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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Fünftes Kapitel.

Als im Laufe des Abends die Damen sich zurückgezogen und Dr. Leete und mich allein gelassen hatten, erkundigte er sich, ob ich Neigung zum Schlaf hätte; wenn ich müde sei, so sei mein Bett für mich bereit; wenn ich aber zu längerem Aufbleiben geneigt sei, so würde ihm nichts lieber sein, als mir Gesellschaft zu leisten. »Ich bin selbst ein später Vogel,« sagte er, »und ohne daß Sie Schmeicheleien argwöhnen werden, kann ich sagen, daß man sich einen interessanteren Gesellschafter als Sie kaum denken kann. Man hat entschieden nicht oft Gelegenheit, sich mit einem Manne des neunzehnten Jahrhunderts zu unterhalten.« Nun hatte ich während des ganzen Abends mit einiger Furcht an die Zeit gedacht, wo ich allein sein würde, nachdem ich mich für die Nacht zurückgezogen hätte. Umgeben von diesen höchst freundlichen Fremden, angeregt und unterstützt durch ihr sympathisches Interesse, war ich fähig gewesen, mein geistiges Gleichgewicht zu bewahren. Selbst damals jedoch hatten mich in den Pausen der Unterhaltung wie Blitze die Vorgefühle des Grausens durchzuckt, das mich erwarten werde, wenn ich nicht mehr über Zerstreuung zu gebieten haben würde. Ich wußte, daß ich in jener Nacht nicht schlafen konnte, und ich bin sicher, es beweist keine Feigheit, wenn ich bekenne, daß ich mich vor dem Wachliegen und Nachdenken fürchtete. Als ich, in Erwiderung der Frage meines Wirtes, ihm dies offen sagte, entgegnete er, es würde merkwürdig sein, wenn mir nicht so zu Mute wäre; ich könnte jedoch hinsichtlich des Schlafens ohne Sorge sein: sobald ich zu Bett zu gehen wünschte, würde er mir ein Mittel geben, welches mir unfehlbar einen gesunden Schlaf verschaffen werde. Am nächsten Morgen würde ich ohne Zweifel so ruhig sein, als ob ich schon lange ein Bürger der neuen Welt wäre.

»Ehe das geschieht,« erwiderte ich, »muß ich ein wenig mehr von dem Boston wissen, in dem ich wiedererschienen bin. Sie sagten mir, als wir auf dem Dache des Hauses waren, daß, obwohl nur ein Jahrhundert verflossen sei, dasselbe in dem Zustande der Menschheit durch größere Veränderungen gekennzeichnet sei, als manches vorangegangene Jahrtausend. Mit der Stadt zu meinen Füßen konnte ich das wohl glauben; aber ich bin sehr neugierig, etwas von diesen Veränderungen zu erfahren. Um irgendwo einen Anfang zu machen – denn der Gegenstand ist zweifellos ein umfassender, – welche Lösung haben Sie für die Arbeiterfrage gefunden, wenn Sie eine gefunden haben? Sie war im neunzehnten Jahrhundert das Rätsel der Sphinx; und als ich verschwand, drohte die Sphinx die Gesellschaft zu verschlingen, weil diese keine Antwort fand. Es lohnt sich wohl, hundert Jahre zu schlafen, um zu erfahren, was die rechte Antwort war, – wenn Sie dieselbe in der That gefunden haben.«

»Da heutzutage nichts dergleichen wie eine Arbeiterfrage bekannt ist,« erwiderte Dr. Lette, »und es keine Möglichkeit giebt, daß sie wiedererstehen könnte, so können wir, denke ich, behaupten, sie gelöst zu haben. Die Gesellschaft würde wirklich vollkommen verdient haben, verschlungen zu werden, wenn sie ein so durchaus einfaches Rätsel nicht hätte lösen können. In der That, ganz buchstäblich, die Gesellschaft hatte es überhaupt gar nicht nötig, das Rätsel zu lösen: es löste sich selbst. Die Lösung kam als das Ergebnis eines Prozesses wirtschaftlicher Entwicklung, welche gar nicht in anderer Weise enden konnte. Alles, was die Gesellschaft zu thun hatte, war, diese Entwickelung anzuerkennen und zu unterstützen, sobald ihre Tendenz unverkennbar geworden war.«

