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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Sechstes Kapitel.

Doktor Leete hörte auf zu reden, und ich verharrte im Schweigen, indem ich mir eine allgemeine Vorstellung von den Veränderungen in der Gesellschaftsordnung zu bilden suchte, welche durch eine so ungeheure Umwälzung wie die von ihm beschriebene hatte herbeigeführt werden müssen.

Endlich sagte ich: »Die Idee einer solchen Ausdehnung der Regierungsthätigkeit ist, gelinde gesagt, ein wenig überwältigend.«

»Ausdehnung!« wiederholte er, »wieso Ausdehnung?«

»Zu meiner Zeit« versetzte ich, »war man der Ansicht, daß sich die Aufgaben der Regierung, genau genommen, auf die Aufrechterhaltung des Friedens und die Verteidigung des Volkes gegen den Feind, das heißt, auf die Ausübung der polizeilichen und militärischen Gewalt, beschränkten.«

»Und in des Himmels Namen, wo sind denn die Feinde des Volkes?« rief Doktor Leete aus. »Sind es Frankreich, England, Deutschland, oder Hunger, Kälte und Blöße? Zu Ihrer Zeit pflegten die Regierungen bei dem geringsten internationalen Mißverständnisse die Leiber von Bürgern mit Beschlag zu belegen und sie zu Hunderttausenden dem Tode und der Verstümmelung preiszugeben, indem sie zugleich deren Reichtümer wie Wasser vergeudeten, – und alles das meist ohne jeden denkbaren Nutzen für die Opfer. Wir haben jetzt keine Kriege und unsre Regierung hat keine Kriegsmacht; aber zu dem Zwecke, jeden Bürger gegen Hunger, Kälte und Blöße zu schützen und für alle seine körperlichen und geistigen Bedürfnisse zu sorgen, wird ihr, jedesmal für eine bestimmte Reihe von Jahren, die Aufgabe übertragen, seine Gewerbethätigkeit zu leiten. Nein, Herr West, ich bin sicher, wenn Sie nachdenken, werden Sie gewahren, daß Wohl zu Ihrer, nicht aber zu unsrer Zeit die Ausdehnung der Regierungsthätigkeit eine außerordentliche war. Selbst nicht für die besten Zwecke würden die Menschen jetzt ihren Regierungen eine Macht einräumen, wie sie damals zu den unheilvollsten ausgeübt wurde.«

»Ich will keine Vergleiche anstellen,« sagte ich, »aber das Demagogentum und die Bestechlichkeit unsrer Politiker würde zu meiner Zeit als ein unüberwindlicher Einwand gegen die Übernahme der Verwaltung der nationalen Industrie durch den Staat gegolten haben. Wir würden gedacht haben, daß keine Einrichtung schlimmer sein könnte, als die Politiker mit der Leitung der Reichtum schaffenden Produktionsmittel des Landes zu betrauen. Die materiellen Interessen waren schon unter den damals bestehenden Verhältnissen nur zu sehr der Spielball von Parteien.« »Ohne Zweifel hatten Sie recht,« entgegnete Doktor Leete, »aber alles das ist jetzt anders. Wir haben keine Parteien oder Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft, so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.«

»Dann muß sich die menschliche Natur selbst sehr geändert haben,« sagte ich.

»Ganz und gar nicht,« war Doktor Leetes Entgegnung; »aber die menschlichen Lebensbedingungen haben sich geändert und mit ihnen die Motive des menschlichen Handelns. Die Einrichtung der Gesellschaft war zu Ihrer Zeit eine derartige, daß die Beamten stets in Versuchung waren, ihre Gewalt zum eigenen oder zu anderer Vorteil zu mißbrauchen. Unter solchen Umständen erscheint es beinahe befremdlich, daß Sie ihnen überhaupt die Leitung Ihrer Angelegenheiten anvertrauen konnten. Jetzt dagegen ist der Staat so eingerichtet, daß ein Beamter, wie sehr er auch dazu geneigt sein möchte, durch Mißbrauch seiner Amtsgewalt absolut keinen Vorteil für sich oder andere erzielen könnte. Mag er ein noch so schlechter Beamter sein, bestechlich ist er nicht, weil ihm das Motiv dazu genommen ist. Unser sociales System setzt keine Prämie mehr auf die Unehrlichkeit. Aber das sind Dinge, welche Sie erst werden verstehen können, wenn Sie im Laufe der Zeit mit uns besser bekannt geworden sind.«

»Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie die Arbeiterfrage erledigt haben. Bisher haben wir das Problem des Kapitals erörtert,« bemerkte ich. »Nachdem die Nation die Leitung der Fabriken, der Maschinen, der Eisenbahnen, des Land- und Bergbaus und überhaupt alles Kapitals des Landes übernommen hatte, blieb die Arbeiterfrage doch bestehen. Mit der Übernahme der Aufgaben des Kapitals hatte die Nation auch die Schwierigkeiten der Stellung des Kapitalisten übernommen.«

