zündete sich eine Zigarre an und betrachtete den Empörer von der Seite nicht ohne Wohlgefallen. Das Mädchen des Windhunds lachte wie toll und schlug sich mit den Händen auf die Knie. Sie hatte ein paar Goldplomben im Mund, die beim Lachen aufglänzten.

Auf einmal stand ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren in dem Brausekessel. Er hatte braunes welliges Haar und einen kurzgestutzten dunklen Schnurrbart. In den Händen drehte er eine Kappe aus gestreiftem, grauem Stoff.

»Ei, da ist ja Friedrich!« rief Hans Rogger freudig.

Man umringte den Ankömmling, drückte ihm die Hand, klopfte ihm auf die Schulter, beglückwünschte ihn. Benedikt Reichling flüsterte Reinhart ins Ohr: »Er ist zu den Manövern nicht eingerückt und hat nun ein paar Monate gebrummt. Prächtiger Mensch! Hab' ihn auf der Anklagebank gesehen!« Man setzte sich wieder und stieß auf Friedrich an.

»Abgekühlt, was?« fragte Wachsmann ironisch lächelnd.

Friedrich sah ihn lange an. Seine braunen Augen wurden groß und glänzten seltsam flackernd. Endlich sprach er: »Die Zelle war mir wie ein Feuerofen. Ich bin nun durchglüht. Und ich habe die Hoffnung. Im Grunde gehen neun Zehntel aller Menschen jetzt schon mit mir. Wer billigt in seiner Seele den Menschenmord? Die Idee ist allmächtig, wenn sie nur wahr und gut ist. Was können die armen kleinen Menschlein dagegen? Was ... wer ... ?« Er schwieg, er rang nach Worten und fand sie nicht. Er faßte sein Glas mit der breiten Arbeiterfaust so fest, daß er ihm den Fuß abdrückte und der Wein sich über einen Haufen Briefe ergoß. »Oh, wie ungeschickt ich bin,« klagte er fast stöhnend, »aber was ich empfinde ist wahr, ist ewig wahr!« Man mußte Mitleid mit dem unbeholfenen, stammelnden Schwärmergeist haben.

»Das Einzelopfer ist Unsinn!« erwog Wachsmann trocken. »Habt doch den Glauben an die Internationale! Sie wird den Massenmord ausrotten.«

»Wenn die Internationale es selber glaubte, aber sie glaubt es nicht,« behauptete Friedrich wehmütig.

Unterdessen war Leonhard Kämpe hart an den Tisch herangetreten und begann mit seiner hohen, körperlosen Stimme zu predigen: »All Euer Treiben ist Stückwerk. Ihr seht das Grundübel nicht, seid Blinde und wollt Führer sein. Die Menschheit hat den richtigen Weg vor etlichen tausend Jahren verfehlt und ist in eine Sackgasse gerannt. Diese Sackgasse heißt Staat. Ich leide unter dem Staat, Ihr leidet unter ihm, alle leiden wir unter ihm, es merken's nur nicht alle. Was hat der Staat geleistet? Kriege geführt, Blut vergossen, die Freiheit beschnitten, Kerker gebaut und Fesseln geschmiedet. Er muß zertrümmert, zerschlagen, zerstampft werden. Mein Gebet ist die freie Gemeinschaft der Menschen.«

Leonhard Kämpe blickte, während er sprach, in eine Ecke der Zimmerdecke. Mund und Stimme waren sanft, aus den Augen leuchtete ein fanatisches Feuer. Er hielt wie zur Sammlung inne.

»Könnten Sie mir Ihre freie Gemeinschaft schildern?« fragte Reinhart in seiner grünen Unwissenheit.

»Die Form wird sich finden, junger Mensch. Einstweilen will ich zerschmettern!« erklärte Kämpe, wieder sanft zu seiner Ecke emporschauend. »Indem ich zerstöre, bin ich schon am Aufbau, wie der Bauer, der die Erde mit der Pflugschar verwundet, an der Neubestellung des Feldes ist.« Kampes Gesicht nahm etwas Visionäres, seine Stimme einen süßen Schmelz an: »Schwer wird es sein, der Staat muß in Blut ertrinken, Hunderttausende, Millionen werden geopfert werden müssen, damit Milliarden und die Kinder dieser Milliarden einst glücklicher leben werden als wir.«

»Und der Weberknecht von vorhin?« warf Wachsmann spöttisch ein.

