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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8650c915
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Sechstes Kapitel

Skiheil

Der Friede in der Fabrik war bald wieder hergestellt, nachdem Reinhart es durchgesetzt hatte, daß David Holzer bleiben durfte. Geierling wünschte das Haus Stapfer so rasch als möglich zu verlassen, und da ein Zusammenarbeiten nicht mehr ersprießlich war, machte ihm Ferdinand keine Schwierigkeiten. Er wollte ihm die Aktien, die er noch besaß, abkaufen, aber Geierling ließ sich nicht auf den Handel ein, er wollte offenbar noch eine Hand oder doch ein paar Finger in dem Geschäfte haben. Das sah wie eine Drohung aus und verursachte Ferdinand schlechte Nächte. Ein paar Wochen später erfuhr man, Geierling sei als Direktor in die Aarwalder Adelsfirma Homberg und Luternau eingetreten.

Reinhart fühlte sich nach Geierlings Weggang zum erstenmal mit dem Geschäft verbunden. Er war an der Arbeit wie eine Zange. Ihm schien, die Fabrik habe sich von einer schweren Krankheit erholt, neues Leben ströme überall durch, ein neuer guter Wille entfalte sich in jeder Hand, in jedem Weberschiff, wenn er durch die Arbeitssäle schritt, sah er zufriedene Augen und freudig geschäftige Arme und Hände. Er fühlte, daß er nun in David einen eifrigen Helfer hatte. Auf dem Bureau schlurfte etwa, wenn Ferdinand abwesend war, der Buchhalter Zweidler zu ihm heran und flüsterte ihm sein großes Geheimnis ins Ohr: »Es wird schon gehen, Herr Stapfer Sohn! Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Cie. bilden die beste Firma, hä, hä! Der Böse ist fort.«

Am letzten Tage des Jahres entfaltete Ferdinand eine fieberhafte Tätigkeit, als wollte er das während des Jahres versäumte mit einer gewaltigen Kraftanstrengung nachholen. Die Papierzettel flogen, die Schreibmaschine galoppierte und überschlug sich, der Haufe unerledigter Briefe auf Ferdinands Tisch schmolz zusammen, selbst das Chronometer an der Wand schien energischer auszuschlagen. Am Abend, als die Angestellten gegangen waren, trat Ferdinand zu Reinhart heran und warf ihm ein paar Strähnen verschieden gefärbter Wolle auf den Tisch. »Damit geht es nun ins neue Jahr hinein,« sagte er. »Wir haben da ein Färbepatent, das wir lange unbenutzt ließen, jetzt soll es arbeiten.«

Reinhart nahm die Wolle in die Finger und betrachtete sie aufmerksam.

»Ich wußte nicht, daß wir Aufträge für solches Tuch hätten.«

»Freilich, freilich, ich habe das Geschäft in Bern während der Session in die Wege geleitet.«

»Ich glaube gehört zu haben, das Verfahren tauge nicht viel.«

»Was? Unsinn!« fuhr ihn Ferdinand an, »wer schwatzt dergleichen? Ausgezeichnet ist es! Wir haben es auch teuer genug bezahlt. Es ist ein Bichromaverfahren. Im gleichen Bade wird gefärbt und chromiert. Begreifst du den Vorteil? Die Zeitersparnis?«

»Sind Versuche damit gemacht worden? Auch im Großen?«

»Beruhige dich! Man kauft doch keine Katze im Sack!« Damit packte er die Strähnen zusammen, warf sie in eine Schublade und ging wortlos davon ins Wirtshaus, von wo er erst spät nach Mitternacht, als die Neujahrsglocken schon verstummt waren, heimkehrte.

Vom Neujahr an stand die Stapfersche Fabrik, wie Ferdinand angekündigt hatte, im Zeichen des Bichromatverfahrens. Reinharts Ruhe und Arbeitseifer waren wieder dahin. Wie das leibgewordene schlechte Gewissen ging er zur Fabrik. Einmal fragte er Zweidler nach der Geschichte des Patents, aber der gute Alte wich ihm aus und ging mit traurigen Augen davon.

