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Ein Rufer in der Wüste

Jakob Boßhart: Ein Rufer in der Wüste - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Boßhart
titleEin Rufer in der Wüste
publisherGrethlein & Co. Leipzig-Zürich
year1921
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senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Auf einem Grab wächst Unkraut

Es war September geworden. Der Tod schlich in nebligen Nächten durchs Land, zertrat hier ein Kraut oder einen Grashalm, brach dort ein Blatt vom Zweig oder versengte es mit seinem Hauch, vom Golsterhof kamen ein paar beunruhigende Zeilen. Der Großvater hatte ausgehalten, solange der Sommer regierte und alle Erden- und Lebenskraft gestützt und genährt hatte. Jetzt ging es mit ihm zum Schatten. Er hatte gegen den Tod gekämpft wie ein alter Baum, der nicht sterben kann und will. Unterliegt das Leben in den Zweigen, so zieht es sich in die Äste zurück, dann in den Stamm wie in eine starke Feste, und verkriecht sich zuletzt, jeden Zoll verteidigend, in den Wurzelstock, wo der Baum sein Herz und einen letzten dunkeln Schlupfwinkel für seine bedrängte Seele hat.

Ferdinand, Reinhart und Küngold fuhren im Auto nach dem Hof. Der Vater saß vorn neben dem Chauffeur. Bald übernahm er selber die Steuerung, es war ihm unerträglich, wenn ein anderer seinen Lauf lenkte. Reinhart schaute verträumt in das vorüberfliehende Land, Küngold hing mit bewunderndem Stolz am Vater und flüsterte dem Bruder zu: »Was für ein Mann!«

Reinhart erwiderte aus seinem Sinnen heraus: »Fühlst du dich sicher in seiner Hand?«

»Warum nicht?« gab sie zurück, »die Kühnen haben mehr Glück als die Zaghaften.« Es lag ein Stachel in dem Wort. Reinhart biß die Lippen zusammen und jagte ihr dann den Pfeil zu: »Sprichst du von Geierling?« Das war der Punkt, auf dem sich die Geschwister nie fanden.

Das Auto fuhr wie eine wilde Hummel in die Stille des Golsterhofes. Annabab trat aus dem Haus in grauem Kleid und etwas gebückt.

»Sind wir noch früh genug?« fragte Ferdinand.

»Es geht ihm heute wieder etwas besser.«

Man stieg mit behutsamen Tritten hinauf und trat in die Nebenstube, wo Abraham lag. Ferdinand grüßte ihn, wie wenn weiter nichts wäre. »Morgen müssen wir zwei in die Herbstmanöver einrücken, da wollten wir noch schnell nach dir sehen.«

Der Großvater schaute aus dem mächtigen, fleischlosen Gebälk seines Gesichtes hervor alle der Reihe nach an, wickelte seine Hand zum Gruß aus den Bettüchern und sagte: »Einrücken, das ist das Wort. Es freut mich, euch alle zu sehen. Ihr seid im Auto gekommen.«

Ferdinand hörte aus dem Wort Auto einen Vorwurf heraus und erwiderte: »Du mußt mir das zugute halten, Vater, es gibt vor dem Einrücken so vielerlei zu tun...«

Der Alte suchte zu lächeln: »Ja, ja, ich weiß, zum Leben hat man nie Zeit, aber zum Sterben muß man sich Zeit nehmen.«

Hans Rudolf trat mit Adelheid, Estherlein und Walter herein, und alle umstanden das Bett, wieder ließ Abraham seinen Blick von einem zum andern gehen: »Jetzt fehlt nur der Melcher.«

Reinhart empfand die Pflicht, den Abwesenden zu verteidigen und erzählte von Melchiors Heimweh nach dem Hof und seinem Gelübde, sich nicht vor dem Vater zu zeigen, solange er es zu nichts gebracht hätte.

Abraham sann lange in sich hinein. Endlich sagte er: »Das alles ist schwer und traurig, aber man muß es ehren. Was man sich versprochen hat, muß man halten. Sag' ihm, es sei mir um alles leid, was ich ihm angetan habe. Man tut nie größeres Unrecht, als wenn man auf sein Recht pocht ... Aber Melcher hätte schon kommen können. Ich möchte heute vom Hof reden; nach dem, was du mir von ihm berichtest, würde er mich verstehen, vielleicht am besten von allen.«

Es entstand eine lange Pause. Annabab schaute Hans Rudolf an und dieser forschte im Gesicht Ferdinands, der starr auf den Boden sah.

»Was soll aus dem Hof werden?« begann der Großvater wieder.

»Laß die Zukunft dafür sorgen!« zwängte endlich Hans Rudolf hervor.

