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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Der Geist in der Nacht

Das Flußtal, durch das die Straße taumelte, füllte sich allmählich mit Nebel. Die Sterne gingen aus der Welt, nur der Mond vermochte dann und wann zwischen Nebelbergen durchzudringen. Ganz verschwommen war er, aber es ging doch ein Wille nach Tapferkeit von ihm aus. Reinhart beschloß, die Nacht durchzuwandern, wie der Kämpfer über ihm.

Nach Mitternacht wurde der Nebel dichter, aller Glanz von oben verschwand, die Feuchtigkeit drang kalt durch die Kleider, Reinhart schritt rascher aus. Vor ihm tauchte im Nebel ein dunkler Fleck auf, ein wandelnder, schwankender Schatten. Jetzt trat er mißtrauisch an den Straßenrand, um Reinhart vorbeizulassen.

»Gute Nacht oder guten Morgen,« grüßte Reinhart.

»Gute Schuhsohlen wären mir jetzt das liebste,« hüstelte es ihm klanglos entgegen.

»Ich habe selber nur zwei,« entgegnete Reinhart, der meinte, einen Schalk vor sich zu haben.

»Jeder für sich, nicht wahr?« lachte der andere gezwungen. »Man weiß wirklich nicht, wozu der heilige Martin gelebt hat.«

»Einen Mantel kann man zur Not teilen, Schuhsohlen nicht.«

»Wer besitzt, hat immer einen Vorwand, nicht zu teilen,« lachte der andere. »Ich glaube fast, Besitz muß sein, damit die Menschen ihren Witz nicht verlieren.«

»Vielleicht hat sie der Besitz um den Witz betrogen.«

»Oho, tönt es so aus Ihnen?« klang der Schatten abwägend. »Sind Sie auf der Walze?«

»Immer. Immer auf der Irrfahrt. Gehen wir zusammen?«

Der Schatten hustete krampfhaft, spuckte in den Straßengraben und schritt dann an Reinharts Seite dahin. Die Straße begann zu steigen. Der Fremde hustete wieder und klagte: »Der Nebel setzt sich mir auf die Brust. Laufen Sie nur zu.«

»Sind Sie leidend?«

»Wär's nur der Husten!« Er stand still und stieß heraus: »Könnt ich doch der ganzen Welt ins Gesicht spucken.«

»Aber fangen Sie lieber nicht bei mir an,« scherzte Reinhart.

»Man weiß nie, wo man anfängt. Sehen Sie, Walzbruder, ich bin der friedfertigste Kerl und habe doch gestern abend gestochen. Erschrecken Sie nicht, wenn mich plötzlich die Polizei am Ärmel faßt. Gehen Sie lieber Ihrer Wege. Ich verkrieche mich da im Walde. Ich bin müde, ich laufe schon seit acht Stunden.«

Er verließ die Straße, Reinhart folgte ihm. Sie setzten sich auf den Waldboden und lehnten die Rücken an zwei benachbarte Stämme. Der Fremde schlief augenblicklich ein. Reinhart beschloß, bei ihm zu wachen. Das Geheimnis, das er mit sich trug und bereit schien, auf den ersten besten wie eine lästige Bürde abzuladen, zog ihn an. Es mochten zwei Stunden verflossen sein, als der Schläfer jäh emporfuhr. »Was ist das?« schrie er. Die Flamme des Streichholzes, mit dem sich Reinhart eine Zigarre angesteckt, hatte ihn aufgeweckt.

»Aha, Sie sind's. Ich bin froh, daß Sie bei mir geblieben sind!« Er rückte näher an Reinhart heran und stöhnte: »Es ist ein verfluchtes Leben!«

»Warum haben Sie gestochen?« fragte Reinhart.

»Dreckige Geschichte! Mögen Sie's wissen! Ich bin der Josef Schmärzi. Sie werden den Namen vielleicht morgen in den Käseblättern lesen. Ich stehe in Schwarzbach in Arbeit. Sie werden auch schon von dem Fabriknest gehört haben. Schlimmste Sorte. Baumwolle! Ich habe eine Schwester. Kein übles Ding. Sie hat dem Sohn des Fabrikherrn in die Augen gestochen. Er ist ein junger Lümmel, ein-, zweiundzwanzig, etwas jünger als ich. Vorgestern mittag bei Arbeitsschluß hat er ihr aufgepaßt: Sie solle um zwei Uhr auf sein Kontor kommen. Sie geht. Sie ahnt ja nichts. Sie ist achtzehn. Er ist ein hübscher Lausbub. Er hat es fertig gebracht. Nachher drückte er ihr einen Franken in die Hand, das heißt gerade so viel, als sie wegen Verspätung gebüßt wurde. Großartig, nicht? Erst nachher ist dem dummen Kind alles aufgerochen, die große Ehre, ha! Sie hat zum Erbarmen geheult. Mein Alter hat sich einen Rausch angesoffen, um nichts Gewalttätiges zu unternehmen. Ich aber bin gestern während der Arbeitszeit aufs Kontor gegangen und habe mit ihm abgerechnet. Seither laufe ich. So!«

