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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8650c915
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Zweites Kapitel

Imma

Es waren silberne Herbsttage voller Sonnenschein und Nebelduft, voll von reifender Frucht und verglühendem Laub. Es schien Reinhart, das sei die rechte Jahreszeit für das Haus Avera. Er wurde von seinem stillen Zauber ganz gebannt. Es war eine unwirkliche Welt, jede Farbe gedämpft oder erloschen, und er selber fast körperlos darin. Nur in seine Nachtträume spielten Glanz und Windesrauschen und Menschenweh, aus dem Gegensatz zu der matten, leidlosen Tageswelt geboren. Am Morgen schlenderte er auf dem Wiesenpfad zum Fluß hinab, streckte sich unter den Weiden aus und träumte seinen Tagtraum. Er verbannte Juttas Bild, das Leichenantlitz der Mutter, und die Gespenstergestalt des Vaters und trieb alles Vergangene in die Versunkenheit, die Erinnerung in eine Sackgasse, wo sie lauern mochte. Ohne sein Sinnen in deutliche Gedanken zu fassen, staunte er über das stündlich sich erneuernde Wunder der Welt und des Lebens, über sein Auge, sein Ohr, den rätselhaften Punkt in seinem Innern, der begabt war, die Gottesheiligkeit zu empfinden und zu fassen, ja, der ihm das eigentliche Weltwunder war. Es war ein unbewußtes Anbeten der Schöpfung und seiner selbst. Der Weidenstrunk, gegen den sich sein Fuß stützte, die Grashalme, die seine Hand umschmeichelten, die Bienen am Honigquell einer Blume, das Wolkenhaupt über dem Berg und Zeno, der Hund, der sich etwa zu ihm fand, waren ihm verwandt, Bruder und Schwester. Manchmal stand der Strom plötzlich still, wie erstarrt, und was sonst fest war, die Bäume am Ufer und Schatten, glitten dahin, talaufwärts, und Reinhart mit ihnen. »So ist alles unsicher, Ruhe Bewegung und Bewegung Ruhe, vielleicht Tod Leben und Leben Tod, und nur eines gewiß, der wunderbare Punkt in der Brust oder im Gehirn. Nichtig ist alles, dieses eine ausgenommen! Und auch das möchte Enzio noch aufgeben, auflösen! Was bleibt dann noch? Dann hat man freilich das Nichts erreicht, dann ist man erlöst.«

Hier konnte Reinhart Enzio nicht folgen. Er staunte das Wunder, das er selber darstellte, mit großen Augen an und freute sich, wenn er mit einem Ruck den Fluß wieder in Bewegung setzen und die Uferbäume festbannen konnte, allmächtig wie Gott selber.

Dann wieder faßte er sich wirklicher an und stellte sich in die unausrottbaren Fragen des Was? Woher? Wohin? Wozu? von fernher zitterten die Klänge der Harfe auf und ab, oder gradaus und sehnsüchtig ins Weite. So entschwebten die Tage.

Einmal, als Reinhart sich einer solchen Träumerei entwand, fühlte er jemand in der Nähe. Etwa fünfzig Schritt von ihm flußaufwärts ließ sich Enzio nieder, hart am Ufer. Er setzte sich auf die untergeschlagenen Beine, legte die Hände schlaff auf die Knie und hob den Blick hinauf ins leere Blau. Er verhielt sich ganz unbeweglich und nahm etwas Versteinertes an. Wie ein Stück lebloser Natur, ein Felsblock, ein Baumstrunk, ein Häuflein Sand war er da, ganz in die Natur aufgenommen. Das sah sich so ruhevoll an, so abgelöst von allem Erdenjammer und aller Erdenlust, daß Reinhart sich in die Welt des Versunkenen wünschte. Es war ihm, es gehe von Enzio ein Einfluß auf ihn über, ein Locken und Ziehen in die Traumwelt, und unwillkürlich hob auch er den Blick ins Leere. Die Zeit entschwand ihm allmählich, er empfand, daß man auch ohne sie auskam. Der Raum wurde zu einer Fläche, die Farben erloschen und er selber zerfloß. Sein ganzes Empfinden war nur nach ein gelblicher Dunstkreis, in dem sich alles aufgelöst hatte: Leidlos, freudlos, begehrlos, so war ihm zu Mut. Als er erwachte, stand Enzio vor ihm und sagte: »Ist es nicht selig, der Welt Wirrnis zu entfliehen? Sind Sie jetzt nicht heiter?«

Reinhart sann seinem Zustand nach und erwiderte: »Ich bin eher traurig. Darf sich der Mensch so verlieren?«

»Ist es seiner würdiger, sich in der Jagd nach Geld zu verlieren und dabei schlecht zu werden? Haben Sie noch nie erfahren, daß auf der Geldjagd ein Mensch erbärmlich wird und verarmt?«

»Ist es nicht Sünde, sein Selbst, das einzige, was man besitzt, preiszugeben?«

Enzio Kraus lächelte. »Bei Euch dreht sich alles um die Sünde. Die soll gemieden werden. Aber werdet Ihr glücklich und heiter dabei? Vermeidung des Leidens sucht der Morgenländer und hat besser gewählt. Wissen Sie, wie mir heut zumute war? Wie einem Manne, der auf einem Wagen fährt und gleichmütig in die ewig kreisenden Speichen der Räder blickt, über den Dingen und ihrer Not schwebend, ohne Gewicht, ohne Anteil an der Straße und dem sinnlosen Rädergetrieb, über dem gemeinen Staub und dem harten Pochen der Hufe. Über der armen Menschen Weh, die sich mühselig des Weges schleppen, durch kein Band mit ihnen verbunden, als durch den Wunsch, es möchte ihnen so leicht sein wie mir.«

»Und es kam Ihnen nicht zu Sinn, die Armen auf Ihr leichtes Gefährt zu laden?«

»Es hat ein jeder genug an sich selber zu schaffen. Ohne Haß und Feindschaft zu leben, ist schon viel, muß genug sein für uns schwache Menschen.«

Reinhart schwieg. Das seltsame Gemisch von Güte und Selbstsucht verwirrte ihn. Aber das süße Versinken aus der Welt, aus dem Weh um die Mutter und Jutta und Küngold, verlockte ihn von da an täglich, wie andre im Wein, im Haschisch im Opium Vergessen zu suchen. Er wurde sich ganz Selbstzweck, von seinem Leid sprach er Enzio nicht, er wußte, daß er von ihm keine stärkende Teilnahme zu erwarten hatte. Man lernte im Haus Avera sich in sich selber einrollen.