»Ich kann nur sagen,« antwortete ich, »daß zu der Zeit, da ich einschlief, noch niemand eine solche Entwicklung erkannte.«

»Es war im Jahre 1887, als Sie in diesen Schlaf verfielen, sagten Sie, denke ich.«

»Ja, am 30. Mai 1887.«

Mein Gefährte sah mich einige Augenblicke sinnend an. Dann bemerkte er: »Und Sie sagen mir, daß selbst damals die Natur der Krisis, welcher die Gesellschaft sich näherte, noch nicht allgemein erkannt worden war? Natürlich schenke ich Ihrer Erklärung vollkommen Glauben. Die eigentümliche Blindheit Ihrer Zeitgenossen gegenüber den Zeichen der Zeit ist eine Erscheinung, welche viele unserer Geschichtschreiber erörtert haben; aber wenige Thatsachen der Geschichte sind für uns schwerer vorstellbar – so augenscheinlich und unverkennbar sind, wenn wir zurückblicken, die Anzeichen der bevorstehenden Umwandlung, welche doch auch Ihnen vor Augen getreten sein müssen. Es würde mich sehr interessieren, Herr West, wenn Sie mir eine etwas bestimmtere Vorstellung von der Anschauung geben würden, welche Sie und Männer Ihres Bildungsgrades hinsichtlich des Zustandes und der Aussichten der Gesellschaft im Jahre 1887 hatten. Es muß Ihnen wenigstens klar gewesen sein, daß die weitverbreiteten wirtschaftlichen und socialen Unruhen, die ihnen zu Grunde liegende Unzufriedenheit aller Klassen mit der gesellschaftlichen Ungleichheit und das allgemeine Elend der Menschheit Vorboten irgend welcher großer Veränderungen waren.«

»Das war uns in der That ganz klar,« erwiderte ich. »Wir fühlten, daß die Gesellschaft den Anker verlor und ein Spiel der Wellen zu werden drohte. Wohin sie treiben werde, konnte niemand sagen, aber alle fürchteten die Klippen.«

»Nichtsdestoweniger,« sagte Dr. Leete, »wäre die Richtung der Strömung vollkommen erkennbar gewesen, wenn Sie sich nur die Mühe gegeben hätten, sie zu beobachten, und sie führte nicht nach den Klippen hin, sondern in tieferes Fahrwasser.«

»Wir hatten ein Volkssprichwort,« erwiderte ich, »daß die Herren immer klüger sind, wenn sie vom Rathause kommen, als vorher; die Bedeutung desselben werde ich jetzt ohne Zweifel mehr denn je zu schätzen wissen. Alles, was ich sagen kann, ist, daß, als ich mich zu jenem langen Schlaf anschickte, die Aussichten derartig waren, daß ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn ich von Ihrem Dache heute auf ein moosbewachsenes Trümmerfeld anstatt auf diese herrliche Stadt geblickt hätte.«

Dr. Leete hatte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und nickte nachdenklich, als ich zu sprechen aufhörte. »Was Sie da sagen,« bemerkte er, »wird als eine höchst wertvolle Rechtfertigung Storiots angesehen werden, dessen Darstellung Ihres Zeitalters man gewöhnlich für übertrieben gehalten hat in seiner Schilderung der Düsterheit und Verwirrung der Menschengeister. Daß eine Übergangsperiode wie jene voller Bewegung und Aufregung sein mußte, war in der That zu erwarten; aber wenn man sieht, wie klar die Richtung der bewegenden Kräfte hervortrat, so hätte man weit eher glauben sollen, daß Hoffnung, als daß Furcht das im Volke herrschende Gefühl gewesen sei.«

