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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Der Schweizerspiegel

Es war im März. Reinhart schlug das eiserne Tor der ›Seewarte‹ zu und machte sich auf den Weg nach der Fabrik. Eine Amsel jauchzte von dem Giebel eines der Nachbarhäuser so hell, als wollte sie allein die ganze Welt zum Frühling erwecken. In den Gärten regten sich die Knospen, die Ligusterhecken schimmerten schon grün, wahrend auf dem welken Laub, das unter Bäumen und Büschen moderte, noch silbrig der Reif blinkte. »Wie lange hat die Amsel in den Büschen getrauert und gefroren und gehungert! Jetzt singt sie steil auf, als wäre ihr das Herz am Zerspringen vor Glück.« So sann Reinhart vor sich hin. Er trug einen Brief an Jutta in der Tasche.

An einer Straßenecke stand ein alter, etwas zerlumpter Mann mit einem Armvoll Papier und rief mit heiserer Alkoholstimme: »Der Schweizerspiegel! Lest den Schweizerspiegel! Sechs Blätter, alles umsonst! Lest den Schweizerspiegel!« Er streckte Reinhart eine Zeitung hin und rückte sich dann den Zwicker zurecht, der durch die Bewegung etwas aus der Lage gerutscht war. »Ein verkommener Student,« dachte Reinhart, nahm das Blatt und drückte dem Ausrufer eine Nickelmünze in die Hand. »Der Schweizerspiegel! Lest den Schweizerspiegel!« klang es ihm mahnend nach. Unbewußt dem Schreier gehorchend, warf er einen Blick auf die Zeitung. Da stand in großen Lettern »Der Schweizerspiegel, fortschrittliches, unabhängiges Organ für Stadt und Land«. Und etwas tiefer in der Mitte zwischen zwei wagrechten Linien: »Redaktion Dr. Oswald Wäspi.« Von einer Parallelstraße herüber krächzte es vernehmlich: »Sensation, Sensation! Lest den Schweizerspiegel! Ein geheimnisvoller Mord.«

Richtig, da stand auf der zweiten Seite unter einem fett und groß gedruckten Titel zu lesen: »Gestern Abend fand die Polizei am Fluß unterhalb der Stadt im Gebüsch versteckt die Leiche einer weiblichen Person. Man vermutet, es handle sich um einen Lustmord. Die Untersuchung ist in vollem Gange, von dem Mörder fehlt zur Stunde noch jede Spur.« Wieder folgte ein in die Augen springender Titel und darunter die Notiz: »Die ärztliche Untersuchung hat einwandfrei festgestellt, daß es sich nicht um einen Lustmord handelt. Der Tod erfolgte durch Erwürgen. Das Geheimnis lichtet sich allmählich. Unsere nächste Nummer wird Sensationelles bringen.«

Reinhart mußte lachen: »Famos, Immergrün!« Er warf einen Blick unter den Strich. Dort stand das erste Kapitel eines Romans, der den Titel trug »Die Freudenhausgasse oder die Gesellschaft als Verbrecherin!« Reinhart war schon im Begriff, das Blatt in den Straßengraben zu schmeißen, als sein Blick auf eine weitere Verheißung fiel: »Der Schaukasten. Unter dieser Rubrik bringt der Schweizerspiegel Porträtstudien bekannter Politiker, Militärs, Industrieller, Kaufleute, Schriftsteller, Gelehrter. Unsere zweite Nummer wird sich mit einer allbekannten Persönlichkeit befassen. Wir wollen jetzt schon verraten, daß wir sie Ubique nennen werden, was wir etwa mit Allerweltskerl zu übersetzen bitten.«

Im Bureau fand Reinhart den ›Schweizerspiegel‹ schon auf Ferdinands Platz. Der Buchhalter Zweidler huschte herein und flüsterte: »Haben Sie das neue Blatt gelesen? Wirklich sensationell! Ob sich der Mann den geheimnisvollen Mord eigens für die erste Nummer bestellt hat?«

