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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

»Es ist etwas später geworden, Herr West, als ich Sie wecken sollte. Sie sind nicht so schnell erwacht, wie gewöhnlich.«

Die Stimme war die meines Dieners Sawyer. Ich fuhr im Bette empor und starrte um mich. Ich war in meinem unterirdischen Gemache. Das milde Licht der Lampe, welche stets in dem Zimmer brannte, wenn ich es benutzte, beleuchtete die mir vertrauten Wände und Möbel. An meinem Bette, mit dem Glase Sherry in der Hand, welches ich nach Doktor Pillsburys Vorschrift gleich nach dem Erwachen aus dem magnetischen Schlafe einzunehmen hatte, um die erstarrten Lebensgeister wieder in Thätigkeit zu versetzen, stand Sawyer.

»Nehmen Sie es nur schnell ein, Herr West,« sagte er, als ich ihn verständnislos anstarrte. »Sie sehen ganz verstört aus, Herr West, Sie haben es nötig.«

Ich schluckte den Trank hinunter und begann mir klar zu machen, was denn mit mir vorgegangen sei. Es war natürlich sehr einfach. Alles das vom zwanzigsten Jahrhundert war ein Traum gewesen. Nur geträumt hatte ich von jenem erleuchteten und sorgenfreien Menschengeschlecht und seinen sinnreich-einfachen Einrichtungen, von dem herrlichen neuen Boston mit seinen Domen und Zinnen, seinen Gärten und Springbrunnen und seinem überall herrschenden Wohlstande. Die liebenswürdige Familie, die ich so gut kennen gelernt hatte, mein freundlicher Wirt und Mentor, Dr. Leete, seine Gattin und ihre Tochter, die zweite und schönere Edith, meine Braut, – auch diese waren nur Gebilde der Phantasie gewesen.

Eine geraume Zeit verblieb ich in der Stellung, in welcher diese Erkenntnis mich überkommen hatte: ich saß im Bette aufrecht und starrte ins Leere, versunken in der Erinnerung an die Scenen und Begebenheiten meiner Traumvision. Sawyer, den mein Aussehen beunruhigte, fragte mich inzwischen besorgt, was mir fehle. Seine lästigen Fragen brachten mich endlich völlig zu mir; ich raffte mich mit Anstrengung zusammen, fand mich in meine wirkliche Lage und versicherte dem treuen Burschen, daß alles mit mir in Ordnung sei. »Ich habe einen außerordentlichen Traum gehabt, Sawyer, das ist alles,« sagte ich, »einen ganz außer-ordent-lichen – Traum.«

Ich zog mich mechanisch an. Merkwürdig gestört fühlte ich mich und unsicher, ob ich denn wirklich ich selbst wäre. Ich setzte mich zum Kaffee, den Sawyer mir zu meiner Erfrischung zu bringen pflegte, bevor ich das Haus verließ. Die Morgenzeitung lag neben meinem Gedeck, ich nahm sie auf und mein Auge fiel auf das Datum: Den 31. Mai 1887.

Von dem Augenblicke an, da ich die Augen öffnete, hatte ich natürlich gewußt, daß meine langen und umständlichen Erlebnisse in einem anderen Jahrhundert ein Traum gewesen waren; und doch stutzte ich, als ich einen so bündigen Beweis davon sah, daß die Welt, seit ich mich zum Schlafen niedergelegt hatte, nur einige Stunden älter geworden sei.

Ich warf einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis an der Spitze der Zeitung, welches eine Übersicht der Tagesneuigkeiten enthielt, und las Folgendes: »Auswärtige Angelegenheiten. – Der bevorstehende Krieg zwischen Frankreich und Deutschland. Die französischen Kammern fordern einen neuen Kredit für die Armee, um der Vermehrung des deutschen Heeres zu begegnen. Wahrscheinlichkeit, daß ganz Europa in den Krieg verwickelt wird, falls es zu einem solchen kommt. – Großes Elend unter den unbeschäftigten Arbeitern in London. Sie verlangen Arbeit. Eine Massendemonstration soll stattfinden. Die Behörden in Unruhe. – Große Aufstände in Belgien. Die Regierung bereitet sich vor, etwaige Gewaltthaten zu unterdrücken. Empörende Thatsachen hinsichtlich der Beschäftigung von Mädchen in den belgischen Kohlenbergwerken – Massenaustreibungen der Pächter in Irland.

»Innere Angelegenheiten. – Die Betrugsepidemie dauert fort. Unterschlagung einer halben Million in New-York. – Veruntreuung durch Testamentsvollstrecker. Waisen des letzten Pfennigs beraubt. – Geschickte Diebereien eines Bankkassierers: 50 000 Dollars fort. – Die Kohlenbarone beschließen einen Preisaufschlag der Kohle und Verminderung der Förderung. – Spekulanten in Chicago treiben die Weizenpreise in die Höhe. – Eine Kaffeepreissteigerung. – Enorme Ländereien von Associationen im Westen annektiert. – Enthüllungen über die entsetzliche Korruption unter den Chicagoer Beamten. Systematische Bestechung. – Die Untersuchungen über gewisse Stadtverordnete in New-York werden fortgesetzt. – Große Bankerotte von Geschäftshäusern. Befürchtung einer allgemeinen Geschäftskrisis. – Eine große Menge von Diebstählen und Einbrüchen. – Eine Frau kaltblütig ihres Geldes wegen in New-Haven ermordet. – Ein Hausbesitzer hier in der vergangenen Nacht von einem Einbrecher erschossen. – In Worcester erschießt sich ein Mann, weil er keine Arbeit finden konnte. Eine große Familie im Elend hinterlassen. – Ein altes Ehepaar in New-Jersey begeht Selbstmord, um nicht ins Armenhaus zu kommen. – Schreckliche Armut der Lohnarbeiterinnen der großen Städte. – Erstaunliche Zunahme der Unwissenheit in Massachusetts. – Mehr Irrenhäuser nötig. – Reden am Dekorationstage. Professor Brown über die moralische Höhe der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts.«

