Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Boßhart >

Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid8650c915
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Ein Unkluger wirbt um die Braut

Reinhart hatte Hans Beat um eine Unterredung gebeten und war durch einen trockenen Satz auf einen Sonntagmorgen, Punkt elf Uhr, geladen worden. Er schritt unruhig im Garten der ›Seewarte‹ auf und ab und schaute hie und da auf die Uhr. Er wollte pünktlich sein. Küngold kam ihm entgegen. Sie war in der Kirche gewesen.

»Du bist in Schwarz?« forschte sie, »gehst du zu einem Begräbnis?«

»Vielleicht! Komm ein paar Schritte mit mir.«

Im Gehen berichtete er. Sie hängte ihren Arm in den seinen und sagte tonlos: »Wir haben kein Glück, Reiner.«

Er stand still: »Mir kommt alles immer mehr als etwas Unabwendbares vor. Schickung ist alles. Ist es nicht verrückt, daß ein Augenblick über unser ganzes Leben entscheidet? Wie stehst du zu Geierling?«

»Wir sind seit einem halben Jahre heimlich versprochen, aber es geht auseinander, ich merke es wohl. Und es ist gut so. Mit dem Herzen lieb' ich ihn und mit dem Kopf – – – ich kann es dir nicht erklären! Es ist zu unsinnig! Er hält sich seit einiger Zeit zurück.«

»Ich stelle ihn zur Rede.«

»Laß das! Ich sagte dir doch, daß es auseinandergehen muß! Muß! Er wollte ja doch nur ein Geschäft mit mir machen. Oh, ihr Männer! Bei euch sind immer die Hintergedanken die Hauptsache.«

»Dr. Wäspi bemüht sich jetzt auch um dich?« fuhr Reinhart ablenkend fort.

»Ach ja! Ich sagte es dir doch, wir haben in diesen Dingen kein Glück'!« Sie wollte lachen, brachte aber nur ein Aufstöhnen zustande und drehte sich eilig um.

Schlag elf Uhr legte Reinhart den Finger auf den Klingelknopf des Hombergschen Hauses. Er wurde von dem Dienstmädchen in den Empfangssalon geführt. Es fiel ihm gleich auf, wie stark sich das Zimmer in den paar Jahren verändert hatte. Die alten, etwas abgenützten Polstermöbel waren durch ganz moderne Ledersessel und -fauteuils ersetzt worden, die sich um ein paar kleine, dünn- und hochbeinige Mahagonitischchen gruppierten, auf denen Porzellanvasen und feingeschliffene Schalen mit Blumen standen, während vorher ein Empiretisch aus Nußbaum als Träger wahllos zusammengestellter Nippsachen, Meermuscheln und Photographiealbums gedient hatte. Die verblaßte, stellenweise etwas fleckige Tapete war geblieben, und nahm sich neben den neuen Prunkstücken armselig aus. Auf dem banalen Grau prangten zwei kaum trockene Ölbilder des pfarrherrlichen Ehepaares, die unter den alten diskreten Charakterbildern Anton Graffs parvenühaft protzten. Kein Zweifel, das Haus Homberg befand sich mitten in einer tiefgehenden Wandlung, ein neuer Geschmack, eine neue Zeit, ein neuer Geist begann, die alte Schale zu füllen, und hatte nur durch einen Zufall die abgenutzte Tapete noch verschont.

Reinhart hatte zu diesen Gedanken reichlich Zeit. Man beeilte sich nicht, ihn zu begrüßen. Da schrillte die Hausglocke, und gleich darauf hallte die Stimme des Pfarrers Schalcher durch den Hausflur. Offenbar hatte man nur noch auf ihn gewartet, um das Theater zu eröffnen. Die Türe ging auf, Hans Beat schob Tante Lilly mit vornehm feierlicher Gebärde in den Raum, hinter den beiden schritten der Pfarrer und Minna. Die Angelegenheit sollte also im Familienrat behandelt werden, aber mit Ausschluß Juttas, der Hauptbeteiligten. Reinhart erhob sich und sah sich gemessenen Verbeugungen gegenüber. Hans Beat und Tante Lilly setzten sich mit ihm an ein Tischchen, das junge Ehepaar nahm an einem andern, etwas im Hintergrunde des Raumes, Platz. »Belieben Sie, sich auszusprechen,« begann Hans Beat geschäftsmäßig, aber nicht unverbindlich im Tone. Er war im schwarzen Kirchgangskleid und hatte sich sein hohes Samtkäppchen auf den gelichteten Scheitel gesetzt. Tante Lilly knisterte in Seide und trug einen alten Anhänger mit großen Rubinen am Hals. Beide sahen sehr distinguiert aus.

