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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
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Fünftes Kapitel

Ein Novembersturm

Reinhart kam verspätet in die Fabrik. Die Mutter war in ihrer Gebrechlichkeit auf der Treppe gefallen und ohnmächtig liegen geblieben. Reinhart hatte sie auf ihr Bett getragen, wo sie erst nach längerer Zeit die Augen wieder aufschlug, aber ohne etwas zu erkennen. Sie schien nun ganz erblindet zu sein. Ferdinand war fort, die Wintersitzungen der Räte hatten begonnen.

Im Bureau ließ sich Reinhart wie im Taumel auf seinen Stuhl fallen. Er vermochte nicht zu arbeiten. Er fing einen Brief an, warf aber die Feder nach den ersten Strichen wieder weg, und brütete der Finsternis der Mutter nach. Draußen stürmte der November gegen Mauern und Scheiben.

Aus dem Schreibmaschinenzimmer schlurfte ein kleines dünnes Männchen mit wohlgepflegtem grauen Backenbart und einer stark gewölbten Brille. Ein schäbiger schwarzer Gehrock schlotterte ihm um die Knie, die Füße flotschten in ausgetretenen roten Pantoffeln. Es war der Buchhalter Zweidler, der Eckart des Hauses. Er zog die Türe sorgfältig hinter sich ins Schloß, schob sich ganz nahe an Reinhart heran und flüsterte ihm sein Anliegen ins Ohr. Er sprach im Bureau nie anders als im Flüsterton, was ihm etwas Verschwörerisches gab, obschon er die harmloseste und treueste aller Bureauseelen war.

»Es ist einer drüben,« ließ er sich vernehmen, »der Sie zu sprechen wünscht, ein Chemiker mit einem Färbeverfahren. Seien Sie auf der Hut, es kam schon mancher mit dergleichen daher. Ha, ha! Wir haben, es sind beiläufig vier Jahre her, ein solches Patent erworben, für teures Geld. Schwindel, niederträchtiger Schwindel!«

»Es wäre mir lieb, wenn Herr Geierling den Reisenden empfinge. Wo ist er?« unterbrach ihn Reinhart, der sich zweifelhafte Geschäfte gern vom Leibe hielt.

»Er ist in den Sälen. Das wird nicht gut, Herr Stapfer Sohn, immer diese Reibereien!« flüsterte Zweidler. »Ich arbeite jetzt fünfundzwanzig Jahre mit unserem Herrn Stapfer Vater zusammen, aber so gereizt waren die Arbeiter noch nie.« Seine Stimme wurde noch gedämpfter und sein Gesicht tief besorgt, als er kaum vernehmlich hauchte: »Es wird blitzen, es wird krachen, es wird donnerhageln.«

Das war ein Liedchen, das Reinhart in den letzten Monaten schon oft von ihm gehört hatte. »Schicken Sie mir den Farbkünstler,« sagte er, um der Unterhaltung ein Ende zu machen.

Ein kleiner dicker Herr in dunkelgrünem Jakettanzug schritt herein. »Ich bin,« sagte er mit lächelnder Jovialität, »ein grüner Heinrich, und zwar der echteste, der je auf Erden wandelte.« So schwatzend zog er aus einem Köfferchen verschiedene grüngefärbte Wollsträhnen hervor. »Ich besitze ein Grün, ich sage Ihnen: licht-, wasch- und kupferecht. Ich habe es »Immergrün« getauft.«

