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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
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Viertes Kapitel

Ein Kluger geht auf die Freite

Es war am ersten Sonntag im Oktober. Ferdinand hatte sich in sein Arbeitszimmer eingeschlossen und ging mit langen Schritten um den Tisch herum, auf dem Papiere ausgebreitet oder zu kleinen Stößen aufgeschichtet lagen. Zuweilen warf er sich auf einen Stuhl, schleuderte mit einem Tintenstift Zahlenreihen auf ein Blatt, um dann seinen nervösen Gang fortzusetzen. Er sah zerquält aus.

Draußen pochte es behutsam an die Türe. Er stand mit einer unwilligen Gebärde still, streckte die Hand nach einem Papierbündel aus und warf es wie eine Sünde in eine Schublade. Dann setzte er sich und stierte nach der Türe. Wieder pochte es. Er rührte sich nicht. Die Stimme seiner Frau ließ sich vernehmen: »Es will jemand zu dir, Ferdinand.«

Zögernd schob er den Riegel zurück. »Es ist unmöglich, in diesem Windkessel eine Minute für sich zu sein!« schnauzte er Frau Ulrike an. »wer ist's denn?«

»Doktor Wäspi.«

»Was will denn der Windhund schon wieder? Geschäftigkeit in Ehren, aber – – –« »Er läßt sich nicht abweisen. Er ist im Gehrock, weiß Gott, er kommt wegen Küngold!«

»Hol' ihn der Pechsieder! Legt man sich für einen solchen Kerl ein wenig ins Zeug, so leitet er daraus gleich ein Menschenrecht ab. Er mag warten! Da hab' ich noch etwas für dich. Setz dich einen Augenblick!«

Er räumte rasch den Tisch ab und griff nach einer Zeitung, die er vorher auf einen Stuhl geworfen hatte. »Da hab' ich's.« Er las: »Die Firma Luternau A.-G. in Aarwald wird unter dem Namen Homberg und de Luternau weitergeführt.« Er stieß ein trockenes Lachen aus. »Was sagst du dazu? Gibt es nicht possierliche Dinge in dieser Welt? Unser altes Landesmobiliar will sich nun doch noch des Geldes erbarmen! Ich sag's ja immer: wenn ein Wind weht, bläst er in alle Segel! Aber warum ich dir das sage: Reinhart sollte nun Attacke reiten. Dem alten Homberg muß ein Schwiegersohn, der etwas von der Fabrikation versteht, wie eine Himmelssendung vorkommen.«

»Dräng' Reinhart nicht in dieses Geschäft hinein,« bat Frau Ulrike.

Er warf ihr einen harten Blick zu: »Oh, was für Verdruß mir dieser Querkopf macht! Will ich ihn zügeln, so brennt er durch, sporn' ich ihn, so bockt er. Sprich du mit ihm, aber ohne daß er merkt, daß ich .... Nun, du verstehst! Sag' ihm, jetzt habe er es nicht mehr mit dem Junker Hans Beat zu tun, sondern mit dem Fabrikanten Homberg. Das sei ein Unterschied. Man steht jetzt auf dem gleichen Brett, wir vielleicht etwas sicherer, weil wir etwas von diesem Schaukelbrett verstehen .... Und nun laß mir den Windhund kommen! Begehrt er Küngold, so muß ich ihm auf die Finger Klopfen, ich habe andere Pläne.«

»Ach, laß doch die Kinder ihren Weg selber finden, du mußtest es einst auch,« seufzte die Frau.

»Ich wußte, was ich wollte,« brauste Ferdinand auf, »die Jungen aber benehmen sich, wie wenn die ganze Welt Blindekuh spielte.«

Sie ging. Ein paar Augenblicke später hüpfte Immergrün über die Schwelle, plötzlich schien es ihm zum Bewußtsein zu kommen, daß die Stunde einige Feierlichkeit erheische, und er nahte sich Ferdinand mit den gemessensten Bewegungen, deren seine etwas zu kurzen unteren Gliedmaßen fähig waren. Die linke Hand stak in einem grauen Glacéhandschuh, die rechte war für den Handschlag frei. Man setzte sich. Ferdinand, um der ihm widerwärtigen Feierlichkeit einen Stoß zu versetzen, bot dem Besucher, wie es seine Gewohnheit war, Zigarre und Streichhölzer an und schob einen mächtigen Aschenbecher vor ihn hin.