Reinhart sagte in kurzen, ungekünstelten Worten, was sie alle schon wußten und noch ein bißchen mehr: nämlich, was Juttas Liebe für sein Leben war.

»Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie die Absicht haben, meinem Kinde zu erweisen,« pastorierie Hans Beat. »Wir haben Ihre Absichten seit einiger Zeit vermutet und sind froh, die Angelegenheit einmal sachlich mit Ihnen besprechen zu können. Ich habe gegen Ihre Person als solche nichts zu erinnern, abgesehen von dem tollen Streich, den Sie sich am Schützenfest leisteten. Das wäre also, obenhin betrachtet, in Ordnung. Ich darf Ihnen jedoch nicht verschweigen, daß sich bei uns einige Aber einstellen. Ich will Ihnen mit aller Offenheit davon sprechen. Sie haben vor bald vier Jahren die Maturitätsprüfung bestanden, was haben Sie seither getrieben? Ich erlasse Ihnen die Antwort, die Frage gestellt zu haben, genügt mir. Jedenfalls sind Sie noch weit davon entfernt, selbständig zu sein. Wer aber nicht selbständig ist, hat kein Recht einen eigenen Hausstand zu gründen. Das ist das eine. Vielleicht spekulieren sie auf ein Vermögen, aber darin würden sie eine große Enttäuschung erleben.« Reinhart protestierte. Hans Beat fuhr fort: »Ebenso wichtig, oder noch wichtiger ist ein Weiteres. Zwischen Ihrer Familie und der meinigen besteht eine Schranke. Verstehen Sie mich recht, es ist nicht Standesdünkel, was mich diese Dinge hervorheben heißt, sondern die Einsicht, daß die beiden Lager, das Ihrige und das meinige, wohl daran tun, sich nicht zu mischen. Unsere Anschauungen, Sitten, religiösen und politischen Überzeugungen sind so verschieden, daß bei einer Verbindung sich Unstimmigkeiten herausbilden müßten.« Wieder machte Reinhart eine widersprechende Bewegung.

»Unterschätzen Sie diese Schlagbäume nicht! Sie werden denken, Jutta liebe Sie und die Liebe helfe über alle Hindernisse hinweg. Seien Sie aber versichert, daß mein Kind nur zu bald empfinden müßte, in die Fremde geraten zu sein.«

»Déclassée!« warf Tante Lilly dazwischen.

Hans Beat verwies ihr das Wort mit einem raschen Blick und fuhr fort: »Sagen Sie selber, Herr Stapfer, ob Sie sich bei uns wohl fühlen? Sie können es nicht, der Frosch gehört in den Teich und die Forelle in den Bach, wobei ich durchaus dahingestellt lasse, wer Frosch und wer Forelle ist, ich will nur sagen, daß jeder in seinem Elemente verbleiben solle.«

Hans Beat hatte diesen Zusatz gemacht, weil Reinhart seinen Stuhl etwas hastig von ihm abrückte. »Sehen Sie,« fuhr der alte Herr fast gemütlich weiter, »es sind nicht alle meines Standes oder meiner Familie so streng und ausschließlich wie ich, ich weiß, daß viele von uns die Schranke erniedrigt oder beseitigt haben, daß einige sich nicht scheuen, Kaufmannschaft zu betreiben oder sich in einem industriellen Unternehmen zu bereichern. Das müssen diese mit sich selber ausmachen, ich aber nehme bewußt einen extremen Standpunkt ein als Protest gegen den neuen Geist und weiß mich darin mit meiner lieben Schwägerin, Fräulein de Luternau, einig.«

Tante Lilly richtete sich auf ihrem Sessel in Positur und rauschte vernehmlich mit der Seide ihres Kleides.

»Der Mann meines Herzens ist der Privatgelehrte, der Lehrer auf der höchsten Stufe, der Richter, der Staatsmann alter Observanz und der Diener am Wort.« Hans Beat machte eine leichte Verbeugung schief rückwärts gegen seinen Schwiegersohn. »Ärzte und Advokaten kann ich schon nicht auf gleiche Stufe stellen, die Offizierslaufbahn kommt für uns nicht mehr ernstlich in Betracht, seit wir die allgemeine Wehrpflicht haben, das Waffenhandwerk ist kein Beruf mehr, jedenfalls ist nicht mehr viel Ehre dabei.«

»Sie verachten also meinesgleichen?« fragte Reinhart gereizt.

