Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bellamy >

Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
Schließen

Navigation:

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Ich denke, wenn jemand je zu entschuldigen war, daß er die Reihenfolge der Wochentage vergaß, so war ich es unter meinen Umständen. In der That, wenn man mir gesagt hätte, daß die Art der Zeitrechnung völlig verändert worden wäre und die Tage in Gruppen von fünf, zehn oder fünfzehn anstatt von sieben zusammengefaßt würden, so würde ich nach dem, was ich bereits vom zwanzigsten Jahrhundert gehört und gesehen hatte, keineswegs überrascht gewesen sein. Es war am Morgen nach der im letzten Kapitel erzählten Unterhaltung, als es mir zum erstenmale einfiel, mich nach dem Wochentage zu erkundigen. Beim Frühstück fragte mich Dr. Lette, ob ich wohl eine Predigt würde hören wollen.

»Es ist heute also Sonntag?« rief ich aus.

»Ja,« erwiderte er. »Am Freitag der letzten Woche war es, als wir die glückliche Entdeckung des verschütteten Zimmers machten, der wir Ihre Gesellschaft diesen Morgen verdanken. Am Sonnabend bald nach Mitternacht erwachten Sie zum erstenmale, und am Sonntag Nachmittag erwachten Sie zum zweitenmale, mit völlig wiederhergestellten Kräften.« »So haben Sie also noch Sonntage und Predigten,« sagte ich. »Wir hatten Propheten, welche weissagten, daß schon lange vor dieser Zeit die Welt mit beiden aufgeräumt haben werde. Ich bin sehr gespannt zu erfahren, wie die Kirchenordnung sich in Ihr übriges Gesellschaftssystem einfügt. Sie haben wohl eine Art Nationalkirche mit staatlich angestellten Geistlichen?«

Dr. Leete lachte, und Frau Leete und Edith schien die Frage sehr zu belustigen.

»Aber Herr West,« sagte Edith, »für wie wunderliche Leute müssen Sie uns doch halten! Sie waren bereits im neunzehnten Jahrhundert über die staatlichen Religionseinrichtungen hinaus, und Sie meinen, wir seien zu denselben zurückgekehrt?«

»Aber wie ist eine freie Kirche und eine nicht staatliche Geistlichkeit mit dem Nationalbesitz aller Gebäude und dem von Allen verlangten Arbeitsdienste vereinbar?« fragte ich.

»Die Formen der Religionsübung des Volkes haben sich natürlich im Laufe eines Jahrhunderts erheblich verändert,« erwiderte Dr. Leete; »aber selbst angenommen, daß sie unverändert geblieben wären, würde sich doch unsre Gesellschaftsordnung ihnen vollkommen anpassen. Die Nation liefert jeder einzelnen Person oder Anzahl von Personen ein Gebäude, sofern die Miete verbürgt wird, und die Nutznießung verbleibt ihnen so lange, als sie die Miete aufbringen. Was die Geistlichen anbetrifft, so gilt einfach wieder folgendes: Wenn eine Anzahl von Personen die Dienste eines Individuums für einen besonderen, persönlichen Zweck, der mit dem Staatsdienste nicht identisch ist, in Anspruch zu nehmen wünscht, so kann sie sich dieselben, die eigene Zustimmung jenes Individuums natürlich vorausgesetzt, dadurch stets verschaffen, – gerade so, wie wir uns die Dienste eines Redakteurs sichern, – daß sie von ihren Kreditkarten der Nation eine Entschädigung für den Verlust seiner Arbeitskraft im staatlichen Industriedienste zahlt. Diese, der Nation für das Individuum gezahlte Entschädigung entspricht dem zu Ihrer Zeit dem Individuum selbst gezahlten Gehalte; und die mannigfache Anwendung dieses Prinzips läßt in allen Einzelheiten, wo die staatliche Leitung nicht durchführbar ist, der Privatunternehmung freien Spielraum. – Wenn Sie nun heute eine Predigt hören wollen, so können Sie entweder in eine Kirche gehen, sie zu hören, oder auch zu Hause bleiben.«

»Wie soll ich sie hören, wenn ich zu Hause bleibe?«

»Sie brauchen uns nur zur bestimmten Stunde in das Musikzimmer zu begleiten und sich einen bequemen Stuhl auszusuchen. Es giebt noch Leute, welche die Predigten lieber in der Kirche hören; aber meistens werden unsre Predigten, wie unsre Musikaufführungen, nicht öffentlich, sondern in akustisch gebauten Zimmern gehalten, welche mit den Häusern der Abonnenten durch den Draht verbunden sind. Wenn Sie es vorziehen, in eine Kirche zu gehen, so werde ich Sie gern begleiten; aber ich glaube wirklich nicht, daß Sie irgendwo eine bessere Rede hören würden, als hier zu Hause. Ich ersehe aus der Zeitung, daß Herr Barton heute Vormittag predigt; er predigt nur durch das Telephon, und seine Zuhörerzahl erreicht oft eine Höhe von Hundertundfünfzigtausend.«

»Wenn kein anderer Grund, so würde doch schon die Neuheit des Experiments, eine Predigt unter solchen Umständen zu hören, mich dazu bestimmen, Herrn Barton zu hören,« sagte ich.