»Was heißt die Zukunft?« seufzte der Alte. »Die Zukunft bist du, die Zukunft seid ihr, die Jungen. Drum frag' ich euch. Ich kenne deine Pläne, Hans Rudolf, du willst den Hof verschachern. Tu das nicht, um deiner Kinder und Kindeskinder willen. Die darfst du nicht berauben.«

»Ich brauche einmal den Hof nicht,« stieß Walter vorlaut aus, und Hans Rudolf meinte: »Das Glück hat mehr als ein Nest.«

Der Großvater tat, als hätte er nichts gehört: »Ihr kennt alle den Spruch an unserem Haus, oben am Stirnbalken. Es heißt dort: ›Daniel Stapffer, erbowet 1632.‹ Seit diesem Jahr und wohl schon früher saßen die Stapfer auf diesem Hof. Und er hat ihnen alles gegeben, was sie brauchten, mir vielleicht zu viel. Das Geld ist wie ein Vogel im Nest, es will ausfliegen. Manchmal, wenn ich so daliege und in die Nacht und in mein Grab hineinschaue, meine ich, ich sehe alle früheren Stapfer um mich, so wie sie aussahen, als sie so weit waren wie ich jetzt, alle mit einem dankbaren Blick für den guten Hof, alle zufrieden, weil sie nach dem Spruch gelebt, den ihnen der Allvater Daniel ans Haus gezimmert hat, hinter seinen Namen: ›Got den Preiß, der Erde den Fleiß, den Menschen nach Christi Geheiß, und in allem die Treuw, dehüetet vor Reuw‹.«

Abraham hatte den alten Hausspruch mühsam hervorgebracht, wie mit Geisterstimme. Er schwieg erschöpft. Die andern wagten kaum zu atmen. Nur Hans Rudolf und Walter wurden von der Andacht nicht berührt, in beider Augen flackerte Kampflust. In dieser Stille platzte Agathe ins Zimmer. Sie war im Dorf gewesen. Beim Anblick der Verwandten huschte ein heiterer Schimmer über ihr Gesicht, der sich aber gleich verschattete. »Ich hätte bald geglaubt, es sei etwas vorgefallen,« plapperte sie ihren geheimen Gedanken aus und begrüßte die Verwandten laut und überschwänglich, um ihre Verlegenheit zu verdecken.

»Du kommst wie gerufen!« wandte sich Hans Rudolf an sie, »der Vater setzt wieder an.«

In ihr blitzte etwas Boshaftes auf: »Es ist nicht recht von den Sterbenden, daß sie den Überlebenden Gewalt antun wollen. Man kann an den Boden gewachsen sein, man kann es aber auch nicht sein!«

Hans Rudolf schaute seine Frau mit dankbaren Augen an. Der Großvater hatte die seinen geschlossen und aus seinem Mund kam es langsam, aber deutlich: »So pfeift ein Lockvogel. Das ist nicht der Geist vom Golsterhof.«

»Es soll auch nicht der Geist vom Golsterhof sein,« bestätigte Agathe trotzig.

Die Großmutter Annabab hatte nasse Augen bekommen, sie trat an das Bett heran und faßte Abrahams Hand: »Ich verlasse den Golsterhof nicht, so lange ich lebe.« Adelheid war fest an ihre Seite getreten wie zur Stütze, und das bucklige Estherlein schlich sich schüchtern hinter die beiden. Aga verließ die Kammer, um nicht herauslachen zu müssen.

Der Großvater erhob gegen Annabab und die beiden Enkelinnen wie segnend die Hand und murmelte: »Und in allem die Treu.« Ein langer Blick ruhte zuletzt auf Reinhart. Dann schloß er die Augen wieder und schien zu schlummern. Alle gingen auf den Zehenspitzen in die Wohnstube hinüber, nur Annabab blieb am Bette sitzen.

Man stand sich in der Wohnstube verlegen gegenüber. »Das hat deine Frau nicht eben zart gemacht,« sagte Ferdinand zu seinem Bruder.

Hans Rudolf protzte auf: »Hat sie nicht recht gehabt? Zehnmal hat sie recht gehabt! Du hast gut schiedsrichtern. Mit fünfzehn Jahren hattest du deinen Willen, ich bin ein grauer Esel und habe meinen Willen jetzt noch nicht. Siehst du nicht ein, daß es einem schließlich überdick wird?«

Ferdinand winkte zum Fenster hinaus dem Chauffeur, das Auto anzukurbeln.

Wie der beräderte Unmut fauchte der Wagen der Stadt zu. Küngold sagte zu Reinhart: »Hast du schon so etwas Trauriges erlebt? Die Frauen sind fest zum Großvater gestanden, wir sind doch besser als ihr!«

»Ihr seid bereiter zum Guten und zum Bösen, das ist alles,« erwiderte Reinhart unwirsch.

»Hast du's nicht gemerkt, daß er dich lang ansah?« fragte sie.

Er schwieg. Er hatte nicht nur des Großvaters, sondern auch Estherleins flehenden Blick aufgefangen und kam sich ganz erbärmlich vor. Er war froh, daß er in die Manöver reiten konnte, da bliesen der Wind und das Roßgewieher die grauen Motten aus der Seele.

Als er am folgenden Morgen mit seiner Schwadron ins Manövergebiet ausrückte, empfand er es als großes Glück, daß der animalische Teil in ihm für ein paar Wochen Gebieter sein durfte, und dem andern, dem denkenden, suchenden, leidenden Wesen den Mund stopfte. Er wußte, daß das feige war, aber einmal muß sich der Mensch den Bohrer aus der Seele ziehen, einmal legt sich auch der mutigste Schwimmer auf den Rücken, um sich ohne viel eigenes Hinzutun von der Flut tragen zu lassen.