Die Damen sah Reinhart nur bei den Mahlzeiten. Frau Uchte auch dann nicht immer, denn sie war öfter leidend und klagte über Asthma und Müdigkeit. Imma bemerkte er zuweilen an Nachmittagen im Garten. Sie lag in einer Hängematte und spielte mit einer großen zahmen Ringelnatter, die sich ihr wie ein schwerer Schmuck um die Arme und um den Hals schlang und sich an der zierlichen Gestalt seltsam genug ausnahm.

Einmal fragte er sie: »Das Tier ist Ihr Freund?«

»Es ist so kühl und hat so falsche Augen, ohne falsch zu sein. So gefällt mir die Welt.«

»Mich dünkt, Sie leben nicht in der Welt, sondern in ihrem Widerschein.«

»Lebe ich denn?« gab sie zurück. »Und sie, worin leben Sie?«

»In einem Glauben, so möchte ich wenigstens. Im Glauben an das hohe Leben.«

»Ist das Glaube oder Aberglaube? Ich kann das nie auseinanderhalten. Zwischen Glaube und Aberglaube gibt es bei mir keinen Zaun. Ist das nicht schön? Ich bin damit zufrieden, ich finde es köstlich.«

»Glückliches Kind!« sagte er.

»Bin ich denn glücklich?« forschte sie. Er schwieg.

Klas ging wie immer auf stillen Pantoffeln durchs Haus. Aber es schien eine Veränderung mit ihm vorzugehen. Zuerst hatte er Reinhart zuvorkommend, wenn auch gemessen, wie es zum Ton des Hauses gehörte, bedient, ihm Kleider und Wäsche verschafft, ihm den Stuhl in den Garten gestellt oder im Schatten eine Decke ausgebreitet, jetzt beachtete er ihn kaum mehr, oder dann schoß er stechende, mißtrauische Blicke nach ihm. Dann konnte der schwarze Riese ganz unheimlich aussehen, wenn er Imma auf eine Frage antwortete, klang und vibrierte seine Stimme wie die tiefe Geigensaite.

An einem Morgen, als Enzio und Reinhart im Gespräch am Flusse saßen, kam er eiliger den Weg herunter, als es seine und des Hauses Gewohnheit war. Er stellte sich vor Enzio hin und sah ihn stumm an.

»Was ist geschehen?« forschte der Herr.

»Ein Unglück,« gab Klas zurück. »Sie ist eben verschieden.«

»Wer?«

»Die Herrin.«

Enzio sah den Diener einen Augenblick starr an. dann erhob er sich und sagte bedächtig, wie immer: »So laßt uns zu ihr gehen.«

Als sie ins Haus traten, kam ihnen Imma fassungslos entgegen und warf sich dem Vater an die Brust. Er löste ihre kleinen Hände sanft von seinem Hals: »Der Verständige trauert nicht, weder um Lebende noch um Tote.« Damit ging er ins Totenzimmer. Sie schluchzte: »Ich bin doch nicht verständig!« und warf sich an Reinharts Hals, leidenschaftlich wie in einem Flug, nur, um sich in ihrem Leid an eine fühlende Brust anzuschließen. Reinhart fand den Mut nicht, sie abzuwehren. Er begriff auf einmal das Weh dieses jungen, von der Welt abgesperrten vergewaltigten Menschenkindes. Er meinte, ihr Herz pochen und schluchzen zu hören und fühlte ihre Tränen auf seiner Wange. Er suchte sie zu trösten, versprach ihr Beistand, und fuhr ihr wie einem kleinen Kinde mit der Hand lind über die schwarzen, weichen Haare. Eine große Trauer erfaßte ihn, die, wie ihm schien, wie ein Quell von seiner Brust in die des Mädchens überströmte, und dem dafür ein anderer Quell entgegendrängte, ein Quell von Dankbarkeit oder Rührung. Auf einmal wurde ihm Imma entrissen, mit einem heftigen Ruck. Sie war in den Armen des Dieners, der sie einen Augenblick wie ein reißendes Tier umklammert hielt und dann sorgsam wie eine feine Glasschale auf den Boden stellte. »Das schickt sich nicht in diesem Haus!« knirschte er Reinhart an.

»Sie sind ein Unhold!« warf ihm Reinhart hin, worauf Klas sich wie ein Tiger, der sich zum Sprunge rüstet, zusammenzog. Plötzlich aber kam ihm die Besinnung, und er ging gebeugt und schlaff davon.

In Enzio brachte der Tod seiner Frau keine Veränderung hervor, weder in seinen Zügen noch in seiner Lebensweise. Von der Toten sprach er nicht, nur einmal entglitten ihm die Worte: »Ich hoffe, sie hat die Ruhe gefunden, sie hat nach den drei ›Da‹ gelebt.«

»Die drei ›Da‹, die hier in jedem Zimmer in Gold hängen?« wagte Reinhart durch den sachlichen Ton des Witwers ermutigt, zu fragen.