Nach ein oder zwei Stunden, als ich lesend in der Bibliothek saß, erschien Edith, um mich abzuholen, und ich folgte ihr in das Musikzimmer, wo Herr und Frau Leete bereits warteten. Kaum hatten wir bequem Platz genommen, als wir ein Klingeln hörten, und wenige Augenblicke darauf redete die Stimme eines Mannes im gewöhnlichen Unterhaltungstone zu uns, als wenn sie von einer unsichtbaren Person im Zimmer ausginge. Die Stimme sprach also:

Herrn Bartons Predigt.

»Wir haben während der vergangenen Woche einen Kritiker aus dem neunzehnten Jahrhundert unter uns gehabt, einen lebenden Repräsentanten der Zeit unserer Urgroßelten. Es wäre seltsam, wenn eine so außerordentliche Thatsache unsre Einbildungskraft nicht etwas stark in Anspruch genommen hätte. Vielleicht die meisten von uns sind dadurch zu dem Versuche angeregt worden, sich die Gesellschaft, wie sie vor hundert Jahren war, vorzustellen und sich deutlich zu machen, was es geheißen haben muß, damals zu leben. Indem ich Sie nun einlade, gewisse Betrachtungen zu erwägen, auf welche dieser Gegenstand mich geführt hat, nehme ich an. daß ich dem Laufe Ihrer Gedanken vielmehr folgen, als ihn ablenken werde.«

Bei diesem Punkte flüsterte Edith ihrem Vater etwas zu, worauf er beistimmend nickte und sich zu mir wandte.

»Herr West,« sagte er, »Edith meint, daß es Ihnen vielleicht etwas peinlich sein könnte, einen Vortrag in der Richtung, wie Herr Barton ihn begonnen hat, zu hören; und wenn dies der Fall ist, so brauchen Sie darum die Predigt heute nicht zu verlieren. Sollten Sie es wünschen, so wird Edith uns mit Herrn Sweetsens Sprechzimmer in Verbindung sehen, und ich kann Ihnen immer noch eine sehr gute Rede versprechen.«

»Nein, nein!« entgegnete ich. »Glauben Sie mir, ich möchte viel lieber hören, was Herr Barton zu sagen hat.«

»Wie es Ihnen beliebt,« antwortete mein Wirt.

Als ihr Vater zu mir sprach, hatte Edith eine Schraube berührt und die Stimme des Herrn Barton war plötzlich verstummt. Jetzt, bei einem anderen Drucke, erfüllte sich der Raum wieder mit den ernsten, sympathischen Tönen, welche bereits einen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht hatten.

»Ich wage anzunehmen, daß dieser Rückblick eine Wirkung auf uns alle ausgeübt hat: größer denn je ist unser Erstaunen über die wunderbare Wandlung, welche ein kurzes Jahrhundert in der materiellen und der moralischen Lage der Menschheit herbeigeführt hat.

»Dennoch mag der Gegensatz zwischen der Armut der Nation und der Welt im neunzehnten Jahrhundert und ihrem gegenwärtigen Reichtum vielleicht nicht größer sein, als er in der Menschengeschichte schon früher zu beobachten war, – vielleicht nicht größer, zum Beispiel, als der zwischen der Armut dieses Landes während der ersten Kolonialperiode im siebzehnten Jahrhundert und dem verhältnismäßig großen Wohlstande, den es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erreicht hatte, oder zwischen dem England Wilhelm des Eroberers und dem der Königin Viktoria. Obwohl der Gesamtreichtum eines Staates damals nicht, wie jetzt, einen genauen Maßstab für die Lage der Massen seines Volkes gewährte, so liefern uns doch Fälle, wie diese, eine teilweise Parallele zu der bloß materiellen Seite des Gegensatzes, der zwischen dem neunzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert besteht. Erst wenn wir die moralische Seite dieses Gegensatzes betrachten, finden wir uns einer Erscheinung gegenüber, für welche die Geschichte keinen Präzedenzfall darbietet, so weit wir auch zurückblicken mögen. Man wäre fast zu entschuldigen, wenn man ausriefe: »Hier ist sicher ein Wunder geschehen!« Wenn wir jedoch vom bloßen Staunen ablassen und das anscheinend Wunderbare kritisch zu untersuchen beginnen, so finden wir, daß es gar nichts Wunderbares, viel weniger vollends ein Wunder ist. Es ist nicht nötig, eine moralische Wiedergeburt der Menschheit oder eine gänzliche Vernichtung der Bösen und Erhaltung der Guten anzunehmen, um die vorliegende Tatsache zu begreifen. Sie findet ihre einfache und augenfällige Erklärung in der Rückwirkung einer veränderten Umgebung auf die menschliche Natur. Sie bedeutet einfach, daß eine Gesellschaftsordnung, die falsch verstandene Interessen der Selbstliebe zu ihrer Grundlage hatte und lediglich an die gesellschaftsfeindliche und tierische Seite der menschlichen Natur appellierte, durch Einrichtungen ersetzt worden ist, welche auf das wahre Selbstinteresse einer vernünftigen Selbstlosigkeit begründet sind und an die socialen und edlen Instinkte der Menschen appellieren.