Leonhard Kämpe ließ sich nicht beirren: »Es wäre nutzlos gewesen, den Weberknecht zu töten, wem hätte der Mord genützt? Jedes Leben ist heilig. Das Menschenleben aber das allerheiligste und so allein fähig, die überirdisch hohe Menschheitssache zu erkaufen.«

In diesem Augenblick knallte ein Schuß im Zimmer. Alle sprangen auf. Kämpe fuhr fort zu reden, aber es hörte ihm niemand mehr zu. Faustulus hatte den Schuß abgefeuert. Er versicherte, es sei durch Zufall beim Spielen mit Roggers Zimmerrevolver geschehen, man sah es aber seinen schelmischen Augen an und merkte es am Auflachen seines Mädchens, daß er log. Die Kugel saß genau in der Ecke, in die Kämpe beim Reden geschaut hatte.

Frau Thekla drängte ihren Mann zum Aufbruch. Ihre Stimme zitterte. Auch Benedikt Reichling war unruhig geworden: »Verdammte Spielerei!«

Hans Rogger aber klopfte Faustulus auf die Schulter: »Ein feiner Schuß, Junge! Aber spare solche Treffer für später auf!«

Als Reichling und Reinhart die Treppengasse hinunterstiegen, gesellte sich Faustulus zu ihnen und rückte Reinhart nahe: »Wie haben Sie sich in dieses Museum verirrt? Sie sind doch ein junger Mensch!« Da Reinhart schwieg, fuhr er fort: »Ist die Botschaft vom Anspruch des Einzelnen noch nicht zu Ihnen gedrungen? Wo haben Sie denn bis jetzt gelebt oder geschlafen?«

»Ich bin jener Botschaft auch eine Zeitlang nachgejagt,« erwiderte Reinhart, »aber dann kam ich mir vor, wie der berühmte Hund auf seinem Bündel Heu.«

Der Windhund höhnte: »Sie schätzen sich wohl richtiger ein, als sie glauben, Herr Fabrikant.« Er bog mit seinem Mädchen in eine Seitengasse ab und verschwand lachend.

»Ein verfluchter Kerl,« brummte Reichling. »Seltsame Jugend! Aber was denken Sie von unserem Kämpe?«

»Ich liebe ihn wegen des Weberknechts,« entgegnete Reinhart. Benedikt kam in Begeisterung: »Haben Sie in sein Auge gesehen? Das ist Feuer und Eis in einem! Wenn ich ihn höre, wird mir heiß und kalt zugleich. Er hat in Deutschland an einem Arbeiterblatt gearbeitet. Da wurde ein Mensch des Mordes angeklagt und schwer verurteilt. Man witterte einen Justizmord. Kämpe nimmt sich des Menschen an und greift den Staatsanwalt auf das Heftigste an. Er wird selber eingeklagt und verknurrt, versteht sich. Darauf hat ihn sein Blatt ausgeschifft. Die geistigen Breimänner warfen die geistige Fackel in den Sumpf, daß sie erlösche. Jetzt ist er hier und hungert, wie ich,« fügte Reichling zögernd hinzu. Dann fing er an von seiner eigenen Tätigkeit an einem Knabeninstitut zu erzählen. »Ich habe nur wenige Stunden. Man wirft mir die Knochen vor, die die andern Hunde nicht abnagen mögen. Das Edelste, das es gibt, biete ich, die Gedanken der Griechen, und werde geringer geschätzt als ein Mann, der die Senkgruben leert. Und ich habe einst wie ein Backfisch davon geschwärmt, die Jugend aufheitern zu können! Ja, aufheitern! Nun, zu Haus hab' ich ein Weib, ein tapferes, fleißiges, geduldiges, starkes. Ich meine stark im Tragen und Entsagen, verstehen Sie! Sie näht Hemden und Schürzen für ein Geschäft. Die Schürzen zu fünfzig Rappen das Stück, die Hemden zu neunzig. Und den Faden muß sie noch selber liefern! Sie sollen sie kennen lernen, Sie sollen sie einmal sehen. Nicht heute. Sie würde ja erschrecken, denn wir empfangen sonst niemand. Man trägt im Verborgenen leichter. Wir Weltabgewandten nämlich. Drei Kinder hab' ich auch. Nun, eins kennen Sie ja, vom Friedhof her, Dortchen meine ich!«