Reinhart hatte ihm nur halb zugehört. Jetzt aber, nachdem das Wort Immergrün gefallen war, schoß es ihm durch den Sinn, daß er tags zuvor Wäspi und Geierling in eifrigem Gespräch gesehen hatte. Der Intrigant Immergrün, Geierling und das Farbpatent schlossen sich in seinen Gedanken zu einer Bedrohung zusammen. Ein kleiner Zwischenfall bei der Gründung der Aktiengesellschaft tauchte vor ihm auf. Hatte nicht damals ein Färbepatent zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen Ferdinand und dem Tuchhändler Schwegler geführt? Er erinnerte sich nicht mehr genau an den Auftritt, es war ihm nur geblieben, daß Schwegler die Aktionäre einen nach dem andern ansah und dann, als er keine Gegenblicke fand, eine Notiz in seinen Taschenkalender eintrug und daß Geierling sich verschmitzt an der Nase gekratzt hatte. Ein Verdacht stieg in Reinhart auf. Wenn das Patent nichts taugte, so hatte sein Vater die Gesellschaft geschädigt, be.... Es wurde ihm ganz heiß. Er ersuchte den Chemiker, zu gelegenerer Zeit wieder zu kommen und wollte eben den Buchhalter zu sich hereinrufen, um Näheres über das Patent zu erfahren, als Herr Geierling ins Bureau zischte: »Die reinste Rotte Korah! Kein Pflichtgefühl, keine Disziplin in den Knochen! Ich habe den Holzer, diesen Ekel, hinausgeschmissen.«

»Was hat er denn verbrochen?« fragte Reinhart.

»Er weiß, daß Sie ihn immer schützen, darum ist er so unverschämt geworden.«

»Er ist ein guter Arbeiter.«

»Was nützt das, wenn er die ganze Fabrik verhetzt?«

»Ich kann diese rasche Kündigung nicht gutheißen. Ich habe mit dem Holzer auf der gleichen Schulbank gesessen ....«

»Die Frage stellt sich so: Entweder er oder ich! Es geht um die Autorität. Ist denn das so schwer zu verstehen?«

Es entstand eine lautlose Stille, während der die beiden sich scharf in die Augen sahen. Aus dem Nebenraum huschte der Schatten Zweidlers herein: »Hören Sie? Hören Sie nichts?« flüsterte er ängstlich.

Alle drei horchten nun. Sonst pulsierte durch die Wände und Böden das Getriebe der Maschinen, unter dem das ganze weitläufige Gebäude beständig leise erbebte. Jetzt war plötzlich die Stille eines Sarges eingetreten.

»Die Fabrik steht,« sagte Reinhart verwundert.

»Natürlich, die Fabrik steht,« hauchte der Buchhalter.

»Sagt ich's nicht? Rotte Korah!« stieß, Geierling hervor und ballte die Fäuste.

»Nun haben Sie die Antwort,« warf ihm Reinhart hart zu.

»s'ist gut, wenn die Kraftprobe mal gemacht wird.«

»Der Konflikt hätte vermieden werden sollen. Sie haben eine unglückliche Art, mit den Arbeitern zu verkehren.«

»Wollen Sie mir vielleicht Belehrungen erteilen?« »Das will ich freilich. Sie verstehen unsere Arbeiter nicht.«

»Sie werden nur da frech, wo sie keine feste Hand spüren.«

»Ich erlaube Ihnen nicht, in Abwesenheit meines Vaters so zu sprechen.«

Geierling zuckte die Achseln, der Buchhalter verschwand kopfschüttelnd und man hörte sein zerquetschtes Stöhnen: »Es wird blitzen, es wird donnerhageln!«

Von der Treppe her vernahm man jetzt polternde Schritte und erregte Stimmen. Es klopfte heftig gegen die Türe und gleich wurde sie aufgestoßen. Ein paar Arbeiter, unter ihnen David Holzer, traten ein, alle mit geröteten Gesichtern. David stellte sich vor Geierling hin, wandte sich aber nicht an diesen, sondern an Reinhart, dem er trotzig seine behaarte Brust zukehrte. Sein Hemd war vorn aufgerissen.

»Wir haben Beschwerde zu führen,« knirschte er. »Herr Geierling glaubt, wir lassen uns behandeln wie Sklaven.«

»Wir reden nicht mehr mit Ihnen,« fuhr ihn Geierling an. »Sie wissen, daß Sie entlassen sind.«

»Das geht nicht so schnell,« gab David höhnisch zurück. »Es gibt eine Kündigungsfrist und eine Organisation. Meine Mitarbeiter haben mich dazu bestimmt, ihre Klagen vorzubringen.«

»So ist's,« bestätigten die andern.