Eines Tages hielt die Schwadron auf einer Anhöhe einen Waldrand besetzt. Sie sollte den Feind, der erwartet wurde, zu Fuß angreifen und hinhalten. Die Pferde standen im Innern des Gehölzes auf einem Waldweg. Schlachtenbummler kamen in Scharen vorbei, fast die ganze Stadt war schaulustig auf das Manöverfeld hinausgeflattert. Eine Gruppe junger Damen und Herren schlenderte vorüber, alle in weißen Flanellkleidern, als kämen sie geradeswegs vom Tennisplatz. Reinhart erkannte Jutta. Er hatte sie seit dem quälenden Walderlebnis nie mehr gesehen. Sie ging an der Seite eines glattrasierten schlanken, etwas vornübergebeugten jungen Mannes, der sie mit Späßen zu unterhalten schien und beständig ein dünnes Spazierstöckchen zwischen den Fingern drehte. Reinhart kannte ihn vom Sehen, es war Hans Luternau, Juttas Vetter. Sie schien sich von ihrer Krankheit ganz erholt zu haben und schritt geschmeidig und hoch wie ein junger Hirsch durch das herbstlich tauige Gras. Sie warf einen Blick auf die Soldaten, erkannte aber Reinhart nicht, obschon sie kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt war. Die Uniform nimmt dem Menschen alle Eigenart. Reinhart war von Eifersucht durchwühlt. »Gut stehe ich mit ihm!« stach es ihm in die Ohren, wie einst im Walde unter der Buche. Er mußte auf die Zähne beißen, um nicht aus dem Glied zu rennen. Sein Leutnant trat zu der Gruppe hinaus, begrüßte die Bekannten, ließ sich Jutta und andern vorstellen und bot dann aus einem silbernen Etui Zigaretten an. Jutta griff lachend nach dem Rauchzeug. Ihr Begleiter hielt ihr ein brennendes Streichhölzchen hin und sie zog mit spitzen Lippen, aber nicht ohne Sachkenntnis, den Rauch aus der Papierhülle. Vor Reinhart tauchte ihr Bild auf, wie er sie vor einem Jahr in der Kirche unter Schalchers Kanzel gesehen hatte, im schwarzen Kleid und im geschmacklosen puritanischen Hütchen. Sie hatte Fortschritte gemacht in der kurzen Spanne Zeit. Der Leutnant krächzte mit seiner erkünstelt schnarrenden Stimme: »Wie wär's, wenn wir heute abend einen bal militaire veranstalteten? Wir sind im ›Löwen‹ in Winzendorf. Flotte Kameraden!« Der Vorschlag wurde mit Jubel aufgenommen. Hans Luternau faßte Jutta bei den Händen und führte mit ihr auf dem Rasen eine Art Tanz auf. Die andern folgten ihrem Beispiel, und alle tanzten zum Vorspiel für den Abend lachend und übermütig an den Kavalleristen vorüber, die dem hüpfenden, springenden, vor Lust und Ausgelassenheit zappelnden Trüppchen Luxus verwundert nachschauten, wie einer Unwirklichkeit. Jutta schien die lustigste von allen zu sein. Reinhart vergötterte und verdammte sie im gleichen Augenblick und starrte ihr nach, bis ihr Pikeehut hinter einer Erdwelle verwehte.

Am Abend wurde Reinhart durch eine Ordonanz zu seinem Vater gerufen. Ferdinand hatte sich mit seinem Stab in einem Landwirtshaus einquartiert und gab eben die Befehle für den folgenden Tag. Die Stafetten stoben nach allen Seiten davon, als hinge das Heil der Welt an den Hufen ihrer Pferde. Reinhart mußte mehr als eine Stunde warten. Endlich rief ihn der Vater herein. Er ließ beim Anblick des Sohnes die militärisch geschäftliche Straffheit fallen: »Der Großvater hat es überstanden. Übermorgen ist Beerdigung, um zwei. Ich breche die Manöver um zehn ab, so bleibt uns Zeit genug. Die Division steht dann bei Großwangen, wir treffen uns um elf auf der Station.« Das klang alles geschäftsmäßig und doch weich und bewegt.

Reinhart war wie betäubt und fragte aus seiner Trauer heraus: »Wie lassen wir die schwarzen Kleider kommen?« Er kannte in seinem Leid keine andere Farbe als Schwarz.

»Was, schwarz? Wir gehen selbstverständlich in Uniform.«

Da Reinhart immer noch nicht zu verstehen schien, trat Ferdinand einen Schritt vor: »Meinst du, die Uniform sei für die Fastnacht gedacht? Ist Rot daran, so hat das seine Bedeutung, es ist das Kleid, in dem wir, wenn's gilt, sterben müssen. Man weint auch nicht in diesem Kleid. Du verstehst mich!« Die Mahnung half nichts, als Reinhart seinen Vater verließ, trauerten ihm schwere Tränen über die Wangen.