»Sie haben mir noch nicht gesagt, welches die Antwort auf das Rätsel war, die Sie gefunden haben,« sagte ich. »Ich bin begierig, zu erfahren, durch welche Umkehrung des natürlichen Verlaufs der Friede und Wohlstand, deren Sie sich jetzt zu erfreuen scheinen, das Ergebnis eines Zeitalters wie des meinigen werden konnten.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte mein Wirt, »rauchen Sie?« Erst als wir unsere Cigarren angezündet und in Zug gebracht hatten, fuhr er fort: »Da Sie mehr in der Stimmung zu reden als zu schlafen sind, wie es sicher auch mein Fall ist, so kann ich vielleicht nichts Besseres thun, als zu versuchen, Ihnen insoweit eine Vorstellung von unserem heutigen Wirtschaftssystem zu geben, daß dadurch wenigstens der Eindruck verscheucht wird, es sei in dem Entwicklungsprozesse desselben irgend etwas Geheimnisvolles. Die Bostoner Ihrer Zeit standen in dem Rufe, große Frager zu sein, und ich will meine Abkunft zeigen, indem ich mit einer Frage an Sie beginne. Was würden Sie wohl als den hervorstechendsten Zug in den Arbeiterwirren Ihrer Zeit nennen?«

»Nun, die Ausstände natürlich,« erwiderte ich.

»Ganz recht; aber was machte die Ausstände so furchtbar?«

»Die großen Arbeiterorganisationen.«

»Und was war das Motiv für diese großen Organisationen?«

»Die Arbeiter behaupteten, sie müßten sich verbinden, um den großen Korporationen gegenüber zu ihrem Rechte zu kommen,« erwiderte ich.

»Das ist es gerade,« sagte Dr. Leete; »die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor aufgehäuft hatte. Ehe diese Konzentration begann, und als Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem Kapital, betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmer gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten, jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine Ausstände konnten nicht vorkommen. Aber als der Ära der kleinen Geschäfte mit kleinem Kapital die der großen Kapitalansammlungen folgte, ward alles anders. Der einzelne Arbeiter, der für den kleinen Unternehmer relativ wichtig gewesen war, wurde den großen Korporationen gegenüber bedeutungs- und machtlos, während ihm zugleich der Weg aufwärts zur Stellung eines Unternehmers abgeschnitten wurde. Die Notwehr trieb ihn zur Vereinigung mit seinen Genossen.

»Die Berichte aus jener Periode zeigen, daß der Aufschrei gegen die Konzentration des Kapitals furchtbar war. Die Menschen glaubten, daß jene die Gesellschaft mit einer Form der Tyrannei bedrohe, die abscheulicher sei, als irgend eine zuvor erduldete. Sie glaubten, daß die großen Korporationen ein Joch schimpflicherer Sklaverei für sie vorbereiteten, als je dem Menschengeschlecht auferlegt worden sei: eine Sklaverei nicht unter Menschen, sondern unter seelenlosen Maschinen, die jedes Motivs außer unersättlicher Gier unfähig sind. Wenn wir zurückblicken, können wir uns über ihre Verzweiflung nicht wundern, denn gewiß stand die Menschheit niemals vor einem elenderen und gräßlicheren Lose, als jene Ära der Tyrannei von Korporationen gewesen sein würde, welche sie erwarteten.