Es waren nun Korrespondenzen mit den Abnehmern der nach dem neuen Verfahren gefärbten Wollstoffe zu führen. Reinhart wollte sie dem Vater überlassen, aber Ferdinand schien sich eine boshafte Freude daraus zu machen, all diese Briefe dem Sohne zuzuschieben. Wollte er Reinhart zum Mitschuldigen machen? Tagelang ließ Reinhart diese Briefe liegen, aber einmal mußten sie beantwortet werden. Wenn er seinen Namenszug unter ein solches Schriftstück kritzle, war ihm, er unterschreibe irgend einer unbekannten unschuldigen Seele das Todesurteil – – oder sich und dem Vater. Das Geschäft wurde ihm nun eine unsägliche Not. Ein bohrender Grimm erfaßte ihn. Es gab Tage, da er jeden anfuhr, der ihm in die Quere kam, selbst den guten Zweidler.

Nachts träumte er von dem unseligen Tuch. Einmal hatte man ihn mit einem blauen Strick an einem Fensterpfosten aufgehängt, ein andermal mußte er gelbe Wolle hinunterschlingen und daran ersticken, oder dann sah er Bäume, die gelb statt grün waren und jämmerlich verwaschen aussahen. Wachte er auf, so war er in Schweiß gebadet. »Ich bin ein Schuft,« stöhnte er, »der Helfershelfer eines Schwindlers.« Dann geschah es, daß er sich im Bett aufrichtete und gegen den Vater alle Schimpfwörter ausstieß, die irgendwie auf ihn anwendbar waren. Das war kindisch genug, aber es erleichterte ihm die Seele für Stunden.

Manchmal trieb es Reinhart, der Mutter seine Not zu klagen, aber wenn er sie in ihrem Stuhle sah, schattenhaft, müde, mit den Augen einen Schimmer von ihm suchend und mit der Seele tapfere Worte, so fühlte er, daß er ihr sein Elend nicht auch noch aufbürden durfte. Nur mit Küngold sprach er zuweilen über den Vater, an Sonntagen, wenn sie beisammensaßen oder über Land flüchteten.

Ende Januar war die Generalversammlung der Gesellschaft Stapfer und Cie. Man kam in dem gleichen Hotel zusammen, wie bei der Gründung. Aber es herrschte nicht mehr die zuversichtliche Stimmung wie damals. Es schlich etwas Griesgrämiges um den grünen Tisch. Man wußte, daß die Dividenden sehr mager sein würden, ein armseliges Gerippchen. Als letzter der Aktionäre erschien Geierling. Er grüßte die Gesellschafter mit kühler Verbeugung. Die Verhandlungen schleppten sich verdrossen durch die Tagesordnung. Ferdinand schoß hie und da einen prüfenden Blick auf Geierling ab, der unbeweglich auf seinem Stuhl saß, an den Verhandlungen scheinbar keinen Anteil nahm und ganz in sein Notizbüchlein vertieft schien. Die Rechnungsprüfer erstatteten ihren Bericht, fanden alles in Ordnung und der Lage gemäß und beantragten Entlastung der Geschäftsleitung. Ferdinand wollte sie schon etwas übereilig als beschlossen erklären, als Geierling mit dem Bleistift gelassen auf den Tisch klopfte.

»Ich konnte leider die Rechnung nicht prüfen,« führte er aus, »Zeitmangel und andere Umstände haben mich daran verhindert. Ich gestatte mir deshalb, den Herren Rechnungsrevisoren ein paar Fragen vorzulegen zu meiner persönlichen Aufklärung. Das Haus Ferdinand Stapfer hat bei der Gründung unserer Gesellschaft als Apport unter anderem ein Färbepatent eingeworfen und dafür als Gegenwert die volle Ankaufsumme entgegengenommen, wenn ich nicht irre dreißig Mille. Während meiner Tätigkeit in der Fabrik ist die Erfindung nie verwertet worden. Würde ich zu Argwohn neigen, so müßte ich annehmen, das Haus Stapfer habe im Zeitpunkt der Gründung schon gewußt, daß das Patent nicht verwendbar ist. Ich wünsche Auskunft.«