»Was bringen Sie Gutes?«

Immergrün hatte sich seine Ansprache stilvoll zurecht gemacht und fand sich nun durch Ferdinands Formlosigkeit in die Lage eines aus dem Geleise geworfenen Rollwagens versetzt. Er hatte zwei Angelegenheiten vorzubringen, und begann nun, gegen seine ursprüngliche Absicht, mit der rein geschäftlichen. Den Anfang seiner Rede konnte er immerhin fast unverändert verwenden, »Verehrter Herr, Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze und wie sehr es mich danach verlangt, Ihnen meine bescheidenen Kräfte zu widmen. Wie ein General Offiziere braucht, so auch braucht ein Parteiführer einen Stab zuverlässiger Unterführer, die seine Gedanken auswirken und in die Weite tragen. Ich bin entschlossen, mein Leben der Öffentlichkeit und dem allgemeinen Wohl zu weihen ...«

»Sie lassen Ihre Zigarre ausgehen, Herr Doktor,« unterbrach ihn Ferdinand.

»Macht nichts, ich bin ohnehin kein perfekter Raucher. Doch, was ich sagen wollte: Der Idealismus ist die schönste Sache von der Welt, aber Idealismus ist ein Abstraktum und der Mensch ist ein Konkretum, und zwar ein lebendes und bedarf als solches des Unterhaltes ...«

»Unbedingt,« unterstützte ihn Ferdinand etwas belustigt.

»In meinem Alter muß man sich seine Lebensstellung schaffen, wenigstens das feste Fundament dazu. Ich habe nun mehr als ein halbes Jahr am ›Patrioten‹ gearbeitet, aber, ich bedauere das sagen zu müssen, ohne eine rechte Genugtuung zu finden. Man macht mir tagtäglich Schwierigkeiten, meine Artikel liegen oft wochenlang auf dem Redaktionstisch, manche sind schon spurlos verschwunden, und nicht die schlechtesten, kurz, man will mich nicht hochkommen lassen, und wüßte man nicht, daß Sie hinter mir stehen, man hätte schon lange die Stiefelsohlen an mir probiert. Sie gestatten, daß ich ganz offen rede. Der politische Teil des Blattes ist ungenügend redigiert. Nehmen Sie die Beiträge gelegentlicher Mitarbeiter weg,« – er machte eine Verbeugung gegen Ferdinand – »so bleibt viel Spreu und wenig Korn übrig. Darunter muß nach und nach die ganze Partei leiden. Ein Parteiorgan muß auf den Kampf gestellt sein, es darf nicht mit gewöhnlichem Wasser, es muß mit Scheidewasser geschrieben sein.«

Er hielt inne und wartete Ferdinands Entgegnung ab.

»Sie tun unserem Herrn Diggelmann unrecht,« blies Ferdinand mit einem Rauchballen hervor. »Er ist kein hervorragender Schläger, aber ein guter Parierer. Und er steht schon mehr als fünfzehn Jahre treu auf seinem Posten.«

»Viel zu lang! Doch ich will ihn natürlich nicht herabsetzen oder gar verdrängen. Darf ich meinen Plan abdecken?«

»Bitte!«

»Eine Zeitung, wie die unsrige, sollte zwei politische Redaktoren haben, einen für das Ausland und einen für den Kanton und die Schweiz.«

»Und Sie würden diesen letzteren Teil beanspruchen?«

»Weil er am meisten meinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Doch habe ich auch im Ausland nützliche, sehr nützliche Beziehungen angeknüpft.«

»Wir wollen sehen! Sie müssen sich aber gedulden, ich kann von mir aus nichts versprechen. Sie verstehen: der Parteivorstand und die Genossenschafter.«

Immergrün fühlte die Kälte, die ihm aus Ferdinands Atem entgegen wehte und beschloß, die Taktik zu ändern. »Ich bin natürlich nicht auf Ihr Blatt angewiesen. Wenn jetzt ein unternehmender Kopf in unserer Stadt ein neues Blatt gründen will, muß er die Mittel dazu nicht suchen, er braucht nur die Hand auszustrecken. Das Ausland sucht Einfluß auf unsere Wirtschaft. Ich könnte Näheres mitteilen.«

»Das klingt fast wie eine Drohung.«

»Es soll keine sein, beileibe nicht, es soll Sie nur vor Überraschungen behüten.«

»Es ist schön von Ihnen, daß Sie mich be–hüten wollen,« lachte Ferdinand unwillig.