»In dem Augenblicke, wo die Nation die Aufgaben des Kapitals übernahm, verschwanden diese Schwierigkeiten,« erwiderte Doktor Leete. »Die nationale Organisation der Arbeit unter einer Leitung war die vollständige Lösung dessen, was zu Ihrer Zeit und unter Ihrem System mit Recht als die unlösbare Arbeiterfrage angesehen wurde. Als die Nation der einzige Unternehmer ward, da wurden alle Bürger infolge ihres Bürgerrechts Arbeiter, die den Bedürfnissen der Industrie gemäß verteilt wurden.«

»Das heißt,« bemerkte ich, »Sie haben einfach das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht, wie es zu meiner Zeit verstanden wurde, auf die Arbeiterfrage angewandt.«

»Ja,« sagte Doktor Leete, »das war etwas, was sich von selbst ergab, als die Nation der einzige Kapitalist geworden war. Das Volk war bereits an die Vorstellung gewöhnt, daß die Wehrpflicht jedes nicht physisch unfähigen Bürgers, welche die Verteidigung der Nation sicherte, eine gleiche und absolute sei. Daß es in gleicher Weise die Pflicht jedes Bürgers sei, für den Unterhalt der Nation seinen Teil gewerblicher oder geistiger Arbeit beizusteuern, war gleich augenscheinlich, obwohl erst, als der Staat der Arbeitgeber wurde, die Bürger diese Dienstpflicht mit einem Scheine der Allgemeinheit oder Gleichheit erfüllen konnten. Keine Organisation der Arbeit war möglich, so lange das Unternehmertum unter Hunderte oder Tausende von Individuen oder Gesellschaften verteilt war, zwischen denen eine Einhelligkeit irgend welcher Art weder verlangt wurde, noch in der That möglich war. Es geschah daher beständig, daß eine große Anzahl von Personen, welche gern arbeiten wollten, keine Beschäftigung finden konnten; und andererseits konnten die, welche sich ganz oder teilweise ihrer Verpflichtung entziehen wollten, dies leicht thun.«

»Die Teilnahme an der vom Staate organisierten Arbeit ist jetzt also wohl für alle obligatorisch?« bemerkte ich.

»Sie ist zu sehr eine Sache, die sich von selbst versteht, als daß es des Zwanges bedürfte,« entgegnete Dr. Leete. »Sie wird für so absolut natürlich und vernünftig angesehen, daß man an die Vorstellung, daß sie ein Zwang ist, gar nicht mehr denkt. Man würde die Person für unglaublich verächtlich halten, die in einem solchen Falle des Zwanges bedürfte. Nichtsdestoweniger würde, vom Dienste als von einer Zwangspflicht zu reden, ein nur schwacher Ausdruck für dessen absolute Unvermeidlichkeit sein. Unsere ganze Gesellschaftsordnung ist so völlig darauf gegründet und daraus abgeleitet, daß, wenn es denkbar wäre, daß ein Mensch sich ihr entzöge, ihm kein Mittel bleiben würde, für seinen Unterhalt zu sorgen. Er würde sich aus der Welt ausgeschlossen, von seinesgleichen abgeschnitten, mit einem Worte, Selbstmord begangen haben.«

»Ist die Dienstzeit in dieser industriellen Armee eine lebenslängliche?«

»O nein; sie beginnt später und endet früher, als die durchschnittliche Arbeitsperiode zu Ihrer Zeit. Ihre Werkstätten waren mit Kindern und Greisen gefüllt; aber uns gilt die Periode der Jugend als der Erziehung, und die Periode der Reife, wo die Körperkräfte abzunehmen beginnen, als der Ruhe und angenehmen Erholung geweiht. Die Arbeitsdienstzeit währt vierundzwanzig Jahre: sie beginnt am Schlusse des Erziehungskursus mit einundzwanzig und endet mit fünfundvierzig. Nach dem fünfundvierzigsten Jahre kann der Bürger, obwohl der allgemeinen Arbeitspflicht enthoben, doch noch im Notfalle, wenn ein plötzlicher großer Mehrbedarf an Arbeitskräften eintritt, wieder einberufen werden, bis er das Alter von fünfundfünfzig Jahren erreicht; solche Einberufungen finden jedoch selten, in der That fast niemals statt. Der fünfzehnte Oktober jedes Jahres heißt bei uns der Musterungstag, weil dann diejenigen, welche das Alter von einundzwanzig erreicht haben, zum Arbeitsdienste ausgehoben und zugleich die, welche nach vierundzwanzigjährigem Dienste das Alter von fünfundvierzig Jahren erreicht haben, ehrenvoll entlassen werden. Das ist bei uns das große Ereignis des Jahres, von dem an wir alle anderen Ereignisse rechnen, – unsere Olympiade, nur daß sie jährlich ist.«

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