»Wir verlangen erstens, daß Herr Geierling in einem angemessenen Tone mit uns verkehre.«

»Paßt Ihnen mein Ton nicht, so wissen Sie, daß es der Ton des Vorgesetzten ist,« warf Geierling kalt und überlegen hin. »Ich weiß, wie man mit einem Frechling zu reden hat.«

David zog die Achseln ein, schloß die Oberarme an den Leib und schob die Fäuste leicht vor, gleich einem Raubtier, das sich zum Sprung zusammenfaßt. Er blickte Geierling in die Augen, seine Worte waren aber wieder an Reinhart gerichtet, »Wir verlangen zweitens die längst dringliche Lohnaufbesserung.«

»Und drittens fordern wir, daß die Entlassung Holzers rückgängig gemacht werde,« brachte ein anderer vor.

»Mein Vater ist abwesend,« antwortete Reinhart. »Ich werde ihn von allem unterrichten, Sie sollen bald Bescheid haben. Ich ersuche Sie, jetzt wieder an die Arbeit zu gehen.«

»Der Ausstand ist beschlossen,« klang es ihm hart entgegen.

Geierling schritt ein paarmal wie unbeteiligt im Zimmer auf und ab und rieb sich mit einem Fetzchen Hirschleder den Zwicker klar. Dann stellte er sich breit vor Davids Begleiter: »Seid vernünftig, Leute, nehmt die Arbeit wieder auf, bei einem Streik kämt Ihr doch auf das kürzere Brett zu sitzen. Wir haben die Macht, wir.«

»Sagen Sie uns zuerst, daß das mit dem Holzer rückgängig gemacht wird,« hielt ihm ein Alter entgegen.

»Seid doch froh, wenn Ihr den los werdet,« erwiderte Geierling, »er ist Euer Feind, er macht Euch unzufrieden, er wird Euch noch brotlos machen.«

»Wir kennen ein Wort, das heißt Solidarität,« gab David statt der Angeredeten zur Antwort.

Reinhart wendete sich an den ältesten der Arbeiter: »Schenkel, ich glaube, Sie sind in dem Geschäft Stapfer, seit es besteht? Haben Sie schon einmal gestreikt?«

»Nein. So lange der Herr Stapfer allein war, war das nie nötig.«

»Und Sie wollen jetzt, während er abwesend ist, die Arbeit niederlegen? Ihn so kränken? Denn es wird ihn tief kränken!« Reinhart sah, daß es in dem Alten arbeitete, und fuhr fort: »Wer wollte denn in einer bösen Viertelstunde das alte gute Verhältnis zerstören? Schieben Sie den Streik auf, bis mein Vater mit Ihnen gesprochen hat.«

»Reden Sie selber mit den Arbeitern,« entgegnete endlich der Alte, und David trotzte: »Wir können von uns aus nichts an dem Beschluß ändern.«

»Versammeln Sie sich im Saal Nummer 2, ich komme gleich hinüber.«

Die Arbeiter gingen, Geierling schnob im Zimmer auf und ab: »Das ist eine Feigheit, so geht alle Autorität zum Teufel. Wer zum Arbeiter geht, vergesse die Peitsche nicht.«

Die Arbeiter standen unbeweglich an den Wänden und in den Gängen zwischen den Webstühlen, als Reinhart und hinter ihm Geierling eintraten. Es war der erste Ausstand, den sie anders als in der Theorie und in Gedanken ins Werk setzten. Sie waren über sich selber erstaunt und von der Neuheit ihres Unternehmens und ihrer Lage befremdet. Reinhart wandte seine ganze junge Beredsamkeit auf, um die Versöhnung herzustellen und meinte schon in den starren Gesichtern ringsum eine Entspannung zu entdecken, als der scharfe Offizierston Geierlings darein schnarrte: »Schneidige Bauch–rednerei vor solcher Kerntruppe.«

Mit einem Schlag änderte sich die Lage. Der Saal verwandelte sich in ein wildes Tier, das sich knurrend vom Boden erhob und die Tatzen zum Griffe straffte.