»Die goldene Regel,« bestätigte Enzio: »Dâmyata, datta, dayadhvam, bezwingt euch, gebt, seid gütig.«

»Was heißt: ›Liebet einander‹ in dieser Sprache?« fragte Reinhart.

»Lieben? Das ist zu schwer. Schaut nur, wie ihr's betreibt, ihr Europäer!« gab ihm Enzio zur Antwort und hüllte sich in Schweigen.

Am Abend fragte ihn Reinhart: »Darf ich die Tote sehen?«

»Sie sollen sie sehen,« gab Enzio zurück. »Man darf es nie unterlassen, einen Vollendeten zu schauen. Man soll aber dabei nicht in Klagen ausbrechen, sondern sich freuen, denn jeder ist glücklich zu preisen, der von der Tat und dem Blendwerk des Weltwesens genesen ist.«

Es war finster, als Reinhart in das Totenzimmer trat, er fühlte gleich, daß etwas Lebendiges darin sein mußte, er glaubte das Schleichen der Ringelnatter zu hören. Und wirklich kroch sie heran, umschlang ihm den Unterschenkel und wand sich an ihm empor. Es grauste ihm, obgleich er die Harmlosigkeit des Tieres wohl kannte, und er tastete nach dem elektrischen Schalter, den er neben der Türe vermutete. Als das Licht aufleuchtete, fiel sein Blick auf ein seltsames Schauspiel. Mitten im Zimmer lag die Leiche und daneben am Boden Imma, schlafend oder ohnmächtig, in einem weißen, seidenen Nachtkleid. Das Erstaunlichste aber war Frau Uchte. Sie war vom Kopf bis zum Fuß ein wunderbares Gefunkel und Geflimmer von Diamanten, Rubinen, Smaragden, von Gold-, Platin- und Silbergeschmeide. Offenbar hatte Imma die Schmucktruhe der Mutter geöffnet und mit ihrem Inhalt die Tote geschmückt. Aus diesem irdischen Glanz heraus schaute das bleiche, kleingewordene Gesicht der Toten lächelnd empor, als wollte sie sagen: »Freut euch am Erdenflitter, so lange euer Auge ungebrochen ist.«

Von der Toten gingen Reinharts Blicke zu Imma. Sie war ohne Schmuck, sie hatte ihre Kleinodien wohl auch zur Mutter gelegt, nur am kleinen Finger der linken Hand funkelte ein großer Diamant, den sie immer trug. Ihre Füße waren nackt und so zierlich wie die Hände, ihr Gesicht matt und bleich, sie mußte viel geweint haben an diesem Tage, was wollte sie da? Totenwache halten? Und war vor Erschöpfung entschlummert?

Reinhart wollte gehen, seine Augen gehörten nicht hierher. Indem er sich zur Türe wandte, stieß er auf Klas. Der Diener mochte ihm nachgeschlichen sein und starrte nun wie verzückt auf Imma. Reinhart schien er gar nicht zu beachten. Nun trat er vor und kniete neben der jungen Herrin nieder, zur Anbetung. Die Natter kroch heran und legte ihren Kopf auf Immas Hals, der wenig dicker war, als der ihre. Klas packte das Tier, wie von Zorn erfaßt, und schleuderte es in eine Ecke. Imma erwachte und blickte erstaunt um sich. Klas schlug ihr mit seiner dunkeln Stimme vor, sie in ihr Zimmer zu tragen.

Sie widersetzte sich, sie wolle bei der Mutter wachen, sagte sie.

»Sie werden krank, ich trage Sie,« bettelte Klas.

»Soll ich getragen werden, so soll mich Herr Stapfer tragen.«

Nun erst sah Klas nach Reinhart hin, mit einem Blick, als ginge es auf Tod und Leben. Reinhart war unschlüssig.

»Wollen Sie nicht?« klagte Imma, die Augen zu Reinhart gewendet. Da beugte er sich zu ihr hinab. Seine Augen waren denen des Dieners zum Brennen nah. Klas wich keinen Zoll zurück und Reinhart zog Imma unter seinen Blicken und seinem Atem hervor. Als er sie in ihr Zimmer trug, war er stolz, sie einem Raubtier entrissen zu haben. Sie bat ihn, sich während der Nacht vor ihre Türe zu legen. Die Angst sprach aus ihren Worten. Er tat ihr den Willen. Früh am Morgen, als er erwachte, stand Klas verschmitzt lächelnd über ihm.

»Machen Sie sich keine Hoffnung,« raunte der Diener, »sie hat kein Herz.«

Dann ging er rückwärts weg, als erwarte er einen Überfall.

Frau Uchte wurde an jenem Tage begraben. Enzio ging nicht mit der Leiche. Er hatte sich keine Stunde aus seinem gewohnten Leben reißen lassen, was mit seiner Tochter geschah, schien er entweder nicht zu sehen, oder dann war es ihm gleichgültig. Klas und Reinhart beobachteten einander von da an argwöhnisch, wie Tierbändiger und Raubtier im Zwinger. Imma ließ sich fast nie sehen. Man hörte sie traurige Weisen auf der Harfe spielen und zuweilen singen, ein Klagelied, ein Lied der Sehnsucht oder der Liebe, man erriet es nie.

Einst lag Reinhart im Garten und kraute Zeno, den Hund, hinter den Ohren, als Imma auf ihn zukam, »Warum tun Sie das?« fragte sie.

»Es ist ein gutes Tier, ich liebe es.«

»Sie lieben es? Was heißt das?«

»Das ist schwer zu sagen.«

»Mein Vater sagt: Kein Feuer wie die Liebe.«

»Es gibt heiliges und unheiliges Feuer.«

»Und die Liebe zu einem Hunde?«

»Ist immer heilig,« glaube ich.