Es entstand eine allgemeine Verblüffung. Reinhart meinte unter den Tisch zu sinken. Einer der Rechnungsprüfer stotterte ein paar Worte hervor. Der Betrag für das Patent ›Bichromat‹ finde sich wie jedes Jahr unter den Aktiven, es sei kein Grund gewesen, den Posten anzugreifen. Der Tuchhändler Schwegler glaubte sich zu erinnern, daß er seinerzeit Bedenken gegen das Patent geäußert habe. Er suchte in seinem Notizbuch, fand aber nichts. Alle Blicke hefteten sich auf Ferdinand. »Es ist richtig,« begann er mit gezwungener Ruhe, »daß wir das Patent bis jetzt nicht ausbeuten konnten, weil unsere Färberei dazu noch nicht imstande war. Jetzt aber liegt die Sache anders. Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitteilen zu können, daß wir seit Neujahr das Patent ausgiebig verwerten.«

Es ging ein Aufatmen um den Tisch. Ferdinand sah Geierling triumphierend an.

»Ich danke für die Auskunft,« begann Geierling wieder mit einer verbindlichen Verbeugung gegen Ferdinand. »Ich habe dem vom Herrn Präsidenten Mitgeteilten nur noch hinzuzufügen, daß ich sehr Nachteiliges über das neue Färbeverfahren gehört habe. Ich verlange eine Expertise.«

»Das ist unerhört!« brauste Ferdinand auf. »Ich weise die Verdächtigung, die in den Worten des Herrn Geierling versteckt liegt, mit Entrüstung zurück. Ich frage übrigens die Herren Gesellschafter an, ob sie seiner Forderung Folge geben wollen.«

In der Abstimmung blieb Geierling mit seinem Dutzend Aktien in der Minderheit. Ferdinand hatte schon wieder die Hauptfrage nach der Dechargeerklärung gestellt, als Geierling nochmals das Wort verlangte: »In der Apportliste figurierten, wie sich die Herren entsinnen werden, beträchtliche Ausstände. Ich erinnere an eine Forderung auf das Haus Thibaud Frères in Genf in der Höhe von beiläufig neununddreißig Mille. Ich erlaube mir die Anfrage, ob dieser Posten sich in irgendeiner Form in der Rechnung findet!«

»Er ist in den letzten zwei Jahren bis auf 5000 Fr. abgeschrieben worden,« klärte ihn einer der Rechnungsprüfer auf.

»Es war von uns leichtsinnig, uns im Zeitpunkt der Gründung nicht nach den Verhältnissen des Hauses Thibaud Frères zu erkundigen,« näselte Geierling. »Gleich verhält es sich mit einer großen Forderung auf das Haus Thor und Strickler in Basel. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese beiden Forderungen schon damals sich bei genauer Prüfung als non-valeurs entpuppt hätten.«

Nun grollte es wie Donner vom obern Ende des Tisches her: »Sie verstehen alle, was dieser Herr sagen will. Er will mich sträflicher Machenschaften zeihen. Warum hat er diese Dinge nicht in früheren Versammlungen vorgebracht? Weil er genau wußte, daß sie haltlos sind. Er hat ja selber geholfen, die Apportliste aufzustellen! Warum hat er, der doch selber Teilhaber werden wollte, die genannten Posten nicht beanstandet?«

»Ich notierte, was man mir vorlegte!«

»Nein, so unbedacht sind Sie nicht. Sie fanden eben, wie ich, alles in Ordnung.« Dann zu den andern gewendet: »Herr Geierling hat sich in unserm Geschäfte unmöglich gemacht, er hat unser Verhältnis zu den Arbeitern vergiftet, er hat uns schwer geschädigt, indem er uns zu dem mißlichen Abenteuer des Exportgeschäftes verleitete. Und weil ich ihn weder halten konnte noch durfte, will er sich jetzt an mir rächen. Alle diese niederträchtigen Verdächtigungen sind nichts anderes, als ein Racheakt. Meine Herren, ich werde kein Wort mehr zu meiner Verteidigung sagen. Sie haben zu wählen zwischen mir und jenem – – Herrn dort. Genießt er größeren Glauben bei Ihnen als ich, hat sich durch seine Angriffe auch nur ein Korn Mißtrauen in Ihnen festgesetzt, so verweigern Sie die Entlastung. Ich trete in Ausstand.«

Darauf versicherte ihn einer seiner politischen Freunde des unbeschränkten Zutrauens der Gesellschaft und verurteilte die Angriffe des Herrn Geierling. Die Decharge wurde mit allen Stimmen gegen die Geierlings erteilt, aber die Stimmung war sehr frostig geworden. Geierling erhob sich und preßte zwischen den Zähnen hervor: »Ich behalte mir weitere Schritte vor und empfehle mich.« Damit ging er.