Am folgenden Morgen brachte der ›Schweizerspiegel‹ neue Einzelheiten über den Mord: »Auf der Toten fand sich ein Briefchen mit den Initialen F.St. unterzeichnet. Dieser F.St. könnte wohl Licht in die Sache bringen, aber er wird sich hüten. Wir glauben, ihn mit Namen nennen zu können, wollen aber mit unserem Wissen zurückhalten, bis das Beweismaterial schlüssig ist. Für heute seien nur noch einige Einzelheiten angeführt: Im Munde der Dame, als direkte Ursache ihres Todes, fand sich ein grobes Taschentuch mit H. gezeichnet. Das allerwichtigste aber ist, daß die Frau kurz vor ihrem Tode geboren hat. Wir werden bald in dieses Dunkel hineinzünden und niemand schonen.«

Der Schaukasten enthielt statt eines Porträts ein Frage- und Antwortspiel: »Wer kennt Ubique? – Jedermann. – Was ist er? – Keine Person, sondern ein Typus. – Wo ist er zu finden? – Allerorten im Schweizerland: in allen Ratssälen, überall, wo ein politischer Kuchen zerschnitten wird, in der Kaserne, in allen Parteiversammlungen rechtshin, an allen Festen, Einweihungen und Grundsteinlegungen, auf allen Rednertribünen, in allen Kommissionen, dann und wann in seinem Geschäft, täglich am Stammtisch beim Kaffeejaß und Abendschoppen, umgeben von seinen Getreuen, von der Kellnerin mit Auszeichnung bedient, auf der Redaktion seines Leibblattes .... Nein, es geht wirklich nicht aufzuzählen, wo er ist; fragen wir der Einfachheit wegen lieber, wo er nicht ist. Antwort: Zu Hause. Frage: Ist Ubique all seinen vielfältigen Aufgaben gewachsen? Ich glaube, ich hörte irgendwo lachen. Soll das eine Antwort sein? Frage: Ist Ubique ein nützlicher Bestandteil unseres Staates? Hörte ich nicht schon wieder lachen? Wenn man mir nicht mehr Ernst entgegenbringt, breche ich für heute ab und werde morgen einen neuen Versuch machen.«

In der dritten Nummer stand an sichtbarer Stelle eine Berichtigung: »Zahlreichen Zuschriften und Anfragen müssen wir entnehmen, daß die in der gestrigen Nummer erwähnten Initialen F.St. eine falsche, ja peinliche Deutung erfahren haben, wir sind in der glücklichen Lage, versichern zu können, daß zwischen jenem Schriftstück und der Person eines unter uns hochangesehenen Mannes nicht die mindeste Beziehung besteht. Dies schon aus dem unwiderleglichen Grunde, weil der Setzkastenteufel die Hand im Spiel hatte und aus J.St. fatalerweise F.St. werden ließ. Zu dem Morde selbst können wir als neues Faktum die Aussage eines unserer Leser mitteilen. Er bemerkte in der betreffenden Nacht gegen zwölf Uhr auf dem einsamen Wege am Fluß einen Mann und eine Frau, die einen zweirädrigen Karren stießen. Auf diesem lag ein länglicher, mit einem Tuch bedeckter Gegenstand, der wohl eine Leiche hätte sein können. Der Mann trug einen breiten Schlapphut, die Frau war auffällig korpulent und hatte einen watschelnden Gang.«