»Also hängt es an – dem, der liebt, und nicht an dem, der geliebt wird?«

Er nickte.

»Also ist, wer einen Hund lieben kann, zu rechter Liebe imstande?«

Er nickte wieder.

»Ich will Ihnen etwas sagen: Meine Mutter hat, so glaube ich, nie geliebt, und mein Vater hat sich die Liebe abgewöhnt. Ist das nicht seltsam?«

»Und Sie?«

»Ich möchte nicht sein wie die Mutter, und möchte auch nicht sein, wie der Vater, ich möchte sein wie Sie.«

Er lachte wehmütig: »Ich bin ein gequälter Mensch, der sich zu retten sucht.«

»Vor was?«

»Vor der Welt, oder einem tückischen Geist.«

»Ist das auch rechte Liebe?« fragte sie sinnend und ohne Arg.

Er verstummte.

Sie setzte sich neben ihn ins Gras. »Sie leiden, ich leide, der Vater allein leidet nicht mehr. Die Mutter ging und man weiß nicht, hat er es gemerkt oder nicht. Ist das gut?«

»Er ist ein Weiser, er hat alles von sich getan.«

»Ja, alles. Ich glaube, ich habe ihn geliebt. Und auch das hat er überwunden. Ich möchte ihn lieben, ich möchte alle lieben. Ich habe die Mutter geliebt, ich will nun auch den Zeno lieben, weil Sie ihn lieben, und ich möchte auch Klas lieben, aber er macht es mir schwer. Er ist zum Fürchten!«

»Und die Schlange?«

»Sie ist so kühl. Kann man auch kühle Dinge lieben? Einen Stein, einen Baum, einen Bach? Sie denken ›Ja‹, ich sehe es Ihnen an. Gut, ich will auch kalte Dinge lieben, so stark ich kann.«

»Sie sind eine Christin,« sagte er.

»Sagen Sie damit etwas Gutes oder etwas Böses?«

Er zögerte und sprach dann langsam: »Wenn ein Lump eine Fahne trägt, soll man nicht gleich sagen, es sei eine Lumpenfahne.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

Er schwieg. Sie streichelte Zeno, der neben ihr lag, und summte: »Tat tvam asi.«

Von da an suchte sie Reinhart oft auf, wenn er allein war. Es hatte sie eine Gier erfaßt, die Welt zu verstehen. Sie war als zwölfjähriges Kind aus dem Osten ins Abendland gekommen, nun zählte sie achtzehn.

Einmal stieß Enzio zu den beiden. Er schickte Imma unter einem durchsichtigen Vorwand weg und begann zu Reinhart: »Ich nehme an, Sie seien nicht als Freier in mein Haus gekommen.«

»Keineswegs. Ich leide an einer alten Liebe,« erwiderte Reinhart betroffen.

»Sie dürfen nicht empfindlich sein, ich wollte Sie nicht abweisen, sondern warnen. Diese Mischung ist nicht gut. Ich habe es zu spät erkannt, wie alles. Andere Europäer führen ihre eingeborenen Frauen und Kinder vor der Heimkehr in den Busch, und das ist vielleicht gut. Es erspart Leiden. Meine Frau ist mit weniger als vierzig Jahren gestorben und war fast eine Greisin. Daran sehen Sie den Unterschied zwischen ihrer Rasse und der unsern. Imma ist jetzt noch frisch. So war ihre Mutter in diesem Alter, ein Entzücken für unkluge Augen. Aber in wenig Jahren wird Imma, das Kind, verändert sein. Auch im Geist. Sie nachtwandelt, das ist kein gutes Vorzeichen.«

»Es nachtwandeln viele,« entgegnete Reinhart, der meinte, Immas Partei ergreifen zu sollen.

»Ja, ja, und vielleicht nachtwandeln wir alle,« bog Enzio aus. »Das viele Plaudern mit Imma hat Sie abgelenkt, Sie versenken sich nicht mehr. Da sehen Sie die Gefahr, die vom Weibe kommt.«

»Ich bin wieder unsicher geworden,« gestand Reinhart.

»Es drängt Sie wieder ins alte Leben zurück?«

»Nein, in ein neues, das ich aber hier nicht finden kann.«

»Seltsam, Sie wollten sich selber finden und scheuen nun die Gelegenheit dazu. Oh, Einsamkeit, süße! Zeit der Sammlung und der Andacht, Zeit, da wir uns selber finden und verlieren können, Zeit der guten Gedanken und tiefen Entschlüsse, Stunden des Schauens nach Innen und der Erlösung von tagelangem, wochenlangem Gieren nach außen. Die Toren fürchten dich. Aber sie fürchten nur ihre eigene Leere, ihre eigene Dürre, die häßlichen Gedanken, die gegen ihren Willen aus ihrer Tiefe steigen. Und weil sie ihre Öde nicht ertragen, fliehen sie vor sich selber, sie fliehen ins Geschäft, zur Arbeit, ins Rasseln, der Räder, sie fliehen zu andern Menschen, zu Schwätzern, zu Messinginstrumenten, sie flüchten sich ins Wirtshaus, zu Karten, in Versammlungen und Vorträge, zum Sport. ins Theater, ins Konzert, in den Tingeltangel, zu den Weibern. Und nennen das leben, sich ausleben! Sie sind Goldgräber, die täglich über den Ort schreiten, wo der Schatz liegt, und denen die Ahnung fehlt, die ihnen zuflüstert: »Hier stehet still, hier gehet in die Tiefe, in eurem Schatten ist alles.«

Er hatte eifriger gesprochen als sonst und fuhr noch eindringlicher weiter: »Jeder von uns ist ein Teilchen Gottes und soll gottähnlich leben. Gott hat sich nach der Tat zur Ruhe gesetzt, er ist die Ruhe, die Unrast ist sein Widerpart: das Leiden.«