Nach den Verhandlungen bot die Geschäftsleitung den Aktionären wie jedes Jahr ein Diner an. In der Ecke wartete der Champagnerkessel, der bewährte Sorgenverschwemmer, auf dem Tische standen französische Rot- und deutsche Weißweine; ein Salm, danach ein herrlicher Rehrücken wurden herumgeboten, alles duftete nach Lust und Heiterkeit und Gaumengenuß. Ferdinand schöpfte, sich munter stellend, aus den reichen Vorräten seiner Anekdoten und Witze, um die brüchige Gemütlichkeit zu flicken, aber er fühlte, daß alle von ihm abgerückt waren. Einmal bemerkte er, daß der Notar mit dem Bleistift auf dem Tischtuch drei Zahlen untereinander setzte und dann mit dem Teller zudeckte, und der Witz, den er eben zum Besten gab, verlor auf seinen Lippen alles Salz.

Reinhart fing ein kurzes, verstohlenes Geflüster auf:

»Wenn es so steht, müssen wir ihn exekutieren!« – »Selbstverständlich.« Es waren der Notar Kobelt und ein politischer Freund Ferdinands, die sich so verständigt hatten.

Als der Kellner die Schnüre der ersten Champagnerflasche löste und ihm alle, der Ablenkung froh, gespannt zusahen, verschwand Reinhart. Ihm war all die Zeit gewesen, sein ganzer Leib sei rot überlaufen. Ekel erfaßte ihn gegen die Leute, mit denen er zusammengesessen hatte, gegen den Ehrenmann, der von seinem Freund ganz gefühlsmäßig sagte: »Wir müssen ihn exekutieren,« während er ihn kurz vorher seines Vertrauens versichert hatte. Nur den Vater jetzt nicht sehen! Jutta hatte ihm vor zehn Tagen geschrieben, sie fahre zum Wintersport ins Engadin. Er suchte, zu Hause angelangt, seine Skier hervor, und ehe Ferdinand heimkehrte, floh er davon, den Bergen zu.

Die Homberg waren in St. Moritz, er nahm in Sils-Maria Quartier. Die Verständigung durchs Telephon war rasch erzielt und geriet ohne Lüftung des Geheimnisses. Am Eingang des Fextales traf Reinhart mit Jutta zusammen. Sie hatte schon eine stündige Fahrt hinter sich, ihre Wangen waren leicht gerötet und glänzten von Gesundheit. Sie trug ein weißes Kleid, einen tangofarbigen Sweater und eine ebensolche Mütze, die Augen leuchteten schelmisch und ausgelassen sogar durch die gelben Gläser der Schneebrille.

»Neu von den Hölzern bis zur Troddel der Mütze,« scherzte Reinhart, indem er sie bewundernd überschaute.

»Wir vermögen es jetzt!« lachte sie hell. »Komm, sonst verliebst du dich noch in mich!«

Sie stiegen gemächlich der Höhe zu. Der Himmel war ganz klar und von jener tiefen mit Schwarz gemischten Bläue, die manchmal den Bergwinter überwölbt. Die Schneediamanten spritzten ihr sprödes Licht blendend in die Augen, der Tannenwald legte sich wie ein schwarzer, struppiger Bart um Wangen und Kinn des Bergantlitzes. Sie kamen an der alten Kapelle von Cresta vorbei, die still zwischen der irdischen und der himmlischen Reinheit zu schweben schien. Und mit gleicher Reinheit schwang eben das Mittagglöcklein aus seiner luftigen Nische seine Töne in das Schneeland. Sie stiegen im Zickzack den steilen Wald hinan, von Lichtung zu Lichtung, an Stämmen vorbei, die gegen Süden von Sonnenlicht und Wiederschein gelbbraun gebrannt waren, unter Ästen durch, die in ihren Krallen Schnee- und Eisklumpen hielten, an Lärchen vorüber, die ihre braune Nacktheit in der Sonne wärmten. Über dem Wald, wo im Sommer die Rinderherden weiden, ragte die Lehne einer Bank aus dem Schnee hervor. Die beiden setzten sich darauf und schauten ins Land, auf die blauen Bergschatten, auf die Seen, die jetzt tischebene Schneeflächen bildeten, nach den Schneegipfeln, die jenseits des Tales wie die Zähne einer riesigen Säge in den Himmel stachen.

