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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
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Achtes Kapitel

Ein Waffengang

Die Gefängnistüren hatten sich zwischen die Welt und hie Holzerschen Eheleute geschoben, die nun wie in Sargbretter vernagelt waren. Das Leben trieb neuen Schaum und Schlamm empor, der vom Redaktor des ›Schweizerspiegels‹ abgeschöpft und, zu einem prickelnden Gericht zubereitet, den Leuten aufgetischt wurde. Im Schaukasten setzte er die Maulwurfsarbeit gegen Ferdinand fort. Das politische Leben, das den Winter über gedöselt hatte, flackerte wieder auf. Die Wahltage des Frühjahrs meldeten sich an. Die Redaktoren landauf und landab steckten spitzere Federn an, rührten den Bodensatz ihrer Tintenfässer auf, machten salzigere Gesichter als sonst und legten den Weg von ihrer Wohnung oder dem Wirtshaus zur Redaktionsstube mit nervöser Hast zurück. Im ›Schweizerspiegel‹ war die Notiz zu lesen: »Gestern wurde die Leiche einer Frauensperson aus dem See gezogen. Es hat sich herausgestellt, daß es eine Arbeiterin der Stapferschen Fabrik war. Man vermutet, daß Nahrungssorgen die Bemitleidenswerte zu dem verzweifelten Schritt getrieben haben.« Diese Vermutung war durchaus falsch und mußte berichtigt werden, aber der Zweck war erreicht, der Name Ferdinand Stapfers in einen üblen Zusammenhang gebracht. Und so erschien er nun bald in dieser, bald in jener Ecke der Zeitung, immer auffällig gedruckt, immer mit etwas Anrüchigem verstrickt. Der »Patriot« erwiderte, stellte richtig, entrüstete sich, aber dadurch wurde die Aufmerksamkeit nur noch mehr auf Ferdinand hingeleitet.

Ein paar Tage vor der Wahlversammlung der Stapferschen Partei brachte der Schaukasten wieder einen längeren Artikel über Ubique: »Montesquieu hat gesagt, die Republik beruhe auf der Rechtschaffenheit. Ubique hält sich für ebenso rechtschaffen als ehrenwert. Warum sollte er nicht? In den Räten hat ihn noch keiner einen Spitzbuben genannt. Das genügt, meine ich! Ubique lebt überhaupt nicht für sich, sondern für den Staat, die Allgemeinheit. Er entfaltet seine größte Tätigkeit, wenn es sich um Zolltarife, überhaupt wirtschaftliche Fragen handelt. Alles selbstlos. Er opfert seine kostbare Zeit in den Räten, in den Kommissionen, in den Verwaltungsräten der Bahnen, arbeitet für den Staat soviel wie ein Dutzend seiner Kollegen. Alles selbstlos. Wie es immer noch Leute geben kann, die gegen die Ämteranhäufung anlaufen! Wie unvernünftig! Hat man einen tüchtigen Hengst, so soll man ihn springen lassen!«

Zwei Tage später wurde der Geschäftsmann Ubique geschildert. »Wollt ihr wissen, wie man eine Aktiengesellschaft gründet? Fragt Ubique! Darf ich einiges aus seinem Rezept verraten? Man wählt für die Gründung natürlich den Zeitpunkt, da man in der Klemme ist. Als Apport wirft man den Aktionären, die man aus der weitverbreiteten Gattung der Gimpel auswählt, faule Werte aller Art hin, als da sind: wertlose Patente, Guthaben, die man für sich schon lange in den Schornstein geschrieben hat, veraltete Maschinen, die man für erstklassig ausgibt. Ist die Gesellschaft rechtsgültig im Handelsregister eingetragen, stößt man seine Aktien ab, man ist wieder ein flotter Mann und um kein Deutchen weniger ehrenwert, als zuvor – –.« In dieser Weise wurde der Wahlkampf tagelang geführt. Der ›Schweizerspiegel‹ spritzte Gift wie ein Auto Straßenschmutz.