»Nein,« rief Reinhart, »Gott ist die Tat! Er wirkt und schafft sekundlich! Er erzeugt sich selber neu an jedem Welttag, in jedem Blatt, in jeder Blume, in jedem Regentropfen, in jeder Schneeflocke, in jeder Menschenseele und in jedem Gedanken. Kann es seine Absicht sein, daß wir schon mitten im Leben sterben? Ich habe mich gesucht in diesen Wochen in Ihrem gastlichen Hause mit Ernst und Eifer, ich habe in mir selber nach dem Schatz gegraben, ich habe mich in mich selber verbohrt. Da hat mir ihre Tochter die Frage gestellt: ob Eigenliebe auch Liebe sei. Das hat mir die Augen aufgerissen.«

»Immer die Liebe, das heißt die Begierde, nie die Ruhe! Ist das so schwer einzusehen?«

»Immer die Flucht vor dem Schmerz. Ist denn im Leiden nicht jeder gewachsen, von Christus bis zu der Wettertanne, die oben am Berghang dem Sturme trotzt? Das Leiden ist kein nagender Wurm am Leben, wie Sie meinen, sondern eine Leiter zur Kraft.«

Enzio erhob sich: »Das Leiden ist dem tiefsten Weltgrund zuwider.«

»Dennoch!« behauptete sich Reinhart.

»Lassen wir's! Das ist kein froher Tag. Ich meinte in Ihnen einen Weggefährten gefunden zu haben, nun haben Sie von meiner Straße abgebogen. Auch gut! Es muß sich jeder selber erlösen.«

»Ich werde gehen.«

»Nein, so ist es nicht gemeint. Bleiben Sie, wenn Sie können, um Immas willen. Sie ist der Einsamkeit nicht gewachsen und wird mich stören, wenn wir zwei aufeinander angewiesen sind. Aber wehen Sie sie kühl an! Das ist meine Bitte.«

»Armes Kind und verarmter Vater!« stieß Reinhart hart hervor.

»Verarmt? Ich bin immer noch zu reich. Ich habe immer noch etwas zu sorgen, etwas zu verlieren.« Er erhob sich und ging der Dämmerung entgegen, die sich schwer vom Flußufer her heranwälzte.

Reinhart wollte ins Haus treten. Da war Imma an seiner Seite, faßte ihn bei der Hand und zog ihn mit sich in die Ecke des Gartens, wo die Haselnußstauden standen.

»Ich habe zugehört,« flüsterte sie, »dort hinter dem Flieder. Oh, bleiben Sie! Mein Vater hat Sie doch gebeten! Wie soll ich allein leben in diesem Hause? Ich fürchte mich vor Klas, aber der Vater sieht seine Augen nicht. Er will ja die eigenen nicht brauchen.«

Sie legte ihre schlanken Arme um Reinharts Hals und stellte sich auf die Zehen, um mit ihrer Brust der seinen nahe zu sein. Er fühlte, wie die Glut ihrer Augen zu ihm hinauflohte. Sie flüsterte: »Warum hat mich der Vater nicht in den Busch gestoßen? Könnte ich elender und einsamer sein als hier? Ich hungere nicht mit dem Leib, ich hungere sonst. Und ich dürste. Ich möchte an Lippen trinken, aus Augen, aus zwei guten Augen. Ist es nicht schamlos, was ich sage? Aber warum sollte ich mich schämen vor dir, der du in mein Leben geschaut und die Schrecken dieser Einsamkeit erkannt hast? Wenn du gehst, so nimm mich mit, und wenn du mich nicht mitnehmen willst, so bleib oder stoße mich in den Fluß. Ich bin nicht für Vaters Einsamkeit, ich bin für die Menschen geschaffen. Ich bin ein kleines Plappermaul und möchte schwatzen, ich bin eine leichtsinnige Närrin und möchte einmal lachen, ich weiß nicht, wann ich zum letztenmal gelacht habe, ich bin, wie du gesagt hast, eine dumme Christin und möchte lieben. Alle, und dich zuerst.«

Er merkte eine Bewegung in ihren Armen und dann eine Berührung an seinen Lippen. Sie hatte sich an seinen Mund gehoben und küßte ihn lang, als wollte sie seine Seele aus ihm saugen. Er ließ sie gewähren. Ihre Berührung war so rein, ihre Seele so kindlich. Ihr Kuß erinnerte ihn an den ersten, den er empfangen, von Paulas Lippen, im Garten der ›Seewarte‹. Als sich Imma von seinen Lippen gleiten ließ, wurde ihm weh: »Es darf nicht mehr sein,« sagte er, »ich schände das Gastrecht dieses Hauses.«

»Was tust denn du?« erwiderte sie, »du bist die Blume und ich das Immchen, das sie besucht. Sei gut wie eine Blume, daß ich Honig trinke, laß mich einen Augenblick glücklich sein.«

Wieder hob sie sich an seine Lippen, und er wehrte ihr wieder nicht.

Aber er dachte: »Ich muß weg, ich muß.«

Es war, als hätte sie seine Gedanken eingesogen. Sie ließ sich fallen und begann zu weinen: »Geh nicht! Heut' war ich zum erstenmal ein Mensch, laß mich ein Mensch bleiben, du hast mich ja dazu gemacht. Du hast eine Geliebte, ich habe es gehört. Würde sie böse, wenn sie mich sähe? Würde sie neidisch sein? Ich will ihr doch nichts nehmen, deine Lippen sind so reich, ich meine, die ganze Welt könnte sich daran den Durst löschen. Sag, wird die Blume schlechter, wenn die Biene zu ihr kommt, wird sie ärmer? Sag!«

»Sie wird reicher,« dachte er, aber er schwieg.