Reinhart starrte in die Nacht hinaus. Was für ein fratzenhaftes Antlitz sie hatte. Sie neigte sich zwischen den Baumkronen herein und grinste ihm ins Gesicht. Er streckte die Arme aus und drückte die Hand seines Gefährten. Der begann wieder zu reden: »Ich bin gewiß kein Raufbold und Messerstecher, aber dann und wann meint man, man habe einen Kessel in der Brust und ein Feuer darunter. Warum lebt man nur? Sagen Sie, warum lebt man denn?«

»Ich habe schon Stunden gehabt,« suchte ihn Reinhart zu trösten, »da ich den Weltuntergang wünschte. Ich stellte mir vor, ein großer Stern breche aus den andern hervor wie ein rasender Stier aus der Herde, und zerstoße und zerstampfe alles. Er stürze sich gegen unsere Erde, reiße Jupiter, Mars und alle ihre Monde im Vorbeisausen mit sich und die gewaltigen Kugeln schnaubten auf uns zu und in die Sonne, und ein paar Augenblicke später sei alles ein formloser Brei, all unser Leid und Weh und Elend, unsere Schmerzen, unsere Verzweiflung und Ohnmacht tot, tot, tot, alles erlöst, alle Menschenarmseligkeit abgetan, alles Friede, das Weltziel erreicht. Aber dann erwischte mich wieder etwas anderes an einem Seelenzipfel. Ich sah, wie schön die Welt ist und ich pries den Augenblick, der mir zum Anschauen unseres Paradieses geschenkt wurde.«

»Ich war im Irrtum,« versetzte Schmärzi tonlos, »Sie sind nicht aus meiner Schicht, Herr!«

»Ach, was ist Schicht und Stufe unter Menschen, unter aller Kreatur, wenn man ins Große schaut!«

»Wir leiden aber unter Schicht und Stufe, wir!« stieß Josef Schmärzi klagend hervor. »Fragen Sie meine Schwester! Kommen Sie einmal nach Schwarzbach und beten Sie dieses Paradies an! Nach unten freilich gibt es keine Stufe mehr, wir sind ja stumpfe Tiere geworden an unseren Baumwollstühlen, aber nach oben! Tun Sie einen Blick in unsere Stuben und Kammern und dann gehen Sie hinauf in die Villa des Fabrikherrn. Oder nein, gehen Sie nur in seine Stallungen. Er betreibt nämlich auch Landwirtschaft und züchtet Rassenvieh. Die Fabriksäle sind alt und niedrig, die Ställe luftig und heiter. Die Kühe sauber, die Arbeiter dreckig. Die Kühe gesund und fett, wir bleich, blutleer und versoffen. Denn man säuft, wenn man nicht mehr denken kann oder will. Unsere Väter sind Bauernsöhne gewesen, sie haben andere Schultern und ein anderes Gestell als wir, sie haben wenigstens noch Knochen! Zwar sind sie gebückt und haben farbige Nasen, aber sie sind doch noch Kerle verglichen mit uns. Schauen Sie uns an! Im Stall wird die Rasse verbessert, in den Arbeiterhäusern wird sie verludert.«

Er hatte diese harten Anklagen ganz weich, fast kindlich sanft gesprochen. Jetzt hustete er wieder.

