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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
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Viertes Kapitel

Das Hundertseelenhaus

Reinhart saß brütend in seinem Zimmerchen. Er konnte sich nicht entschließen, sich niederzulegen. Vor ihm brannte eine Petroleumlampe mit zerbrochenem Milchglas und öligem Fuß. Er ergriff die Lampe und beleuchtete die Wände und Ecken. »Diese ekelhafte Tapete!« Was alles hatte vor ihm in diesem Zimmer gehaust, Menschen und Ungeziefer, und an den Tapeten seine Spuren hinterlassen.

Die Türe zu Joseph Schmärzis Zimmer war nur angelehnt, damit Reinhart es höre, wenn der Kranke seiner bedürfe. Joseph war unruhig, das Fieber warf ihn bald auf die eine, bald auf die andere Seite, und bei jeder Wendung knarrte die Bettstatt wie in Schmerzen. Reinhart griff nach einem Buch, er hatte schon lange nichts mehr gelesen. Aber die Augen glitten ohne Haft über die Zeilen hin, die neue Welt, in die er eingetreten war, erregte seine Neugier. Und er lauschte auf das Leben dieser Welt. Es war ein großes Doppelhaus mit einem Dutzend oder mehr Wohnungen. Über den zwei Eingängen standen in verwaschener Schrift die erhabenen Worte: »Zum Friedhof« und »Zur Hoffnung«. Im Hause nebenan war eine Bierwirtschaft eingerichtet, das Gröhlen und Lachen der letzten Gäste rollte zu Reinhart hinauf, durch die Nachtstille vergröbert.

Das Miethaus war, wie alle seinesgleichen, sehr leicht gebaut. Kein Geräusch erlosch in den dünnen Mauern. Jetzt klappte eine Türe, jetzt wurde ein Fenster zugeschmettert, ein anderes aufgerissen, schwere Tritte stapften über einen Boden, Schuhe oder Stiefel wurden irgendwo hingeschmissen, ein betrunkener Mieter fand sich in seiner Kammer nicht zurecht und begann mit seiner Frau zu schimpfen, die ihm nichts schuldig blieb. Irgendwo, fernher, wie aus der Unterwelt, klang von Zeit zu Zeit ein rauhes Husten, dem Joseph Schmärzi fast jedesmal antwortete, wie um dem andern zu sagen: »Auch ich, Bruder.« Ganz in der Nähe quälte sich jetzt ein kurzes, dumpfes Stöhnen heraus, gleichsam zwischen den Zähnen plattgepreßt. Seltsam, fast tierisch. Nach einigen Minuten wiederholte es sich. Reinhart horchte. Es mußte von jenseits des Ganges kommen. Wurde jemand erdrosselt? Es blieb lange still, wohl eine Viertelstunde. Dann aber brach es wieder los, diesmal in die Länge gezogen, angstvoll, erschütternd. Es schien durch das ganze Haus zu dringen. Und jetzt wieder, wie von einer letzten Todesnot herausgeschrien, Hilfe flehend. Es mußte jemand sich im Sterben winden. Eine Türe ging, Schritte tappten rasch vorüber. Der Schrei drang ihnen nach und ging in klägliches Stöhnen und Wimmern über, um sich am Schluß zu einem zerreißenden Oh zu erheben. Auch Joseph Schmärzi war jetzt wach und fragte, was los sei.

»Ich fürchte, es stirbt jemand.«

Reinhart war zu Joseph hinüber gegangen. Er meinte, ihn beruhigen zu müssen. »Regen Sie sich nicht auf, ich glaube, man ist nach dem Arzt gelaufen.«

Wieder erbebte das Haus. Man fühlte am Ton, wie er sich durch die Kehle zwängte und sie fast zersprengte, mit den Zähnen um den Durchpaß kämpfte, die Lippen wild aufwarf und den Leib erschütterte.

»Das reißt einem die Seele aus der Brust!« flüsterte Reinhart.

Joseph Schmärzi lachte: »So neu sind Sie noch? Da wird nicht gestorben, da wird geboren.«

»Geboren?« wiederholte Reinhart und der Gedanke durchzuckte ihn: »Hat deine Mutter auch einmal so an dir gelitten?«

»Sie kennen das also?« fragte er laut.