»Meine Freunde, wenn Sie die Menschen wieder als die wilden Tiere sehen wollen, die sie im neunzehnten Jahrhundert zu sein schienen, so brauchen Sie nichts weiter zu thun, als das alte sociale und industrielle System wieder einzuführen, welches sie lehrte, in ihren Mitmenschen ihre natürliche Beute zu sehen und ihren Gewinn im Verluste anderer zu finden. Ohne Zweifel scheint es Ihnen so, daß keine, wenn auch noch so bittere Not Sie in Versuchung gesetzt haben würde, von dem zu leben, was Ihre größere Gewandtheit oder Kraft anderen zu entreißen, die dessen ebensosehr bedürftig waren, Sie fähig machte. Aber nehmen wir an, daß Sie nicht bloß für Ihr eigenes Leben verantwortlich wären. Ich weiß sehr wohl, daß es unter unseren Vorfahren viele gegeben haben muß, welche, wenn es sich allein um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben, als es durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt. Aber das durften sie nicht. Es gab teure Wesen, die von ihnen abhingen. Der Mann liebte das Weib damals wie heut. Gott weiß, wie sie wagen konnten, Vater zu sein; aber sie hatten Kinder, die sie ohne Zweifel ebensosehr wie wir die unsrigen liebten, – die sie ernähren, kleiden, erziehen mußten. Die sanftesten Geschöpfe werden wild, wenn sie für Junge zu sorgen haben; und in jener wölfischen Gesellschaft liehen die zärtlichsten Gefühle dem Kampfe ums Brot eine besondere Verzweiflung. Um derer willen, die von ihm abhängen, blieb dem Manne keine Wahl, – er mußte sich in den schändlichen Kampf stürzen, mußte betrügen, übervorteilen, verdrängen, unter dem Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten zu kaufen, was sie nicht sollten, und zu verkaufen, was sie nicht durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine Gläubiger hintergehen. Ob ein Mensch ihn auch ängstlich unter Thränen suchte, es war schwer, einen Weg zu finden, auf dem er seinen Lebensunterhalt verdienen und für seine Familie sorgen konnte, ohne sich einem schwächeren Mitbewerber vorzudrängen und ihm das Brot vom Munde zu nehmen. Selbst die Diener der Religion waren dieser grausamen Notwendigkeit unterworfen. Während sie ihre Gemeinde vor der Geldgier warnten, zwang die Rücksicht auf ihre Familie sie dazu, stets den pekuniären Lohn ihres Berufs im Auge zu behalten. Die Ärmsten! sie hatten in der That eine schwere Aufgabe: den Menschen einen Edelmut und eine Selbstlosigkeit zu predigen, welche, wie sie und jedermann wohl wußten, bei dem bestehenden Zustande der Welt diejenigen, welche sie üben würden, zur Armut verurteilten; sie stellten Gesetze des Verhaltens auf, welche das Gesetz der Selbsterhaltung die Menschen zu übertreten zwang. Auf das unmenschliche Schauspiel der Gesellschaft blickend, wehklagten diese würdigen Männer über die Verderbtheit der Menschennatur, – als ob nicht auch eine Engelsnatur in solcher Teufelsschule entartet wäre! Ach, meine Freunde, glauben Sie mir, nicht jetzt in diesem glücklichen Zeitalter erweist die Menschheit die in ihr liegende Göttlichkeit, – es war vielmehr in jenen schlimmen Tagen, wo selbst der gegenseitige Kampf um das Leben, in welchem Barmherzigkeit Thorheit war, Edelmut und Güte nicht ganz von der Erde zu verbannen vermochte.

»Es ist nicht so schwer, die Verzweiflung zu begreifen, mit welcher Männer und Frauen, die unter anderen Bedingungen voll Wohlwollen und Treue gewesen wärm, in dem Haschen nach Geld einander schlugen und zerfleischten, wenn wir uns vergegenwärtigen, was es hieß, es zu entbehren, was die Armut in jener Zeit war. Für den Körper bedeutete sie Hunger und Durst, Qualen durch Hitze und Kälte, in der Krankheit Vernachlässigung, für den Gesunden unablässige Arbeit; für die moralische Natur bedeutete sie Unterdrückung, Verachtung und das duldende Ertragen schlechter Behandlung, rohen Umgang von Jugend auf und den Verlust der kindlichen Unschuld, der weiblichen Anmut, der männlichen Würde; für den Geist bedeutete sie den Tod der Unwissenheit, die Erstarrung aller der Fähigkeiten, die uns von den Tieren unterscheiden, die Erniedrigung des Lebens zu einem Kreislauf körperlicher Vorgänge.

»Ach meine Freunde, wenn Ihnen nur die Wahl gelassen würde, entweder samt Ihren Kindern ein solches Schicksal wie dieses zu erleiden, oder in jener Weise nach Gold zu trachten, wie lange, meinen Sie wohl, würde es dauern, bis Sie zu der moralischen Stufe Ihrer Vorfahren hinabgesunken wären?