»Entschuldigen Sie das unbedachte Wort, es liegt mir nichts ferner, als Sie zu verletzen. Was ich Ihnen jetzt noch zu eröffnen habe, wird Ihnen das beweisen.« Er hielt inne und schien nach schicklichen Worten zu suchen.

»Ich habe,« setzte er wieder an, »in letzter Zeit öfter Gelegenheit gefunden, Ihr Fräulein Tochter zu beobachten, von der ersten Stunde an habe ich den gesunden Sinn und den hellen Verstand der jungen Dame bewundert, und, um es kurz zu sagen, eine aufrichtige Neigung zu ihr gefaßt. Ich weiß, was Sie meiner Werbung entgegenhalten werden: keine sichere Existenz, kein Vermögen, nichts als ein Versprechen. Aber lassen Sie mich nur in der Redaktionsstube des ›Patrioten‹ festen Fuß fassen!«

»Das muß ich sagen: Sie verstehen das Kombinieren, Herr Doktor! Haben Sie schon mit meiner Tochter gesprochen?«

»Ich hielt es für richtiger und Ihnen gegenüber für taktvoller, mich zuerst mit Ihnen zu verständigen.«

»In diesem Falle wäre der weg zu meiner Tochter doch vielleicht vorzuziehen gewesen, schon aus dem einfachen Grunde, weil er uns beiden diese unerquickliche Aussprache erspart hätte.«

»Haben Sie Fräulein Küngold schon ausgeforscht?«

»Das nicht gerade, aber ich halte dennoch Ihre Aussichten für gering.«

»Mit andern Worten, ich bin nicht sowohl Ihrer Tochter als Ihnen nicht genehm?«

»Ich verstehe diesen Ton nicht, Herr Doktor.«

»Wo es um so viel, um das Lebensglück geht, hat man das Recht, geschliffene Waffen zu gebrauchen. Ich glaube, ich bin als Freund zu schätzen und als Gegner zu – – achten.«

»Sie täuschen sich, wenn Sie damit rechnen, mir etwas abdrohen zu können.«

»Darf ich fragen, was Sie gegen mich einzuwenden haben?«

Die Hartnäckigkeit des jungen Mannes brachte Ferdinands schon auf dem Siedepunkt stehende üble Laune zum Kochen. »Sie scheinen einen Hieb nicht nur andeutungsweise, sondern gleich mit der Klinge empfangen zu wollen. Nun, so wissen Sie, meine Tochter ist nicht mehr frei.«

»Vielleicht mehr durch eine andere, als durch die eigene Neigung gebunden.«

Ferdinand hüpfte auf seinem Stuhl auf: »Zum Politiker fehlt Ihnen noch manches, Herr Doktor.«

»Eine Unklugheit kann unter Umständen auch eine Klugheit sein. Meine Klugheit besteht darin, mir völlige Klarheit zu verschaffen.«

»Nun, dann haben Sie ja Ihren heutigen Zweck aufs allerschönste erreicht, Sie Kluger!«

Immergrün erhob sich, blieb aber stehen und neigte sich leicht über die Lehne seines Stuhles. »Ich glaube zu wissen,« sagte er in seinem unangenehmsten Nasenton, »wem Sie Ihre Tochter geben möchten. Aber Sie machen vielleicht die Rechnung ohne Ihren Kandidaten. Jedenfalls hat er Beziehungen zu Ihren Konkurrenten angeknüpft.«

Ferdinand fuhr zurück, »Woher haben Sie Ihr Wissen?«

»Man hat seine Verbindungen,« näselte Immergrün boshaft. »Man hat sich nicht umsonst der Presse, der großen Durchleuchterin, verschrieben.« Doch, als ob er seine Äußerung schon bereute, fügte er rasch hinzu: »Aber ich will Ihnen nicht länger lästig fallen. Ich empfehle mich Ihnen.« Schon war er draußen. Ferdinand sah, daß er einen Handschuh hatte liegen lassen und rief ihm durch die Türe nach. Aber unten fiel schon die Haustüre schwer ins Schloß.

»Diese Wespe wird stechen,« brummte Ferdinand vor sich hin, »aber dann zertrete ich sie!« Er machte die entsprechende Bewegung. Im Grunde war er mit sich selber unzufrieden, er hatte ebenso plump pariert, wie der andere angegriffen, und sich einen gefährlichen Menschen zum Feinde gemacht. Er stapfte ein paarmal um den Tisch herum, Immergrüns Anspielung auf Geierling wühlte ihn auf.