Ferdinand erwartete die Entscheidung einsam in seinem Arbeitszimmer. Er hatte in den letzten Wochen gealtert. Nicht, daß er an seinem Sieg gezweifelt hätte, seine Partei konnte ihn doch nicht fallen lassen, aber die Verunglimpfungen, die er den Gegnern nicht wie früher, mit einer stolzen Gebärde in die Zähne zurückschleudern konnte, zernagten ihn. Er mußte Immergrün wegen Verleumdung verklagen, den Zeitungen und all seinen Widersachern neue Nahrung bieten. Und wenn der Prozeß auch schließlich für ihn günstig ausgehen sollte, so blieb sein Ansehen doch gemindert.

Das Telephon läutete. Ferdinand erbebte leicht und legte die Hand ans Höhrrohr. »Hier Stapfer, wer dort? Ah, grüß Gott! Gewählt? – – Das will ich hoffen, aber wie? – Keine Zahlen? Du mußt doch die Zahlen kennen! Gut, läute, bitte, später an!«

Ferdinand wankte auf seinen Stuhl zurück. Daß sein Freund die Stimmenzahlen nicht wissen wollte, traf ihn wie ein Faustschlag. Auf der Treppe hörte er Schritte. Reinhart kam aus der Stadt zurück. Ferdinand rang einen Augenblick mit sich. Sollte er den Sohn seine Beklemmung sehen lassen? Dann sprang er zur Türe und rief ihn herein. Er suchte sich gelassen zu stellen, aber Reinhart sah ihm das Fieber an und las ihm die Frage aus den Augen.

»Du bist wieder gewählt,« sagte er, bevor der Vater fragte.

»Das weiß ich,« preßte Ferdinand heraus, »aber ich muß wissen, wie! Mach keine Umwege!«

»Du hast etwa zweihundert Stimmen mehr als Wäspi.« Ferdinand lachte wie ein Wahnsinniger: »Etwa zweihundert, etwa zweihundert!«

Reinhart erwartete, der Vater werde in Tränen ausbrechen, so sehr verzerrte ihm der Schmerz das Gesicht. Aber schon hatte er sich zusammengerafft und sagte mehr zu sich als zu Reinhart, langsam, jedes Wort von dem andern abgerissen fallen lassend: »Ich muß aus allem heraus, aus allem, ich bin ein ausgemusterter Gaul.«

Reinhart sah, wie ihn der Entschluß würgte, aber er bewunderte die Raschheit und Festigkeit der Entscheidung. Ferdinand entnahm der Schublade ein paar Briefbogen und begann zu schreiben. Offenbar teilte er der Partei und den Behörden seine Entschlüsse mit.

Am folgenden Tag nach dem Mittagessen kam das Estherlein vom Golsterhof in die ›Seewarte‹. Das Mädchen war gedrückt. Das Höckerlein auf seinem Rücken schien ein schwerer Ballen von Sargen und Kummer zu sein. »Man hat mich geschickt,« begann es endlich seinen Auftrag. »Adelheid ist zu stolz dazu, Walter sagt, es gehe ihn nichts an, der Vater behauptet, es würde einen wüsten Händel absetzen, wenn er selber ginge, und die Großmutter ist zu elend auf den Füßen.«

Estherleins Stimme zitterte, als sie so, ungeschickt und auf Umwegen, ihrem Ziel zusteuerte. Jetzt hielt sie inne, wie vor einem Graben, den zu überspringen sie nicht den Mut fand. Ferdinand schaute unruhig über den Tisch weg nach der Türe, als hätte er Fluchtgedanken. Er erriet Estherleins Auftrag. Frau Ulrike, die nicht wie die andern das arme Gesichtlein sehen konnte, ermunterte das Mädchen mit ihrer sanften, wie aus dem Jenseits klagenden Stimme: »Was ist es nur, gutes Kind? So sprich doch, es wird nichts gar so Schlimmes sein.«

Estherlein begannen die Lippen heftig zu zucken, und endlich stieß es hervor: »Ich sollte den Onkel bitten, uns Geld zu geben, wir sind in der Not.«

Ferdinand stand auf und schöpfte tief Atem. »Du kommst wirklich im besten Augenblick! Ich kann jetzt nicht! Absolut nicht! Ich will aber sehen, in ein paar Tagen, in ein paar Wochen vielleicht!«

»Ich sollte es jetzt haben,« klagte Estherlein.

»Wenn ich aber nicht kann, Himmeldonnerwetter!«

»Aber Vater!« rief Küngold vorwurfsvoll.