Wieder küßte sie ihn und flüsterte dazwischen: »Sei gesegnet!«

Er löste ihre Arme von sich und sie traten ins Haus. Imma griff zur Harfe und spielte etwas Fremdartiges, Süßes, Reinhart Unverständliches. Aber die Weise und die einschmeichelnden Laute träumten ihn ein, ihm schien; in eine Wolke aus bläulichem Dunst. Imma sah er kaum mehr. Er dachte an Jutta, die helle, die kluge, die Abendländerin und Zeitgemäße.

Enzio trat ein. Er hörte eine kurze Weile zu und zog dann Imma das Instrument sanft aus der Hand. Sie ging schmollend hinaus. Reinhart trat vor Enzio hin: »Sie quälen Ihre Tochter zu Tode, Sie wohlmeinender!«

»Kann ich ihr das Leben wünschen? Was steht der Armen bevor? Liebe und Verführung und Leiden. Sie ist jedem Windzug offen wie ein Haus, dem noch Türen und Fenster fehlen.«

»So behüten Sie sie!« rief Reinhart.

»Behüten? Ich weiß, was das heißt! Ich bin doch in der Welt gewesen. Oh, diese Welt! Ich sehne mich nach dem Tag, da ich nichts mehr zu verlieren habe.«

»Sind Sie nur ein Arzt für sich?« zürnte Reinhart.

»Ja, nur für mich. Der Mensch kann die Kraft der Erlösung nur für sich allein finden. Alles andere ist Wahn.«

»Aber wenn er die Erlösung nur findet, indem er nichts mehr kennt als sich selber, an anderer Menschen Schicksal, selbst an dem seiner Kinder keinen Anteil mehr nimmt, ist es da nicht besser, er bleibe unerlöst, ein Streiter und Irrender, aber auch ein Helfer und Freund. So glüht er doch! So ist er doch lebendig! Der Gletscher muß sich selbst auflösen, sich im ewigen Selbstopfer selber verneinen, um ein Bach, ein Landessegen zu werden! Das ist jetzt mein Menschheitsglaube. Dem reichen Osten die Beschaulichkeit, dem kargen Europa die Tat! Und in die Tat muß auch ich.«

»Der Tatenmensch ist immer der Schuld und dem Schlamm verfallen. Der Schauende bleibt rein.«

»Aber auch wirkungslos! Er ist ein Halm, ein Baum, er ist eine Pflanze, von ihm spricht keine Tragödie und keine Geschichte.«

»Wohl ihm!«

»Sie sind Erasmus, Sie lieben den Frieden mehr als das Kreuz.«

»Ich bin für die Kreuzabnahme, nicht für die Kreuzigung!«

»Das meinen Sie! Aber Sie schlagen Ihre Tochter ans Kreuz!« schrie Reinhart. Die heftige Stimme klang unheimlich in dem stillen Haus.

»Sie sind im Haus Avera, das heißt ›Nichtzorn‹,« wies ihn Enzio zurecht.

»Ich will aber einmal zürnen und wettern in diesem verfluchten Haus Avera!« schrie Reinhart wieder. Er schlug auf den Tisch und stampfte auf den Boden, er stieß einen Stuhl gegen die Wand, nur um zu lärmen und seinem Groll Luft zu machen. Imma erschien unter der Türe des Nebenzimmers und sah ihn groß an. Ihre Augen leuchteten. Plötzlich brach sie in ein Lachen aus, ein helles, lautes Kinderlachen, das noch zerbrechender klang, als Reinharts Wutgeschnaube. Enzio zog sich still zurück. Imma trat auf Reinhart zu und legte ihm die Arme um den Hals: »Wir haben ihn traurig gemacht. Wir wollen's gut machen. Wir wollen drei Tage lang nicht sprechen, das liebt er am meisten.«

Reinhart trat in sein Zimmer. Er war entschlossen, folgenden Tags zu gehen und verlangte nach seinen Wanderkleidern, die ihm der Diener eilfertig und mit frohen Augen brachte.

In der Nacht konnte Reinhart nicht schlafen. Der Mond schien ins Zimmer und durchglänzte es ganz. Reinhart setzte sich in Gedanken mit Enzio auseinander. Die kalte Selbstsucht des Alten, der sich für einen Weisen hielt, empörte ihn. Er fühlte es: sein eigener Weg durfte nicht an den Menschen vorüber, er mußte zu ihnen hin leiten. Sein Leben durfte nicht im Traum vergehen, es mußte in der Tat täglich neu werden, er durfte sich nicht selber zum Gott und Weltzweck machen, er durfte das Kreuz nicht fliehen, er mußte ihm entgegensuchen. Das war ihm klar geworden im Haus Avera.

Wie er so sann und focht, trat Imma vor seinen Geist. Ihm war, sie winke ihm, sie flehe ihn an, sie aus dem Haus Avera wegzuführen. »Das muß deine erste Tat sein,« raunte sie ihm zu. Immer deutlicher fühlte er sie. »Sie sinnt an dich, sie zieht dich, sie will Gewalt über dich haben.«

Reinhart war gar nicht erstaunt, als sich lautlos seine Türe öffnete und Imma hereintrat. Sie war in weißem Hemd. Die Seide rauschte leise, sie schob die Türe wieder ins Schloß und trat ans Fenster. Der Mond schien hell auf sie. Ihre Augen waren weit geöffnet, ihr Blick starr, die Wimpern zuckten nie. Sie streckte die Hände und die bis zu den Ellbogen bloßen Arme aus dem offenen Fenster und badete sich im Mondlicht. Sie kehrte sich um und kehrte Reinhart die wunderbare, fast kindliche Brust zu. Er wollte ihr rufen. Aber sie würde ja beim Erwachen vor Scham vergehen. Sie kam auf ihn zu, neigte sich über ihn und legte ihm die Lippen auf den Mund, lang, ohne Druck. Er hätte aufschreien oder sie in die Arme fassen mögen. Da richtete sie sich langsam wieder auf und verschwand aus dem Zimmer, wie ein Geist, kaum hörbar. Bald nachher hörte Reinhart auf dem Flur schleichende Schritte. Hatte Klas gewacht und Imma belauert?