Auf diese Weise wurden die Ergebnisse der Nachforschung Stück um Stück, wie sie der Tag brachte, den Lesern des »Schweizerspiegels« unter die Augen gerückt, während unter dem Strich der Kriminalroman seinen aufregenden, die Sinne kitzelnden Fortgang nahm und Tag für Tag mit einem neuen Rätsel, einer zu erwartenden, nicht auszudenkenden Überraschung, einer weite Ausblicke verheißenden Einzelheit schloß. Die Stadt und die Dörfer in weitem Umkreis wurden mit dem Blatt überschwemmt. Auf den Treppen der Mietskasernen sprach man von nichts anderem als von dem geheimnisvollen Mord und von der Freudenhausgasse. Die Dienstmädchen lasen die Zeitung in ihren Mansarden, die Schüler und Schülerinnen der Mittelschulen in den Pausen oder während des Unterrichts, die Bürgersfrauen nach dem Mittagessen, während der Mann sein Mittagsschläfchen überstand oder im Wirtshaus um den schwarzen Kaffee mit Kirsch spielte. Wer sich um das öffentliche Leben kümmerte, verfolgte die Schilderungen im Schaukasten. »Wer mag wohl gemeint sein?« tönte es am Stammtisch. »Wer? Ei natürlich! Ha, ha, ha! Daß ich nicht selber darauf verfiel! Ein verfluchter Kerl, dieser Wäspi! Der ›Patriot‹ hätte ihn halten sollen!« Vierzehn Tage lang wurde »Der Schweizerspiegel« ohne Entgelt ausgeteilt und verschickt. Das genügte, der feste Leserkreis war gebildet und mehrte sich fortwährend. »Woher wissen Sie denn das?« fragte eine Elster die andere. »Ach, woher weiß man dergleichen! Aus dem Schweizerspiegel.« »Den muß ich auch halten.« – »Ja, das müssen Sie. Wissen Sie, daß man jetzt auch den Karren gefunden hat?« – »Welchen Karren?« – »Man hat doch die Leiche auf einem Karren an den Fluß gebracht.« – »Ja, ja, ich besinne mich darauf.« – »Und alles bringt der ›Schweizerspiegel‹ heraus. Lesen Sie einmal eine andere Zeitung! Das ist wie Spülwasser.«

In der Offizierskantine las der Instruktionsoffizier zweiter Klasse, genannt Schlaucher, nach dem Mittagessen den Kameraden schmunzelnd den Schaukasten vor. Er war bei der letzten Beförderung übergangen worden und erlebte nun an dem Artikel eine Genugtuung: »Wer hat Ubique schon zu Pferde gesehen? Der Anblick macht das Herz hüpfen. Sein Gaul ist gerade, was der Reiter braucht: er macht keine Seitensprünge mehr und ist über den Augen etwas weiß. Jeder Militärgaul wird einmal alt. Jeder Militärgaul muß einmal abgetan werden. Armes Tier! Der es reitet, ist besser daran, er sitzt fest im Sattel bis an sein seliges Ende. Ubique wird einmal zu Pferd begraben werden, wie Alarich im Busento. Der weiße Roßhaarbusch wallt stolz über dem Hohen, als springe beständig ein Wasserschaumstrahl aus seinem Jupiterhaupte hervor. Die weiße Schärpe macht den Eindruck einer Bauchbinde oder eines Magenwärmers. Durchaus soldatisch! Was Ubique seinen besonderen Wert verleiht, ist der Umstand, daß er eine Kombination ist. Er ist Militär und Politiker zugleich. Er hält in der einen Hand den Säbel und in der andern die Klapper. Aus dem einen Nasenloch schnaubt er, aus dem andern säuselt er. Ja, es ist seltsam, im Ratsaal bewährt er sich besonders als Militär, auf dem Manöverfeld siegt er als Politiker. Eine Röntgenaufnahme des Politikers Ubique dürfte merkwürdige Flecken aufweisen, wir halten uns eine Platte schon lange bereit.«

An jenem Tage stürmte ein Freund Stapfers ins Bureau: »Hast du das gelesen, Ferdinand?« rief er, ihm den »Schweizerspiegel« hinhaltend. Ferdinand packte die Zeitung, warf sie auf den Boden und trat mit dem Fuß darauf. »Man muß dem Kerl das Handwerk legen!« meinte der Freund. »Man sollte erfahren, woher er das Geld hat.«

»Großes Geheimnis!« lachte Ferdinand bitter. Er hob die Zeitung vom Boden auf und hielt ihm die letzte Seite hin. »Fast alles auswärtige Inserate! Warte nur, bald wirst du die Propaganda für das Ausland auch im Text finden! Das wird nun so gemacht. Inseratenklitsche!«