Estherlein vermochte seinen Schmerz nicht mehr zu meistern. »Oh, das Geld, das dreckige Geld!« schluchzte es seinen Jammer hervor. Das Wort erhielt in seinem kindlichen Mund etwas Ungeheures. Estherlein stand auf, wollte fliehen, zur Türe hinaus, auf die Straße, nach Hause, von der Scham gehetzt in seiner Bettelhaftigkeit. Es sah Reinhart vor sich, der aufgesprungen war. Es wollte sich dem vergötterten Vetter in seiner Not an den Hals werfen, aber die Arme reichten nicht hinauf. Da sank es an ihm herunter, umfaßte seine Knie und flehte und schluchzte: »Hilf du, Reiner, hilf du!«

Er bückte sich zu der Unglücklichen hinab und trug sie auf den Armen wie ein kleines Kind hinaus und hinauf in sein Zimmer. Er bettete sie auf das Sofa und redete ihr lange tröstlich und aufrichtend zu. Sie erleichterte ihr Herz: »Oh, es ist auf dem Hof nicht mehr zum Leben. Der Vater ist fast immer betrunken, fast jeden Tag kommt ein Zahlungsbefehl, die Großmutter hat rote Augen, weint vom Morgen bis zum Abend und möchte sterben, Agathe nennt uns ein Lumpenpack. Wenn wir verlumpen! Stell dir die Schande vor, Reinhart! Wenn das der Großvater erlebt hätte! Und wenn es die Großmutter erleben sollte! Ich habe so Angst gehabt, zu euch zu kommen. Die Großmutter hat gesagt: Der Ferdinand wird schon helfen. Aber ich habe gewußt, daß er nicht wollen werde!«

»Nicht kann!« berichtigte Reinhart.

»Ja, ja, der Vater hat gestern Abend gesagt, der Onkel liege jetzt im Graben, drum mußte ich kommen. Es ist alles so schmutzig! Ich habe fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe geschwitzt, das Toggeli hat mich gewürgt. Darauf, gegen Morgen, hat es mir geträumt, ich gehe oben über den Berg, du weißt, gegen das Wirtshaus hinunter. Ich habe lange Schritte genommen, ich war ganz groß, noch größer als Adelheid. Und ich war so gerade wie sie. Von weitem kamst du geritten, in der Uniform, mit dem weißen Roßhaarbusch und winktest mir zu. Ja, du winktest mir her. Ich wollte dir rufen: Sieh, Reinhart, ich habe keinen Höcker mehr! Ich setzte an und wieder an, aber ich brachte das Wort nicht heraus. Dann fuhr ich auf. Ich war erst ganz selig. Reinhart wird auch Freude haben, fuhr es mir durch das Herz. Ich griff nach dem Rücken und dann heulte ich ins Kissen wie ein Hündlein.«

Reinhart faßte ihre Hand: »Trag's, Esther, du bist alleweg ein guter und grader Mensch.«

»Ach, Reiner, ich will ja nur im Traum etwas glücklich sein. Ich weiß wohl, für mich gibt es nur leere Schüsseln und ausgeschüttete Gläser. Ich habe mich darein gefunden, nur manchmal reiße ich ein wenig an meiner Kette, wie eins im Stall. Der Traum war doch gut, ich bin lieber gekommen nachher. Es war mir, du habest mir Mut machen wollen, und seiest mir wirklich und in Güte entgegengeritten, auf deinem hohen Roß!«

Draußen tastete sich etwas an die Türe heran. Reinhart öffnete, es war die Mutter. Er führte sie herein und ließ sie auf dem Sofa neben Estherlein Platz nehmen. Sie suchte die Hand des Mädchens, hielt sie fest und sagte: »Die Schwächsten müssen immer das Schwerste tragen. Ich will dir helfen, so gut ich kann.« Und zu Reinhart gewendet: »Ich habe da etwas Schmuck zusammengesucht. Schau, daß du Geld dafür bekommst. Was soll Schmuck noch in unserem Hause! Nur diesen Ring behalte du, er ist von meinem Vater.«

Reinhart nahm die Hänger, Kettchen, Ringe, Broschen und Medaillons zögernd aus ihren zuckenden Fingern und verließ bald darauf mit Estherlein das Haus.

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