»Hinaus mit ihm!« schrie einer, und »Hinaus! hinaus!« Knurrte, knirschte und grollte es von allen Seiten. Das Raubtier streckte seine Pranken langsam vordrängend gegen Geierling aus, es schlich den Wänden nach, um sich hinter Geierlings Rücken der Türe zu bemächtigen. Er erkannte Absicht und Gefahr und entschwand geschmeidig durch die Öffnung. Nun brach ein wildes Gejohle los. Als es verstummte, ließ sich Davids Stierstimme hören: »Sieg!« und alle schrien ihm zu: »Sieg! Sieg!«

Reinhart stand ratlos und verwirrt inmitten der aufgeregten Menschen. Da dröhnte wieder David durch den Saal: »Ruhe! Ich bin jetzt der Meinung, daß wir die Arbeit wieder aufnehmen und nichts weiter anfangen, bis Herr Ferdinand Stapfer da ist.« Die Arbeiter standen wieder unbeweglich, nachdenkend und unentschlossen da, dann aber suchte einer nach dem andern wortlos seine Maschine auf. Reinhart eilte aufs Bureau, um den Erfolg zu melden. Geierling nahm seinen Bericht mit dem Rücken entgegen. Als er sich umwandte, spielte ein hochmütig verächtliches Lächeln unter seinem gesträubten Schnurrbart. Reinhart horchte in das Fabrikgebäude hinaus. Ein paar Minuten verstrichen, das Haus blieb still wie ein Leichnam. Dann fing das Herz der Fabrik wieder zu pochen, das Blut zu brausen an. Reinhart jubelte, auch in ihm klang es wie: »Sieg! Sieg!« Geierling lachte: »Da sehen Sie Ihre Maulhelden!«

Gegen Abend traf Ferdinand ein und ließ sich von Reinhart das Vorgefallene erzählen. Er schien müde und niedergeschlagen. »Wir werden diesen Holzer ausladen müssen,« sagte er endlich. Reinhart rückte dem Vater auf dem Stuhl näher: »Nein, wir müssen diesen Geierling ausladen.«

Ferdinand zog sich zusammen und sah ihn groß an: »Wie denkst du dir das?«

»Er ist der böse Geist des Geschäftes mit seinem ewigen Kehrreim von der Kraftprobe, mit seiner skrupellosen Geschäftsauffassung und seiner Verachtung des Arbeiters.« Ferdinand sagte dumpf: »Ohne ihn lägen wir wahrscheinlich schon lange am Boden. Er ist eine ungewöhnliche Kraft.«

»Wirklich?« rief Reinhart. »Er hat das Geschäft auf den Export gestellt und ruiniert. Mit ihm kam die Großmannssucht zu uns und der Gründerteufel.«

»Er hat Kapital beigesteuert, das zeugt dafür, daß er es redlich meinte.« Es fiel Ferdinand schwer zu gestehen, daß er sich in einem Menschen verrechnet hatte.

»Er hat fast seinen ganzen Einsatz wieder abgestoßen,« entgegnete Reinhart.

»Das haben wir doch auch getan,« sagte der Vater mit unbedachter Offenheit.

»Das ist mir neu!« rief Reinhart bestürzt.

»Jedermann macht das doch so,« gab Ferdinand ärgerlich zurück, »und kurz und gut, ich kann jetzt Geierling nicht hinausbugsieren!«

»So hast du dich ihm ausgeliefert?«

»Schwatz keinen Unsinn!«

Reinhart hörte aus dem Ausruf die Bestätigung seines Verdachtes, Ferdinand hatte ihm einen erschrockenen, aber bösen und harten Blick zugeworfen. Reinhart ließ sich aber davon nicht abschrecken, er war entschlossen, den Kampf gegen Geierling heute auszufechten. Er stand auf, ging ein paarmal überlegend im Zimmer auf und ab und blieb dann vor dem Vater stehen, der ihn neugierig und unsicher beobachtet hatte.