»Vor zwei oder drei Jahrhunderten wurde in Indien ein Akt der Barbarei begangen, der, obwohl die Anzahl der dabei vernichteten Leben nicht sehr groß war, doch von so besonderen Schrecknissen begleitet war, daß er sich dem Gedächtnis der Menschheit für ewig eingeprägt zu haben scheint. Eine Anzahl englischer Gefangener wurde in einem Raum eingeschlossen, der nicht für den zehnten Teil von ihnen Luft genug enthielt. Die Unglücklichen waren tapfere Männer, im Dienste treue Kameraden; aber als die Todesangst des Erstickens sie zu ergreifen begann, da vergaßen sie alles und gerieten in einen gräßlichen Kampf, jeder für sich und gegen alle andern, um sich zu einer der engen Öffnungen einen Weg zu bahnen, wo es allein möglich war, einen Atemzug Luft zu erhalten. Es war ein Kampf, in welchem die Menschen zu Bestien wurden: und die Erzählung seiner Schrecken durch die wenigen Überlebenden erschütterte unsre Voreltern so, daß wir ihn noch während eines Jahrhunderts in ihrer Litteratur beständig erwähnt finden als typisches Beispiel für das äußerste moralische und physische menschliche Elend. Sie konnten schwerlich ahnen, daß das »schwarze Loch von Calcutta« mit seinem Gedränge wahnsinniger Männer, die einander niederrissen und zu Boden traten, um einen Platz an den Luftlöchern zu gewinnen, uns als ein treffendes Bild der Gesellschaft ihres Zeitalters erscheinen würde. Es fehlte jedoch noch etwas, um das Bild vollkommen zu machen: denn in dem »schwarzen Loche von Calcutta« waren keine zarten Frauen, keine kleinen Kinder und keine Greise und Greisinnen, keine Krüppel. Es waren wenigstens alle, die da litten, starke Männer.

»Wenn wir bedenken, daß die alte Ordnung der Dinge, von der ich gesprochen habe, bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts herrschte, während uns die neue Ordnung, welche ihr folgte, schon alt erscheint, da schon unsere Väter keine andere gekannt haben, so müssen wir über die Plötzlichkeit erstaunen, mit der eine Wandlung sich vollzogen haben muß, welche eingreifender war, als die Gattung je zuvor eine erfahren hatte. Eine Betrachtung des Zustandes des Menschengeistes während des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts wird jedoch dieses Erstaunen großenteils aufheben. Obgleich man nicht sagen kann, daß Intelligenz im modernen Sinne des Wortes in irgend einem Gemeinwesen jener Zeit allgemein existiert hätte, so war doch im Vergleiche mit früheren Generationen die damals lebende intelligent zu nennen. Die unvermeidliche Folge dieses auch nur geringen Grades von Intelligenz war die gewesen, daß man die Übel, an welchen die Gesellschaft krankte, so allgemein gewahrte, wie es nie zuvor geschehen war. Es ist ganz richtig, daß diese Übel in früheren Zeiten noch schlimmer, viel schlimmer gewesen waren: die größere Intelligenz der Massen war es, welche den Unterschied ausmachte, – wie die Morgendämmerung die Unsauberkeit einer Umgebung offenbart, welche in der Dunkelheit erträglich erschienen sein mochte. Der Grundton der Literatur jener Zeit war der des Mitleids mit den Armen und Unglücklichen, ein Schrei des Unwillens über die Unfähigkeit des socialen Mechanismus, dem Elende der Menschen abzuhelfen. Diese Ausbrüche sympathischen Affekts beweisen, daß die moralische Scheußlichkeit des Schauspiels, das um sie her vor sich ging, von den besten Menschen jener Zeit wenigstens blitzweise völlig erkannt worden und einigen der empfindlicheren und edelmütigeren Naturen das Leben durch die Tiefe ihres Mitgefühls fast unerträglich gemacht worden ist.

»Obwohl der Gedanke an die lebendige Einheit der Menschheitsfamilie, an die Wirklichkeit der menschlichen Verbrüderung sehr weit davon entfernt war, von ihnen als der unumstößliche moralische Grundsatz anerkannt zu werden, als welcher er uns erscheint, so ist es doch ein Irrtum, anzunehmen, daß es gar kein ihm entsprechendes Gefühl gegeben hätte. Ich könnte aus einigen ihrer Schriftsteller Stellen von großer Schönheit vorlesen, welche zeigen, daß jener Begriff von einigen Wenigen klar erfaßt und ohne Zweifel von vielen Anderen dunkel geahnt worden war. Zudem darf man nicht vergessen, daß das neunzehnte Jahrhundert dem Namen nach ein christliches war: und die Thatsache, daß die gesamte kommerzielle und industrielle Verfassung der Gesellschaft eine Verkörperung antichristlichen Geistes war, muß einige Beachtung gefunden haben, obschon ich zugebe, daß dasselbe bei den nominellen Anhängern Jesu Christi merkwürdig gering war.