»Ich bin elend im Schmutz gewatet,« sagte Reinhart, »und nun diese Reinheit! Ich möchte mich darin baden.«

»Nicht so poetisch überschwänglich,« scherzte Jutta, »wo die Natur poetisch ist, braucht es der Mensch nicht auch zu sein, es reicht doch nicht!«

»Also zur Prosa! Bist du allein hier?«

»Was fällt dir ein! Tante Lilly muß mich doch chaperonieren. Auch Georg ist da und heute abend erwarten wir Direktor Geierling. Papa ist zu Hause, er hütet die Großmutter und ein bißchen die Fabrik und hat furchtbar viel Sorgen.«

»Sorgen?«

»Ach, er meint es ja nur. Es ist ihm alles so neu. Er läßt, wie ich glaube, Direktor Geierling schalten und walten, wie es ihm beliebt, die Hauptsache ist, daß er meint, alles ruhe auf seinen Schultern! Er stöhnt manchmal schrecklich. Da ist Tante Lilly anders. Sie geht auf wie ein Fastnachtsküchlein. Ganz stattlich ist sie geworden, man würde meinen, sie hätte bis jetzt Hunger gelitten, sie spricht nur noch von Aktien, Koupons, Bons oder Bonds, Papa und ich können den Unterschied nie recht machen, von Dividenden, Tantièmen, Renditen, es ist zum Jauchzen! Das verdanken wir dem Schwager. Er hat sie ganz hypnotisiert. Er kommt fast jede Woche einmal herüber und dann wird geschuftet und gerechnet, daß alle unsere Hausmäuse längst zu- und abzählen können und das Einmaleins dazu. Der Schwager gibt sein Pfarramt nächstens auf, um ins Geschäft einzutreten. Lach' doch nicht! Papa ist es nämlich sehr lieb und der Tante auch, von Minna nicht zu reden, ihr hat ja das Pfarrhaus nie recht gepaßt. Sie ist doch noch jung und hübsch und lebenslustig. Denke dir, der Pfarrer macht manchmal den Chauffeur, er versteht es ausgezeichnet. Gentleman-Chauffeur!«

»Ist es wahr, daß er sich jetzt in Privatbriefen Schalcher von Homberg ohne Bindestrich nennt?« spöttelte Reinhart.

»Ach, es hat jedermann sein Hoffartsfähnlein! Ich erlaube dir dann auch einmal, dich Stapfer von Homberg ohne Bindestrich zu schreiben.«

»Danke!«

»Ja, verachte das kleine Wörtchen nur! Es ist, wie soll ich sagen, eine Stelze, es macht größer. Ja, ja!«

»Kinder gehen auf Stelzen, die Kleinen!«

»Und finden ihr Vergnügen dabei. Auch Herr Geierling holt sein ›von‹ hervor. Lache nicht schon wieder! Seine Familie ist nämlich adelig, soll aber im achtzehnten Jahrhundert einen gemeinen Beruf ergriffen und das ›von‹ abgelegt haben. Jetzt holt er's wieder hervor und bläst den Staub davon!«

»von Geierling,« lachte Reinhart, »sehr schön!«

»Hellmut von Geierling klingt wirklich nicht übel! Er ist übrigens ein Erstürmer und Sieger, unser ganzes Haus ist entzückt von ihm,« sagte Jutta gedämpft. »Er hat sich geschickter bei uns eingeführt als ein gewisser Freiersmann. Er konnte die Tante schon nach vierzehn Tagen um den Finger wickeln. Er begleitet uns jeden Sonntag in die Kirche, findet Tantes Klavierspiel wunderbar, and so on

Die Eifersucht, gegen die er machtlos war, stieg in Reinhart auf.