In den nächsten Tagen war für den Schaukasten im Schweizerspiegel kein Raum, der seltsame Mord füllte alle Spalten, der Schleier war endlich von dem Verbrechen weggehoben worden. Die Dame wollte sich von den Folgen eines Verhältnisses befreien. Ihr Dienstmädchen, das einigen Bescheid wußte, wies sie an eine Frau, von der es behauptete, sie hätte in ähnlichen Fällen schon geholfen. Die Frau zeigte sich dienstbereit und erfüllte mit Hilfe ihres Mannes im Keller ihres Hauses das Begehren der Dame. Da diese vor Schmerzen laut schrie und Entdeckung zu befürchten war, steckte man ihr ein Taschentuch in den Mund, etwas zu tief. Und so geschah's. Die auf solche Art aus gemeiner Gewinnsucht zu Verbrechern gewordenen waren Davids und Paulas Eltern, die Eheleute Holzer.

Reinhart stieß an dem Tage, da die Zeitungen von diesen Dingen strotzten, zufällig auf David. Der Bursche, statt Reinhart auszuweichen, wie zu erwarten gewesen wäre, heftete auf ihn einen so trotzig grimmigen Blick, daß Reinhart nicht für gut fand, ihn anzureden, obschon er ahnte, daß der ehemalige Schulkamerad unter seiner bissigen Maske ein übervolles Maß von Schmerz und Scham verbarg, und ein teilnehmendes Wort wohl hätte brauchen können.

Nach dem Abendessen trieb es Reinhart zu ihm. Er wollte ihm zeigen, daß man das Verschulden seiner Eltern nicht auf ihn ablud. Er klopfte an Davids Türe. Ein leises Wimmern von einer Frauenstimme drang heraus. War David durch andere Mieter ersetzt worden? Er klopfte nochmals, kräftiger. Das Gewimmer verstummte, Tritte schlürften heran, die Türe wurde aufgezogen und ein mageres, schmales Gesicht erschien in der Ritze, von einem Lämpchen beschienen. Reinhart erkannte die Person sogleich, es war jene Emma, die er beim ersten Besuch gesehen hatte, Davids Versuchung, aber in den Zügen älter und härter geworden.

»Wohnt David Holzer nicht mehr hier?« fragte Reinhart.

»Ach Gott, ach Gott, Sie können ihn jetzt nicht sehen, jetzt nicht!« Emma machte Miene, die Türe wieder zuzustoßen, aber Reinhart trat entschlossen über die Schwelle. Da lag David auf dem Boden ausgestreckt, schwer atmend, mit geschlossenen Augen, aber offenem Mund. Die Backen brannten aus dem schwarzen Bart heraus, den er jetzt trug.

»Was ist ihm?«

»Sie sehen es ja, er ist betrunken!«

In diesem Augenblick begann das Gewimmer wieder, das Reinhart vor der Türe gehört hatte. Er sah sich um. In einer Ecke hockte eine kleine Gestalt mit strohgelbem Haar und wasserblauen Augen. »Liselein!« stieg es Reinhart im Gedächtnis auf. »Liselein mit der blonden Puppe!« Das Geschöpfchen hatte sich wenig verändert in den Jahren.

»Ist das nicht seine Schwester?« fragte er Emma.

»Er hat sie zu uns genommen, als man die Alten abführte.«

»Trinkt er jetzt?«

»Es ist das erstemal oder das zweite, nein, er ist sonst solid.«

»Tragen wir ihn zu Bett!«

Sie wollte David an den Schultern heben, in der Meinung, daß Reinhart an den Füßen anfasse. Er sah, daß sie schwanger war und trug David allein in die nebenanliegende Schlafkammer.

»Kann ich hier warten, bis er erwacht?« fragte Reinhart.