»Ich glaube, es sind Fehler in deiner Rechnung,« setzte er wieder an. »Du glaubst an Geierling, an sein Talent und seine Methode, und du glaubst, er werde Küngold und mit ihr quasi unser Geschäft heiraten.«

»Und nun?« stieß Ferdinand hervor.

»Und nun? Das wird er nie und niemals!«

»Küngold weiß ihn nicht zu fesseln.«

»Ach, das arme Kind spielt ja gar keine Rolle in seiner Maschinerie! Geierling ist ein Mensch, der nicht mit Seelen, sondern mit Bankscheinen rechnet, und seit er gemerkt hat, daß wir nicht stehen, wie er meinte ....«

»Schweig! Das ist Schwärzung.«

»Machen wir die Probe, wir müssen auf jeden Fall heute mit ihm reden!« Entschlossen ging Reinhart zum Telephon und ersuchte Geierling, herzukommen.

Ferdinand war diese Entschiedenheit Reinharts ebenso neu als unerwünscht. »Du solltest nach der Mutter sehen,« sagte er, »ich spreche mit Geierling am besten unter vier Augen. Du bist gereizt, du – – –«

»Ich wünsche dabei zu sein.« Er setzte sich fest auf einen Stuhl nieder. Wäre Ferdinand noch der alte gewesen, er hätte ihn kurzerhand hinausgeworfen, aber er ergab sich mutlos in die Lage. Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.

Geierling trat sehr geschmeidig ein. Sein Schnurrbart schien noch höher gebürstet als sonst. Ferdinand begann möglichst ruhig und sachlich, aber mit merklicher Unsicherheit: »Es sind heute unliebsame Dinge vorgefallen, Dinge, die vermutlich auf – – taktische Fehler zurückgehen, wie meistens in ähnlichen Fällen. Mein Sohn behauptet, Sie hätten die Arbeiter seit längerer Zeit gereizt. Tatsache scheint zu sein, daß die Auflehnung in erster Linie Ihrer Person galt. Selbstverständlich kann von Sie verletzenden Zugeständnissen nicht die Rede sein, aber der Ursache des Zerwürfnisses müssen wir doch nachspüren. Darf ich Sie bitten, Ihre Ansicht zu äußern?«

»Ich lasse mich auf ein solches Verhör nicht ein, Herr Oberst!« Das Wort Oberst hatte einen fast höhnischen Klang. »Ich darf behaupten, daß ich die Hauptlast des Geschäftes trage, daß ich überall sein muß, daß man es mir überläßt, Nachlässigkeiten, Bummeleien, Fehlern aller Art nachzugehen und die Ertappten zu rüffeln. Ist es da verwunderlich, wenn die Arbeiter in mir den schwarzen Domino erblicken? Werde ich von Ihnen im Stiche gelassen, geht dieser Holzer als Triumphator aus der Keilerei hervor, so werde ich die Konsequenzen zu ziehen wissen!«

»Seien Sie beruhigt, davon kann nicht die Rede sein!« suchte ihn Ferdinand zu beschwichtigen.

»Doch, davon muß die Rede sein,« fuhr Reinhart dazwischen. »Ich halte es nicht für wünschenswert, ich halte es geradezu für unmöglich, daß Herr Geierling fernerhin direkt mit den Arbeitern verkehre.«

»Und ich werde bei dem alten Schlendrian nicht weiter mitmachen,« knirschte Geierling.

»Ich verbitte mir dieses Wort!« brauste Ferdinand auf, der sich persönlich angegriffen fühlte und in dem das alte unbedachte Temperament aufloderte.