»Wenn wir nachforschen, warum sie nicht mehr Gewicht hatte, warum überhaupt, lange nachdem eine große Mehrheit von Menschen die schreienden Mißstände der bestehenden Gesellschaftsordnung gemeinsam erkannt hatte, sie dieselbe dennoch ertrug oder sich damit begnügte, von kleinen Reformen in ihr zu reden, so stoßen wir auf eine ganz außerordentliche Thatsache. Es war die aufrichtige Überzeugung selbst der Besten jener Epoche, daß die einzigen dauerhaften Elemente in der menschlichen Natur, auf welche ein sociales System sicher gegründet werden könne, deren schlechteste Neigungen seien. Man hatte sie gelehrt und sie glaubten, daß Habgier und Selbstsucht alles sei, was die Menschen zusammenhalte, und daß alle menschlichen Vereinigungen sich auflösen würden, wenn man irgend etwas thäte, die Schärfe dieser Motive abzustumpfen oder ihre Wirksamkeit einzuschränken. Mit einem Worte, sie glaubten – selbst diejenigen, welche anders zu glauben sich sehnten, – das gerade Gegenteil von dem, was uns als selbstverständlich erscheint; das heißt sie glaubten, daß die antisocialen Eigenschaften der Menschen und nicht ihre socialen Eigenschaften dasjenige seien, was die bindende Kraft der Gesellschaft liefere. Es erschien ihnen vernünftig, daß die Menschen einzig aus dem Grunde zusammenlebten, um einander zu übervorteilen und zu unterdrücken und übervorteilt und unterdrückt zu werden, und daß, während eine Gesellschaft, die diesen Bestrebungen freien Spielraum gewährte, bestehen könne, eine solche, die auf die Idee des Zusammenwirkens zum Nutzen Aller sich gründete, wenig Aussicht auf Bestand habe. Es scheint absurd, zu erwarten, irgend jemand werde glauben, daß Überzeugungen wie diese je ernsthaft von Menschen gehegt worden seien; aber daß sie nicht nur von unseren Urgroßeltern gehegt wurden, sondern daß sie auch daran schuld waren, daß die Beseitigung der alten Gesellschaftsordnung so lange verzögert wurde, obgleich die Überzeugung von ihren unerträglichen Mißständen allgemein geworden war, ist eine feststehende geschichtliche Thatsache. Ebenhierin werden wir auch die Erklärung für den tiefen Pessimismus in der Litteratur des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts, für den Ton der Schwermut in dessen Dichtung und den Cynismus in dessen Humor finden.

»Man fühlte, daß die Lage des Menschengeschlechts unerträglich sei, und hatte keine klare Hoffnung auf irgend etwas Besseres. Man glaubte, daß die Entwicklung der Menschheit diese in eine Sackgasse geführt habe, aus der sie nicht mehr hinauskommen könne. Der zu dieser Zeit herrschende Geisteszustand der Menschen wird grell beleuchtet durch Abhandlungen, welche auf uns gekommen sind und noch in unseren Bibliotheken von den Wißbegierigen nachgeschlagen werden können: durch mühsame Beweisführungen suchen sie darzuthun, daß ungeachtet des elenden Zustandes der Menschen dennoch, infolge eines geringen Übergewichtes der Gründe, wahrscheinlich das Leben besser weiter zu leben als zu verlassen sei. Da man sich selbst verabscheute, verabscheute man auch den Schöpfer. Allgemein war der religiöse Glaube im Niedergange. Bleiche und wässrige Strahlen aus einem durch Zweifel und Furcht dicht bewölkten Himmel erhellten allein das Chaos der Erde. Daß Menschen an Ihm zweifeln konnten, dessen Atem in ihrer Brust war, oder die Hand Dessen fürchten, der sie geschaffen hatte, erscheint uns in der That als ein bemitleidenswerter Wahnsinn; aber wir müssen daran denken, daß Kinder, welche bei Tage mutig sind, nachts zuweilen eine thörichte Furcht zeigen. Seitdem ist der Morgen angebrochen. Im zwanzigsten Jahrhundert ist es sehr leicht, an einen Gott als den Vater der Menschen zu glauben.

»Nur kurz, wie es in einem Vortrage dieser Art nicht anders sein kann, habe ich auf einige der Ursachen hingewiesen, durch welche die Geister der Menschen auf den Übergang von der alten zur neuen Ordnung der Dinge vorbereitet wurden, sowie auch auf einige der Ursachen jenes Konservatismus der Verzweiflung, der jenen Fortschritt eine Weile aufhielt, als die Zeit für denselben bereits reif war. Sich über die Schnelligkeit wundern, mit der die Wandlung sich vollzog, nachdem die Möglichkeit erst einmal erkannt worden war, heißt die berauschende Wirkung vergessen, welche die Hoffnung auf Herzen ausübt, die lange an Verzweiflung gewöhnt waren. Der Durchbruch der Sonne nach einer so langen und dunklen Nacht mußte notwendig blendend wirken. Von dem Augenblicke an, wo die Menschen zu glauben wagten, daß die Menschheit schließlich nicht dazu bestimmt sei, ein Zwerg zu bleiben, und ihre niedergedrückte Gestalt nicht das Maß ihrer möglichen Größe sei, sondern daß sie eine grenzenlose, gottbegnadete Entwicklung vor sich habe, mußte der Rückschlag überwältigend sein. Nichts konnte der Begeisterung widerstehen, welche der neue Glaube einflößte.

»Hier, das müssen die Menschen gefühlt haben, war eine Sache, mit der verglichen die größten aller geschichtlichen Bewegungen unbedeutend waren. Gerade der Umstand, daß die Menschheit über Millionen von Märtyrern hätte verfügen können, war ohne Zweifel der Grund davon, daß sie keiner bedurfte. Der Wechsel einer Dynastie in einem Ländchen der alten Welt hat oft mehr Blut gekostet als die Umwälzung, welche das Menschengeschlecht endlich auf den richtigen Weg brachte.