»Man ist nicht umsonst in einem Arbeiterhaus aufgewachsen.«

Reinhart kam sich wie ein Kind vor und ging wieder in sein Zimmer hinüber. Aber zu Bette mochte er sich auch jetzt noch nicht legen. Er war wie im Fieber. Der Gedanke an die gute Mutter Ulrike verfolgte ihn, und an Küngold, die arme. Er trat ans Fenster und schaute zum Friedhof hinüber. Am Morgen wollte er die Stelle suchen, wo die Asche der Mutter bestattet war. Aber er riß sich von dem Gedanken los. Die Not ist mit den Lebenden, nicht mit den Toten.

Im Hause war es lebendiger geworden. Man hörte reden, ächzen, auch fluchen, wenn die Geburtswehen die Wände gar zu sehr durchzitterten. Unter Reinharts Zimmer klang es ganz vernehmlich: »Kreuzsakerment, da soll einer schlafen!«

»Kann man fluchen, wenn ein neues Leben in die Welt tritt?« fragte Reinhart ins andere Zimmer hinüber. Joseph Schmärzi gab keine Antwort.

Auf dem Gang wurden wieder Schritte hörbar, wohl die der Hebamme oder eines Arztes. Reinhart schlug sein Buch wieder auf und hielt sich die Ohren mit den Zeigefingern zu. »Man muß auch so arbeiten können,« redete er sich ein. Das Stöhnen und Wimmern über dem Gang wuchs und drang auch durch verstopfte Ohren. Gegen zwei Uhr erreichte es seinen Höhepunkt, um nach einem letzten Schrei ganz zu verstummen.

»So, nun Glück auf den Weg,« sagte Joseph mit seiner seltsam weichen Stimme.

Auf dem Gang wurde es nach einer Weile wieder lebendig. Man hörte an eine Türe pochen, erst leise, dann vernehmlicher.

»Ich bin's. Ich – – – ich habe eine Bitte. Kommen Sie schnell heraus, auf einen Augenblick. Meine Frau hat – – – Kommen Sie, ja?«

»Das ist wirklich eine ruhsame Nacht,« keifte es. Reinhart erkannte die scharfe kalte Stimme der Hausmeisterin.

»Wir haben ein Mädchen bekommen, Frau Küderli.«

»Mädchen oder Bub', man hätt's am Morgen noch früh genug erfahren.«

»Ja, ja, freilich, aber – – –, aber – – –«

»Natürlich wieder nichts vorhanden! Kennt man! Kennt man!«

»Nein, schließen Sie sich nicht wieder ein, bitte, Frau Küderli, bitte!«

Im Hintergrund erhob es sich tief knurrend: »Nichts als Unmus hat man mit der Bagage! Er soll erst den Mietzins bezahlen!« Das war offenbar der Hausmeister.

»Nein, bitte, haben Sie ein Einsehen.«

Eine neue Stimme gesellte sich zu den andern, eine ruhige, tiefe Frauenstimme: »Es ist gar nichts vorhanden. Nur etwas Leinwand für das Geschöpflein brauche ich vorläufig. Man ist doch unter Christen.« Das mußte die Hebamme gesprochen haben. Reinhart schämte sich. Er griff aus dem Koffer, der offen aber unausgepackt mitten im Zimmer stand, eines seiner Hemden heraus und eilte damit auf den Gang, wo er große Verwunderung hervorrief. Unter einer Türe, in einen faltigen, geblümten Morgenrock gehüllt, stand die massige Gestalt der Hausmeisterin in Abwehrstellung, bedrohlich, wie zum Schlagen oder Kratzen bereit. Vor ihr in schüchterner Haltung ein Mann von etwa vierzig Jahren mit einer mächtigen Glatze und großen runden Brillengläsern. Neben ihm die Hebamme, eine untersetzte Frau mit roten Wangen und starken, bloßgelegten Armen.

Die Hebamme begriff Reinharts Absicht sofort: »Darf ich das zertrennen? So geben Sie her! Es gibt, scheint's, immer noch Menschen.«

Die Hausmeisterin hatte sich hinter ihre Kammertüre verschanzt, man hörte den Riegel knarren. Die Hebamme eilte an Reinhart vorüber und verschwand hinter einer andern Türe. So standen sich Reinhart und der Brillenmann allein gegenüber, beide verlegen. Reinhart fand zuerst ein Wort: »Sie sind eben Vater geworden. Ich wünsche Ihnen und dem Neugeborenen Glück.« Der andere stotterte: »Es ist ein Mädchen, ein Mädchen! Je nun! Ja, ja, Glück! Dank, vielen Dank, man könnt's ja brauchen. Ich meine das Kindlein. Sie sind wohl erst gestern eingezogen? Ich heiße, beiläufig gesagt, Benedikt Reichling.«

Reinhart nannte auch seinen Namen und griff ohne Überlegung seine Geldtasche heraus.