»Wie würde sich von Geierling von Homberg mit oder ohne Bindestrich ausnehmen?« warf er Jutta von der Seite zu.

Sie lachte hell auf: »Ich hab' mich doch dir verschrieben, du Rauhgraf!«

»Aber du willst mich nicht gelten lassen! Ich soll immer ein anderer sein, einmal Schalcher, einmal Geierling, nur nicht ich selber.«

»Ich möchte dich eben tüchtig und zeitgemäß!«

»Gemäß dieser hohen Zeit!« lachte er und schlang leidenschaftlich den Arm um ihren Hals: »Wenn ich dich verlieren sollte!« stieß er hervor, »Wenn ich dich verlieren sollte!« Sie küßte ihn wieder und sann hernach ins Blaue und Weite.

In der nämlichen Stunde stiegen zwei andere Skiläufer, die, wie Reinhart und Jutta, Grund hatten, die besuchtesten Touristenpfade zu meiden, über Cresta zur Höhe empor. Jutta, deren Blicke freier waren als Reinharts, sah sie zuerst. »Da kommt Georg mit seinem Anhang,« sagte sie halb erschrocken, faßte sich aber gleich: »Nun, mögen sie!«

Georg und Paula schoben sich heran; das Mädchen war fast so elegant gekleidet wie Jutta, aber der oberste Knopf ihres Sweaters hing unordentlich an einem Faden herab. Georg fand sich mühelos in die Lage: »Da haben sich, scheint's, vier auf Schleichwegen ertappt!« lachte er frei heraus.

»Was schmuggelst du?« fragte Jutta, den Scherz aufnehmend.

»Liebe!« gab er zurück. Dann mit erhobenem Finger: »Man sagt, nirgends sei die Verschwiegenheit verläßlicher als unter Schmugglern.«

»Sei unbesorgt!«

»Auch ich habe nichts gesehen, das ist der Vorteil der Schneebrillen!«

Reinhart starrte Paula an. Eine Wut faßte ihn, vielleicht auch unbewußte Eifersucht, die ihm vortäuschte, er fühle sich für die Jugendgefährtin immer noch verantwortlich. Ehe er recht überlegt hatte, hatte er sie schon gekränkt: »Ihr Busenknopf ist sehr locker, Fräulein Holzer!«

Paulas Gesicht übergoß sich und sie sagte: »Verzeih!«

»Schulmeister!« rief Georg und hielt die Finger an die Mütze.

»Skiheil!« – – – »Skiheil!«

Georg und Paula stiegen bergan und verschwanden.

»Der Wandel bekam ihm nicht gut,« begann Jutta nach einer peinlichen Weile. »Es ist überhaupt seltsam mit dem Geld! Du solltest einmal sehen, wie ich im Hotel belagert werde. Ganz toll ist's! Es sind da fünf, sechs junge Jäger. Man schätzt mich auf zwei bis drei Millionen. Ich hab's neulich zufällig aufgefangen. Sie reden ja untereinander wie die Händler auf dem Viehmarkt. Wer hat mich vorher angeguckt? Der fade Herr von Steinfeld und der unpraktische Reinhart Stapfer. – Ich behandle sie aber auch entsprechend. Das solltest du sehen! Morgen ist eine Schlittenfahrt nach Pontresina verabredet. Da sollen sie was erleben!«

»Dann sehen wir uns also nicht?«

»Es geht nicht, die Fahrt ist seit vorgestern fest abgemacht. Nun bist du verstimmt!«

So war es. Paulas Erscheinen mit Georg und sein harter Angriff gegen sie, noch mehr als Juttas Ton und die Absage für den folgenden Tag, wurmten ihn. Er hatte das Bedürfnis, sich herunter zu setzen und klagte sich an: »Wie soll's werden? Ich bin keinen Schritt weiter, als damals auf dem See, weißt du? Manchmal möchte ich an mir verzweifeln: ich sei ein Nichtsnutz, ein Bergsteiger ohne rechte Ausrüstung und werde vor dem Gipfel abstürzen.«