Sie zögerte, mochte aber nicht »nein« sagen. Sie hatte in den Augen jene Unsicherheit, jenes eingeschüchterte Zittern, in der ganzen Haltung jene fatalistische Unentschlossenheit, die man oft an Frauen ihrer Schicht bei nicht legitimen Verhältnissen beobachtet.

»Seit wann sind Sie verheiratet?« fragte Reinhart ohne Arg, als er mit ihr wieder im Wohnstübchen war. Sie errötete und erwiderte kurz: »Wir leben jetzt ein halbes Jahr zusammen.«

»Armer Kerl!« dachte Reinhart, »also hat er sich das Bleigewicht doch an die Füße schmieden lassen.«

»Liest er noch viel?« fragte Reinhart.

»Manchmal ganze Nächte durch, manchmal auch gar nicht,« gab sie zur Antwort.

Reinhart griff nach dem Buch, das auf dem Tische lag und blätterte darin. Es war stark zerlesen, da und dort ein Satz rot unterstrichen. Er las: »Was du zu sein die Macht hast, dazu hast du das Recht.« Und weiter: »Recht ist nur ein Sparren, ein Spuk, ein Unwirkliches, ein Hirngespinst, ähnlich wie Menschheit und Menschentum und dergleichen, von dem ich mich knechten lasse, während andere Vorteile daraus ziehen.«

Liselein schlich sich an Reinhart heran, setzte sich ihm kindlich zutraulich auf die Knie und klagte: »Denk, Onkel Melcher das Glas zerschlagen und die Flasche auch.«

»So, Onkel Melcher? War er so böse?«

»Ja, bös.«

Damit legte sie ihm das gelbe schwache Köpfchen an die Schulter. »Geben Sie ihr doch einen Schupf!« zürnte Emma.

Reinhart ließ die Arme aber ungestört sitzen und las über ihren Nacken weg weiter. Bald schlief sie ein. Im Zimmerchen nebenan hörte man nach einiger Zeit ein Knurren. Emma eilte hinüber. Reinhart trug Liselein behutsam in eine Ecke, wo man für sie etwas wie ein Lager zusammengenistet hatte. Dann ging er Emma nach.

David hatte die Augen geöffnet und sah mit feuchten Blicken unbestimmt um sich, wie durch einen Schleier. .

»Bist du da, Emma? Gib mir etwas zu saufen!«

»Ich habe kein Bier.«

»Wer sagt Bier? Ein Glas Wasser sollst du bringen! Verstanden! Und wer ist denn da? Aha, Sie! Was wollen Sie?«

Reinhart trat zu ihm hin. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie mir heute nicht weniger wert sind, als gestern und – – in der Bubenzeit.«

»Aha, ja!« stöhnte David. Offenbar kam ihm der Grund, warum er sich betrunken hatte erst jetzt wieder zum Bewußtsein. Er heftete den Blick schärfer auf Reinhart, man sah, daß er sich bemühte, deutlich zu verstehen. »Ich will's glauben,« sagte er endlich, »du seiest nicht aus Schadenfreude gekommen.«

Reinhart faßte seine Hand, und David fuhr mit unsicherer Zunge weiter: »Ich danke dir! Sieh, ich war heute ein Schwein, aber ich habe es ersäufen müssen.«

Emma brachte ein Glas Wasser. Er stürzte es in einem Zug hinunter. Der kühle Trunk besserte seinen Zustand sichtlich.

»Hübsche Kirchweih, hä? Warum haben sie das getan, die Scheusale!« ächzte David.

»Ach, es ist immer das gleiche Elend, Geld, Geld!« erklärte Reinhart.

»Sie mußten doch nicht hungern.«

»Geld hat weniger mit dem Hunger zu tun, als man meint.«

David suchte dem Gedanken nachzugehen, schwenkte aber ab, als wäre er ihm zu schwer, und grollte: »Du mußt nicht meinen, ich lasse mich von dem Schmutz unterkriegen. Ich trage nichts, was nicht mein ist. Nichts!« Er sprach es, als kaute er Glas.