»Durchaus nicht. Es handelt sich bei mir um eine Frage der Lebensauffassung.«

»Darf ich fragen, worin Sie den Unterschied sehen?« warf Reinhart ein.

»Was man lebt, braucht man nicht zu beweisen. Doch will ich Ihnen antworten. Ich verabscheue das Geldverdienen um des Geldverdienens willen.«

»Das tue auch ich,« erwiderte Reinhart.

T ante Lilly rückte ihre Lorgnette vor die Augen. Reinhart wurde rot, er fühlte die schiefe Lage, in der er war: »Ich wiederhole es,« sagte er erregt, »daß auch ich ein Leben erstrebe, wie Sie es eben als wünschenswert hinstellten. Wenn ich um Geld arbeite, tue ich es nur aus Not und – – – aus harter Pflicht. Betrachten Sie wirklich solche Arbeit als etwas Unehrliches?«

»Arbeit? Ich arbeite auch! Darum handelt es sich nicht, es fragt sich nur, wie stark der Einschlag der nackten Gewinnsucht ist. Man kann die Menschen auf viele Arten einteilen, in diesem Augenblicke unterscheide ich Geldmenschen und andere. Das Kriterium ist die Gesinnung.«

»Sie setzen wohl bei allen, die nicht Ihres Standes sind, eine niedrige Gesinnung voraus?« erwiderte Reinhart mit mühsam bezwungener Heftigkeit. »Ich habe Ihren Verhältnissen durchaus nicht nachgespürt, aber ich weiß, daß jedermann Geld braucht zum Leben. Einen einträglichen Beruf üben Sie nicht aus, also leben Sie von den Zinsen. Halten Sie das Zinsennehmen für ehrenvoller als die Arbeit in einer Fabrik oder auf einem Bureau?«

Hans Beat reckte sich bei diesem Angriff zurecht. Seine Stimme zitterte leicht: »Ich sehe in der Tat nichts Unehrenhaftes im Zinsennehmen, wenn ein bescheidener, anständiger Zinsfuß nicht überschritten wird. Ist es nicht zweckmäßig, sein bißchen Geld andern Leuten zu geben, damit sie so ihren Unterhalt verdienen können? Daß man für diesen Dienst eine Kleinigkeit nimmt, ist doch nur billig, und ich meine, wir verpflichten den, dem wir Geld leihen, ebenso sehr, wie er uns mit seinem kleinen Entgelt verpflichtet.«

Reinhart fühlte, daß Hans Beat unsicher geworden war und sich auf einem unentrinnbaren Widerspruch ertappt sah. Er vergaß ganz, daß er als Brautwerber gekommen war und empfand nur noch den Drang, eine anmaßend auftretende Unlauterkeit aufzudecken. »Es gab Zeiten, da man das Borgen auf Zinsen nicht für ehrenwert hielt. Im christlichen Mittelalter überließ man dieses Geschäft gerne den Juden, was darauf schließen läßt, daß man unsern Religionsstifter nicht als Befürworter des Borgens auf Zinsen betrachtete.«

Hans Beat fühlte seine religiöse Gewissenhaftigkeit in Zweifel gezogen und, da er sich zudem im Netze sah, flammte er auf: »Ich finde es außerordentlich kühn von Ihnen, mich mit Schacherjuden auf eine Stufe zu stellen.«

Nun eilte ihm Pfarrer Schalcher zu Hilfe. Er war aufgestanden und hatte sich Reinhart gegenüber aufgestellt, mit den Händen in den Hosentaschen. »Wenn Sie in der Bibel so bewandert sind,« begann er weniger salbungsvoll, als es sonst seine Art war, »so werden Sie auch das Gleichnis kennen, das von den anvertrauten Talenten handelt. Wem hat unser Heiland recht gegeben, dem, der sein Talent anwandte, oder dem, der es untätig in der Erde liegen ließ?«

Tante Lilly klatschte leise in die Hände, Hans Beat schien etwas zu überdenken, sein Gesicht war gerötet und um den Mund zuckte es ihm bitter. Minna aber seufzte: »Dieses Gezänk ist langweilig.« Sie strich ihre seidene Robe zurecht und verließ den Salon.