Es war in der That das neunzehnte Jahrhundert, zu dem ich erwacht war; darüber konnte keinerlei Zweifel mehr sein. In dieser Übersicht der Tagesneuigkeiten stellte sich sein ganzer Mikrokosmus dar, selbst bis auf jenen letzten, nicht mißzuverstehenden Zug aberwitziger Selbstgefälligkeit. Da derselbe hinter einem solchen Verdammungsurteil kam, wie es in jener Chronik eines einzigen Tages mit ihren Berichten über Mord, Habsucht und Tyrannei in der ganzen Welt lag, so war er ein Hohn, würdig eines Mephistopheles. Und doch war ich unter Allen, welche diese Zeilen heute lesen, vielleicht der Einzige, der den Hohn gewahrte; und noch gestern würde ich ihn so wenig wie die andern bemerkt haben. Nur jener sonderbare Traum war es, der mir die Sache jetzt so anders erscheinen ließ. Abermals vergaß ich nun meine Umgebung, ich weiß nicht auf wie lange Zeit, und bewegte mich im Geiste wieder in jener lebendigen Traumwelt, in jener herrlichen Stadt mit ihren einfachen und so behaglichen Wohnhäusern und ihren prachtvollen öffentlichen Palästen. Um mich waren wieder Gesichter, unentstellt durch Hochmut oder Unterwürfigkeit, durch Neid oder Habgier, durch ängstliche Sorge oder fieberhaften Ehrgeiz, und stattliche Gestalten von Männern und Frauen, welche nie Furcht vor einem Nebenmenschen oder Abhängigkeit von seiner Gunst gekannt, sondern stets, um die Worte jener Predigt anzuwenden, die mir noch in den Ohren klangen, »aufrecht gestanden hatten vor Gott.«

Mit einem tiefen Seufzer und einem Gefühle unersetzlichen Verlustes, der darum nicht weniger schmerzte, daß er der Verlust von etwas, was in Wirklichkeit nie existiert hatte, war, entriß ich mich endlich meinen Träumereien und verließ bald darauf das Haus.

Wohl ein dutzendmal auf dem Wege von meiner Thür bis zur Washingtonstraße mußte ich stehen bleiben und mich gewaltsam zusammennehmen: solche Macht hatte jene Vision vom Boston der Zukunft gehabt, daß sie das wirkliche Boston mir fremd erscheinen ließ. Die Unsauberkeit und der üble Geruch der Stadt fielen mir auf, von dem Augenblicke an, da ich auf die Straße trat, wie etwas, das ich nie zuvor bemerkt hatte. Noch gestern war es mir als etwas ganz Selbstverständliches erschienen, daß einige meiner Mitbürger in Seide und andere in Lumpen einhergingen, daß einige wohlgenährt und andere hungrig aussahen. Jetzt dagegen fiel mir bei jedem Schritte die schreiende Ungleichheit in Kleidung und Aussehen der Männer und Frauen, die auf den Trottoirs aneinander vorübereilten, auf, und noch mehr die gänzliche Gleichgültigkeit, welche die Bessergestellten dem Zustande der Unglücklichen gegenüber zeigten. Waren das denn Menschen, welche das Elend ihrer Mitmenschen sehen konnten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen? Und doch wußte ich bei alledem sehr wohl, daß ich es war, der sich verändert hatte, und nicht meine Zeitgenossen. Ich hatte von einer Stadt geträumt, deren Bewohner sich alle in den gleichen Verhältnissen befanden, wie Kinder einer Familie, und einer des andern Hüter waren in allen Dingen.

Ein anderes Merkmal des wirklichen Boston, welches jenen durchaus fremdartigen Eindruck machte, den ein neues Licht vertrauten Gegenständen verleiht, waren die zahlreichen Geschäftsankündigungen und Reklamen aller Art. Im Boston des zwanzigsten Jahrhunderts gab es keine persönlichen Geschäftsankündigungen, weil man deren nicht bedurfte; aber hier waren die Wände der Gebäude, die Fenster, die Zeitungen in jeder Hand, ja selbst das Pflaster, alles und jedes in der That, was man sehen konnte, mit Ausnahme des Himmels, bedeckt mit Anrufen von Personen, welche unter unzähligen Vorwänden andere zu Beiträgen zu ihrem Lebensunterhalte zu bestimmen suchten. Wie verschieden auch immer die Worte lauten mochten, der Inhalt dieser Anrufe war stets der nämliche:

»Helft dem John Jones! Kümmert euch nicht um die andern! Sie sind Betrüger. Ich, John Jones, bin der Rechte. Kauft von mir! Gebt mir zu thun! Kommt zu mir! Hört auf mich, den John Jones! Seht auf mich! Macht ja keine Verwechslung: John Johnes ist der Mann und keiner sonst! Laßt die andern verhungern, aber denkt um Gottes willen an John Jones.«

Ob der Jammer oder ob die moralische Widerwärtigkeit des Schauspiels den stärksten Eindruck auf mich machte, der ich so plötzlich in meiner eigenen Stadt ein Fremder geworden war, das weiß ich nicht. Unglückliche, hatte ich ausrufen mögen, die ihr nicht lernen wollt, einander zu helfen, und darum, vom Niedrigsten bis zum Höchsten, verurteilt seid, einander anzubetteln! Dieses entsetzliche Babel schamlosen Eigenlobes und gegenseitiger Herabsetzung, dieser betäubende Lärm einander bekämpfender Anpreisungen, Bitten und Beschwörungen, dieses erstaunliche System frecher Bettelei, – was bedeutete alles dieses anders, als die Zwangslage einer Gesellschaft, in welcher die Möglichkeit, der Welt mit seinen Gaben zu dienen – anstatt daß sie als der erste Zweck der Gesellschaftsordnung einem jeden zugesichert wurde – erkämpft werden mußte!