Der Golsterhof lag wie der Frieden zwischen seinen Bäumen als Ferdinand und Reinhart zur Beerdigung eintrafen. Annabab empfing sie an der Treppe und führte sie gleich in die Nebenstube, wo der Großvater lang ausgestreckt auf einer Bank lag. Sein Gesicht schien noch größer als auf dem Sterbelager. Der sorgende irdische Zug war daraus gewichen, es war nichts übrig geblieben als große Ruhe, großer Ernst, große Jenseitigkeit. Zwei Männer brachten den Sarg und betteten den Toten hinein. Die Verwandten kamen einzeln und in Trüppchen an und sprachen den am nächsten Betroffenen ihr Beileid aus. Hans Rudolf nötigte sie zu einem Tisch, auf dem Wein, Schinken und Brot aufgestellt waren. Aga bot die Schüsseln herum und schenkte ein mit der weltlichen kokettierenden Art einer Kellnerin. Reinhart setzte sich neben Estherlein, das sich wie ein von Regen und Wind mitgenommenes Vögelchen in einer Ecke in der Nähe des Kachelofens hingeduckt hatte. Es flüsterte: »Mir ist den ganzen Tag, es sei Nacht auf dem Golsterhof. Wir werden von heut' an viel weinen müssen.«

Man trug den Sarg hinaus. Die Verwandtschaft folgte ihm. Vor dem Hause hatten sich die Nachbarsleute eingefunden. Ferdinand in seiner Uniform mit dem wallenden weißen Roßhaarbusch zog aller Augen auf sich und beraubte den Abschied seiner schlichten Feierlichkeit. Reinhart und Walter, als die einzigen männlichen Großkinder Abrahams, gingen gleich hinter dem Sarge. Reinharts Blicke glitten von dem langsam rollenden Wagen auf die Wiesen hinüber, die im Kleid der Herbstzeitlosen wunderbar festlich und doch traurig waren. So wollten sie von dem alten Meister Abschied nehmen. Wie hatte er sich für sie gesorgt, durch ein langes Menschenleben hin, wie hatte er sie jedes Jahr genährt, wie ein Hausvater seine Kinder, wie freudig dankbar hatte er ihren Segen hingenommen. Wer wird wieder so mit ihnen verwachsen sein wie er? In einem Grünhag hatten Berberitzensträucher und Pfaffenkäppchen ihre Herbstfeuer entzündet, sich in ihren schönsten Staat gekleidet, hinter dessen Scheinglut freilich wie überall der Tod lauerte.

Neben Reinhart hob ein zwar gedämpftes, aber doch munteres Geplauder an. Walter setzte dem Stadtvetter seine jetzigen Zukunftspläne auseinander: Die Handelsschule, dann eine Lehre in einem großen Importgeschäft, dann die Reise nach dem fernen Osten, nach Indochina etwa, wo mit verhältnismäßig geringer Mühe viel Geld zu holen sei. »Und dann willst du wohl einmal in einem goldenen Sarg diesen Weg fahren?« wies ihn Reinhart zurecht.

Walter ließ sich aber auf seinen Wegen nicht stören: »Nur die erste Million ist schwer zu fangen,« versicherte er, »so habe ich in einer Lebensbeschreibung gelesen, die andern folgen der ersten wie die Schafe dem Leithammel. Man macht in den Kolonien das Geld nicht mit der Besoldung, sondern mit den Tantiemen.« So schwatzte er.