»Ich war ein Esel,« knurrte er, »mit einem guten Wort hätte ich alles aus dem selbstgefälligen Hansdampf herausgelockt.«

Er klingelte und ließ Küngold kommen. Als sie ihm gestand, wie mißlich es zwischen Geierling und ihr bestellt sei, donnerte er sie an: »Du wirst ihm den Kopf scheu gemacht haben! Aber was ist von Euch Geratenes zu erwarten!« Er ließ einen kurzen Hagelschauer über sie hinfahren und stieg wie gehetzt zu Reinhart hinauf.

»Sag' einmal,« begann er trotz seines Mißmutes möglichst sachlich, »hast du nicht den Eindruck, Geierling sei nicht mehr so ganz bei unserer Sache? Ob er einsieht, daß er uns mit seinem Exportgeschäft hineingeritten hat?«

»Ich sehe nur, daß er die Arbeiter beständig und ohne Not brüskiert.«

»Am Dienstag hat er ausgesetzt, wegen einer Hochzeit in Basel, wie er sagte. Was hat er auf einer Hochzeit in Basel zu suchen? Glaubst du daran?«

Reinhart zuckte mit den Achseln und fuhr in seinem Gedankengang weiter: »Die Unzufriedenheit der Arbeiter geht allein auf ihn zurück. Man läßt sich hier diesen Ton nicht gefallen.«

»Ist dir bekannt, daß er mit Aarwald einhaken will?«

»Wie soll ich das wissen?«

»Donnerwetter, wozu hat man denn eine Braut oder ein Schätzelein? Bei Gott, man könnte meinen, man hätte es mit lauter Idioten zu tun. Wäre es dir etwa lieb, wenn er zur Konkurrenz überginge?«

»Er hat keinen guten Geist in unser Geschäft gebracht.«

»Aber du? Gibt es einen schlimmeren, als die Gleichgültigkeit? Soll denn unser Haus mit Teufels Gewalt zugrunde gerichtet werden? Ein Bruch nach dem andern!« Er ging hinaus und schlug die Türe hinter sich ins Schloß.

Am Nachmittag hielten es Reinhart und Küngold in der dumpfen Luft der »Seewarte« nicht mehr aus. Sie standen im Garten, der seine Blätter bunt auf die Wege und Rasenplätze und auf die leise antreibenden Wellen des Sees warf. Sie sahen dem letzten Schwalbenzug nach, der über das Wasser jagte, bald in mäßiger Höhe, bald unten über den Wellen, und dann auf einmal davonstrebte, seeaufwärts, dem Süden und ewigen Sommer zu. »Komm, wir wollen ihnen nach,« sagte Küngold und faßte Reinhart am Arm, »und wollen auch die Mutter mitnehmen.«

Frau Ulrike lehnte ab, sie verließ, das Haus nicht mehr, sie schützte ihr schwaches Augenlicht und ihre müden Füße vor, aber der Grund ihrer Unbeweglichkeit war der Hang einer enttäuschten, weltüberdrüssigen Seele, sich in irgendeinen Schatten oder Winkel zu verkriechen, da ja doch alle Lebenshoffnung und Erdenfreude in ihr abgedorrt waren.

Die Geschwister folgten einer alten Landstraße, die auf einem vorzeitlichen Talboden über dem See dahinführte. Scharen von Städtern gingen vor und hinter ihnen oder schwatzten und lachten leichten Sinnes an ihnen vorbei. Es war Sauserzeit. Aus den Bauernhäusern drang der satte, berauschende Atem gärenden Mostes, die Trottgebäude roch man auf hundert Schritt. Aus den Hauptwirtshäusern schallte Tanzmusik, Fußgetrampel und Jauchzen, und von überall her gröhlender Gesang. Ein Auto fauchte mitten in einem Dorf an Reinhart und Küngold vorbei, ratterte um eine Straßenecke, setzte wie ein Schuß über die Bachdrücke und verschwand hinter der Kirchhofmauer.

»Hab' ich recht gesehen?« fuhr Küngold erschreckt zusammen. »Es war Georg von Hamberg und ...?«

»Ja, ja, und dein Geierling und Paula Holzer. Die Aarwalder Millionen bekommen Räder!« hohnlachte Reinhart. Schweigsam setzten die beiden ihren Weg fort, jedes sann dem Auto nach, das an ihnen vorübergestoben war. Im nächsten Dorf traten sie in ein Wirtshaus ein, aus dessen Tanzsaal eine fast zarte Saitenmusik klang. Sie fanden in einem Gastzimmer Platz, das neben dem Tanzsaal lag und von diesem nur durch ein paar Pfosten getrennt war, so daß man bequem in das Drehen und Schleifen und Schieben der Tänzer sehen konnte.