So schwatzte Reichling drauflos. Der bei Rogger genossene Wein war ihm in die Zunge gerieselt. Es war nach elf Uhr, als die beiden ins Haus zur Hoffnung eintraten, vor seiner Stubentüre angelangt, bückte Reichling sich zum Schlüsselloch. »Sie hat natürlich noch Licht, wie unsinnig! Kommen Sie, Sie müssen ihr sagen, daß das einfach nicht geht, Ihnen glaubt sie es vielleicht eher. Man glaubt Fremden immer eher.«

Er öffnete die Türe und flüsterte in den Raum hinein: »Ich bringe Besuch, Auguste, erschrick nicht. Es ist der junge Nachbar, der Rattenfänger.«

Reinharts Blicke fielen auf eine kleine Frau, die weißen Nähstoff in der Hand hielt und mit unsichern Blicken nach dem Besucher suchte. Die Augen hatten rote Ränder.

Sie stammelte: »Ich habe wirklich ... wie kannst du nur, Benedikt? Entschuldigen Sie, Herr.«

»Nicht Sie müssen sich entschuldigen,« erwiderte Reinhart. Er wurde von Reichling unterbrochen: »Nicht so viele Umstände, Kinder! Setzen wir uns. Wir wollen noch ein wenig plaudern.« Er hatte überlaut gesprochen. In einem Bettchen, das in der Ecke stand, regte sich etwas. Benedikt flüsterte nun: »Das ist unser Jüngster, wieder unser Jüngster, ach ja! Bald dreijährig. Christoph heißt er, Kreuzträger, Sie verstehen, wie's gemeint ist!«

»Ein etwas kränkliches Kind,« erklärte die Mutter. »Es kommt so wenig Sonne in diese Wohnung, und zum Spazieren hat unsereins selten Zeit.«

»Geben Sie Ihren Kreuzträger hie und da mir,« bot sich Reinhart an, »ein Wägelchen werde ich schon nach stoßen können.«

Sie lächelte: »Das ganze Quartier würde Ihnen nachlaufen oder nachlachen.«

»Das lassen Sie meine Sorge sein!«

»Paßt er nicht in den Narrenklub?« lachte Benedikt. Die Frau sah ihren Mann mit Augen an, in denen es traurig und feucht und liebevoll zugleich schimmerte, dann fing sie wieder an ihrer Arbeit zu sticheln an.

»Laß es jetzt genug sein, Auguste, Kind,« bat der Mann. Sie schien das Wort nicht zu hören.

Da faßte Reinhart die Näharbeit an, um sie ihr sachte aus der Hand zu ziehen: »Seien Sie einen Augenblick mit uns Menschen, statt mit Ihrem Stoff.«

Sie wurde ganz verwirrt und so geschah es, daß sie Reinhart mit ihrer Nadel in die Hand stach. Ein Tropfen Blut fiel auf das Linnen. Sie erschrak noch mehr und bat Reinhart um Entschuldigung, während sie mit großen Augen auf den Bluttropfen blickte, der sich immer noch ausbreitete.

»Das muß man gleich auswaschen,« rief Benedikt und eilte fort.

»Halten Sie mich nicht vom Arbeiten ab, Herr Stapfer,« sagte die kleine Frau gedämpft, aber fest, fast zornig, »Was soll sonst aus ihm werden? Er ist so gut und findet so schwer seinen Weg in der Welt! Sie kennen ihn jetzt ja.«

»Sie werden von dem Geschäft ausgebeutet, das darf nicht so dauern!« In ihren Augen blitzte es auf und ihr Mund zuckte: »Machen Sie mich nicht verzagt und unzufrieden! Kränken Sie auch die Hoffnung in meinem Mann nicht! Er wie ich leben von der Hoffnung.« Wieder hefteten sich ihre Augen auf den Blutfleck und schienen ihn aufsaugen zu wollen. Benedikt erschien mit einem Becken voll Wasser.

Reinhart verabschiedete sich gedrückt. Er schämte sich vor dieser kleinen Frau und ihrem Elend. Der seltsame Blick, den sie ihm entgegengeworfen, verfolgte ihn. »War es Entschlossenheit oder Angst oder Verzweiflung? Wie sie das Blut mit den Blicken verschlang!«

Lange verfolgte der Blutfleck Reinhart. Er kam ihm wie der Vorbote eines Unheils vor, das schon auf dem Wege war.

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