Man trat in den Kirchhof ein. Die Leiche wurde versenkt, die Glocken hallten feierlich in die Grube. Drin in der Kirche wartete schon der Pfarrer, wie ein Abgeschiedener, bleich, durchsichtig, stand er auf der Kanzel. Als er das zu singende Totenlied verkünden wollte, knarrte nochmals die Tür und herein schob sich Melchior, ganz dünn und schattenhaft. Der Pfarrer sah ihn und nickte still vor sich hin, Reinhart wurde in tiefster Seele ergriffen. Melchior nahm gleich neben der Türe Platz. Dort saß nur noch einer, der Landstreicher Mauderli, etwas verlottert, aber, wie immer, mit wohlgesträhltem Bart. Der Gemeindegesang prallte gegen die nüchternen Wände des Raumes scharf und rauh aus den harten Bauernhälsen. Dann schwebten die Worte des Pfarrers daher, etwas zitterig, aber klar und mit ergreifender Anspruchslosigkeit. Es waren keine neuen Gedanken, die er seiner Gemeinde verkündete, wie hätte ihr der Achtzigjährige noch etwas Neues offenbaren können? Er sagte von dem Abgeschiedenen nicht viel mehr, als was man bald draußen auf ein Grabtäfelchen setzen würde, kein Lob, kein Richterwort. Er wußte, daß über jedem Leben ein Gesetz steht, und betrachtete ein gutes als eine sonnenhafte Gnade und ein schlimmes als die notwendige Schattenseite eben dieser Gnade. Die Beziehung zu dem Beerdigten klang nur in die feineren Ohren. Der Mensch ist wie ein Baum, er keimt herauf aus dem Dunkeln und Rätselhaften, er träumt heran und grünt und wächst und dehnt sich, er bildet Stamm und Krone und erwacht. Nun blüht er und trägt Frucht, je nach der Jahreszeit, nun entfaltet er seine Kraft zur Genüge, ja zum Überfluß, und nun nimmt er ab und verknorrt und verdorrt, bis ihn eine Schneelast oder ein Sturm oder eine Axt oder einfach die Bürde der Jahre zu Boden legt. Sein irdischer Kreis ist geschlossen, sein Werk getan. Der Mensch schaue auf zum Kirschbaum. Er spendet Schatten gegen die Hitze, er spendet Schutz gegen Sturm und Regen, er spendet seine Frucht gegen Hunger und Durst. Er spendet den Schatten, den Schutz und die Frucht nicht sich selber, sondern andern. Das ist sein Sinn. Der Mensch sei wie der Kirschbaum, wer würde den Baum preisen, der seine Früchte nicht andern zulieb reifte? Es gibt Pflanzen, die so tun, ihr alle kennt die Tollkirsche. Sie schmückt mit ihrer Frucht sich selber, keinen freut sie. Man nennt sie eine Giftpflanze, man warnt die Kinder vor ihr. Sie erscheint uns wie eine Irrung der Natur, wie kann man bei Pflanzen so wohl unterscheiden und bei Menschen so schlecht? Wie kann man ruhigen Gewissens vom Baume alles nehmen, wenn einem selber das Geben und das Gute nicht von der Seele will? Ihr werdet sagen: »Was nützte es dem Kirschbaum, wenn er seine Früchte für sich behielte?« Ich sage euch: »Was nützt es dem Menschen, wenn er sein Leben auf ein Geldstück stellt?« Der Habsüchtige ist immer der Unglückliche. Jedes harte Herz ist vom Glück ausgeschlossen. Der Mensch sei wie ein guter Kirschbaum, wenn er längst umgesunken ist, erzählt man sich: »Hier stand einmal der Baum, der die roten Frühkirschen trug, mir ist, ich spüre ihre Süßigkeit noch auf der Zunge, so erquickende Kirschen wachsen in der ganzen Gemeinde nicht mehr. Stirbt etwa die alte Sorte aus? Verhüt' es Gott! Laßt uns neue gute Reiser suchen und aufpfropfen! Sie werden sich finden! Wie könnte der Herr unsern schönen Baumgarten verkommen und absterben lassen!«

So etwa sprach der alte Pfarrer. Reinhart war zuerst enttäuscht, er hatte eine Schilderung des Wesens seines Großvaters erwartet und hörte nun ein Gleichnis in unbeholfen nachgemachtem testamentlichen Stil. Was hätte ein guter Redner aus dem langen, schönen Leben Abrahams machen können! Erst als der Pfarrer fragte: »Stirbt die alte Sorte aus?« erfaßte er den ganzen Sinn der Abdankung, und bereute es, nicht besser hingehorcht zu haben. Er hatte fast immer nach Melchior geschaut und dem Rätsel dieses Eigenbrödlers nachgesonnen, der sich den Weg zum Vater zurück so unbedacht und eigensinnig verlegt hatte. Was mochte jetzt in ihm vorgehen? Er hatte unverwandt nach dem Munde des Pfarrers geschaut und sich von Zeit zu Zeit in den Bart gegriffen oder die Augen gewischt.

Das Klingen von Ferdinands Säbelscheide, die auf den Boden aufschlug, hallte hart durch den Raum. Wie auf dieses Zeichen erhob man sich zum Schlußgesang. Als die Töne verklungen waren und Reinhart wieder nach Melchior hinsah, drückte er sich eben zur Türe hinaus. Reinhart ging ihm nach, aber der Onkel war wie vom Boden verschlungen. Er stieß auf Mauderli und fragte ihn nach Melchior. »Lassen Sie ihn, er geht seine eigenen Steige,« antwortete salbungsvoll der ehemalige Theologiestudent. »Der ist auch noch von der alten Golsterhofsorte. Schöne Abdankung, aus der andern Welt.« Damit wandte sich Mauderli dem Wirtshaus zu, das sich klug berechnend fest an die Kirche anlehnte.

Die Leidtragenden kehrten nach dem Golsterhof zurück, wo unterdessen das Leichenmahl bereitet worden war. Man ging mit kurzen Schritten, mit Rücksicht auf Annabab, der die Füße zu versagen schienen. Beim Essen sprach man noch eine Zeit lang von dem Toten, dann wurde das Gespräch allmählich weltlich und geschäftsmäßig, der Alltag streckte seine klobigen Finger in die Bauernseelen, sobald Speise und Trank ihm vorgearbeitet hatten. Am untern Ende des Tisches fing man von Viehpreisen zu sprechen an, in der Mitte erklärte einer seine elektrische Futterschneidemaschine, und ein anderer wartete mit Ungeduld, bis er ein Loblied auf seinen neuen Selbsthalter singen konnte. Am obern Ende, wo Ferdinand ehrenhalber sah, ließ man sich über die Manöver unterweisen, hätte aber auch lieber von landwirtschaftlichen Dingen gesprochen. Auf einmal fing ein Feuerlein zu flackern an und schlug immer höher auf. Das Land wollte sich an der Stadt wetzen. Die Bauern gossen ihre Erbitterung über die Fabrikler aus, die ein Herren- und Faulenzerleben führten und bei neunstündiger Arbeit und sicherem Lohne knurrten, während sie vierzehn und mehr Stunden an der Sense, am Pflug oder am Karst buckeln müßten und bald durch Frost und Hagelschlag, bald durch Dürre und endloses Regenwetter zu Schaden kämen. Und als wäre das nicht genug, lockten ihnen die Städter die Knechte und Mägde, ja, die Söhne und Töchter weg. Hans Rudolf, der etwas rasch getrunken hatte, war das Sprachrohr dieser Ansichten. Ferdinand hörte ihm eine Weile ruhig zu. Endlich wurde ihm das Schelten zu toll. »Es wird in der Stadt nicht nur spekuliert, es wird auch gearbeitet,« warf er dem Bruder scharf hin.