Ich erreichte die Washingtonstraße an dem Punkte des größten Geschäftsverkehrs, und da blieb ich stehen und lachte zum Ärgernis der Vorübergehenden laut auf. Wenn es mein Leben gekostet hätte, ich hätte mich nicht bezwingen können, – ein so toller Humor überkam mich beim Anblick der unendlichen Ladenreihen auf beiden Seiten, Straße auf und Straße ab, so weit man blicken konnte. Um das Schauspiel noch aberwitziger zu machen, verkauften innerhalb eines Steinwurfs Dutzende von Läden denselben Artikel. Läden! Läden! Läden! Meilenweit Läden! Zehntausend Läden, um die Waren zu verteilen, die diese eine Stadt bedurfte! Und in meinem Traume war sie von einem einzigen Warenlager aus mit allen Gegenständen versorgt worden, sobald diese in einem der großen Bazare, deren jeder Stadtbezirk einen besaß, bestellt worden waren. Ohne Verlust von Zeit oder Arbeit konnte der Käufer da unter einem Dache Proben von sämtlichen Artikeln der Welt finden, die er nur begehren mochte. Die Arbeit der Verteilung der Waren war so gering gewesen, daß sie deren Preis nur um einen unmerklichen Bruchteil für den Konsumenten erhöhte. Es war so gut, als wenn er nur die Herstellungskosten bezahlte. Hier aber erhöhte das bloße Verteilen der Waren, ihr Hin- und Herschaffen, deren Preis um ein Viertel, ein Drittel, die Hälfte, ja selbst um mehr als die Hälfte der Herstellungskosten. Alle diese zehntausend Anstalten mußten bezahlt werden, mit ihren Mieten, ihren Oberaufsehern, ihren Scharen von Verkäufern, ihren Zehntausenden von Buchhaltern, Hausdienern und sonstigen Angestellten, mit allen ihren Ausgaben für Inserate und dem ganzen Konkurrenzkampf, – und die Konsumenten mußten alles bezahlen. Welch' glorreiches Verfahren, eine Nation arm zu machen!

Waren das ernste Männer, die ich um mich her erblickte, oder Kinder, die ihr Geschäft nach einem solchen System betrieben? Konnten es denkende Wesen sein, welche die Thorheit nicht sahen, die, wenn das Produkt hergestellt und zum Gebrauch fertig ist, indem sie es an den Konsumenten bringt, so viel davon verschwendet? Wenn Leute mit einem Löffel essen, der die Hälfte seines Inhalts zwischen Teller und Lippe fallen läßt, werden sie da nicht wahrscheinlich hungrig vom Tische aufstehen? Ich war früher tausendmal durch die Washingtonstraße gegangen und hatte das Verhalten der Verkäufer beobachtet; aber meine Neugierde hinsichtlich ihres Benehmens war so groß, als wenn ich es noch nie gesehen hätte. Verwundert blickte ich in die Schaufenster der Läden mit ihren Auslagen von Waren, die mit großem Aufwand von Mühe und künstlerischer Erfindungsgabe so angeordnet waren, daß sie das Auge anziehen mußten. Ich sah das Gedränge der Damen, die da hineinschauten, und die Eigentümer, die gespannt die Wirkung der Lockspeise beobachteten. Ich trat ein und bemerkte, wie der falkenäugige erste Kommis das Geschäft überwachte, die Verkäufer beaufsichtigte und sie zu ihrer Pflicht anhielt, die Kunden zu veranlassen zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen, für Geld, wenn sie es hatten, für Kredit, wenn sie es nicht hatten, zu kaufen, was sie nicht brauchten, mehr als sie brauchten, was über ihre Mittel hinausging. Zuweilen verlor ich für einen Augenblick den Faden und wurde durch den Anblick verwirrt.

Wozu diese Anstrengung, die Leute zum Kaufe zu bewegen? Das hatte sicherlich mit dem rechtmäßigen Geschäfte, die Gegenstände denen zuzuteilen, welche sie brauchten, nichts zu thun. Es war offenbar die reinste Kraftverschwendung, den Leuten aufzudrängen, was sie nicht brauchten, was aber anderen von Nutzen sein konnte. Durch jeden derartigen Erfolg wurde die Nation um so viel ärmer. Was dachten sich diese Kaufleute eigentlich? Dann fiel mir erst ein, daß sie ja gar nicht als Warenverteiler thätig waren, wie die in dem Warenhause, das ich im Traum-Boston besucht hatte. Sie dienten nicht dem öffentlichen, sondern ihrem unmittelbaren persönlichen Interesse, und es war ihnen ganz gleichgültig, was die schließliche Wirkung ihres Verhaltens auf den Gesamtwohlstand sein würde, wenn sie nur ihr eigenes Vermögen mehrten; denn diese Waren gehörten ihnen selbst, und je mehr sie von ihnen verkauften und für sie erhielten, um so größer war ihr Gewinn. Je verschwenderischer die Leute waren, je mehr Artikel, die sie nicht brauchten, ihnen aufgedrängt werden konnten, desto besser war es für diese Verkäufer. Die Verschwendung zu befördern, war der ausdrückliche Zweck der zehntausend Läden Bostons.

Und diese Kaufleute und Handlungsgehilfen waren nicht um ein Jota schlechter als irgend jemand anders in Boston. Sie mußten ihren Lebensunterhalt erwerben und ihre Familie ernähren, – und wie sollten sie ein sie ernährendes Gewerbe finden, welches sie nicht gezwungen hätte, ihr Eigeninteresse dem Interesse Anderer und dem Aller voranzustellen? Man konnte von ihnen nicht verlangen, zu verhungern in Erwartung einer Ordnung der Dinge, wie ich sie in meinem Traume gesehen hatte, wo das Interesse des Einzelnen und das Aller eins waren. Aber war es ein Wunder, daß unter einem derartigen System, wie es um mich her in Geltung war, die Stadt so armselig aussah und die Leute so schlecht gekleidet und so viele von ihnen zerlumpt und hungrig waren?

Bald darnach geriet ich in den südlichen Stadtteil und befand mich inmitten der Fabriken. Ich war in diesem Viertel früher schon hundertmal gewesen, wie in der Washingtonstraße, aber hier sowohl wie dort erkannte ich jetzt erst die wahre Bedeutung dessen, was ich sah. Früher war ich stolz darauf gewesen, daß Boston, wie tatsächlich berechnet war, gegen viertausend voneinander unabhängige Fabriken hatte; aber gerade in dieser ihrer Menge und Unabhängigkeit fand ich jetzt das Geheimnis des unbedeutenden Gesamtproduktes ihrer Industrie.