»Gewiß ziemt es sich schlecht für jemanden, dem die Wohlthat gewährt worden ist, in diesem glänzenden Zeitalter zu leben, sich ein anderes Schicksal zu wünschen; und doch habe ich oft gedacht, daß ich mit Freuden meinen Anteil an dieser heiteren, goldenen Gegenwart für einen Platz in jener stürmischen Übergangsepoche hingeben würde, wo Helden das verriegelte Thor der Zukunft aufsprengten und dem leuchtenden Blicke eines hoffnungslosen Geschlechts an Stelle der festen Mauer, die ihm den Weg versperrt hatte, eine Aussicht auf einen Fortschritt eröffneten, dessen Ziel durch die Überfülle des Lichts uns noch immer blendet. O meine Freunde, wer wird nicht sagen, daß, damals gelebt zu haben, wo der schwächste Einfluß ein Hebel war, unter dessen Drucke die Jahrhunderte erzitterten, ein Los war, das man gern gegen seinen Anteil selbst an dieser Ära des Genusses eintauschen würde?

»Sie kennen die Geschichte jener letzten, größten und unblutigsten aller Revolutionen. Im Zeitraum eines Menschenalters brachen die Menschen mit den socialen Traditionen und Sitten der Barbaren und nahmen eine Gesellschaftsordnung an, die vernünftiger und menschlicher Wesen würdig war. Sie gaben die räuberischen Gewohnheiten auf, wirkten einträchtig zusammen und fanden in der Verbrüderung auf einmal die Wissenschaft, reich und glücklich zu werden. ›Was werde ich essen? Was werde ich trinken? Womit werde ich mich kleiden?‹ – ein Problem, das mit dem eigenen Selbst begann und endigte, – war eine bange, immer wiederholte Frage. Sobald man sie aber nicht vom individuellen, sondern vom brüderlichen Standpunkte aus auffaßte: ›Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?‹ da verschwand ihre Schwierigkeit.

»Armut und Knechtschaft waren für die große Masse der Menschheit das Resultat des Versuches gewesen, das Problem des Lebensunterhalts vom Standpunkte des Individualismus aus zu lösen; aber kaum war die Nation der einzige Kapitalist und Unternehmer geworden, so trat nicht allein Überfluß an die Stelle des Mangels, sondern auch die letzte Spur der Leibeigenschaft verschwand von der Erde. Die so oft vergeblich bekämpfte Sklaverei war endlich getötet. Die Mittel des Unterhalts wurden nicht mehr wie ein Almosen von den Männern den Frauen, von den Unternehmern den Arbeitern, von den Reichen den Armen gespendet, sondern aus dem gemeinsamen Vorrate wie unter Kinder an des Vaters Tische verteilt. Es war unmöglich geworden, daß noch ferner ein Mensch seinen Mitmenschen als Werkzeug seines eigenen Vorteils brauchte. Dessen Achtung war die einzige Art des Gewinnes, den er hinfort aus ihm ziehen konnte. In den Beziehungen der Menschen zu einander gab es weder Anmaßung mehr noch Unterwürfigkeit. Zum erstenmale seit der Schöpfung stand der Mensch aufrecht vor Gott. Die Furcht vor Mangel und die Gier nach Gewinn waren Motive, welche verschwanden, als Allen ein reichliches Auskommen gesichert und die Erwerbung übermäßiger Besitztümer unmöglich gemacht war. Es gab keine Bettler und Almosenspender mehr. Die Gerechtigkeit ließ der Barmherzigkeit nichts zu thun übrig. Die zehn Gebote erschienen fast veraltet in einer Welt, wo es keine Versuchung gab, zu stehlen, keine Veranlassung zu lügen, sei es aus Furcht oder um eines Vorteils willen, keine Gelegenheit zum Neide, da Alle gleich waren, und geringer Anlaß zu Gewaltthätigkeit. da den Menschen die Macht genommen war, einander zu verletzen. Der alte Traum der Menschheit von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, den so viele Zeitalter verspottet hatten, war endlich in Erfüllung gegangen.