Hans Rudolf polterte los: »Ich habe nun fünfundfünfzig Jahre hier ausgehalten und mich geschunden. Und ich kenne einen, der mit fünfzehn davonlief und sich nun über mich lustig macht! Du bist vom Hof gelaufen, Ferdi, der Melcher hat sich vom Hof gestohlen, aber der Hans Rudolf, der Esel, soll nicht an die Stadt denken, der ist für den Hof einfältig genug, und seine Frau auch.«

Nun fing auch Aga zu zetern an. Sie fand sich so erbarmungswürdig, daß sie aufschluchzte. Annabab stand auf und bat alle, an diesem Tag auf Frieden zu halten.

»Nein,« rief Hans Rudolf, »heut' soll endlich Ausschwinget sein.«

»Ich komme nach den Manövern einmal herüber,« suchte ihn Ferdinand zu beschwichtigen. »Dann besprechen wir alles. Die Mutter hat recht, heut' schickt sich dergleichen nicht.«

»Heut' muß dem Faß der Boden ausgeschlagen werden, ich will wissen, woran ich bin!« bullerte der Wein in Hans Rudolf. Seine Frau unterstützte ihn: »Es kann zuhören wer will, je mehr Ohren, desto besser!«

Die übrigen Verwandten hielten sich trotz dieser Einladung für überflüssig und verabschiedeten sich hastig und gedrückt.

Hans Rudolf trank, als sie fort waren, sein Glas auf einen Zug leer und schlug es auf den Tisch: »Ich hab' gestern in der Kommode des Vaters nachgesehen und merkwürdige Sachen gefunden. Er hat dir Geld vorgeschossen.«

»Gewiß, als ich die Fabrik vergrößerte.«

»Das war mir bekannt, aber ich wußte nicht, daß es so viel war.«

»Ich habe es regelmäßig verzinst.«

»Ja, das hast du, aber wie! Zu dreieinhalb! Ha!«

»Das war der Zinsfuß damals.«

»Mag sein, aber der Zinsfuß ist hoch gegangen. Und wenn dich der Vater nicht steigern wollte, so hättest du so, wie soll ich sagen, so, so anständig sein sollen, – – –«

»Das Wort verbiet' ich dir!« fuhr ihn Ferdinand an, und seine Augen schossen aus den Höhlen. »Ich habe ihm manchmal einen höheren Zins angeboten, er wollte nichts davon wissen.«

»Du hättest seine Gutmütigkeit in Geldsachen nicht ausnützen sollen.«

»Ich wiederhole dir, daß er sich weigerte, mehr anzunehmen.«

»Und ich wiederhole dir, daß du mich geschädigt hast! Kurz, ich will das Kapital zurück haben. Ich brauche Geld.«

»Wir brauchen viel Geld,« ließ sich Aga hören.

»Das Geld steckt im Geschäft. Man kann es nicht von einem Tag auf den andern herausschöpfen!« erklärte Ferdinand.

»Dann schöpft es der Richter heraus!« schrie Hans Rudolf. »Man muß den Sauhafen aufdecken.«

Ferdinand schoß heftig empor: »Mein Ehrenkleid behütet dich!«

»Geht nicht im Streit auseinander,« flehte Annabab.

Ferdinand riß die Säbelkoppel von einem Nagel herunter, umgürtete sich und näherte sich Annabab, um Abschied zu nehmen. Hans Rudolf wurde auf einmal kleinlaut. »Noch ein Wort, Ferdi,« sagte er, »ich war zu hitzig, ich bin in der Klemme, meine Geschäfte in der Stadt, du verstehst, ich habe nun vier Häuser, sie verzinsen sich nicht, ich kann sie von hier aus nicht vorteilhaft verwalten, ich muß in die Stadt ziehen.«

»Wir müssen in die Stadt,« bestätigte Aga.

»Wie viel brauchst du?« wandte sich Ferdinand, immer noch von Zorn gerötet, wieder dem Bruder zu.

»Nur fünfzigtausend.«

»Nur? So viel kann ich nicht sogleich aus dem Geschäft zurückziehen,« knurrte Ferdinand. »Ich mache dir einen Vorschlag: ich bürge dir für so viel.«

»Auch recht!« nickte Hans Rudolf nach einigem Besinnen.