Reinhart wandte sich gegen den Pfarrer, der triumphierend auf ihn niedersah: »Ich hatte bis jetzt geglaubt, es sei Jesu auf eine geistige Lebensauffassung angekommen und das Gleichnis von den Talenten habe mit Zinsrechnungen nichts zu schaffen. Jetzt belehrt mich ein Vertreter der Kirche, daß mein Irrtum gründlich war!«

»Wer ist denn hier der Geldmensch?« fuhr der Pfarrer Reinhart barsch an, »unser verehrter Herr Hans Beat von Homberg oder der Fabrikant Stapfer? Vertauschen Sie, bitte, die Rollen nicht!«

Hans Beat gab zu verstehen, daß ihn die Wendung, die das Gespräch genommen habe, anwidere. Er sagte kurz: »Sie werden mir nicht zumuten, daß ich weitläufig begründe, warum wir den auswählen möchten, den wir in unseren Kreis aufnehmen. Ich denke, wir können die Unterredung abbrechen.«

Reinhart warf einen Blick, der nicht mißverstanden werden konnte, auf den Pfarrer. Hans Beat fing ihn auf und parierte: »Mein Schwiegersohn ist durch seinen Beruf geadelt.«

Nun mischte sich die Tante ein. »Lieber Schwager, erzähle ihm doch die Geschichte des Inders, tu sais

Hans Beat schüttelte mißbilligend den Kopf und wandte sich halb ab. Die temperamentvolle Tante aber gab dem Pfarrer ein gebieterisches Zeichen, und er erfüllte ihren Wunsch nach einigem Zögern.

»Herr Stapfer,« begann Schalcher etwas stockend, »Sie kennen ohne Zweifel die Bedeutung des Kastenwesens in Indien, die Abstufung der Menschen in Priester, Krieger und Vaisya, das heißt Kaufleute und dergleichen. Einst kam ein Indier, der der Priesterkaste angehörte, in unsere Stadt und wurde einmal in Kaufmannskreisen wegen des Kastenwesens aufgezogen. Als Antwort legte er den Angreifern folgendes dar: Die Brahmanen sind Leute, die wissen, daß man von ihnen einen vorbildlichen Wandel erwartet, ein Leben, dessen Ziel und Erfüllung die Weisheit ist. Gewiß sind sie auch Menschen und es gibt vielleicht unter hundert zehn minderwertige, die übrigen neunzig aber sind gut. Die Krieger wissen, daß man von ihnen Mut und Aufopferung für ihr Land erwartet und sie nur in dem Maße achtet, als sie diese Eigenschaften verkörpern. Ich will einräumen, daß zehn von hundert hinter den auf sie gesetzten Erwartungen zurückbleiben, die übrigen neunzig aber erfüllen sie ganz. Und nun die Vaisya! Was sollte man von ihnen erwarten? Doch wohl Rechtlichkeit. Gehen Sie, um die Probe zu machen, zu einem Tuchhändler und fragen Sie ihn, wo man in der Stadt das beste und preiswürdigste Tuch bekomme. Wird er Ihnen nach seinem Gewissen sagen, das könne man beim Händler X. oder im Laden des Y. bekommen? Wird er nicht sagen, er habe das beste und preiswürdigste Tuch, auch wenn er es anders weiß? Ich will in meinem Urteil milde sein, – es ist immer der Indier, der spricht, – ich will sagen, es gibt unter diesen Leuten von hundert zehn, die anständig sind, das heißt, sich ein Gewissen machen würden, ihre Kunden wissentlich zu benachteiligen, die übrigen neunzig aber sind – ich will das Wort nicht aussprechen. Und nun sagen Sie selber, kann man den Brahmanen oder den Kriegern zumuten, sich mit solchen Leuten zu mischen? Ich habe nur referiert,« schloß Schalcher seine Ausführungen.

Reinhart fuhr auf, er hätte auf den Menschen, der ihm eine solche Ohrfeige versetzte, losspringen mögen. Er fühlte, daß diese Leute nach außen ein Ideal verfochten, das sie innerlich vielleicht gar nie besessen hatten, ein Ideal, das aber in ihm selber flammte. Und sie hatten es durch ihre Taktik zustande gebracht, daß er als der Ideallose, der Schelm dastand. Was wußten sie denn von ihm und seiner Not und seinem Kampf gegen den verfluchten Geldgeist? Weil er aber fühlte, daß ihm der Sieg nicht gelungen war und daß man ihm in diesem Kreise nicht glaubte, erfaßte ihn eine maßlose Wut und es fuhr ihm glühend aus der Kehle: »Und wenn die Brahmanen spekulieren wie die Hebräer?«

Alle Gesichter veränderten sich. Der Pfarrer biß die Lippen zusammen, um nicht zu explodieren, Tante Lillys Palmeninselchen auf der Oberlippe sträubte sich, Hans Beat war aufgesprungen, starrte Reinhart an und sank dann wieder auf seinen Stuhl nieder, als wäre ihm eine Keule aufs Haupt gefahren. Es waren fürchterliche Augenblicke, die kein Ende nehmen wollten. Reinhart wollte das Feld nicht fluchtartig räumen, sie sollten ihn nicht feige sehen. Sein Blick starrte auf Hans Beat. Um seinetwegen bereute er sein Wort.