»Wie in der alten Gesellschaft die Edelmütigen, die Gerechten, die Mitleidigen gerade durch den Besitz dieser Eigenschaften Nachteile erlitten, so fanden sich in der neuen Gesellschaft die Hartherzigen, die Habgierigen und die Selbstsüchtigen mit der Welt im Widerspruche. Jetzt, wo zum erstenmale die Lebensbedingungen nicht mehr auf eine Entwicklung der tierischen Eigenschaften der Menschennatur hinwirkten, und der Preis, der bisher die Selbstsucht ermutigt hatte, nicht allein dieser entzogen, sondern auf die Selbstlosigkeit gesetzt worden war, da war es zum erstenmale möglich zu sehen, was die unverdorbene menschliche Natur eigentlich war. Die Neigungen zum Schlechten, welche bisher in einem solchen Umfange das Gute überwuchert und in den Schatten gestellt hatten, verdorrten jetzt wie der Kellerschwamm in der freien Luft, und die edleren Eigenschaften blühten plötzlich in einer solchen Üppigkeit auf, daß die Spötter zu Lobrednern wurden und die Menschheit zum erstenmale in ihrer Geschichte in die Versuchung geriet, sich in sich selbst zu verlieben. Bald ward es völlig offenbar, was die Geistlichen und die Philosophen der alten Welt nie geglaubt haben würden, daß die menschliche Natur in ihren wesentlichen Eigenschaften gut und nicht schlecht ist, – daß die Menschen in ihrer natürlichen Richtung und Verfassung edelmütig und nicht selbstsüchtig, mitleidig und nicht grausam, sympathisch und nicht anmaßend, daß sie fromm in ihrem Streben, durch die göttlichsten Gefühle der Zärtlichkeit und Selbstopferung beseelt, wirklich Ebenbilder Gottes und nicht die Karikaturen auf Ihn sind, die sie zu sein schienen. Der beständige, seit zahllosen Generationen lastende Druck der Lebensbedingungen, der selbst Engel hätte verderben können, hatte es nicht vermocht, den natürlichen Adel des Geschlechts wesentlich zu beeinträchtigen; und sobald diese Bedingungen entfernt waren, da schnellte die Menschheit, wie ein gewaltsam niedergebeugter Baum, in ihre normale aufrechte Haltung zurück.

»Um die ganze Sache in die Nußschale einer Parabel zu bringen, möchte ich die Menschheit der alten Zeit mit einem Rosenstrauche vergleichen, der in einen Sumpf gepflanzt worden war, dessen morastiges Wasser er einsog, dessen giftige Nebelluft er am Tage atmete und von dessen verderblichem Thau er nachts befallen wurde. Zahllose Generationen von Gärtnern hatten ihr Bestes gethan, den Strauch zum Blühen zu bringen; aber wenn sich gelegentlich eine halb offene Knospe zeigte, so nagte an deren Herzen der Wurm: im übrigen aber waren ihre Bemühungen vergeblich gewesen. Viele behaupteten in der That, daß der Busch gar kein Rosenstock sondern ein schädlicher Strauch sei, den man lediglich ausreißen und verbrennen müsse. Die Gärtner jedoch meinten größtenteils, daß der Busch zur Rosengattung gehöre, aber an einem unausrottbaren Übel leide, welches die Knospen am Aufbrechen hindere und sein allgemeines Hinsiechen erkläre. Es gab allerdings auch einige Wenige, welche behaupteten, daß der Stock gut genug sei, daß das Unglück vom Sumpfe herkomme und zu erwarten sei, unter günstigeren Bedingungen werde die Pflanze besser gedeihen. Aber diese Leute waren keine zünftigen Gärtner, und da die Letzteren sie bloße Theoretiker und Träumer schalten, wurden sie vom Volke meistens für solche gehalten. Einige hervorragende Moralphilosophen machten zudem geltend: selbst einmal zugegeben, daß der Busch möglicherweise anderswo besser gedeihen könnte, so sei es doch für die Knospen eine wertvollere Zucht, zu versuchen, im Sumpfe aufzublühen, als dies unter günstigeren Bedingungen zu erreichen. Die Knospen, denen es gelänge, sich zu öffnen, würden allerdings recht selten und die Blüten blaß und geruchlos sein, aber sie würden, moralisch betrachtet, eine bei weitem größere Leistung repräsentieren, als wenn sie sich in einem Garten von selbst entfalteten.

»Die zünftigen Gärtner und die Moralphilosophen behaupteten das Feld. Der Rosenstock blieb im Sumpfe, und die alte Art der Behandlung nahm ihren Fortgang. Beständig wurden neue Sorten von Mixturen auf seine Wurzeln gegossen und unzählige Rezepte, von denen jedes von seinem Fürsprecher für das beste und allein geeignete Mittel erklärt ward, wurden angewandt, um den Wurm zu töten und den Mehlthau zu beseitigen. Das ging eine sehr lange Zeit so fort. Zuweilen wollte jemand eine leichte Besserung in dem Aussehen des Strauches bemerken; aber es gab ebenso viele, welche erklärten, daß er nicht so gut aussähe wie sonst. Im Ganzen konnte man nicht sagen, daß irgend eine merkliche Veränderung stattfand. Endlich, in einer Zeit, als man allgemein daran verzweifelte, daß aus dem Strauche da, wo er war, etwas werden könnte, wurde der Gedanke, ihn zu verpflanzen, wieder in Anregung gebracht, und diesmal fand er Beifall. ›Laßt es uns versuchen‹, sagte man allgemein. ›Vielleicht kann er anderswo besser gedeihen, und hier ist es mindestens zweifelhaft, ob er noch länger der Pflege lohnt.‹ So geschah es denn, daß der Rosenstrauch der Menschheit verpflanzt und in gute, warme, trockene Erde gesetzt wurde, wo die Sonne ihn badete, die Sterne um ihn warben und der Südwind ihn umkoste. Da zeigte es sich, daß es wirklich ein Rosenstrauch war. Wurm und Mehlthau verschwanden, und der Strauch bedeckte sich mit den schönsten roten Rosen, deren Duft die Welt erfüllte.