»Gib mir Schreibzeug!« Ferdinand setzte sich wieder und warf ein paar Sätze zu Papier. Darauf sagte er: »Du ruinierst dich! Schau zum Hof, das ist die einzige Rettung.«

»Ich kann nicht, wir müssen verkaufen!«

Nun erhob sich Annabab, die klein auf einem Stuhl gesessen hatte: »So lange ich lebe, wird nicht verkauft. Ich hab' es dem Abraham versprochen.« Die Tränen rannen ihr aus den Augen.

Ferdinand reichte ihr die Hand: »Sei unbesorgt, gute Mutter! Er wird es sich überlegen.«

Adelheid schlang ihre starken Arme um Annabab und beteuerte: »Es wird nicht verkauft.« Agathe knirschte: »So schafft's allein!« und verschwand aus der Stube.

Ferdinand und Reinhart nahmen rasch Abschied. Vor dem Hause stand der Einspänner bereit. Der Knecht Hans Jörg setzte sich stämmig auf den Bock und trieb das Pferd an. Auf der ganzen Fahrt wurde kein Wort gesprochen. Ferdinand sann grimmig ins Land hinein.

Der Wagen rollte durch's Dorf und an der Kirche vorbei. Hans Jörg sah einen Augenblick über die Friedhofmauer und lüftete den Hut vor dem frischen Grabhügel. Dann trieb er das Pferd mit einem scharfen »Hü!« an, wie um etwas Schmerzlichem zu enteilen. Er saß so fest auf dem Sitzbrett, daß ihn der Wagen kaum rüttelte.

Ferdinand und Reinhart nahmen in einem Abteil zweiter Klasse Platz. Sie waren allein. Draußen nistete sich die Nacht in die Felder. Der Vater begann nach einer geraumen Weile zu sprechen: »Du hast heut' in manches hineingesehen, was nicht schön ist. Hans Rudolf ist ruiniert.«

»Ich bin froh, daß du ihm mit der Bürgschaft geholfen hast. Es war zu peinlich.«

»Ja, ja, so tappt man in den Sumpf, wer weiß, wann und unter welchen Umständen jener Schein mir – – oder dir wieder vorgewiesen wird.«

Er sprach das wie zu sich selber. Auf einmal straffte er seinen Oberkörper, trieb die Brust vor und stieß den Säbel hart gegen den Boden: »Ich muß etwas Ernstes mit dir besprechen.«

Reinhart lehnte sich in das Polster zurück. Es fuhr ihm heiß am Hals empor: »Eine neue Vergewaltigung,« dachte er und starrte dem Vater in die Augen.

»Dein Fabrikjahr ist jetzt um,« sprach Ferdinand mit erzwungener Gelassenheit. »Du solltest nun nach dem alten Plan auf die Hochschule gehen. Das kann leider nicht sein, wir hatten ein schlechtes Jahr in der Fabrik, und ich habe sonst noch sehr beträchtliche Summen verloren.«

»Wie das?« stieß Reinhart in Angst hervor.

»Du hast heut' gesehen, wie's anfängt. Der Mann ist ein politischer Freund von mir und ein sehr zuverlässiger Freund, durchaus ehrenhaft. Er wollte Geld machen, wie viele andere heutzutage auch. Er hat Land gekauft, Bauland, du verstehst, am falschen Ort, unterhalb der Stadt. Ich gab ihm Geld. Das war vor sieben Jahren. Der Handel ging schief. Die Bautätigkeit nahm einen andern Strich, jedermann wollte an der Berglehne hausen, das Land meines Freundes sank und sank im Preise und ist jetzt fast wertlos. Das weitere kannst du selber ergänzen.«

»Aber wie – – – ?«

»Verlieren wir keine Worte! Es gilt jetzt, den Schaden wieder gut zu machen, und du mußt mir helfen. Wir müssen aus der Fabrik mehr herausschlagen, wir müssen rühriger werden. Ich habe mit Herrn Geierling einen Plan entworfen, wir wollen unsern Kredit besser ausnützen und das Geschäft vergrößern, und, was die Hauptsache ist, uns mehr auf den Export einrichten. Ich habe zu Geierling unbegrenztes Vertrauen, er ist ein weitsichtiger, energischer Kopf. Aber auch du mußt helfen, meine Aufgabe nach und nach übernehmen.«

»Was verstehe ich?«

»Geierling und ich werden dich auf dem kürzesten Wege einführen.«

Reinhart war, es greife ihm jemand mit eisernen Fingern an den Hals. »Es gibt nur einen Weg,« würgte er hervor, »der helfen kann: du mußt dich aus der Politik zurückziehen, dich ganz dem Geschäft widmen.«

Der Vater schoß auf: »Das kann ich nicht, das tu' ich nicht! Wie? Ich bin kein Selbstmörder! Und dann: begreifst du nicht, daß Geschäft und Politik sich nicht ganz fremd sind? Gerade jetzt handelt es sich darum, durch eine zweckmäßige Zollpolitik für unsere Fabriken bessere Herstellungs- und Absatzmöglichkeiten zu schaffen.«

»Wenn ich dich recht verstehe, willst du deine politische Stellung mißbrauchen – ausnützen,« verbesserte sich Reinhart.