Wenn die Washingtonstraße einem Irrenhause gleich gewesen war, so war das Schauspiel hier um so viel trübseliger, wie die Warenproduktion eine wichtigere Funktion des socialen Organismus ist, als die Warenverteilung. Denn nicht nur arbeiteten diese viertausend Fabriken nicht einhellig zusammen und aus diesem Grunde allein schon mit ungeheurem Schaden, sondern, als wenn der dadurch herbeigeführte Kraftverlust noch nicht unheilvoll genug wäre, verwandten sie ihre äußerste Geschicklichkeit darauf, einander ihre Anstrengungen zu vereiteln. Ihre Besitzer beteten des Nachts und mühten sich am Tage, ihre Unternehmungen gegenseitig zu Grunde zu richten.

Das Rollen und Pochen der Räder und Hämmer, das von allen Seiten ertönte, war nicht das Summen einer friedlichen Industrie, sondern das Geschwirr feindlich geschwungener Schwerter. Diese Fabriken und Werkstätten waren ebenso viele Festungen, jede unter eigener Flagge; ihre Geschütze waren auf die Fabriken und Werkstätten ringsumher gerichtet, und ihre Sappeurs waren unter der Erde geschäftig, sie zu unterminieren.

Innerhalb einer jeden dieser Festungen bestand man auf der straffsten Organisation der Industrie: die getrennten Betriebe arbeiteten unter einheitlicher Leitung, keinerlei Störung oder Doppelarbeit war gestattet. Jedem war seine Aufgabe zugewiesen, und keiner war müßig. An welcher Lücke im Denkvermögen, an welchem verlorenen Gliede in den Schlußfolgerungen lag es denn nun, daß man die Notwendigkeit nicht erkannte, dasselbe Prinzip auch auf die Organisation der gesamten nationalen Industrie anzuwenden, – daß man nicht sah, daß, wenn der Mangel an einheitlicher Leitung den Erfolg einer einzelnen Fabrik beeinträchtigt, derselbe in der Schwächung der Industrie der gesamten Nation in eben dem Maße unheilvollere Folgen haben muß, als die letztere größer in ihrer Ausdehnung und verwickelter in dem gegenseitigen Verhältnisse ihrer Teile ist?

Die Leute würden gleich bei der Hand sein, ein Heer zu verspotten, in welchem es keine Compagnien, Bataillone, Regimenter, Brigaden, Divisionen und Armeecorps gäbe, – keine Gliederungen in der That, die größer wären, als eine Korporalschaft, und keine Offiziere, die mehr wären als ein Korporal, und keinen Korporal, der mehr zu sagen hätte als irgend ein anderer. Und doch waren die Fabrikbetriebe in dem Boston des neunzehnten Jahrhunderts gerade solch' ein Heer: ein Heer von viertausend selbständigen Korporalschaften unter der Führung von viertausend selbständigen Korporalen, von denen ein jeder seinen besonderen Feldzugsplan hatte.

Eine Menge von beschäftigungslosen Menschen sah man überall; einige waren müßig, weil sie überhaupt keine Arbeit finden konnten, andere, weil sie nicht den Lohn erlangen konnten, den sie für gerecht hielten.

Ich sprach einige der Letzteren an, und sie erzählten mir ihr Leid. Ich konnte ihnen nur sehr wenig Trost spenden. »Sie thun mir leid,« sagte ich. »Sie erhalten wenig genug, gewiß, und doch wundere ich mich nicht darüber, daß Betriebe, welche so wie diese geleitet werden, Ihnen keinen auskömmlichen Lohn zahlen, sondern darüber, daß sie Ihnen überhaupt irgend welchen Lohn zahlen können.«

Ich kehrte nun wieder nach der inneren Stadt zurück und befand mich gegen drei Uhr auf der Statestraße, wo ich, als ob ich sie nie zuvor gesehen hätte, die Bank- und Mäklergeschäfte und die anderen Finanzinstitute anstarrte, von denen es in der Statestraße meiner Vision keine Spur gegeben hatte. Geschäftsleute, Prokuristen und Laufburschen drängten sich hinein und heraus, denn es fehlten nur noch wenige Minuten bis zum Geschäftsschluß. Mir gegenüber befand sich die Bank, an der ich meine Angelegenheiten zu erledigen pflegte. Ich ging über die Straße, mischte mich unter die eintretende Menge und blieb in einer Mauernische stehen, um das Heer der mit Geld hantierenden Angestellten und die langen Reihen von Leuten, die an den Schaltern Summen deponierten, zu beobachten. Ein alter Herr, den ich kannte, ein Direktor der Bank, ging an mir vorüber und blieb einen Augenblick stehen, als er meine Haltung bemerkte.

»Interessanter Anblick, Herr West, nicht wahr?« sagte er. »Wundervoller Mechanismus! so erscheint er auch mir. Wie Sie stelle ich mich gern zuweilen hier hin und sehe zu. Es ist ein Gedicht, ja, ein Gedicht, so muß ich es nennen. Dachten Sie wohl daran, Herr West, daß die Bank das Herz des Geschäftsbetriebes ist? Von ihm aus und zu ihm zurück fließt in endlosem Umlauf das Lebensblut. Jetzt strömt es ein; am Morgen wird es wieder ausströmen.« Und über seine Idee wohlgefällig lächelnd, ging der alte Herr weiter.