»Inzwischen nahm, ganz ungehindert durch alle Klagen, die Aufsaugung der Geschäfte durch immer weiter sich ausdehnende Monopolisierungen ihren Fortgang. In den Vereinigten Staaten, wo diese Tendenz sich weiter entwickelt hatte, als in Europa, konnte nach dem Beginn des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts kein individuelles Unternehmen in irgend einem wichtigen Gebiete der Industrie gelingen, wenn nicht ein großes Kapital dahinter stand. Im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts waren die kleinen Geschäfte, welche noch geblieben waren, schnell zu Grunde gehende Überreste einer vergangenen Epoche oder bloße Parasiten der großen Korporationen, oder aber sie existierten auf Gebieten, die zu klein waren, um die großen Kapitalisten anzuziehen. Die Kleinbetriebe, welche sich noch hielten, waren auf den Zustand von Ratten und Mäusen heruntergekommen, die in Löchern und Winkeln hausen und, um das Dasein zu fristen, unbeachtet zu bleiben suchen. Die Eisenbahnen waren weiter und weiter vereinigt worden, bis einige wenige große Syndikate jede Schiene im Lande in ihrer Gewalt hatten. Auch im Fabrikswesen wurde jeder wichtige Artikel durch ein Syndikat beherrscht. Diese Syndikate, Ringe oder Trusts, was nun ihr Name sein mochte, setzten die Preise fest und schlugen alle Konkurrenz nieder, außer wenn Verbindungen entstanden, die ebenso mächtig waren wie sie selbst. Dann folgte ein Kampf, der in einer noch größeren Konsolidierung des Kapitals endete. Der große Bazar in der Stadt vernichtete seine Konkurrenten auf dem Lande durch Zweiggeschäfte und sog in der Stadt selbst seine kleineren Konkurrenten auf, bis der Handel eines ganzen Viertels unter einem Dache vereinigt war, wo hundert früher selbständige Kaufleute als Kommis dienten. Da der kleine Kapitalist sein Geld nicht in ein eigenes Geschäft stecken konnte, so fand er, während er in den Dienst der großen Gesellschaft trat, keine andere Anlage für sein Geld, als in deren Aktien, und wurde so doppelt abhängig von ihr. »Die Thatsache, daß der verzweifelte Widerstand des Volkes gegen die Vereinigung des Geschäftsbetriebes in wenigen mächtigen Händen erfolglos blieb, beweist, daß es für dieselbe einen starken wirtschaftlichen Grund gegeben haben muß. Die kleinen Kapitalisten mit ihren unzähligen winzigen Geschäften hatten in der That darum dem Großkapital das Feld geräumt, weil sie einer Periode voll kleinlicher Verhältnisse angehörten und den Anforderungen eines Zeitalters des Dampfes und der Telegraphie und dem Riesenmaß seiner Unternehmungen in keiner Weise gewachsen waren. Die frühere Ordnung der Dinge wiederherstellen, wenn das möglich gewesen wäre, hieß zu den Tagen der Postkutschen zurückkehren. So drückend und unerträglich die Herrschaft des Großkapitals auch sein mochte, so mußten doch selbst dessen Opfer, wahrend sie es verwünschten, die wunderbare Zunahme der Leistungsfähigkeit, welche die nationale Industrie erfahren hatte, die großen Ersparnisse, welche durch die Konzentration des Betriebes und die Einheitlichkeit der Leitung erzielt wurden, anerkennen und zugestehen, daß, seit das neue System an die Stelle des alten getreten, der Reichtum der Welt sich in einem früher ungeahnten Maße gesteigert habe. Ohne Zweifel, diese ungeheure Zunahme desselben hatte hauptsächlich dahin gewirkt, die Reichen reicher zu machen und die Kluft zwischen ihnen und den Armen zu erweitern; aber die Thatsache blieb bestehen, daß, lediglich als ein Mittel, Reichtum zu schaffen, betrachtet, das Kapital sich in dem Maße seiner Konsolidierung leistungsfähig bewiesen hatte. Die Wiedereinführung des alten Systems mit seiner Verteilung des Kapitals, würde, wenn sie möglich gewesen wäre, in der That vielleicht eine größere Gleichheit in der Lebenslage mit größerer persönlicher Würde und Freiheit hergestellt haben; aber allgemeine Armut und Stillstand alles materiellen Fortschritts würden der Preis dafür gewesen sein.« »Gab es denn also kein Mittel, sich jenes mächtige, Reichtum erzeugende Prinzip des konsolidierten Kapitals dienstbar zu machen, ohne sich einer Plutokratie gleich der Karthagos zu unterwerfen? Sobald die Menschen sich diese Frage vorzulegen begannen, fanden sie die fertige Antwort. Die Bewegung in der Richtung eines durch immer größere und größere Kapitalien geleiteten Geschäftsbetriebes, die Tendenz zu Monopolen, der man sich so verzweifelt und vergeblich widersetzt hatte, wurde endlich in ihrer wahren Bedeutung erkannt: als ein Prozeß, der nur seine logische Entwicklung zu vollenden brauchte, um der Menschheit eine goldene Zukunft zu eröffnen.