»Ich wünschte dir nur die Hälfte von Geierlings Geschäftsgeist! Man muß ein bißchen Raubtier sein auf dieser Welt. Er läßt sich jetzt am kleinen linken Finger den Nagel wachsen wie eine Kralle. Es steht ihm nicht übel. By the by, es soll mit eurem Geschäft nicht zum besten stehen. Geierling bietet es herum. Er spricht von deinem Vater nicht eben liebevoll. Ich will seine Worte nicht wiederholen. Ich glaube, sein Bericht war für mich berechnet, wenigstens hat die Tante mich dabei seltsam gemustert.«

Reinhart schwieg. Er wäre am liebsten geflohen.

»Du mußt durchhalten, du mußt den Schimmel aus dem Sumpf reißen. Where there is a will, and so on. Man kann einstweilen ohne Geld nicht anständig leben. Soll ich in Arbeiterkleidern gehen? Ich bekomm' doch meine drei Millionen noch nicht!« suchte sie zu lachen. »Und gar, wenn ich dich nehme.«

»Komm, wir fahren ab,« drängte er. Fast ohne zu sprechen strebten sie zu Tal. Bei der Trennung sagte sie: »Du quälst dich. Reinhart!«

»Ja, ich glaube, ich quäle mich sehr,« entgegnete er.

Am folgenden Tag wurde Reinhart unruhig hin und her getrieben. Er sah von der Höhe einen Schlittenzug durchs Tal gleiten und hielt es in Sils nicht aus. Am Abend war auch er in Pontresina. Ein Dutzend Schlitten standen vor dem Hotel, aus dem Innern erschallte Tanzmusik, Gerede und Gelächter. Reinhart trat in den Speisesaal und bestellte sich eine Erfrischung. Durch die schleierhaften Vorhänge einer Glastüre drang der Blick ungehemmt in den Tanzsaal, der im Licht strahlte. Etwa zehn Paare bewegten sich nach einem amerikanischen Tanz durcheinander, alle in eleganten Sportanzügen. Reinhart entdeckte gleich Jutta. Auch Georg und Geierling waren da. Jutta war wie ein junges Pferd, ihr ganzer Körper sprühte Feuer und Eigenwillen. Was war dagegen der junge Mann, der sich an sie schmiegte? Eine Holzpuppe ohne eigenes Leben, ohne Willen, ohne Schwung. Der Tanz brach ab, man eilte ans Büfett, wo Schaumwein und Kaviarbrötchen standen. Man stieß an, man glänzte sich in die Augen, man lachte, man lockte an und stieß ab, in berechnetem Spiel, man zog sich fort und schritt in Paaren durch den Saal, oder stand kokettierend, witzelnd, sich spreizend in Gruppen zusammen, Pfauenmännchen und Pfauenweibchen. Jutta bildete den Mittelpunkt des kleinen Kranzes ihrer Zirkustiere. Auch Geierling war darunter, hielt sich aber diplomatisch klug zurück. Jutta hatte sich auf einen Diwan gesetzt, die andern standen um sie. Sie räkelte sich ein wenig, strich eine ihrer blonden Locken zurück, zupfte eine andere leicht in die Stirne, ihre Fußspitzen und ihre Finger waren wie spielende Kätzchen, ihre dunkeln Wimpern machten aus ihr eine Zauberin oder Hexe im Feenkleid. Reinhart vernahm die Worte nicht, aber er merkte an den Mienen, am Lachen oder Kichern, am wiegen der Körper oder Abwehren der Hände, daß sie die Peitsche über ihrem Zirkus schwang. Sie schien sehr vergnügt zu sein, ohne Mißachtung für ihren Kreis, kühl beseligt im Glanz ihrer bestaunten, angebeteten, begehrten Schönheit. Reinhart war nun eher von Mitleid oder Trauer, als von Eifersucht bewegt, denn er erriet durch die Scheiben das seichte Geschwätz und hohle Gebaren dieser seelenlosen Sportpuppen, und ihm schien, Jutta gefalle sich darin und wünsche sich augenblicklich nichts Höheres. Er hoffte, sie werde ihn entdecken und zu ihm kommen, aber sie war so sehr Zirkusmeisterin, daß ihr kein Blick nebenaus irrte, »Sie wird dich in die Finsternis hinausstoßen,« wälzte es sich Reinhart schwer durch den Sinn. »Sie ist innerlich kalt und darum so verführerisch, eine Tierbändigerin.« Der Tanz hatte wieder begonnen. Reinhart zog eine Visitenkarte hervor und gab sie dem Kellner mit der Weisung, nach dem Tanz nach Fräulein von Homberg zu fragen und sie ihr zu reichen. Jutta kam strahlend durch die Glastüre in Begleitung eines jungen Herrn. Ihre Freude schien ungekünstelt und war es wohl auch, »Wir sind so vergnügt, wie schade, daß du die neuen Tänze nicht magst. Du mußt sie wirklich auch lernen, sie gehören nun einmal zur ganzen Mechanik.« Sie wandte sich an ihren Begleiter: »Herr Stapfer ist nämlich sehr ernst, ein Bücherwurm, huu!«