Noch gestern würde ich den Vergleich treffend genug gefunden haben; aber seitdem hatte ich eine Welt besucht, die unvergleichlich reicher war als diese hier und kein Geld besaß und keins gebrauchen konnte. Ich hatte gelernt, daß es in der mich umgebenden Welt nur deshalb gebraucht wurde, weil man die Produktion des Unterhaltes der Nation nicht als die im strengsten Sinne öffentlichste und gemeinsamste Angelegenheit ansah, die als solche durch den Staat zu leiten sei, sondern sie aufs Geratewohl den Anstrengungen Einzelner überließ. Dieser Grundfehler machte einen endlosen Zwischenhandel nötig, um nur überhaupt irgend eine Art von allgemeiner Warenverteilung zu Wege zu bringen. Diesen Zwischenhandel bewerkstelligte das Geld – in wie gerechter Weise, konnte man sehen, wenn man von den ärmeren Stadtteilen zu den reichen einen Spaziergang machte, – mit seiner Inanspruchnahme einer Armee von Menschen, welche der produktiven Arbeit entzogen wurden, um mit ihm zu hantieren, mit den fortwährenden verderblichen Störungen seiner Maschinerie und seinem entsittlichenden Einflusse auf die ganze Menschheit, welcher jenes uralte Wort rechtfertigte, es sei »die Wurzel alles Übels.«

Armer alter Bankdirektor mit deinem Gedicht! Er hatte das Zucken eines Geschwürs für das Pochen des Herzens gehalten! Was er einen »wundervollen Mechanismus« nannte, war ein unvollkommener Versuch, einen unnötigen Fehler zu verbessern, – die plumpe Krücke eines Krüppels, der sich selbst dazu gemacht hat.

Nachdem die Banken geschlossen waren, wanderte ich eine oder zwei Stunden lang ziellos im Geschäftsviertel umher und setzte mich später eine Weile auf eine Bank des Stadtparks. Ich fand ein Interesse daran, die vielen vorübergehenden Menschen zu beobachten, wie man ein solches hat, wenn man die Bevölkerung einer fremden Stadt studiert, – so fremd waren mir meine Mitbürger und deren Sitten seit gestern geworden. Dreißig Jahre lang hatte ich unter ihnen gelebt, und doch schien ich nie zuvor bemerkt zu haben, wie verzerrt und sorgenvoll die Gesichter waren, die der Reichen wie die der Armen, die feinen, scharf geschnittenen Gesichter der Gebildeten sowohl wie die nichtssagenden Larven der Ungebildeten. Und wohl konnte es so sein; denn ich sah jetzt, wie ich es nie zuvor so deutlich gesehen hatte, daß jeder, während er einherging, sich beständig umdrehte, um auf das Flüstern eines ihm folgenden Gespenstes zu hören, des Gespenstes der Unsicherheit »Arbeite noch so tüchtig,« so flüsterte das Gespenst, »stehe früh auf und mühe dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu, – du wirst nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein, und doch kannst du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen Reichtum, – du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich nicht um Brot verkaufen muß.«

Ein vorübergehender Mann steckte mir eine Reklamekarte zu, welche die Vorzüge einer neuen Art von Lebensversicherung auseinandersetzte. Das erinnerte mich an das einzige Mittel – ein ergreifendes Zugeständnis der allgemeinen Not, der es so armselig abhilft, – das einzige Mittel!, welches diesen müden und abgehetzten Männern und Frauen geboten wurde, sich wenigstens teilweise gegen die Unsicherheit zu schützen. Auf diese Weise, erinnerte ich mich, konnten sich die bereits Wohlhabenden einen gewissen Grad von Zuversicht erkaufen, daß nach ihrem Tode ihre Lieben wenigstens eine Zeitlang nicht von den Menschen würden niedergetreten werden. Aber das war auch alles, und es stand nur denen zu Gebote, welche gut dafür bezahlen konnten. Wie konnten diese unseligen Bewohner des Landes Ismaels, wo die Hand eines jeden sich erhob gegen jeden andern, an eine solche wahre Lebensversicherung denken, wie ich sie unter den Bewohnern meines Traumlandes gesehen hatte, von denen jeder durch seine bloße Zugehörigkeit zur großen Familie der Nation geschützt war vor jeglicher Not durch eine Police, die unterzeichnet war von hundert Millionen von Mitbürgern.

Eine Zeit darauf, entsinne ich mich, stand ich auf den Stufen eines Gebäudes in der Tremontstraße und sah einem militärischen Schauspiel zu. Ein Regiment zog vorüber. Das war der erste Anblick an jenem traurigen Tage, welcher mir andere Gefühle einflößte, als verwundertes Mitleid und Erstaunen. Hier endlich war Ordnung und Vernunft, eine Darstellung dessen, was verständiges Zusammenwirken vollbringen kann. Konnte es denn sein, daß für die Menschen, die mit leuchtendem Antlitz zusahen, dieser Anblick lediglich das Interesse eines Schauspiels hatte? Mußten sie nicht gewahren, daß ihr vollkommen einmütiges Handeln, ihre Organisation unter einheitlicher Leitung es war, was diese Menschen zu der furchtbaren Maschine machte, die im stande war, einen zehnmal so großen Pöbelhaufen zu bezwingen? Da sie dies so klar sahen, wie konnten sie es unterlassen, die wissenschaftliche Weise, in der die Nation in den Krieg zog, mit der unwissenschaftlichen Weise zu vergleichen, in der sie an die Arbeit ging? Mußten sie nicht fragen, seit wann das Töten der Menschen eine so viel wichtigere Aufgabe sei, als ihre Bekleidung und Ernährung, daß man eine geschulte Armee nur für die erstere für nötig erachtete, während man die letztere einem Pöbelhaufen überließ?

Es brach nun der Abend an, und die Straßen füllten sich mit den Arbeitern aus den Magazinen, Werkstätten und Fabriken. Ich ließ mich von der Hauptströmung forttragen und befand mich, als es dunkel zu werden anfing, inmitten eines Schauplatzes der Unsauberkeit und menschlicher Entartung, wie ihn eben nur das südliche Arbeiterviertel aufweisen konnte. Ich hatte vorher die wahnsinnige Verschwendung menschlicher Arbeit gesehen: hier sah ich nun in gräßlichster Gestalt das Elend, welches diese Verschwendung erzeugt hatte.