»Am Anfange des letzten Jahrhunderts war der Entwicklungsprozeß durch die schließliche Konsolidierung des gesamten Kapitals der Nation vollendet. Industrie und Handel des Landes, nicht mehr durch eine Gruppe unverantwortlicher, aus Privatpersonen bestehender Korporationen und Aufsichtsräte nach eigener Laune und für eigenen Nutzen geleitet, waren einem einzigen Aufsichtsrat, welcher das Volk repräsentierte, anvertraut, um im Interesse und zum Nutzen Aller geregelt zu werden. Das heißt, die Nation organisierte sich zu dem einen großen Geschäftsverbande, in welchem alle anderen Verbände aufgingen; sie wurde der einzige Kapitalist, an Stelle aller anderen Kapitalisten, der einzige Unternehmer, der letzte Monopolist, der alle früheren und kleineren Monopole verschlang, ein Monopolist, an dessen Gewinn und Ersparnis alle Bürger Teil hatten. Die Epoche der Ringe hatte mit ›dem großen Ring‹ geendigt. Mit einem Worte, das Volk der Vereinigten Staaten beschloß, die Leitung seines Geschäfts selbst in die Hand zu nehmen, gerade so wie es hundert Jahre zuvor die Leitung seiner Regierung selbst in die Hand genommen hatte, indem es sich jetzt zu industriellen Zwecken auf genau derselben Grundlage organisierte, auf welcher es sich damals zu politischen Zwecken organisiert hatte. Endlich, seltsam spät in der Weltgeschichte, gewahrte man die augenscheinliche Thatsache, daß kein Geschäft so wesentlich das Geschäft des Staates ist, wie Handel und Gewerbe, von denen des Volkes Lebensunterhalt abhängt, und daß, diese Privatpersonen anzuvertrauen, welche sie zu ihrem Privatvorteil betreiben, eine Thorheit ist, ähnlich der, doch bei weitem größer als die, daß man einst die Funktionen der politischen Regierung Privatpersonen überließ, welche sie zu ihrer persönlichen Verherrlichung führten.«

»Solch ein erstaunlicher Wandel, wie Sie ihn beschreiben,« sagte ich, »konnte natürlich nicht ohne großes Blutvergießen und schreckliche Erschütterungen Platz greifen.«

»Ganz im Gegenteil,« erwiderte Dr. Leete, »es fand nicht die geringste Gewalttätigkeit statt. Der Wandel war längst vorausgesehen worden. Die öffentliche Meinung war dazu völlig reif geworden, und die ganze Masse des Volkes stand dahinter. Es war so wenig mehr möglich, ihm durch Gewalt wie durch Gründe Widerstand zu leisten. Andrerseits hatten die Gefühle des Volkes den großen Gesellschaften und deren Vertretern gegenüber ihre Bitterkeit verloren, da es deren Notwendigkeit als eines Gliedes, einer Übergangsphase in der Entwicklung des wahren Wirtschaftssystems erkannte. Die heftigsten Gegner der großen Privatmonopole waren nun gezwungen, die unschätzbaren und unentbehrlichen Dienste anzuerkennen, welche dieselben darin geleistet hatten, das Volk bis zu dem Punkte zu erziehen, wo es die Verwaltung seines Geschäfts selbst übernehmen konnte. Fünfzig Jahre zuvor würde die Vereinigung der Industrien des Landes unter staatlicher Leitung selbst dem sanguinischsten Menschen als ein sehr gewagtes Experiment erschienen sein. Aber durch einen Anschauungsunterrichts-Kursus, den alle mitmachten, hatten die großen Betriebsgesellschaften dem Volk ganz neue Ideen über diesen Gegenstand gelehrt. Es hatte viele Jahre lang Einkünfte, größer als die von Staaten, durch Syndikate verwalten und durch sie die Arbeit von Hunderttausenden von Menschen mit einem Erfolge und einer Sparsamkeit leiten sehen, wie sie in kleineren Betrieben unerreichbar sind. Es war als ein Axiom anerkannt worden, daß, je größer der Betrieb, um so einfacher die darauf anzuwendenden Prinzipien seien, und daß, wie die Maschine zuverlässiger ist als die Hand, so das System, welches in einem großen Betriebe das leistet, was in einem kleinen das Auge des Herrn, sicherere Ergebnisse erziele. So kam es denn, dank den Betriebsgesellschaften selbst, daß, als der Vorschlag gemacht wurde, der Staat solle deren Funktionen übernehmen, dieser Rat nichts enthielt, was selbst dem Ängstlichen unthunlich erschienen wäre. Sicherlich war es ein Schritt, größer als je einer gethan worden; aber man sah, daß gerade die Thatsache, daß die Nation die einzige übrig bleibende Betriebsgesellschaft sein würde, das Unternehmen von vielen Schwierigkeiten befreien werde, mit denen die Einzelgesellschaften zu kämpfen gehabt hätten.«

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