»Da sehen Sie. Ich glaub' fast, meine Brust ist kaputt!«

»Warum lauft Ihr denn in die Fabrik? Alles rennt ihr zu, und dabei haben Pflug und Sense keine Hände und das Handwerk verlottert im ganzen Land!«

»Bald gesagt! Ich wollte davon los. Ich hatte die Sekundärschule besucht und begehrte Tischler zu werden. Der in der Villa roch Lunte. Er ließ den Vater kommen und sagte ihm: ›Entweder alle oder keiner‹. Was wollte der Alte machen? Im Streit fortgehen? Arbeit in einer andern Fabrik für die ganze Haushaltung suchen? Man hat ja kein Mark mehr, wenn man sich fünfunddreißig Jahre am Stuhl gelangweilt und in der freien Zeit gesoffen hat. Ja, es wäre vielleicht gut, wenn so ein großer Stern ausbrechen würde, wie ein wilder Stier. Das hat mir gefallen, Herr! Und doch hofft man immer wieder, wenn man die Führer hört. Das Blatt muß sich einmal wenden. Es fühlt doch ein jeder, daß Gerechtigkeit etwas Gutes ist, also muß doch Gerechtigkeit einmal kommen. Nicht?«

»Sie muß einmal kommen!« bestätigte Reinhart. »Behalten Sie Ihren Glauben an das Reich der Gerechtigkeit!«

»Ach ja, Sie haben gut reden.«

»Ich rede nicht nur, ich will handeln, ich komme zu euch.«

Joseph Schmärzi antwortete zögernd und trocken: »So, so!«

»Sie trauen mir nicht?« fragte Reinhart.

»Herr und Arbeiter, das versteht sich so wenig wie Mensch und Tier.«

»Man muß sich aber verstehen lernen. Machen wir den Anfang, wir zwei. Ich vermute bei euch einen Glauben, drum bin ich unterwegs. Geben Sie mir die Hand.«

Der andere rührte sich nicht. Endlich erhob er sich und sagte: »Es ist kalt, ich schlottere, ich muß marschieren, um warm zu werden. Leben Sie wohl.«

»Ich lasse mich nicht so abschütteln,« erwiderte Reinhart. »Wir gehen noch ein Stück zusammen. Wohin wollen Sie denn?«

»Ich denke ins Zuchthaus.«

»Dahin kommt man immer früh genug!«

Die beiden erreichten die Landstraße wieder und schritten gemächlich und ohne viel zu reden weiter. Allmählich ermunterte sich der Tag. Im ersten Dorfe zog Reinhart den Gefährten in ein Gasthaus, das breit und behäbig auf einen Kreuzweg schaute. Während der Kaffee zubereitet wurde, musterte Reinhart im Morgenlicht den Begleiter. Er war schmächtig und hohlwangig, sein Kopfhaar hellblond und sein Auge mild wie das eines Rehs. Er atmete durch den Mund, der dadurch einen leidenden, harten Zug angenommen hatte. Seine Hand war blutig. »Was ist das?« fragte Reinhart.

»Das kommt vom Messer, es ist doch zugeschnappt.«

»Als Sie stachen?« Reinhart lachte. »Dann hat Ihr Stich dem andern nicht viel geschadet.«

»Meinen Sie?«

»Selbstverständlich! Ein zuklappendes Messer tötet nicht. Und nun trinken Sie Ihren Kaffee. Nachher nehmen wir den Zug und fahren in die Stadt. Dort findet sich leicht Unterkunft und Arbeit.«

Der warme Kaffee und die beruhigenden Worte hatten Joseph Schmärzi den Mut wiedergegeben. Er vertraute nun Reinhart wie ein gezähmtes Tierchen.

In der Stadt begaben sich die beiden gleich ins Arbeiterquartier. Während Joseph Schmärzi müde in einer Wirtschaft sitzen blieb, ging Reinhart auf die Suche nach Wohnräumen. Er war nicht sehr wählerisch. Er mietete zwei Zimmerchen draußen am Rand des Häusergewirrs, in der Nähe eines großen Friedhofes, wo irgendwo die Asche seiner Mutter lag. Er wollte Joseph Schmärzi zu sich nehmen und für ihn sorgen, bis er sich selber durchbringen konnte. Joseph fieberte und legte sich gleich zu Bett. Reinhart empfahl ihn der Hausmeisterin, einer beleibten, hart dreinblickenden Geschäftsfrau. Dann eilte er zu Onkel Melchior.

Er mußte lange vor der Türe warten. Endlich wurde drinnen der Schlüssel gedreht und die Türe sacht aufgeschoben. In der Ritze erschien das gute Gesicht der Tante Bethli. Die kleine Frau fand vor Erstaunen fast die Stimme nicht. Sie zog Reinhart in den Gang. »Lebst du noch? Um Himmelswillen, wo warst du nur all die Zeit? Wir hatten so schwer!«

»Wo ist Küngold?« fragte er, statt eine Antwort zu geben.