Aus den schwarzen Thür- und Fensterhöhlungen der verwahrlosten Häuser zu beiden Seiten der Straße drang übelriechende Luft hervor. Die Straßen und Gäßchen trieften von einer Flüssigkeit, wie sie auf dem Zwischendeck von Sklavenschiffen sich findet. Im Vorbeigehen streifte mein Blick bleiche Kinder da drinnen, die inmitten stinkender Dünste dahinsiechten, und Frauen, aus deren Gesicht jeder Hoffnungsstrahl verschwunden war, die entstellt waren durch Mühsal und von der Weiblichkeit nichts behalten hatten als die Schwäche. Aus den Fenstern schielten Dirnen mit dreisten Mienen. Gleich den hungrigen Rudeln verwilderter Hunde, welche die türkischen Städte unsicher machen, erfüllten Scharen halbnackter, vertierter Kinder die Luft mit Schreien und Fluchen, während sie sich zwischen dem die Höfe bedeckenden Unrat balgten und wälzten.

In alledem war nichts, was mir neu war. Oft war ich durch diesen Stadtteil gegangen und hatte die hier sich abspielenden Scenen mit einer Mischung von Widerwillen und einem gewissen philosophischen Staunen gewahrt ob des äußersten Elends, das die Sterblichen ertragen können, ohne das Leben wegzuwerfen. Aber seit jener Vision eines anderen Jahrhunderts waren mir die Schuppen von den Augen gefallen, nicht nur hinsichtlich der ökonomischen Thorheiten dieses Zeitalters, sondern ebenso sehr auch hinsichtlich seiner moralischen Greuel. Nicht mehr blickte ich mit hartherziger Neugierde auf die unglücklichen Bewohner dieser Hölle wie auf kaum menschliche Wesen. Ich sah in ihnen meine Brüder und Schwestern, meine Eltern, meine Kinder, Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut. Die eiternde Masse menschlichen Elends um mich her verletzte jetzt nicht nur meine Sinne, sondern schnitt durch mein Herz wie ein Messer, so daß ich stöhnte und ächzte. Ich sah nicht nur, sondern ich fühlte auch in meinem Leibe alles, was ich sah.

Jetzt gewahrte ich auch, als ich die unseligen Wesen um mich her näher betrachtete, daß sie alle ganz tot waren. Ihre Leiber waren ebenso viele lebendige Gräber. Auf jeder vertierten Stirn stand deutlich geschrieben das »Hier ruht« einer gestorbenen Seele.

Als ich, von Entsetzen ergriffen, von dem einen Totenkopf zum andern blickte, hatte ich eine seltsame Hallucination. Ich sah, wie ein schwebendes, durchsichtiges Geisterantlitz, das sich über jede dieser tierischen Masken legte, das ideale, das mögliche Antlitz, welches das wirkliche geworden wäre, wenn Geist und Seele gelebt hätten. Erst als ich diese idealen Antlitze gewahrte und den Vorwurf in ihren Augen las, gegen den ich nichts erwidern konnte, offenbarte sich mir die ganze Traurigkeit der angerichteten Zerstörung. Zerknirschung und Seelenangst übermannten mich, denn ich war einer von denen gewesen, welche geduldet hatten, daß alles dieses geschähe. Ich war einer von denen gewesen, welche, wohl wissend, daß es geschähe, nicht davon hatten hören und daran denken wollen, sondern war, als ob es nicht existierte, meinem eigenen Vergnügen und Vorteil nachgegangen. Darum fand ich jetzt auf meinem Gewande das Blut dieser großen Menge erwürgter Seelen. Die Stimme ihres Blutes schrie gegen mich von der Erde. Jeder Stein des unsauberen Pflasters, jeder Ziegel dieser Pesthäuser hatte eine Zunge und schrie mir nach, als ich floh: Was hast du mit deinem Bruder Abel gethan?

Ich habe keine klare Erinnerung von dem, was folgte, bis ich auf den gemeißelten Steintreppen des prachtvollen Hauses meiner Verlobten in der Commonwealth-Avenue stand. In dem Aufruhr meiner Gedanken hatte ich an jenem Tage kaum einmal an sie gedacht; aber jetzt hatten meine Füße, einem unbewußten Triebe gehorchend, den vertrauten Weg zu ihrer Thür gefunden. Man sagte mir, daß die Familie bei Tisch sei, aber ich wurde eingeladen, mit ihr zu speisen. Außer der Familie fand ich mehrere Gäste anwesend, die mir alle bekannt waren. Die Tafel strahlte von Silbergeschirr und kostbarem Porzellan. Die Damen waren prächtig gekleidet und trugen Juwelen wie Königinnen. Es war eine Scene voll höchster Eleganz und verschwenderischem Luxus. Die Gesellschaft war in der trefflichsten Laune, es gab viel Gelächter und ein ununterbrochenes Feuer von Witzworten.

Mir war es, als sei ich von einer Richtstätte gekommen, deren Anblick mein Blut in Thränen verwandelt und mein Gemüt zur Trauer, zum Mitleid und zur Verzweiflung gestimmt hatte, und ich sei nun plötzlich in einer Lichtung auf einen lustigen Trupp lärmender Gesellen gestoßen. Ich saß schweigend da, bis Edith mich wegen meiner finsteren Miene aufzuziehen begann. Was mir denn fehlte? Die anderen beteiligten sich sofort an den mutwilligen Angriffen und ich wurde die Zielscheibe ihrer Späße und Sticheleien. Wo ich denn gewesen sei und was ich denn gesehen hätte, daß ein so grämlicher Genosse aus mir geworden wäre?