Als er am Morgen in seinen alten Kleidern ins Erdgeschoß hinunter stieg, wo das Eßzimmer lag, stieß er auf den Diener, der ihn finster ansah. Kein Zweifel, er wußte, was vorgefallen war. Im Eßzimmer war Imma. Sie stieß einen kleinen Schrei aus. »Sie wollen gehen? Sie Eigensinniger und Grausamer!« Sie brach in Tränen aus. Sie war so klein und traurig, daß er den Mut nicht fand, hart zu sein. »Ich bleibe noch einen Tag oder zwei,« stammelte er. Sie faßte seine Rechte in ihre beiden Hände und dankte ihm wie für das Leben oder die Seligkeit.

»Ich habe heut' nacht von Ihnen geträumt,« flüsterte sie, »ich habe Sie geküßt, aber Sie hatten ganz kalte Lippen und waren streng.«

»Sie schlafen gefährlich, hüten Sie sich!«

»Ich habe ganz still und selig geträumt. So muß es im Himmel sein.«

Am Abend war Reinhart in großer Unruhe. Er war überzeugt, daß Imma wiederkommen würde, denn die Nacht war wie die letzte, ganz von Glanz durchwoben. Er hatte die Türe verriegeln wollen, aber der Riegel war nicht zu bewegen, weil er durch die Ölfarbe festgehalten wurde, die der Maler unordentlich über das ganze Schloß gestrichen hatte. Er stellte als Ersatz für den Riegel den Tisch vor die Türe und warf sich angekleidet auf das Bett. Es ging gegen Mitternacht. Auf dem Flur war ein Schlarfen zu hören, ein Hantieren dicht vor der Türe, ein Kratzen oder Bohren. Dann nach einer Pause etwas wie ein Fallen und ein kurzes Stöhnen. Darauf Stille.

»Das war Klas, der Spion,« dachte Reinhart und horchte in die Ruhe, er wußte nicht wie lange, wieder knarrte eine Türe ganz leise, hinten im Flur, wo Immas Zimmer lag. Reinhart sprang auf, er wollte sie wecken, warnen. Kein Zweifel, Klas war in der Nähe und hatte etwas vor, er wollte sie bloßstellen oder ihr etwas antun, vor der Türe entstand ein Geräusch, das sich Reinhart nicht erklären konnte. Er schob den Tisch weg und öffnete behutsam die Türe. Durch die schmale Ritze, die er sich schuf, sah er etwas Dunkles hin- und herbaumeln. Dahinter war Imma. Sie trat bis zur Berührung an das Dunkle heran, als wollte sie es durchdringen. Dadurch versetzte sie es in Schwingung. Reinhart riß die Türe ganz auf und das Licht seiner Decklampe fiel auf Klas, der sich am Türpfosten erhängt hatte. Imma wachte auf. Sie sah sich erstaunt um, faßte Klas hastig, wie um Gewißheit zu haben, an und stieß einen gellenden Schrei aus. Mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen floh sie durch den Gang nach ihrem Zimmer. Das war alles in wenigen Augenblicken geschehen. Reinhart griff nach Klas' Hand. Sie war noch warm. »Ein Messer! Ein Messer!« schrie er besinnungslos, als hätte er nicht selber eines besessen. Enzio kam aus seinem Schlafzimmer, und zog, herantretend, eine Schere, wie man deren zum Reinigen der Nägel verwendet, aus der Tasche seines Schlafrockes, »Halten Sie ihn etwas empor!« befahl er Reinhart, Dann schnitt oder würgte er die Schnur über Klas' Kopf durch. Beide zusammen legten den Diener auf den Rücken nieder und Enzio begann, Wiederbelebungsversuche anzustellen, indem er mit den Armen des Bewußtlosen kräftige Bewegungen ausführte. Nach kaum einer Viertelstunde tat Klas einen tiefen Seufzer und bald danach öffnete er die Augen.

»Holen Sie Wasser,« gebot Enzio. Reinhart holte die Karaffe in seinem Zimmer, und Enzio entleerte ihren Inhalt mit kräftigen Güssen über Kopf, Hals und Brust des Dieners.

»Sie werden das nicht wieder tun, Klas,« sprach Enzio ganz ruhig. Klas schwieg, er war wohl noch betäubt und verstand nicht.

»Sie werden das nicht wieder tun,« wiederholte Enzio eindringlicher. Der Diener wollte etwas sagen, wahrscheinlich ein »Nein«, aber er brachte die Stimme nicht hervor und gähnte nur furchtbar. Er sah in diesem Augenblick ungeheuer komisch aus.

Enzio und Reinhart trugen ihn in sein Zimmerchen, schütteten ihm zu trinken ein und ließen ihn allein.

»Ich habe meine Tochter schreien hören,« begann Enzio, als er mit Reinhart wieder auf dem Flur stand, »wie war's denn nur?«

»Sie ist im Nachtwandel auf ihn gestoßen.«

»Seltsam, daß er sich vor Ihrer Türe gehängt hat.«

»Er ist ein leidenschaftlicher Mensch. Sehen Sie sich vor.«

»Das ist keine Antwort, aber sie soll mir genügen. Er ist der zweite, der das in meinem Hause getan hat. Es ist, wie wenn der Unfriede, den man sich austreibt, auf andere überginge.«

Am folgenden Morgen war Klas verschwunden.