»Ich habe keinen Grund, mein Wort zurückzunehmen! Und um es kurz zu sagen: Wenn ich im geringsten Punkt desavouiert werde, trete ich zurück.«

»Sie stellen mir ein Ultimatum?«

»Wenn Sie es so nennen wollen, ja!«

Es entstand eine lange Pause, während welcher Geierling und Reinhart sich mit den Augen maßen. Ferdinand erinnerte sich an Diplomatenkünste und an die Hilfe, die oft von der bloßen Zeit geleistet wird: »Ich bin dafür, heute keine Entschließungen zu treffen, sie würden sich bald als übereilt darstellen. Schlafen wir über der Sache und kommen wir morgen um zehn Uhr wieder zusammen. Auf acht Uhr hat sich eine Abordnung der Arbeiter bei mir angesagt, da wird sich manches aufklären.«

Geierling ging mit einer kühlen Verbeugung gegen Ferdinand davon, Reinhart würdigte er keines Blickes.

»Er wird uns den Sack hinwerfen,« sagte Ferdinand tonlos.

»Das soll mich freuen!«

»Du bist heute verrückt! Wer soll ihn ersetzen?«

Reinhart besann sich einen Augenblick und sagte dann bestimmt: »Ich.«

Ferdinand stieß eine kurze Lache aus.

»Komm, laß uns nach der Mutter sehen!«

Sie stiegen hinauf und Ferdinand erkundigte sich mit fast weicher Stimme nach ihrem Ergehen.

»Wie steht es im Geschäft?« fragte Frau Ulrike, um das Gespräch von sich abzulenken.

»Es ist soeben zum Bruch mit Herrn Geierling gekommen,« gab ihr Reinhart Bescheid.

»Dein Sohn will ihn ersetzen,« fügte Ferdinand mit einem bösen Aufwerfen der Oberlippe hinzu.

»Ist das Unglück so groß?« tönte es tapfer aus den Kissen der Blinden.

»Er wird mir kein gutmütiger Feind sein.«

»Was soll er uns anhaben?« erwiderte Frau Ulrike gläubig, »Feinde sind nur schlimm, wenn sie einen Helfer in uns selber haben.«

Ferdinand wich Reinharts forschenden Blicken aus und sagte kaum vernehmbar: »Feindschaft findet immer einen Dolch.« Dann mit einem Ruck sich an Küngold wendend: »Es geht auch um dich, mein Kind.«

»Ja, ich weiß. Unter euch Geschäftsleuten ist man ja Ware!« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie verließ eilig das Zimmer. Reinhart folgte ihr.

»Ich bin unheilbar verrückt,« stöhnte Reinhart, als er sich in seinem Zimmer auf einen Stuhl warf. »Seit Jahren will ich mich aus dem Teufelsgarn loswinden und verstricke mich immer hoffnungsloser in den Maschen! Selbstmörder! Kinderwahn, man werde geboren, um sein eigenes Leben zu leben! Man wird geboren wie ein Weizenkorn: für die Sichel, für den Flegel oder die Dreschmaschine, für den Mühlstein, für die Backmulde, für die knetende Faust, und so weiter, bis man verschlungen wird. So geht es mir, so erging es dem Vater! Was für ein starker, aufrechter und stolzer Mann war er doch! Da kam der Versucher, wie einst in der Wüste. In Gestalt eines Wahns. »Spiele die Allmacht!« raunte ihm der Wahn zu. »Klettere höher und höher im Gestein! Was sind dir Frau und Kinder, was die festen Grundlagen des Lebens?« So stieg er die morsche Felswand hinan, bis sich seine Füße nicht mehr sicher fühlten. Er band sich in der Not mit einem verwegenen Führer ans Seil, versuchte sich in Kniffen und Griffen aller Art, und merkte nicht, daß ihn der Führer in immer fauleres Gestein verleitete und das Messer bereit hielt, um das Seil zwischen ihnen zu zerschneiden.«

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