»Ich bin auf Golgatha gewesen,« antwortete ich endlich. »Ich habe die Menschheit gekreuzigt gesehen. Weiß keiner von euch, auf welche Scenen die Sonne und die Sterne in dieser Stadt herabblicken, daß ihr an irgend etwas anderes denken, von anderem reden könnt? Wißt Ihr nicht, daß dicht bei euren Thüren große Massen von Männern und Frauen, Fleisch von eurem Fleisch, ein Leben führen, das von der Wiege bis zum Grabe ein Todeskampf ist? Horcht! Ihre Wohnstätten sind so nahe, daß, wenn ihr stille seid mit euerm Lachen, Ihr ihre schrecklichen Stimmen vernehmen werdet, – das klägliche Schreien der Kleinen, die am Hungertuche saugen, die heiseren Flüche im Elend halb vertierter Männer, das Feilschen eines Heeres von Weibern, die sich um Brot verkaufen. Womit habt ihr eure Ohren verstopft, daß ihr diese klagenden Töne nicht hört? Ich kann nichts anderes mehr hören.«

Schweigen folgte meinen Worten. Leidenschaftliches Mitgefühl hatte mich erschüttert, während ich sprach; aber als ich auf die Gesellschaft rund um mich blickte, sah ich, daß ihre Mienen, weit entfernt, wie ich erregt zu sein, ein kaltes und liebloses Erstaunen ausdrückten, das bei Edith mit tiefster Kränkung, bei ihrem Vater mit Zorn vermischt war. Die Damen tauschten beleidigte Blicke aus, während einer der Herren sich sein Glas ins Auge klemmte und mich mit einer Art wissenschaftlicher Neugierde studierte. Als ich sah. daß das, was mir so unerträglich war, sie gar nicht bewegte, daß Worte, welche mein Herz so bewegten, daß ich sie aussprechen mußte, sie nur gegen den Sprechenden einnahmen, war ich zuerst ganz bestürzt und dann überkam mich ein Gefühl der Verzweiflung und ich ward fast ohnmächtig. Was war für die Unglücklichen und für die Welt zu hoffen, wenn denkende Männer und gefühlvolle Frauen durch Dinge wie diese nicht bewegt wurden! Dann dachte ich mir, es müßte daran liegen, daß ich nicht in der richtigen Weise gesprochen hätte. Ohne Zweifel hatte ich die Sache schlecht dargestellt. Sie waren gewiß erzürnt, weil sie glaubten, ich wollte sie ausschelten, während ich, Gott weiß es, nur an das Grauenvolle der Thatsache selbst gedacht hatte, ohne irgendwie zu versuchen, festzustellen, wer dafür verantwortlich wäre.

Ich unterdrückte meine leidenschaftliche Erregung und versuchte ruhig und logisch zu sprechen, um jenen Eindruck zu berichtigen. Ich sagte ihnen, daß ich sie nicht hätte anklagen wollen, als ob sie oder die Reichen im allgemeinen für das Elend der Welt verantwortlich wären. Es sei in der That wahr, daß der Überfluß, den sie verschwendeten, anders angewandt vielem bitteren Leiden abhelfen würde. Diese köstlichen Speisen, diese teuren Weine, diese herrlichen Stoffe und blitzenden Juwelen könnten manches Menschenleben loskaufen. Wahrlich seien sie nicht ohne die Schuld derer, welche Verschwendung treiben in einem von Hungersnot heimgesuchten Lande. Nichtsdestoweniger würde die Ersparnis alles dessen, was alle Reichen vergeuden, nur wenig dazu beitragen, die Armut aus der Welt zu schaffen. Es sei so wenig vorhanden, daß, selbst wenn die Reichen mit den Armen teilten, es für alle nur ein Gericht Brotrinden geben würde, obwohl diese dann durch brüderliche Liebe sehr süß gemacht werden würden.

Die Thorheit der Menschen, nicht ihre Hartherzigkeit sei die große Ursache der Armut der Welt. Es sei nicht der Frevel der Menschen oder irgend einer Klasse von Menschen, was die Menschheit so elend macht, sondern ein gräßlicher, entsetzlicher Irrtum, eine riesenhafte, weltverdunkelnde Verblendung. Und dann zeigte ich ihnen, wie vier Fünftel der Arbeit der Menschen vollständig vergeudet würden durch die gegenseitigen Kämpfe, durch den Mangel an einheitlichem Zusammenwirken unter den Arbeitern. Um die Sache recht klar zu machen, führte ich als Beispiel den Fall eines dürren Landes an, wo der Boden nur dann den Lebensunterhalt gewährt, wenn man die Wasserläufe sorgfältig zur Berieselung ausnutzt. Ich wies darauf hin, daß man es in solchen Ländern für die Hauptaufgabe der Regierung halte, dafür zu sorgen, daß das Wasser nicht durch die Selbstsucht oder die Unwissenheit Einzelner verschwendet werde, da sonst eine Hungersnot eintreten müßte. Zu diesem Zwecke sei der Gebrauch desselben streng geordnet und geregelt und es sei den Einzelnen nicht gestattet, es nach ihrem Gutdünken einzudämmen oder abzulenken oder es in irgend welcher Weise zu mißbrauchen.

Die Arbeit der Menschen, erklärte ich, sei der befruchtende Strom, der allein die Erde bewohnbar mache. Auch besten Falls fließe er nur spärlich und seine Benutzung müsse durch ein System geregelt werden, welches jeden Tropfen auf die vorteilhafteste Weise verwende, falls die Welt reichlich ernährt werden solle. Aber wie weit sei die tatsächliche Praxis von jeglicher systematischen Regelung entfernt! Ein jeder verbrauche das kostbare Naß, wie es ihm beliebt, und sei nur durch die beiden gleich starken Motive beseelt, seine eigene Ernte zu sichern und die seines Nachbars zu verderben, damit sich die seinige besser verkaufe. Durch diese Habgier und diese Feindseligkeit werde das eine Feld überschwemmt, während das andere verdorre und die Hälfte des Wassers gänzlich verloren gehe. In einem solchen Lande möchten wohl einige Wenige durch Macht oder List die Mittel zum Wohlleben erlangen, das Los der großen Mehrzahl aber müsse Armut und das der Schwachen und Unwissenden bitterer Mangel und beständige Hungersnot sein.