»So ist die Welt!« philosophierte Reinhart. »Ein Tanzboden, auf dem man hüpft und springt, sich dreht und wendet so gut und so schlecht, als man's kann. Und warum? Um ein Brosämchen Lust und Taumel und um ein Tröpflein Vergessen und Sichverlieren. Die einen trinken sich einen Sauserrausch an, und die andern drehen sich, bis sie schwindlig sind, alle, um über etwas hinwegzusehen, hinwegzukommen, hinwegzugleiten, und dabei vergeht die Zeit, wunderbare Lebenskunst!«

»Auch ich möchte jetzt ... ach ... Komm!«

Sie mischten sich unter die Tänzer und zogen ihre Schleifen durch das Getriebe, mit halbgeschlossenen Augen und mit durch den Rhythmus der Musik und der Bewegungen halb entschläferter Seele.

Es war schon dunkel, als sie den Heimweg antraten.

»Du mußt diesen Menschen vergessen,« sagte Reinhart.

»Es ist ein Elend, daß man so wenig gegen sich selber vermag,« erwiderte sie klagend, »wir wollen nun öfter so zusammen ausfliegen, Reiner, es gibt doch nichts Besseres, als was zwischen Geschwistern ist.«

»Das merkt man aber erst, wenn's mit der Liebe in die Dornen ging.«

»Mag sein. Was weißt du von Jutta?«

»So viel wie nichts. Sie schreibt manchmal so seltsam. Sie schwimmt jetzt im Reichtum und ich fürchte, sie taucht ganz darin unter. Ich meine manchmal, es sei alles aus, und dann renne ich wie ein Verrückter in die Nacht hinaus bis zum Umsinken, gerade gestern.«

»Ich wollte, ich müßte nicht mehr heim,« begann Küngold nach einer Weile wieder. »Mit der Mutter ist es zum Weinen und der Vater sieht nicht, wie sie vergeht. Er poltert auf ihr weiter herum, wie einer, der mit den Fäusten oder Füßen Klavier spielt.«

»Er ist ärmer als sie. Ist dir nicht aufgefallen, wie er sich verändert? Er hat seine Sicherheit verloren. Er kann auch nicht mehr arbeiten, er macht nichts fertig, läuft aus dem Bureau, man weiß nicht, wohin und warum, kehrt zurück, knurrt irgend jemand an und macht sich wieder fieberhaft an einen Brief. Manchmal staunt er eine Viertelstunde lang vor sich hin oder zum Fenster hinaus, mit gläsernen Augen. Er wird auch in der Politik angegriffen und hat wenig Glück mit der Verteidigung. Er fühlt seinen Niedergang, die ›Seewarte‹ geht schwarzen Tagen entgegen.«

Reinhart brachte die Schwester bis zum Gartentor der ›Seewarte‹ und verabschiedete sich dort von ihr. Er schlenderte durch die Uferanlagen. Es war eine klare Nacht, etwas Föhn flatterte durch die Luft, die Sterne zwinkerten ganz nah, um den Mond schwammen ein paar Federwölkchen. Unter den Büschen und Bäumen lagen dunkle Schatten mit hellen Flecken und Streifen, wie Teppiche. Liebespaare schwebten darüber hin, ihre Schritte und Stimmen und Küsse verloren sich im Gezischel und Geflüster der Blätter und im Rauschen der Wellen, die trunken gegen die Ufermauer taumelten. Stumm und groß schaute der Bergwald herab. Der Atem der Erde floß stark und kühl dahin. »Ach, was soll all der Menschenjammer!« dachte Reinhart,. »so lange die Welt so voller Wunder ist.« Diese Mondnacht machte ihn gierig nach der Erde und ihrer Süßigkeit, nach dem Leben und seinen Verheißungen. Es war ihm, er müßte Jutta in diesem Silberlicht begegnen und dann wäre alles gut. Plötzlich fiel ihm Paula ein und ihr Wort aus der Offenbarung. Wo war sie jetzt? Wäre sie vor ihm aufgetaucht, er wäre zu ihr hingesunken. So zwiespältig stand es in dieser Herbstnacht um ihn.

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