»Es ist ein Unterpfand der uns angewiesenen Bestimmung, daß der Schöpfer in unser Herz einen unendlichen Maßstab der Vollkommenheit gelegt hat, mit dem gemessen unsere vergangenen Errungenschaften stets unbedeutend erscheinen, während wir das Ziel nie uns näher erblicken. Hätten unsre Vorväter sich einen Zustand der Gesellschaft vorstellen können, in welchem die Menschen wie Brüder in Eintracht zusammenleben würden, ohne Streit und Neid, Gewaltthat und Übervorteilung, und wo sie in ihrem erwählten Berufe gegen Leistung eines Maßes von Arbeit, das nicht größer wäre, als es der Gesundheit zuträglich ist. völlig befreit sein würden von der Sorge um den kommenden Tag und sich nicht mehr um ihren Lebensunterhalt würden zu bekümmern brauchen, als Bäume, die durch nie versiegende Bäche bewässert werden, – hätten sie sich, sage ich, einen solchen Zustand vorstellen können, so wäre ihnen derselbe geradezu als das Paradies erschienen. Sie würden ihn mit ihrer Vorstellung vom Himmel verwechselt haben und sich nicht haben träumen lassen, daß es darüber hinaus noch irgend etwas Zu-Wünschendes und Zu-Erstrebendes geben könne.

»Aber wie ist es mit uns, die wir auf dieser Höhe stehen, zu welcher sie emporblickten? Wir haben es bereits fast vergessen, außer wenn wir durch eine Veranlassung wie die gegenwärtige besonders daran erinnert werden, daß es um die Menschheit nicht immer so bestellt war, wie jetzt. Es fällt unsrer Einbildungskraft schwer, sich die Gesellschaftsordnung unsrer unmittelbaren Vorfahren vorzustellen. Wir finden sie seltsam und komisch. Weit entfernt davon, daß uns die Lösung des Problems des physischen Unterhalts, in der Weise, daß Sorge und Verbrechen verbannt sind, als eine höchste Errungenschaft erscheine, gilt sie uns nur als eine Vorstufe zu jedem wirklichen menschlichen Fortschritt. Wir haben nur eine unnötige und thörichte Bürde abgeworfen, welche unsre Vorfahren hinderte, die wahren Daseinszwecke zu verfolgen. Wir haben uns einfach der überflüssigen Kleidung entledigt, um den Wettlauf zu beginnen, – nichts weiter. Wir sind wie ein Kind, das soeben erst aufrecht stehen und gehen gelernt hat. Es ist für das Kind eine große Begebenheit, wenn es zum erstenmale geht. Vielleicht denkt es sich, daß es nach jener Errungenschaft nur noch wenig zu erlangen giebt; aber nach einem Jahre hat es vergessen, daß es nicht immer gehen konnte. Sein Horizont wurde nur größer, als es aufstand, und erweiterte sich, als es sich bewegte. Eine wichtige Begebenheit war in der That in gewissem Sinne sein erster Schritt; aber nur als ein Anfang, nicht als ein Ende. Seine wahre Laufbahn war jetzt eben erst betreten worden. Die im vorigen Jahrhundert vollbrachte Befreiung der Menschheit von der, alle Kräfte des Geistes und Körpers in Anspruch nehmenden Sorge um die physische Notdurft kann als eine Art Wiedergeburt betrachtet werden, ohne welche ihre erste Geburt zu einem Dasein, das nur eine Last war, für immer ungerechtfertigt geblieben wäre, durch welche sie jetzt aber vollständig gerechtfertigt ist. Seitdem ist die Menschheit in eine neue Phase geistiger Entwicklung eingetreten; höhere Fähigkeiten haben sich offenbart, von deren Vorhandensein in der menschlichen Natur unsre Vorfahren kaum etwas geahnt hatten. An Stelle der trüben Hoffnungslosigkeit des neunzehnten Jahrhunderts, ihres tiefen Pessimismus hinsichtlich der Zukunft der Menschheit, besteht die beseelende Idee des gegenwärtigen Zeitalters in einer enthusiastischen Erfassung der Gelegenheiten, welche unsre Erdenlaufbahn der unbegrenzten Entwicklung der menschlichen Natur darbietet. Die körperliche, geistige und sittliche Verbesserung der Menschheit von Geschlecht zu Geschlecht ist als das eine große Ziel erkannt worden, das der höchsten Anstrengungen und Opfer würdig ist. Wir glauben, daß die Menschheit zum erstenmale begonnen hat, Gottes Ideal zu verwirklichen, und jedes kommende Geschlecht jetzt ein Schritt aufwärts sein muß.

»Fragt man, was wir erwarten dürfen, wenn ungezählte Geschlechter dahingegangen sind? Ich antworte: weit dehnt sich der Weg vor uns aus, aber sein Ende verliert sich in Licht. Denn zwiefach ist des Menschen Rückkehr zu Gott, ›der unsre Heimat ist‹: der Einzelne kehrt zu ihm zurück auf dem Wege des Todes, und die Gattung kehrt zu ihm zurück durch die Vollendung ihrer Entwicklung, in der sich das in ihrem Keime verborgene Geheimnis vollkommen entfaltet. Mit einer Thräne für die dunkle Vergangenheit wenden wir uns der blendenden Zukunft zu und eilen, das Auge verhüllend, vorwärts. Der lange und traurige Winter der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.«

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.