»Komm! Komm!« Und dann flüsterte sie: »Es ist schrecklich. Sie jammert immer. Sie meint, sie sei an allem schuld.«

Sie traten in das Stübchen. In einer Ecke saß Küngold und schaute starr durchs Fenster. Sie rührte sich sogar nicht, als Reinhart einen Stuhl zu ihr rückte und sich neben sie setzte. Er ergriff ihre Hand: »Schau mich doch an, Küngold. Kennst du mich denn nicht mehr?«

Sie wandte sich langsam zu ihm: »Ach, ich kenne dich wohl. Gelt, du bist ein Lump geworden und man hat dich eingesteckt.« Sie lächelte traurig: »Das macht nichts, ich bin ja auch eingesteckt, und erst die Mutter! Die hat man in den Sarg eingesteckt, das ist noch viel enger. Und ich habe sie eingenagelt.« Sie brach in Schluchzen aus. Reinhart nahm das gebrochene Kind in die Arme und suchte es zu trösten. Als es ruhiger geworden war, flüsterte es ihm zu: »Die Großmutter ist auch im Kirchgrab, aber das hab' ich nicht verbrochen.«

Reinhart warf einen fragenden Blick auf Tante Bethli. Sie bestätigte Küngolds Aussage: »Ja, sie ist vor acht Tagen begraben worden. Sie soll in der letzten Stunde dreimal nach dir gefragt haben. Sie hat noch schwer gelitten und war doch so alt.«

Reinhart sprang auf. Er preßte Küngolds Hand unbewußt so hart, daß sich ihr Gesicht schmerzlich verzog und eilte hinaus. Auf dem Gang wandte er sich nochmals an Bethli: »War mein Vater nie da?« Sie berichtete, er sei einmal gekommen und mit Küngold sehr lieb gewesen, aber sie sei plötzlich in furchtbare Aufregung geraten und habe Miene gemacht, sich durchs Fenster zu werfen. Seither habe er sich nicht mehr blicken lassen.

Reinhart ging nach der ›Seewarte‹. Das Mädchen, das ihm aufschloß, sah ihn ebenso entgeistert an, wie vorher Tante Bethli. Er erfuhr von ihm, daß Ferdinand auf einer Reise sei, worüber er froh war. Was hätte er ihm gesagt?

Er stieg in seine Stube hinauf und raffte, was ihm notwendig und lieb war, zusammen: Bücher, Radierungen, Kleider. In der Schublade fand er sein Sparheft, am gleichen Platz, wo er es gelassen. Man schien während seiner Abwesenheit in seinem Zimmer kein Fetzchen angeblasen zu haben. Auf dem Tischchen lag ein Häufchen uneröffneter Briefe, darunter einer von der alten, unbeholfenen Hand der Großmutter. Es waren nur wenige, mühsam gekritzelte Worte: »Ich weiß nicht, bist du hier oder dort. Bist du dort, so sehen wir uns bald. Bist du hier, so hilf, wo du kannst. Ich kann dir nichts Besseres sagen, ich bin so elend im Kopf. Deine ablebende Großmutter Annabab.«

Zu unterst lag ein Billett von Jutta. Es war an dem Tage geschrieben worden, da er in Aarwald als Störenfried erschienen war. Die Worte waren mit Bleistift hingeworfen:

»Dear friend!« Du hast eine niedliche Verwirrung angerichtet! Komm in nächster Zeit nicht wieder hierher, wir müssen das Alte verrauchen lassen. Kannst du denn nicht ein bißchen diplomatisch werden, mir zulieb? Weißt du übrigens, daß ich heute 21 geworden bin? Das ist ja fast eine dreistellige Zahl! Deine ›alte‹ Jutta.«

Er legte den Brief zu allen andern in den Koffer. Auf einmal sickerten ihm die Tränen aus den Augen. Könnte er mit Imma wandern gehen! Die würde nicht sagen: »Sei diplomatisch.« Aber er konnte seine Würfel nicht ein zweites Mal ausschütten. Er setzte sich hin und warf an Jutta seine ganze neu gewandelte Seele hin. Als er zu Ende war und die Seiten noch einmal durchflog, fröstelte ihn. »Wozu?« stieß er hervor und zerriß die Blätter in kleine Fetzen.

Die Türe des Vaterhauses schlug hinter ihm zu. Er ging davon, ohne sich umzusehen.

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