In die schwüle Stille rauschte Minna herein, blieb einen Augenblick, die vier erstaunt anstarrend, stehen, und reichte dann Hans Beat einen gelben Briefumschlag. »Eben ist dieses Telegramm gebracht worden, Pa.«

Hans Beat riß den Umschlag mechanisch auf und zog das grünliche Blatt mit ungeschickten Fingern heraus. Er durchflog die Zeilen, offenbar ohne sich etwas dabei zu denken. Er wollte das Blatt schon auf den Tisch legen, als ihn etwas leise durchzuckte, ein unbewußt aufgefangenes Wort, ein unbewußt eingelassener Gedanke. Er las die Depesche wieder und zum drittenmal und sagte dann, das Blatt seiner Schwägerin reichend: »Es ist ein großes Unglück geschehen.« Es entstand eine Bewegung, die Reinhart wahrnahm, um sich zu empfehlen.

Er meinte, seine Schläfen platzten. »Sie ist mir verloren,« stöhnte er. »Alles aus! Oh, der Unsinn!« Dann wieder brach es wie Freude durch, das heuchlerische Gewebe zerrissen zu haben. Er sah den alten Homberg wie zusammengeschlagen auf seinem Stuhle sitzen und empfand ein wahres Mitleid mit diesem im Grunde vornehmen Opfer eines bösen Geistes.

Zu Hause stieg Reinhart gleich in sein Zimmer hinauf, das Mittagessen verschmähte er. Er wollte Jutta schreiben und ihr alles berichten, warf aber schon nach dem ersten Satz die Feder weg. Der Brief konnte ja nichts anderes werden als eine Selbstanklage. Während er unschlüssig über seinem Bogen brütete, trat seine Mutter ein. Sie setzte sich ihm gegenüber und fragte ohne Vermittlung: »Hast du sie so lieb?«

»Sie ist für mich wie ein Schicksal, an dem ich gesunde oder zugrunde gehe,« stöhnte er.

»Und sie?«

»Ich glaube, sie liebt mich auch.«

»Nun, dann kann es ja noch gut werden. Warum müssen meine Kinder immer den schwersten Weg gehen? Erzähle mir einmal von ihr.«

Sie verlangte das nicht aus Neugier, sondern weil sie hoffte, die Aussprache werde ihm Erleichterung verschaffen. So war es auch. Er kam, indem er Juttas rätselvolles Bild vor den Augen der Mutter gewissermaßen wie ein Künstler schuf, in eine zuversichtliche Stimmung.

Am folgenden Morgen erhielt er mit der ersten Post diesen Brief:

»Liebes Ungeheuer!

Eben komme ich nach Hause und erfahre, was vorgefallen ist. Ich bin ganz trostlos. Wann wirst Du endlich klug?

In unserem Hause herrscht übrigens große Trauer und Bestürzung. Onkel Edgar und Vetter Hans de Luternau sind heute morgen im Auto verunglückt. Der Onkel war gleich tot, auch Hans scheint verloren zu sein, Papa und Tante sind schon nach Aarwald verreist. Ich erwarte Dich morgen abend halb sieben Uhr in den Anlagen zum Kriegsrat. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.

Deine

Jutta.«

Tags darauf, nach dem Abendessen reichte Ferdinand Reinhart eine Zeitung über den Tisch weg und wies mit dem Zeigefinger auf die Rubrik Unglücksfälle und Verbrechen. Reinhart las, was er schon wußte.

»Was sagst du dazu?« fragte Ferdinand, und als Reinhart sich ausschwieg, setzte er wieder an: »Hast du dir die Folgen schon überlegt?«

»Die Folgen? Wie meinst du das?«

»Die Homberg und Fräulein de Luternau werden den ganzen Segen erben. Man schätzt die Luternau auf mindestens vier Millionen.«

Reinhart sah den Vater erstaunt an.

»Es wäre kein übler Schachzug,« fuhr Ferdinand wie für sich fort, »die beiden Konkurrenzhäuser in einer Hand zusammenzukrallen. Die Luternausche Fabrik soll ganz modern eingerichtet sein und in den letzten Jahren sehr gut gearbeitet haben.«

Reinhart verbarg sich hinter der Zeitung. Sein Vater Kam ihm wie ein Fremder vor. So hätte er noch vor einem Jahre nicht gesprochen.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.