Nach dem Frühstück, das wortlos genossen wurde, eröffnete Reinhart seinem Gastgeber, daß er entschlossen sei, zu gehen. Enzio, als habe er das nächtliche Ereignis ganz vergessen, sagte lehrhaft kalt: »Gut, gehen Sie. Es zieht Sie wieder auf den öden Pfad des ewigen Irrsals. Es fehlt Ihnen die Anlage zum Glück. Sie werden niemandem Ruhe bringen und werden selber keine finden. Sie werden immer ein Störenfried und Abendländer sein.«

»Kann ich von Ihrer Tochter Abschied nehmen?«

»Ei, richtig, Sie haben es ja darauf angelegt, den Schmerz aufzusuchen. Ich will nach ihr sehen.«

Es verstrichen wohl zehn Minuten, bis er wieder erschien. Sein Gesicht war etwas weniger gelassen als sonst. »Sie können sie nicht sehen, aber sie schickt Ihnen das zum Andenken.« Er reichte Reinhart ein kleines rundes Schächtelchen.

Reinhart meinte zu ersticken. Er ergriff Enzios Hand und würgte heraus: »Ich habe bei Ihnen eine Erkenntnis gefunden und ein stärkendes Bad genommen und danke dafür. Ich glaube, ich bin nun für den Kampf gerüstet.«

Enzio wehrte den Dank ab und begleitete den Scheidenden bis auf die Treppe. »Wohin führt Ihr Weg?« fragte er wie beiläufig.

»In die Niederung, in die Tiefe. Er wird nicht schön sein, aber wenn er nur gut ist.«

»Samsara, Irrweg, wird er immer heißen,« sprach Enzio und reichte Reinhart die Hand. »Wird er Ihnen zu schwer, so denken Sie an das letzte Wort des Weisen: Vergänglich ist alle Gestaltung, ringet ohne Unterlaß.«

»Seien Sie gut zu ihr,« flehte Reinhart und wandte sich rasch ab. Er kam sich feige vor, Imma in ihrer Not zurückzulassen, aber er sah keinen Weg. Und Klas war ja fort. Von einem Baum hing die Natter herunter, er fuhr ihr mit der Hand über den Kopf und eilte traurig davon, ohne sich umzublicken. Draußen auf dem freien Feld öffnete er das Schächtelchen. Es enthielt den kostbaren Diamantring, den Imma sonst nie vom Finger gelassen hatte.

Etwas tappte heran. Es war der Hund Zeno. Er stellte sich vor Reinhart hin und schaute fragend zu ihm auf. »Du willst mir Lebewohl sagen, guter Kerl!« Reinhart bückte sich zu ihm nieder und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. »Geh heim, zu ihr.« Der Hund verstand den Zweck dieses Tages nicht so, er ließ sich nicht heimweisen noch verscheuchen. Nach jeder Ermahnung blieb er auf dem Wege sitzen oder verkroch sich in einen Busch, auf einmal aber war er wieder an Reinharts Seite und bettelte mit den Augen um Weggenossenschaft.

»Die Reise wird ihm bald verleiden,« dachte Reinhart, denn er sah, wie beschwerlich das Laufen dem alten, lebensmüden Tiere wurde. Aber Zeno führte seinen Plan mit Hartnäckigkeit aus: er wollte dem als Herrn dienen und folgen, der ihn fünf Wochen lang als Kamerad und Freund behandelt hatte.

Die Sonne war schon auf einen Hügelrücken hinabgesunken und auf den Sumpfwiesen bildeten sich leichte Nebeldecken, als Reinhart sich an das Straßenbord setzte, um Kraft zum letzten Wegstück des Tages zu sammeln. Zeno legte sich ihm zu Füßen in den Straßengraben, ganz erschöpft. Er rollte sich zusammen und schlief ein. In heftigen Stößen ging sein Atem.

Reinhart hatte den ganzen Tag die Gedanken von sich abgewehrt. Er wußte, daß er ein Wespennest war, an das man nur zu klopfen brauchte, um ein wildes Summen und Stechen zu entfesseln, hatte er das Gastrecht mißbraucht? Hatte er nicht an Imma, dem Gebilde aus Nacht- und Mondglanz wie ein Tor und grober Lümmel gehandelt? Und Jutta? Hatte er sie verblassen lassen? War sein Untergrund die Treulosigkeit?

Er griff nach Zeno, um aus seiner Zwiespältigkeit und Qual zu einem lebenden Wesen zu fliehen. Der Hund rührte sich nicht. Er war aus Erschöpfung zu seinen Füßen für immer entschlafen. Reinhart war erschüttert und sann auf den Kadaver hinab. »Du warst treulos und treu im gleichen Entschluß.« Und das ›große Wort‹ pochte an seine Seele: »Tat tvam asi, das bist du.«

Er nahm das Tier auf die Schultern. Auf einem Gehöfte bat er um eine Schaufel und eine Grabstätte. Man wies ihn mißtrauisch ab, nur eine Schnur gab ihm ein junger Knecht oder Bauerssohn auf seinen Wunsch. Er trug seine Last weiter und versenkte sie, mit einem Stein beschwert, in einem Weiher. Der Mond stand über der Tat und streute sein Gold dem Versinkenden ins Wasser nach.

»Wird sie heut' nacht wieder wandeln und meinen Mund suchen?« fragte sich Reinhart. Und indem er weiter schritt, fielen ihm die Worte ein:

»Bist Traum und Nachtgeheimnis
Und wie die Sterne rein,
Wie du zu Schlangen gut bist,
Möcht' ich zu Menschen sein.
Ich taste in dem Dunkel,
Du hast des Sehers Macht,
Und gehst mit blinden Wimpern
Hellsichtig durch die Nacht.«
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