»Was wollen Sie, Herr?« stotterte Benedikt Reichling wie bestürzt. Reinhart fühlte gleich, daß er in seinem Eifer taktlos gehandelt hatte und entschuldigte sich: »Ich meine es als Angebinde für das Neugeborene. Sie schenken ihm in der ersten Lebensstunde ihre Liebe, ich kann nur dieses kalte Scheibchen anbieten. Nehmen Sie's, ich wurde ganz erschüttert, als ich seinen Eintritt ins Leben hörte. Nehmen Sie's, vielleicht bringt es Glück.«

»Vielleicht bringt es Glück! Sie meinen? Ja, ja, einmal muß doch ein Menschenkind glücklich werden, warum nicht das meine?«

Reinhart schob ihm das Goldstück in die Hand, die weder zugriff noch abwehrte.

»Tun Sie mir den Gefallen. Für das Kindlein, Sie verstehen,« bat Reinhart.

Da sagte der andere ein seltsames Wort, das Reinhart wie mit einem warmen Glück übergoß: »Ich seh's, Sie schenken mit einem Stück Metall auch ein Stück Herz, und so darf ich's ohne Kränkung nehmen.«

Sie reichten sich die Hand und trennten sich rasch.

Reinhart horchte in das Nebenzimmerchen. Joseph Schmärzi schlummerte wieder. Da entkleidete auch er sich und legte sich zu Bette. Schlafen konnte er nicht. Das Hundertseelenhaus war nun still, nur von jenseits des Flurs, aus dem Geburtszimmer, vernahm man dann und wann einen gedämpften Laut, den verschwommenen Umriß eines Wortes, einer sich äußernden Elternfreude.

Reinhart brannte. In was für ein Elend hatte er eben einen Blick getan! Muß denn das Elend sein? Man hat schon so vieles aus der Welt geschafft, die Sklaverei, die Hexenprozesse, die Leibeigenschaft, die Folter, man wird bald allerorten die Todesstrafe abschaffen, kann man denn nicht auch das Elend aus der Welt stoßen? Christus ist neunzehnhundert Jahre zu früh gekommen, er hätte in einem Hundertseelenhaus zur Welt kommen sollen, nicht als Sohn eines Zimmermanns, sondern eines Fabriklers, da hätte er noch ganz anders geglüht, da hätte er die Welt ganz anders ausgeglüht.

Reinhart dachte an das Geschöpfchen, das drüben in dem Linnen seines Hemdes lag und das in seiner ersten Lebensstunde Anlaß zu einem so häßlichen Auftritt gegeben hatte. Durch wieviel Schmerz wird es waten müssen, bis es nur so alt sein wird wie er, Reinhart. Aber dann sah er den Mann mit der großen verträumten Brille, deren Gläser an den Mond und sein rätselhaftes, unwirkliches Schauen erinnerten, und er hörte sein Wort: »Einmal muß doch ein Menschenkind glücklich werden.« Ja, der Mann hatte, was Reinhart suchte: den Glauben an ein schönes Morgen. Er mußte ihn näher kennen lernen. Es war ein großer Glücksfall, daß er gerade in der scheußlichsten aller Kasernen ein Zimmerchen gefunden hatte. »Heute noch löse ich mein Sparheft ein, ich will kein Krösus unter Elenden sein,« nahm er sich vor.

Joseph Schmärzi hatte einen Hustenanfall und erwachte. Reinhart ging zu ihm hinüber, setzte sich auf den Bettrand und entwickelte ihm seinen Gedanken, Christus hätte in einer Mietkaserne zur Welt kommen sollen. Joseph hörte aufmerksam zu. Dann: »Ist auch schon etwas Großes in einer Mietkaserne geboren worden? Sagen Sie mir das? Ist die Mietkaserne nicht, wie soll ich sagen, eine Brechmühle, die das Korn zerquetscht?«

Der Tag brach an. Das Hundertseelenhaus erwachte unter Ächzen, Schimpfen und Gepolter.

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