»Das verlangt auch niemand von dir. Ich gehe jetzt, schlafe dich aus und zähl auf meine Freundschaft.«

»Hör' noch,« sagte David, etwas nüchterner geworden. »Bei den Wahlen im Frühjahr wird es einen Mordsrummel absetzen. Es geht gegen deinen Alten. Er soll Dreck am Stecken haben. Unsere Presse und der »Schweizerspiegel« gehen zusammen. Es wäre besser, er ließe es nicht drauf ankommen. Ich sage das deinetwegen, sonst ist mir Grütze Grütze.«

Reinhart ging. Im Wohnstübchen saß Emma und strickte. Sie ergriff die Lampe, um ihm zu leuchten. Sie machte nun den Eindruck eines müden, geschlagenen Hündchens. Ihr Blick glitt schüchtern zu Reinhart hinauf und schien ihm für etwas danken zu wollen. In der Ecke schlief Liselein friedlich, wie ein Igel zusammengerollt.

Es ging auf Mitternacht, als Reinhart in der »Seewarte« anlangte. Im Schlafzimmer der Mutter war noch Licht. Er horchte, ob der Vater schon da sei. Da tönte es von drinnen: »Komm nur herein!«

Er traf Küngold am Bette der Mutter.

»Wir sind so ängstlich,« seufzte die Mutter mit geschlossenen Augen. »Wir spüren, daß sich etwas zusammenzieht. Der Vater wird immer gereizter, beim unschuldigsten Wort brennt er auf. Er war vorhin schrecklich!«

»Immergrün hat ihn angegriffen.«

»Ich weiß. Küngold hat mir alles vorgelesen. Das ist mir keine Sorge. Was hat man über Ferdinand schon geschrieben! Er war nachher immer noch ein bißchen höher angesehen als vorher. Wer ein gutes Gewissen hat, ist nicht zu verletzen. Drum verstehe ich ihn nicht mehr. Seht, Kinder, er hat mir das Leben nicht leicht gemacht, ich glaube, die Frau eines Politikers hat es nie leicht, aber ich habe alles getragen, weil ich sah, daß er auf mich abladen mußte, um draußen desto freier und leichter zu gehen. Und weil ich sah, daß an seine Ehre kein Spritzer kam, habe ich ihn immer verehrt. Ohne diese Gewißheit hätte ich es nicht ertragen!«

Sie schwieg. Sie erwartete von Reinhart eine Bestätigung ihres Glaubens, aber sie blieb aus. Reinhart erhob sich. Auch Küngold schlich sich weg. Jo blieb Frau Ulrike allein in der Finsternis, und die Zweifel zerrten an ihr mit spitzen Krallen. Sie erriet, daß Ferdinand nun verletzbar war, sie sah seinen Sturz voraus, wollte sich zum Glauben an ihn überreden und geriet immer tiefer in die Zweifel hinein. »Gibt es wohl noch ein Herz,« dachte sie, »auf dem man so herumgetreten ist, wie auf dem meinen?«

Lange nach Mitternacht kam Ferdinand heim. Er ging leise wie ein Dieb und machte kein Licht. So hielt er es immer, wenn er spät nach Hause kam. Sie wartete, bis er zu Bette war, dann fragte sie: »Was ist dir? Du verzehrst dich. Du solltest dich einmal aussprechen.«

Er wälzte sich herum und stieß zornmütig hervor: »Ruhe muß ich haben! Ich kann mich nicht den Tag lang abrackern und nachts noch mein Inventar aufnehmen lassen.«

»Warum denkst du nicht daran, dich zu entlasten? Diese Ämter, was hast du davon?«

»Und was hab' ich von euch? von dir, von Reinhart, von dem Mädchen? Man möchte seine eigenen Zähne fressen.« Er warf sich auf die Seite und kehrte ihr den Rücken zu.

Das war eine schlimme Nacht. Frau Ulrike begrub in ihr den Glauben an ihren Mann. Ihr ganzes Opfer war umsonst gewesen.

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