»Ei, vortrefflich,« näselte der Angeredete, »da können Sie mir ein Rätsel lösen. War gestern mit einem Freund auf der Halbinsel, äh, Chastè und habe dort einen Denkstein vorgefunden. Wer war denn dieser, – na – Nietzsche? Mein Freund meinte, ein Schriftsteller, homme de lettres, und ich glaube einmal gehört zu haben, er sei ein berühmter polnischer Bergsteiger gewesen.«

»Ein Bergsteiger,« versicherte Reinhart mit steinernstem Gesicht, »ganz gewiß, immer auf der Suche nach Höhenwegen und Spitzen.«

»Aha, also doch Sportsmann? Werde das nächstemal Hut vor dem Stein ziehen.«

»Sportsmann,« stimmte Remhart bei, »leidenschaftlicher Verehrer der Muskelkultur, der Indianertänze und der Kaviarbrötchen. Auch Erfinder einer Sportmütze, genannt ›Zarathustra Tip-Top‹!«

Jutta lachte hell auf und drohte Reinhart mit dem Finger. Ihr Kavalier roch den Pfeffer und verabschiedete sich kühl. Die Musik schlug wieder an. »Es wird Tango getanzt, komm, schau uns zu. Geierling hat ihn sich ausgebeten. Er tanzt famos, alle modernen Steps. Mach' doch kein so böses Gesicht! Man tanzt doch lieber mit einem guten Tänzer als mit einem steifbockigen. Wir sehen uns nachher noch, Darling, gelt?«

Reinhart stürzte hinaus und davon. Am Morgen packte er seinen Koffer und reiste ab. Die ganze Nacht hatte er über Jutta nachgesonnen. Wenn sie nicht herausgerissen wurde, verfiel sie ganz der Nichtigkeit ihrer Umwelt. Aber was vermag ein Gefesselter, ein Gelähmter, ach Gott, einer, der draußen im See ein Kind ertrinken sieht und nicht schwimmen kann. »Ich will ihr schreiben, ich will ihr die Augen aufreißen. Sie sieht ja den Morast nicht.«

Als er aus dem blendenden Schneeglanz in den großen Tunnel einfuhr, war ihm, er versinke in ewige Nacht und Trostlosigkeit. Wie aus unendlicher Ferne und Verlorenheit glänzten in seinem Auge Bergreinheit, strahlender Himmel und blaue Schatten. Mitten im Tunnel stieß er aus seinem Sinnen laut hervor: »Man möchte ein Hund sein, der kann doch heulen, wenn es ihn würgt.« Ein Herr, der ihm gegenüber saß, fragte verwundert, was er meine. Reinhart besann sich auf die Erklärung zu seinem Gestöhne: »Ich habe heute einen Hund gesehen, der den Schlitten eines Lumpensammlers zog, und habe mich nun gefragt, ob so ein Hund aus Lust oder Verzweiflung so erregt bellt.« Der andere sah ihn mißtrauisch an und vertiefte sich in eine Zeitung, obschon bei dem schwachen Licht das Lesen unmöglich war.

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