Wenn die von Hungersnot heimgesuchte Nation jene Aufgabe, welche sie vernachlässigt hatte, nur erfüllen und den Lauf des Leben spendenden Stromes für das Gemeinwohl regulieren wollte, dann würde die Erde blühen wie ein Garten und keines ihrer Kinder irgend etwas entbehren. Ich schilderte das leibliche Wohlsein, die geistige Erleuchtung und die sittliche Größe, welche das Leben aller Menschen zeigen würde. Mit Inbrunst sprach ich von jener neuen Welt, die gesegnet mit Überfluß, gereinigt durch Gerechtigkeit und beglückt durch brüderliche Liebe war, – der Welt, von der ich freilich nur geträumt hatte, die aber so leicht könnte verwirklicht werden.

Aber während ich erwartet hatte, daß sich jetzt sicherlich die Gesichter um mich her aufhellen und den meinigen ähnliche Gefühle ausdrücken würden, wurden sie nur immer finsterer, zorniger und höhnischer. Anstatt Begeisterung zeigten die Damen nur Abscheu und Schrecken, und die Männer unterbrachen mich mit Ausrufen der Verdammung und Verachtung. »Verrückter!« »Fanatiker!« »Feind der Gesellschaft!« schrieen sie, und der mit dem Augenglas rief aus: »Er sagt, wir sollen keine Armen mehr haben! Ha, ha, ha!«

»Werft den Menschen hinaus!« rief der Vater meiner Braut, und auf dieses Zeichen sprangen die Männer von ihren Stühlen auf und drangen auf mich ein.

Mir war es, als wenn mein Herz brechen sollte vor Schmerz, daß das, was mir so klar und so von höchster Wichtigkeit war, für sie bedeutungslos war, und daß ich machtlos war, es zu ändern. So heiß war mein Herz gewesen, daß ich mit seiner Glut einen Eisberg zu schmelzen gedachte, und jetzt fühlte ich nur, wie diese übermächtige Kälte mein eigenes Inneres erstarren machte. Nicht Feindschaft war es, was ich gegen sie empfand, als sie auf mich eindrangen, sondern nur Mitleid, mit ihnen und mit der Welt.

Obwohl verzweifelnd, konnte ich mich nicht ergeben. Ich rang noch mit ihnen. Thränen brachen aus meinen Augen. In meiner Aufregung konnte ich nicht mehr vernehmlich sprechen. Ich keuchte, ich schluchzte, ich stöhnte, und fand mich aufrecht sitzend im Bette in meinem Zimmer in Dr. Leetes Hause, und die Morgensonne schien durch das offene Fenster in meine Augen. Ich rang nach Atem. Die Thränen strömten meine Wangen herab und alle meine Nerven bebten.

Wie es einem entflohenen Sträfling zu Mute ist, welcher träumt, er sei wieder eingefangen und in seinen dunklen, feuchten Kerker zurückgebracht worden, und, seine Augen öffnend, das weite Himmelsgewölbe über sich sieht, so war es mir, als ich erkannte, daß meine Rückkehr ins neunzehnte Jahrhundert der Traum und meine Gegenwart im zwanzigsten die Wirklichkeit war.

Die grausamen Scenen, welche ich in meiner Vision gewahrt hatte und durch die Erfahrungen meines früheren Lebens so wohl bestätigen konnte, sie waren – ob sie gleich, ach! einst wirklich gewesen und bis ans Ende der Zeit die Zurückblickenden zu Thränen des Mitleids bewegen werden, – sie waren, Gott sei Dank, für immer vorbei! Lange schon waren Unterdrücker und Unterdrückte, Prophet und Spötter zu Staub geworden. Seit Generationen waren »reich« und »arm« vergessene Worte.

Aber in diesem Augenblicke, während ich noch mit unaussprechlicher Dankbarkeit an die Größe dieser Erlösung der Welt und an mein Glück, sie zu schauen, dachte, da durchdrang mich plötzlich, wie ein Messer, ein Schmerzgefühl von Scham, Gewissensbiß und verwunderter Selbstanklage, welches mein Haupt sich senken und mich wünschen machte, daß das Grab mich mitsamt meinen Genossen verschlungen haben möchte vor der Sonne. Denn ich war selbst ein Mann jener früheren Zeit gewesen. Was hatte ich gethan für diese Errettung der Welt, deren mich zu erfreuen ich mich jetzt vermaß? Ich, der ich in jenen grausamen und unvernünftigen Tagen gelebt hatte, was hatte ich gethan, ihnen ein Ende zu machen? Ich war genau ebenso gleichgültig gewesen gegen das Elend meiner Brüder, ebenso cynisch ungläubig in Bezug auf die Möglichkeit besserer Verhältnisse, ein ebenso bethörter Anbeter des Chaos und der Finsternis, wie irgend einer meiner Genossen. So weit mein persönlicher Einfluß gereicht hatte, war er eher dazu verwendet worden, die Befreiung des Menschengeschlechts, welche sich damals eben vorbereitete, zu hindern, als sie zu fördern. Welches Recht hatte ich, eine Erlösung zu begrüßen, der ich mir vorwerfen mußte, daß ich jetzt das Glück eines Tages genießen wollte, dessen Dämmern ich einst verspottet hatte?

»Besser für dich wäre es, besser für dich,« so tönte eine Stimme in mir, »wenn dieser böse Traum die Wirklichkeit und diese schöne Wirklichkeit der Traum gewesen wäre! Eine schönere Aufgabe wäre es für dich gewesen, die Sache der gekreuzigten Menschheit gegen ein höhnendes Geschlecht zu verfechten, als hier aus Quellen zu trinken, die du nicht erschlossen, und von Bäumen zu essen, deren Pfleger du einst gesteinigt hast.« Und meine Seele antwortete: »Besser, gewiß.«

Als ich endlich mein gebeugtes Haupt erhob und aus dem Fenster schaute, war Edith, frisch wie der Morgen, in den Garten gekommen und pflückte Blumen. Eilends stieg ich zu ihr hinab. Vor ihr niederknieend, mein Angesicht im Staube, bekannte ich mit Thränen, wie wenig ich wert sei, die Luft dieses goldenen Jahrhunderts zu atmen, und wie unendlich viel weniger, seine herrlichste Blume an meine Brust zu drücken. Glücklich ist der, welcher in einem so verzweifelten Falle wie dem meinigen einen so gnädigen Richter findet.

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