Er wurde von beklemmender Angst erfaßt. Er fühlte, daß sein Vater, dessen Rechtschaffenheit bis jetzt niemand bezweifelt hatte, im Begriffe war, an sich Verrat zu üben.

»Ich habe meinen politischen Einfluß bis zur Stunde noch nie für mich ausgenützt,« erwiderte Ferdinand, »andere haben das besser verstanden. Aber jetzt geht es um alles. Mache ich Bankrott, so ist mein mühsam aufgebautes Leben verpfuscht, ich hätte dann besser gar nie zu schnaufen begonnen. Kantonsrat, Nationalrat, Divisionär und Bankrottierer! Und ihr! Würde die Mutter so etwas überleben? Und Küngold? Wer heiratet die Tochter eines Verlumpten? Wenn du mir nicht helfen willst, so hilf der Mutter und der Schwester.«

Die elektrische Lampe wurde angezündet. Reinhart sah, daß seinem Vater der Schweiß auf der Stirne glänzte und daß die Kampfstellung, in der er die Auseinandersetzung begonnen hatte, sie eng zusammengeduckt hatte. Reinhart war bis zuletzt entschlossen gewesen, das Ansinnen des Vaters zurückzuweisen. Aber er sah nun die Mutter und Küngold vor sich und wußte, daß ein Entrinnen nicht möglich war. Er sagte fest: »Es sei.« Der Vater forschte in seinen Augen und langte nach seiner Hand. Reinhart zog sie zurück und stöhnte: »Wenn man bedenkt, daß es Leute gibt, die wähnen, die Sklaverei sei abgeschafft!«

»Man ist eine Masche, man ist erbärmlich in die Welt verstrickt,« tönte es von den Lippen des Vaters zurück.

Im Quartier fand Reinhart ein Briefchen vor. Er riß mechanisch den Umschlag auf und entnahm ihm eine Visitenkarte mit diesen Worten:

»Jutta von Homberg

verreist morgen nach England und sendet Ihnen freundliche Abschiedsgrüße. Im Katzenjammer geschrieben. Gestern bis früh mit Uniformen getanzt.«

Die ersten Worte hatten Reinhart wehmütig und doch froh gestimmt. Sie verreiste, wollte indessen mit ihm in Verbindung bleiben. Aber der banale Nachsatz! Oh, dieser Zwiespalt in dem herrlichen Geschöpf!

Reinhart lag mit offenen Augen auf seinem Strohlager in der weiten Scheune, im Traumreden und Schnarchen der Kameraden. Er dachte an den vergangenen Tag, er dachte an Jutta. Durfte er, der verarmte, noch nach ihr schauen? Wie sollte er sie, so wie sie war, glücklich machen? Er verdrängte die Schatten, er wollte sich in die Hoffnung retten. Aber es geriet ihm nur halb. Seine Gedanken flogen hin und her. Bald waren sie auf einem D-Zug, der ins Weite rollte und aus seinen Fenstern links und rechts Lichtbänder auf das dunkle mißmutige Land warf, bald auf dem Golsterhof, wo die Großmutter jetzt wachte und weinte und Hans Rudolf und seine Aga von der Flucht nach der Stadt, von Reichtum und Wohlleben träumten. Endlich fielen Reinhart die Augen zu und die Traumwelt ging ihm auf. Er war auf dem Hof. Auf einem Tisch lagen Schalen mit Kirschen, roten und schwarzen, alle aßen davon, die einen hielten sich an die roten, die andern an die schwarzen. Ferdinand zog eine schwarze Schüssel zu sich heran und starrte hart darauf. Hans Rudolf griff aus der gleichen Schale eine Handvoll Früchte und legte sie seiner Frau auf den Teller. Er selber griff gierig zu und schob sich drei Beeren auf einmal in den Mund. Die Großmutter und Estherlein blickten zu den dreien hinüber und zitierten miteinander feierlich, im Ton und mit den Handbewegungen des Lateinprofessors Stauber: »Auri sacra fames.« Reinhart wunderte sich, woher sie das Latein hätten, und war im Begriff, sie danach zu fragen, als die Türe aufging und Jutta hereintrat. Sie hatte die Augen mit ihren dunkeln Wimpern fest zugemacht, ging aber doch mit voller Sicherheit auf den Tisch zu und streckte die schlanke weiße Hand nach den schwarzen Kirschen aus. Reinhart erschrak und stöhnte im Erwachen: »Halt! Es sind Tollkirschen!«

Am folgenden Morgen stieg er müde und mit verworrenem Geist zu Pferde. Er hatte weder Ohren noch Augen für den Dienst. Der Korporal brüllte ihn an und drohte mit Arrest. Man ritt eine Attacke. Durch die Wiese floß ein Bach, über den die Gäule setzten. Reinhart mußte halb geträumt haben, jedenfalls überraschte ihn der Sprung. Er stürzte, und die Schwadron brauste über ihn hin. Bewußtlos wurde er aufgehoben. Ein Huf hatte ihn am Kopf schwer verletzt, wochenlang lag er im Spital. So nahm sein Waffendienst für immer ein Ende.

Das war im Herbstmonat 1909.

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